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Distant Voices , Still Lives : Günther Schifter 1923 - 2008



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WER SPRICHT : GENERATION “NOSTALGIE”

czz-pikto-blind-fuer-todEs ist wohl ein bisschen “tricky” , als in|adae|qu|at zufälliges Element jener ( nota bene : freiwilligen ) Generations- Selbstdefinitionen , die sich über historische Marken und deren Konsum definierten ( “Generation Golf” , in Österreich “Wickie , Slime und Paiper” ) und die mittlerweile indes mitten im “Wir nennen es Arbeit Ego- Marketing” angelangt sind , über einen passionierten und professionellen Nostalgiker zu schreiben . Aber es sei : Denn Günther Schifter , seit 1949 im “Sender Rot Weiss Rot” , später auf Radio Wien , als Schellack- und Jazz- Experte in mehr als 2.000 Sendungen on air , ist verstorben .

Dass wir , in die Radio- Klanglandschaft der siebziger Jahre hineinpubertierend , zunächst relativ wenig Verständnis aufbringen konnten für den uns saturiert- selbstgefällig anmutenden Sound von Schifters satter Radiostimme , lag auf der Hand . Nicht einmal sein Markenzeichen - das “Howdy” am Beginn jeder dieser Retro- Rundfunkstunden - wussten wir zu würdigen : Schliesslich kannten wir das Wort allenfalls von den so raren wie fast unbezahlbaren “Snoopy“- Merchandizing- Schul- und Schreibwaren , die wir aus lauter Besitzerstolz natürlich nie benutzten , sondern bis zum Welkwerden erster Jugendblüte aufhoben , um sie dann nächtlings und nebels nur umso wütender in den Müllkübel zu schmettern . Freilich sorgfältig eingerollt in Zeitungspapier . Könnte ja Jemand merken .

Die Zeit , als Sinn und Antennen sich für die Feinen Unterschiede in Musik und Kleidungsstil schärften , fiel recht trefflich mit der Epoche nächtlicher Radioexperimente zusammen : Auge in Auge mit dem alten Transistor - und frei von den Sozial- und Stilkontrollen des Schulhofs - tastete man sich Millimeter für Millimeter die Senderskala entlang , um auf den gezählten drei österreichischen Sendern mitunter Seltsames , Irritierendes und irgendwie interessant Anzügliches zwischen Karajan- Tschaikowski- Gedröhne und dem “Blaugelben Wunschkonzert” zu ergattern . “Learning by doing” hiess die Devise ( kein Gedanke , die Wahrnehmungen etwa mit einem gedruckten Radioprogramm abzugleichen ) und der Zustand schlicht “addiction” .

Hier , im superprivaten Tête à Tête - wörtlich : mit Einohrstöpsel und unter der Bettdecke - mit den Stimmen von Walter Richard Langer ( “vokal - instrumental - international” ) , Gerhard BronnersSchlager für Fortgeschrittene” und Günther Schifters markantem Driften zwischen Jazzjargon , als Anekdoten getarnten zeithistorischen Fakten ( Lebensmittelkarten , Kriegsereignisse ) und einer sehr amerikanischen Weise , das schwierige Terrain mit einem flotten Sager wieder zu verlassen , war man ganz Ohr und soff , so viel man konnte .

Unerschwinglich , daher Weihnachtswunsch an die Familie : Den schief auf Tonkassetten eingesungenen “Abba”- Coverversionen ( = Erstbesitz an akustischen Datenträgern ) folgte unmittelbar Miles Davis’ “Bitches Brew” .

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RADIO PERSONALITY

czz-pikto-blind-fuer-todBeim allmählichen Zurücktasten in die Be- Bop- und Birth- of- Cool- Ära wurde “der Schifter” - obwohl für den 15- jährigen Geschmack noch immer ein bissel zu “alt” und irgendwie “onkelhaft” - allmählich zum regelmässigen Funkkolleg in Sachen Jazzgeschichte . Blieb freilich Privatissimum .

Denn nach aussen gab man sich in dicht aufeinanderfolgenden Phasen als “Alternativ” , “Mod” , Röhrenjeans- Roquette ( Led Zeppelin und , unvermeidlich , Deep Purple “Live in Japan” ) bis alles in schönster Vereinigung seinen Ort in der “Musicbox” fand : Wolfgang Kos , Walter Gröbchen , Fritz Ostermayer , Blumenau & Team , speziell aber Grossmeister Werner Geier gaben die Tonspur zu einem fortan phantastischen und folgenreichen Echtleben .

