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Salon Littéraire | Liesl Ujvary : “privatsachen” - eine fotoserie



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Salon Littéraire | Liesl Ujvary :

“privatsachen” - eine fotoserie

die fotoserie “privatsachen

versammelt fotos der arbeitsumgebungen von schriftstellern. hier entsteht literatur - zwischen schichtungen von beschriebenem papier, bekritzeltem papier, bedrucktem papier, anhäufungen von büchern, zwischen stofftieren und technischem gerät, zwischen weichen polstern und warmen decken, zwischen fundstücken konkreter natur, einem rindenstück, zimmerpflanzen und blumenvasen, fahrrädern, kinderzeichnungen, rezepten, jacken und hosen, kabeln und steckern, stössen von cds und musik-cds, umhängtaschen, adidas-schuhen, kaffeetassen, einem spielzeugpinguin auf einem fernseher, handtüchern, buddhas, ansichtskarten, tellern, tastaturen, stiften, blättern, feuerzeugen und vielen anderen sachen.

alle bücherregale ähneln sich, jedes bücherregal ist auf seine weise einmalig. obwohl das inventar, mit dem und aus dem wir unsere private umgebung gestalten, zivilisatorische ähnlichkeiten aufweist, ist es doch andererseits vollkommen persönlich. indem das objektiv diese kleinen environments herausgreift und in ihrer trivialität und einzigartigkeit abbildet, gewinnen sie an farbe und format, zeigen uns fantastische oberflächen, bieten ein spiel von licht und plastizität, das vieldeutig ist, enigmatisch und überdeutlich in einem. hier wird die mehrfach-codierung unserer persönlichen existenz belegt und präsentiert. ( Liesl Ujvary )

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BRIGITTA FALKNER

fotoserie_PRIVATSACHEN_copyright_Liesl_UJVARY

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FRIEDERIKE MAYRÖCKER

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HANNO MILLESI

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MARTIN BREINDL

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Liesl Ujvary

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HINWEIS

Die Ausstellung “privatsachen - fotos von liesl ujvary” ist im Literaturhaus Wien von 11. 11. bis 19. 12. 2008 im Rahmen des “Europäischen Monats der Fotografie” zu sehen .

Die solcherart durch Details ihrer Lebens- und Arbeitsumstände porträtierten Autorinnen und Autoren :

Neda Bei , Martin Breindl , Ann Cotten , Brigitta Falkner , Ilse Kilic , Margret Kreidl , Benedikt Ledebur , Norbert Math , Friederike Mayröcker , Hanno Millesi , Lydia Mischkulnig , Florian Neuner , Monika Rinck , Elisabeth Schimana , Ulrich Schlotmann , Ferdinand Schmatz , Andrea Sodomka , Lisa Spalt , Deter Sperl , Oliver Stummer und herbert j. wimmer .

Zwei Lesungsabende eröffnen | begleiten die Schau :

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GASTBEITRAG | herbert j. wimmer : SWITCHEN IM TEXTKONTINUUM



ERINNERUNGSSKIZZE ZU LIEBLINGSBÜCHERN : JELINEK - ABISH | LAEDERACH - RÜHM

||| SWITCH : DIE KINDER DER TOTEN | ALFABETICAL AFRICA - ALFABETISCHES AFRIKA | TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN | NACHBEMERKUNG | QUELLTEXTE | ENDNOTEN

SWITCH : DIE KINDER DER TOTEN

DIOSCUR

Edgar Gstranz betrachtet Gudrun Bichler ratlos, beide sind von irgendwoher hier eingetroffen, doch sie können nicht sagen, von wo, oh, welche Zumutung, die Gedächtniskraft wirkt nicht mehr, mit deren Hilfe wir uns der alltäglichen Dinge vergewissern können und dabei vergessen, daß Bücher, wie im Gebälk aufgeschlagene Fledermauskörper, uns genausogut die Wirklichkeit bewahren helfen könnten. [01]

lieblingsbücher sind texte, die, nach gründlich saugender anfangslektüre, im lauf der jahre immer wieder im bewusstsein des lesers aufgeschlagen werden, sich immer wieder aufschlagen.

details ploppen auf, namenskonstrukte, halbsätze, metaphern und ihre verdrehungen, aufspaltungen, neukombinationen, ganze absätze, abschnitte und schliesslich gleichzeitig und dazwischen, darüber, darunter: die struktur-erinnerungen, wenn im sekundentraum der textkonstruktion die begeisterungs-und die erschreckens-momente wieder konstruiert werden, die im erfahren der spezifischen textorganisationen der einzelnen bücher sich eingeprägt haben.

dazwischen noch die erinnerungen an die beziehungsverwerfungen der handelnden personen, die emulsionsbewegungen der vom text aus- und aufgeworfenen charaktere, der aufgeblätterten (aufgeblattelten) denk- und empfindungsmuster.

der name GSTRANZ ist so eine schöne verdichtung, zumindest für leserinnen und leser, die in der zweiten hälfte des zwanzigsten jahrhunderts im nachkriegsösterreichischen gelebt haben. er ist zusammengesetzt aus schranz und gstrein, zwei erfolgreichen skisportlern weit auseinanderliegender generationen, die als exemplarische attraktoren für den image- und wirtschaftsbelebenden fremdenverkehr der zweiten republik unverzichtbar waren. in schranz konnte sich nach seinem ausschluss von den olympischen spielen 1972 auch noch die ganze wir-sind-auch-und-schon-wieder-opferwut einer mitläuferisch wie täterhaft veranlagten kriegs-überlebensgeneration kristallisieren, die sich kollektiv durch den briten (= angehöriger einer alliierten-nation) in ihrer wirtschaftswunder-ehre der verdrängungs-dichten nachkriegszeit beleidigt fühlte, - und auf dem heldenplatz wieder mal massenhaft sich zusammenrottete als wär keine zeit vergangen, als hätte die befreiung von den nazis 1945 nicht stattgefunden.

befreiung übrigens wurde von diesen leuten nur mit untertönen der verachtung ausgesprochen. diese zischenden, knarrenden, oft fast tollwütig säuselnden, schleimenden, den optimistischen lexemischen gehalt von befreiung widerlaufenden gebrauch zu katalogisieren, könnte einen unendlich deprimierenden beitrag zur deutschsprachigen soundgeschichte von artikulationsgewohnheiten des hassens und der schuldgefühle im augenblick ihrer doch opportunen verhaltung ergeben.

karin frenzel, der dritten hauptperson des halblebens, des toten überlebens im dazwischen von nicht-mehr-ganz und nicht-schon-wieder, begegnen wir bald bei einem ausflug nach mariazell, dem gnadenlos durchrestaurierten wallfahrtsort, der am rande von elfriede jelineks alpiner zombie- und ghule-welt als katholische instant-institution ruht, jederzeit in den über- und unterirdischen inhalten aufbrühbar durch geschichtsbewusste wahrnehmung.

was an verdrängungs-anbetung (verdrängung durch anbetung) alles sich in einem akt apperzeptiv-historischen gegenwart-erlebens auflösen lässt, findet sich sich in folgender passage.

Das Wetter ist prunkvoll. es wartet auf die Urlauber wie Kathedralen, in denen es ständig hell wird, weil Millionen von Händen daran gedreht haben. Und Engel treten uns auf die Finger, wenn wir zum Heiland raufkraxeln wollen. Nur die Synagoge steht einfach so bös da und sticht den Herrn mit einer Lanze in die Seite, da wird das Kapitel endlich wieder dunkel. Die Synagoge will nicht und nicht fürs Foto freundlich dreinschauen. Auf nach Niederösterreich, wo die röm. Kirche Siegerin ist und auf Jerusalem zugeht, denn von dort geht eine Gestalt aus dem zerstörten Tempel, die hat ja ein Obstmesser, nein, ein Opfermesser in der Hand! Damit will sie gewiß die Nagelbrett-Mutter-Kirche erstechen. Erstaunlich. Es ist ein rechtes Kreuz mit uns! Gott wartet schon auf unsere Anbetung, die wie der Hauch von Hakle-Feucht von unseren Zeige- und Mittelfingern zu Ihm aufsteigt. Und so viele Anhänger an den Koffern! Ja, jetzt gehts an den Wallfahrtsort, der für Seine Mutter gestiftet wurde, obwohl natürlich Er der alleinige Chef bleibt. Die Frauen heulen unten, unter dem Kreuz, keine spricht vernünftig mit IHM, der sich vor seinen Fans bis in die Küche geflüchtet hat, wo er sich in Brot und Wein versteckt, das haben wir schon gefressen (”Jetzt reichts!”). Jetzt haben wir die Hände in die Seiten des Lamms gelegt und sind immer noch ungläubig wie Thomas, was für Preise sie hier von uns verlangen. [02]

bei büchern wie DIE KINDER DER TOTEN und den folgenden kann es nicht um sogenannte stellen gehen, denn all diese werke lassen sich von vorn bis hinten zitieren und fast jeder absatz, jedes kapitel taugt als stelle. einmal aufgeschlagen und hineingelesen, schon bin ich wieder mitten im text, öffnen sich mir die (einfühlungs-)räume der bilder und strukturen, nimmt mich der jelineksche sprachgebrauch gefangen.
auf 667 seiten entwickelt sich in 36 grosskapiteln eine enzyklopädie der formen abgestorbenen lebens allgemein und des österreichischen zwanzigsten jahrhunderts im besonderen. tote touristen aller altersklassen, eingelagert im idyllo-typ einer PENSION ALPENROSE, interagieren auf das verwesendste mit- und ineinander.

der steirische semmering, das rosegger-land, tourismus und forstwirtschaft, wetter und unwetter bilden die hauptkulisse für das gewaltige reflexions-schauspiel über wieder aufbrechenden, wieder sich realisierenden, sich vergegenwärtigen wollenden vergangenheits-schleim.
ungeachtet ihrer organischen hinfälligkeit, vereinigen sich die bereits toten personen auf körperzerfallende weise, gehen sie ein in die grosse mure, die einen text lang das unterste zuoberst wälzt. in einem langen orgasmus der wiederausspeiung alles unverwesbaren schreiben sich die unverdrängbaren untaten in die postkartenkonstrukte ein.

die einzelnen kapitel bestehen aus längeren und kürzeren abschnitten, die fast immer jeder für sich schon eine kleine kostbarkeit an satirisch-sarkastischer metaphern-umwälzung sind. idiomatische wendungen unseres aufwachsens, faustregeln (heuristiken) der initiation in die (verdrängungs- und vergessenheits-) gesellschaft, regelbruchstücke der “richtigen” sicht- und denkweisen, fremdenverkehrsslogans und parteiparolen werden von elfriede jelinek mit unnachahmlichem drive zu hochpoetischen erzählungen komponiert.

all die horror-vorstellungen vom unerlösten leben nach dem tode, in permanentem zerfall, wie sie in okkulten schriften und den schauerstücken der schwarzen romantik auftauchen, akzentuiert durch einschübe naturwissenschaftlicher detailgenauigkeit, ergeben ein buch, in dem in jeder zeile einerseits der flow zu erfahren ist, dem sich die schreibende person überlässt, andererseits die unbedingte kontrolle über die komposition, die jede abschweifung, jedes parlando der motive souverän zurückführt ins grosse thema: dass keiner lebt, solange die scheusslichkeiten der vergangenheit unaufgearbeitet unter den mehr oder minder schmucken oberflächen der personen wie der gegenden lauern.

