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RUHE GESUCHT

Lassen Sie sich mich mit einer der Jahreszeit so gar nicht entsprechenden und auch völlig unromantischen Erinnerung an den vergangenen Sommer beginnen : Drei markante Erlebnisse haben mir damals in gewisser Weise die Augen respektive die Ohren geöffnet . Es begann im Strandbad Alte Donau : Ein heißer Sonntag , Badevergnügen garantiert - doch was ist das ? - Auf einem Teil der Liegewiese hat sich ein Mobilfunkbetreiber eingemietet , als Hauptsponsor eines Drachenboot- Rennens , Vorausscheidung für das große Finale in Kärnten . Jugendlich dynamische Kommentatoren begleiteten den Wettbewerb mit aufgeregter Stimme bis in den Nachmittag hinein . An einen ruhigen und entspannten Aufenthalt war nicht mehr zu denken .
Eine Woche später : Flucht aus der immer drückender werdenden Hitze der Stadt . Der burgenländische Neufelder See lockt mit kühlem Naß und ruhiger , schattiger Umgebung . Doch auch hier : ein Schwimmwettbewerb , lautstark kommentiert und musikalisch untermalt , stundenlang bis in die Mitte des Sees hinaus zu hören .
Wieder zwei Wochen später ein erneuter - Sie ahnen es schon : vergeblicher - Versuch . Im Bundesbad Alte Donau , von mir bislang ob seiner konservativen , Ruhe bevorzugenden Klientel besonders geschätzt , wird gleich nach Eröffnung um 8 Uhr fleissig gearbeitet : Man baut eine Bühne auf für den Sender eines Privatradios , das uns durch den Sonntag begleiten wird , gratis Werbeeinschaltungen inklusive …
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SOCIÉTÉ DU SPECTACLE - TREND ZUM EVENT

Ist es wirklich schon soweit ? - Geht es wirklich nicht mehr ohne lautstarke Events an allen Ecken und Enden der Stadt ? - Werden auch die letzten Freiräume der Stadt gnadenlos zugelärmt ? - Das ist Veranstaltungsterror mit akustischer Zwangsbeglückung .
Schon seit einigen Jahrzehnten hinterlässt der Trend zur urbanen Eventisierung und Festivalisierung auch in Wien seine unüberhörbaren Spuren . Donauinselfest und Stadtfest waren in den 1980er Jahren die Vorreiter , es folgten Großereignisse wie Regenbogenparade , Love Parade und Vienna City Marathon , Weihnachtsmärkte mitsamt den vielgeschmähten Punschständen breiteten sich auf immer mehr Plätzen der Stadt aus , der Rathausplatz wurde gleich ganzjährig zum Festivalplatz erklärt , öffentliche Grünflächen wie Prater , Augarten und Stadtpark werden mittlerweile regelmäßig “bespielt” , die Ufer von Donau und nun auch Donaukanal werden zeitgemäß attraktiviert und akustisch aufgemöbelt . Um nur die markantesten Beispiele zu nennen .
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ÖFFENTLICHER RAUM - FÜR WEN ?

Stellte man noch Mitte der 1990er Jahre auch in der Wiener Stadtplanung die brisante Frage “Wem gehört der öffentliche Raum ?” ( so der Titel einer gleichnamigen , engagiert gestalteten Ausstellung ), so scheint die Antwort heute eindeutig : abgesehen vom Verkehr , vor allem dem Kommerz und der Unterhaltungsindustrie .
Unter dem Denkmantel der viel zitierten Spassgesellschaft , der angeblich ungebrochenen Nachfrage nach Zerstreuung und Konsum , wird urbane Entwicklungsarbeit geleistet . Entwicklung wohin ? , sollte man allerdings fragen , und vor allem : um welchen Preis ?
Die Soziologin und Kulturkritikerin Anette Baldauf bringt die aktuellen Transformationen in ihrer jüngsten Publikation “Entertainment Cities” auf den Punkt . Auf den Bühnen der westlichen Städte werden , so ihre Diagnose ,
… großangelegte Shows inszeniert, das Städtische auf hyperbolische Weise aufgeblasen und Urbanität in ihrem Exzess ausgestellt. Alles Inszenierungen, die Superlative einfordern - die Stadt ist lauter, größer, MEHR. [1]
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URBANE GRUNDSTIMULANZ

