Tag Archive for 'honore-de-balzac'

“Voyage au bout de la nuit” , 3. Folge : Amerika - Kampfzonen in Steinwüste und Stahlstadt



||| I. REPRISE | II. KOMPOSITION : MUTWILLE & ZUFALL | III . PATHOS & GROTESKE | IV. NEW YORK : CONCRETE JUNGLE | V. HINTER DEN KULISSEN | VI. TRÜGERISCHES LICHT & METAPHYSICHE NACHT | VII. INDUSTRIE : ISS & ARBEITE | VIII. INDUSTRIE ALS KRIEG : DER “KOSMOS FORD” | VIII. NACHHALL DES STAHLGEWITTERS | KLANGAPPARAT | HINWEISE - Illustraionen : John Heartfield ( click to XL )

I. REPRISE

John Heartfield Krieg und Leichen Die letzte Hoffnung der ReichenBei aller Härte und Schärfe , die Louis-Ferdinand Céline mit post- expressionistischen malmender Sprachkraft auf die Kritik am universalen Krieg verwendet : In der Komposition der “Reise bis ans Ende der Nacht” gestattet sich der Autor manche Freiheit . Mann erinnere sich : Von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs vermochte sich Bardamu aufgrund einer Verletzung und gewiefter “Kriegs- Neurosen”- Simulation in Paris zu verbergen . ( > Folge 1)

Irgendwann wir ihm allerdings auch die menschliche , ökonomische und gesellschaftliche Korruption an der “Heimatfront” zu eng und es treibt ihn fort : Amerika , dessen Utopie dem Erotomanen im Bett seiner amerikanischen Gespielin Lola erstand , ist aus finanziellen Gründen noch nicht zu erreichen . Deshalb schifft er sich ein in die französischen Kolonien Afrikas und landet dort im ultimativen Sumpf der Entmenschung . ( > Folge 2)

Wo einander im fiebrig- hysterischen Klima die Kolonialisten nicht schon bis aufs korrupte Blut quälen , erledigt den Rest die nicht im geringsten “gute Mutter Natur” . Das Individuum , ganz gleich , ob weiss oder schwarz , Herrscher oder Beherrschter , gilt hier nicht ausser seiner Ausbeutbarkeit für die Handelskompanie . Was bleibt , ist ein verseuchter , versiffter Organismus , noch lebend bereits in Auflösung begriffen inmitten der tropischen Ursuppe von geilem Werden und stündlich fortschreitender Verwesung .

Der sogenannte “Handelsposten” , den man Bardamu tief im Dschungel angewiesen , erweist sich als blosser Haufen verrottender Lumpen … samt einer Ladung Konservendosen . Totale Agonie . Dass die umwohnenden “Schwarzen” den fiebernden Bardamu nicht aus Menschenliebe zum spanischen Aussenposten geschleppt und ihm damit vorerst das Leben gerettet haben , wird dieser erst bemerken , als er im Bauch eines spanischen Galeerenschiffs erwacht . Man hat ihn den Spaniern ganz schlicht und einfach verhökert . |||

II. KOMPOSITION : MUTWILLE & ZUFALL

John Heartfield Ob schwarz ob weissDer Ausbeuter als Ausgebeuteter Dies ist nur eines der vielen Motive von Spiegelung und Umkehrung in diesem , teils straightforward folgerichtigen , teils mutwillig alle Logiken von Zeitenfolge und Raumordnung sprengenden Roman .

Nicht selten übernimmt der pure Zufall die Regie : Dies gilt für die Wiederbegegnung mit einzelnen Personen über Länder , Kontinente und Jahrzehnte hinweg ebenso wie für die “Links” zwischen den Spielräumen des Romans : Allerdings demonstriert Céline , indem er etwa das Galeerenschiff just nach New York dirigiert , dass und wie sehr ihm die herkömmliche Roman”logik” schnuppe ist ( il s’en fout ) .

