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Salon Littéraire | Hartmut Abendschein : ANNA - Röhrling | 1



Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRAIRE als www- Galerie für Bild und Text

Salon Littéraire | Hartmut Abendschein :

ANNA - Röhrling | 1

isbnAnna 1VORBEMERKUNG : Die Erzählung “Anna” ist eine der zwei “embedded narrations” in dem sonst nicht-linear organisierten Tiddlywiki- Roman bzw. Hypertextexperiment “Bibliotheca Caelestis“.

Ein Schriftsteller, Benedikt, arbeitet darin an seinem Zweitling. Trotz der Bedenken seines Agenten Röhrling, lässt er sich nicht davon abbringen, als Ort und Gegenstand seines Schreibens eine Bibliothek auszuwählen. Anna, eine dort Angestellte in unbestimmter Funktion, mischt sich in sein Unternehmen ein. Es beginnt eine Textreise, bei der sich am Ende sämtliche Gewissheiten in Luft auflösen.

Im Volltext der “Bibliotheca Caelestis” findet sich eine Anhäufung von Texten zu einer diskursiven Formation und Ereignissen, tatsächlichen wie fiktiven, sowie Sekundärliteraturen - sämtliche aus ihren Kontexten und Genealogien gelöst. Letztere wurden auch als literarische Quellen rezipiert, um ihnen so etwas wie eine “literarische Aussage” abzuringen.

Sichtbarer Text und die in ihm verborgenen und doch aufgetürmten Materialien sowie ihre fortschreitenden Verknüpfungen werden damit zunächst als negative Arbeit einer historisch-literarischen Diskursanalyse bezeichnet.
“Anna” bietet die Gelegenheit eines konventionellen Lektüreinstiegs rund um das Thema der Auflösung von Schriftkultur und ihrer Speicher. ( Hartmut Abendschein )

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ANNA - Röhrling | 1

isbnAnna 1Das Treppenhaus verströmte noch den gleichen Geruch, wie schon vor Jahren. Auch die einzelnen Stufen zeigten sich sorgfältig gewachst und gebohnert, und Handläufe und Wände in mehr als passablem Zustand. Man hatte dem Haus weiterhin eine gewisse Pflege angedeihen lassen, was immer seltener wurde, bei den in die Jahre gekommenen Dingen. Lediglich die Bildmotive in den halbedlen Rahmen über den Absätzen zwischen den Stockwerken waren ausgetauscht.

Als Benedikt das letzte Mal hier zu Gast war, so erinnerte er sich, hingen dort noch Portraits ihm unbekannter Personen aus einem vergangenen Jahrhundert, die diesem Gebäude auch im Innern den Schein einer Bewohntheit bescherten. Nun fand er abstrakte Landschaften vor. Stille Seen. Berge. Einzeldarstellungen wie Fallstudien von Kräutern und Pflanzen, die ihm dennoch vertraut vorkamen. Die sich in ihren Symmetrien an Urpflanzen orientierten.

Auch an das Knarzen der letzten Stufe erinnerte er sich. Man hatte es ihr nicht ausgetrieben, sondern dieses wohlwollend übernommen ins angenehme Dunkel des jetzigen Aufstiegs.

Noch dieselbe in Porzellan gefasste Klingel befand sich links neben der Eingangstüre, und eine nur kleine Veränderung am Türschild liess Aufschlüsse über ein verwehtes Jahrzehnt zu. Über “Röhrling & Partner”, wie da stand, und der Partner, den er allerdings nie zu Gesicht bekommen hatte, durchgestrichen aber umso präsenter, was Benedikt allerdings darauf zurückführte, dass wohl alles Durchstrichene, das uns unter seinen Strichen anzublicken sucht, ein grosses Mehr an Aufmerksamkeit abrang.

Die Klingel gab nur einen einzelnen, aber behaglichen Ton von sich. Eine Idee zu lang und verunsichernd, ob man denn nun nachfassen musste, so liess er ein paar Momente verstreichen und lauschte, ob denn noch einmal nachzufassen wäre und ob sich etwas in der Wohnung tat. Gerade als er sich anschickte, diese noch einmal zu betätigen, hörte er ein Herein! und Die Türe ist offen!