gedächtnis als biomasse, metaphorisiert als dauerndes werden des verfalls im verfallen des werdens, die den stillstand einer gesellschaft als sprache zur sichtbarkeit bringt, die mehrheitlich in den tabus der ahnenverehrung ihrer täter und mitläufer stecken geblieben ist. sie ist auch stecken geblieben im negieren der ungeheueren anzahl der opfer eines menschenvernichtungs-regimes, von denen nicht zu reden stets erste nicht-erinnerungs-pflicht war. so radikal verdichtet hat noch selten ein gesellschaftsroman strukturen und prozesse eines staatswesens, das nicht mit dem österreich der letzten jahrzehnte zu verwechseln nicht gelingen wird, sequenz für sequenz offenbart.

selten habe ich in einem buch so viel trauer und mitgefühl gefunden, so viel schmerz in der unmittelbarkeit des erzählens von verfolgung und tod der menschen, die von ihren denunziationslüsternen, raubgierigen und mörderischen nachbarinnen und nachbarn mitten aus dem alltag einer als gefestigt scheinenden zivilisation in die mordmaschinen der kz getrieben wurden.

da keine zeit vergeht, weil in elfriede jelineks sprach-kontinuum immer simultan spezifische ursachen und wirkungen in einer präzis gestalteten gemenge-lage aufeinander einwirken, gibt es keine von den schrecken der missetaten unkontaminierte wahrnehmung.
mitten in der sommerfrische, in der idylle des ausflüglerdaseins, bricht aus den untiefen gegenden menschlicher existenz herein, was nicht mehr unterdrückt werden kann. ein beispiel, in kollektiver figuren-rede:

Brüder und Schwestern sind zu uns herabgestiegen und wie haben wir sie behandelt? Sie haben ihre Habe in Oberdöbling zurücklassen müssen, ihre Geschäftsrücklagen, ihren Familienrückhalt, und sind mit Zügen, in denen sie jeden menschlichen Zug schon verloren hatten, bevor sie überhaupt noch das Feuer durchschritten hatten und im Schornstein angekommen waren (ja, sie waren glatt ausradiert, bevor sie sich noch auf dem Spielplatz einschreiben konnten, wo Menschen und Schäferhunde auf dem Ab-Richtplatz mit ihnen gespielt haben, anstatt umgekehrt), nach Osten, ins Reich der aufgehenden Sonne (zum Glück nicht unser Reich der Mitte, in unsrer Mitte hätten wir, gleich neben unseren Mietwohnungen, sowas nicht haben wollen!) verschoben worden, damit sich jemand an ihren Seelen, Brillen, Pelzmänteln und Gebissen beleben konnte. Man labt sich und wird dann dafür 50 Jahre lang belabert ! [03]

der witz des zorns bewahrt vor dem unproduktiven versinken in resignation und stiller verwzeiflung. in der komplexen gleichzeitigkeit des furiosen erzähl-stimmen-werks macht wut (sich) die (zweite) luft, verbessert diese nachhaltig die luft der zweiten republik.

ereignet sich auch die von kunstwerken versprochene katharsis, die aus dem sich-erschüttern-lassen sich ergebende läuterung ?
die ist - wie in jeder gegenwart - auch in DIE KINDER DER TOTEN als mögliche zukunft (des lesers) enthalten.

weniger allerdings in den medien, den allgegenwärtigen, die alles senden, was ihren ausschnittscharakter vergessen macht.

Knisternd fahren Solettistangerln aus ihren Packungen und das Bild aus dem TV-Set, und Karin zuckt zusammen, hat sie Gehöraffektationen? Das Knistern des Zellophans, das Rutschen der Salzstangerln, das Ungestüm des Sprechers, der eine Kollegin mitgebracht hat, weil die Nachrichten für einen allein zu schrecklich sind (…) Die Mutter wirft Fragen gegen den Nachbartisch, die gleich vom Nachrichtensprecher beantwortet werden. (…) Der Fernseher öffnet mit einem verschwörerischen Zwinkern sein Zyklopenauge zu einer Live-Darbietung. Tote Afrikaner schmeißen die Haxen, tote Österreicher hauen sich über die Leidplanken. Ein Schwall von Licht springt hervor, ein Atem hebt an. Alle Köpfe heben sich zu diesem Gebirge an Informationen, die in den Brunnen eines jeden Zuschauers geworfen werden und mit einem Platsch, sie haben Verspätung, in diesem ankommen. Wo sind die Zahnstocher? Stiller ruhiger Brunnen, steile Festung, schlaf schlaf im Schnee, die Meute mit den Hunden ist schon im Kommen, es ist so oft versucht worden, ihnen Menschenfleisch abzugewöhnen, aber sie essen es halt gar zu gern. Sie sind ja durch den häufigen Genuß auf den Trichter gekommen, durch den immer wieder Nachschub fließt, immer neue Nahrung. Die Billigesser nehmen eine lange Wanderung auf sich, um ihre Genußscheine vorzeigen zu können, auf denen seufzend das Ableben einer ganzen Tier- und Pflanzenwelt bestätigt wird, so, jetzt können dafür sie einziehen, Mund auf, Augen zu. [04]

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SWITCH : ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA

DIOSCURein besonderes vergnügen ist das hineinlesen - und baldige festlesen in ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA von walter abish. das original erschien 1974 in new york bei new directions, die übersetzung ins deutsche hat jürg laederach vorgenommen. sie ist kongenial, poetisch auf der höhe, manchmal eigenwillig, stets auf dem quivive und bringt die frische des romans wunderbar in die gegenwart. die zweisprachige ausgabe erlaubt ein ständiges springen zwischen dem deutschen und dem englischen text. mir geht es dabei so, dass ich dann jeweils in der einen sprache weiterlese, bis mich ein wort oder eine wendung geradezu auffordert, doch in der übersetzung oder im original nachzuschauen, wie es dort heisst, und ich dann in dieser sprache weiterlese, und so weiter, und so fort. [05]

das buch ist entschieden experimentell und wundervoll lesbar zugleich, es ist ein ausgewachsener liebes-, kriminal- und afrika-roman, ausgeführt als struktur-erzählung einer am alfabet orientierten versuchsanordnung. passenderweise unterscheidet sich das deutsche nicht vom englischen alfabet, so kommt die übersetzung | nachdichtung ohne strukturverrenkungen aus.

26 buchstaben hat das alfabet, 52 kapitel ALFABETISCHES AFRIKA (104 mitsamt dem original).

im ersten kapitel dürfen nur wörter verwendet werden, die mit dem buchstaben “a” beginnen, im zweiten schon wörter, die mit “a” und “b” anfangen, bis zum kapitel “z”, in dem alle anfangsbuchstaben zugelassen sind. dann geht es weiter, wieder mit “z”, dann “y” und bis zum kapitel “a”, das wiederum nur aus wörtern mit dem anfangsbuchstaben “a” besteht. die kapitel des zweiten teils korrespondieren auf vielfältige weise mit den vorgaben des ersten teils, nehmen allerdings andere blickwinkel ein.

wie es anfängt und gleich seine methode herzeigt, mitsamt der hauptsächlichen personal-konstellation und der exposition kommender ereignisse, hier als anfangszitat.

Am Anfang allen Anfangs Alex, Allen, an Alvas Arm. Ankunft Antibes, Aussichtsterrasse, alter Ankerplatz. Als Alvas Aussehen alle anzog, allerhand Anzügliches anregte, als Alex Abmahnungen ausstieß, als Allen ärgerlich atmete, artete alles auf Anhieb aus: Abermaliges abgedroschenstes afrikanisches Amüsement …. Achje. Auch argumentierten alle, alte angsterweckend angeschwollene afrikanische Armee avanciere, attackiere andauernd afrikanische Ameinsenhügel, Ameise auf Ameise abschlachtend. Als Alex anschließend alte Ansichten abermals ausformulierte, amtierte ausgerechnet Albert als Angeschuldigter: angeklagt außerordentlicher Akzeptanz aller Ameisen-Annexion, Ausführende: Antipoden. Anderes Apartment: Albert arbeitet ausbaufähige Antwort aus, argumentiert anti Armee. Antwort: Ameisen als ‘ants’, Ameisen als ‘ants’ ? [06]

dazu kommt noch autor a., der mit seinem roman, den er über oder für oder gegen alva schreiben will, schreiben wird, schreibt, nicht verloren geht. schliesslich gibt es den buchstaben “i” - und der ich-erzähler ist da, gleich stellt er sich mit einer hartnäckigen zurücknahme seiner existenz ein: “Ich bin hier als Abwesender genausogut anwesend.” (s. 37) immer wieder unterstellt der verfasser, dass sich a. und ich-erzähler ineinander spiegeln könnten.

die abenteuer alvas, einer sexuell hochaktiven frau, die offen ist für alle männer- und frauenwünsche, halten in ihrer erotischen fesselungskraft die romanhandlung zusammen, während afrika-materialien aller art ganz erstaunliche tatsachen und fabelhafte ereignisse berichten.

so ziemlich alles, was sich von und über afrika sagen lässt, tritt auf. die phantasmen der white hunter und kolonialwarenhändler, die animistischen weltsichten der so unterschiedlichsten eingeborenen, ihre ritualversessenen magischen sichtweisen und denkmuster, schliesslich technokraten, ingenieure, überhaupt alle zubetonierer der afrikanischen landschaft nach der unabhängigkeitswelle der sechziger jahre. dazu die spinner, geschäftemacher, auftragskiller, söldner aus allen teilen der welt, die den auch sehr merkwürdigen und sehr machtbewussten einheimischen in vielfältigster weise nützlich sind.

queen quat, ein herrschender transvestit, der immer wieder das unbedingte bedürfnis nach absoluter macht artikuliert, möchte sein kleines land vollständig in der farbe orange lackieren lassen, schliesslich ist er oder sie doch nach einer phase der fabrikation von kosmetika gross in die lackproduktion eingestiegen. orange deshalb, weil in einer internationalen karte, auf der die einzelnen länder durch farben differenziert sind, sein land orange eingezeichnet ist.

denke ich heute an die attitüden eines idi amin oder des kaisers bokassa, dann staune ich eher, wie genau (und vorausschauend) walter abish gerade in den besonders abseitig erscheinenden anekdoten ist.

