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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER VI , Katharina von Siena



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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER VI , Katharina von Siena

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Obsttafell Erdbeere ad Katharina von Siena

Niccolo Toldò kam sanft wie ein Lamm. Als er mich sah, lächelte er und wollte, dass ich das Zeichen des Kreuzes über ihn mache. Und nachdem ich es getan hatte, sagte ich: “Wohlan! Zur Hochzeit mein liebster Bruder, denn bald wirst du zum ewigen Leben gelangt sein!” / Diese Straße baute Jesus Christus, der selbst das Licht ist, mit seinem Blut. Dornen gibt es da nicht, denn sie ist wohlduftend, voller Blumen und schmackhafter Früchte, so dass der Mensch, kaum hat er sich auf diese Straße, den sanften Weg, gemacht, solche Süßigkeit schmeckt, dass er lieber den Tod wählt, als darauf verzichten zu müssen. Und entdeckte man auf diesem Weg auch Dinge, die Dornen zu sein scheinen, so ist es doch, als ginge man in einen Rosengarten, pflückte Rosen und ließe die Dornen stehen.

Vor dem Auge der Erkenntnis das Blut des Lammes, welches Leben verleiht, das Lamm, welches sich am Ende dieser Straße hingestellt hat. Eile zu diesem Mahl, nackt und gekleidet zugleich. Betrachte das geopferte Lamm am Holze des heiligsten Kreuzes. Anders kannst du nicht Mahl halten an dieser süßen und ehrwürdigen Tafel. / Niccolo Toldò kniete nieder mit großer Sanftmut. Ich entblößte ihm den Hals und erinnerte ihn an das Blut des Lammes. / Eile hin zum Träger des Blutes und in dessen Geruch. Dadurch wirst du berauscht von diesem Blut, entfacht und verzehrt in der göttlichen süßen Liebe. Du wirst eins sein mit ihm. Mache es wie der Berauschte: er denkt nicht mehr an sich, nur an den Wein, den er trank und von dem ihm zu trinken übrigbleibt. Berausche dich mit Blut durch Christus den Gekreuzigten, da du ihn vor dir hast, lasse dich nicht umkommen vor Durst! Nimm nicht wenig davon, sondern so viel, dass du berauscht bist und dich selbst dadurch verlierst. Denke an nichts anderes als an Christus, den Gekreuzigten, den Wein, den du getrunken hast. / Nichts anderes brachte Niccolo Toldòs Mund hervor als “Jesus” und “Katharina”. Er legte sein Haupt in meine Hände und sein Auge schloss sich in der göttlichen Güte mit den Worten: “Ich will.” / O liebstes Lamm, gebraten am Feuer von Gottes Liebe und am Spieß des heiligsten Kreuzes! O ganz köstliche Speise, reich an Wonne, an Freude und Kräftigung! In dir mangelt uns nichts: du bist Tisch, Speise und Diener geworden. Der Vater ist dabei der Tisch, er ist auch Lager, auf dem die Seele sich ausruhen kann. Wir sehen das Wort seines eingeborenen Sohnes, das sich Dir mit gewaltigem Liebesfeuer zur Speise gab. Wer brachte es Dir? Der Diener, der heilige Geist. Und in seiner maßlosen Liebe uns gegenüber ist er nicht zufrieden damit, dass wir durch andere bedient seien, er selbst will Diener sein. Wir müssen Esser und Vorkoster der Seele sein. “Ich bin Tisch, ich bin Speise.”

Die Hand des heiligen Geistes selbst reicht sie dar und bedient damit mildreich die wahren Verkoster. / Als [der Henker den Streich geführt und] ich Niccolo Toldòs Haupt mit meinen Händen empfing, bereitete das mir so süßen Trost, dass es das Herz nicht zu begreifen, die Zunge nicht zu sagen, das Ohr nicht zu hören vermag. / Bade dich im Blut des gekreuzigten Christus, bade dich, bade dich, mit dem Auge des Geistes wachend im Blute, tauche unter, versenke dich im Blut des gekreuzigten Christus, verliere darin alle Eigenliebe, ertränke und ertöte darin allen Eigenwillen, fülle dein Herz mit Blut, nähre dich von nichts anderem als von Blut, tauche unter im Blut des gekreuzigten Christus, bade dich im Blut, und berausche dich am Blut, sättige dich am Blut, kleide dich mit Blut. Warst du untreu, taufe dich im Blut, hat ein Dämon dein Auge verdunkelt, wasche das Auge mit dem Blut; und bist du in Undankbarkeit gefallen durch Unkenntnis der empfangenen Gaben, so sei dankbar im Blut. In diesem Bad werden all deine Krankheiten abgewaschen, im Blut des Lammes wirst du neu geschaffen werden. Deine Seufzer werden dir Speise, deine Tränen dir Trank sein. / Da fühlte ich ein Frohlocken und einen Geruch seines Blutes, und es war nicht ohne den Geruch des meinen, das ich vergießen möchte für den liebsten Bräutigam Jesus. / Schließe dich ein in die geöffnete Seite des Sohnes Gottes, die ein offener Ladenraum ist, von Duft so erfüllt, dass selbst die Sünde darin wohlriechend wird. Dort ruht die Braut auf dem Bette des Feuers und des Blutes. O angezapftes Fass, aus dem du zu trinken reichst und berauschest jedes lieberfüllte Verlangen! Es dünkt mich, Gott wolle uns große fette Bissen zu essen geben! O liebreichste ewige Wahrheit, gib uns große fette Bissen zu essen. / Und wie er dahingeschieden war, ruhte meine Seele in so großem Frieden und in solchem Dufte des Blutes, dass ich es nicht ertragen mochte, das Blut wegzuwaschen, das von ihm auf mich gekommen war. / O glorreiches Blut, das Leben spendet, das Unsichtbares sichtbar macht.