Röhrling lag ausgefächert auf einer abgewetzten Couch in seinem Arbeitszimmer und hielt einen Cognacschwenker in der Hand. Der Qualm einer vor sich hin schmauchenden Zigarette verband sich mit dem durch einen Vorhangsspalt eintretenden Licht zu einem Schleier aus wabernden Kreisen und Figuren, die Benedikt mit ein paar schnellen Handbewegungen auflöste, um sich dann auf einem Sessel neben Röhrling niederzulassen.

Die Geschäfte. Die Geschäftegeschäftegeschäfte, wiederholte er. Und: Arbeit. Arbeit ohne Ende. Alle hätten Arbeit. Ohne Ende. Und einige ein Einkommen. Die wenigsten aber ein Auskommen. Dann räusperte er sich über den misslungenen Scherz. Er zeigte auf die Manuskriptstapel auf und unter seinem massiven Schreibtisch. Ben, so nannte er ihn schon wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung, und so nannte er ihn wieder. Ben. Was kann ich für Sie tun? Was treiben Sie denn so? Um Sie ist es still geworden.

Benedikt erzählte ihm in aller Kürze, was er die letzten Jahre getrieben hatte. Privatier?, lachte Röhrling. Sie Glücklicher. Und nun ist es verbraucht? Das Erbe, meine ich. Nein, gab Benedikt zu, obwohl es schon etwas übersichtlicher geworden war auf seinen Konti. Doch an eine Erwerbsarbeit, wie man es überall so nannte, müsste noch nicht gedacht werden. Er wäre also nicht des Geldes wegen da. Sehen Sie sich um, unterbrach ihn Röhrling, hier schaut es auch nicht aus, als gäbe es etwas zu holen. Tatsächlich bemerkte er, dass sich Röhrlings Inventar in bedauernswertem Zustand befand. Als könnte ich Ihnen etwas anbieten? Oder sind Sie nur hier, um mit mir auf die alten Tage anzustossen? Nun hustete Röhrling, zerrte ein Stofftaschentuch an einem Zipfel aus seiner Hosentasche hervor und spie dort den Auswurf wenig dezent hinein. Dann schob er das Taschentuch wieder an seinen Ort zurück.

Ein weiteres Buchprojekt? Einen Zweitling? Sie haben ja Nerven! Hören Sie, Ben. Ich mag Sie. Und ich habe Sie lange unterstützt, sagen wir: Wir haben es miteinander versucht. Und eigentlich erfolgreich, wenn man eine potentielle Vermittlung schon als Erfolg verbuchen möchte. Benedikt unterbrach ihn. Er wusste, was jetzt kommen würde, und er wollte nicht noch einmal die ganze Geschichte des Romans, seines ersten Romans, wiederkäuen. Ich habe es damals verpatzt, ich weiss. Aber die Bedingungen waren andere! Das Umfeld. Es gab da Grenzen. Vielleicht sehe ich das heute etwas anders.

Wegen eines kleinen Kapitels, Mensch Ben! Röhrling ächzte, als er sich langsam erhob, dann nahm er einen grossen Schluck aus seinem Glas und zündete sich eine weitere Zigarette an. Den Filterstumpf der ersten schnippte er beiläufig in den Bauch des Aschenbechers und schlug in der gleichen Bewegung mit seiner flachen Hand auf den Tisch. Zum Donner noch mal! Ich könnte mich heute noch …, dann strich er sich durch sein gelbgraues Haar.

Es ging einfach nicht. Hätte ich es so umgeschrieben, wie von mir verlangt, sie hätten es mit Kusshand genommen und wir beide sässen heute ganz woanders. Aber es ging nicht.

Ihren Idealismus, junger Mann, ich kann ihn mir einfach nicht mehr leisten. Idealismus? Benedikt nahm das Angebot eines Glases an und schwieg. Eine Zigarette lehnte er jedoch ab. Es hätte sein Gegenteil bedeutet. Es hätte dafür gestanden, wogegen ich geschrieben hätte, fügte er nach einer Weile hinzu. Um Geld zu machen, hätten Sie’s unter Pseudonym verkaufen müssen. Und Sie hätten mich nicht wieder gesehen.