das anekdotische ist es auch, was neben den redegewohnheiten, afrika-klischees und afrikanischen euphemismen als sprachmaterial durch den dschungel des alfabets führt. so wie die geschichte vom autor im buch, der - in einer art wandersage - verbreiteten erzählungen vom “schrumpfen afrikas” nachforscht. ständig hat er den eindruck, dass sein verdacht der schrumpfenden landmasse bestätigt wird. sicher ist, dass auch sein afrika nicht existiert, dass alle vorstellungen, sei es der europäer, der amerikaner oder der eingeborenen über das alte afrika hinfällig geworden sind. alle bewegen sich auf und durch einen kontinent, dessen zutreffende beschreibungen erst gefunden werden müssen. noch sind diese zugänge verbaut von den traditionellen - und ganz verschiedenen - sprachgebräuchen der mächtigen und der ohnmächtigen. nur die alles vernichtenden driver-ants / chauffeur-ameisen fressen sich durch brücken, häuser und menschen, während postkolonialisten und technokratisch erfahrene neo-häuptlinge ihre klunker- und rohstoff-deals realisieren. die gewalt ist selbstverständlich, menschenleben zählen nichts und geschichte ist nur vorhanden, wenn sie zur gegenwart passt.

es durchzieht ein fassungsloses staunen über die tendenziell anomische gleichzeitigkeit der gegensätzlichsten wünsche und über das gänzliche fehlen humanistischer oder sonstwie menschenleben achtender handlungsmaximen das ganze buch. die zerfallenen alten ordnungsstrukturen, die, bei stets zunehmender bevölkerung (insofern “schrumpft” der kontinent real-metaphorisch) durch eigentlich nichts ersetzt werden, ausser mehr oder minder mörderischen parodien alten stammestreibens, bedingen wohl, um überhaupt darstellbar zu sein, eine konsequente strukturierung des textes.

während in manchen kapiteln viel von “codes” die rede ist, werden als buch die wirkweisen der codes, besonders die restringierten codes, wie sie als kategorisierung für untersuchungen wort- und syntax-armer umgangs- und unterschichtsprachen erfunden wurden, exemplifiziert.
was mit dichten wortfolgen und kurzen sätzen beginnt, erweitert sich und verflacht bis zum kapitel “z” zu einer durchaus mainstreamigen erzählweise erotischer und kriminalistischer vorgänge. dann, wenn das delta des erzählstroms in ein anderes delta mündet, von dem aus es wieder flussaufwärts geht, wird das zur verfügung stehende lexikon wieder in seinem angebot restringiert, es verdichtet sich der text erneut zu intensiv collagierten passagen, die auch konrad bayer hätten gefallen können. das angebot der sprache erschafft und formatiert, wie und was wahrgenommen wird.

hilft die gewählte schreibregel das überreichlich vorhandene material anfangs und gegen ende auszuwählen, so zeigt sich in den eher erzählerischen passagen der autor in stärkerem masse für seine schöpfung verantwortlich. was schliesslich dazu führt, dass all die heftigen kriminellen und erotischen begebenheiten, mal relativiert, mal überhaupt widerrufen (widerschrieben?) werden, bis letztlich, solange noch in halbwegs ganzen sätzen episiert werden kann, die ereignisse zwischen den handelnden personen als reines phantasiegespinst, als reine handlungsvorschläge des autors im setting des afrikanischen verschwinden.

ein detail noch: immer wieder eingeschoben in die kapitel findet sich ein kleines, zufälliges wörterbuch aus afrikanischen sprachen | dialekten, das für die personen der handlung wenig funktion hat. die einzelnen wörter und ihre übersetzungen sind sowas wie stücke einer ausstellung, die anstelle von plastiken oder bildern den text bereichern, ausgefuchst gebrauchslos stehen sie als würdevolle sprachdenkmäler in beiden textversionen gleich fremd herum.

das alfabetische afrika eines autors, das walter abish ein buch lang entwirft, endet mit dem, was von texten überbleibt, wenn die handlungen abgelaufen sind, den namen der personen und der anrufung des alfabets. alles, was weiter sich ergeben kann, wird anders, aber mit diesem werkzeug, erschaffen werden.

im schlusskapitel verdichtet sich die alfabet-orientierte vorgangsweise des autors nochmals, wenn die substantive als kadenz ihrer diktionär-fiktionären ordnung im countdown runtergelistet werden.

another abbreviation (…) another attraction another author another autograph another automat another avalanche another avenue another aversion another aviary another avoidance another avocation another avid avowal another awareness another awakening another awesome age another axis another Alva another Alex another Allen another Alfred another Africa another alphabet. [07]

ein buch wie dieses, wünschte ich mir, könnte doch auch mal hunderttausendfach in der wiener stadt verteilt, verschenkt werden, falsch wäre so eine literatur-als-kunst-aktion nicht. walter abish, der jetzt in new york lebt, wurde 1931 in wien geboren, als kind kam er auf der flucht vor den nazis nach shanghai, nach einigen jahren und einem architekturstudium in israel unterrichtete er ab den frühen 50er jahren er in den usa an den universitäten columbia und yale.

einen stärkeren thematischen bezug zu elfriede jelineks DIE KINDER DER TOTEN hat allerdings sein roman HOW GERMAN IS IT - WIE DEUTSCH IST ES, der 1980 erschien. darin ist der erzähler eine sehr interessante mischung aus fremdenführer und detektiv, der fragend und baedeker-infos ausstreuend durch das deutschland zur zeit der RAF fährt. die nazi-vergangenheit scheint im alltag vollständig vergessen, stadt und land sind peinlich sauber, schmuck geradezu, nur die vereinzelten anschläge der terroristen stören das ordentliche erscheinungsbild. eine stimmung des penetrant unguten, des gfäudn, wie man in wien sagt, durchzieht das buch, das auch einen philosophen enthält, der sich intensiv mit der titelfrage beschäftigt: was ist das kontinuierlich deutsche an den deutschen. 1981 wurde das buch mit dem ersten PEN | FAULKNER-award ausgezeichnet.

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SWITCH : TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN

DIOSCURein anderer autor, ein anderes alfabet, ein anderes wörterbuch, ein anderes konzept, eine andere konstruktion, ein anderes sprachkunstwerk.
“Wer A sagt, muss auch B sagen” lautet ein motto von TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN. schon die gattungsbezeichnung ist wörtlich zu nehmen, denn das buch ist in radikalster weise die utopie eines romans, ist als sprachkunstwerk - wie die meisten arbeiten von gerhard rühm - gleichzeitig auch exemplarisch für den expansiven umgang des autors mit genres, gattungen, arten. zum akt der schöpfung (bei TEXTALL dauerte er von 1988 - 1992) gehört immer auch die neuschaffung der gattung, der das werk angehören wird. nicht irgendwelche enge literaturwissenschaftlich gängige definitionen bestimmen, was ein roman ist, sondern jeder roman, und TEXTALL auf jeden fall, definiert durch seine existenz die aktuellen grenzen von gattung und genre. allein diesen anspruch in einem buch realisiert vorzufinden, macht es unausweichlich zu einem lieblingsbuch.

zur konstruktion: der text besteht aus dem gesamten wortangebot des deutschen teils eines japanischen wörterbuchs. gegliedert in 22 kapitel, sie entsprechen den 22 buchstaben, die in der umschrift der ideogramme das japanische vom lateinischen alfabet benutzt. jedes kapitel wird eingeleitet durch die textsorte zeitungsartikel, vom 1. bis zum 22. jänner 1992 gesammelt. der zunehmende zeitliche abstand der aktuellen meldungen gibt TEXTALL eine historische dimension. die aufgerufenen erinnerungen (oder bei jüngeren lesern: nicht-erinnerungen) lassen das narrativ entstehen: erzählungen aus einer mehr oder minder vergangenen, die gegenwart noch immer mehr oder weniger durchdringenden, kontaminierenden welt. bei einem bestimmten wort hört der artikel auf und die poetischen texte beginnen, er setzt als fusstext erst wieder ein, wenn in der dichtung ein schaltwort erscheint (gekennzeichnet mit einem sternchen). an dieser stelle muss sich der leser entscheiden, in welcher sprachwelt er weiterliest: im narrativ der zeitungsmeldung oder im assoziationsdichten textfluss des jeweiligen stichworts, in das die einzelnen kapitel gegliedert sind.

überwiegend ist prosa die textgattung der wahl. oft über viele seiten faltet sich ein hervorragend surreales, assoziationsdichtes sprachgewebe auf, das einen beim lesen ständig aus der normalen sprachwelt herauskatapultiert in höchst anspruchsvolle textlichkeit. die im alltag verankernden bzw. den alltag ausmachenden orientierungen verlieren an verbindlichkeit. ich lese mich schwebend, texte und kontexte kippen ineinander, schaffen sich (und mich) neu.

stellvertretend und als einstiegsvorschlag der hinweis auf einige stichwörter: “begierden” (s. 32f), “beschreibung” (s. 36.f), “käfige”, “katalog”, katastrophen” und “kaufhaus” (s. 100 - 119). ein kleiner ausschnitt aus “kaufhaus” mag die fluide textgestaltung, die souveräne beherrschung des materials und der methode wie die poetische qualität einer gegenwarts-surrealen sprach-inventur zeigen.

(…) scheunen für zeppeline, (luftschiffe). koks für kläger. höhere und bessere appartementhäuser gegen atemnot (atmung durch atemzüge). kleine sinfonien, heimatlose trommelfelle und andere galanterie- und kurzwaren. detaillierte fohlen mit genauen kreiseln. sind sie verlegen und ratlos heute abend? dann guten abend beim zusammenspiel mit hochmütigen aufgeblasenen mitspielern! knüppel gegen büchsenfleisch. seetang und roher reis für ihre schläfe. drängen sie sich um die pauschale nach dem komma. hintertore gegen schwangerschaft. fledermäuse für ammen und kindermädchen ohne kompass. zirkel zum schliessen. wiegenlieder aus dem computer. weizen und mehl für dunkelblaue beamte mit geduld und energie. kondensatoren, die insekten mit einem eckstoss (eckball) zerschellen und pulverisieren, bevor sie selbst in stücke gehen. präservative zum kneten, vermischt mit vitamin b, diesmal ohne beziehung, von nun an vom müller. diesen monat unser anliegen: eine mischung mischlinge auf ihre bitte. eine basis aus beton für ihre gesinnung. (…) [08]

alles ist allen bekannt, aber dank gerhard rühms collagierender, montierender schöpfungs-intervention entsteht eine sprachwundervolle parallelwelt, die - so die von den vorworten insinuierte erklärung - synchron in - aber getrennt von - unserem bekannten universum existiert.
die mehrfachwelten-spekulationen von quantenphysikern leiten das TEXTALL ein, gemeinsam mit einem auszug aus bertrand russellsDas ABC der Relativitätstheorie” und bemerkungen zu zen, objet trouvé (die glücklich gefundenen objekte), surrealismus (christian kellerer: “Zur Psychologie der modernen Kunst“).

ein schaltwort, so die assoziation, könnte als brücke (oder als schleuder) von einer der mehrfachwelten zur anderen dienen - wobei allerdings, wenn ich es recht verstehe, man immer nur in einer welt existiert, egal in wie vielen welten man sonst noch so oder so ähnlich existieren mag. konkret ist man immer in der einen welt. vielleicht ist “unser” universum ja auch das einzige, in der mehrfachwelten-theorien artikuliert werden können.