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Katharina von Siena ( 1347 - 1380 )

Die Mystikerin Katharina von Siena starb am 29. April 1380 in Rom an den Folgen ihres Hungerns. Sie hungerte nach der wahren Speise, nach Christus, den sie als ihren Bräutigam sah.

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Bernhard Kathan

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Hinweis : Für die Reihe Literatur als Radiokunst @ ORF Kunstradio hat Bernhard Kathan eine akustische Version der “Hungerkünstler” ( 14:56 ) produziert . Ursendung ist am 7. 12. 2008 , 23:05 H , Radio Österreich 1 .

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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER V , Niko Pirosmani



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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER V , Niko Pirosmani

 

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Rote_Beete_Pirosmani_copyright_Bernhard_Kathan

Tatarischer Obsthändler vor Regalen mit Früchten. Frau beim Melken. Zwei Georgier neben einem Marani, Wein trinkend. Familienkreis um eine gedeckte Tafel. Frau mit Bierglas. Kinderloser Millionär und arme Frau mit Kindern. Fürst mit einem Weinhorn. Aushängeschild: Ausschank und über die Straße. Aushängeschild: Bierstube Sakatala. Aushängeschild: Kaltes Bier. Aushängeschild: Tee - Bier. Stilleben mit Hühnchen, Spießen und Wein. Stilleben mit Fischen, Würsten, Spießen, einer Gans, einem Schwein und Früchten. Stilleben mit Melonen. Stilleben mit Fischen und Früchten. Weiße Kuh auf schwarzem Grund, Milch gebend. Schwarze Kuh auf weißem Grund, Milch gebend. Osterlamm mit Früchten. Lämmchen und Ostertisch mit fliegenden Engeln. Fiaker vor Gaststätte. Ein Räuber hat ein Pferd gestohlen. Frau mit Ostereiern. Weiblicher Markthygieneinspektor vor einem Stand mit Melonen und anderen Früchten, daneben ein Obsthändler. Koch, mit einem Fisch auf einer Kelle. Der Arbeiter Sosso, Pfeife rauchend. Sarkis füllt Wein in Krüge. Lastträger mit Weinschlauch. Lasträger mit Weinfass. Gelage. Tiflisser Händler bei einem Essen mit Grammophon. Vier zechende Städter. Familienpicknick. Gelage der fünf Fürsten. Gelage bei Gwimradse. Gelage mit dem Leierkastenmann Datiko Semel. Gelage in der Weinlaube. Im Walde zechende Städter. Gelage dreier Fürsten auf der Wiese. Fiaker und nächtliches Gelage. Gelage vor einem zweistöckigen Haus. Gelage zu Ostern. Eselsbrücke mit Tischgesellschaften. Gastmahl während der Weinlese. Kachetisches Epos, darunter drei Männer bei einem Gelage. Krzanissi, ein Gelage. Fest des hl. Georg in Bolnissi, Tischgesellschaften.

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Niko Pirosmani ( 1862 - 1918 ) : “Tatarischer Obsthändler vor Regalen mit Früchten” ( > Gallery @ Wkimedia Commons , @ Olga’s Gallery )

Der georgische Maler Niko Pirosmani - er schuf vor allem Wirtshausschilder - darbte sein ganzes Leben lang. Eines Tages fand man ihn in einem Kellerloch, nachdem er dort Tage ohne Nahrung gelegen hatte. Man brachte den Besinnungslosen in ein nahe gelegenes Krankenhaus, wo er am 7. April 1918 starb, ohne wieder zu Bewusstsein gekommen zu sein.

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Bernhard Kathan

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See also : Maud Ellmann : The Hunger Artists - Starving, Writing and Imprisonment ( czz )

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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER IV , César Vallejo



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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER IV , César Vallejo

 

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Rüben_copyright_Bernhard_Kathan