Post- Punk-, Wave- , Art- Rock und den neudeutschen Pop- Aufbrüchen um 1982 . Grund genug , nach der Schule straks nach Hause zu laufen , das ostentativ grindige Behältnis für Lehrstoffe und Leermaterialien in die Ecke zu pfeffern und punkt 15.05 Uhr die RECORD- Taste des vorbereiteten Kassettenrecorders zu drücken . Das Mittagessen brachte man in der Dreissig- Minuten- Frist bis zum Tape- Umdrehen mehr übel als wohl hinter sich . Dann sofort wieder in den Stall : Zweite Sendungshälfe live hören , die recordierte erste sodann . Umdrehen und Wieder- Umdrehen , solange der billige Datenträger hielt .

Was das alles mit Günther Schifter zu tun hat ? - In Werner Geier fanden wir unseren Helden , THE VOICE , und glaubten , keiner könne - egal ob im “Nachtexpress” oder in der “Box” - Sätze so satt in den Raum setzen wie er . Sätze indes , die nicht nur redeten , sondern Sätze , die auch etwas zu sagen hatten . Sätze , die einen Rhythmus besassen , Speed zulegen konnten oder wirkungsträchtig synkopierten . Sätze eben , wie man sie von den grossen Radio- Personalities der anglo- amerikanischen Sphäre kennt . Jetzt , da Werner seit fast genau neun Monaten tot ist , haben wir - neben dem Rap - in Günther Schifter einen seiner Meister erkannt .

Und wieder neu zu hören , hinzuhören begonnen . In vielerlei Hinsicht mit grossem Gewinn : Fort waren mit einem Mal die Altherren- Anmutung , der Eindruck der Dixieland- Biederkeit ( Woody Allen ! ) und das im Wiener Mief besonders beliebte “Anekdoteln” : Die Einrichtung eines enormen Sendungsarchivs in der “Österreichischen Mediathek” bot reichlich Gelegenheit zum Nachholen des aus Gründen juveniler Vorverurteilung Versäumten . Am betont nostalgischen User- Interface sollte man sich freilich nicht stören .

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“SCHLURFS” , “ZOOTS” : NEGERMUSIK GEGEN BRAUN

czz-pikto-blind-fuer-todEinen schönen Fund der Oral History- Potentiale des unmoderaten Moderators haben wir im Archiv des Bezirksradios “Wien Neubau” gefunden : “Günther , der Schlurf” ( April 2007 ) bezieht sich auf die Jugend- und Gegenkultur der Kriegs- und Nachkriegszeit : wo der Jazz zunächst schlicht als “entartet” , später als dekadente “Negermusik” galt , geriet der Lauscher von “Feindsendern” und Organisator privater Plattenparties ins Anhaltelager , ins Verhör der GeStaPo sowie zur Vergatterung in den Arbeitsdienst . “Aber bitt’ schön” , so Schifter , “samma froh , dass es vorüber is’” .

Hier die zwei Teile von Johannes Knierzingers sehr empfehlenswerten Sendung - man lehne sich zurück und störe sich nicht weiter am mitunter etwas harzenden Ablauf des Streams :

Teil 1 ( Musik : John Williams - Cantina Band ( Starwars IV ) , Raymond Scott - Twilight in Turkey , Lionel Hampton - Taste of Honey , Bert Ambrose - Ah ! Sweet Mystery Of Life , Harry James - September Song , Helmuth Qualtinger - Der g’schnupfte Ferl )

Teil 2 ( Musik : Ernst van t’Hoff - Alles wird gut , The Washingtonians - Soliloqui , Lionel Hampton - The Huckle Buck , Caroll Gibbons - Broadway Melody )

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GOT THE RHYTHM

Als Interviewer und Live- Kommentator eines frühen Auftritts der “Barrelhouse Jazzband” ( BHJB ) im Wiener “Jazzland” trat Schifter auch vor die Kamera : Abgesehen vom etwas maulfaulen Radebrechen der Musiker , dem “interessanten” Bühnen- Dekor sowie dem Stil bzw. Styling des sitzenden Publikums um 1960 um 1966 ( siehe Kommentar ! ) sind einige schöne Aufnahmen eines Tonstudios ( Regler , Bandspulen ) zu entdecken . Und natürlich Schifter : Schmissig und elegant .

Günther Schifter - Barrelhouse Jazzband : Lonesome World & I Got Rythm

 

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LISTENING ADVICE . HÖR- HINWEIS

czz-pikto-blind-fuer-todDie offiziellen Nachrufe sind geschrieben , die Foren füllen sich : Wir sehen davon ab , all das abzuschreiben und zu wiederholen , sondern setzen die entsprechenden Ezzes in die Linkliste .

Dezidiert hinweisen möchten wir allerdings auf zwei ausgeuchte akustische Stunden :

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LINKS

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RELATED

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POSTSKRIPTUM - Ergänzungen herzlich erbeten -

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