Nun sind Sie aber wieder hier, schmunzelte Röhrling, und sicher wollen Sie mir von einem neuen Vorhaben berichten. Oder ist es etwa nicht so? Sie haben da also wieder eine Idee. Heraus mit der Sprache! Dann schenkte er sich und seinem Gegenüber die Gläser bis knapp zur Oberkante voll und liess etwas Luft durch die Balkontüre herein.

Benedikt glitt langsam, unschlüssig suchend mit seinen Augen über die gefüllten Regalreihen, die wie verblichene Streben fast vollständig die Wände des Zimmers überlagerten. Zum ersten Mal während ihrer Unterhaltung lehnte er sich etwas zurück.

KONTEXTLINK : http://tinyurl.com/Anna1

isbnAnna 1

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Hartmut Abendschein

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QUELLE : “Bibliotheca Caelestis , Tiddlywikiroman“- ebook @ etkbooks.com sowie @ Deutsche Nationalbibliothek - edtion taberna kritika 2008

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TO BE CONTINUED : Lesen Sie in drei Wochen ( 7. 12. 2008 ) : ANNA - Maulwürfe | 2

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LITBLOGS.NET - Personalia



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Icon LitBlogsNet

Personalia

By . on Prozesse

Per November 2008 wird litblogs.net herausgegeben von Hartmut Abendschein und Christiane Zintzen. Markus Hediger, der die Plattform 2004 mitbegründete und über die Jahre engagiert begleitete, hat diesen Wechsel selbst angeregt.

Danke für das Entstandene. Und für das Jetzt.

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RELATED

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Frankfurt : WHAT A MESS ! - Ein LESEZEICHEN als Alternative



||| MESSE , LÄRM UND DAS BESTE VOM FESTE | OH SCHRECK : E- BOOK & NETZLESEN | DIE ÄRGSTEN KRITIKER DER ELCHE BETREIBEN NUNMEHR SELBER WELCHE | LITERATURBLOGS GEBEN LESEZEICHEN | RELATED

MESSE , LÄRM UND DAS BESTE VOM FESTE

Nach Art der in den Netzversionen der Holzmedien derzeit beliebten Bildergalerien notieren wir in|ad|ae|qu|at ein paar Impressionen vom Jahrmarkt der Buchmesse- Eitelkeiten . In Zeiten der Börsen- Baisse sowie der Ängste um Web- Abwanderung von Content und Werbung präsentiert man sich mit ostentativem Pomp .

FAZ 01

logo spon

FAZ reklame

Empfänge Floskeln

Wo feiern die Autoren

Spiegel Parties preisse ers

feier Oesterr Gemeinschafts

Blaues Sofa Deutschlandradi

Wo feiern die Autoren krueg

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OH SCHRECK : E- BOOK & NETZLESEN

e book Spiegel

e book WELT

e book Ceolho

FAZ 02

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DIE ÄRGSTEN KRITIKER DER ELCHE BETREIBEN NUNMEHR SELBER WELCHE

Nach Jahren endemischer Polemik gegen das Medium “Blog” , wird selbiges von den Print- Verlegern jäh als salonfähig erachtet und schickt man diverse Promis ins Rennen . Sie sollen das weiland “Messegeflüster” ersetzen .

Blog FR

Blog FAZ DienerBlog FAZ Charkin

Blog FAZ Diener 02

Blog zeit

Blog Regener Spon

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LITERATURBLOGS GEBEN LESEZEICHEN

Die literarischen und künstlerischen Blogger von LITBLOGS.NET posten individuell und regelmässig . Seit Jahren .

Logo LITBLOGS NET

In jedem Quartal wird ein LESEZEICHEN zusammengestellt : Jedes der beteiligten 16 Blogs beteiligt sich mit einem selbst gewählten Text .

Auf diese leise Weise zeigt sich das eminente Spektrum dessen , was das Medium “Blog” ( literarisch ) zu leisten vermag . Stimmen und Stimmungen , Thesen und Themen , Poetiken und Personen , Expansionen , Reduktionen - ein undogmatisches Ensemble .