Die Textur der Erzählung ähnelt dem afrikanischen Wahnsinn : Noch im Werden beginnt er sich bereits aufzulösen , um nur noch jene Handlungen und Szenen zu vollziehen , die ihm als die Nötigsten erscheinen . Ein Prozess übrigens , welcher sich im Text fortschreitend beschleunigt . Der kompositorische “Zufall” bzw. dessen Willkürlichkeit birgt allerdings noch ein weiteres , für Céline charakteristisches Moment : Es sind das Groteske und der Aberwitz des “Grand Guignol” in bös- feixender Dialektik mit den Brand- und Schandreden der Erzählstimme . |||

III . PATHOS & GROTESKE

John Heartfield A Berlin SayingAuch das Pathos der Anprangerung fataler gesellschaftlicher Verhältnisse korrodiert in dieser “Comédie humaine” : Wenn also im amerikanischen Kontext das Arsenal der Motive von “Entfremdung” abgespult wird , muss die Möglichkeit der Ironie - selbst angesichts der drastischen Vergegenwärtigung des stählernen Molochs der Ford- Werke - mitgedacht werden . Hierin ist Céline dem bösen alten Balzac wohl näher , als es manchem “Modernisten” lieb sein kann ….

Endlich in New York , dieser “senkrechten Stadt” angekommen , erfolgt sogleich Ernüchterung . Zwar gilt grundsätzlich , dass der Komplex “Amerika” mit den harten Aggregaten von Stein und Stahl assoziiert wird . Doch das Leitmotiv des “Sumpfes” ( siehe die unklaren Fronten im ersten Weltkrieg , den Korruptions- und Lügentümpel von Paris und den Urschlamm Afrikas ) bricht sich auch hier seine Bahn . Genauso wie später in den Pariser Vorstädten sowie schliesslich im Brackwasser der unausweichlichen Beziehungen rund um die von Bardamu geleitete Nervenheilanstalt . |||

IV. NEW YORK : CONCRETE JUNGLE

Entrée New York also , und gleich der Broadway muss es sein :

Weit oberhalb der letzten Etagen, hoch dort oben, war noch eine Helligkeit zu sehen, mit Möwen und Himmelsfetzen. Wir unten gingen in einem schwachen Lichtschein, der kränklich war wie im Dschungel und so grau, dass er die Strasse erfüllte wie ein dicker Filz aus grauer Watte .

Sie war wie eine traurige Wunde, diese Strasse, sie endete nie, wir gingen auf ihrem Grunde, wir Leutchen, von einer Seite zur anderen, von einer Qual zur anderen, auf das Ende zu, das man nie sieht, das Ende aller Strassen der Welt.

Meister solcher “pittura metafisica” , steht Céline nie an , diese sofort wieder aus ihrer Reinheit zu reissen . In diesem Fall durch die Beschreibung der “Verdauungsvertraulichkeit” in einem unterirdischen Abort , wo mitten im allenfalls Dollarnotenraschelnden , cleanen Manhattan ein “fröhlicher Kack- Kommunismus” herrscht . |||

V. HINTER DEN KULISSEN

John Heartfield Wer Bürgerblätter liest wird blindDas Bild der properen Oberflächen im Kontrast zur verborgenen Misère reproduziert sich in jenem messingfunkelnden , ebenholzedlen Hotel mit seiner “tantalischen Eingangshalle” , in dessen kleinster Zelle Bardamu Unterschlupf sucht - und nicht findet . Die Hochbahn tobt vor dem Fenster in gnadenloser Regelmässigkeit vorbei , ein erleuchteter Menschencontainer , grelle Schlaglichter in die steinernen Humanstapellager werfend . Angst . Verlassenheit . Gleichzeitig groteske Einblicke in die Schlafzimmer rundherum und die tristen Abendrituale anonymer Paare .

