Tag Archive for 'franz-kafka'

Audio Aktuell



||| Selten gelingt’s , sozusagen per Divination auf den ersten Click einen dem Thema des täglichen Eintrags gemässen KLANGAPPARAT zu erhaschen : Aber da wir ja heute über Echt- Welt- Texte beispielsweise zu Elias Canettis “Stimmen von Marrakesch” handeln , lag der Aufruf der Seite des in Orléans situierten - laut Eigendefinition aber auch “marokkanischen” - Netlabels Fresh Poulp Records sozusagen auf unter der Maus- Hand , um die monatliche Revue sogenannter ‘Hörbücher‘ musikalisch zu eskortieren .

|||

CANETTI , KAFKA - RADIKAL MUSIKALISCH

icon listening white Wie es klingt , wenn fundamentale Texte der Moderne in den Resonanzraum charismatischer Künstler geraten , erweist die in allen Aspekten der Audio- und Bibliophilie liebevoll gestaltete “Bibliothek der Töne” des Mandelbaum Verlags . Kraftwerk und musikalischer Nukleus der Sprach-Musik-Kompositionen sind Peter Rosmanith als Produzent und Multi- Perkussionist sowie der Akkordeonist Otto Lechner .

Zusammen mit der Schauspielerin Anne Bennent , die die Bretter der Weltbühnen zugunsten von kleineren Räumen kompromissloser Selbstbestimmung verliess , hat man sich der “Stimmen von Marrakesch” angenommen , Elias Canettis Bericht über die Erfahrung der Fremdheit in Form der Undurchdringlichkeit sprachlich- klanglicher Kakophonie . Der Vektor vom Eigenen ins “Fremde” wird dabei einerseits durch das Neu- Arrangement des Textes akzentuiert , anderseits durch die allmähliche Ablöse von europäischen Klangfarben ( Prévert- Chansons , Mozarts “Entführung” ) zu exotischen Melodien und Instrumenten ( Vienna Rai Orchestra ) . Solche melodischen Exotik hält Anne Bennent jene innere Fremdheit entgegen, mit welcher sie Canettis Text exzellent spricht , diesen aber nicht “spielt” . Die reine Stimme - und darin mündet ja Canettis Erzählung - ist und bleibt das undurchdringlich “Andere” .

Einen notwendig umgekehrten Weg geht Otto Lechner mit seiner sehr persönlichen Adaptierung ausgewählter Kafka- Texte . Der Titel “nicht einmal gefangen* zitiert mit einem Aphorismus jene Dialektik von offensichtlicher Freiheit und Selbstgefängnis , welche so charakteristisch ist für Kafkas Konstellationen . Lechner , der sich als blinder Musiker die Texte durch auditives Auswendiglernen des von Freunden auf Kassette Vorgelesenen aneignet , kennt und benennt deren inkommensurablen Sinn inwendig .

Die Rezitation mit der Ziehharmonika auf melodisch illustrierende oder rhythmisch skandierende Weise begleitend , erschliesst der hellhörige Improvisator die intensive Kraft Kafka’scher Kurzformen . Sekundenkurz blitzt ein Volkslied durch das bleiernen Ambiente von “Ein Landarzt” , insistierende Ostinati illustrieren das mechanische Kreisen der Zirkusreiterin und die “Dampfhämmer” des Applauses “Auf der Galerie” und in die grausame Parabel “Der Geier” sickert ganz leise die Weise “Oh Haupt voll Blut und Wunden” . In Lechners musikalischen Assoziationen bewahrheit sich das Diktum Walter Benjamins, Musik und Gesang seien bei Kafka “ein Pfand des Entrinnens” . ( credits … )

* Nicht vorenthalten können und wollen wir indes den titelgebenden Text des Otto Lechner- Kafkaniaden . Die Notiz entstammt dem Konvolut “Er - Aufzeichnungen aus dem Jahre 1920 ” :

Mit einem Gefängnis hätte er sich abgefunden. Als Gefangener enden - das wäre eines Lebens Ziel. Aber es war ein Gitterkäfig. Gleichgültig, herrisch, wie bei sich zu Hause strömte durch das Gitter aus und ein der Lärm der Welt, der Gefangene war eigentlich frei, er konnte an allem teilnehmen, nichts entging ihm draußen, selbst verlassen hätte er den Käfig können, die Gitterstangen standen ja meterweit auseinander, nicht einmal gefangen war er. ( Hervorhebung czz )

|||

UNERHÖRTES KAFKANIEN

icon listening blackKein anderes Medium manifestiert den Wandel der Kafka- Rezeption so deutlich wie das akustische . Als sinnlichste und unmittelbarste unter den Interpretationen bleibt die Vorlesung nicht lediglich Angelegenheit von Fertigkeit und Auffassung des Sprechers , sondern transportiert jeweils auch die historische Stimmung der gerade geltenden Be- Deutung des Kafka’schen Werks .