Logo LITBLOGS Lesezeichen

LITBLOGS Lesezeichen 03

LESEZEICHEN 03 | 2008 enthält :

P. S. Die LESEZEICHEN von LITBLOGS.NET sind per RSS- Feed abonnierbar .

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RELATED

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LITERARISCHE BLOGS | poetologische positionen



||| WEBLITERATUR : EIN HYPE … | … UND SEINE FOLGEN | BLOGS , LITERARISCH | POETOLOGISCHE POSITIONEN | NON- EGO & ALLMÄHLICHE VERFERTIGUNG | PRAXIS ABSEITS DER INSTITUTIONEN | CHANCE TO CONNECT , ICH IN RELATION | MASSE UND MASSAGE | DISEMBODIED ONLY | LIVE-ACT MIT FRISCHEN IMPERATIVEN | SPIELMODELL “AUTONOMIE” IM “KÜNSTLICHEN PARADIES” | “WIR” - WO ANDERS ? | POETISCHER MOTOR WIEDER FLOTT | LINKS | KLANGAPPARAT

WEBLITERATUR : EIN HYPE …

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereEs muss irgendwann gegen Ende der 80er Jahre und ergo mitten im Web 1.5 gewesen sein : Als “Globalisierung” noch kein Unwort war und infinite Informationsströme nicht Synonym für Attention Deficit Disorder . Die Nerds out there im bläulichen Licht ihrer Konsolen verstanden sich als Synapsen eines superhumanen Hirns . Das Global Village bot neben den gesellschaftlichen Utopien von Dezentralisierung und Partizipation , der Hoffnung auf die ( dann tatsächlich eingetretenen ) Flexibilisierung von Tages- , und Lebensläufen auch eine Menge Treibstoff für Theorie- strotzende Triebabfuhr . Noch war man nicht “Schwarmintelligenz” , sondern Elite , Bleifuss fest auf dem “Diskurs” . Schliesslich galt es , mit babylonischen Neologismen , entlehnten Epistemen und laufend aufdatierten Projektdesigns Kredit zu kriegen in den realen und symbolischen Ökonomien .

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… UND SEINE FOLGEN

Als das Web Zwei Null plötzlich schnöde für Jedermann da und Rainald Goetz’ “Abfall für Alle” gedruckt , gebunden und teils schon wieder beim Antiquar gelandet war : Wo sind sie geblieben , die Apologeten des Hyper- , Meta- , Ultra- und Infra- Literarischen , respektive : des exquisiten Kadavers einer genuinen Netz- Literatur ? - Projekte wie “PooL” sehen heute nachgerade archäologisch aus , Protagonisten des Hypertext- Hypes haben sich einträglicheren Geschäftsmodellen wie readme zugewandt . Geblieben sind praktikable Online- Anthologien wie lyrikline.org , lyrikwelt.de oder lyrikkritik , Serviceportale wie Bluetenleser und das zeitweilig belachte Marbacher Literaturportal . Geblieben sind die Online- Schaufenster von Frischtext- Print- Periodica . Geblieben sind aber auch Kollektiv- Text- und Tagebücher wie Nensch . Geblieben die in sich geschlossenen kommunizierenden Gefässe wie Forum der 13 oder der goldene fisch .

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BLOGS , LITERARISCH

Geblieben ist allerdings auch eine Fülle “literarischer” Weblogs : Meist Ego- Shooter , welche mit mehr oder weniger Ernst teils in in strengen Kammern oder auf den Registern eines “erweiterten” Literaturbegriffs spielen . Gilt den Einen das ICH als hyperbolischer Weltenspiegel , splittern sich Andere knirsched oder grinsend in Partialsubjekte auf : also ganz wie in der belletristischen Echtwelt . Unter solchen Umständen ist es praktisch , wenn sich notorische Mono- Publisher

  1. zu einem Netzwerk der unterschiedlichen Temperamente und Performanzen zusammen schliessen sowie
  2. sich und einander je eine Definition des individuellen Verständnissen “literarischen” Bloggens abnötigen .

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POETOLOGISCHE POSITIONEN

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollerePunkt eins wurde mit litblogs.net ins Leben gerufen . Und Punkt zwei liegt mit Ausgabe 5 der Zeitschrift spa_tien in gedruckter Form vor . Der jetzt fällige DISCLAIMER folgt promt : Wenn sich in|ad|ae|qu|at seit kurzem zu den Benetzten zählen darf , so geschah dies nicht aufgrund ästhetischer Präferenzen oder literarischer Sekten und Schulen . Entsprechend stiessen wir erst längst nach Redaktionsschluss des vorliegenden Heftes hinzu . Nicht zum Liebesdienst , nicht als Eigenwerbung taugen unsere kurzen Bemerkungen zur diskursiven Selbstdarstellung “literarischer” Blogger : Die Überprüfung manch vollmundiger Thesen anhand der tagtäglich ins Web fliessenden Texte sei dem p. t. Lesenden selbst vorbehalten . Wir nehmen es jetzt strikt alphabetisch .