Fleisch und Stein : Ein “Ameisenhaufen” , ja ein “riesiger Matsch der Menschen” inmitten einer monströsen Piranesi- Architektur .

Ich verliess die albtraumhafte Dunkelheit meines Hotels und versuchte noch ein paar Ausflüge in die hohen Strassen ringsum, ein abgeschmackter Mummenschanz von Schwindel erregenden Häusern. Meine Mattigkeit wurde noch schlimmer beim Anblick dieser weithin sich ersteckenden Fassaden, dieser stupiden Monotonie von Pflastern, Backsteinen und endlosen Gerüsten, dazu Kommerz über Kommerz, dieses Krebsgeschwür der Welt, das in Form von verheissungsvoller und schwärender Reklame aufplatzt. Hunderttausend geschwätzige Lügen . ( … ) Vielleicht war das ihr Bild von Sicherheit, diese erstarrte Sintflut, aber für mich war es nichts als ein grauenhaftes System von Zwang aus Backsteinen, Gängen, Türriegeln, Schaltern, eine gigantische, unversöhnliche architektonische Folter. |||

VI. TRÜGERISCHES LICHT & METAPHYSICHE NACHT

John Heartfield ArenaDie Kontamination der unbelebt gleissnerischen “Reklame” mit dem organischen Bild einer malignen Entzündung entspricht weitgehend der Lichtmetaphorik , wie sie den gesamten Roman durchzieht und - dies ist wichtig - keinerlei irgendwie “gutartige” oder gar “beheimatende” Valenz aufbietet .

Da ist das Dunkle , der Sumpf , die Nacht der Einsamkeit und der seelischen Verwerfungen . Da sind die trüben Töne des Tages und des Misstrauens , der Dämmer proletarischer Gelasse in allen Zuständen der Vergewaltigung . Und das ist das blendende Gleissen sämtlicher Kunstlichter : Sei es der Trug der Lichtspiele , das Schreien der Reklame und sonstiges Blendwerk hysterischer Kurzzeit- Genüsse ( dreimalige Schilderung von Jahrmärkten in Paris , wir kommen darauf zurück ) . Noch das kurze , aber dramatische Aufleuchten des Himmels beim Sonnenuntergang im “heart of darkness” Afrikas besass diesen verführerisch- trügerischen Charakter …

Erneut wird das Pathos der Kapitalismuskritik gebrochen durch eine bizarr- komische Erkundung eines Automatenrestaurants , eine jener “durchrationalisierten” “Abfütterungsanlagen , “wo das Ritual der Nahrungsaufnahme auf das exakte Mass der biologischen Notwendigkeit reduziert ist” . Die “Kellnerinnen in Krankenhaustracht” und der blendende “Lichtregen” , unter welchem die Billigesser ihr Menü verzehren : Der Anschein der Hygiene birgt indes nichts Pflegliches , sondern dient lediglich der Sichtbarkeit des verglasten Speise- Terrariums , an dessen Glas sich die draussen Wartenden drücken , gierig die Bissen jener Esser verfolgend , deren Platz sie in Kürze selbst einnehmen werden . Ein Rudel Schakale rund um das Aas . |||

VII. INDUSTRIE : ISS & ARBEITE

John Heartfield Upton Sinclair Der Sumpf 1928Der Grausamkeit dieser Automatisierung unter Lichtregie steht die ölige Stahlstaub- Finsternis der assembly lines in den Ford- Werken wenig nach . Nach einer kurzen Episode mit der “zufällig” im Heuhaufen New Yorks wieder gefundenden Lola hat sich Bardamu nämlich nach Detroit begeben , um dort sichere Arbeit zu finden . “Man nehme jeden dort” hatte es geheissen , was übrigens auch historisch korrekt ist . ( Ab 1914 war Ford berühmt für seine “hiring practices that identified the best workers, including disabled people considered unemployable by other firms” ) .

