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Dokumentation | Alte Schmiede oder : “Ein Abgesang” auf die “sozialdemokratische Kulturpolitik”



||| In der Tageszeitung “Die Presse” veröffentlicht Wolfgang Müller-Funk am 13. 6. eine lesenswerte Reflexion über den Paradigmenwechsel innerhalb der sozialdemokratischen Kulturpolitik 1968 - 2008 .

Fortsetzung unserer seit der ersten Meldung über den möglichen Verkauf des Hauses Schönlaterngasse 9 vor genau einem Monat unternommenen DOKUMENTATION . - Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at hält Meldungen , Meinungen , Äusserungen , Protestnoten und Politikerrepliken in chronologischer Folge fest .

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ALTE SCHMIEDE: DAS ABSTOSSENDE, AMORALISCHE IHRES TUNS , von Wolfgang Müller-Funk

Weil die Wiener Städtische das Gebäude an einen Immobilienmakler verhökerte, ist das einzigartige Literaturhaus in Gefahr. Ein Abgesang auf Wien 1968 und sozialdemokratische Kulturpolitik.

alte-schmiede-was-tunVor einigen Wochen zeigte mir Walter Famler, der Generalsekretär des Wiener Kunstvereins, mit sichtlichem Besitzerstolz den neuen Zeitschriftenraum der “Alten Schmiede“ mit Literatur- und Kulturzeitschriften aus ganz Europa. Soeben war nämlich – auch das sinnträchtig – die Zukunftswerkstatt der SPÖ aus den Räumlichkeiten ausgezogen. Was ihm, dem kritischen Linken, damals vorschwebte, war, aus dem Altwiener Haus im ersten Bezirk einen Treffpunkt für Kultur zu machen, mit Wohnungen für Literaten und Künstler und eventuell gar einem kleinen Forschungszentrum.

Mittlerweile ist, wie auch in der “Presse“ zu lesen stand (vgl. Michael Hammerschmids Aufruf in der Wochenendausgabe vom 7./8. Juni), der Bestand der Alten Schmiede ernsthaft in Gefahr; Famler und sein Team müssen buchstäblich ums Überleben kämpfen. Der bisherige Besitzer des Hauses, die Wiener Städtische, die jahrelang im Vorstand des Trägervereins der Alten Schmiede vertreten war, hat das Haus, das sie einstmals für einen Pappenstiel erworben hat, zu einem kolportierten Preis, der nahe an die sechs Millionen Euro heranreicht, an einen Immobilienmakler verhökert.

EIN LEHRSTÜCK IN MODERNER ÖKONOMIE

alte-schmiede-was-tunSie ist jetzt keine kommunale “rote“ Versicherung mehr, sondern eine Aktiengesellschaft, die sich nicht lange mit Literatur und Kunst aufhalten will. Ein besonders abstoßendes Lehrstück in moderner Ökonomie. Zugleich ein Nachruf bzw. Abgesang auf Wien 1968. Begonnen hat nämlich die ganze Geschichte im Umfeld von 1968, in den Aufbruchszeiten sozialdemokratischer Kulturpolitik in Wien: Aus der einstigen Schmiede wurde kein Schmiedemuseum, der kommunale Verlag Jugend & Volk zog darin ein, schließlich übernahm die wiederum kommunale Wiener Städtische das Areal.

Und dann begann die fast einmalige Erfolgsgeschichte des vermutlich ältesten Literaturhauses im deutschsprachigen Raum. Liest man die Programme von einst und jetzt, so fehlt fast kein klingender Name der deutschsprachigen Literatur. Als Famler zum Generalsekretär avancierte, brachte er die Zeitschrift “Wespennest“ sowie ein europäisches Zeitschriftennetzwerk ein. Ein Stück literarischer Infrastruktur, ein Ort der viel beschworenen “Nachhaltigkeit“ im Bereich von Kultur, das nun ohne ersichtliche Not ins Trudeln gerät, weil die Politik verweigert, wofür sie zuständig ist: Verantwortung. Entgegen allem Augenschein war die Kohabitation von Literatur und Politik übrigens kein einseitiges “Geschäft“: denn die (Wiener) Sozialdemokratie, die Literatur förderte und finanzierte, erwarb sich durch diese Verbindung symbolisches Kapital, Ansehen. Sie wurde – gut sichtbar in der nachfolgenden Ära der gewiss eigenwilligen, aber profilierten Ursula Pasterk – eine aufgeklärte, urbane, moderner Kunst gegenüber aufgeschlossene politische Stadtpartei.