Manche der Selbstaussagen zum eigenen Blog- Werken wurden ihrerseits in bewusst poetischer Desinvolture gehalten , dass diese sich einer diskursiven Paraphrasierung ( vulgo theoretischen Einordnung ) entziehen . In diesem Sinne mag sich der Leser der spa_tien selbst ein Bild machen von den immanenten Poetiken , wie sie Helmut Schulze für sein Blog PARALLALIE oder Andreas Louis Seyerlein zu AIRMAIL formulieren .

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NON- EGO & ALLMÄHLICHE VERFERTIGUNG

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollere HARTMUT ABENDSCHEIN ( *1969 ) ist - zusammen mit Markus A. Hediger ( *1969 ) - Begründer von litblogs.net sowie Herausgeber der “spa_tien - zeitschrift für literatur” . In den diskursiven Überlegungen zum Thema praktiziert Abendschein die auch für sein Blog TABERNA KRITIKA charakteristische Form des ( fiktiven ) Dialogs . Was , nebenbei bemerkt , weniger “literarisch” anmuten muss , als es auf den ersten Blick wirkt : Die Vorliebe deutscher “A- Blogger” , einander gegenseitig zu interviewen , kann mittlerweile als notorisch gelten . Abendschein indes markiert Abstand zum trügerischen ICH des “Webtagebuchs” - ebenso allerdings zu den “trackback”- Techniken des Community- und Authority- Building :

hören sie mir doch bitte damit auf ! als machte ein link ein weblog aus ! die ganze diskussion um links und kommentare und trackbacks, pingbacks undsoweiter. lächerlich. ( … ) aber fakt ist: ich schreibe. das können sie gar nicht wegdiskutieren. und ja: ich benutze da so ein system. ob ich da nun verlinke oder auch nicht. überhaupt: das lesen und schreiben. eine einzige verlinkung. da braucht man gar kein <a href=”"></a>zu setzen.nein. das macht der leser oder die leserin selbst.

Für den Autor bietet das Blog Raum für jene “kleinen formen”, welche sich sukzessive in- und miteinander “verschalten” . Das Blog also als Medium , dem Druck des “grossen Wurfs” zugunsten von “Materialklumpen” zu entkommen oder , nach Kleist : “Über die allmähliche Vernetzung des Schreibens mit dem Schreiben ” allmählich “Werk” zu werden .

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PRAXIS ABSEITS DER INSTITUTIONEN

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereFür die in Wien lebende Juristin , Künstlerin und Autorin NEDA BEI ( * 1952 ) stellt die Usability des Weblogs zunächst eine pragmatische Form dar , “das schreiben [ zu ] retten” : Einerseits im Sinne einer “kleinen alternative zum grossen redaktionssystem einer statischen website” . Das “tröpfelnde verfassen neuer texte” vermag als Praxis und Ritual das “Weiterschreiben” eventuell sogar gegen die konkreten Anfechtungen des Echtlebens zu verteidigen . Auch gegen die Ein- und Auschlussmechanismen , Abhängig- und Gefälligkeiten des manifesten Literaturbetriebs :

werde ich nunmehr gefragt , ob ich noch schreibe , kann ich als kleinkapitänin auf mein logbuch verweisen.