Das Aufnahmeritual allerdings erinnert weniger an Philanthropie denn an jene der “totalen Institutionen” , wie sie Erving Goffman für Schulen , Militär , Krankenhäuser und Psychiatrische Anstalten dargestellt hat : Völlige Entblössung und Musterung .

Das Innere der Ford’schen Stahlstadt wird nach allen Regeln expressionistischer Bildlichkeit beschrieben und man wüsste gern , ob Louis-Ferdinand Céline die Bücher Upton Sinclairs - etwa die Beschreibung von den assembly lines und dem betäubenden Lärm in den Gross- Schlächtereien in den Chicagoer stockyards - kannte . Immerhin war “The Jungle” bereits 1906 erschienen . Sinclairs Buch über die Ford- Werke , “The Flivver King - A Story of Ford- America” erschien allerdings erst 1937 - fünf Jahre nach Célines “Voyage au bout de la nuit” . |||

VIII. INDUSTRIE ALS KRIEG : DER “KOSMOS FORD”

John Heartfield Die Eroberung der MaschinenWeit über die Regeln des Genres einer der Sozial- und Industriekritik hinausgehend , versieht Céline den “Kosmos Ford” mit jenen Vokabeln des Krieges , welche - als drittes Paradigma neben dem Licht | Dunkel und dem “Sumpf” - dem Roman durchgängig eingewebt sind .

Alles zitterte in dem riesigen Gebäude, man selber wurde ebenfalls von den Güssen bis zu den Ohren von dem Zittern befallen [ czz : man erinnere sich der "Kriegszitterer" aus dem Ersten Weltkrieg ! ] , es brandete von den Fenstern und dem Boden und all dem Metall auf uns ein, stossweise, vibirerend, von oben bis unten. Man wurde selber zur Maschine, so sehr erbebte das eigene Fleisch in diesem enormen wütenden Getöse, das einem durch und durch ging und sich um den Kopf legte und dann nach weiter unten schoss und in die Eingeweide fuhr und von da wieder nach oben in die Augen, in kurzen, rasend schnellen Stössen, ohne Ende, unermüdlich. ( …. )

Man ergibt sich dem Lärm wie dem Krieg. Man liefert sich den Maschinen aus mit den drei Gedanken, die sich noch irgendwo oben hinter der Stirn bibbernd haben halten können. Vorbei. Alles ist jetzt hart, was das Auge sieht, was die Hand berührt. Und alles, an was man sich erinnern kann, ist ebenfalls erstarrt wie Eisen und hat in den Gedanken allen Geschmack verloren. |||

VIII. NACHHALL DES STAHLGEWITTERS

Hier , in Fords Riesenmaschine , kulminiert das “harte Prinzip Amerika” .

Man muss das Leben draussen ebenso zunichte machen, es genau so in Stahl verwandeln, in etwas Nutzbares. Man hat es so, wie es war, nicht genug geliebt, deswegen. Man muss einen Gegenstand draus machen, was Hartes, das ist die Vorschrift.

Ähnlich wie in seiner , das Kontradiktorische im Negativen zusammen zwingenden Metaphorik , vollzieht Céline in diese wichtigen Passage eine Doppelung : Was im Kontext des industriellen “Krieges” als Schlussfolgerung erscheint , birgt in nuce bereits Bardamus Handlungsstrategie bei seiner Rückkehr nach Frankreich , wo er hart arbeiten und aus sich selbst den “Gegenstand” eines verbrieften Arztes “herstellen” wird. |||