Er hat keine Augen und sieht und weint, ein einäugiger Alter, Augen mit körperlichem Weinen, schlaflose Organe, ich vergesse durch meine Tränen meine Augen, viel Kummer in einem der Augen, viel Kummer auch im anderen, und in beiden, wenn sie schauen, viel Kummer. Die Augen, unabhängig von einem, besitzen ihre Armseligkeiten, will sagen, ihr Amt, etwas, was der Seele entweicht und auf die Seele fällt. Vertraue in das Augenglas, nicht in das Auge. Sie haben im Hotel ein Auge aufgemacht, indem sie es peitschen, es schlagen mit einem deiner Spiegel. Wie kommt es, dass ich Augen habe? / Man bringt Käse. Man trägt Erde hinaus. Der Tod legt sich ans Fußende des Bettes, um in seinen stillen Wassern zu schlafen, und schläft ein. / Eine Frau mit friedlichen Brüsten, die Mutter, rückwärts mit der Brust auf meinen Tod zukommend, daher haben ihre Augen mir so viel gegeben, hautnah bei mir, ihre sterblichen Augen sinken sanft an meinen Armen herab. Niemals gab es soviel Schmerz in der Brust, im Rockaufschlag, in der Brieftasche, im Glas, im Metzgerladen, in der Arithmetik! Ein Brustschuss, Erfahrung eines einzigen Auges, mitten auf die Brust genagelt, mitten auf die Brust genagelt, genagelt mitten auf die Brust, gepeitscht von Daten mit Dornen, vergiss mich und stütze mich an der Brust. Im Schatten eines Baumes mit dem Rücken zur Welt geboren, längs eines Weges mit dem Rücken zur Welt. Ich sah einmal einen Baum mir den Rücken kehren und sah ein anderes Mal einen Weg, der mir den Rücken zukehrte. Ein Baum mit dem Rücken zur Welt wächst nur an Orten, wo nie jemand geboren worden war oder starb. Auf dem Rücken schlafen, auf dem Rücken liegend, mit aufgerissenem Bauch, auf dem Rücken liegend, halb durch seinen riesigen Zungenmund und ganz durch den After seines Rückens, eine Uhr, die hinter seinem Rücken ungeduldig flaniert, von andern mit ihren Rücken gesehen werden, wenn ich vorwärts gehe. Dem Bösewicht ein Vögelchen auf den Nacken setzen. Scheu von den Schultern ihr geruhsames Schaffen hören, vor einem Pissoir die Schultern heben, von Schulter zu Schulter, fortgehen, weinen, es für acht hergeben oder für sieben oder für sechs, für fünf, oder es fürs Leben hergeben, das drei Potenzen hat, den zweiten Kummer fest auf die Schultern gedrückt, seinen dritten Schweiß mitten in meine Träne. Von ihren Schultern reißt Fleisch auf Fleisch das blühende Werkzeug. Wie kommt es, dass ich mir ein Ei auf die Schulter gelegt habe, statt eines Umhangs? Der Böse, mit einem Thron auf den Schultern. Der Atem, der Geruchssinn, die Sehkraft, das Gehör, das Wort, der menschliche Glanz seines Seins arbeiten und sprechen durch die Brust, durch die Schultern, durch das Haar, durch die Rippen, durch die Arme und die Beine und die Füße. / Was im Haus verbleibt, sind der Fuß, die Lippen, die Augen, das Herz. / Ein Gesicht, von der unsterblichen und unausdenklichen Luft zerfressen, das Gesicht in der Liebe, nicht im Hass verloren, ein totes Gesicht auf dem lebendigen Leib, mit verkrüppeltem Gesicht, mit verdecktem Gesicht, mit verschlossenem Gesicht, ein starres Gesicht, ein steifes und abgestorbenes Gesicht, ein steifes und mit Nägeln am lebendigen Kopf befestigtes Gesicht. Dieses Gesicht erweist sich als der Rücken des Schädels. Mit Backenknochen die Gesichtsfalte ausstatten, es ist nicht ihr weichster Sporn, der auf ihre beiden Backen haut, sich das Gesicht waschen, indem man es mit festen Laken streichelt, ein schmerzendes Ventil im Wangenbein, Gesichtshaut durchs Telefon, Heraustreten aus dem Gesicht. Er hat keinen Mund und spricht und lächelt, ein Mund, den das Schießpulver wegfraß. Halt den Mund, und du erduldest die Straße, die dir das Los beschied. Mit welcher Stimme schweigen? Rauch im nüchternen Mund, Brot, das sich im Speichel irrt, das mündliche Organ deines Schweigens. Er hat kein Kinn und begehrt und überlebt, sich das Kinn im Rückzug