Lag in den fünfziger bis achtziger Jahren der Fokus der Radio- und Schallplattenproduktionen auf den enigmatisch- existenzialistisch aufgefassten Kurztexten , so hat sich das Interesse in jüngerer Zeit den Romanen zugewandt . Dies dankt sich einerseits der Entwicklung von praktischen und potenten Datenträgern ( CD , MP3- CD ) , geht andererseits aber parallel einher zu dem geschärften Interesse für einen “alltäglicheren” Kafka und dessen kulturell- biographischen Horizont. Welten liegen zwischen Gustav Gründgens‘ knapp einstündiger Lesung von Schlüsselstellen aus dem “Prozess” ( 1961 , DG ) und den achteinhalb Stunden , in welchen Christian Brückners energische Komplettlesung der Figur des K. einen so überraschenden wie plausiblen Dreh ins Aufsässige und fatal Lässige gibt ( Zweitausendeins ) .

Ob als interessante Verfremdung gedacht oder als Reverenz an K.s erotisch zwielichtige “Helferinnen” : Katharina Thalbachs metallisch changierendes Timbre akzentuiert den Aspekt jener Anzüglichkeit , die den Diatriben des Gerichts zutiefst eingewirkt ist ( GoyaLit ) . Eine nicht minder erhellende Lesart bietet Peter Matics akkurat punktierte Version ( DG ) : Vermitteln Gründgens’ verschliffene Konsonanten den Eindruck des gehetzt Nervösen , lässt Matics stoische Musikalität ein wenig Altösterreich durchschimmern .

Die Produktion des rbb ist Teil der eminenten Romanedition , welche die Deutsche Grammophon den Repertoireaufnahmen ( Reihe “Wortwahl” ) zur Seite stellt : Insbesondere der Fragment gebliebene Amerika- Roman ( “Der Verschollene” ) ist in Peter Simonischeks Intonation frisch zu entdecken . Angehaucht von den leicht ländlichen Anklängen , die der Sprecher seiner Kärntner Herkunft dankt , belebt sich Kafkas lapidare Sprache durch eben jene Dialektik von Beengung und Befreiung , von welcher der Text ja auch explizit berichtet . “Das Schloss” schliesslich erscheint - getaucht in Ulrich Matthes‘ charakteristisch “hohlwangigen” Ton - als das, was es stets war : Banger Alptraum , verzweifelt fern und atembenehmend nah . ( credits … )

|||

KLANGAPPARAT

Kurz aber … umso besser und einige Male im Kreise zu drehen : Die Ende Juli erschienene EP “El Plan B OST” des Pariser Multi- Musikanten Rafael czz-hoerempfehlungAragón aka Rafiralfiro ( MySpace ) lässt auf engstem Raum sozusagen alle Register spielen . Eingerahmt von cölestinen Harfenklängen ( wenn’s denn eine wäre ) , gibt es heftig modernistische Streicher mit Tangoausklang ( Tango Agitato ) , trügerischen Frieden ( Berceuse Carnivore ) und - wie zu sehen und zu vernehmen : ein gutes Quantum an Sprach- und Spielwitz . Am besten auf die Release- Seite gehen und dort den Stream hören . - CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND TO LISTEN TO STREAM .

|||

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter

Audio : Viel !



||| ENTWARNUNG | HÖRBÜCHER : CHIFFRES D’AFFAIRES UND MISS- GEBRAUCHS- ANLETUNG IM ECHTLEBEN | ZU TOD , LEBEN UND DEM , WAS DAZWISCHEN LIEGT | FOOD FOR THOUGHT : KULINARIKER IM ‘TROCKENEN’ STUDIO | KLANGAPPARAT

ENTWARNUNG

icon listening blackWer kennt es nicht , das angstvolle Bangen , wenn dein Lieblingswirt dichtmacht oder auch nur der bevorzugte Servierkörper von einem Tag auf den andern verschwindet ? - Keinen wesentlich anderen Nerv treffen jene Ängste , welche ins Wissbare kriechen , wenn es sich einen Lieferanten überlebensnotwendiger Musikalien ( seien diese nun gerührt oder geschüttelt ) handelt . Was Tom Larson , Selbst- Entwerfender Free- Lancierer auf allerlei Kanälen - anbelangt , kann endlich ENTWARNUNG gegeben werden : Nach einigen kryyptischen Vor- Zeichen auf wohlinformierten Blogs und wiederholt vergeblichem Passieren der inzwischen offenbar an Meistbietende weitergegebenen Heimseite , taucht der gute Mann plötzlich wieder auf und setzt auf Mixotic seine “Klänge der Nacht” fort , als wäre nichts gewesen . Dies als Vorwegnahme des KLANGAPPARATS , was insoferne nicht der Wahrheit entspricht , als heute auschliesslich Audiophones auf dem Menueplan steht .

|||

HÖRBÜCHER : CHIFFRES D’AFFAIRES UND MISS- GEBRAUCHS- ANLETUNG IM ECHTLEBEN

icon listening whiteMögen sich die Marketingstrategen der Hörbuchverlage ob der ins Einstellige abstürzten Wachstumsraten der betreffenden Warengruppe auf dem deutschen Markt das verbliebene Resthaar raufen : Die Schweiz und Österreich gelten noch als Entwicklungsländer , war die Zuwächse und Po( e )tentiale betrifft . Mit allerlei Messen will man die Massen mobilisieren , eine Drückung der Mehrwertsteuer und 15 auf sieben Prozent wird als Silberstreif an den Absatzhorizont der ( imho ) meist überteuerten Silberlinge projiziert . Dass wir in|ad|ae|qu|at jederzeit für das Qualitätssegment des meist belächelten Mediums plädieren , dürfte mittlerweile durchgesickert sein . Fach- und Sachinteresse an jedweder akustischen Inszenierung von Stimme , Timing , Atmosphäre spielen da keine mindere Rolle als die Faszination an den Varietäten der von der Vox Humana in den akuten Lebensraum hinein gesprochenen Literatur .