das sprachmaterial mag noch so zufällig und vorgegeben sein, ist es nur reichhaltig genug, dann entstehen zwangsläufig texte, die von der unverwechselbaren hand- (bzw. maschin-)schrift des autors, von seiner einzigartigen konkretheit zeugen. seine denk- und schreibhaltungen, seine assoziations- und pointierungsgewohnheiten, der ganze fundus erarbeiteter formen, all die lieblingsthemen und blickwinkel (das weltall z.b. oder weltuntergänge), bereichert um die tätigkeiten und gegenstände hier des japanischen alltags eben, machen gerhard rühms TEXTALL aus. konkrete poesie, gedichte, traumlogische textaggregationen, lustvolle sprachspiele mit logik und widersinn, mit bild und rahmen, text und kontext, inter- und metatext finden sich immer wieder. besonders schön unter dem stichwort “illustrierte” (s. 79 - 94), wo sich der text in der art einer bildunterschrift unter leeren rechtecken entlangzieht und die zu einer illustrierten nun mal gehörenden illustrationen völlig der phantasie des lesers überlassen bleiben. eine brauchbare zen-illustrierte ist erfunden. immer wieder allerdings ertappe ich mich dabei, dass ich erinnerungen an fotomontagen und zeichnungen rühms, wie ich sie seit den 70er-jahren kenne und schätze, in die freien felder einfüge.

widmungen dürfen in einem vollständigen roman nicht fehlen, auf sie weist der autor mit vollendeter eleganz hin:

dieses buch ist den lesern der dichter gewidmet, denen die kapitel 10, 15, 16, 17 gewidmet sind.

mit einem zitat aus dem 15. kapitel (benjamin péret gewidmet) möchte ich mit meinem parallel-lese-switch durch lieblingsbücher für dieses mal aufhören. es ist ein mit mehrfachbedeutungen spielendes listen-gedicht, dessen paar-vorschläge man ernsthaft bedenken sollte.

paare

der spielautomat, die spielhalle.
der backofen, die bäckerei.
der bäcker, die eisdiele.
der eisbrecher, die pastete.
der slip, die unterhose.
der schlüpfer, die strumpfhose.
der pianist, die pediküre.
der schlafanzug, die ananas.
der sexfilm, die pinzette.
der strafstoss, die kneifzange.
der locher, die dauerwelle.
der deckoffizier, die party.
der zahlmeister, die petersilie.
der partner, die funkstreife.
der streifenwagen, die halbtagsarbeit.*
der kitt, die reifenpanne.
der prospekt, die technische dichtung.
der betrug, die parkuhr.
der grosse hunger, die pfefferminze.
der paprika, die papierserviette.
der anstreicher, die farbe.
plumps! klatsch ! [09]

und hinter den urknall | urhauch des a-sagens gibt es kein zurück.

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SWITCH - NACHBEMERKUNG

noch einige vorschläge für die parallellektüre, das offen loopende herumswitchen in einem text-universum, das sich irreversibel ausdehnt.
friederike mayröcker: REISE DURCH DIE NACHT < > thomas ballhausen: GERÖLL | brigitta falkner: AU - DIE METHODISCHE SCHRAUBE < > gertrude stein: TENDER BUTTONS | werner kofler: IN MEINEM GEFÄNGNIS BIN ICH SELBST DER DIREKTOR < > thomas pynchon: VINELAND / liesl ujvary: ALPHAVERSIONEN < > anna blaman: EINSAMES ABENTEUER | elfriede gerstl: MEIN PAPIERENER GARTEN < > henri michaux: MEINE BESITZTÜMER.
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QUELLTEXTE

walter abish: ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA: übersetzung: jürg laederach (urs engeler editor 2002)
elfriede jelinek: DIE KINDER DER TOTEN (rowohlt taschenbuch 2004)
gerhard rühm: TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN (rowohlt verlag 1993)

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ENDNOTEN

[01] - elfriede jelinek: DIE KINDER DER TOTEN (rowohlt taschenbuch 2004), s. 446
[02] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 365
[03] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 246
[04] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 217/218
[05] - vor- und zurückblätternd geniesse ich eine kleine sprach-spiel-anekdote, die jürg laederach beim übersetzen erfindet, sie hat mit dem englischen “prick” zu tun. abish verwendet die bezeichnung ganz selbstverständlich, laederach im deutschen text packt sein synonym-wörterbuch aus und kommt mit einer ganzen latte von euphemismen für den alltäglichen “schwanz” an, die von “schwengel” bis “balthasar” reichen.
[06] - walter abish: ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA - übersetzung: jürg laederach. (urs engeler editor 2002), s. 7
[07] - walter abish | jürg laederach: a.a.o., s. 370
[08] - gerhard rühm: TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN (rowohlt verlag 1993), s. 112
[09] - gerhard rühm: a.a.o., s. 145f

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herbert j. wimmer | 05.01.2008 | Erstdruck : Kolik 39

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Dokumentation : Stimmen über Wendelin Schmidt- Dengler ( 1942 - 2008 )



||| DOKUMENTATION | FRIEDERIKE MAYRÖCKER | JOSEF WINKLER | APA | MICHAEL ROHRWASSER | KONRAD PAUL LIESSMANN | ROLAND INNERHOFER | PAUL JANDL | ULRICH WEINZIERL | HERBERT OHRLINGER | PLATTFORM UNIVERSITAERE MITBESTIMMUNG | WERNER WINTERSTEINER | KARL WAGNER | FRANZ SCHUH | KLAUS NÜCHTERN | ALFRED KOLLERITSCH | LINKS | RELATED

DOKUMENTATION

czz-pikto-blind-fuer-todArtikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT Reaktionen auf das plötzliche Ableben des leidenschaftlichen Germanisten , Universitätslehrers und Freundes Wendelin Schmidt-Dengler . Auf dass diese Erinnerungen an den neugierigen und förderlichen Teilnehmer am Literarischen Leben zugänglich bleiben . Die Copyrights der zitierten Stimmen und Medien bleiben dabei selbstverständlich bei deren Inhabern .

Besonders sei dabei auf die Sammlung von Nachrufen auf der Heimseite des Wiener Insituts für Germanistik hingewiesen . Die Heimito von Doderer-Gesellschaft hat eine digitale Kondolenzliste eingerichtet .

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FRIEDERIKE MAYRÖCKER : OHNE ZU AHNEN

WSD mayröcker nachruf ( click to XL )

Friederike Mayröcker , Der Standard , 10. 9. 2008

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JOSEF WINKLER : IM ZUG | NACH VARANASI

czz-pikto-blind-fuer-todVor 15 Jahren hat Wendelin Schmidt-Dengler mein Leben verändert. Nach einer gemeinsamen Veranstaltung fuhren wir mit dem Zug von Udine nach Wien. Ich erzählte ihm, dass ich in den nächsten Monaten vorhabe, das erste Mal nach Indien zu fliegen, wusste nicht, ob ich nach Bombay oder Kalkutta gehen sollte. Er empfahl mir Varanasi, die heilige Stadt der Hindus. Seither war ich neunmal in Indien, siebenmal in Varanasi.

Am 1. November hätte er die Laudatio für die Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt halten sollen. Es war der Wunsch der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, und es war mein Wunsch.

Josef Winkler , Der Standard , 10. 9. 2008

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APA : BESTÜRZUNG IN ÖSTERREICHISCHER PRESSE

czz-pikto-blind-fuer-todWien (APA) - Mit großer Bestürzung hat die österreichische Presse auf den überraschenden Tod Wendelin Schmidt-Denglers reagiert. Nachrufe würdigen seine Leidenschaft für die Literatur, seine Fähigkeit, sie weiterzugeben und seine Expertise, die über die Bücher bis zum Fußball hinausreichte. ( … )

Im Ö1-Morgenjournal kamen auch einige Autoren zu Wort.

Robert Menasse reagierte tief betroffen auf den Tod seines Doktorvaters:

Ich fühle mich buchstäblich verwaist, seitdem ich von seinem Tod erfahren habe. Ich habe von ihm ganz entscheidende Dinge im Hinblick auf Literatur und Leben gelernt, wobei ich vor allem von ihm gelernt habe, wie sehr die beiden Dinge zusammengehören. Es ist so seltsam, dass man als Mann des Wortes über einen Mann des Wortes plötzlich nur mehr stammeln kann.

Und Friederike Mayröcker:

Ein großer Freund, er ist gestorben vor einem Tag. Er, der große Meister der Literatur. Wir haben ihn alle geliebt - was für ein Schmerz !

Essayist Franz Schuh rühmte Schmidt-Denglers Verdienste um die Gegenwartsliteratur:

Schmidt-Dengler hat den Blick geöffnet. Sowohl inhaltlich als auch von seiner Person her steht er für eine Emanzipation, ohne die es wissenschaftlichen Fortschritt nicht gegeben hätte.

Ähnlich der Architekt und Schriftsteller Friedrich Achleitner im Morgenjournal:

Er hat damit unglaubliche Verdienste erworben, weil er die Germanistik eben nicht zu einer isolierten, abgehobenen Wissenschaft gemacht hat, sondern zu einem Impulsgeber der ganzen kulturellen Landschaft.

APA0163 2008-09-09/11:01

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MICHAEL ROHRWASSER : LUZIDE UND UNBESTECHLICH

czz-pikto-blind-fuer-tod“Wäre es nicht wunderbar, diesen Mann bei einer langen Bahnfahrt durch Österreich zum Reisebegleiter zu haben ?“ fragt Lothar Müller in seinem heutigen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung. So ist es, antworten wir, die wir solche Bahnfahrten mit ihm unternommen haben, und fügen wehmütig hinzu: Wir haben dieses Privileg für selbstverständlich genommen, und jetzt müssen wir ohne ihn weiterfahren. Wenn das geht. Wir können ihn nicht mehr um Rat fragen, keinen Hinweisen mehr folgen, kein Zitat nachhören, keine kritische Würdigung fremder und eigener Arbeiten einholen, obwohl wir immer noch seine Stimme im Ohr haben.

Meine österreichischen Freunde konnten viele Facetten und Nuancen seines Wirkens als Lehrer, Erzähler und Impulsgeber wahrnehmen, während für mich, der ich ihn erst 1991 kennengelernt habe, erst einmal ein Grundkurs in österreichischer Literatur angesetzt wurde, damals in Stanford. Ich traf ihn dort zuerst, wo sonst, in der Bibliothek, wo ich ihn, umgeben von Bücherstapeln, traf: Wendelin Schmidt-Dengler, den leidenschaftlichen Leser. Unser erster Dialog ging etwa so: Man kann nicht alle Bücher dieser Welt lesen – aber man kann es zumindest versuchen – immerhin, so schränkte er ein, gebe es auch einige, mit denen man sich nicht näher einlassen wolle.