betastend. In Gedanken Seufzer zusammenzählen, helle Hiebe auf den Gaumen hören. Ein Rachen mit trockenem Rand, am Hals das negative Zeichen. Die Lust zu leiden, zu hassen färbt mir die Kehle mit bildsamen Giften. Wäre meine Braut gestorben, mein Schmerz wäre der gleiche. Hätte man mir die Kehle durchgeschnitten, mein Schmerz wäre der gleiche. Er hat keine Nasenflügel und riecht und atmet, in der Nase der Erdboden, der lebendige Unsinn und der tote Unsinn nach Totem riechend. Er hat keine Ohren und hört. Ich sah ihn gähnen, seine unheilvolle Muskelbewegung in meinem Gehör verdoppelnd. Dieses Ohr gibt neun Schläge in der Stunde des Blitzes und neun Lachsalven in der Stunde des Weizens und neun weibliche Töne in der Stunde des Weinens und neun Gesänge in der Stunde des Hungers und neun Donnerschläge und neun Peitschenhiebe, doch keinen Schrei. - In deinem Ohr schaut der Knorpel schön aus. / Meerschweinchen, um sie gebraten zu essen mit dem wilden Pfeffer der Täler! / Traurig bis zum Kopf und trauriger bis zum Knöchel, auf dem Kopf meine Angst, eine kopflose Kraft im Kopf, ein Kahlkopf ohne Hut, ein Kopf, der die Qualen des Kreises in meinen Schritten büßt, sie haben ihren Kopf, ihren Rumpf, ihre Gliedmaßen, sie haben ihre Hose, ihre Mittelhandfinger und einen Zahnstocher, im konkaven Kopf ihr Fasten mitführend. Und hat die Migräne soviel Stirn der Stirn entrissen, so hat er keine Stirn und denkt nach und versinkt in sich, an die Stirn gelehnt, dies da ist ein Auge, jenes eine Stirn, das ist der ferne Staat der Stirn, die Bretter der Stirn, einen Augenblick schlägt deine Stirn den Takt, unbekümmert vor der gesetzgebenden Stirn. Unglücklicher Gott, nimm deine Stirne ab! Eine Laterne, an die Schläfe gehängt, Hörnerpochen in den Schläfen, sich gürten, sich die Unterweisung gürten, die Schläfe. / Ein Mann kommt vorbei, ein Brot auf der Schulter. / Dies sind meine heiligen Schriften, dies meine bestürzten Hoden, Zeiten lorbeerhaften Bissens mit Sinnbildern, Tabak, Welt und Fleisch, übertragendes Verschlingen unter einem Baldachin, zum Klang der Sängerhoden. Das Unendliche zwischen deinen Schenkeln treibend. Das gute Organ, das mit drei Griffen, geht vorüber, Monat für Monat blättere ich in deinem einstimmigen Haar. Haut, innerliches Fingergefunkel, in dem ich ganz bin, schlüpfrig, ein proparoxytonischer Schlupfwinkel, diese Haut. Unten ihren leisen Laut, den ihres Beckens, du zitterst in deiner Scheide, cholerisch, alkalisch, ich mit einem Stein in den Lenden, der Hüfthalter hat ihr weh getan, ihr Durst verursacht. All das gerät gerade jetzt in meinem männlichen Bauch sonderbar in Bewegung. Du und er und sie und alle, drangen gleichzeitig in mein Hemd ein, in meine Holzschultern, zwischen meine Schenkelknochen, Stöckchen. Wie schmerzt mich mein Haar beim Erspähen der wöchentlichen Jahrhunderte, mein Mikrobenkreis, will sagen, meine zitternde, patriotische Haartracht! Es gibt Leute, so unglücklich, die nicht einmal einen Körper besitzen; ihr Haar ist quantitativ, niedrig an Zöllen der geniale Kummer, ihre Wesensart hoch. Nichts, als dass mein Haar nicht mehr wächst, doch dem, der zu mir spricht, seine Flechten ordnen, dem Soldaten sein Haar, bis zu den Haarspitzen im Jahr achtunddreißig. / Los, stillen wir unsren Hunger jetzt mit Gras, lasst Wimmerfleisch uns essen, Seufzerfrüchte, die Schwermutseeele dich als Muse erlabe. / Verscheucht von meinen Schneidezähnen eine ansehnliche Zahl anorganischer Körper, aus meinen eigenen Zähnen trete ich rauchend, schreiend, stoßend, und lasse die Hosen herunter, das Elend zerrt mich aus meinen eigenen Zähnen, aufgespießt von einem Zahnstocher auf die Manschette. Überlege, bevor du meditierst, denn es ist schrecklich, wenn das Unglück einen anspringt und einem der Zahn ganz ausfällt. Der Backenzahn des Vergessens. Der Hotelbesitzer ist eine Bestie, seine Zähne, fabelhaft. / Die