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CHANCE TO CONNECT , ICH IN RELATION

Wie Abendschein interessiert sich auch MARKUS A. HEDIGER ( *1969 ) für die Diversifikationen und differenten Valenzen von Wort und Wert des ICH im Medium des Blogs ( HANGING LYDIA ) . Daher die - zunächst - virtuelle Kontaktaufnahme mit dem ICH- kargen Abendschein , daher aber auch die Faszination an der forcierten Fiktiv- ICH- Positionierung im Blog von MICHEAL PERKAMPUS . Hediger versteht sein eigenes Agieren als jeweils relatives - sei’s als Minimaldifferenz zur VernICHtigung eines Alter Ego , sei es in der offensiven Adoption eines künstlichen Schreib- ICHs im Rahmen des kapitelweise abwechselnd von HEDIGER und PERKAMPUS entstehenden Romans :

Seit einigen Monaten schreiben P. und ich an einem gemeinsamen Buch. Kapitel für Kapitel, abwechselnd jeweils, er eines, dann ich, dann wieder er. Wie kraftvoll P.-s Präsenz bis in dieses Projekt hineinwirkt , zeigt sich an den Kapiteln, die ich bisher schrieb: Da fallen die Grenzen, für mich bislang Unvorstellbares bricht in den Text hinein, es ist phantastisch.

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MASSE UND MASSAGE

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereDass der Schriftsteller ALBAN NIKOLAI HERBST ( *1955 ) sein ICH durchaus autoritativ und im Sinne eines Ego- Branding setzt , ist jedem Besucher des Blogs DIE DSCHUNGEL.ANDERSWELT bekannt . Die emphatische ICH- , Werk- und Blog- Konzeption des Autors manifestiert sich unverholen in der Form seines “Beitrags” für die spa_tien- Anthologie : Herbsts “Thesen zu einer möglichen Poetologie des Weblog” erscheinen in Form eines 2005 gehaltenen Vortrags . Das Signal ist klar : Die Rede über das eigene Blog gilt dem Autor als hinreichend “wertig” , dass sich jede “Anpassung” bzw. Redaktion im Hinblick auf den Publikations- Kontext anno 2008 erübrigt .

Es ist hier @ in|ad|ae|qu|at nicht der Ort , die weit ausgreifenden Bögen einer auf - teils sehr diskutable Prämissen gestützten - Argumentation nachzuzeichnen . Nur einige Stichwörter : Das Blog beerbt die historischen Avantgarden im Zusammenspiel von Künstler und “Maschinisten” . Das sich im Blog technisch ( re ) produzierende Schreiben verliert die “Sakralität” der an der herkömmlichen Genieästhetik orientierten Literatur : “Das Internet aber ist, weil es profan ist - noch profan - geschichtslos” . Um diesen kalten und ahistorischen Leerraum mit Mythen , Märchen , Verheissungen zu möblieren , bedarf es des künstlerischen “Opfers” . Das Wort vom “Märtyrer” fällt und der Name der “Al Quaida ” ( ? ) .
Anders als der monadisch in seiner Klause vor dem leeren Blatt Papier eingekapselte Künstler driftet der literarische Weblogger in einem interaktiven ( “kybernetischen” ) Raum , wo durch Kommentare und Chats Momente von “Unmittelbarkeit” zustossen . Der literarische Blogger im Inter- Net schreibt in einer “Zwischenwelt” . Das Medium generiert und reflektiert das Kunstwerk mit ( siehe Kittlers “Aufschreibsysteme” plus Kritik ) .

Ich verstehe unter einem literarischen Weblog insofern nicht ein Weblog, das literarische Texte veröffentlicht, also Statthalter eines Printmediums im Netz ist, sondern eine Publikationsform, die sich selber zum poetischen Gegenstand macht, indem auch die sie basierende Technologie poetisiert und in die Gestaltung einbezogen wird: Sie ist ebenso Romanfigur wie jemand, über und/oder von dem erzählt wird. Dies schließt an eine der Grundbewegungen der ästhetischen Moderne an: Der Prozess der Entstehung wird selber zum Material des Kunstwerks.

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DISEMBODIED ONLY

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereJÖRG MEYER ( *1964 ) gibt sich dekonstruktivistisch und attribuiert dem Blog- Text ( PÖDGYR ) einen selbst- und subjektgenerierenden Willen . Die laut- und sprachspielende Ironie sei nicht auzuschliesen , wenn es über eine “disembodied texture” heisst :

Nur im TEXT.ÜBER.DEN.TEXT entsteht also überhaupt die frage: was ist was ? muss nicht nur das out.ohr im text er-tauben, sondern auch der leser verschwinden im/aus dem text ? dann, erst dann, wäre NUR.NOCH.TEXT. das wäre UR.KNALL. bloß: aus dem ur.knall entsteht sofort wieder materie. erstmal strahlung, aber dann daraus gleich wieder KÖRPER. Die im/vom text artikulierte sehnsucht, im text zu verschwinden ist die sehnsucht eines körpers, der ja andererseits im text gar nicht sein kann, nur als figur. Text, der nur noch text ist (also die autonome asymptote überschritten), der nicht mehr gelesen zu werden braucht, ist dabei eine rein akademische frage ( … ) . was im text, hinter dem text, verschwinden will, ist der körper. Der körper des out.ohrs, dessen, der “sich” als ingenieur.voyeur beschaut, sich wundert usf. die alte sehnsucht, NUR NOCH GEIST zu sein.

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LIVE- ACT MIT FRISCHEN IMPERATIVEN

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereDie 1963 in Teheran geborene Autorin SUDABEH MOHAFEZ verfügt über Romanerfahrung , orientiert sich für ihre ZEHN ZEILEN allerdings an den genuinen Darstellungs- und Rezeptionsbedingungen des Mediums “Blog” . Im Unterschied zum üblichen Publizieren via Lektorat , Satz , Marketing und einem Verlag als “Panzer” um Buch und Autor biete das literarische Bloggen einen “Live- Schreibact vom Feinsten” . Produktive Komponenten dabei sind :

Die betont rasche Niederschrift innerhalb einer Viertelstunde sei reizvoll als selbst gestellte Aufgabe , biete zudem eine Art kontinuierliches Schreibtraining . Auch der Fokus auf optimale optische Strukturierung ( “auf einen Blick” ) sei - im Unterschied zur Grossnarration - ein lohnender Mehrwert . Im Verzicht auf die unendliche Korrektur und Revision tritt das Moment der “Improvisation” zu Tage : Performanz mit direkter Resonanz . Schliesslich böten die Inspiration und Zitation von im Netz gefundenen “Fremdtexten” schöne Möglichkeiten für intertextuelles Spiel :

Ideen teilen, Zugänge schaffen und Lesens- und Sehenswertes voicen .

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SPIELMODELL “AUTONOMIE” IM “KÜNSTLICHEN PARADIES”

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereDass dem Blog des Schriftstellers , Musikers und Schauspielers MICHAEL PERKAMPUS ( *1969 : P-’s VERANDA ) ein histrionisches Moment eignet , liegt auf der Hand . Kraftvoll plädiert der neue “Jedermann” für eine autonome Alternative zur Verwertungs- und “Geldmaschnine” der Verlage . Via Weblog komme Literatur ( “Lassen wir die Diskussion darüber, was Qualität bedeutet, einmal links liegen ” ) ohne die Zwischenfilter von Redaktoren , Lektoren direkt an die Leserin , den Leser . Welchen wiederum hinreichend Autonomie zugestanden wird , selbst über ihre Lektüren zu entscheiden :

Wenn also der Autor entscheidet, was er anbietet, dann entscheidet nicht zuletzt der Leser, was ihm gefällt und vertraut in erster Linie sich und dem Autor und nicht einem Verleger und einem Verlag. Beide, Leser und Autor, werden in diesem Zu stand der Freiheit völlig autark.

Ein weiteres Argument für das literarische Bloggen besteht für PERKAMPUS in der Offenlegung der oft noch provisorischen Form , in der Dokumentation des Schreibprozesses mit all seinen Stufen von Visionen und Revisionen . Dass diese ( nicht unbedingt mit “unmittelbar” gleichzusetzende , czz ) Öffnung seitens des Autors durchaus exhibitionistische Momente - und symmetrisch dazu beim Leser voyeuristische Freuden - aufweisen kann , mag zum Reiz des Spielmodells “literarisches Blog” durchaus beitragen : Pro domo et mundo gesprochen , wäre die Blogosphäre mit all ihrer Illusionistik , Ortlosigkeit und “Möglichkeitsform” ( Musil ) ein postmodernes “künstliches Paradies” .

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“WIR” - WO ANDERS ?