Er war nicht nur damals und nicht nur zu mir großzügig – er war es gegenüber vielen, die weniger gelesen hatten und weniger schnell waren ( also: gegenüber allen ). Er hat sich unterschieden von seinen Kollegen, den Literaturhistorikern, von jenen nämlich, die als ihren heimlichen Schutzpatron Prokrustes verehren, die ihre Anschauungen durch ein Zuviel an Lektüre gefährdet glauben: ein Unpassendes wird abgeschnitten, ein Unzureichendes wird gedehnt ( “Lesen macht befangen“ heißt eine Devise, die auch in Kommissionen immer mehr Anhänger findet ). Seine Gegner haben es sich leicht gemacht, wenn sie ihn zum großen Unterhalter und Plauderer herabwürdigten ( Mann mit “Formulierungsgabe“ stand in einem der Nachrufe ), denn für den kleinen Appetit hat er nicht gelehrt, Literatur wurde bei ihm nicht verharmlost und verkleinert zum mundgerechten Happen, zum event, Literatur war nicht zuletzt Beunruhigung, Provokation, auch Tröstung, und hier ging er nicht selten Bündnisse mit seinen Autoren ein.

Was mir damals zuerst auffiel, neben seiner stupenden Belesenheit, seinem phänomenalen Gedächtnis, neben seiner Fähigkeit, zum Lesen anzustiften und eigene Urteile zu überprüfen, neben seinen innovativen Blicken auf Texte und Autoren, die immer genau, unerbittlich, ja streng waren, das war seine Fähigkeit, sich in die Autorinnen und Autoren zu verwandeln. Mit einer kleinen Drehung seiner Hand, aus dem Ellbogengelenk heraus, war er plötzlich Gerhard Rühm oder Ernst Jandl, was ich spätestens dann verstand, als ich die Originale sprechen hörte.

Lesen und Leben waren bei ihm nicht getrennt, weil er auch beim Lesen alle seine Sinne geöffnet hatte. Er kannte keine kanonischen Hierarchien und, wo er die Quellen kannte, respektierte er auch keine Lehrmeinungen, so wenig wie er jenseits der Bücher den akademischen Hierarchien Respekt zollte: Er erkannte die akademischen Nichtleser und die autoritätsbeflissenen Nichtsnutze, und er hielt sich, wenn es irgend ging, von ihnen fern. Er konnte jenen den Rücken zuwenden, die in Selbstverliebtheit von ihrer Liebe zur Literatur sprachen und dabei ihre Stimme vibrieren ließen. Gleichwohl hat er die Wiener Germanistik geprägt wie kein anderer, und das in einer seltsamen, unheimlichen Bündelung: als Lehrer, Betreuer und Förderer ( wer wollte sich da mit ihm messen ? ), und auch als wissenschaftlicher Autor, der für seine Autoren Revisionsverfahren anstrengte, sie nicht selten von falschen Etiketten befreite. Es war eine Sisyphus-Arbeit, denn in einigen Fällen überlebten auf dem Literaturmarkt nicht seine kritischen Editionen sondern die verharmlosenden Lesarten ( etwa bei Herzmanovsky-Orlando ).

Schmidt-Denglers Stärke hat ihre Wurzeln gewiss auch außerhalb der akademischen Welt. Wir kennen alle die Sentenz, die in der hier zitierten Variante Jean Cocteau zugeschrieben wird: Wer nur etwas von Film versteht, versteht auch davon nichts. Hätte Schmidt-Dengler nur Augen für Bücher und für die Wiener Germanistik, hätte er auch hier keine starken Spuren hinterlassen können. Das heißt, dass wir auf den Bahnfahrten und Flügen und Autofahrten mit ihm nicht nur etwas über ( österreichische ) Literatur lernten – am Rande gesagt: seine Liebe zur österreichischen Literatur war nie, wie bei einigen anderen, verbunden mit der Missachtung anderer Literaturen, denn dazu war er ein zu leidenschaftlicher Liebhaber der Weltliteratur –, sondern die Gespräche zogen weite Kreise über Vereinsgeschichten, über europäische Geschichte, über den homo academicus, Erziehungsfragen und Bauernregeln. Die größten Literatursüchtigen, die unermüdlichsten Lesenden und Schreibenden sind gerade jene, die nicht in der Literatur als einer Scheinwelt verschwinden, die keine billigen Tröstungen suchen, nämlich ein Vergessen, sondern sich gerade hier ihre Genauigkeit für den Alltag gewinnen. Denn das machte das Eigene von Wendelin Schmidt-Dengler aus – und warum soll man nicht von Größe sprechen – dass seine gesellschaftspolitische Einmischung und sein universitätspolitischer Einspruch ebenso luzide und unbestechlich waren wie sein literarisches Urteil.

Wir haben den Größten verloren.

Michael Rohrwasser , Institut für Germanistik Wien , 10.September 2008

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KONRAD PAUL LIESSMANN : GLÜCKSFALL EINES GELEHRTEN

czz-pikto-blind-fuer-todWendelin Schmidt-Dengler war der Glücksfall eines Gelehrten: im klassischen Sinn humanistisch gebildet, fasziniert von Neuem, aufgeschlossen, engagiert. Humorvoll und hilfsbereit. Sein Fach “Literatur” war ihm nicht mehr Gegenstand, sondern Lebensinhalt, der weit mehr umfasste als das wissenschaftliche Interesse. Schmidt-Dengler war nicht nur ein begnadeter Lehrer und Vortragender, sondern auch ein Förderer der Literatur.

Wo immer er konnte, unterstützte er Institutionen, aber auch Menschen. Er prägte Generationen von jungen Wissenschaftern, Lehrern und Schriftstellern, er war nicht nur Kritiker, sondern vor allem auch Mentor, und er vertrat eine umfassende Idee von Bildung, die sich mit der wettbewerbsorientierten Manager-Universität unserer Tage schlecht vertrug. Nicht zuletzt aus Protest gegen diese Entwicklung hatte er sich nicht in den Senat wählen lassen, um - wenn auch vielleicht auf verlorenem Posten - für seine Vorstellung einer demokratisch organisierten Universität zu kämpfen.

Wendelin Schmidt-Denlger war voller Pläne gewesen. Mit ihm, dem ich seit mehr als 30 Jahren verbunden war, verliere ich nicht nur einen wunderbaren Kollegen, mit ihm verliert die Universität einen ihrer hervorragendsten Vertreter. Sein Tod kam einfach viel zu früh.

Konrad Paul Liessmann , Der Standard , 10. 9. 2008

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ROLAND INNERHOFER : VITALITÄT , ENERGIE UND GÜTE

czz-pikto-blind-fuer-todWie kann jemand, dessen Anwesenheit in jedem Augenblick so spürbar war und ist, plötzlich nicht mehr da sein ?

Wendelin Schmidt-Denglers Vorlesung “Österreichische Literatur nach 1945“ hat mich am Beginn meines Studiums begeistert. Seither war er für mich Lehrer und später auch Freund, beides im emphatischen Sinn. Seine Leidenschaft für die Literatur war ansteckend, seine Geistesgegenwart war bewundernswert und unnachahmlich. Unzählige Studierende hat er durch seine Vorlesungen und Seminare für die Germanistik eingenommen. Seine Stimme wirkte im engen Kreis wie in der Öffentlichkeit gleichermaßen markant. Blitzschnell stellte er überraschende und präzise Verbindungen her und konnte dabei mühelos auf ein stupendes Wissen von der Antike bis zur Avantgarde zurückgreifen.

Wendelin Schmidt-Dengler ist niemals den Versuchungen machtgestützter Eitelkeit erlegen. Er ist sich selbst, seinen Freunden und der Literatur treu geblieben. Er hat sich nicht nur um die toten, sondern auch um die lebenden Autoren nach Kräften gekümmert. Die Vitalität, Energie und Güte, die er ausstrahlte, waren und sind beglückend. Leben wie lesen – wie kein anderer hat Wendelin Schmidt-Dengler diese Utopie verkörpert. Jetzt ist er verschwunden. In seinen Schriften und in unseren Erinnerungen lebt er weiter.

Roland Innerhofer , Institut für Germanistik

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PAUL JANDL | NZZ : IN DIE WELT GEDACHT

czz-pikto-blind-fuer-todEine Phänomenologie gescheiterter Feste in der Literatur wollte er noch schreiben, nun hat er auch sein eigenes Fest nicht mehr erlebt. Der renommierte deutsche “Preis der Kritik“, der neben einer Ausgabe der Werke Heinrich Heines aus neunundneunzig Flaschen Wein besteht, hätte Wendelin Schmidt-Dengler bei der kommenden Frankfurter Buchmesse verliehen werden sollen. Für einen, dem die Askesen der Wissenschaft zu wichtig waren, um sich auch noch im Leben zu kasteien, wäre diese Gabe passend gewesen. Die beigefügte Lobesprosa war dem Bescheidenen wohl etwas unangenehmer: «Für eine Kultur der aufgeklärten Lektüre, gründlich, kritisch und meinungsstark», stehe der Wiener Germanist.

Wendelin Schmidt-Dengler, 1942 in Zagreb geboren und vergangenen Sonntag in Wien überraschend gestorben, war ein Wissenschafter, der die Philologie nicht zum Orchideenfach verkommen lassen wollte. Weil er ihre Nutzanwendungen als Universitätsprofessor, Chef des Österreichischen Literaturarchivs und nicht zuletzt als Kritiker mit ironischer Eleganz in sich bündelte, strahlte sein Wissen weit über die Grenzen der elitären Forschung aus. Unter den Germanisten war Wendelin Schmidt-Dengler ein Erzähler von Graden. Dass der lebensnahe Vortrag dem Pädagogen Schüler ohne Zahl einbrachte, war gewiss nicht zum Schaden der Zunft.

Als 26-Jähriger wird der gelernte Altphilologe, der mit einer Dissertation zu den “Confessiones” des Aurelius Augustinus promoviert hat, damit beauftragt, den Nachlass Heimito von Doderers zu bearbeiten. Die Bekanntschaft mit Werk und Autor wird zur prägenden Erfahrung. Mit Österreichs idiosynkratischen Dichtern, den Unzeitgemässen und den Querköpfen, befasst sich Schmidt-Dengler immer wieder. Seit den sechziger Jahren entstehen grundlegende Essays zu Thomas Bernhard, zu einem Autor, dessen Werkausgabe der Germanist bis zuletzt federführend betreute. Von Johann Nestroy über Fritz von Herzmanovsky-Orlando und Albert Drach reichte der Bogen von Wendelin Schmidt-Denglers Interessen bis zu Österreichs literarischer Avantgarde. Auf dem Podium der Universität und in den Foren der Kritik, etwa beim “Literarischen Quartett“, galt für Österreichs brillantesten Philologen das, was Karl Kraus über den von ihm verehrten Nestroy sagt: Er hat “aus dem Stand in die Welt gedacht”.

Paul Jandl : In die Welt gedacht
Zum Tod des österreichischen Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler , NZZ , 10. 9. 08

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ULRICH WEINZIERL | DIE WELT : LA GAYA SCIENZA

czz-pikto-blind-fuer-tod( … ) Mit Buchstaben und Geist, mit Metaphern und Kontexten von Büchern hantierte er stets sachkundig und virtuos zugleich. Zudem war er in Österreich der erste, der Zeitgenössisches konsequent in seinen Vorlesungs- und Forschungsplan aufnahm.