Bäckerin denkt an dich, der Schlachter denkt an dich und packt das Beil, in dem der Stahl gefangen ist und das Eisen und das Metall. / Auf die Fingerknochen trommeln, fünf untergebene Knöchlein abgeben, Knöchel ohne Umfang, weinen und Knöchelchen aus den Fingern bilden, dreizehn Knochen, die sich schräg zu den Kloaken stellen, ich esse deinen Knochen im Hinblick auf Christus, den Weichen, du reckst deine hervorstehenden Knochen aus und rückst deinen Kragen zurecht. Das Schrillen des Motors im Fußknöchel, der Tag des Fußknöchels, die Nacht der Flanke, das Jahrhundert des Keuchens. Im Doppelschritt des Gerippes, meine riesige, weiße, beharrliche Rippe. Wascht täglich euer Gerippe. Vom eigenen Blut besprüht mit weiblichen Linien, die verweigerte Blutausscheidung einwärts schwitzen, ich trinke dein Blut im Hinblick auf Christus, den Harten, Milch soll im Blut sein, traurige Blutgefäße roter Richter. Die Ärmsten, ihre Leber durchstöbernd. Leer mein Magen, leer mein Dünndarm, ein Magen, in dem meine zerborstene Lampe Platz fand. Das Herz mit Mut füllen, Würmer, die das Herz nach Einheiten zählt. Ein sterbliches, figuratives, tollkühnes Zwerchfell. Den Nabel befragen: Wohin? Wie? Dies muss mein Nabel sein, in dem ich meine geborenen Läuse tötete. / Im Gedächtnis gutes Fleisch essen, Schinken, wenn Fleisch fehlt, und ein Stück Käse mit weiblichen Würmern, männlichen Würmern und toten Würmern. / Beine eines Geliebten, ohne Beine, ohne erwachsenen Lehm, ohne Waffen. Vertrauen in die Hose, nicht in die Beine. Auf Zehenspitzen gehend, mit einem Brot in der Hand, einem Weg im Fuß. Auf Zehenspitzen vor uns fliehen. Lässt die Tat von einst in der Hand Haare wachsen, halte deinen Dickdarm fest in der Hand, in der Hand verwoben, weine in meine Hand, drücke eine Träne in meinen Backenknochen, eine Hand, an einen einsamen Schuh geklammert, auf Befehl seiner Hände ins Kino gehen, die Krone in der Hand, die Seele an der Hand führen, führe deine süße Gestalt an der Hand, führe deinen Körper an der Hand, eilends die Linke mit dem Hunger fassen und die Rechte mit dem Durst, dieser Zeigefinger, dieses Bett, diese Fahrkarten. Mit welcher Hand erwachen? Hand in Hand mit meinem Schatten. Ellbogen eines Gerechten, ein Arm, der es ablehnte, Flügel zu sein, kurble deinen Arm an, such dich unter der Matratze, das Böse mit den Armen hochhebend. In den Armen eines Blinden unseren Stern wiegen, sich stützen mit dem Arm der Begräbnisehre. Eine fixe Idee, unter meinen Fingernagel geraten, ein abscheuliches System der Luftröhren und der Bergschlucht, sauge des Nachts traurig an meinen Fingernägeln, jemand kommt vorbei und zählt mit den Fingern. Die Haut verlassen, sich kratzen am Steinsarg, in dem wir geboren werden. In welchem Zustand sind deine Poren? Auf den Knien niemals “Nie” sagen, auf den Knien mein Schrecken. Rennen, schreiten, fliehen vor seinen Füßen, um zu fliehen, fliehen und fliehen und fliehen vor seinen Füßen, stillstehend vor lauter Fliehen. Einem Lahmen den Fuß waschen. Mit welchem Fuß sterben? Am Fuß entzünd ich meine Sicheln nur. Vierteiliger Mais mit entgegengesetzten Geburtstagen. Durch die Füße höre ich wie sie sich entfernen. Fern von holprigen, bissigen Fersen. Welchen Sprung spürt der Abgebildete in seinen Fersen. Mit einem Gewissensgeschwür allein gelassen werden, mit empfindlich gespreizten Lepraknoten. Du leidest an einer Endokrindrüse, das sieht man, oder vielleicht leidest du an mir, an meinem schlichten, stillen Scharfsinn. Wie der entwendete Gegenstand sein gleichgültiges Gewicht besitzt, so das operierte Organ sein trauriges Fett. Zieh den Leib an. Da ist eine aus meinen Teilen zusammengesetzte Person, die ich ausfülle, wenn meine Gestalt auf ihrem richtigen Steinchen davongaloppiert, dann der Zorn, der die Seele in Körper zerbricht, den Körper in unähnliche Organe und das Organ in Achtelgedanken.