KLANGAPPARAT

Drei Brüder , drei Städte und Musik wie aus einem Guss . Im Zuge des Portraits des GrazWiener Netlabels l a r i d a e , haben wir uns nun zur Release Numero 035 aus dem Febuar 2007 zurückbuchstabiert und sind wiederum bei einer Voll- Längen- Ausgabe ( offenbar lanciert man @ laridae überhaupt nicht das sonst so beliebte Format der EP ) gelandet : “To Be The Odd One Out” ist das jüngste Symphonicon des in Graz , Wien czz hörempfehlungund Berlin lebenden Brüdertrios , von welchen lediglich der dreieinige Künstlername Winterstrand bekannt ist . Offenbar akustisch in den 80ern sozialisiert , tragen Die Drei eine Fülle von Materialien zusammen , um diese auf aussergewöhnlich harmonische Weise zu synthetisieren . Ob cheesy Drumcomputer , black noize , Sprachsamples , Spieluhrmuster , ja gar momentanen e- Spinett- und Bach- Anmutungen : Ohne den Gestus aufdringlicher Originalität weben sich die Stränge in lässiger Logik zusammen . Muss man verbrüdert sein und fern von einander leben , um das Kunststück einer so feinen Integration des Diversen bewerkstelligen zu können ?! - CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Vivacity | 02. Dimensionsbrecher | 03. Shadows Of Memories | 04. Possibly | 05. Rave Dans Un Champ De Choux-Raves | 06. Sense Of Nothing | 07. Untitled | 08. Morbide 3 | 09. The White Table |||

HINWEISE

related

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter

Salon Littéraire | Monika Rinck : IN KLEIDERN SCHLAFEN



 

Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRIARE als www- Galerie für Bild und Text

Salon Littéraire | Monika Rinck :

+++++++++++++++++++++++
IN KLEIDERN SCHLAFEN
+++++++++++++++++++++++

Je vois de si terribles choses en rêve, que je voudrais quelquefois ne plus dormir, si j’étais sûr de n’avoir trop de fatigue. ( Baudelaire: Symptomes de Ruine )

Das Unverstandene nahm sich aus wie Hall. Doch woher kam er zurück? Die Resonanz braucht schließlich Formen. Im Weltraum hör ich niemanden schreien. Jemand sagt: Wir brauchen eine Horchanlage, doch wo baue ich sie auf? Seitdem ich zwischen Innen und Außen nicht mehr unterscheiden kann, erstaunt es mich, dass diese Unterscheidung jemals möglich gewesen sein soll. Und habe fast die Sprache in der Nähe verloren. Die Nähe hat mich eingeweicht, das heißt, ich bin verliebt. Nein, ich bin nicht verliebt, ich bin verpflichtet. Ich tue das, wozu mich meine Gefühle verpflichten. Sie verpflichten mich zu einem Handeln, das dem der Liebe zum Verwechseln ähnlich sieht. Es ist die Pflicht. Später beseitige ich in einem Zustand höchster Angst die Folgen und begebe mich in den Schein einer Schreibtischlampe. Ihr Licht ist falsch, seit jüngstem. Da es dennoch für evident zu halten ist, dass sie wirkt wie eh und je, zeigt sich aufs Neue, dass Innen und Außen nicht unterscheidbar sind. Was dort hindurch treibt, ist indes von einer dummen Grobheit - der taube Schmerz, mit dem das Nichtgedachte innerlich wird. Darin mischt sich alles in der Art, wie wenn die Schuhe drücken und der erste Gedanke ist, etwas in der Konfiguration löschen zu müssen, damit es besser geht - haltlose Konzentration. Andernorts ist es mir bereits Erleichterung, das Wort Psychoanalyse nur zu lesen! Ein stummer Trost, ich glaube, ich habe in Kleidern geschlafen.

