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DOKUMENTATION : Vom allmählichen Verlust des tröstlichen Selbstmordgedankens - Josef Winklers Rede zum Büchnerpreis 2008



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In seltener Übereinstimmung bringen sämtliche der in Österreich konkurrierenden Qualitätsblätter - die betagtere “Presse” und der flottere “Standard” - Josef Winklers am 1. November zum Büchnerpreis 2008 gehaltene Dankesrede in Vollversion . Eine publizistische Première .

Und eine Rede , welche in wohleingeübten Sätzen dem Feuilleton genau das gibt , was es schätzt : Die wortwörtliche Bestätigung des zuvor in -zig Features , Interviews und Homestories modellierten Figur des vom kreuzförmig- katholischen Dorf Kamering im Medium der barock- blasphemischen Sprachbilder in die notwemdig radikalste Hochliteratur Getriebenen .

Bemerkenswert : Winklers Formulierungen , was dass allmähliche Verblassen des allzeit bereiten Selbstmordgedankens als Bild der ultima ratio , pittoresker Extremwert und , ja auch : als eine Form von “Heimat” betrifft . Wenige wären bereit , solcherart aus ihrer puerilen persona heraus- und ins Erwachsenen- Leben überzutreten . Eine historische Konversion ?

Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT .

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HAUPTSATZ - DIE REDE

Josef_Winkler_Kamering_Grab_des_Grossvaters_copyright_Christiane_Zintzen

Den Tod vor Augen - Grab des Grossvaters Josef Winkler , Kirchhof Kamering

1.

Es gab in diesem, im Winter tiefverschneiten, kreuzförmig gebauten Kärntner Dorf Kamering, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin und das im Jahre 1897 an einem windigen Spätsommertag nach der Heuernte von zündelnden Kindern zur Gänze eingeäschert und danach wieder kreuzförmig aufgebaut worden war, keine Romane zu lesen, keine Bibel, nur Gebetsbücher mit Litaneien.

Das Gebetsbuch meiner gläubigen Großmutter väterlicherseits mit dem tief eingepreßten, goldenen Kreuz auf dem harten schwarzen Umschlagdeckel, einen “Trostreichen Himmelsschlüssel zum Gebrauche im Jammerthale des Lebens, und zum Nutzen an der Pforte der Ewigkeit. Ein katholisches Gebetsbuch für Christen aller Stände“, habe ich aufbewahrt und immer wieder in meinen Büchern daraus zitiert: “Ich eile zur Wunde und fliege hinein, du wirst mir ein Schirmer, ein Tröster mir sein.”

Ein Schirmer und Tröster war damals der Engel, von dem uns der Pfarrer im Religionsunterricht erzählte, dass ein Engel über jedes Kind ein Buch führe und alle guten und schlechten Taten, Fantasien, Träume und Gedanken aufzeichne und festhalte, bis zur Todesstunde, bis es soweit ist und der Engel, der Buchhalter unseres Lebens, die Entscheidung trifft, ob wir in den Himmel oder in die Hölle kommen, der Engel, der mir Nacht für Nacht an der mit Efeu bewachsenen Friedhofsmauer im zweiten Gemüsegarten meiner Mutter den Kirchturm mit der Totenglocke in meine Kinderbrust drückte mit den Worten: “Alsdann mach das heilige Kreuzzeichen gegen die Wolken und sprich: O mein Jesus! Wasche ab mit dem Blute deines heiligen rechten Fußes alle meine bösen sündhaften Werke…”, sodaß ich mit dem Rücken an die mit Efeu bewachsene Friedhofsmauer gedrängt wurde, mich widerstrebend mit ausgestreckten Händen an den Dolden der schwarzen herunterhängenden Holunderfrüchte festhielt, wobei mir der nach Schweiß und Blut riechende Engel den rauhen Kirchturm mit dem Kreuz an der Spitze noch tiefer in die Brust und ins Herz drückte mit den Worten: “O mein Jesus! Wasche ab mit dem Blute deines heiligen Fußes alle Sünden meiner Hartherzigkeit und Zweifelhaftigkeit, womit ich gegen dein Wort so kalt und dagegen den Anfechtungen und Einflüsterungen des bösen Feindes nur allzu oft so zugänglich gewesen bin”.

Während ich mit dem Rücken an der Friedhofsmauer zwischen hochgewachsenem Maggikraut und Petersilie stand, trieb mir der übermächtige, mit seinen violetten Flügeln schlagende Engel den Kirchturm tiefer und tiefer in die Brust, schließlich durchs Herz, bis die Kirchturmspitze mit dem blutbeschmierten Kreuz neben meiner Wirbelsäule durch den Rücken stach, bis ich angenagelt war an die efeubewachsene Friedhofsmauer zu seinen Worten: “O mein Jesus! Wasche ab mit dem kostbarsten Blute deines barmherzigsten Herzens alle Missetaten, die mein Herz jemals mit bösen Begierden oder durch kleinmütiges Misstrauen auf deine Barmherzigkeit begangen hat…”, sodaß mich, Morgen für Morgen, schwarzbeschmiert zwischen Maggikraut und Petersilie mit den Früchten des Holunders, meine Mutter auflas und wir, wenn sie unter dem großen Schutzengelbild an meinem Bett saß, gemeinsam das Morgengebet sprachen: “O Gott, du hast in dieser Nacht so väterlich für mich gewacht; ich lob und preise dich dafür und dank’ für alles Gute dir!”

Einige Zeit später war ich meinem Schirmer und Tröster hinter die Schliche gekommen. Ich fuhr wieder einmal mit dem Pfarrer Franz Reinthaler in Begleitung seiner Köchin, der Pfarrermarie, wie wir sie nannten, in seinem ständig nach Benzin riechenden weißen Volkswagen, die rotweißen, mit Spitzenwerk versehenen Ministrantenkleider auf meinem Schoß, nach Stockenboi, in seine Pfarrfiliale, ging nach dem feierlichen Gottesdienst, als der Pfarrer im schwarzen Beichtstuhl mit dem violetten Vorhang auf reumütige Sünder wartete, hinter den Hauptaltar und sah, dass die großen, vergoldeten Engel hohl waren, keine Eingeweide, kein Herz und kein Hirn hatten, dass der Engel also, so dachte ich, vom Benzingeruch berauscht, als wir wieder im weißen Volkswagen des Pfarrers in mein Heimatdorf zurückfuhren, dass der hohle Engel ohne Herz und ohne Hirn gar kein Buch über meine guten und schlechten Taten und Gedanken schreiben könne.

Bald danach überkam mich abends vor dem Einschlafen unter dem Schutzengelbild der Zwang, immer wieder vor mich hinzumurmeln: “Jesus, du Schwein! Jesus, du Schwein! Jesus, du Schwein!” Als sich im selben Atemzug Angst und Schuldgefühle mischten und wieder der Gedanke an Selbstmord aufkam, flüsterte ich weinend und winselnd und am ganzen Körper zitternd in das Kopfpolster hinein: “Jesus, du bist kein Schwein! Jesus, du bist kein Schwein! Jesus, du bist kein Schwein!”, bis wiederum nach der überschlafenen Nacht am nächsten Morgen die nach gekochten Erdäpfeln riechende Mutter, von der Stallarbeit ins Kinderzimmer kommend, das getrocknete Maggikraut und die Petersilie zu Füßen meines Bettes wegräumte, und hinter dem Rücken der sich zu Boden beugenden Mutter bereits wieder, als undurchdringliches Gespenst und als Schatten in der zerbrochenen Milchglasscheibe meiner kindlichen Seele, der Engel stand mit dem Widerhall seiner Worte aus der vergangenen Nacht, die dann in lautlosen Intervallen bis zum nächsten Finsterwerden zu hören waren.

Josef_Winkler_Kamering_Kirchhof_copyright_Christiane_Zintzen

Den Tod vor Augen - Kirchhof Kamering

2.
Als Acht- oder Neunjähriger fragte ich einmal meine in der Küche Brot knetende Mutter, ob ich mir ein Buch kaufen könne. “Für Bücher haben wir kein Geld!” war die knappe und kommentarlose Antwort von ihr, die kein einziges Buch in ihrem Leben gelesen hatte. Ich drehte mich entsetzt und traurig vom großen Teigtrog weg, in dem sie mit ihren Fäusten den von der Milch, die sie dazugoß, glitschigen, quietschenden Brotteig langsam und schwerfällig knetete, verließ die Küche und spürte, dass mir Bauernsohn im Gegensatz zu den Söhnen des Lehrers der Zugang zu einer anderen Welt verschlossen bleiben sollte, aber wenigstens bekam ich vom Pfarrer wöchentlich Geld für meine Ministrantendienste - jeden Sonntag hielten wir uns nach dem Gottesdienst länger in der Sakristei auf, traten ungeduldig hin und her, bis der Pfarrer zu grinsen begann und in seine weite, klimpernde Hosentasche griff -, ich trug die wöchentlichen Kirchenblätter von Haus zu Haus, ging damit bis in die Bergdörfer hinauf und wurde dafür von der Pfarrerköchin entlohnt, zu einer Zeit, als die Karl-May-Filme mit Pierre Brice und Lex Barker in der österreichischen Provinz anliefen, und mit dem verdienten Geld konnte ich Karl-May-Bücher kaufen.

An einem verschneiten Heiligenabend schob mir die Pfarrerköchin nach der mitternächtlichen Christmette vor dem eisernen Friedhofstor die Bücher “Im Sudan” und “Durch die Wüste” zwischen Oberarm und Brustkorb mit den Worten: “Stecks schnell weg!” Niemand im Dorf sollte sehen, dass sie mir Bücher schenkte.

Meine Großeltern mütterlicherseits hatten im Zweiten Weltkrieg drei Söhne im jugendlichen Alter verloren, der eine war 18, der andere 20, der dritte 22 Jahre alt. Als der Briefträger meinem vor dem Gemüsegarten stehenden Großvater einen Brief mit der Nachricht vom Tod des dritten Sohnes überbrachte, soll er mit zitternden Beinen, den Brief in der Hand, vor dem rostigen Drahtgeflecht des Gartens gestanden haben und langsam mit der Todesnachricht in die Knie gegangen sein. Die Todesnachricht vom dritten gefallenen Bruder überbrachte meiner jugendlichen, gerade von der Haushaltungsschule kommenden Mutter, ebenfalls vor diesem Gemüsegarten, ihre hagere, kleinwüchsige Großmutter mit den Worten: “Der Adam kommt auch heim, aber anders!” Mit einem Heuleiterwagen, auf dem der mit Fichtenästen abgedeckte Sarg stand, wurde der in Jugoslawien gefallene Adam an einem regnerischen Tag von seinem die Pferdezügel haltenden Bruder über den matschigen Feldweg von Villach nach Kamering gefahren.

Nach dem Tod der drei Söhne war die Familie vollkommen verstummt, es war ein stilles, wortloses Haus geworden, die Familie hatte die Sprache verloren. Obwohl ich als Kind im großelterlichen Bauernhaus über ein Jahrzehnt lang fast täglich aus- und eingegangen bin, kann ich mich nur an ein einziges, mich als Kind tief beeindruckendes Wort meines Großvaters erinnern, der einmal einen Vertreter abwimmelte und „Auf Nimmerwiedersehen!” zu ihm sagte, als dieser im Hausflur erfolglos kehrtmachte und die Türschwelle überschritt. Meine Schwester konnte ihn einmal an seinem Geburtstag zum Lachen bringen, als sie einen Scherzartikel in den Kaffee warf, ein Stück Zucker, das sich langsam auflöste und, als der Großvater die Tasse heben, zum Mund führen wollte, eine kleine schwarze Plastikspinne freigab, die er an der Oberfläche des braunen Kaffees schwimmen sah, vielleicht war es auch eine schwarze Plastikfliege, ich weiß es nicht mehr genau, aber von Schwarzen Spinnen wird noch die Rede sein.

In einem kleinen Zimmer des großelterlichen Bauernhofes mietete sich eine neuzugezogene Lehrerin ein, die in der achtklassigen Dorfvolksschule die Unterstufe zu unterrichten hatte. Ich besuchte sie täglich, und sie half mir dann und wann bei meinen Hausaufgaben in der Handelsschule. Aus ihrem Bücherregal zog ich eines Tages ein gelbes Taschenbuch, von dessen Buchdeckel ich, damals fünfzehnjährig, buchstabierte: “Albert Camus. Die Pest“. Noch in ihrer Kammer, beim ersten Hineinlesen ins Buch, entdeckte ich die mir aus meinem Elternhaus wohlbekannten Ratten.

Die junge Lehrerin riet mir ab und sagte, dass ich dieses Buch nicht verstehen würde. Aber ich durfte es nach meinem Drängen mit nach Hause nehmen und las im Bett unter dem Heiligenbild, auf dem ein Engel ein Kind über die Brücke führte: “Ich hoffe, es ist nicht das Fieber, von dem alle sprechen”, sagte der Arzt Rieux. “Und er hob die Bettdecke und das Hemd an und betrachtete schweigend die roten Flecken auf dem Unterleib und den Schenkeln, die Schwellung der Lymphknoten. Die Mutter schaute zwischen die Beine ihrer Tochter und schrie, ohne sich beherrschen zu können. Jeden Abend heulten Mütter so, mit abstraktem Ausdruck, angesichts von Unterleibern, die sich mit all ihren Todesmalen darboten, jeden Abend klammerten sich Arme an Rieux, überstürzten sich sinnlose Worte, Versprechungen und Tränen…” Tatsächlich hatte ich als Kind eine kleine Lymphknotenoperation. Der vom anderen Ufer der Drau mit seinem weißen Volkswagen kommende Hausarzt hatte mir im Kinderzimmer unter dem Schutzengelbild mit einem Skalpell in der linken Oberschenkelleiste eine Geschwulst aufgeschnitten, erinnerte ich mich dunkel, in der Pest von Camus weiterlesend, die Narbe war deutlich zu sehen. Vor der Operation war ich wochenlang die damals noch unasphaltierte Dorfstraße hinunter gehumpelt, zum täglichen Volksschulunterricht.

In der ersten Klasse der Handelsschule musste ich als “Redeübung”, wie es genannt wurde, im Deutschunterricht “Die schwarze Spinne” von Jeremias Gotthelf vorbereiten. Zu dieser Zeit plagte mich mehrmals im Jahr ein fiebriger, eitriger Ausschlag auf meiner linken Wange, über den die Pfarrerköchin zu meinem Schrecken einmal sagte: “Das ist der Krebs!” Ich wusste nicht, was das ist, Krebs und Pest, geschweige denn, dass ich zwischen beiden unterscheiden konnte, und bekam eine diffuse Ahnung von dem Tod, stellte mir dann und wann nach ihrer Schreckensdiagnose einen gepanzerten Flusskrebs mit den hervorstehenden Augen, Beinpaare mit großen Scheren und lange, zitternde Antennen vor, einen Krebs aus unseren Flußauen vielleicht, der mit seinem Schwanzfächer auf meine linke Wange schlägt, jedenfalls war ich stigmatisiert, wie Christine in der schwarzen Spinne von Jeremias Gotthelf, die einen Pakt mit dem Teufel eingegangen war, dem sie ein ungetauftes Kind abzuliefern hatte, und die vom grünen Teufel mit spitzem Mund auf die Wange geküsst wurde, der von hübschen Weibern, wie es heißt, keine Unterschrift brauche, nur einen Kuß auf die Wange verlange.

Jeden Abend, wenn es still wurde und nur mehr der Vater und ich alleine in der Küche saßen, er hinter dem Tisch, die Zeitungsflügel des Kärntner Bauern ausgebreitet, ich auf dem Kupferdeckel des Wasserbehälters auf dem Sparherd sitzend und die Pest von Camus lesend, und die anderen längst schlafen gegangen waren, kamen die schwarzen Ratten mit ihren spitzen Schnauzen und gespaltenen Oberlippen vom Dachboden, hopsten über die Dachbodenstiege, am Kinderzimmer mit dem Schutzengelbild vorbei, schleiften ihren langen haarlosen, mit Schuppenringen versehenen Schwanz um die Ecke, den Hausflur entlang, und trippelten in den Keller hinunter zu den Erdäpfeln. Die Küchentür stand einen Spalt offen, wir hörten sie auf dem Steinboden. Ein Blick des Einverständnisses genügte, der Vater legte seine von seinem Erzeuger geerbten Augengläser auf die Bauernzeitung, ich legte das gelbe Buch der Pest von Camus auf den warmen versilberten Herdrand.

Mit dem sich vergrößernden Brand auf meiner Wange, dem schwarzen, sich mehr und mehr ausdehnenden Punkt auf dem eitrigen Höcker, aus dem zwei glänzende und giftige Augen aufblitzten, von dem sich lange, hauchdünne Beine streckten, Haare hervorsprossen, mit der giftigen Kreuzspinne auf meiner linken Wange, ging ich mit dem Vater, jeder einen Knüppel in der Hand, vorsichtig über die Kellerstiege, und gemeinsam drückten wir die laut quietschende Ratte, die versuchte, am angenagten, untersten Rand der Kellertür zu den Erdäpfeln einzudringen, an die Mauer, bis die Augen der Ratte aus dem spitzen Rattenschädel hervorquollen, ihre Nagezähne knirschend zerbrachen, Blut auf die weißgekalkte Wand spritzte und wir uns beide anlachten, der Vater und ich, bis der eitrige Brand auf meiner Wange und der Höcker mit den glänzenden und giftigen Augen platzte und unzählige, kleine, schwarze Spinnchen über meine Wange und über mein Kinn liefen, die zerquetschte Ratte an der Kellertür keinen Muckser mehr machte und der Vater und ich einander am liebsten das erste Mal in unserem Leben umarmt hätten, der Teufel mit dem Beelzebub und die Pest mit dem Krebs ausgetrieben war.

Am nächsten Morgen, bei Tageslicht, trug ich die Trophäe an der mit dem Papier der Bauernzeitung umwickelten Schwanzspitze - weit standen die schwarzen, glanzlosen Augen aus dem zerquetschten Schädel mit dem verschobenem Unterkiefer - über die Kellerstiege in den Hof hinaus und warf sie auf den Misthaufen.

Josef_Winkler_Kamering_Kirchhof_Sonnenuhr_copyright_Christiane_Zintzen

Den Tod vor Augen - Sonnenuhr und Gekreuzigter , Kirchhof Kamering

3.
Vergangenen Sommer an der holländischen Nordsee, in Callantsoog am Meeresstrand sitzend, als ich von Georg Büchner die Jugendschrift „Über den Selbstmord” las und die Büchner-Preis-Rede zu simulieren begann, bemerkte ich, vom Buch aufblickend, ein halbwüchsiges Mädchen, das einen weißen Badeanzug trug, auf dem unzählige kleine schwarze Totenköpfe aufgedruckt waren, und neben ihrer Freundin stehend und aufs Meer hinausschauend, einen Spielball als durchsichtige Plastikweltkugel unter ihren Arm geklemmt hatte, den sie zwischen Oberarm und Brustkorb immer wieder knetete, während die fünfjährige Siri mit einem erst vor ein paar Stunden in der Dorfmitte auf dem Flohmarkt erworbenen Steckenpferd im heißen Sand hin- und herhopste, immer wieder die Ohren des braunen Plüschkopfes zog und ein Tonband aktivierte, woraufhin das Steckenpferd zu wiehern begann und Siri immer wieder dazwischenrief: „Das kann nur die Nachtigall lesen! Das kann nur die Nachtigall lesen!”

Ein mit seinen Kindern spielender und beim Wiehern des Steckenpferdes den Kopf verdrehender Vater, den ich, vom Buch aufblickend, immer wieder fixierte, hatte auf seinem Rücken in großlettriger gotischer Schrift die Worte „Glaube, Liebe, Hoffnung” schwarz eintätowiert. An seinen dicken Oberarmen, links und rechts, hatte er sich mit schwarzer Tinte ein Marienbildnis einstechen lassen, und seinen breiten Nacken füllten die Nadelstiche der Schriftzeichen „Viva Maria” aus, ebenfalls in gotischer Schrift. Während ich weiter „Über den Selbstmord” von Georg Büchner las und beim Aufblicken und Hinausschauen aufs Meer und auf die Badenden immer wieder überlegte, wie ich denn die Büchner-Preis-Rede schreiben solle, wann denn endlich der erste Satz zustande kommen werde, tauchte der zwölfjährige Kasimir mit einem Freund auf, den er beim Krebsefischen kennengelernt hatte, unterbrach meine Lektüre und sagte: „Gib mir fünf Euro, ich muß Würmer kaufen, wir wollen in den Grachten angeln gehen!” Beim Weiterlesen in Georg Büchners „Über den Selbstmord” und beim Wiederaufblicken und Hinausschauen aufs Meer fragte ich mich, was denn wohl mein Vater, der Bauer, mir geantwortet hätte, wenn ich ihn einmal um Geld gebeten hätte, um Regenwürmer kaufen zu können.

4.
Als ich im Alter von fünfzehn Jahren in die Handelsschule kam, damals, als noch Schulgeld zu zahlen war und ich täglich mit dem Omnibus von meinem Geburtsort Kamering in die zwanzig Kilometer weit entfernte Stadt Villach fahren musste, verlor ich einmal, bereits an einem Montag, meine Wochenkarte für den Omnibus. Ich hatte nicht den Mut, dem Vater von meiner Ungeschicklichkeit zu erzählen und ihn zu fragen, ob er mir noch einmal 50 Schilling geben könne, denn ich hatte ohnehin Woche für Woche, jeden Sonntag, einen Spießrutenlauf vor mir, ich ging dem Vater lange nach, starrte ihn lange an, wartete einen günstig gestimmten Augenblick ab, bevor ich es wagte, ihn ums Geld für die Omnibusfahrkarte zu bitten, damit ich in die Schule fahren konnte.

An einem Nachmittag, als die Mutter in ihrem zweiten, an die Friedhofsmauer angrenzenden Gemüsegarten arbeitete, Maggikraut und Petersilie schnitt und der Vater mit Traktor und Pflug auf dem Acker unterwegs war, nahm ich aus der Küche den Schlüssel zum elterlichen Schlafzimmer, ging über die sechzehnstufige Stiege, öffnete die Schublade seines Nachttisches und nahm einen Fünfzigschillingschein aus seiner weichen, ledernen schwarzen Brieftasche. Zur Tür gehend, wurde mir schwarz vor Augen, ich wäre beinahe unter dem großen Heiligenbild mit der eine weiße Lilie und das Jesukind haltenden Muttergottes vor den Betten der Eltern zu Boden gefallen.

Da ich in der Taschenbuchausabe der Pest von Camus auf den letzten Seiten Hinweise auf andere, im selben Verlag erschienene Bücher bekam, von denen ich mir vorstellte, dass sie mich auch interessieren könnten, und da ich oft in Villach vor dem Schaufenster der Buchhandlung Pfanzelt stand und weiterhin niemand meinen Diebstahl für die Omnibusfahrkarte bemerkt hatte, versuchte ich es wieder, und ohne dass mir diesmals schwarz wurde vor Augen unter der Muttergottes, nahm ich einen Schein aus seiner Brieftasche und begann, mir Bücher zu kaufen: “Der alte Mann und das Meer“, “Das Spiel ist aus“, “Der Fremde“, “Die Hornissen“, “Der Schatten des Körpers des Kutschers“. Jahrelang konnte ich unbemerkt dem Vater Geld stehlen, weit über hundert Bücher standen schließlich auf dem selbstgebastelten Bücherregal im Zimmer, in das ich mich einquartiert hatte und aus dem die Großeltern längst herausgestorben waren, es muß wohl im Laufe dieser drei Jahre soviel Geld gewesen sein, dass sich der Vater mindestens den Stier davon hätte kaufen können, den er allzu gerne vorführte im Hof, besonders zu Allerheiligen und Allerseelen, wenn seine Geschwister zu Besuch kamen, mit klumpigen Wachskerzen zur Messe gingen und sich nach der Gräberbesprengung in ihrem Elternhaus trafen und miteinander Kriegsabenteuer austauschten - von den Geschwistern väterlicherseits war keiner im Krieg gefallen -, wenn sie schließlich außer Haus gingen, ein prämierter, achthundert Kilo schwerer Stier aus der Zucht der Pinzgauer mit vergoldeter Plakette auf der Stirn vorgeführt wurde und wir, mein jüngerer Bruder und ich, in der Küche neben der Schweinsschnitzel klopfenden, stillen, vollkommen verstummten bleichen Mutter, die im Zweiten Weltkrieg drei Brüder im jugendlichen Alter verloren hatte, uns einen Suppentopf auf den Kopf setzten, uns auf den Boden warfen, lauthals das Vorbeipfeifen der Kugeln nachahmten und schnell wieder aufstanden und die Suppentöpfe neben den Beinen der Wienerschnitzel im heiß brutzelnden Schweinsfett ausbratenden Mutter in die Küchenanrichte schoben, sobald wir im Flur wieder ihre Stimmen und Schritte hörten, der zweite Teil der Gespräche der Kriegsveteranen begann und wir immer wieder, besonders aus dem Mund des Onkels, der bei der SS gewesen war, die Worte hörten: “An die Wand! An die Wand damit! Die gehören alle an die Wand!”, während die Mutter mit einer Gabel die panierten Schnitzel aus dem kochenden und Blasen schlagenden Fett hob und auf einem Teller übereinanderstapelte.

Mit meinem Schulfreund, mit dem ich täglich im Omnibus zur Handelsschule nach Villach fuhr, heftete ich damals zwischen die Kirchtagsplakate, auf denen um ein großes Lebkuchenherz tanzende Paare abgebildet waren, ein Werbeplakat des Luchterhand Verlags auf die Heustadelwand meines väterlichen Bauernhofes, auf dem in großen Lettern ein Satz von Alexander Solschenizyn stand, der mir nie mehr aus dem Kopf gegangen ist:

Eine Literatur, die nicht den Schmerz und die Unrast der Gesellschaft wiedergeben kann, die nicht rechtzeitig vor den moralischen und sozialen Gefahren warnen kann, verdient den Namen Literatur nicht.

Kein Mensch im Dorf entfernte dieses Plakat, über ein Jahr lang blieb es dort hängen, ich sah es täglich, wenn ich mit dem Omnibus ins Dorf zurückkam und am Heustadel vorbei, auf mein Elternhaus zuging. Erst später wurde es von einem großen Zirkusplakat überklebt, unter dem, solange das frischaufgeklebte Plakat mit den durch Feuerringe springenden Löwen, Feuer schluckenden, muskulösen Männern, noch naß war, verschwommen der Satz von Solschenizyn durchleuchtete. Patzenweise lag der farblose, flüssige Klebstoff auf dem Schuhwerk der ihre langstieligen Besen immer wieder in den Eimer eintauchenden Arbeiter, die uns schließlich fürs Plakatieren auf unserer Heustadelwand mehrere Freikarten für den Zirkus gaben.

Ab der dritten Klasse ließ ich mich nur mehr selten in der Handelsschule in Villach blicken, ich war im Leserausch, der Schulfreund las im Omnibus den Archipel Gulag, mich interessierten vor allem die französischen Existentialisten. Den Umschlag jedes Buches beklebte ich mit einer durchsichtigen Plastikfolie, den “Schnee am Kilimandscharo” genauso wie “Licht im August“, öffnete vorsichtig die Bücher, hatte immer Angst, dass sie beim Aufschlagen knacken und zerbrechen würden, ich Scherben in den Händen hätte.

Ich saß vormittags in Villach, anstatt in die Schule zu gehen, in einem Caféhaus, las diszipliniert von acht bis zehn Uhr, ging danach mit einem gefälschten Schülerausweis ins Kino - mit Tintentod hatte ich mein Geburtsdatum geändert - und schaute mir als Sechzehnjähriger die Jugendverbotfilme an, die ersten Django-Filme mit Franco Nero, “Hängt ihn höher” mit Clint Eastwood, “Leichen pflastern seinen Weg” mit Klaus Kinski und Jean-Louis Trintignant und die todessüchtige Mundharmonika in “Spiel mir das Lied vom Tod“. Als ich dann einmal den Mut hatte, nicht am Vormittag, sondern am frühen Nachmittag ins Kino zu gehen, und erst am frühen Abend nach Hause kam und ich die aufgewärmte Suppe löffelte, die mir wortlos die Mutter auf den Tisch gestellt hatte, trat der Vater in die Küche ein - ich spürte an meinem Rücken den Wind der aufgehenden Tür -, hielt mir einen kotbeschmierten Kälberstrick unter die Nase und sagte: “Schau ihn dir an! Schau ihn dir genau an! Wenn du noch einmal so spät heimkommst!”

Josef_Winkler_Der_Kälberstrick_Notizbücher_copyright_Christiane_Zintzen

Den Tod vor Augen - Der “Kälberstrick”

5.
Wiederum ein paar Jahre später - ich wohnte bereits in Klagenfurt und arbeitete im Büro der damals neu gegründeten Hochschule für Bildungswissenschaften -, als zwei Jugendliche das kreuzförmig gebaute Dorf mit einem drei Meter langen Hanfstrick, mit dem Kälber auf die Welt gezogen wurden, aus der Angel hoben und die Füße der beiden Buben wenige Zentimeter über dem Boden des Pfarrhofstadels pendelten, so dass der Aufschrei der Grabsteine und der manns- und frauengroßen Eisenkruzifixe am anderen Ufer der Drau zu hören war und der Wider- und Gegenhall hinter dem Dorf in das Gehölz des Fichtenwaldes schlug, stieß ich auf die Romane “Notre-Dame-des Fleurs” und auf “Pompes Funèbres” von Jean Genet, auf “Jeden ereilt es” und auf “Die Nacht aus Blei” von Hans Henny Jahnn, Bücher, in denen mir Himmel und Hölle auf zwei nummerierten, nach Druckerschwärze riechenden Seiten zusammengepappt schienen, in denen sich die Engel und Teufel meiner Kindheit aneinanderrieben, und ich schrieb, immer wieder die im Heustadel pendelnden Füße der beiden leblosen Buben vor Augen, Nacht für Nacht ein tausend Seiten langes Tagebuch.

Es war noch kein literarischer Ehrgeiz, es waren Wortanfälle, ich wollte mich schreibend dazuhängen zu den beiden Buben, ich war eifersüchtig und hätte am liebsten den einen Toten erschlagen, weil er mich betrogen hatte und nicht mit mir gegangen war, ich konnte nicht leben und nicht sterben, ich musste und konnte nur lesen und schreiben, um nicht von einem tintenbecklecksten Löschpapier aufgesaugt zu werden und hinter meinem eigenen Rücken zu verschwinden für alle Zeiten. Ich las den “Brief an den Vater” von Kafka, die Briefe von Flaubert, die Tagebücher von Friedrich Hebbel und die Tagebücher von Albert Camus:

Die Kraft haben, das zu wählen, was einem am wichtigsten ist, und dabei zu bleiben. Andernfalls ist es besser, man stirbt.

Ich trug immer eines dieser Bücher bei mir in der ledernen Umhängetasche - Leder ist Haut - und schrieb Sätze aus diesen Büchern, die mich besonders berührten, zwischen meine Tagebuchaufzeichnungen: “Ich trage einen Schlachthof in mir, auf den die Poesie wird antworten müssen”, so Jean Genet. “… jeder Satz ein Menschengesicht”, so Friedrich Hebbel. 2Vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was man ist”, so Elias Canetti. “Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen”, so Jean Genet. “Der Tod ist gar nichts! Kinder! Schaut, wie man stirbt!” sagte Italo Svevo zu seinen um sein Totenbett stehenden Kindern.

“Um ein besserer Schriftsteller werden zu können, muß ich erst ein besserer Mensch werden”, so Cesare Pavese. Den “Abschied von den Eltern” von Peter Weiss las ich mehrmals und langsam und mit besonderer Eitelkeit und besonderem Stolz, als ob ich dieses mir auf Leib und Seele maßgeschneiderte Buch selber geschrieben hätte. Später las ich in einem Interview, das Hubert Fichte mit Jean Genet geführt hatte, dass er, Genet, um “Die Brüder Karamasow” lesen zu können, bei jeder Seite zwei Stunden lang habe nachdenken müssen: “Wenn ich beim Lesen nicht mitschreibe”, sagte Genet, “dann passiert nichts!” Genauso, wie er mit seinen “bescheidenen Mitteln”, um seine Worte zu gebrauchen, Monteverdis Marienvesper beim Hören mitkomponieren musste, um die Messe hören zu können. “Wenn du ein Buch lesen willst, dann schreib es erst!” sagt Lepic in einer Erzählung von Jules Renard zu Poil de Carotte.

In dieser Zeit - und ich komme zum Schluß -, als in meinem tausend Seiten langen Tagebuch die ersten Sätze zu meinem ersten Romanmanuskript entstanden, die es wert waren umformuliert oder zerstört zu werden, klebte ich die aus einer Kärntner Tageszeitung herausgeschnittenen und mit einer durchsichtigen Plastikfolie überklebten Bilder - wie ich damals den Umschlag des Schnees am Kilimandscharo überklebt hatte- der beiden erhängten siebzehnjährigen Buben aus meinem Heimatdorf, deren gemeinsamer Tod das ganze Land in Aufruhr versetzt hatte, auf meine Brust und schrieb, zwischen Klagenfurt und Venedig hin- und herpendelnd, mein erstes Romanmanuskript. Morgens, bevor ich ins Bad ging, löste ich die roten Gazestreifen mit den Bildnissen der beiden Erhängten von meiner Haut und klebte sie später wieder, wenn beim Dunkelwerden das Lesen und Schreiben begann, über meinem Herzschlag auf die Brust. In dieser Zeit, in der ich Nacht für Nacht mit eigenen und fremden Sätzen Zeile für Zeile meinen Selbstmord aufschob, las ich vor allem Bücher von Dichtern, die früh gestorben waren oder die sich das Leben genommen hatten. “Dichten heißt, sich ermorden”, so Friedrich Hebbel. “Um dem Entsetzen zu entgehen, haben wir gesagt, ergib dich ihm mit Haut und Haar”, so Jean Genet. Ich las und trug die “Die Gesänge des Maldoror“, “Das Handwerk des Lebens“, “Der Kopf des Vitus Bering“, “Der Teufel im Leib“, wie meine eigenen Eingeweide in mir herum. Und ich las Thomas Chatterton, Unica Zürn, Sylvia Plath, Georg Heym und Georg Büchner.

Wenn ich beim Lesen nicht spürte, dass die Sprache ununterbrochen, Satz für Satz, auf die goldene Waage gelegt, Leben und Tod auspendelt, interessierte mich das Buch nicht. Es langweilte mich, so kann ich es sagen, buchstäblich zutode. Ich schmöckerte dann und wann, las aber nie Unterhaltungsliteratur, ich konnte mich nicht unterhalten lassen, ich musste mich Tag für Tag, eingeklemmt zwischen Himmel und Hölle, mit Sätzen über Wasser halten und hatte im Pulsschlag meiner Schläfen damit zu kämpfen, die mich immer wieder schräg anschauende, aufdringlich einschneidende Rasierklinge aus dem Augenwinkel zu verlieren, um nicht eines Tages mit dem Besteck von Gilette in den Augenwinkeln durch die Welt zu gehen, zehn Zentimeter über dem Erdboden vielleicht. Früh schon hatte ich von Julien Green erfahren, dass der erbauliche Roman vom Teufel geschrieben wird und dass man, so Julien Green, nie erfahren wird, welches Unheil diese Literaturgattung möglicherweise angerichtet hat. Immer wieder, seit zehn Jahren schon, auch während der Niederschrift dieses Textes, besuche ich den in der Stadtpfarrkirche in Klagenfurt begrabenen Julien Green. Vom Turm dieser Kirche sprangen vor einiger Zeit gemeinsam zwei Studentinnen, sie lagen, um es so auszudrücken, dem auf dem Rücken ausgestreckten, mit gefalteten Händen in der Gruft liegenden Julien Green außerhalb der Kirchenmauer tot zu Kopf und zu Füßen. Wiederum eine Zeitlang später stürzten sich zwei junge Frauen, die ein paar Stunden Freigang aus der Psychiatrie erhalten hatten, ebenfalls gemeinsam vom inzwischen mit einem Fangnetz versehen Stadtpfarrkirchturm von Klagenfurt und sollen - Monsignore Mairitsch, der gerade auf dem Weg zu seiner Kirche war, sah zwei sich in Turmhöhe aufblähende, bunte Frauenröcke - mit ihren Füßen im Dach zweier parkender Autos steckengeblieben sein, die eine ist mit dem Oberkörper nach vorne, die andere ist, ebenfalls schwer verletzt, ohnmächtig nach hinten gefallen.

“Wenn ich ein Buch lese”, schreibt Emily Dickinson,

und es macht meinen Körper so kalt, dass kein Feuer mich je wärmen könnte, weiß ich, das ist Dichtung. Wenn ich mich fühle, als würde meine Schädeldecke abgenommen, weiß ich, das ist Dichtung. Nur auf diese Art weiß ich es. Gibt es denn eine andere ?

Und später, da schrieb ich, nachdem ich lange Zeit nicht nur hypnotisiert, sondern bereits süchtig gewesen war nach dem täglichen Gedanken an den Selbstmord - er war mein Täglichbrot, das mir, nachdem der Tag abgelaufen und die Mitternacht auch schon vorbei war, gestern schon wieder nicht gegeben wurde, das mir aber wahrscheinlich heute bekommen wird -, da schrieb ich also, dass ich in letzter Zeit nicht einmal mehr ein schlechtes Gewissen habe, weil ich nur mehr ganz selten an Selbstmord denke, aber es werden diese guten, alten Zeiten auch nicht wiederkommen können, die mich veranlaßten in mein Tagebuch zu schreiben am Lido in Venedig, dass ich dann und wann richtig traurig bin, weil ich seit einiger Zeit keine Selbstmordgedanken mehr habe.

Edvard Grieg: “Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär.”

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Das Schreiben vor Augen - 30 Jahre Tagebuch

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czz-pikto-blind-fuer-todArtikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT Reaktionen auf das plötzliche Ableben des leidenschaftlichen Germanisten , Universitätslehrers und Freundes Wendelin Schmidt-Dengler . Auf dass diese Erinnerungen an den neugierigen und förderlichen Teilnehmer am Literarischen Leben zugänglich bleiben . Die Copyrights der zitierten Stimmen und Medien bleiben dabei selbstverständlich bei deren Inhabern .

Besonders sei dabei auf die Sammlung von Nachrufen auf der Heimseite des Wiener Insituts für Germanistik hingewiesen . Die Heimito von Doderer-Gesellschaft hat eine digitale Kondolenzliste eingerichtet .

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FRIEDERIKE MAYRÖCKER : OHNE ZU AHNEN

WSD mayröcker nachruf ( click to XL )

Friederike Mayröcker , Der Standard , 10. 9. 2008

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JOSEF WINKLER : IM ZUG | NACH VARANASI

czz-pikto-blind-fuer-todVor 15 Jahren hat Wendelin Schmidt-Dengler mein Leben verändert. Nach einer gemeinsamen Veranstaltung fuhren wir mit dem Zug von Udine nach Wien. Ich erzählte ihm, dass ich in den nächsten Monaten vorhabe, das erste Mal nach Indien zu fliegen, wusste nicht, ob ich nach Bombay oder Kalkutta gehen sollte. Er empfahl mir Varanasi, die heilige Stadt der Hindus. Seither war ich neunmal in Indien, siebenmal in Varanasi.

Am 1. November hätte er die Laudatio für die Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt halten sollen. Es war der Wunsch der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, und es war mein Wunsch.

Josef Winkler , Der Standard , 10. 9. 2008

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APA : BESTÜRZUNG IN ÖSTERREICHISCHER PRESSE

czz-pikto-blind-fuer-todWien (APA) - Mit großer Bestürzung hat die österreichische Presse auf den überraschenden Tod Wendelin Schmidt-Denglers reagiert. Nachrufe würdigen seine Leidenschaft für die Literatur, seine Fähigkeit, sie weiterzugeben und seine Expertise, die über die Bücher bis zum Fußball hinausreichte. ( … )

Im Ö1-Morgenjournal kamen auch einige Autoren zu Wort.

Robert Menasse reagierte tief betroffen auf den Tod seines Doktorvaters:

Ich fühle mich buchstäblich verwaist, seitdem ich von seinem Tod erfahren habe. Ich habe von ihm ganz entscheidende Dinge im Hinblick auf Literatur und Leben gelernt, wobei ich vor allem von ihm gelernt habe, wie sehr die beiden Dinge zusammengehören. Es ist so seltsam, dass man als Mann des Wortes über einen Mann des Wortes plötzlich nur mehr stammeln kann.

Und Friederike Mayröcker:

Ein großer Freund, er ist gestorben vor einem Tag. Er, der große Meister der Literatur. Wir haben ihn alle geliebt - was für ein Schmerz !

Essayist Franz Schuh rühmte Schmidt-Denglers Verdienste um die Gegenwartsliteratur:

Schmidt-Dengler hat den Blick geöffnet. Sowohl inhaltlich als auch von seiner Person her steht er für eine Emanzipation, ohne die es wissenschaftlichen Fortschritt nicht gegeben hätte.

Ähnlich der Architekt und Schriftsteller Friedrich Achleitner im Morgenjournal:

Er hat damit unglaubliche Verdienste erworben, weil er die Germanistik eben nicht zu einer isolierten, abgehobenen Wissenschaft gemacht hat, sondern zu einem Impulsgeber der ganzen kulturellen Landschaft.

APA0163 2008-09-09/11:01

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MICHAEL ROHRWASSER : LUZIDE UND UNBESTECHLICH

czz-pikto-blind-fuer-tod“Wäre es nicht wunderbar, diesen Mann bei einer langen Bahnfahrt durch Österreich zum Reisebegleiter zu haben ?“ fragt Lothar Müller in seinem heutigen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung. So ist es, antworten wir, die wir solche Bahnfahrten mit ihm unternommen haben, und fügen wehmütig hinzu: Wir haben dieses Privileg für selbstverständlich genommen, und jetzt müssen wir ohne ihn weiterfahren. Wenn das geht. Wir können ihn nicht mehr um Rat fragen, keinen Hinweisen mehr folgen, kein Zitat nachhören, keine kritische Würdigung fremder und eigener Arbeiten einholen, obwohl wir immer noch seine Stimme im Ohr haben.

Meine österreichischen Freunde konnten viele Facetten und Nuancen seines Wirkens als Lehrer, Erzähler und Impulsgeber wahrnehmen, während für mich, der ich ihn erst 1991 kennengelernt habe, erst einmal ein Grundkurs in österreichischer Literatur angesetzt wurde, damals in Stanford. Ich traf ihn dort zuerst, wo sonst, in der Bibliothek, wo ich ihn, umgeben von Bücherstapeln, traf: Wendelin Schmidt-Dengler, den leidenschaftlichen Leser. Unser erster Dialog ging etwa so: Man kann nicht alle Bücher dieser Welt lesen – aber man kann es zumindest versuchen – immerhin, so schränkte er ein, gebe es auch einige, mit denen man sich nicht näher einlassen wolle.

Er war nicht nur damals und nicht nur zu mir großzügig – er war es gegenüber vielen, die weniger gelesen hatten und weniger schnell waren ( also: gegenüber allen ). Er hat sich unterschieden von seinen Kollegen, den Literaturhistorikern, von jenen nämlich, die als ihren heimlichen Schutzpatron Prokrustes verehren, die ihre Anschauungen durch ein Zuviel an Lektüre gefährdet glauben: ein Unpassendes wird abgeschnitten, ein Unzureichendes wird gedehnt ( “Lesen macht befangen“ heißt eine Devise, die auch in Kommissionen immer mehr Anhänger findet ). Seine Gegner haben es sich leicht gemacht, wenn sie ihn zum großen Unterhalter und Plauderer herabwürdigten ( Mann mit “Formulierungsgabe“ stand in einem der Nachrufe ), denn für den kleinen Appetit hat er nicht gelehrt, Literatur wurde bei ihm nicht verharmlost und verkleinert zum mundgerechten Happen, zum event, Literatur war nicht zuletzt Beunruhigung, Provokation, auch Tröstung, und hier ging er nicht selten Bündnisse mit seinen Autoren ein.

Was mir damals zuerst auffiel, neben seiner stupenden Belesenheit, seinem phänomenalen Gedächtnis, neben seiner Fähigkeit, zum Lesen anzustiften und eigene Urteile zu überprüfen, neben seinen innovativen Blicken auf Texte und Autoren, die immer genau, unerbittlich, ja streng waren, das war seine Fähigkeit, sich in die Autorinnen und Autoren zu verwandeln. Mit einer kleinen Drehung seiner Hand, aus dem Ellbogengelenk heraus, war er plötzlich Gerhard Rühm oder Ernst Jandl, was ich spätestens dann verstand, als ich die Originale sprechen hörte.

Lesen und Leben waren bei ihm nicht getrennt, weil er auch beim Lesen alle seine Sinne geöffnet hatte. Er kannte keine kanonischen Hierarchien und, wo er die Quellen kannte, respektierte er auch keine Lehrmeinungen, so wenig wie er jenseits der Bücher den akademischen Hierarchien Respekt zollte: Er erkannte die akademischen Nichtleser und die autoritätsbeflissenen Nichtsnutze, und er hielt sich, wenn es irgend ging, von ihnen fern. Er konnte jenen den Rücken zuwenden, die in Selbstverliebtheit von ihrer Liebe zur Literatur sprachen und dabei ihre Stimme vibrieren ließen. Gleichwohl hat er die Wiener Germanistik geprägt wie kein anderer, und das in einer seltsamen, unheimlichen Bündelung: als Lehrer, Betreuer und Förderer ( wer wollte sich da mit ihm messen ? ), und auch als wissenschaftlicher Autor, der für seine Autoren Revisionsverfahren anstrengte, sie nicht selten von falschen Etiketten befreite. Es war eine Sisyphus-Arbeit, denn in einigen Fällen überlebten auf dem Literaturmarkt nicht seine kritischen Editionen sondern die verharmlosenden Lesarten ( etwa bei Herzmanovsky-Orlando ).

Schmidt-Denglers Stärke hat ihre Wurzeln gewiss auch außerhalb der akademischen Welt. Wir kennen alle die Sentenz, die in der hier zitierten Variante Jean Cocteau zugeschrieben wird: Wer nur etwas von Film versteht, versteht auch davon nichts. Hätte Schmidt-Dengler nur Augen für Bücher und für die Wiener Germanistik, hätte er auch hier keine starken Spuren hinterlassen können. Das heißt, dass wir auf den Bahnfahrten und Flügen und Autofahrten mit ihm nicht nur etwas über ( österreichische ) Literatur lernten – am Rande gesagt: seine Liebe zur österreichischen Literatur war nie, wie bei einigen anderen, verbunden mit der Missachtung anderer Literaturen, denn dazu war er ein zu leidenschaftlicher Liebhaber der Weltliteratur –, sondern die Gespräche zogen weite Kreise über Vereinsgeschichten, über europäische Geschichte, über den homo academicus, Erziehungsfragen und Bauernregeln. Die größten Literatursüchtigen, die unermüdlichsten Lesenden und Schreibenden sind gerade jene, die nicht in der Literatur als einer Scheinwelt verschwinden, die keine billigen Tröstungen suchen, nämlich ein Vergessen, sondern sich gerade hier ihre Genauigkeit für den Alltag gewinnen. Denn das machte das Eigene von Wendelin Schmidt-Dengler aus – und warum soll man nicht von Größe sprechen – dass seine gesellschaftspolitische Einmischung und sein universitätspolitischer Einspruch ebenso luzide und unbestechlich waren wie sein literarisches Urteil.

Wir haben den Größten verloren.

Michael Rohrwasser , Institut für Germanistik Wien , 10.September 2008

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KONRAD PAUL LIESSMANN : GLÜCKSFALL EINES GELEHRTEN

czz-pikto-blind-fuer-todWendelin Schmidt-Dengler war der Glücksfall eines Gelehrten: im klassischen Sinn humanistisch gebildet, fasziniert von Neuem, aufgeschlossen, engagiert. Humorvoll und hilfsbereit. Sein Fach “Literatur” war ihm nicht mehr Gegenstand, sondern Lebensinhalt, der weit mehr umfasste als das wissenschaftliche Interesse. Schmidt-Dengler war nicht nur ein begnadeter Lehrer und Vortragender, sondern auch ein Förderer der Literatur.

Wo immer er konnte, unterstützte er Institutionen, aber auch Menschen. Er prägte Generationen von jungen Wissenschaftern, Lehrern und Schriftstellern, er war nicht nur Kritiker, sondern vor allem auch Mentor, und er vertrat eine umfassende Idee von Bildung, die sich mit der wettbewerbsorientierten Manager-Universität unserer Tage schlecht vertrug. Nicht zuletzt aus Protest gegen diese Entwicklung hatte er sich nicht in den Senat wählen lassen, um - wenn auch vielleicht auf verlorenem Posten - für seine Vorstellung einer demokratisch organisierten Universität zu kämpfen.

Wendelin Schmidt-Denlger war voller Pläne gewesen. Mit ihm, dem ich seit mehr als 30 Jahren verbunden war, verliere ich nicht nur einen wunderbaren Kollegen, mit ihm verliert die Universität einen ihrer hervorragendsten Vertreter. Sein Tod kam einfach viel zu früh.

Konrad Paul Liessmann , Der Standard , 10. 9. 2008

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ROLAND INNERHOFER : VITALITÄT , ENERGIE UND GÜTE

czz-pikto-blind-fuer-todWie kann jemand, dessen Anwesenheit in jedem Augenblick so spürbar war und ist, plötzlich nicht mehr da sein ?

Wendelin Schmidt-Denglers Vorlesung “Österreichische Literatur nach 1945“ hat mich am Beginn meines Studiums begeistert. Seither war er für mich Lehrer und später auch Freund, beides im emphatischen Sinn. Seine Leidenschaft für die Literatur war ansteckend, seine Geistesgegenwart war bewundernswert und unnachahmlich. Unzählige Studierende hat er durch seine Vorlesungen und Seminare für die Germanistik eingenommen. Seine Stimme wirkte im engen Kreis wie in der Öffentlichkeit gleichermaßen markant. Blitzschnell stellte er überraschende und präzise Verbindungen her und konnte dabei mühelos auf ein stupendes Wissen von der Antike bis zur Avantgarde zurückgreifen.

Wendelin Schmidt-Dengler ist niemals den Versuchungen machtgestützter Eitelkeit erlegen. Er ist sich selbst, seinen Freunden und der Literatur treu geblieben. Er hat sich nicht nur um die toten, sondern auch um die lebenden Autoren nach Kräften gekümmert. Die Vitalität, Energie und Güte, die er ausstrahlte, waren und sind beglückend. Leben wie lesen – wie kein anderer hat Wendelin Schmidt-Dengler diese Utopie verkörpert. Jetzt ist er verschwunden. In seinen Schriften und in unseren Erinnerungen lebt er weiter.

Roland Innerhofer , Institut für Germanistik

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PAUL JANDL | NZZ : IN DIE WELT GEDACHT

czz-pikto-blind-fuer-todEine Phänomenologie gescheiterter Feste in der Literatur wollte er noch schreiben, nun hat er auch sein eigenes Fest nicht mehr erlebt. Der renommierte deutsche “Preis der Kritik“, der neben einer Ausgabe der Werke Heinrich Heines aus neunundneunzig Flaschen Wein besteht, hätte Wendelin Schmidt-Dengler bei der kommenden Frankfurter Buchmesse verliehen werden sollen. Für einen, dem die Askesen der Wissenschaft zu wichtig waren, um sich auch noch im Leben zu kasteien, wäre diese Gabe passend gewesen. Die beigefügte Lobesprosa war dem Bescheidenen wohl etwas unangenehmer: «Für eine Kultur der aufgeklärten Lektüre, gründlich, kritisch und meinungsstark», stehe der Wiener Germanist.

Wendelin Schmidt-Dengler, 1942 in Zagreb geboren und vergangenen Sonntag in Wien überraschend gestorben, war ein Wissenschafter, der die Philologie nicht zum Orchideenfach verkommen lassen wollte. Weil er ihre Nutzanwendungen als Universitätsprofessor, Chef des Österreichischen Literaturarchivs und nicht zuletzt als Kritiker mit ironischer Eleganz in sich bündelte, strahlte sein Wissen weit über die Grenzen der elitären Forschung aus. Unter den Germanisten war Wendelin Schmidt-Dengler ein Erzähler von Graden. Dass der lebensnahe Vortrag dem Pädagogen Schüler ohne Zahl einbrachte, war gewiss nicht zum Schaden der Zunft.

Als 26-Jähriger wird der gelernte Altphilologe, der mit einer Dissertation zu den “Confessiones” des Aurelius Augustinus promoviert hat, damit beauftragt, den Nachlass Heimito von Doderers zu bearbeiten. Die Bekanntschaft mit Werk und Autor wird zur prägenden Erfahrung. Mit Österreichs idiosynkratischen Dichtern, den Unzeitgemässen und den Querköpfen, befasst sich Schmidt-Dengler immer wieder. Seit den sechziger Jahren entstehen grundlegende Essays zu Thomas Bernhard, zu einem Autor, dessen Werkausgabe der Germanist bis zuletzt federführend betreute. Von Johann Nestroy über Fritz von Herzmanovsky-Orlando und Albert Drach reichte der Bogen von Wendelin Schmidt-Denglers Interessen bis zu Österreichs literarischer Avantgarde. Auf dem Podium der Universität und in den Foren der Kritik, etwa beim “Literarischen Quartett“, galt für Österreichs brillantesten Philologen das, was Karl Kraus über den von ihm verehrten Nestroy sagt: Er hat “aus dem Stand in die Welt gedacht”.

Paul Jandl : In die Welt gedacht
Zum Tod des österreichischen Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler , NZZ , 10. 9. 08

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ULRICH WEINZIERL | DIE WELT : LA GAYA SCIENZA

czz-pikto-blind-fuer-tod( … ) Mit Buchstaben und Geist, mit Metaphern und Kontexten von Büchern hantierte er stets sachkundig und virtuos zugleich. Zudem war er in Österreich der erste, der Zeitgenössisches konsequent in seinen Vorlesungs- und Forschungsplan aufnahm.

Als Herausgeber der Werke Heimito von Doderers, Fritz von Herzmanovsky-Orlandos, Albert Drachs und Thomas Bernhards ging sein Wirkungsradius weit über akademische Kreise hinaus. Er liebte Nestroy und Ernst Jandl, war bei Canetti nicht minder zu Hause als bei Karl Kraus.

Ein Bewohner des Elfenbeinturms wollte dieser Gelehrte, der eine fröhliche Wissenschaft unterrichtete und praktizierte, nie sein. Kein Wunder, dass ihn eine Fachjury 2007 zum “Wissenschaftler des Jahres” wählte. Österreichs Schriftsteller schätzten ihn als kritischen Wegbegleiter und scharfsichtigen Rezensenten, seine Schüler als immer hilfsbereiten Mentor und Freund auch jenseits der Studienzeit. Wendelin Schmidt-Dengler ist am Sonntag im 67. Lebensjahr unerwartet an den Folgen einer Operation verstorben.

Ulrich Weinzierl : Der Wiener Germanist Schmidt-Dengler ist gestorben , DIE WELT , 9. 9. 2008

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HERBERT OHRLINGER | FAZ : LESEN - LEBEN

czz-pikto-blind-fuer-tod( … ) Doch Wendelin Schmidt-Dengler war viel mehr als ein besonders versierter Hochschullehrer, das Leben bedeutete für ihn Lesen - und Lesen war Leben. Er verkörperte Literatur und ihre Geschichte, indem er sie aus den Hörsälen hinaustrug und sich als Kritiker, Herausgeber, Vortragender, Diskutant für sie einsetzte. So verwundert es auch nicht, dass er Walter Benjamins Warnung vor dem fragwürdigen Ehrgeiz der Wissenschaft gegenüber der Tagesaktualität wiederholt entgegenhielt, ob es denn das Ziel der Literaturwissenschaft sein könne, es an Uninformiertheit mit dem “hauptstädtischen Mitteilungsblatt aufnehmen zu können”.

Dabei agierte er bei seinen Interventionen weniger als “Literaturpapst”, als der er in Österreich fälschlicherweise bezeichnet wurde, sondern eher als humorvoll- ironischer Vermittler, der bei aller Schärfe der auseinandersetzung die Interessen der Schriftsteller und die Ansprüche der Literatur nie vergaß. ( … )

Herbert Ohrlinger : Wiener Einmannbetrieb
Zum Tod des Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler , FAZ print , 10. 9. 2008

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PLATTFORM UNIVERSITAERE MITBESTIMMUNG ( PLUM ) : DEM DEMOKRATEN WIDER DEN ( UNIVERSITÄTS- ) POLITISCHEN ZEITGEIST

czz-pikto-blind-fuer-todLiebe Kolleginnen und Kollegen,

seit vergangenem Sonntag wissen wir: Wendelin Schmidt-Dengler wird uns seine feinsinnigen literaturwissenschaftlichen Analysen, seine entwaffnenden Beobachtungen im universitaeren und sonstigen Alltag sowie seine leidenschaftlichen Plaedoyers fuer eine Redemokratisierung der
oesterreichischen Universitaeten nicht mehr vortragen. Wir trauern um einen Kollegen, dem es beispielhaft gelungen ist, hoechste wissenschaftliche Qualitaet mit ihrer lustvoll gelungenen didaktischen Vermittlung, sowie einer kritischen und demokratischen Hochschulpraxis, zu verbinden.

Kollege Schmidt-Dengler, selbst ein Top-Wissenschaftler, wurde nicht muede, sich vom opportunistischen Elitismus von Vertretern des wissenschaftlichen Mittelmaszes zu distanzieren. Er hat den “autoritaeren Charakter“ des UG 2002, die oekonomistischen Engefuehrungen des Rektorats oder auch die Implementierung der Bologna-Studienarchitektur angeprangert.

Die internationale Wuerdigung seiner wissenschaftlichen, literaturdidaktischen und literaturkritischen Leistungen hat unmittelbar nach Bekanntwerden der schmerzenden Nachricht eingesetzt und kann dank der Bemuehungen von ORF und kulturpolitisch engagierten Printmedien ( vgl. “Der Standard“ 08-09-09:29 und 08-09-10:39 ) mitverfolgt werden.

Da uns mit Kollegen Schmidt-Dengler aber abgesehen von seiner wissenschaftlichen Vorbildwirkung auch zahlreiche hochschulpolitische Gemeinsamkeiten verbinden, moechten wir gerade diese in der folgenden Wuerdigung hervorheben, zumal sie in den offiziellen Darstellungen der Universitaet und der Oeffentlichkeit unterbelichtet geblieben sind.

Nicht erst seit seinem Inkrafttreten, sondern schon bei dessen Konzeption hat Kollege Schmidt-Dengler die autoritaeren und arbeitsbehindernden Zuege des UG 2002 in aller Schaerfe kritisiert. Sein Auftritt bei der diesbezueglichen parlamentarischen Enquete ist legendär ***. Er war es auch, der sich umgehend mit den gegen das UG 2002 protetsierenden Teilen der Kollegenschaft solidarisierte und als Vorstand des Instituts fuer Germanistik der PLUM bei ihrer Konstituierung als Vorstand des Instituts fuer Germanistik den benoetigten Hoersaal zur basisdemokratischen Organisation des Widerstands zur Verfuegung stellte.

An seinem Institut hat Schmidt-Dengler schlieszlich die Ausarbeitung und Umsetzung einer demokratischen Institutsordnung unterstuetzt, die zentrale Mitwirkungsrechte aller Lehrenden und Studierenden sicherte und zum Modell anderer Institutsordnungen vieler augeklaert gebliebener Institute geworden ist. In der Fakultaetskonferenz hat sich Kollege Schmidt-Dengler ebenso wie im Senat, in den er am 30. Maerz 2006 als Listenfuehrer einer eigenen Senatsliste mit einem beachtlichen Stimmenanteil von 25 % gewaehlt wurde, stets fuer die Anliegen einer geordneten Mitbestimmung und den Ausbau demokratischer Kontrollrechte auch an der Universitaet Wien verwendet und wiederholt seine wohlwollende Stimme erhoben, wenn sich Ansaetze fuer eine zumindest partielle Aufhebung der durch das UG 2002 vollzogenen “Entrechtung des Mittelbaus“ boten.

Es bleibt uns, ihm an dieser Stelle fuer seine beispielhafte Solidaritaet zu danken. Unter dieser Adresse haben wir ein Statement Schmidt-Denglers zur beabsichtigten Novelle des UG 2002 zugänglich gemacht. Es stammt aus der PLUM-Podiumsdiskussion vom 8. April 2008 ( “Reform des UG 2002: Retusche oder Korrektur ?“ ). Die einnehmende Verbindung von scharfsinniger Analyse und humorvoll vorbereiteter Pointe, die Schmidt-Denglers Beitraege oft strukturiert haben, zeichnet gerade auch dieses letzte uns verbliebene Dokument gemeinsamen hochschulpolitischen Auftretens aus.

Fuer die Plattform universitaere Mitbestimmung ( PLUM )
Karl Ille , Herbert Hrachovec , 11. 9. 2008

*** Nachfolgend : Die oben als “legendär” angesprochene Wortmeldung Schmidt-Denglers im Rahmen Enquete zur Weiterentwicklung des Universitätsgesetzes im Parlament | Uni-Enquete ( 3 ) : Das Leitungsdreieck und seine Akteure
( Quelle : Parlamentskorrespondenz/02/11.04.2008/Nr. 321 )

Schmidt-Dengler : Konsequente Entdemokratisierung durch das UG 2002

Univ.-Prof. Wendelin Schmidt-Dengler (Institut für Germanistik, Universität Wien) wies darauf hin, dass das UG 2002 es sich zur wesentlichen Aufgabe gemacht habe, einen Rückbau der Errungenschaften und Fortschritte des UOG 1975 zu erreichen. An diesem Gesetz war, betonte der Redner, nicht alles gut, aber das UG 2002 wurde ohne eine umfassend diskutierte Mängelfeststellung verabschiedet: “Der Kraftakt einer Regierung, die meinte, kräftig zu sein”.

Die Folge sei die konsequente Entdemokratisierung der Universität, die Abschaffung oder Zurückdrängung der Gremien, aus denen alle relevanten Entscheidungen ausgelagert wurden. Der Senat als einziges Organ, das die an der Universität Beschäftigten repräsentiert, sei weitgehend zur Passivität und zur Durchführung von Vorgängen ausersehen, die lediglich von administrativem Belang sind, so Schmidt-Dengler.

Dass der so genannte Mittelbau in diesem Gremium nur auf einer Schwundstufe begegne, sei ein “besonders skandalöser Aspekt”. Das UG 2002 weise in entscheidenden Fragen wie in der Funktion der Institute Lücken auf. “Institutsvorstände werden auf rätselhafte Weise bestellt oder auch nicht bestellt, es gibt sie oder es gibt sie nicht. Welche Kompetenzen sie haben, ist unklar. Unangenehme Entscheidungen werden ihnen überlassen oder werden ihnen in die Schuhe geschoben. Intransparenz bestimmt auch die jüngsten Entwicklungen, das Rektorat schottet sich ab, erteilt dauernd Arbeitsaufträge, die von den wichtigen Entscheidungen personaler und organisatorischer Natur ablenken oder es versucht, uns mit Kinkerlitzchen wie E-Learning zu beschäftigen”, kritisierte Schmidt-Dengler.

Seiner Ansicht nach müssen die vorliegenden Vorschläge zur Reform berücksichtigt werden. Die Kollegen an den Universitäten müssten sich wieder als “mitbestimmende und nicht bestimmte” MitarbeiterInnen fühlen.

Dem Hang zur Demotivierung müsse ein Ende bereitet werden, so der Redner.

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WERNER WINTERSTEINER : LIBERO IM LINKEN MITTELFELD

czz-pikto-blind-fuer-todDer “Wissenschaftler des Jahres“ 2007 war ein glänzender Kopf, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, den Wert eines anderen in den Schatten stellen zu wollen. Im Gegenteil, er hat aus eigenen Mitteln einen Preis für junge GermanistInnen ins Leben gerufen. Für uns junge StudentInnen in den 1970er Jahren war er der beste Lehrer von allen, der einzige, der uns ernst nahm und den auch wir protestierenden Jungspunde respektierten. Er setzte sich mit uns auseinander – aber er ließ uns auch seine Ironie spüren. Zum Beispiel, als er den Brief an eine Studentenzeitung mit den Worten begann: “Nachdem sie sich von dem schock erholt haben, dass auch ich der kleinschreibung mächtig bin, möchte ich festhalten …”

Sein Humor war eine weitere hervorstechende Eigenschaft, die ihn so beliebt machte, mit der er sich aber auch Gegner schuf – zumindest, bis er selbst zu einer Institution wurde. Und diese Institutionalisierung gelang ihm nicht nur aufgrund seiner Verdienste um die Hochkultur, sondern weil er es verstand, auch alltagskulturelle Phänomene, vor allem den so geliebten Fußball, enthusiastisch und kritisch zugleich zu kommentieren.
Ebenso liebenswürdig und humorvoll war er auch im beruflichen Umgang.

Als ich ihn bat, für das Themenheft “Fußball“ einer Zeitschrift einen Beitrag zu verfassen, antwortete er zunächst nicht, um sich dann, als ich ihn schon drängte, geschickt aus der Affäre zu ziehen: “Lieber Herr Kollege, pardon, ich habe nicht früher geantwortet, weil ich Ihnen im Herzen die Zusage schon gegeben habe. Sie haben mich ganz richtig aufgestellt, im linken Mittelfeld, von wo ich das ganze Geschehen überblicke.“

Als Libero im linken Mittelfeld, konziliant und kritisch zugleich, als jemand, der das ganze Geschehen überblickt, so möchte ich ihn auch in Erinnerung behalten. Und ihm, der uns “im Herzen seine Zusage gegeben“ hatte, dankbar sein für das, was er für uns, was er für die Literatur, was er für Österreich getan hat.

Werner Wintersteiner ( Klagenfurt ) , Institut für Germanistik

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KARL WAGNER : EINE KLAGE
manuskripte 181 , Graz , Oktober 2008 , 6 - 7

czz-pikto-blind-fuer-todKalt gelassen hat er keinen, weil er nicht kalt war und kein Zyniker. Wohl aber war er sarkastisch und mit einem Witz begabt, der normalerweise für ein ganzes Institut reicht – und oft auch hat reichen müssen. Weil viele – bis heute – glauben, Humorlosigkeit sei mit Ernsthaftigkeit gleichzusetzen (oder deren Voraussetzung), hat er es nicht leicht gehabt. Von den Demütigungen des Betriebs ist auch Wendelin Schmidt-Dengler nicht verschont geblieben. Aber gegen seine Intelligenz, Belesenheit und Hilfsbereitschaft war auf Dauer kein noch so giftiges Kraut gewachsen.

Seine Schnelligkeit, für den Witz unerlässlich, hat manche, die gewohnt sind, ihre Irrtümer mit großer Pedanterie auszuarbeiten, dazu verleitet, ihn für vorschnell zu halten. In Wahrheit beherrschte er lediglich etwas, das selten ist: schnell und gut zu denken. Sein Urteil war treffsicher und nie dogmatisch; keine Rede über ihn ist törichter als das Klischee vom (österreichischen) “Literaturpapst“. In einer Studentenzeitschrift wurde er einmal als das berühmte Interpretationsduo Schmidt & Dengler bezeichnet: Tatsächlich hat das etwas sehr Einleuchtendes für uns Langsame. Angesichts seiner immensen Produktivität hat es ja auch etwas Tröstendes zu denken, es seien zwei am Werk gewesen: zumindest zwei. Und das nicht nur beim Schreiben, sondern auch bei den vielen organisatorischen Aufgaben, die zu übernehmen er sich nie zu schade war. Kein anderer hätte die Aufgaben des Institutsvorstands mit der Leitung des Österreichischen Literaturarchivs vereinbaren können; freilich habe ic