Damit ist es wohl ein für allemal vorbei. Im Neoliberalismus, den gerade die Wiener Sozialdemokratie rhetorisch so gerne attackiert und den sie doch seit Jahren klammheimlich befördert, ist der Spielraum für eine ambitionierte Kulturpolitik, die sich nicht den Gesetzen des Marktes und der Spaßkultur – siehe Euro 2008! – unterwerfen will, augenscheinlich eng geworden. In der Neuen Ökonomie gibt es keine politische Verantwortung: die Politik, die alles privatisiert, hat auf das Privatisierte keinen Einfluss mehr.

DIE WERBUNG MIT KLEIN-MAXIS TORTENSTÜCK

alte-schmiede-was-tunDie Wiener Kulturpolitik will oder kann der Alten Schmiede nicht helfen, weil das Haus ja der nunmehrigen Aktiengesellschaft gehört, die sich an dem einstmaligen Kommunalbesitz eine goldene Nase verdient, ja und die Wiener Städtische, die in ihrer aggressiven Fernsehwerbung den Zeitgeist der De-Solidarisierung feiert (Papi bekommt nichts von Klein-Maxis Tortenstück ab, deshalb muss man sich rechtzeitig lebensversichern), kann natürlich auch nichts anderes tun, als die fragliche Immobilie möglichst hochpreisig an wen auch immer zu veräußern. Die Literatur kommt dabei zum Handkuss; nun soll sich Famler mit dem neuen Eigentümer herumschlagen, der das teuer Erworbene wiederum gewinnbringend anlegen möchte. Da ist die Literatur, die bisher einen Gutteil des Hauses besetzt, ein ungebetener Gast. Deren einzige Trumpfkarte ist offenkundig ein wasserdichter Mietvertrag, der aber im besten Fall den Status quo sichert. Und der Eigensinn Famlers, der – ganz zum Ärgernis seiner “Genossen“ – an seinen linken Ansichten und an der Literatur festhält.

Bemerkenswert an der Causa ist das offensichtlich fehlende Bewusstsein der Beteiligten für das Abstoßende und Amoralische ihres Tuns. Das hat mit dem neuen ökonomischen Fatalismus zu tun. Ist die ökonomische Eigenlogik wirklich so zwangsläufig, wie jene suggerieren, die sich aus der Verantwortung stehlen wollen? Doch wohl nur, wenn man davon ausgeht, dass das ökonomisch Profitabelste immer schon die politisch beste Lösung ist. Befand sich die Wiener Städtische aber wirklich in einer ökonomischen Zwangssituation, aus der heraus sie das Haus unbedingt zum höchstmöglichen Preis hat verkaufen müssen ? Und hätte sich der Kulturstadtrat Mailath-Pokorny nicht rechtzeitig mit allen Beteiligten zusammensetzen können, um eine Lösung zu finden, etwa ein Stiftungsmodell, eine Kooperation zwischen Stadt, Eigentümer und Kunstverein ?

Man kann prosperierenden Unternehmen auch in den kapitalistischsten aller Welten nicht verbieten, sich aktiv für Kunst, Kultur und Wissenschaft einzusetzen. In den heute offenkundig als so vorbildlich angesehenen anglo-amerikanischen Ökonomien wird gerade auf solche Firmen erheblicher Druck ausgeübt, sich im sozialen, kulturellen oder wissenschaftlichen Bereich zu engagieren. Dahinter steckt die Idee, dass es so etwas wie eine soziale Verantwortung und ein soziales Gewissen gibt, dass der ökonomisch Glückliche etwas rückzuerstatten hat.

KAPITAL ERSETZT NICHT KULTURPOLITIK

alte-schmiede-was-tunVon den vier Millionen Euro Reingewinn, die die Transaktion der Versicherung wohl eingebracht hat, ließen sich, dem Musilschen Möglichkeitssinn folgend, einige kluge und wirksame Projekte in der Alten Schmiede finanzieren. Und wenn all jene Unternehmen, die nach 1989 in Zentraleuropa so unverschämt viel Geld verdient haben, nur einen Bruchteil in jene Bereiche investieren würden, die zwar selber nicht so ergiebig sind wie Immobilien, aber doch zur symbolischen Infrastruktur einer modernen komplexen Gesellschaft gehören, dann stünden Literatur, Film, Musik, schönen Künsten und Wissenschaften Mittel zur Verfügung, die Österreich wirklich zu einer kleinen Großmacht nicht nur im Bereich des kulturellen Erbes, sondern auch auf dem Feld der Innovation machen könnten.