Als Herausgeber der Werke Heimito von Doderers, Fritz von Herzmanovsky-Orlandos, Albert Drachs und Thomas Bernhards ging sein Wirkungsradius weit über akademische Kreise hinaus. Er liebte Nestroy und Ernst Jandl, war bei Canetti nicht minder zu Hause als bei Karl Kraus.

Ein Bewohner des Elfenbeinturms wollte dieser Gelehrte, der eine fröhliche Wissenschaft unterrichtete und praktizierte, nie sein. Kein Wunder, dass ihn eine Fachjury 2007 zum “Wissenschaftler des Jahres” wählte. Österreichs Schriftsteller schätzten ihn als kritischen Wegbegleiter und scharfsichtigen Rezensenten, seine Schüler als immer hilfsbereiten Mentor und Freund auch jenseits der Studienzeit. Wendelin Schmidt-Dengler ist am Sonntag im 67. Lebensjahr unerwartet an den Folgen einer Operation verstorben.

Ulrich Weinzierl : Der Wiener Germanist Schmidt-Dengler ist gestorben , DIE WELT , 9. 9. 2008

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HERBERT OHRLINGER | FAZ : LESEN - LEBEN

czz-pikto-blind-fuer-tod( … ) Doch Wendelin Schmidt-Dengler war viel mehr als ein besonders versierter Hochschullehrer, das Leben bedeutete für ihn Lesen - und Lesen war Leben. Er verkörperte Literatur und ihre Geschichte, indem er sie aus den Hörsälen hinaustrug und sich als Kritiker, Herausgeber, Vortragender, Diskutant für sie einsetzte. So verwundert es auch nicht, dass er Walter Benjamins Warnung vor dem fragwürdigen Ehrgeiz der Wissenschaft gegenüber der Tagesaktualität wiederholt entgegenhielt, ob es denn das Ziel der Literaturwissenschaft sein könne, es an Uninformiertheit mit dem “hauptstädtischen Mitteilungsblatt aufnehmen zu können”.

Dabei agierte er bei seinen Interventionen weniger als “Literaturpapst”, als der er in Österreich fälschlicherweise bezeichnet wurde, sondern eher als humorvoll- ironischer Vermittler, der bei aller Schärfe der auseinandersetzung die Interessen der Schriftsteller und die Ansprüche der Literatur nie vergaß. ( … )

Herbert Ohrlinger : Wiener Einmannbetrieb
Zum Tod des Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler , FAZ print , 10. 9. 2008

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PLATTFORM UNIVERSITAERE MITBESTIMMUNG ( PLUM ) : DEM DEMOKRATEN WIDER DEN ( UNIVERSITÄTS- ) POLITISCHEN ZEITGEIST

czz-pikto-blind-fuer-todLiebe Kolleginnen und Kollegen,

seit vergangenem Sonntag wissen wir: Wendelin Schmidt-Dengler wird uns seine feinsinnigen literaturwissenschaftlichen Analysen, seine entwaffnenden Beobachtungen im universitaeren und sonstigen Alltag sowie seine leidenschaftlichen Plaedoyers fuer eine Redemokratisierung der
oesterreichischen Universitaeten nicht mehr vortragen. Wir trauern um einen Kollegen, dem es beispielhaft gelungen ist, hoechste wissenschaftliche Qualitaet mit ihrer lustvoll gelungenen didaktischen Vermittlung, sowie einer kritischen und demokratischen Hochschulpraxis, zu verbinden.

Kollege Schmidt-Dengler, selbst ein Top-Wissenschaftler, wurde nicht muede, sich vom opportunistischen Elitismus von Vertretern des wissenschaftlichen Mittelmaszes zu distanzieren. Er hat den “autoritaeren Charakter“ des UG 2002, die oekonomistischen Engefuehrungen des Rektorats oder auch die Implementierung der Bologna-Studienarchitektur angeprangert.

Die internationale Wuerdigung seiner wissenschaftlichen, literaturdidaktischen und literaturkritischen Leistungen hat unmittelbar nach Bekanntwerden der schmerzenden Nachricht eingesetzt und kann dank der Bemuehungen von ORF und kulturpolitisch engagierten Printmedien ( vgl. “Der Standard“ 08-09-09:29 und 08-09-10:39 ) mitverfolgt werden.

Da uns mit Kollegen Schmidt-Dengler aber abgesehen von seiner wissenschaftlichen Vorbildwirkung auch zahlreiche hochschulpolitische Gemeinsamkeiten verbinden, moechten wir gerade diese in der folgenden Wuerdigung hervorheben, zumal sie in den offiziellen Darstellungen der Universitaet und der Oeffentlichkeit unterbelichtet geblieben sind.

Nicht erst seit seinem Inkrafttreten, sondern schon bei dessen Konzeption hat Kollege Schmidt-Dengler die autoritaeren und arbeitsbehindernden Zuege des UG 2002 in aller Schaerfe kritisiert. Sein Auftritt bei der diesbezueglichen parlamentarischen Enquete ist legendär ***. Er war es auch, der sich umgehend mit den gegen das UG 2002 protetsierenden Teilen der Kollegenschaft solidarisierte und als Vorstand des Instituts fuer Germanistik der PLUM bei ihrer Konstituierung als Vorstand des Instituts fuer Germanistik den benoetigten Hoersaal zur basisdemokratischen Organisation des Widerstands zur Verfuegung stellte.

An seinem Institut hat Schmidt-Dengler schlieszlich die Ausarbeitung und Umsetzung einer demokratischen Institutsordnung unterstuetzt, die zentrale Mitwirkungsrechte aller Lehrenden und Studierenden sicherte und zum Modell anderer Institutsordnungen vieler augeklaert gebliebener Institute geworden ist. In der Fakultaetskonferenz hat sich Kollege Schmidt-Dengler ebenso wie im Senat, in den er am 30. Maerz 2006 als Listenfuehrer einer eigenen Senatsliste mit einem beachtlichen Stimmenanteil von 25 % gewaehlt wurde, stets fuer die Anliegen einer geordneten Mitbestimmung und den Ausbau demokratischer Kontrollrechte auch an der Universitaet Wien verwendet und wiederholt seine wohlwollende Stimme erhoben, wenn sich Ansaetze fuer eine zumindest partielle Aufhebung der durch das UG 2002 vollzogenen “Entrechtung des Mittelbaus“ boten.

Es bleibt uns, ihm an dieser Stelle fuer seine beispielhafte Solidaritaet zu danken. Unter dieser Adresse haben wir ein Statement Schmidt-Denglers zur beabsichtigten Novelle des UG 2002 zugänglich gemacht. Es stammt aus der PLUM-Podiumsdiskussion vom 8. April 2008 ( “Reform des UG 2002: Retusche oder Korrektur ?“ ). Die einnehmende Verbindung von scharfsinniger Analyse und humorvoll vorbereiteter Pointe, die Schmidt-Denglers Beitraege oft strukturiert haben, zeichnet gerade auch dieses letzte uns verbliebene Dokument gemeinsamen hochschulpolitischen Auftretens aus.

Fuer die Plattform universitaere Mitbestimmung ( PLUM )
Karl Ille , Herbert Hrachovec , 11. 9. 2008

*** Nachfolgend : Die oben als “legendär” angesprochene Wortmeldung Schmidt-Denglers im Rahmen Enquete zur Weiterentwicklung des Universitätsgesetzes im Parlament | Uni-Enquete ( 3 ) : Das Leitungsdreieck und seine Akteure
( Quelle : Parlamentskorrespondenz/02/11.04.2008/Nr. 321 )

Schmidt-Dengler : Konsequente Entdemokratisierung durch das UG 2002

Univ.-Prof. Wendelin Schmidt-Dengler (Institut für Germanistik, Universität Wien) wies darauf hin, dass das UG 2002 es sich zur wesentlichen Aufgabe gemacht habe, einen Rückbau der Errungenschaften und Fortschritte des UOG 1975 zu erreichen. An diesem Gesetz war, betonte der Redner, nicht alles gut, aber das UG 2002 wurde ohne eine umfassend diskutierte Mängelfeststellung verabschiedet: “Der Kraftakt einer Regierung, die meinte, kräftig zu sein”.

Die Folge sei die konsequente Entdemokratisierung der Universität, die Abschaffung oder Zurückdrängung der Gremien, aus denen alle relevanten Entscheidungen ausgelagert wurden. Der Senat als einziges Organ, das die an der Universität Beschäftigten repräsentiert, sei weitgehend zur Passivität und zur Durchführung von Vorgängen ausersehen, die lediglich von administrativem Belang sind, so Schmidt-Dengler.

Dass der so genannte Mittelbau in diesem Gremium nur auf einer Schwundstufe begegne, sei ein “besonders skandalöser Aspekt”. Das UG 2002 weise in entscheidenden Fragen wie in der Funktion der Institute Lücken auf. “Institutsvorstände werden auf rätselhafte Weise bestellt oder auch nicht bestellt, es gibt sie oder es gibt sie nicht. Welche Kompetenzen sie haben, ist unklar. Unangenehme Entscheidungen werden ihnen überlassen oder werden ihnen in die Schuhe geschoben. Intransparenz bestimmt auch die jüngsten Entwicklungen, das Rektorat schottet sich ab, erteilt dauernd Arbeitsaufträge, die von den wichtigen Entscheidungen personaler und organisatorischer Natur ablenken oder es versucht, uns mit Kinkerlitzchen wie E-Learning zu beschäftigen”, kritisierte Schmidt-Dengler.

Seiner Ansicht nach müssen die vorliegenden Vorschläge zur Reform berücksichtigt werden. Die Kollegen an den Universitäten müssten sich wieder als “mitbestimmende und nicht bestimmte” MitarbeiterInnen fühlen.

Dem Hang zur Demotivierung müsse ein Ende bereitet werden, so der Redner.

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WERNER WINTERSTEINER : LIBERO IM LINKEN MITTELFELD

czz-pikto-blind-fuer-todDer “Wissenschaftler des Jahres“ 2007 war ein glänzender Kopf, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, den Wert eines anderen in den Schatten stellen zu wollen. Im Gegenteil, er hat aus eigenen Mitteln einen Preis für junge GermanistInnen ins Leben gerufen. Für uns junge StudentInnen in den 1970er Jahren war er der beste Lehrer von allen, der einzige, der uns ernst nahm und den auch wir protestierenden Jungspunde respektierten. Er setzte sich mit uns auseinander – aber er ließ uns auch seine Ironie spüren. Zum Beispiel, als er den Brief an eine Studentenzeitung mit den Worten begann: “Nachdem sie sich von dem schock erholt haben, dass auch ich der kleinschreibung mächtig bin, möchte ich festhalten …”

Sein Humor war eine weitere hervorstechende Eigenschaft, die ihn so beliebt machte, mit der er sich aber auch Gegner schuf – zumindest, bis er selbst zu einer Institution wurde. Und diese Institutionalisierung gelang ihm nicht nur aufgrund seiner Verdienste um die Hochkultur, sondern weil er es verstand, auch alltagskulturelle Phänomene, vor allem den so geliebten Fußball, enthusiastisch und kritisch zugleich zu kommentieren.
Ebenso liebenswürdig und humorvoll war er auch im beruflichen Umgang.