wischendes laub copyright Monika Rinck

Ich schlage alles nach, jedes Wort. Erst sind sie außen, dann innen: amertume? Bittertum, im Plural wären das die Bittertümer, eingekreiste? Hochgereizt und heruntergeregelt gleichermaßen ist der Nachhall des nicht justierten Worts: malediction. Was ich innerlich höre, was ich äußerlich höre, was - ununterscheidbar in der steten Präsenz, die beide miteinander teilen - zu sprechen nicht aufhört: recalling damaging speech. Ein klassischer Fall von negativer Fixation, die keine Grenzen kennt. Language made me say that! Dunkel an der Grenze. Aber, aber nimm doch mal zum einfachen Beispiel das Laub, das Laub ist doch unbenommenermaßen außen. Das Laub schläft nicht. Und den Kopf am Abteilfenster sehe ich es vorbeiwischen, im Morgendämmer erheitert. Doch der Fluch funktioniert. Das falsche Wort in mir - das ausgesprochen nicht nicht in mir ist, sondern um so mehr in mir, ja, es werden schon gar andere daran beteiligt, die dann auch in mir sind. Das passiert immer wieder.

der andere kratzer copyright Monika Rinck

Balzac in der Oper. Eine distinguierte Dame wirft ihm vor, er rieche nach Wein. “Nein”, entgegnet Balzac, “Sie täuschen sich. Ich rieche nach Musik”. Ein mehrspuriger Zubringer sorgt dafür, dass sich das Gesagte und das Gehörte mit der Summe des vage Gemeinten multipliziert. Die Analyse quietscht. Was hast du nur gesagt? Krümmst dich unter Deutungsdruck. Wirst es nicht entscheiden können. Kannst niemanden fragen, solltest auch nicht. Es wächst aus meiner Stirn knapp über Augenhöhe ein lappiges Trapez, befestigt links am Pol der Projektion und rechts an dem der Gegenprojektion. Das ist mein hermeneutisches Sicherheitsnetz, nicht recht gespannt, leicht lose. Wie es trotzdem jede schnelle Bewegung erschwert, könnte mich kränken, wüsste ich nicht, dass es das Außen nicht gibt. Es kränkt ja doch und der fremde Soziotop steht da und regt sich ganz benetzt. Wo sie größer sind als ich, ists ihnen ein Haarnetz, wo sie kleiner sind, eine Abhängung, die ihnen die Höhe des Raums zur Höhle umdeutet. Sie wollen wohl raus, oder wollten es wirklich, wenn sie sich sähen wie ich.

der boese baum copyright Monika Rinck

Will die Visite pflügen. Lächele. Bin noch hier. Muss grüßen. Tabletts werden durch die Plauderbrache getragen, alle sind fleißig. Nimm keines, keines davon. Wohin, wenn niemand mit mir spricht. Dorthin, wo niemand ist und keiner spricht. Im Jargon der Autoindustrie heißt das: untersteuert. Retard mordant: die bissige Verzögerung auf regennasser Fahrbahn, nachdrücklicher meldet sich der Bremsassistent. Überhaupt muss sich die Bremsanlage in keinster Weise verstecken. Ziehe ich die Tür ins Schloss und ertaste den Schalter. In dieser strategischen Partnerschaft von Anspruch und Erwartung werde ich noch einmal untergehn und später dann wieder, ein weiteres Mal. Die Vierspurigkeit der Strategie: ich erleide eine Dankbarkeitsdepression und alles, was ich denke ist außen, und ist dort der Verrat. Ich sehe eine angelehnte Tür, die sich unter meinem Blick um wenige Grad öffnet, oder habe ich das nur geträumt? Ich sehe einen bösen Weinstock und die Spur nach Süden. Mein Körper hat etwas entlassen. Ich brauche einen Arzt, oder wie man das nennt. Wahrscheinlich schlafe ich schon, ohne es bemerkt zu haben. Ich bin im Resonanzraum des Traums. “Aber schon der Traum selbst ist Deutung - die genaueste Deutung, zu der der Träumer im Augenblick des Traums von sich aus fähig ist.” (Morsbach: Über die Wahrheit des Erzählens)