Dass die Augen dabei frei schweifen und die Hände frei greifen können , erhöht nicht selten den Reiz : Siehe die Türe , deren Renovierung volle vier Durchläufe der Integrallesung von “Moby Dick gedauert hat - zu “Lebertran” assoziieren wir seitdem stets den beizenden Duft von Aceton , Thomas Glavinics verzichtbare Literaturbetriebssatire ( “Das bin doch ich . Roman” , Lesung Thomas Maurer [ ! ] ) hat das in vivo - Experiment an der verbliebenen Topfpflanze ebenso wenig überlebt wie diese : beide wurden gnädig der städtischen Müllentsorgung überantwortet .

Schade wars definitiv um Franz Kafkas “Verschollenen” ( vor Zeiten als “Amerika” tituhliert ) , dessen mit leicht ländlichen Anmutungen von Peter Simonischek angestimmte Audiofassung …. wenn schon keiner Boston Tea- Party , so doch einer über die aufgebreiteten Datenträger sich ergiessenden Earl Grey- Kippfigur zum feuchten Opfer fiel . Merke : Bei Gelegenheit das Fraunhofer Institut für angewandte Materialforschung anfragen , was da schädlicher gewesen war : Bergamotte, Hitze oder - schlicht die Milch .

|||

ZU TOD , LEBEN UND DEM , WAS DAZWISCHEN LIEGT

icon listening blackVon Leben und Tod , bezeihungsweise vom allmählichen Verfertigen von Verstehen und Vergessen ging die vorwöchige Audio- Text - Auswahl : Dank Hörbuch war auch die Angst davor genommen , den langjährigen Lese- Lebens- Gesellen - personifiziert von Philip Roths Nathan Zuckerman - mit “Exit Ghost” endgültig verlieren zu müssen . Man kennt das ja : Das schmerzliche “Winnetou III“- Syndrom … Aber der Autor ist einfach viel zu klug und sein Protagonist erotoman genug , nicht so leicht vom Leben zu lassen -

Während des vergangenen Jahrzehnts hat der heute 75- jährige Philip Roth sein literarisches Alter Ego Nathan Zuckerman allmählich aus der Rolle des Handelnden in die Position des Beobachters bugsiert : Seit der “amerikanischen Trilogie” figurierte der Selbandere zusehends als Chronist von Alter , Verfall und Tod seiner fiktiven Altersgenossen . Hatte “Jedermann” ( 2006 ) das Spiel vom Sterben des reichen Mannes erst einmal eröffnet , war die Bühne vorbereitet , von der nun auch Nathan in “Exit Ghost” abzurufen stand .

Verstrickt in platonischer Leidenschaft zu einer jungen New Yorker Amateur- Literatin , revoltiert der notorische Erotomane ein letztes Mal gegen die Knechtung durch den lumpigen Leib . Wie kräftig es um die literarische Potenz des Alternden steht , erweist der genial geführte Dialog , den er in den stillen Stunden ausdenkt , bevor er wieder in seine einsamen Berkshires flieht .

Da sich dieser finale Zuckerman- Roman aus zahlreichen Anspielungen auf frühere Werke speist , lohnt es , selbigen in den famosen Ausgaben des Hörverlags nachzulauschen . Unübertrefflich gestaltet Peter Fitz in “Jedermann” und “Exit Ghost” das ganze Spektrum von Lust , Wut und Resignation . Getragen vom Eros wacher Vitalität , kommt dieser Sprecher der literarischen Stimme des grossen Erzählers staunenswert nahe . So lassen sich akustisch jene Geister rufen , welche Roth ersann . ( more …)

|||

icon listening whiteVom allmählichen Herausgleiten aus der allgemein akkordierten ‘Realität’ des Lebens handelt Irene Disches tragikomische Etüde “Der Doktor braucht ein Heim” , vulgo , was einem auf den Wellen der im Kopf zusammenströmenden Flüsse von Erleben und Erinnern dahintreibenden alerten “Altersheimer” so widerfährt : Zweifellos eine anhand neuer Diagnose- und Krankheitsprofile aufdatierte Form des alten “Traum - und Wirklichkeits- Motivs -

Energisch verbittet er sich die Unterstellung , er sei mit seinen neunzig Jahren eventuell etwas “desorientiert” . Im Gegenteil scheint der “Doktor” sein bisheriges Leben als Biochemiker fortzusetzen . Sein innerer Monolog erzählt von “Konferenzen” an der Universität , wo er mit den Kollegen plaudert . Was kann er dafür , wenn sich eine impertinente Frauensperson bei seiner Ex- Gattin beschwert , der alte Herr störe den Betrieb der Notaufnahme ?!