Als ich ihn bat, für das Themenheft “Fußball“ einer Zeitschrift einen Beitrag zu verfassen, antwortete er zunächst nicht, um sich dann, als ich ihn schon drängte, geschickt aus der Affäre zu ziehen: “Lieber Herr Kollege, pardon, ich habe nicht früher geantwortet, weil ich Ihnen im Herzen die Zusage schon gegeben habe. Sie haben mich ganz richtig aufgestellt, im linken Mittelfeld, von wo ich das ganze Geschehen überblicke.“

Als Libero im linken Mittelfeld, konziliant und kritisch zugleich, als jemand, der das ganze Geschehen überblickt, so möchte ich ihn auch in Erinnerung behalten. Und ihm, der uns “im Herzen seine Zusage gegeben“ hatte, dankbar sein für das, was er für uns, was er für die Literatur, was er für Österreich getan hat.

Werner Wintersteiner ( Klagenfurt ) , Institut für Germanistik

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KARL WAGNER : EINE KLAGE
manuskripte 181 , Graz , Oktober 2008 , 6 - 7

czz-pikto-blind-fuer-todKalt gelassen hat er keinen, weil er nicht kalt war und kein Zyniker. Wohl aber war er sarkastisch und mit einem Witz begabt, der normalerweise für ein ganzes Institut reicht – und oft auch hat reichen müssen. Weil viele – bis heute – glauben, Humorlosigkeit sei mit Ernsthaftigkeit gleichzusetzen (oder deren Voraussetzung), hat er es nicht leicht gehabt. Von den Demütigungen des Betriebs ist auch Wendelin Schmidt-Dengler nicht verschont geblieben. Aber gegen seine Intelligenz, Belesenheit und Hilfsbereitschaft war auf Dauer kein noch so giftiges Kraut gewachsen.

Seine Schnelligkeit, für den Witz unerlässlich, hat manche, die gewohnt sind, ihre Irrtümer mit großer Pedanterie auszuarbeiten, dazu verleitet, ihn für vorschnell zu halten. In Wahrheit beherrschte er lediglich etwas, das selten ist: schnell und gut zu denken. Sein Urteil war treffsicher und nie dogmatisch; keine Rede über ihn ist törichter als das Klischee vom (österreichischen) “Literaturpapst“. In einer Studentenzeitschrift wurde er einmal als das berühmte Interpretationsduo Schmidt & Dengler bezeichnet: Tatsächlich hat das etwas sehr Einleuchtendes für uns Langsame. Angesichts seiner immensen Produktivität hat es ja auch etwas Tröstendes zu denken, es seien zwei am Werk gewesen: zumindest zwei. Und das nicht nur beim Schreiben, sondern auch bei den vielen organisatorischen Aufgaben, die zu übernehmen er sich nie zu schade war. Kein anderer hätte die Aufgaben des Institutsvorstands mit der Leitung des Österreichischen Literaturarchivs vereinbaren können; freilich habe ich ihn mitunter auch sehr müde und verloren gesehen. ( … )

Weil ein Fach wie die Germanistik einst ein Versprechen war, war und ist sie ein Massenfach, das auch höchstbegabte AbsolventInnen hervorgebracht hat, ohne dass die Gesellschaft dies gewürdigt hätte durch Berufsaussichten, Förderung und Anerkennung. Wendelin Schmidt-Dengler hat mehr als jeder andere diese strukturellen Defizite als persönliche Aufgaben zurückgespielt bekommen. Sein Einsatz für promovierte GermanistInnen ohne Stelle ist nie gewürdigt worden. Sein Versuch, strukturelle Defizite durch persönlichen Einsatz zu kompensieren, war eben so heroisch wie bewunderungswürdig – und der Melancholie günstig. Es wäre ein besonderes Experiment, wenn alle die, die von ihm einmal ein Empfehlungsschreiben oder eine Unterstützung bekommen haben, jetzt auch nur eine Dankeszeile schrieben.

Er war zu gut, um auf die Idee zu verfallen, es gäbe nur (s)eine Eigenart und Methode, mit Literatur umzugehen: Er hat sich nie auf Kosten von germanistischen Versuchen profiliert, die, im Unterschied zu seinen, nicht mit öffentlichem Beifall rechnen durften. Es war auch diese Solidarität zum Fach Germanistik, die ihn zu einer so bemerkenswerten Figur in der österreichischen Nachkriegsgermanistik haben werden lassen. Wie viele haben in seinem Windschatten die Kontroversen des Faches nicht einmal gespürt.

Seine Spezialität, die österreichische Literatur, hat er auch deshalb so glaubwürdig vertreten können, weil er nicht nur mit dieser vertraut war. Er war gewiss der belesenste Mensch, dem ich begegnet bin. Was für ein Glück, gleich im ersten Semester darüber staunen zu dürfen – und ich bin aus dem Staunen nicht herausgekommen. Er hat sich, so scheint es mir immer noch, auch alles gemerkt hat, was er je gelesen hatte. Sein Gedächtnis war jedenfalls phänomenal. Was aber noch mehr zählt: Bildungsdünkel kannte er nicht. Er wusste um seinen Wert, aber Eitelkeit war ihm fremd.

Er hat wie kein anderer dafür gesorgt, dass die Wiener Germanistik zu einem Ort für ausländische, insbesondere für osteuropäische Studierende geworden ist. Er war, wie alle wissen, ein hinreißender Lehrer; dabei hat er mich seinerzeit oft ratlos aus seinen Lehrveranstaltungen entlassen – wie froh aber war ich, dass er mich nicht mit didaktischem Billigtrost abgespeist hatte.

Schmidt-Dengler, der strikt Antisystematische, hat für die Erforschung der österreichischen Literatur Meilensteine gesetzt. Gegen die beliebte Rede von seiner Medienpräsenz und seiner Fußballbegeisterung (ja, ich war auch mit ihm im Hanappi-Stadion) sei daran erinnert: Er war ein Pionier für die Erforschung der österreichischen Literatur der 20er und 30er Jahre (und damit auch der fatalen Geschichte der Germanistik, die viele ihrer größten ideologischen Irrtümer mit ihrem Gegenstand teilte). Er war ein Pionier auch darin, die Gegenwartsliteratur zu einem Gegenstand der Wissenschaft und des universitären Unterrichts zu machen, als man in Wien und Zürich darüber noch die bildungsbürgerlichen Nasen rümpfte.

Mein erstes Proseminar bei ihm – er war noch Assistent – handelte von Thomas Bernhard, wohlgemerkt im Jahre 1971. Ihm ist auch er bis zuletzt treu geblieben: Mit Begeisterung zeigte er noch im Sommer dieses Jahres, beim Fest für Christoph Ransmayr, die Druckfahnen von Bernhards “Alte Meister“ für die bei Suhrkamp erscheinende Werk-Ausgabe. Andere Editionsprojekte wären anzufügen: Herzmanovsky-Orlando, Albert Drach oder Heimito von Doderer. Nicht alle waren gleichermaßen erfolgreich: es ist schade, dass die von ihm initiierte “Österreichische Bibliothek“ der Verlagspolitik zum Opfer fiel. Und er hat, nicht minder bedeutsam, die seit Karl Kraus bestehende Kluft zwischen der Germanistik und den Autoren der Gegenwart überbrücken können. Die Zeugnisse der Anteilnahme von den größten österreichischen Autoren und Autorinnen sind ein eindrucksvoller Beweis.

Zuletzt – und das ist in diesem Betrieb auch nicht so oft der Fall: er war mir ein Lehrer, ein Förderer und ein Freund: Was für ein Verlust, was für ein Schmerz.

Karl Wagner ( Zürich ) , Institut für Germanistik

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FRANZ SCHUH ( DIE ZEIT ) : DER ANDERE

czz-pikto-blind-fuer-todEs ist die Literatur, die das Bild eines Landes bestimmt, gerade indem sie allen fertigen Bildern widerspricht. ” Wendelin Schmidt-Dengler hat diesen Satz von Peter Handke in einem Vortrag zitiert, dessen Titel als Frage das Lebenswerk des am 7. September im Alter von 66 Jahren verstorbenen Germanisten charakterisiert: Wozu und zu welchem Ende studieren wir österreichische Literatur ?

Schmidt-Dengler war der Anwalt dieser sanften Gewalt, und er war nicht zuletzt ein mäctiger Mann: Vorstand des Institut für Germanistik, Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek. Ich habe Schmidt-Dengler vor Jahrzehnten kennengelernt ( … ) . Damals ging das Gerücht um, es gäbe am Institut für Germanistik einen , der wäre anders. Wie sollte das möglich sein ? Mit dem Anderen fand eine von Studenten organisierte Diskussion statt, an der auch der Dichter Reinhard Priessnitz teilnahm. Priessnitz war in ästhetischen Fragen der am meisten avancierte Denker. Der Andere war Schmidt-Dengler, damals Assistent, also am Anfang angekommen. Ich durfte mitdiskutieren und quengelte gleich am Assistenten herum. Ich empfand vor dem universitären Establishment ja keinen Respekt. Hatte ich nicht in einer der Vorlesungen, in der Paula Grogger nicht zu kurz kam, gelehrt bekommen, Kafka würde ‘weltweit überschätzt” ? Bei der Diskussion mit dem Anderen ging es hoch her und am ende war klar, dieser Mann ist anders.

Wendelin Schmidt-Dengler hat durch all die Jahre die Wiener Germanistik verändert, vor allem, indem er sie der Gegenwartsliteratur öffnete. Er verkörperte einen Paradigmenwechsel, und er hat auch schon früh als Kritiker gearbeitet. Sowohl als Kritiker als auch als Gelehrter vertrat er eine philologische Rationalität: Er hat, siehe das Zitat von Handke, der Gesellschaft klar gemacht, wie politisch der Gebrauch von Wörtern ist.

Franz Schuh : Zum Tod von Wendelin Schmidt-Dengler
DIE ZEIT ( print ) 38 | 11. 9. 2008

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KLAUS NÜCHTERN ( FALTER ) : PÄDAGOGISCHER EROS

( … ) So sehr er vor dem Rundfunkmikrophon oder fallweise der Fernsehkamera mit seiner unübertroffenen Mischung aus sachlicher Seriosität und schelmischer Schlagfertigkeit zu überzeugen wusste, seine eigentliche Arena war der Hörsaal. Wo andere auf Pflichtvorlesungen und -bewusstsein angewiesen waren, um eine schüttere Studentenschaft um sich zu versammeln, da füllte Schmidt-Dengler das Audi Max spielend bis zum letzten Sitzplatz. Bei ihm wollte man nicht einfach nur einen Schein erwerben, ihm wollte man zuhören: Der pädagogische Eros, der in dieser muffigen, tageslichtlosen Atmosphäre Woche für Woche mit zähem Phlegma und hohlem Pathos zunichte gemacht wurde ( …. ) - in den mit polemischen Extempores gewürzten Vorlesungen des brillanten Rhetorikers und studierten Altphilologen ( …. ) durfte er endlich einmal sein lockiges Haupt erheben. ( …. )

In drei Jahrzehnten hat allein seine Hauptvorlesung über eine halbe Million Hörer angezogen.