César Vallejo ( 1892-1938 ) , einer der bedeutendsten Lyriker der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wurde im März 1938, sechsundvierzigjährig, halbverhungert in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er am Karfreitag desselben Jahres an den Folgen seiner Unterernährung starb. Eine vierbändige Ausgabe der Gedichte ( Spanisch | Deutsch von Curt Meyer-Clason ) ist im Rimbaud- Verlag erschienen .

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See also : Maud Ellmann : The Hunger Artists - Starving, Writing and Imprisonment ( czz )

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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER III , Paul Scheerbart



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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER III , Paul Scheebart

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Birne König Karl von Württemberg ad Scheebart

Geschäftig packen gehorsame Diener Wein- und Esskörbe aus. Das verbessert die Stimmung. Alle trinken schmunzelnd mit der Zunge schnalzend das eiskalte duftende Getränk. Alsdann werden Datteln und Bananen, Feigen und Kirschen, Äpfel und Mandeln, Weintrauben, Pfirsiche, Nüsse, Oliven, Erdbeeren und kleine ovale Honigkuchen in fein getriebenen Metallschalen herumgereicht. Wird die Köchin nicht bald eine neue Torte backen? - mit Zucker, Zitronen und - und frischen Kräutern oder so was weich Zerfließendes? Wenn Du mir einen Apfel schälen wolltest, würd’ ich Dir dankbar sein. Wenn jetzt ein Dichter Obstverse vortrüge, würd’ ich mich sehr freuen. Die Kirschen sind gut. Ich liege auf einer Wolldecke auf dem Rücken und betaste mit den Fingern das Holz auf seiner rechten Seite. Ich blicke zu den verblassenden Sternen hinauf und träume von meiner Köchin. Das Boot schaukelt so wohlig, und die Augenlider fallen mir zu. Ich taste im Traum überall umher. Bald fasse ich nach Sternen, bald nach Kochtöpfen. Im Traum wird mir befohlen, aller Menschen Nase zu befühlen. Ich atme sehr schwer, denn die Aufgabe dünkt mich nicht leicht. “Ausreden hast Du immer - daran fehlt es Dir nicht!” Bei diesen Worten hebt die Köchin schon wieder geschäftig einen Kochtopf vom Feuer runter, stellt ihn auf die Platte und holt mit einem Blechlöffel vorsichtig das Fleisch aus dem Topfe heraus. Das Feuer schlägt lodernd in den rußigen Schornstein empor. Ich greife nach ihrer Hand, die noch immer den Blechlöffel hält, berühre sehr demütig mit den Lippen die braunen Finger, um dann der Köchin den Mund mit einem Kuss zu schließen. Das weiße Leinenhemd, das den Oberkörper faltig umschließt, sieht auch sackartig aus. Ganz kurz sind die Ärmel des Hemdes, das so bläulich-weiß aussieht wie Kuhmilch, die verwässert wurde. Die kräftigen braunen Arme wirtschaften eifrig am Herde, ihr schwarzer Zopf fliegt bei jeder Bewegung bald nach rechts - bald nach links, ihre großen schwarzen Augen glänzen unter buschigen Brauen. Sie zeigt ihre weißen Zähne, schüttelt sich das schwarze strähnige Haar aus der niedrigen Stirn: “Was ist Dir denn wieder in die Krone gefahren?” “Ich habe Hunger.” Rechts die weiße Küchenwand, an der eine lange Reihe starker Messer mit prächtigen Griffen glänzend aufblitzt. Hartgesottene Steppeneier mit gelber Sonnentunke. Der Holzteller, auf dem die Eier ruhen, ist ganz neu und von einem ganz alten Beduinen am Rande geschnitzt. Auf dunkelblauem Porzellan sauren Waldsalat. Dann Bratfisch: Ich fühle mich so sehr wohl. Ein großes Wohlbehagen empfand ich soeben. Ich empfinde das jetzt noch. Kennst Du das auch? Es ist mir in meinem ganzen Körper so unbeschreiblich wohlig. Es überkommt mich so plötzlich eine ganz selige Stimmung. Ich denke Nichts, ich fühle nur. Mein ganzer Körper fühlt. Ob eine so allgemeine körperliche Gesamtempfindung nur eine Magenstimmung ist? Ich habe noch garnicht Lust zum Essen. Ich fühle mich so sehr wohl. Jetzt merke ich etwas über dem Magen - unter der Brust … Die Köchin pökert währenddem mit der Feuerzange in den glühenden Holzkohlen herum, rückt den Dreifuß zurecht, setzt eine Bratpfanne hinauf und schmilzt Fett darin. Sie legt sodann einen großen Windfisch ins Fett und bratet den Fisch. Gib mir Brot und den Salzbottel. Der Windfisch ist gebraten - ganz knusprig. Die große Köchin kostet ihn und sagt: “Hm!” Danach reicht sie mir Brot, Salz und Fisch und sagt: “Nun?” Ich streichle ihre Hand und will noch eine Zitrone. Der braun gebratene knusprige Windfisch liegt auf einem silberblanken Zinnteller. Mir ist, als wäre ich ein Riese und säße vor dem großen Meer - und mir kämen die einzelnen Fischteile wie wunderliche kleine Inseln vor. Verstehst Du nicht? Ich glaubte, kleine Inseln zu essen und das Meer brausen zu hören, in dem die Windfische herumspringen. Ich beiße in eine Olive hinein und umarme meine Köchin, küsse ihr die Stirn und die Augen, die Wangen und den Hals, die kleinen kalten Ohren und die heißen Lippen. Aus dem Garten weht ein starker Blumenduft in die Küche. Vom Feuer her riecht man jetzt das kochende Fleisch. Im rußigen Schornstein hängen geräucherte Lammrippen. Der rote Ziegelboden ist sauber gescheuert. Neben dem Herde steht noch der schmutzige Scheuereimer. Der Wein duftet nun noch schöner als das Fleisch im Kochtopf. Der Wein macht mich Dichter ganz tiefsinnig. Der Genuss lässt sich nicht wie ein Gummiband verlängern. Wir müssen immer wieder