In solchen Schocks manifestieren sich die Kollisionen der inneren Wirklichkeit des “Altersheimers” mit der äusseren Realität . Meisterlich assembliert die Erzählerin Irene Dische die Menschen und Stationen aus dem Leben ihres Helden zu Mischgestalten und fliessenden Topografien . In zwingender Logik legen sich im Kopfinnenraum des “Doktors” die Orte und Epochen wie durchscheinende Negativbilder übereinander : Die geliebte Frau wohnt auf der anderen Seite des Flusses , mag dieser nun der Hudson River sein, die Donau zu Wien oder der Seret im galizischen Drohobycz . Sonderbar nur , dass diese ( vor Jahren geschiedene ) Frau , deren Telefonnummer ihm als Rest von Alltagswissen geblieben ist , ihn partout nicht heimholen will . Statt “wagnerianischen” Apfelstrudel serviert sie dem Greis vielmehr die bittere Erinnerung , wie Mutter und Schwester im heimatlichen Drohobycz durch die Verbrechen der NS- “Banditen” zugrunde gegangen sind .

Die Tragödie des allmählich in seine innere Vorstellungswelt hineingleitenden Menschen : von Martin Wuttke als matt gegen ein unsichtbares Fenster flatternder Schmetterling gestaltet , von Irene Dische mit Zärtlichkeit , Situationskomik und Momenten des blitzartigen Aufleuchtens schlimmer Erinnerung erzählt . ( more …)

|||

icon listening blackDass wir nicht kapieren , was das sei , “der Tod” und was mit dem vor uns liegenden leblosen Wesen geschehen ist , bleibt so lange Plattitüde , als bis wir selbst vor dem Malheur stehen : Ulf Nilsson hat aus unserer Flucht in Geschäftigkeit und Pragmatik ein kaum vierzigminütiges Kinderhörspiel komponiert , das in Text wie Musik gewissermassen alle Register zieht : zuzumutem auch und vor allem Menschen , die das empfohlende Mindestalter der Zielgruppe weit überschritten haben -

Viel wird über den Tod geredet , doch oft wenig gesagt . Da kommt ausgerechnet ein Kinderhörspiel ( “Die besten Beerdigungen der Welt” ) daher , um in knappen 40 Minuten einen heiteren Katalog von Begegnungen mit dem Undenkbaren zu entfalten . Dabei handelt Ulf Nilssons Geschichte vom Treiben dreier Kinder an einem Sommertag zunächst von einer toten Hummel .

Flugs gründet die forsche Ester eine Firma und fortan wird sorgfältig in Zigarrenkistchen gebettet , was sich in Wald und Rain an sterblichen Überresten findet . Spitzmaus , Hamster , Heringe aus Mutters Kühlschrank : Alle erhalten sie eine formvollendete Bestattung .

Die Rollenverteilung der Kinder führt unversehens ein in mögliche Haltungen gegenüber dem Tod . Während Ester sich um das Pragmatische kümmert , ist deren kleiner Bruder für Trauer zuständig und für die “Warum ?”- Frage . Das namenlos bleibende Ich gibt den Verblichenen je ein kleines Poem mit auf den Weg . Und es sind just diese unreinen Reime , in denen der Autor undogmatisch die verschiedenen Vorstellungen über das Jenseits versteckt : Von “Kurzes Leben – Langer Tod” über “Schlafes Bruder” bis hin zur Hoffnung auf ein Wiedersehen eines «Himmels» ( nicht nur für Heringe ) . In sparsamer Munterkeit präsentiert die Sprecherin Fritzi Haberlandt dieses Inventar zwischen Nihilismus und Transzendenz .

Seine Vollendung erfährt dieses kleine – beileibe nicht nur für Kinder bereichernde – Meisterwerk durch eingängige Beispiele aus der musikalischen Rhetorik der Trauer : erdiger Blues , Streicher- Largo und als Finale der Vollklang der Orgel , vom Kirchenmusikdirektor zu St. Michaelis in Hamburg intoniert . ( more …)

|||

FOOD FOR THOUGHT : KULINARIKER IM ‘TROCKENEN’ STUDIO

icon listening whiteEine feine Menue- Folge hat der HR 2 Kultur für sein Sommerprogramm des intimen Radio- Gesprächs- Formats “Doppelkopf” ein- und angerichtet : “Am Tisch mit ….” bleibt auch nach der Ausstrahlung der aktuellen Sendung als Podcast zuhanden und im Form von MP3- Dateien speicherbar . - Da darf Vincent Klink natürlich ebenso wenig fehlen ( über gutes Brot und die verlorenen Tugenden des traditionellen Wirts ) wie die - zugegeben ! - erfreulich erfrischende Sarah Wiener . Auch wenn man deren TV- Appearance ebenso wenig kennt wie diejenige des Herrn der “Wielandshöhe” : selbst dessen arg “ver- Drosteten”Häuptling eigener Herd” muss man ebenso wenig mögen wie die säuerlichen “Nachgesalzen“- Kolumnen in der ZEIT ( das “Journal Culinaire” ist allerdings durchwegs zu empfehlen ) . Den bewunderten Stilisten Jürgen Dollase ( FAZ ) wird man indes von einer ganz neuen Seite kennen lernen : oder wusste jemand von dessen fliegendem Wechsel vom fastfood- genährten Rockmusiker zum Grossmeister trefflich verbalisierter Mundinnenforschung ?