Klaus Nüchtern : Eros im Audi Max - Am vergangenen Sonntag verstarb völlig überraschend
Österreichs denkbar unpäpstlicher Literaturpapst , Falter 37 | , 10. 9. 2008

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ALFRED KOLLERITSCH : [ MARGINALIE ]
manuskripte 181 , Graz , Oktober 2008 , 4

Wendelin Schmidt- Dengler ist tot. Zahlreiche Nachrufre errichteten für ihn ein riesiges Wortdenkmal. Er jedoch ragt weit darüber hinaus. Seine Begeisterung für die Literatur, die andere in ihrem Amt gar nicht aufbringen können oder die mit ihrem Amt sehr oft der Literatur bloss schaden, wurzelt in seiner tiefen Naivität ( fast könnte man sie schillerisch umschreiben ), in einer ihm mitgegebenen Kraft und dürfte ich noch “begnadet” sagen, wäre mir das nur Recht.

Aus dieser Quelle schöpfe er die Kraft und de Lust ganz der Literatur zu gehören, ihr mit Überzeugung und Ehrlichkeit zu dienen und viele an die Literatur heranzuführen. Diese Liebe war verbunden mit einer ausserordentlichen Strenge, die gnadenlos jede Schwärmerei ausschloss, jeden Kompromiss und vor allem die Verhunzung der Literatur durch Ideologien. In hohem Masse förderte er das Gegenwärtige und prüfte es mit den Kriterien der Erfahrung. Noch nicht ganz Schätzbares leistete er für den Aufbau des Literaturarchivs der österreichischen Nationalbibliothek. Er schenkte dem Archiv das Gedächtnis für das Jetzt und die Zulunft der Schrift.

So sehr er zum Literaturbetrieb gehörte entkam er ihm und seinen Tücken. er war über ihn - den Literaturbetrieb - allgegenwärtig hinweg und reinigte und entgiftete die dort vorherrschenden Gepflogenheiten. Die ihm schaden wollten, die ihn nicht mochten, scheiterten an seinem Wissen, an seinem Fleiss und seiner Menschlichkeit.

Was wird jetzt gescheehen ? Wie werden seine Pläne auseinanderplatzen, was wird verschwinden, was sich verändern ? Keiner von seiner Sorte wird mehr kommen. Wer wird die schreibenden Talente erkennen, wer sie auf seine Art begleiten ? ( … )

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LINKS

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RELATED

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Künstler- Bücher | Artist’s Books : Don’t touch !



||| BLOOD ON PAPER | HANNE DARBOVEN | ANGELIKA KAUFMANN | DIETER ROTH | THE ABC IN 3D ( BOOK ) | HINWEISE

BLOOD ON PAPER

Zugegeben , es ist nicht masslos originell , wenn wir etwas Sicherheitsabstand zum Welttag des Buches einnehmen ( inklusive der für die Branchenumsätze des schwierigen Frühjahrsquartals nötigen Marketing- Maschinerie ) , doch kommen wir jetzt auf Bücher , welche leicht von den üblichen Usancen abweichen . Oder tonnenschwer . Wie sie die Kuratorin Elena Ochoa- Foster ( rightyrght : the very wife of super- star - architect Norman Foster ) zusammen Rowan Watson im Victoria and Albert Museum zu London zusammengestellt hat . Die Schau geizt nicht mit einem markabten Label : “Blood on Paper - the Art of the Book” ( 15. 4. bis 29. 6. )

blood on paper

Der ausgeschlafene Leser von in|ad|ae|qu|quat hat’s längst begriffen . worum es hier geht - wir können uns die einschlägigen Artilel im ART NEWSPAPER ect sparen : Es werden Künstlerbücher in heil’gen Hallen ausgestellt .

Dass diese nicht eben zum Lesen gemacht sind und - “don’t touch !” - schon gar nicht zum Berühren , versteht sich . Das Buch als Container von ursprünglich verbaler und handhabbarer Exzellenz wird im Kontext der markt- und versicherungs- wertigen bildenden Kunst und ihrer musealen Monstranzen zum Unberührbaren schlechthin . Lediglich ein Effekt der Fetischisierung von unikaler Kunstkunst gegenüber der technischen Reproduzierbarkeit von gedruckter Sprachkunst ?! - Wir lassen das dahin gestellt .

Von der Heimseite des V&A haben wir einige Beipiele samt Beipacktexkt heraus gelesen :

book Cai Guo-Qiang

  • Cai Guo-Qiang ( * 1957) : “Danger Book: Suicide Fireworks” 2008 - Volume of drawings made with flammable and adhesive substances, with gunpowder encased in each of the leaves.

( One of an edition of 9 unique works published by Ivory Press, London. Published by Ivory Press, 2006 , Private Collection , Photo © Tatsumi Masatoshi , Courtesy Ivory Press )

book Jean-Marc Bustamante

  • Jean-Marc Bustamante ( * 1952 ) : “Maisons pour Insomniaques , Rêves 1. 2. 3. 4. 5″ . By Mario Bellatin 2005

( Ptographs; printed text , published by Toluca Editions , Paris , Courtesy Antoine de Beaupré Collection , Paris © ADAGP , Paris and DACS , London 2008 )

books Sol LeWitt

  • Sol LeWitt (1928 - 2007) : “Geometric Figures & Color” , 1979

( Published d by H.N. Abrams , New York National Art Library , V&A , pressmark: 502.M.127 © ARS, NY and DACS, London 2008 )

books Antoni Tàpies

( Published by Erker-Presse , St Gallen , National Art Library , V&A , pressmark: 95.VV.4 © Succession Miro/ADAGP, Paris/ Foundation Antoni Tapies , Barcelone/VEGAP , Madrid and DACS , London 2008 )

books Eduardo Chillida

( Published by Editions Art-Concorde , Paris - Private collection of the publishers Edouard and Julien Weiss © Zabalaga-Leku , DACS , London , 2008 )

book Louise Bourgeois

( Published by Editions du Solstice , Paris - Courtesy Jean-Claude Meyer , Les Editions du Solstice © DACS, London/VAGA , New York 2008 ) |||

HANNE DARBOVEN

Zugegegben , wir sind noch nicht durch die V&A spaziert , doch fehlen uns doch eminente Buchkünslter von Weltrang . Wo zum Beispiel bleibt die grossartige Hanne Darboven , die in ihrem Lebenswerk Hunderte von Ausdrucksformen für die “Verbuchung” fand : In ihrer Festschreibung , Notierung , Abheftung und Einbindung immer schon eine höchst sinnliche Manifestation des irreversiblen Prozesses des Vergehens von Zeit . Eines ihrer faszinierendsten Werke ist und bleibt

  • “Ein Jahrhundert ” | “One Century” , 1971-75

book Hanne Darboven Ein Jahrhundert

“Ein Jahrhundert”, the summa of the working-through phase of Darboven’s calendrical calculations, consists of 365 binders that all together encompass all the days of the century (1.1.00 -> 31.12.99) as processed through Darboven’s Konstruktion system. Each month consists of 28 to 31 books, each book consisting of 100 pages except for February 29th which consists of 25 pages. The first volume contains all the January 1sts of the century, the second, all the January 2nds, etc., until the 365th, which contains all the December 31sts. Indices to the work comprise additional binders. ( Quelle)

  • Oder “Existence 66 - 88″

book Hanna Darboven diary

Darboven’s Existenz 66-88 (Existence 66-88), 1989, draws on 22 years of Darboven’s personal datebooks beginning in 1966 and concluding in 1988. 2,261 panels photographically reproduce the artist’s leatherbound appointment book one two-page spread per photo. Hastily jotted reminders and telephone numbers and the generic pages of maps, conversion tables, and lists of legal holidays common to datebooks are interwoven with references to major political and historic events. A stuffed pet goat named Mickey, one of many Darboven has had over the years, accompanies the piece.

Existenz 66-88 expands the category of calendrical forms used in Darboven’s work to include the datebook. An earlier piece, Hanne Darboven: Diary NYC, 1974, is likewise based on the diary or Tagebuch. Literary or poetic works are also mined for day-by-day or durational forms. The structure and content of “For J.P. Sartre,” a segment of the work A Month, A Year, A Century 1968-1974, 1974, is partly configured by reference to Sartre’s autobiography Les Mots (The Words) and commemorates his 70th birthday. The title and number of pages in Stundenbuch (Book of Hours), 1991, are taken from Rainer Marie Rilke’s book of poems of the same name. Rilke’s title came from the medieval Book of Hours or daily prayer book; Darboven’s borrowing thus makes reference to both the poetic and quotidian. ( Quelle)

Der Klarheit von “Ein Jahrhundert” wird - für im Grunde denselben kulturhistorischen Zeitraum” - ein Palimpsest gegebüber gestellt . Als dezidierte Konzeptkünstlerin hat sie sie Kunsttheoretikerin Isabelle Graw auch zu den internationalen “Ausnahmefrauen” gezählt” . |||

ANGELIKA KAUFMANN

Eine solche - zudem Buch- und Schriftkünstlerin par excellence - stellt zweiffelos auch die hier sowohl in englischer und deutscher Sprache vorgestellte Angelika Kaufmann dar . Vom Pinsel- Abtupf- Diarium bis zum “Chinesischen Blindband” bleiben Kaufanns hoch konzeptionelle Projekte stets eine Reflexin auf die Beziehungen zwischen den Medien von Buch , Papier und Schrift .

angelika kaufmann blindband

So zum Beispiel stellt Kaufmann ihre akribischen Kalligraphierung bestimmter Teile von Friederike Mayröckers Prosawerk in keiner Weise als Kunsthandwerk aus …. sondern sie verdichtet die semitransparenten Blätter bis zu deren schieren Vernichtigung , indem sie die Blätter zu kleinen Quadraten faltet , diese bis zur Erreichung der entsprechenden Seitenhöhe aufeinander legt und das Ganze in einem Plexisglaskubus versiegelt .

book Angelika Kaufmann Kubus |||

DIETER ROTH

Ein Weiterer , dessen Name schmerzlich fehlt in der V&A- Auflistung ist der mit extremen , vergänglichen und verrottenden Mateiralien expeirmentierende Dieter Roth . Angefangen habt er bei der klasiischen Typographie der konkreten poesie .

book Dieter Roth ideogramme 1959

  • “ideogramme” , 1959

Nach der Wort- und Satzzertrümmerung wandte sich Roth mehr und mehr dem Trägermedium , dem Material , kurz gesagt : dem sich geduldig prosituierenden Papier zu . Stanzblätter für Stanzmeinungen aus dem “Daily Mirror” :

book Dieter Roth daily mirror book 1961

  • “daily mirror book” ,1961

Bri- Collage zu den Stehsätzen des Boulevards :

book Dieter Roth Schneewittchen 1965

  • “Schneewittchen” , 1965

Bald schon erweiterte Roth seinen kritischen Umgang mit Texten per Abfüllung von z. B. Spiegel- Artikeln in Wursthäute . Verfeinert wurde die Methode bei Büchern , die Roth partout nicht ausstehen mochte , wie etwa bei Grass&