Man braucht nicht in eine antikapitalistische Rhetorik zu verfallen, um die These zu riskieren, dass Geld und Kapital aus politischer Sicht kein Selbstzweck sein dürfen. Ökonomie ist nicht alles. Sie kann und darf Politik nicht ersetzen, schon gar nicht Kulturpolitik.

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Urbane Härte , codifizierte Protestkultur : Ein frisches Mix des in New Yorkczz-hoerempfehlung und San Francisco situierten Metro- Mags XLR8R ( sprich “Accelerator” ) erweist , dass ein wenig Abstand vom Eigenen dessen Konturierung dienlich sein kann : Aus dem Berliner “Exil” sendet der Labelchef , DJ und Producer Jay Haze einen alarmierend- elektrisierende Reminder , wachsam zu bleiben : “Keep Your Third Eye Open” . Roh , schwarz , unbarmherzig . |||

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Salon Littéraire | Markus Köhle : Wenn schon im Jänner der Juni nervt …



Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRAIRE als www- Galerie für Bild und Text

 

Salon Littéraire | Markus Köhle :

Wenn schon im Jänner der Juni nervt , dann hat’s weit herunter geschneit

 

kafka als fussballkäfer_copyright christiane zintzen

Ich wachte auf und…
Der Manuskripte Langzeitregent Alfred Kolleritsch hat unlängst in einem Interview durchleuchten lassen, dass Texte die mit “Ich wachte auf und…” begännen, eher weggelegt würden. Ja, was kann denn nach Kafkas Verwandlung schon noch groß passieren nach dem Aufwachen?
Nach dem Aufwachen kann immer viel passieren.
Ich wachte also auf und…
Der Zeit Kolumnist Harald Martenstein ließ es sich nicht nehmen in seinen wöchentlichen Zeit-magazin-Kolumnen mehrmals darauf hinzuweisen, dass er von den GrafikerInnen die Order erhalten hätte, seine Kolumne nicht mit “Ich” zu beginnen, da sich das “I” als Hervorheb-Initiale nicht eigne.

Mittlerweile wurde das Layout des Magazins geändert. Er darf wieder mit “Ich” beginnen. Kolumnen sind ja schließlich Befindlichkeitsmomentaufnahmen eines Individuums. Auch dieser Text soll Einblicke in mich momentan Bestimmendes gewähren, deshalb schreibe ich ohne Skrupel:

Ich wachte auf und hatte rostige Flügel.
Ich lag auf dem Bauch und anstatt einfach nur die Augenlieder aufzuschlagen, schlugen da nun plötzlich Schwingen, die aus meinen Schulterblättern entsprungen sein mussten. Ich flatterte ein wenig, war jedoch nicht in der Lage abzuheben. Die schwere Bettdecke die meinen Hintern und die Beine bedeckte, hinderte mich daran. Meine Arme waren noch da wo sie hin gehören, und so griff ich mir erstmal auf den Kopf. Der wurde von einem dichten Lockenhelm eingenommen.

Langsam kam ich mir spanisch vor und lupfte mit gesteigertem Interesse die wärmende Decke. Aus den Füßen waren mir Stollenschuhe gewachsen. Modell Schoko Schachner. Statt einer Pyjamahose trug ich eine violette Austria-Short. Ich robbte ins Badezimmer, dort begrüßte mich ein Spiegelbild mit Oberlippenschnauzbart.

Und ich war wenig überrascht, als ich die tätowierte Zehn auf meinem Rücken entdeckte. Irgendwas in mir ließ mich die am Boden liegende Shampooflasche Richtung linkes Badezimmerkreuzeck kicken. Ich netzte ein, Hausspinne Thekla ergriff die Flucht.

Obwohl mir recht klar war, was aus mir wurde, machte ich die Probe aufs Exempel, setzte zum finalen Beweis an und versuchte den simplen Satz:
“Schönen guten Morgen, wir begrüßen Sie recht herzlich zur offiziellen Rapidviertelstunde der EURO-Kampagne, live aus dem Horrorstadion.”

Ja leider, es bewahrheitete sich die üble Ahnung. Ich stammelte im Raunzsound, erspart mir die Details. Ich wurde bestraft, Höchststrafe. Ich hatte gesündigt, mir erlaubt, abschätzig über die Österreichische Nationalmannschaft zu reden und die EURO-Aktionen der PolitikerInnen für vermessen zu halten.

Unlängst wurden vom Bundeskanzler und seinem Vize in heiliger großkoalitionärer Eintracht 183 EURO-Bälle von der Reichsbrücke aus in die Donau gekippt und auf Werbereise geschickt.
Bundespräserl Heinzi gab in Schiedsrichtermanier das Trillerpfeifenkommando und eine Ehrensalve des Wapplerheeres setzte den Schlusspunkt der gelungenen Presseaktion.

Ich hatte also gesündigt, die Nationalelf besudelt und darauf steht in Tagen wie diesen eben die Höchststrafe und so auferlegte man mir die “Prohasskranklheit”.

Ich verzog mich augenblicklich wieder ins Bett und hoffte so, dem bösen Traum entkommen zu können, zog mir die Decke über meinen Lockenschädel und kopfnicktepickte ins Kissen, worauf dieses zu singen begann: “Toni lass es polstern!”
Ich heulte auf, wie nach einem vergebenen Elfmeter, packte entschlossen mein mir fremdes Haupt, die Locken erwiesen sich als äußerst griffig, riss mir den hirnlosen, schneckerlveredelten Luftsack ab und warf das Ding aus dem Fenster. Ich hörte den Aufprall meines Kopfballs und gleich darauf das Aufjubeln aus den Nachbarwohnungen.
Der Platzsprecher meinte: “Tor, Tor, i wear narrisch!”
Ich sagte: “Ich bin es!”
Der Kommentator fügte aufklärend hinzu: “1:0 für die allgegenwärtige Fußballgehirnwäsche. Noch 99 Tage.”
Arschkarte, Abpfiff und ab in die Kantine!

Übrigens: Gestern wurde auf dem von Bundesheerrekruten mit Schnee präparierten Fußballheldenplatz ein Langlauffußballmatch abgehalten, im Tor Innenmiststreuer Platter und Sportsaatseuche Lopatka.

Im Julius Meinl am Graben gibt’s heute ein Importmelonenkicken für SeniorInnen ausschließlich mit Hokkaido Melonen bester Güte, freiwillige Spenden für den Meinl-Clan erbeten und für morgen ist eine Benefizfußballgala in der Kapuzinergruft mit Stargast Antoni Panenka angekündigt.

Es ist Winter in Wien und trotzdem freue ich mich nicht auf den Frühling, denn nach dem Frühling kommt dann leider irgendwann der Juni.

Markus Köhle, 24. Februar 2008

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Markus Köhle | www.autohr.at

Jahrgang 1975 . Schreibt und liest wann und wo immer er kann , lebt , liebt und arbeitet in Tirol und Wien und fährt gerne Zug . Er studierte in Innsbruck und Rom Germanistik und Romanistik , unterrichtete in Tunis Deutsch als Fremdsprache , ist Moderator und Organisator des Bierstindl Poetry Slams in Innsbruck , Mitbegründer der monatlichen Lesebühne Dogma . Chronik . Arschtritt . im Wiener Schikaneder , war Projektassistent ( Literaturzeitschriften in Österreich 1970-2004 ) an der Uni Innsbruck und schreibt seit geraumer Zeit um sein Leben und an seiner Dissertation . 2002 war er Marktschreiber in St. Jonann ( T ) , 2007 Stadtschreiber in Vöcklabruck ( OÖ ) , 2008 ist er Dorfschreiber in Aich ( Stmk ) . Außerdem : Diverse Stipendien für literarische und wissenschaftliche Arbeiten und regelmäßig Auftritte im In- und Ausland .

Köhle klopft die Sprache auf ihren Rhythmus ab , pflügt Wortfelder und legt sich gerne formal strenge Texterstellungskorsette an . Als Poetry Slam Routinier ist Performance eine wesentliche Komponente im Auftrittskontext . Neben kurzen , spritzigen , gattungskreuzenden Texten ist prosatechnisch momentan die Mittelstrecke seine bevorzugte Distanz , wobei nicht verschwiegen werden sollte , dass das Marathontraining längst begonnen wurde .
Er schreibt , um gehört zu werden .

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