Wie - dank Karl Ludwig Schweisfurth - aus der “Herta” [ ! ] - Massenwurstmaschine der , tja , achtsam- ökologische Betrieb der Herrmannsdorfer Landwerkstätten wurde oder was Margarethe Zülch , die hochbetagte Grande Dame aus einer 90 Jahre alten Frankfurter Kaffeerösterei und -Verschleissstelle ( “Cafe Wackers” ) zu erzählen weiss , wird nicht nur jene interessieren , denen Siebecks Ingwer längst ( um es schön österreichisch zu sagen) “bei den Ohren herauswächst” .

N. B. “Doppelkopf” funktioniert übrigens auch im allgemein als “unkulinarisch” verworfenen Mono … Zum Gucken beim Lauschen gibt’s “subkulinaria” : allerdings nur in Köln und @ shortlist - culture cuts .

|||

KLANGAPPARAT

Wie angekündigt also der unserer profanes Erdenleben in elegante Takte tauchende DJ Tom Larson : Nach längerem Sich- Rar- Machen liefert der czz-hoerempfehlunggute Mann wieder eine seiner gelassenen , doch subkutan gut durchpulsten Mischungen bei den Mixoticern ab . Da es sich um die “Klänge der Nacht” ( vol 5 ) - Schiene handelt ( welche Larson durchwegs in der Lesart von “Zimmerlautstärke” bedient ) , geht es mal wieder im besten Sinne um das im Kreis der Lampe einsam nachtwachende Individuum im Dialog mit sich , seiner Arbeit und was das sonst noch an Trabenten im solipsistischen Kosmos schwebt . Anregen , ohne aufzuregen , oder die Kunst der präzise gehandhabten basalen Stimulation : Wir stehen nicht an , diese Leistung als jene Injektion von “Qualität” ins Leben der Bohème des Prekariats zu erkennen und zu nennen , weil mensch ja von irgendwas leben muss . Selbst wenn dies sich mitunter auf die kalorischen Kicks der vom Dort ins Hier zirkulierenden musikalischen Vibrationen reduziert : Böse Menschen kennen , wie wir wissen , keine Lieder und vermögen diese auch nicht zu geniessen . Würden ergo auch nie zur Halbzeit des Larson’schen Achtzig- Minüters vordringen , wo sich die Beatz bestens in die augustäischen Ambiancen einschwingen . Glüclicherweise gestattet der Stream ( im Unterschied zum podcast ) keine Shortcuts . Folglich und -sam sei der Mix also schön von Alpha nach Omega zu hören . Und die Off- Stimme aus Funk und Fernsehen würde jetzt mit anzüglich belegter Stimme flüstern : “Es lohnt sich.” - CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN .

|||

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter

Ein Exil im Lexik der Poesie - Laudatio für Rosa Pock



EIN EXIL IM LEXIK DER POESIE

Für Rosa Pock
Literaturpreis des Landes Steiermark 2007 , 4. 6. 2008
Von Christiane Zintzen

Ein Freund ging nach Amerika
Und schrieb vor einigen Lenzen
Schick mir Rosen aus Steiermark
Ich hab eine Braut zu bekränzen -

icon ac voltage sourceMan mag die wohlbekannte Strophe des Peter Rosegger an diesem Ort , in dieser Zeit in vielerlei Hinsicht verwerfen : Was sie anspricht und was für die Dichterin Rosa aus Steiermark sehr wohl gilt , ist das Bild des Exils und der Fremde . Rosa Pock , die auszog , um auf den Wegen der Philosophie das Dichten zu lernen , hat sich mit Willen , Wort und Wirken einer Unheimatlichkeit verschrieben . Im Licht der Prismen ihrer Dichtung erscheint das Selbstverständliche fremd , das Vertraute befremdlich .

Zwischen Prosa und Poesie , zwischen Sprechen und Schweigen , zwischen Archaik und Avantgarde setzt sie ihre systematisch programmierten Sprechfiguren auf den Plan und sich selbst ziwschen die Stühle der Schulen und Stile .

Sicher sind wir Lesende nie , von WO aus die gebrochene Stimme zu uns dringt . Wir drehen uns um Kreise und suchen nach Orientierung : WER spricht hier und wer zieht hier eben die Fäden dieser redenden Marionetten ? - Wo ist sie , die rettende Regel ? -

Über 15 Jahre hinweg hat Rosa Pock mit einer Reihe von hoch konzentrierten poetischen Personifikation eine Fährte gelegt . Was wir hier tun können ist : Eine Witterung aufnehmen , eine Spur suchen , ein paar Beobachtungen beibringen . Oder , um ein von Rosa Pock selbst gern gewählte Bild zu borgen : Ein paar Glieder der Hundekette ineinander zu fügen . Bleiben dabei dicht am Hand- Werk , am Material . Denn wenn es ETWAS gibt , das Pocks Dichtung immer wieder neu zu bedenken gibt , dann ist dies der Appell , sich im Vorläufigen einzurichten , dabei aber den Blick wachzuhalten auf DAS , was da vor uns liegt .