der boese weinstock copyright Monika Rinck

In meinem Traum war die Filmkritik eine Cafeteria. Alle waren sie da, die meisten hatten ihre Wahl schon getroffen und steuerten auf rote und blaue Tische zu. Nur ich konnte mich nicht entscheiden. Ich stand am verglasten Dessert-Regal und wusste nicht, was ich nehmen sollte, Obstsalat, Phrysalis, etwas Grünes, diverse Moussen. Es nahm sich ungenau gemischt (mies arrangiert) auf meinem Teller aus; ich dachte, dass das nicht richtig sein könne. “Du musst es ja nicht essen - du wirst es ja doch essen, wenn du erstmal einen Tisch gefunden hast”, mit diesen Gedanken wandte ich mich um zur Kasse. Bevor ich zahlen konnte, kam ein verkohltes Rettungsboot aus Holz mithilfe von Überrollbügeln hereingerollt, überschlug sich mehrfach, darin ein sehr aufgeräumter Cary Grant, im angespannte Sportlersitz, die Füße ruhten sicher auf ihren Stützen, beide Hände umgriffen das Steuer. Das Boot war so kaputt, man konnte alles sehen. Es kam zum Stehen. Cary Grant nahm seinen überraschend großen Schwanz heraus und strahlte. In der Brusttasche seines Sakkos entdeckte ich ein geschlossenes Cocktailschirmchen, das etwas bedeutete. Alle Anwesenden waren freundlich interessiert. Unter einem Regenschirm kam eine ältere Frau (die Bibliothekarin?) hinzu - und beide, sie und Cary Grant, waren sich ungemein einig, als sie feststellten: Das, was sie hier sehen, ist das Äußerste was im Hollywoodkino momentan möglich ist. Ich stand nahe bei, den Dessertteller in der Hand, und war völlig d’accord. Das war ein warmes Gefühl, entsinne ich mich.

da baum copyright Monika Rinck

Die Fragen, die ich beantworten sollte, entsprangen einem fremden Bewusstsein. Ich hörte sie erst, als es bereits zu spät war. Momentweise hatte ich nur Zugriff auf den Schaum, der über einer großen Anstrengung schwappte, es wühlte, rührte und rief: Denke! Denke! Ich schöpfte den Schaum ab, panisch, und besprühte das Auditorium damit. Das Auditorium ging davon aus, dass es sich bei der Sprechenden um eine Person meines Namens handelte. Es täuschte sich. Ich sprach nicht aus, was ich weiß, sondern nur das, was sich mir in diesem Moment anbot. Ich hatte keine Wahl. Insofern war ich das Auditorium und die anderen waren es nicht. Die Kollision von Selbstfiktion und Wahrheitsbedürfnis, sagte jemand einige Stunden später beim Verlassen des Rathauses. Ein anderer wies sanft darauf hin, dass der Leser ja nur die fertigen Bücher kenne, und daher zu Vorurteilen neige. Müdigkeit kam auf und legte sich wieder, als wäre man in einen Regen gekommen und hätte auskühlend allen Kredit sich genommen, ja, das Erbe reichte gerade noch dazu, wieder zu trocknen. Innerlich kragte Schilf in mir und der Sturm brachte meinen Kreislauf zum Erliegen. Etwas sehr Mitteilenswertes in Sachen Filmkritik fiel mir ein und ich wollte es allen sagen. Die Übergänge, dachte ich noch, der so durchlässige Container des Denkens, und dass ich mir, wenn ich könnte, von diesem Tag an einen schmalen und guten und sehr kontrollierten Oberlippenbart stehen lassen würde, und den pflegen wie mein Leben. Jeden Morgen, jeden Abend.