neue Reize suchen - sonst stumpfen wir ab. Selbst gebratenen Windfisch kann man nicht alle Tage essen. Ich blicke in eine tiefe Holzwanne, in der sich ein paar dicke Aale wild herumtummeln; sie winden sich durcheinander und hauen sich mit den Schwanzspitzen … Die Köchin rührt Teig, aus dem dunkle Kronenklöße gemacht werden. Ein paar dicke blutige Rindskeulen, die an kräftigen Eisenhaken vor der weißen Kalkwand hängen. Und nun noch die vielen Kiepen mit Pfirsichen, Birnen, Gurken, Waldbeeren und Kirschen. Am Fenster in einer Ecke liegen auch ein paar Dutzend Tauben - in einer Reihe - ihre toten Köpfchen hängen trübselig auf der Seite. Wie seltsam alle diese Küchengeräte auf mich einwirken. Ich erinnere mich heute fast an meine halbe Vergangenheit. Wenn ich aus einem alten, mir vertrauten Kochtopf esse - so empfinde ich die früher genossenen Speisen noch einmal auf der Zunge - nur so halb - aber sie würzen doch das neue Gericht. Mit solcher Wiederholung eines Genusses kann man wohl eine sehr verfeinerte verschärfte Empfindung erzielen. … Verschärfen lässt sich ein Genuss, aber nicht verlängern - das ist wichtig. … Zum Beispiel: eine Liebesstimmung soll man auch nicht länger machen wollen - als sie ist - sie ist auch kein Gummiband … Und dann darf man nie vergessen, dass man einen andauernden Glückszustand nicht in sich erzeugen kann. Und nun eine lange Küchenrechnung. Zuerst gibt’s Tigriskrebse in buttergelben Porzellanschüsseln. Wie die roten Schalen knacken und knistern! Und die Nachtigallen schlagen zuweilen ganz verständig dazwischen. Der zweite Gang ist saurer Aal in Panthertunke. Der Springbrunnen plätschert. Und die drei Mädchen überreichen jedem Gast einen Becher mit Wein. Und dann gibt’s indische Schnecken. Die Gesichter der Gäste glänzen. Man isst Antilopenschinken mit gefrorenem Wurzelsalat - und zwar nicht wenig. Kamelsgehirn gebacken. Nun kann ich mich nicht länger halten. Schildkröten gesotten. Gebratene Tauben. Wie die Knöchlein der Tauben knacken und knistern, wird mir so gereizt zu Mute. Süßigkeiten werden herumgereicht, Zuckergebäck, Kirschenpudding. Schlitzäugige chinesische Mädchen bringen heißen Tee in blau bemalten Porzellanschalen herbei. Wie die Mädchen verstummen, wird in goldenen Gefäßen seltenes kostbares Zuckergebäck herumgereicht. Und darauf gibt’s Fleisch in würfelförmig geschnittenen Stücken - teils gebraten - teils gekocht - Hammel, Rind und Hühner … aber viele viele Pfunde. Man isst mit dem Dolch. Und man trinkt dazu den Wein in großen Zügen - ein Morgenfest soll immer in großen Zügen gefeiert werden. Ein paar tausend Sklaven bedienen. Die Zahl der Gerichte ist nicht zu zählen. Tausend und aber tausend bunte Papierampeln glühen und brennen zwischen den Blumen - durch das Grün der Bäume. Wie Diamanten glühen und brennen die Ampeln - wie Rubine, Saphire, Smaragde. Blumenmädchen - ganz mit bunten Blütenketten umhüllt - wandeln langsam hinter einander mit knisternden Pechfackeln in wohlberechneten Kurven über den Kies der Gartenwege. Und im Hintergrunde flackern riesige Flammen empor - rote und grüne - bengalische Flammen. Und neben den Springbrunnen puffen von Zeit zu Zeit mächtige Pulverhaufen in die Luft - die Pulverflammen schlagen blitzschnell - unheimlich - wie Geisterfäuste - in den dunklen Sternenhimmel hinein. Und morgens dann frische Fische aus dem Tigris. Und wenn ich betrunken und ohne Dolch nach Hause komm, wird die Köchin nicht müde, auf mich loszuhacken, mir einen Topf mit Milch an den Kopf zu werfen, dass mir die weiße Milch übers Gesicht rinnt. Als reichte das nicht, schreit sie wie verrückt und haut mir mit einem Schrubber auf den Kopf. Ich packe sie an die Gurgel. Aber ach! - in dieser wüsten Nacht bin ich schwächer als die Köchin. Sie verprügelt mich und wirft mich durchs Fenster in den Garten. Töpfe, Flaschen, Kruken, Holzstücke, Gläser, Eimer voll Wasser - und alte Fleischstücke - greulich! - alles Dieses fliegt mir an den Schädel. Derweil liegen Frauen in prächtigen bunten Seidengewändern auf den Teppichen und langweilen sich. Eine Perserin spielt eintönig auf einem langen Saiteninstrument, das mit blitzenden Diamanten verziert ist. Eine kleine Ägypterin schlägt dazu ein paar glockenförmige Zymbeln von Zeit zu Zeit leise an einander. Doch nach dem Bade werde ich von den Sklaven mit wohlriechenden Ölen gesalbt. Die Köchin zerschneidet vorne eine große Nusstorte und kümmert sich nicht um die Gesellschaft. Die Blumen duften paradiesisch und goldene Äpfel fallen mir auf die Nase. Der Himmel wird ganz dunkelblau. Ein paar Sterne fallen aus dem dunkelblauen Himmel - auch herunter in den Garten, in dem die Blumen leuchten und duften wie im Paradies. Ein Duft von gebratenen Hasen weht mir aus dem Fenster entgegen. Die Köchin bringt die Nusstorte und wird mit einem Höllenlärm empfangen. Es gibt Fleischpasteten und kalten Bratfisch, Pfirsiche, Oliven und Weintrauben, afrikanische Schotentorte und Marzipan. Ich liege unter Oleanderbäumen, starre in den Vollmond und träume von tiefer Einsamkeit, von einem Weibe, das nirgendwo lebt, das ich mir nur denke, von einer andern Welt, in der’s andre Frauen gibt als hier auf der Erde. Ich will einsam leben, ganz einsam, ganz allein, auf Alles verzichten und nur allein sein. Alle meine Freunde kränken mich nur. Ich bin es müde, mit ihnen zu spaßen. Ich will sie nicht mehr sehen.