So gibt sich mancher Text prima vista sperrig und karg . Sehen wir länger und geduldiger hin, tauchen - wie bei einem photographischen Entwicklungsvorgang - langsam Muster auf , erkennen wir Patterns, entstehen Parallelen. Und mittendrin immer wieder die Umrisse dessen , was fehlt .

|||

SELBST | LEXIKON

icon ac voltage sourceKeiner Norm konform oder einer stetigen Ästhetik, repräsentiert Rosa Pock geradezu den Albtraum des Lexikographen. Die Tracht eines sogenannten “Personalstils” , die Legende von frühem Leid und später Vollendung , die an der Werkliste her- buchstabierbare Statistik einer Entwicklung : Dieses Kostüm einer humanistischen Künstlervita will so gar nicht auf ein Werk passen , welches sich seine eigenen Mass- Stäbe setzt .

Wenn schon “Lexikon” - Dann : “die hundekette . mein eigenes revier” ( 2000 ) versammelt 79 Begriffe von A bis Z .

Wenn schon eine Geschichte der Empfindlichkeit - Dann : “Eine kleine Familie ” ( 2004 ) gibt eine satirische “Entwicklungsgeschichte” der eigenen ( so genannten 68er ) Generation .

Wenn schon Rollenbild der “Frau” als Kunst- Werktätiger - Dann : Hat Rosa Pock SELBST in den 31 Figuren des Kurzprosabuches “spielmodell m” ( 1996 ) einen ganzen Katalog von Rollen vorgeschrieben .

“Keinem” , sagt Ovid in den Metamorphosen , “bleibt seine Gestalt” . Rosa Pocks esprit poétique ist ein proteisches Wesen . Sich treu nur im stetigen Wandel , erschafft es sich seine Welt mit jedem Werkstück in neuem Format : Form als Funktion und Fassung der verschiedenen Versionen von Realität . Dabei situiert sich jedes dieser Spielmodelle in einem abgezirkelten Setting gewisser Prämissen und Regeln , welche als SETZUNGEN unwiderleglich sind .

|||

SPRECHEN | JETZT

icon ac voltage sourceUnwillkürlich fühlen wir uns an Mythen und Märchen erinnert, wo Götter und höhere Mächte ihren Günstlingen spezielle , allerdings immer nur begrenzte Kräfte schenken .

Beides - gedankliche splendid isolation sowie eine als Defizit dargestellte insulare Einkapselung - gilt für Rosa Pocks Sprechfiguren . Sie sind schiere Papierwesen , Zwitschermaschinen , auf ein definiertes Lied programmiert und damit in sich logisch geschlossen . Sich loszureissen und einfach fortzufliegen wird diesen “excellent birds” ( Laurie Anderson ) allerdings nicht gewährt . Ihr Ort bleibt das Werk , der Text , der Käfig des Systems , kurz : “mein eigenes revier” . Nur hier ist die Bühne , wo ihr Monolog hingehört , wo die Wellenlänge ihres Gesangs überhaupt gehört wird . Die syntaktisch zerrüttete , rhythmisch in antiker Prosodie getaktete Stimme in “Monolog braucht Bühne” bekundet diese Gleichzeitigkeit von Allmacht und Ohnmacht wie folgt :

Ich umschiffe / meinen Hafen / wie Odysseus den seinen / zu erzählen Geschichte von Irrfahrt mit Eleganz , / wobei begangene Fehleinschätzung von Gefahr ich vergesse / und Verblendung mich treibt / in immer tieferes Wundgebiet / bis Lustangst von Schrecken abgelöst. ( “/” von czz )

Es scheint, als dürften diese Figuren überhaupt nur qua Sprache existieren . Die “Infantin” etwa präsentiert sich von Anbeginn an als das Resultat eines Benannt- Werdens . WER diese Benennung einst vollzog , bleibt im Ungewissen :

1. Tag - Später Herbst; und ich werde von Kindesbeinen an Infantin genannt, weil ich nicht zur Sprache finden wollte. Diese Bezeichnung ist mir geblieben, obwohl ich das Stummsein verliess, sozusagen wie eine Definition aus einem alten Lexikon, die bleiben wird, auch wenn sich die Bedeutung des Begriffes längst geändert hat. ( “Ein Halbjahr aus dem Leben einer Infantin” )

Da sie jetzt aber spricht , EXISTIERT diese Figur , und ihr “Kopfkissenbuch” berichtet von einem ganzen Inventar von Verweigerungen gegenüber dem System , das isolierend sie umgibt . Wie der gefangene Affe in Kafkas “Bericht an eine Akademie” ist es nicht eine abstrakte “Freiheit” , die sie sucht , sondern schlicht einen “Ausweg” .

Wirklichkeit wird diesen Figuren nur in ihrer schieren Wörtlichkeit gewährt . So sehr diese “Infantin” , die “spielmodelle” , ja noch das Mathematik- Mädchen Gelatina aus der “Kleinen Familie” mitunter an archaisch verwunschene Wesen aus Märchen oder Mythos erinnern , so sehr fehlt ihnen der Richtungsvektor einer Teleologie . Rosa Pocks Sprechfiguren sind von Vergangenheit und Zukunft abgetrennt . Sie existieren nur im Augenblick . Dabei sind sie ganz an ihrem Platz und befinden sich gleichzeitig in einer Art von Exil : Verbannt , gebannt starren sie auf die Positiv- oder Negativ- Form eines Umspringbildes . Der Blick auf das Integrale bleibt ihnen verwehrt .

|||

ORGANISATION | SYSTEM

icon ac voltage sourceIm Paradigma der Moderne bieten sich Spiel- und Systemmodelle als Bezugsrahmen an. Codierungen , Wort- und Buchstabenspiele verweisen auf die konkrete und visuelle Poesie . So etwa sind die Texte sämtlich nach genau bestimmten Zahlenmustern organisiert . Allerdings sind die Ziffern grösstmöglich bedeutungsoffen : “Monolog braucht Bühne” ist aus 39 Einzeltexten komponiert : 3 mal die Primzahl 13 . Auch das “Halbjahr aus dem Leben einer Infantin” basiert mit seinen 181 Tagesnotizen auf einer Primzahl . Gleiches trifft zu für die 31 in “spielmodell m” vorgeführten
weiblichen Mannequins . Primzahlig letztlich : Die 79 lexikalischen Einträge in “die hundekette . mein eigenes revier ” …

Solche Organisationsprinzipien lassen sich ohne inhaltliche Deutelei anzeigen . Ebenso kann ohne Raunen einer tieferen Bedeutung festgestellt werden , dass Rosa Pock sehr bewusst mit dem Medium “Buch” umgeht : Text und Nicht- Text ( die seit Mallarmé unübersehbaren “blancs” ) greifen sichtlich ineinander . Im Unterschied zur herkömmlich gesetzten Lyrik mit ihrer vertikalen Orientierung sind Pocks Textblöcke horizontal orientiert : Den schwarzen Lettern des Fliesstextes folgt eine halbe ( “Monolog” ) bzw. eine Viertelseite ( “Infantin” ) “weisses Schweigen”.

Das reizvollste Spiel mit den Eigenschaften des physischen Datenträgers “Buch” findet sich im Lexikon “die hundekette . mein eigenes revier“. Jeder Eintrag beansprucht eine Seite . Mit Ausnahme des ersten Lemmas ( “ahorn” ) sowie des letzten ( “zweifel” ) kommen alle anderen Einträge auf Doppelseiten zu liegen . Bei näherem Blick erweist sich , dass sich diese parallel gesetzten Texte in vielfältiger Weise aufeinander beziehen . Das trifft formal höchst einleuchtend auf ein Buch zu , welches thematisch wie kein anderes im Werk Rosa Pocks vom “grossen Paar” handelt . Die Titel der Einträge lesen sich - Doppelseite für Doppelseite - wie duale Konstellationen , Frage und Antwort , Positiv- | Negativ- Verschränkungen :

“in agonie” | “arsenik” - “das begehren” | “das beileid” - “der charakter” | “ein credo”

So läuft also - buchstäblich quer zum “Haupttext” der lexikalisch geordneten poetischen “Definitionen” - ein Schriftband am oberen Seitenrand entlang: Hier hat sich offensichtlich die konkrete Gestalt des Texte an der Vorlage | Vorgabe des aufgeschlagenen Buches inspiriert .

Wenn Rosa Pock solche Organisationsprinzipien aufgreift , Anleihen beim Anagramm nimmt , serielle Verfahren wie Aufzählungen und Listen verwendet oder gar den Zufall per Computer- Übersetzung in ihre Texte einbezieht , dann zitiert die Dichterin Verfahren des Surrealismus , von Oulipo , der konkreten poesie , kurz : der literarischen Avantgarden .

|||

WORTE | WÖRTER

icon ac voltage sourceDamit wären wir beim Stichwort der “Methode” angelangt : Also die Art und Weise , WIE Wörter ausgesucht werden , wie Wörter gedreht und gewendet werden , die Komposition von Worten zu Sätzen und diese zum Werk . Dabei besteht die VERDICHTUNG der Form bei Rosa Pock paradoxerweise im augenscheinlichen VEREINFACHEN : Gesuchte , gewundene und poetisch parfümierte Wörter wird man in ihrem Werk nicht finden .

Man mag dabei an Ilse Aichingers Plädoyer für die “schlechten Wörter” denken , an deren “Nein” gegenüber Metaphysik und Ideologie .

Mit gleichem Recht liesse sich allerdings das Bild des Naturwissenschafters zitieren : Um ein VERFAHREN optimal durchzuführen und dessen Wirkung in möglichster Deutlichkeit studieren zu können , sind “reine” Grundstoffe nötig . Das scheinbar Einfache wäre demnach als REAGENS zu denken und damit unablöslich vom jeweiligen Prozess . Das augenscheinlich einfache Wort steht also nicht AN und FÜR sich . Ebenso wenig kann der basale Begriff als “Urwort , orphisch” verstanden werden oder gar : als “naturnahes” , “gefühlsechtes” Ausdrucksmittel einer ( eventuell sogar weiblichen ) “Authentizität” .

In ihrem jüngsten Buch “Eine kleine Familie” spielt Rosa Pock ein trügerisches Spiel mit den Fiktionen , Effekten und Lektüren des “Authentischen” . Im Genre des Tagebuchromans , im Jetzt- Stil der zeitnahen Mitschrift sowie in dem Themenkreis von turbulenter Adoleszenz , Familienkiste und junger Liebe verführt das mit flüssiger Prosa ( ! ) gefüllte Buch zu jener Lektüre einer psychologischen “Eigentlichkeit” , wie sie der Literaturbetrieb gerne praktiziert .

|||

EIGENSPRACHE | EIGENSINN

icon ac voltage sourceWas fehlt , ist vorderhand die Bereitschaft , Poesie und Dichtung dem Zweckdienlichen zuzurichten . Selbst als Organigramm von Erkenntnis verspricht sie keine Sicherheit . Es ist Rosa Pocks weitgehend undogmatischer und von der Ideologie des Progressiven befreiter Umgang mit den Figuren , Formen und Formeln der Moderne , der ihren Texten eine erstaunliche Deutungsoffenheit - Polyvalenz - verleiht .

Gerade mit “Eine Kleine Familie” hat die Autorin ein perfides Exempel dafür vorgelegt , dass sie den beliebten Erzählton aus dem Vollen der Episoden , Themen und Gegenstände quellen lassen kann . Aber Achtung : Durch die Stimme dieses Tagebuchmädchens , das da von Leben und Lieben schrulliger Anverwandter erzählt , dringt das ferne Gelächter aus Voltaires “Candide oder Der Oprimismus” über Gottfried Wilhelm Leibniz’ ursprünglich gottgläubiges Postulat , wir lebten in der besten aller möglichen Welten . Ein Credo , das seither von jeder Ideologie usurpiert worden ist .

Wer sich nicht dreinfügt , wird keine Heimat finden . Mit ihrer Skepsis gegenüber den akkordierten Rezepten zum Besserleben , Bessersprechen , Besserschreiben , bleiben Rosa Pocks Figuren freilich alleine . Entprechend oft werden Motive der Melancholie , des Exils und der Isoliertheit zitiert . Ein Beispiel aus “die hundekette . mein eigenes revier” :

… und vergeblich du sprichst / sodass du nichts ausrichtetst / mit der spache / WIE du sie sprichst / überhaupt / dein vergebliches bemühen / du kannst es vergessen. ( “vergeblich” )

Obwohl dieser sprachliche Eigensinn der Figuren ganz offensichtlich im Konflikt liegt mit den umgebenden Konventionen , ziehen sie das Drehmoment aus Wut und Trotz dem Einschwenken auf die allgemeine Linie vor . So formuliert das “Modell- Mädchen” der “kleinen Familie” ihren Widerstand gegen die beste aller möglichen Welten wie folgt :

… mein Motor bleibt die Unzufriedenheit mit allem und mit mir - wo käme ich hin, wenn ich nie mehr mein eigener Feind wäre .

Man merke , hier wird kalkuliert : Wie hohe Eigenkosten zeitigt der Eigensinn , damit die Eigensprache auf ihre Rechnung kommt ?

|||

ASKESE | ANARCHIE

icon ac voltage sourceFreilich führen die hoch artifiziellen Sprechfiguren viel Fehlendes in ihrer Rede . In allen Formen begegnen diese Textkörper der ewigen Spannung zwischen Begehren und Entfremdung mit dem Ruf nach Regel , Regime und Askese . Als wollten sie sich in der Re- Duktion ganz auf sich selbst zurückführen . Konzentrieren . Aber die Autorin verweigert ihren Figuren das Pathos der letzten Konsequenz . Bevor noch die eiligen Eins- zu Eins- Exegeten herbeieilen und den Topos der weiblichen Selbstverletzung besetzen , haben die Textwesen bereits die selbst aufgestellte Regel verletzt .

In diesem Wechsel zwischen Regel und Übertretung , System und Anarchie, in diesem unkalkulierbaren “Justament” mag man die poetische Signatur Rosa Pocks wahrnehmen . So divers sich die Systeme der einzelnen Texte gestalten , so bleibt ihnen das Wasserzeichen eines nonkonformen Trotzes stets eingewebt .

In diesem festen Fundament ankert nicht nur die immanente Skepsis gegenüber einer unmenschlichen Mechanik , sondern auch die Fähigkeit und der Wille zur Empathie .

Die Welt , das Reale , ist kein Objekt . Sie ist ein Prozess . ( John Cage )

|||

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter

Köpfe , körperlos - archaeological minds