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereBeim Text- und Bildblog LOGBUCH ISLA VOLANTE ist sicher nur , dass gar nichts sicher ist . Weder , ob das Autorenkürzel Rittiner & Gomez ( *1960 ) sich auf eine oder mehrere Autoren bezieht ( in der Fiktion des Blogs handelt es sich konsequent um ein “WIR” ) , noch , ob die virtuos ge- und bezeichneten Reisen Vision , Fiktion , Erinnerung oder Realitätsreste darstellen . Hier zielt das Begehren nach Autonomie nicht nur auf die literarischen Türhüter , sondern auch auf deren Kollegen im Kunstbetrieb , vulgo Ausstellungsmacher und Kuratoren .

Wir konnten also einerseits kontinuierlich an einem Projekt arbeiten und waren andererseits frei für Experimente und neue Wege. Durften uns an das Malen und Schreiben herantasten, ohne ständig den Launen und Spekulationen des Kunstmarktes ausgesetzt zu sein. Es sollte ein Logbuch sein und kein privates Tageb uch werden, also Aufzeichnungen einer - wenn auch nur virtuellen - Insel und des öffentlichen Lebens dieser Insel. Was uns auch faszinierte, war die Verbindung von zwei Handwerken, dem Schreiben, Zeichnen und Malen auf Papier und der digitalen Welt des Internets.

Als “Überraschung” und Anregung zu neuen Versuchsanordnungen stellten sich unverhoffte “Gastschreiber” ein , welche die ISLA VOLANTE- Phantasien auf ihre Weise fort spannen - umgekehrt allerdings auch die visuellen / visionären “Gastspiele” auf anderen Blogs . Dass ein derartiges Publizieren nicht lediglich Erweiterung des EGO , sondern durchaus als angewandtes Benchmarking der eigenen Arbeit verstanden werden kann , wird auf feine Art formuliert :

Die Arbeiten, die wir für andere Blogs realisierten, sind auf alle Fälle sehr lehrreich, da wir zwar ohne Wettbewerbsbedingungen arbeiten können, aber trotzdem erkennen, ob unsere Bilder auch in der neuen Umgebung Bestand haben. Zu guter Letzt hat ein Blog noch einen entscheidenden Vorteil gegenüber all den “realen ” Werken: ein Druck auf die Delete-Taste, und es ist für immer weg.

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POETISCHER MOTOR WIEDER FLOTT

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereIn schöner Freimütigkeit gesteht der Autor und Journalist BENJAMIN STEIN ( *1970 ) die Überwindung einer lähmenden Lese- und Schreibkrise durch das Blogprojekt TURMSEGLERein :

Bevor ich aufgehört habe zu schreiben, habe ich aufgehört zu lesen. Wer nicht sprechen mag, hat keinen Verlust durch Schweigen. Nicht mehr zu lesen aber - zumindest was Dichtung betrifft - ist ein Verlust. Ich möchte wieder beginnen. Mit diesen Worten begann der erste Beitrag meines Weblogs TURMSEGLER. ( … ) Ich möchte wieder beginnen. So stand es da. Und das traf zu. Ich bezog es zunächst auf das Lesen. Aber dahinter steckte der Wunsch, mit der Dichtung auch als Sprechender wieder zu beginnen.

Entschieden gegen jede Anmutung der Unterstellung , ein literarisches Blog sei eine Form der Selbsthilfe , präsentiert STEIN seinen poetischen Neubeginn im spezifischen Modus und Medium des Blog als “poetischen Motor” :

Ich lese und schreibe und habe Vergnügen daran. Der poetische Motor schnurrt. Metronom und Stichwortgeber verrichten ihren Dienst hinter den Kulissen in einer Selbstverständlichkeit, die es vor dem Verstummen nie gab.

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LINKS ( BLOG TAGEBUCH , LITERARISCHE BLOGS )

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KLANGAPPARAT

Wie aus einem imaginären Marokko erklingen die stark Dub- lastigen Tunes , die das französsische Netlabel Fresh Poulp eben importiert : Die EP czz hörempfehlungFAKE MEDIA ( 014 ) ist gerade mal drei Tage alt und stellt die spanischen Brüder Raúl & Eduardo aka NORMAA als findige Kombinierer im Ausverkaufsladen namens “Weltmusik” vor . Eine assoziationsreiche wie erbauliche Lektion für unsere stets zu romantischen Konservativismen neigenden Ohren - CLICK TRACKS TO LISTEN : 01 . GazaHebron | 02. Otra Vez te Equivocas | 03. The Void Night | 04 . The Void Coliseum | 05. The Void Triumph

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