Essphantasien des darbenden Paul Scheerbart ( 1863 - 1915 ). So man es glauben will, starb er am 15. Oktober 1915 an Entkräftung, nachdem er aus Protest gegen den Krieg jede Nahrungsaufnahme verweigert hat. Sicher ist, dass Scheerbart oft nicht wusste, wovon er in den nächsten Tagen leben sollte.

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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER II , Daniil Charms



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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER II , Daniil Charms

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Bernhard Kathan_Obstsorten_02_ad Charms

1. Tue jeden Tag etwas Nützliches. / Man druckt mich nicht mehr. Man zahlt mir das Geld nicht aus und begründet das mit irgendwelchen zufälligen Verzögerungen. Ich fühle, es geht etwas Geheimes, Böses vor. Wir haben nichts zu essen. Wir hungern fürchterlich. Ich weiß, dass mein Ende gekommen ist. / 2. Stehe spätestens um 12 Uhr auf, außer in extremen Fällen. / Schwäche, Hunger und belegte Zunge, der ewige Drang zur Nahrungsausscheidung und die schmiegsamen Säfte zärtlicher Mädchen sind schreckliche Störungen. / 3. Wenn du aufgewacht bist, stehe sofort auf, ergib dich nicht in morgendliche Betrachtungen und auch nicht dem Wunsch zu rauchen. / Mich interessiert nur der “Quatsch”; nur das, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung. Heroismus, Pathos, Schicksal, Moral, hygienisch Reines, Sittlichkeit und Glücksspiel - sind mir verhasste Wörter und Gefühle. Dagegen begreife und achte ich zutiefst: Entzücken und Begeisterung, Inspiration und Verzweiflung, Leidenschaft und Beherrschung, Laster und Keuschheit, Kummer und Leid, Freude und Lachen. / 4. Treib jeden Morgen und jeden Abend Gymnastik und reibe dich danach trocken. / Ich will nicht länger leben. Ich brauche nichts mehr. Hoffnungen habe ich keine mehr. Ich brauche Gott um nichts zu bitten, was Er mir auch schickt, soll geschehen: ist es Tod, dann Tod, ist es Leben, dann Leben, - alles, was Gott mir schickt. In Deine Hände, Jesus Christus, lege ich meinen Geist. Behüte und bewahre mich und schenke mir das ewige Leben. Amen. / 5) Täglich mindestens 10 Gedichtzeilen schreiben. / So beginnt der Hunger: Morgens erwachst du frisch und munter, dann beginnt die Schwäche, dann beginnt die Langeweile; dann kommt der Verlust der raschen Verstandes Kraft, - dann kommt die Ruhe. Und dann beginnt das Entsetzen. / 6). Mindestens eine Seite Prosa im Heft schreiben. / Mein Gott, was für ein entsetzliches Leben, und ich in was für einem entsetzlichen Zustand. Ich kann nichts tun. Dauernd will ich schlafen, wie Oblomov. Keine Hoffnung. Heute haben wir das letzte Mal gegessen, Marina ist krank, sie hat beständig Temperatur von 37-37,5°. Ich habe keine Energie. / 7). Etwas über Religion oder Gott lesen, oder die Wege hinzugelangen, mindestens drei Seiten. Über das Gelesene nachdenken. / Verweigern Sie ihm bitte das Vergnügen auf der Bank zu sitzen, auf der Bank zu sitzen, auf der Bank zu sitzen … Verweigern Sie ihm bitte das Vergnügen auf der Bank zu sitzen und an Essen zu denken, auf der Bank zu sitzen und an Essen zu denken, vor allem an Fleisch, an Vodka, an Bier, an eine mollige Jüdin. / 8) Zeitungen lesen. / Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er der Tag des Leidens. Kein Essen, kein Essen, kein Essen. Ich will essen. Oh oh oh! Ich will essen. Ich will essen. Das ist mein Wort. Ich will meine Frau ernähren. Ich will meine Frau ernähren. Wir hungern sehr. Ach wieviele schöne Sachen gibt es! Ach wieviele schöne Sachen gibt es! / 9) Jeden Tag die Anzahl der umsonst verbrachten Stunden notieren. / Ich staune über die menschlichen Kräfte! Heute ist schon der 12. Januar 1938. Unsere Lage ist noch um vieles schlimmer, aber wir schleppen uns immer noch weiter. Mein Gott, schick uns nur bald den Tod. / 10) Wenn du allein bist, beschäftige dich mit einer klar umrissenen Arbeit. / Unsere Lage hat sich weiter verschlimmert. Ich weiß nicht, was wir heute essen werden. Und was wir weiter essen werden, weiß ich ganz und gar nicht. Wir hungern. / 11) Verringere die Zahl derer, die bei dir übernachten, und nächtige selbst vor allem zu Hause. / Die Tage meines Untergangs sind gekommen. Habe gestern Andreev gesprochen. Ein sehr schlechtes Gespräch. Keine Hoffnungen. Wir hungern, Marina wird immer schwächer, und mir tut außerdem wie wahnsinnig ein Zahn weh. Wir gehen zugrunde - Gott, hilf! /12) Nicht später als 2 Uhr nachts ins Bett gehen (Licht aus). / Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, lass mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.

Daniil Charms (1905 - 1942) : Tue jeden Tag etwas Nützliches.
Daniil Charms, Autor zumeist grotesker und absurder Kurzgeschichten, Theaterstücke und Gedichte . Er starb am 2.2.1942 während der Leningrader Blockade in der Gefängnispsychiatrie an Unterernährung.

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