Zwar ist eine gewisse akustische Grundstimulanz in der Stadt etwas genuin Urbanes , Ausdruck von Vitalität und dem vielfältigen Zirkulieren von Menschen und Waren ( nicht zuletzt war es genau das , was viele wie mich vom eintönigen Land in die Stadt zog ) .
Aber der Genuss an den Reizen hat auch seine Grenzen - es braucht Freiräume , im buchstäblich räumlichen genauso wie im wahrnehmungspsychologischen Sinne .
Ruhezonen , an denen sich die Ohren ( genauso wie natürlich Augen und Nase ) vom zunehmenden Bombardement der Signale erholen können .
Schon vor hundert Jahren klagten Stadtkritiker , dass der Großstadtmensch schon nicht mehr wisse , was eigentlich “Stille” für ihn sei . Eine durchaus reale Befürchtung , wenn man die nun auch in Wien immer akuter werdende Entwicklung betrachtet .
Und man sage nicht , man könne sich wie bisher an all das ganz leicht gewöhnen . Die Ohren hielten ja vieles aus , seien ein Gewöhnungsorgan schlechthin . Mitnichten .
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TORPEDIERUNG DER SINNE

Gerade der Verlust des elementaren Grundbedürfnisses nach Ent-Spannung hat weitreichende Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit der Stadtbewohner - und damit auch für die Stadtentwicklung . Fragen der akustischen Ökologie und des akustischen Designs , wie sie der kanadische Akustikforscher Murray R. Schafer schon vor Jahrzehnten stellte , werden in der gegenwärtigen Architektur und Stadtplanung nach wie vor grob vernachlässigt . Dringender denn je , ist ein Umdenken gefordert .
Sonst kommt noch mal einer auf die Idee , entlang des “Nasenwegs” auf den Leopoldsberg einen Geruchsparcours mit begleitenden Trompetenfanfaren zu inszenieren .
24. 11. 2008
[1] - Anette Baldauf : Entertainment Cities. Stadtentwicklung und Unterhaltungskultur - Wien , New York - Springer Verlag 2008, S. 7
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Peter Payer ( www.stadt-forschung.at )
ist Historiker und Stadtforscher mit besonderem Fokus auf Geschichte der Sinneswahrnehmung in der Großstadt , Stadtimages und verschwindende Berufsgruppen . Bereichsleiter “Alltag & Umwelt” im Technischen Museum Wien .
Ausgewählte Publikationen :
- Else Spiller : Slums . Erlebnisse in den Schlammvierteln moderner Großstädte ( Hg. und Nachwort ) - Wien , Czernin 2008 ( siehe auch hier )
- Blick auf Wien . Kulturhistorische Streifzüge - Wien , Czernin Verlag 2007
- Ansichtssachen . Die Vorstadt in privaten Fotografien , Wien - Brigittenau 1945 - 1980 - Wien , Punkt Verlag 2005
- Die Stadt und der Lärm . Zur Geschichte des Hörens , Wien 1870-1914 - IFK Research Fellowship , Wien 2002
- Hungerkünstler . Eine verschwundene Attraktion - Wien , Sonderzahl Verlag 2002
- Unentbehrliche Requisiten der Großstadt . Eine Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten von Wien - Wien , Löcker 2000
- Der Gestank von Wien . Über Kanalgase , Totendünste und andere üble Geruchskulissen - Wien , Döcker 1997
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Der KLANGAPPARAT entfällt heute 
aus offensichtlichem
thematischem Anlass .
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Fotos : czz
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Wenn ein exzellent beleumundeter Preis für eine abseits des Hauptstroms ( “Men- Stream” ) navigierende Poesie zum ersten Mal an drei Ladies geht , kommt dies schon einer kleinen Kulturrevolution gleich : Zweifellos ist es dem engagierten Einsatz der als Co- Jurorin agierenden Preisträgerin des Vorjahrs , 






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