der dunkle baum copyright Monika Rinck

Das ist der Grund, weshalb diese Reisen so ungemein anstrengend sind. Dass ich eine sehr nervöse Nomadin sei, will ich mich entschuldigen, als ich den Tisch verlasse und 50 Minuten zu früh auf den Bahnhof zustrebe. Draußen dann, in den nach oben offenen Gassen turbiert mich ein Deutungssturm, der sich erst im fahrenden Zug wieder legt. Das gute Wort begegne als welthafte Bleibehilfe. Der Schutzwert dessen. Die Worte sind innen. Die Worte sind außen, harte Worte sind innen und außen. “The hard word reverbarates - so much so that it holds the appeal of false etymology (it’s easy to assume that to reverberate derives from characteristically self-repeating verbal actions, whereas it meant striking or beating back.) That it reverberates, rather than echos, places it well beyond the possibilities of ironic recuperation that echo offers, reverberation will only resound, to its own limit.” (Riley: Malediction) Schrittweise, durch eine Folge von Stößen bewegt sich die Luft als Medium, in dem der Schall sich ausbreitet. Sie tut das bedingt, ihre Moleküle schwingen um die jeweilige Gleichgewichtslage, anders als der Wind, der sich weltweit fortbewegt. Der Schall ist daher vergleichsweise lokal. Stell dir vor, du müsstest alles irgendwann hören. Mir scheint, das ist schon der Fall. Ich übersetze aus dem Englischen: “I think they call this transverberation, speaking in the voice of another person, absent or departed.” Das kann nicht stimmen: Ich glaube, man nennt dieses Phänomen Durchprügelung, mit der Stimme einer anderen Person zu sprechen, die abwesend oder verstorben ist. Ich werde dich so durchprügeln, dass eine andere Stimme aus dir spricht. Dieses Phänomen nennt man Transverberation. Glaube ich.

dickes dickicht copyright Monika Rinck

|||

Monika Rinck

Geboren 1969 in Zweibrücken , lebt und arbeitet in Berlin . Bis 1998 Studium Religionswissenschaft , Geschichte , Vergleichende Literaturwissenschaft in Bochum , Berlin , Yale . - Poesie , Essay , Erzählung , Roman , Übersetzung ( lyrikline.org ) , Online ( Begriffsstudio Monika Rinck + newsletter , Forum der 13 ) .

|||

Buchpublikationen

|||

Anthologien | Zeitschriften ‘07

  • ETWAS HAT HUMOR, in: nicht schreiben ist auch keine lösung - jahrbuch der literatur # 13 , hg . : gauch , steinbrecher , wasner , Frankfurt 2007
  • DIE GANZE ARBEIT NÄHE - in : 40 Minuten Literatur , manuskripte 177 , Herbst 2007
  • DIE DRITTE STIMME - Nachwort für Orsolya Kalasz‘ Lyrikband Alles, was war will seinen Strauch - Frankfurt 2007
  • THIS DOES DOOR MEAN - in : Judith Hopf und Henrik Olesen : TÜREN - Portikus , Frankfurt 2007
  • SUCHEN / VERLIEREN / BEHALTEN / WEGWERFFEN - Festvortrag im Rahmen der Absolventenfeier der Fakultät Philosophie / Sprachwissenschaft der Humboldtuniversität im Juli 2007
  • EDENKOBEN , im sommer 2005 - in : Vom Ohrenbeben zum Edenkoben , hg. von Gregor Laschen , Heidelberg 2007
  • 4 GEDICHTE in poet[mag] 3 / 2007
  • NÜTZLICHE RUINEN - Nachwort in Istán Keménys gleichnamigen Lyrikband , Frankfurt 2007
  • DASS IHR MICH VERSTEHT, das verbiet ich . zum märchen - in : die horen, 1 / 2007
  • THE SUMMER OF LOSS [ich wollte dir etwas geben, worüber du nachdenken kannst] - in : LA MER GELÉE , Berlin - Paris , printemps 2007
  • GEDICHTE - in : BELLA triste # 17 - sonderausgabe zur deutschsprachigen gegenwartslyrik , Frühjahr 2007
  • DAS INNEN AHNUNGSLOSE . zu den arbeiten von judith hopf - katalog , sezession wien 2007

more …

|||

Texte im Netz

|||

Links

|||

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter