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NEUES VON FREUNDEN



WIEN - BUCH - NEUE MUSIK : ZYKAN | WIEN - BUCH - HAIKU , WEITER SCHREIBEN | WIEN - BUCH - WEITERLESEN : T 4 3 | WIEN - BUCH - JUNG & SPRUNG & VERANSTALTUNG | BERLIN - AUDIOBOOK - PASS AUF , PONY | KLANGAPPARAT

foto copyright Didi Sattmann Otto M Zykan bei Proben zu Auszählreim

Foto : © Didi Sattmann : Otto M. Zykan bei den Proben zum “Auszählreim“ , 1987
( Ausstellung k/haus wien : ” Künstler | Freunde” )

WIEN | BUCH | NEUE MUSIK : ZYKAN

czz-neuesvonfreundenMachen wir’s kurz : Kunsthandwerk lässt sich beschreiben , da es in bestehende Kategorien sich nicht nur fügt , sondern geradezu aus diesen gefügt wird . Grosse Kunst birgt stets jenes Inkommensurable , welches sich den Formeln der sekundären Rede entzieht . An dieser hat sich jene abzuarbeiten und darf froh sein , wenn sie daran wächst .

So gesehen , bietet das LebensWerk des Komponisten , Sprachartisten und universal histrionischen Aktivisten Otto M. Zykan den Musik- , Literatur- , Medien- und Gesellschaftwissenschaften ein enormes Wachstumspotenzial . Und welche Branche kann dies derzeit von sich behaupten ?

Nachdenkpause . Inzwischen : Bitte noch einmal das Video in unserem vorigen Bericht ansehen .

Mit nur 71 Jahren infolge eines Unfalls verstorben , hinterliess Zykan 2006 ein vielgestaltiges und bislang wenig dokumentiertes Werk . Die Aufreger der 70er Jahre sind Vielen irgendwie erinnerlich : von den schrill abstrakten | konkret poetischen HUMANIC- Werbespots ( Kategorie : “Reklame und Avantgarde” , siehe hier , hier , hier und hier ) bis hin zu Franz Novotnys | Zykans umstrittenen Fernsehstreifen “Staatsoperette” mit ausgesuchten Protagonisten des Austrofaschismus ( Kategorie : “Kunst als akutes Politikum” , siehe hier , hier und hier ) , dessen zum Datum des österreichischen Nationalfeiertags 1977 geplante Ausstrahlung nahezu eine Regierungskrise auslöste und den Künstlern eineinhalbtausend Anzeigen eintrug .

Paradigmatisch erweisen die multimedialen Provokationen der 70er Jahre die nur sehr punktuelle Dokumentation und Aufarbeitung , welche sich oft in der “Umarmung qua Legendenbildung” erschöpft und deren Nach- Geschichte ( n ) für die 80er und 90er Jahre noch zu schreiben steht . Man lese etwa Hartmut Krones’ ungewöhnlich differenzierten Nachruf in der Zeitschrift des Wiener Musikvereins … :

Ihm war dabei – überspitzt gesprochen – eine verschlüsselte, gleichsam subkutan vermittelte Botschaft genauso wichtig wie eine gleichsam marktschreierisch-plakative, lehrhaft pädagogisierende an Hand von eingängigen Sentenzen, deren unterschiedlichste Variation bei ihm wieder eine spezielle demonstrative Funktion besass … ( Hartmut Krones )

Mit der Herausgabe von Materialienbänden zum Werk Otto M. Zykans liefert die Musikwissenschafterin Irene Suchy Bausteine zu einer noch zu schreibenden Geschichte der österreichischen Nachkriegs- Avantgarden und deren “Settlement” in der programmatisch über nichts mehr echauffierten Postmoderne : Band I dieser “Materialien zu Leben und Werk” ist eben im Gezeiten- Verlag erschienen .

Wenn das Buch heute im im Oratorium der Österreichischen Nationalbibliothek vorgestellt wird , gibt es also viele Gründe , dort hinzugehen : Auszüge aus dem und Reden zum Buch , Otto M. Zykans Leibspeisen , vor allem aber die Aufführung von zwei Werken des Kommunikationskünstlers und Komponisten :

Zykan : “Das mit der Stimme” ( Patricia Kopatchinskaja )
Zykan : “Klavierstück 2004 Frei , Fast ohne Metrum” ( Mihaela Ursuleasa )

By the way ist in der ORF- CD- Edition das erst postum realisierte Hörspiel “Joseph Fouché” ( ORF 2007 ) erschienen . In prominentester Besetzung .

Buchvorstellung Irene Suchy : Otto M. Zykan - Materialien zu Leben und Werk ( I ) , Oratorium der Österreichischen Nationalbibliothek , heute ,10. Dezember 2008 , 18.00 Uhr .

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WIEN | BUCH | HAIKU , WEITER SCHREIBEN

czz-neuesvonfreundenBuchstäblich inkommensurabel mit dem üblichen Werkbegriff - insbesondere der lyrischen KonZENtrationsform des Haiku - ist die ungewöhnliche Fortschrift , welche der Schweizer Franz Dodel mit “Nicht bei Trost” ( Haiku , endlos) betreibt . Seit 2002 . Als Work in progress . Mit heutigem Tag stehen wir bei Zeile 14.144 : Ein WeiterSchreiben im WWW mit gelegentlicher Extraktion in Buchformat :

… in diesem Garten leuchten
die Baumstämme hell
schweben aufrecht gehalten
in ihrem bläulich
schimmernden Blätter-Atem
so gilt auch hier noch:
jeder Tag ein guter Tag
deshalb sende ich
dir ein wenig Rentiermoos
des Namens wegen
(dessen Grau sich kurz aufbäumt
in der Mitte um
gleich wieder abzudunkeln)
ich fand es als ich
langsam über die weichen
Flechtenkissen ging
so behutsam wie möglich
über die weichen
Flechtenpolster schritt hinaus
in eine Landschaft
aus lauterstem Nichts entfernt
fast vergessen schon
das lacrimarum valle -

Zeilen 0001 - 6.000 des Kettengedichts sind 2003 bibliophil bei der Edition Haus am Gern erschienen ( Rezension Nico Bleutge , NZZ ) . Fünf Jahre später nimmt sich die Wiener edition korrespondenzen einiger weiterer grösserer Kettenglieder an : Verleger Reto Ziegler und Schriftsteller Lucas Cejpek präsentieren Buch und Autor dialogisch vor dessen Lesung .

Franz Dodel : Nicht bei Trost - Haiku endlos ( edition korrespondenzen 2008 ) - Literarisches Quartier Alte Schmiede , Donnerstag , 11. Dezember , 19 H .

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WIEN | BUCH | WEITERLESEN : T 4 3

czz-neuesvonfreundenGleichfalls am 11. 12. - Vorsicht , Interessenskonflikt - gibt es wieder einen gemütvolles & -liches Kamin- Geplauder der Reihe TEA FOR THREE ( T 4 3 ) , wo Daniela Strigl und Klaus Nüchtern mit wechselnden Gästen und Temperamenten seit Jahren öffentlich in Neuerscheinungen und Klassikern blättern . Selbstredend haben sie dabei manches Kluge , Böse und Putzige zu sagen .

Diesmal im Trialog mit der Autorin Andrea Grill über folgendes Trippel :

Höret und staunet und leset dann selber oder lasst es bewusst bleiben : zu kurz ist das Leben für langweilige Literatur ( Arno Schmidt ) .

TEA FOR THREE ( T 4 3 ) - Donnerstag , 11. Dezember 2008 , KUNSTHALLE wien project space , 20 H .

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WIEN | BUCH | JUNG & SPRUNG & VERANSTALTUNG

czz-neuesvonfreundenNichts tönt altmodischer als die Rede von der “jungen Literatur” , und doch ertappt man sich öfter , als man dies wollen möchte , selbst mit diesem Leerwort auf der Zunge . Nicht um schöne Phrasen , sondern um konkrete Arbeit FÜR das Werk von jüngeren Autorinnen und Autoren geht es bei einer Preisverleihung und Debatte im Literaturhaus .

Konkret gewürdigt werden Regina Hilber und Thomas Ballhausen für ihr Veranstaltungs- ( tja ) -Format zur “Zeichensetzung , Zeilensprünge - Junge Literatur in Österreich” : jüngere Autoren mit , für und über Ihresgleichen . Da gibt’s nachvollziehbare Gemeinsamkeiten von Wahrnehmung und Praxis , was Verlage , insbesondere aber auch Zeitschriften anbelangt . Und auch ein sympathetisches Publikum interessiert .

Für Initiative und “Format” gibts also den Holfeld- Tunzer-Preis für die Kuratoren . Warum und was es mit dieser unregelmässig vergebenen Auszeichnung auf sich hat , weiss Laudator Karl Wagner zweifellos zu sagen ( ca. 20.45 H ) . Zuvor eine Lesestrecke mit den frischen Texten und Persönlichkeiten von Milena Flasar , Paul Divjak , Andrea Grill , Lisa Spalt und Cornelia Travnicek ( 19 H. ) .

Ganz am Anfang , um 17 Uhr , steht eine Podiumsdiskussion ( N. N. ) auf dem Programm ( “Zur Präsenz der jungen Literatur in Österreich” ) und ganz zum Schluss ( N. N. ) Fest und DJ- Line .

Zeichensetzung , Zeilensprünge - Literaturhaus , Freitag , 12. 12. 2008 , 17 H , 19 H ff .

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BERLIN | AUDIOBOOK | PASS AUF , PONY

czz-neuesvonfreundenUnd am Samstag gibt’s dann im Berliner Schwesteruniversum die galoppierende Präsentation von Monika Rincks - hier in|ad|ae|qu|at ausführlich vorgestelltem - poetischen Hör- , Tast- , Seh- und Lese- Objekt “Pass auf , Pony” ( edition sutstein ) . Mit Franz Tröger an einem Klangapparat , welcher sich klingend “Pling- Plong” nennt .

Hörbuch- Präentation “Pass auf , Pony” von und mit Monika Rinck - loop , Raum für aktuelle Kunst ( basement ) , Samstag , 13. 12. , 19 H .

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KLANGAPPARAT

Es gibt einfach Labels ( siehe gestern ) , die es haben , das sogenannte “Händchen” ( resp. : “Öhrchen” ) für gewisse Klänge , deren Charisma czz-hoerempfehlung durch den Schaum der Tage hindurch sich erhält : Yuki Yaki ist da eine feste Adresse im Ameisenhaufen des Netlabelism . Mit Laufnummer 015 ist der jüngste Coup mit grösster Grazie gelungen : Der französische DJ und Remixer Humeka ( MySpace ) gibt eine elegant belebt- schwebende “Densité Matérielle” , deren Substanz uns sanft ummantelt . Replay … - CLICK LINK TO LISTEN STREAM ( RP ) .

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“Der letzte Professor” : Karl Wagners Wiener Rede für Wendelin Schmidt-Dengler



||| GERETTETES GEDENKEN | DOKUMENTATION 1 : JULIA KOSPACH IN DER “FRANKFURTER RUNDSCHAU” | DOKUMENTATION 2 : KARL WAGNER - REDE AUF WENDELIN SCHMIDT-DENGLER , IN WIEN , AM 31. 10. 2008 | RELATED

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GERETTETES GEDENKEN

czz-pikto-blind-fuer-todAm 7. September ist der Wiener Germanist , charismatische Lehrer und in jeder Hinsicht förderliche Fürsprecher gegenwärtiger Literatur , Wendelin Schmidt-Dengler , fürchterlich überraschend verstorben . Die volatilen Worte der öffentlichen Personen waren rasch verweht . Umso nachhaltiger ist inzwischen die für “Nachrufe und Erinnerungen” eingerichtete Webseite des Instituts für Germanistik angewachsen : Die Zusammenschau der verschiedensten Stimmen mag einen Eindruck von der ausserordentlichen Vielseitigkeit und Wirkkraft des unorthodoxen Gelehrten gewähren .

Auf 31. Oktober war die offizielle Akademische Gedenkfeier im Grossen Festsaal der Universität datiert . Dort , wo sonst die talargeschmückten Rituale von Promotionen unter lateinischen Formeln den Anverwandten Tränen der Rührung in die Augen treiben , fand man sich betreten zusammen . Und mochte seinen Ohren kaum trauen , als der Dekan im säuselnden Flughafen- Durchsage- Sound eine geistfreie Serie von Sätzen aneinander reihte . - Eine unfreiwillige Selbstparodie akdemischer Routine , welche den Ernst des Verlustes nur umso stärker bekräftigte .

Für einen kurzen Moment hatte sich - wie auch die “Frankfurter Rundschau” bemerkte - die Mechanik der Institution unverstellt gezeigt . Und genau in diese Fuge zwischen institutioneller “Lehre” und “Leere” fuhr Karl Wagners Rede wie ein scharfes Beil hinein . Scheute sich nicht , Namen und Nachrichten von Nöten zu nennen und nahm die Universität coram publico in die Pflicht , in und unter Schmidt-Denglers Namen mittels eines Stipendiums geistesgegenwärtige Forschung zu fördern .

Artikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT

  1. Julia Kospachs Bericht in der “FR” vom 3. 11. 2008
  2. Karl Wagners Rede für Wendelin Schmidt-Dengler und wider den Ungeist der Institution ( mit Dank an den Autor für die vertrauensvolle Übermittlung der Textfassung ) .

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DOKUMENTATION 1 : JULIA KOSPACH IN DER “FRANKFURTER RUNDSCHAU”

czz-pikto-blind-fuer-todHerr mit Spielraum - Zur Gedenkfeier für den Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler an der Universität Wien ( Julia Kospach , FR , 3. 11. 2008 )

( … ) Schmidt-Dengler, der Anfang September überraschend mit 65 starb, las stets vor vollen Sälen. Acht Wochen ist es her seit seinem Tod. Jetzt sei klar, sagt sein Nachfolger als Vorstand des Wiener Instituts für Germanistik: “Die Löcher, die gerissen worden sind, lassen sich nicht so einfach schließen”. Seltsamerweise hatte man mit “stopfen” gerechnet. Vielleicht weil der Festsaal so vollgestopft ist. Schmidt-Dengler füllt noch einmal spielend einen großen Saal.

“Wendelin, dem unermüdlichen Dengler” steht auf einer, auf eine Leinwand projizierten Zeichnung des dichtenden Architekten Friedrich Achleitner, der hier für seinen toten Freund ein paar seiner sprachverspielten Kurz-Prosatexte vorliest. Er sorgt für den feinen Humor, für den sonst Schmidt-Dengler zuständig war. “Ich vermute, so schnell wie Wendelin redete, konnte er auch zuhören”, sagt Achleitner.

Seine Zeichnung zeigt, in wenigen Strichen, unverkennbar Schmidt-Denglers runde Brille und seine freundlichen Hamsterbacken. Der Gezeichnete hält einen kleinen Hammer in der Hand. Schmidt-Dengler dengelt. Schmidt-Dengler, dessen Name allein “der Reduktion schon einen gewissen Widerstand” entgegengesetzt habe. So sagt sein langjähriger Kollege, der Germanist Karl Wagner, in einer herrlichen Rede, die eine hinreißende Liebeserklärung an Schmidt-Dengler ist und eine schallende Ohrfeige für die Institution Universität, die ihren Weltklasse-Gelehrten mit Stolpersteinen versorgte, ihm seine Gewandtheit und Beliebtheit verübelte und neidvoll auf sein uneitles Tausendsassatum blickte.

Wagner spricht mit W.B.Yeats - “no marble, no conventional phrase” -, und er geißelt die Fertigrhetorik der Universität, die zu Beginn der Feier in der Ansprache des Dekans der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät einen lupenrein dahingeleierten Auftritt absolviert. “Dieser Verlust ist einfach unersetzlich”, singsangt der Dekan, als wär’s die hundertste Vorrede zu einer der steifen Promotionsfeiern, die sonst hier stattfinden. Und weil ihm auch wirklich gar nichts einfällt, sagt er dann noch “Wendelin Schmidt-Dengler fungierte als langjähriger Institutsvorstand, und als solcher ist er ja auch verstorben.” Augenverdrehen im Publikum.

Schmidt-Dengler war hunderterlei gleichzeitig: Als Ermöglicher, Unterstützer und Vermittler von Literatur und germanistischer Forschung stürmte er wie ein Irrwisch durch die literarische Landschaft, immer in Eile, immer höflich, “ein Herr”, wie Karl Wagner sagt, aber nicht um des Habitus des Herren willen, sondern wegen des sich dadurch eröffnenden Spielraums. Schwindeln könnte es einen angesichts des Arbeitspensums dieses Mannes, das hier noch einmal von Kollegen, Studenten, Freunden aufgezählt wird.

In der Pension, die er nicht mehr angetreten hat, wollte er sich endlich einmal ausführlich Dantes “Göttlicher Komödie” widmen, hatte er vor Kurzem in einem Interview gesagt. “Die studiert er jetzt womöglich vor Ort”, sagt eine Frau beim Rausgehen ohne jede Ironie zu einer anderen. Was hatte Schmidt-Denglers Freund Friedrich Achleitner gerade noch vorgelesen ? “Auch das Endgültige hat ein Hintertürl.”

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DOKUMENTATION 2 : KARL WAGNER - REDE AUF WENDELIN SCHMIDT-DENGLER , IN WIEN , AM 31. 10. 2008

czz-pikto-blind-fuer-todEs gibt keinen Trost. Ich werde daher, um mit dem russischen Dichter Joseph Brodsky zu sprechen, auch keine magere Rede “nach oben schicken / in Richtung der altherkömmlich stummen Gebiete”, wie es in seinem “Wiegenlied von Cape Cod ” heisst.

Unübertroffen bleibt also weiterhin das berühmte Epitaph, das sich William Butler Yeats für sein eigenes Grab im Friedhof von Drumcliff, am Fusse des wie ein gekentertes Boot daliegenden Bergrückens Ben Bulben gedichtet hat: “Cast a cold eye / On Life, on death, / Horseman pass by”, verbunden mit der Anweisung: “No marble, no conventional phrase.”

Ein anderer berühmter Lakonismus, der auch nicht in Erfüllung gegangen ist, stammt von William Faulkner, der dieses gewünscht hat: “It is my aim … that the sum and history of my life … shall be …: He made the books and he died.”. Im Blick auf Wendelin Schmidt-Dengler, dessen langer Name - selbst ohne Titelei - der Reduktion einen gewissen Widerstand entgegensetzt, könnte das Lakonische so lauten: “Er hat gesprochen und er ist tot.” Vielleicht darf ich hier noch Heimito von Doderers Satz über den Dichter anfügen, den Wendelin so gern zitiert hat wider den Künstlerkult: Dieser sei nämlich “ein Herr unbestimmbaren Alters, der einem dann und wann im Treppenhause begegnet”.

So eine Verkürzung überhaupt zu denken, ist nur bei einem möglich, von dem man weiss, dass von ihm durch noch so radikale Reduktion etwas bleibt: etwas, das gerade durch die Reduktion ausgesprochen und verstärkt wird. Für uns Gewöhnliche ist eher das blow up des Nachrufs tauglich und beliebt, das aus der Mücke einen Elefanten macht. Deshalb sind die konkreten Ausprägungen dieses Genres fast immer unangenehm, geheuchelt und verlogen.

Und deshalb ist das Schweigen auch so berechtigt; allerdings nur dann, wenn es nicht insinuiert, damit die wahre Trauer zu sein. Berufungen auf Elfriede Jelinek sind jedenfalls unstatthaft; denn wenn ihr auch die Worte zu seinem Tod gefehlt haben, hat sie immerhin nicht vergessen anzufügen, dass ihm, Wendelin Schmidt-Dengler, in einer solchen Situation die Worte auf keinen Fall gefehlt hätten.

So ist es. Dass mit Trostlosigkeit nichts zu gewinnen sei, war ein Credo, das er mit Fontane gemeinsam hatte und das beide zu unglaublicher Produktivität befähigt hat. Was natürlich für keinen von beiden (und von uns) Ilse Aichingers radikalen Satz auszulöschen vermag: “Positiv denken ist das Gegenteil von Denken”.

Ich habe nicht im Geringsten die Absicht, hier und jetzt mit dem Gestus des Abschliessens zu sprechen - in mehrfachem Sinne wäre das zu früh und auch pietätlos. Trauer ist keine Sache von Schnelligkeit; das darf man gerade dann sagen, wenn einer gegangen ist, der es mit dem Davongehen viel zu eilig hatte. Ich wünsche also der Wiener Universität, womöglich zum Schrecken ihrer Funktionäre, dass ihr dieser begnadete Mann noch lange zu schaffen macht.

Zweifellos wird diese Institution noch einige Zeit brauchen, um zu begreifen, dass sie nicht einen “Formulierungskünstler” verloren hat, wie sie in einer ersten sprachlosen Reaktion und garantiert ohne jede Einfallskunst verlauten liess, sondern einen international geschätzten und gesuchten Gelehrten. Einen also, den sie in ihrer desperaten und selbstgefälligen wie auch inflationären Fertig-Rhetorik ständig als Leitbild verkündet hat, ohne zu merken, dass sie in Wendelin Schmidt-Dengler längst schon einen hatte, der dies wirklich war. Und vor allem auch ohne auf die Idee zu kommen, ihm dies als Anerkennung zuteil werden zu lassen, womöglich vor dem Tod.

Zu diesem Verkennen mochte beigetragen haben, dass man sich “Weltklasse” wohl etwas zu willfährig und weniger unbequem vorgestellt hat; oder vielleicht auch nur etwas eitler und gerade in diesem Narzissmus allzu berechenbar ?

Mit solchen Wahrnehmungsmustern konnte man “naturgemäss” nicht auf einen wie Schmidt-Dengler verfallen, der das Unvorhergesehene liebte und zu überraschen verstand. Die Kunst des Einfalls statt des Rituals der Routine war sein Elixier: das machte ihn so überzeugend als Lehrer, als Wissenschaftler und als Person.

“Naturgemäss” ergibt das auch Friktionen mit dem Institutionellen. Es ist aber angezeigt zu bemerken, dass Schmidt-Dengler gerade dadurch die Dauer und Haltbarkeit von Konventionen und Ritualen zu erhöhen wusste. Statt mit dem Bruch der Routine, frei nach Kafka, lediglich eine neue zu begründen, setzte er auf den Reiz der Reibung. Je weniger die Institution das kapiert hat, desto mehr reizte es Schmidt-Dengler, selbst zu einer Institution zu werden: Das ist die subtilste Rache an einer Institution. Und sie ist ihm gelungen. Seine vielen Jahre als Institutsvorstand sind ja nur als eine Vorkehrung gegen die Zumutungen der Umständlichkeit und der Bürokratie wirklich zu begreifen - und vor allem auch gegen die Demütigungen durch kollegiale Herrsch- und Eifersucht.

In diesem Sinne darf man sagen: Schmidt-Dengler fehlt, wie jede gute Institution fehlt - man bemerkt es erst, wenn sie nicht mehr da ist. Das Unkonventionelle innerhalb der Konvention - zum Beispiel die Höflichkeit und das Abstandhalten (nicht die “Krankheit der Distanz”, wie Thomas Bernhard einmal über sich selber gesagt haben soll) - ist gerade in einer Einrichtung wie der Universität nichts Einfaches. Keiner konnte es ihm auch darin gleichtun. Umso überraschender lesen sich die Nähe-Erlebnisse der Nachrufenden.

Obwohl Wendelin Schmidt-Dengler viele Bücher geschrieben und noch mehr angestiftet, befördert und bevorwortet hat, ist für ihn als Wissenschaftler und Schreiber - anders verhält es sich mit dem Leser - das Buch nicht das charakteristische Medium. Etwas viel Flüchtigeres nämlich, das gesprochene Wort, seine Stimme und seine sokratischen Fähigkeiten, machen sein Unvergängliches aus. Wenngleich auch geschrieben und ausformuliert, war die Vorlesung und die Rede (in allen universitären oder sonstwie öffentlichen Formen) sein eigentliches Terrain.

Dass er wie “gedruckt” reden konnte, ist in einem Land, wo die Kunst der öffentlichen Rede so danieder liegt, dass jeder halbwegs begabte Provinzdemagoge zum Popstar wird, lediglich eine Floskel, die vom Entscheidenden ablenkt: Sein Geschriebenes ist nämlich vor allem anderem geschriebene Mündlichkeit - somit eine gute Vorkehrung gegen das Gespreizte, das Unverständliche oder das akademische Imponiergehabe mit seiner Phrasenhaftigkeit und seinem Sprachbeton. Mit dem Flüchtigsten, seiner Stimme, wird er uns immer im Gedächtnis bleiben.

Dass die Universität, nicht nur die Wiener, so wenig darauf gibt, ist unverzeihlich: die Reaktionen auf Schmidt-Denglers Tod zeigen jedoch, dass das sokratische Erbe, der logos spermatikos, am unverwüstlichsten ist. Es kann nur nicht in pädagogisch-didaktischen care-Paketen verwaltet werden. Es ist eben so erstaunlich wie ermutigend, dass sich das Untrennbare von Wissenschaft, Lehre und Person - das Besondere also an Schmidt-Dengler - mit den Worten Leo Spitzers, eines anderen weltberühmten Philologen aus Wien, immer noch am präzisesten beschreiben lässt:

Und schliesslich ist, wie ich glaube, das wissenschaftliche Objekt doch letztlich nur jenes Medium, in dem die Geister der Lehrenden und Lernenden sich treffen - ein Mittel dazu, dass Menschen zueinanderkommen, weil sie direkt auf dieser Welt so selten zueinander können. Ziel der Wissenschaft ist doch letztlich nicht bloss die Sache, sondern “der Mensch”, der Mensch mit seiner Sache, der Sache, die er vertritt, der Sache, der er bedarf, um sich hienieden zu behaupten […] Ein grosser Romanist [sc. Spitzer war von diesem Fach] - das ist für mich nicht nur, wer ein Kompendium des Wissens zu bieten hat, sondern wer sein Gebiet seinem Publikum “vorzulegen”, “darzuleben” versteht”. ( Spitzer, Meisterwerke, 4 ).

Schmidt-Dengler hätte diesen etwas herrischen Gestus gemieden, gerade weil er ein Herr war, wie keine Berufenere als Daniela Strigl zu sagen wusste. In gewisser Weise war er wirklich der letzte Professor, dem man diese Rolle noch abgenommen hat; er hat sich zu dieser Rolle in ein Verhältnis gesetzt, das nicht nur ironisch war: Er wollte nämlich nicht den Habitus, sondern den Spiel-Raum dieser Rolle retten. Von der Art und Weise, wie er diesen Spiel-Raum nicht für sich, sondern für andere genützt hat, wird noch zu sprechen sein, nicht nur heute.

Ich möchte mit einem (womöglich gar nicht vollständigen) Momentbild - was weiss man schon, wenn man in Zürich ist ? - das nicht untypisch ist für Wendelin Schmidt-Denglers Arbeitsethos, seine Produktivität und seinen sokratischen Nimbus andeuten, wie einer gearbeitet haben muss, um jene Präsenz zu erzeugen, die viele bewundern - und einige verabscheuen, weil sie irrtümlich glauben, diese Präsenz sei ihm geschenkt worden.

Am Tag vor seinem plötzlichen Tod am 7. 9. 2008 erschien in der Wochenendausgabe des “Standard” Schmidt-Denglers Gegenrede zum üblich gewordenen Lamento über die nicht- oder nicht mehr lesenden Studenten; jeder von uns hat in diese schon einmal eingestimmt, auch er; und jeder von uns ist einmal, als Student, Adressat dieser Klage gewesen. Denn es wurde schon immer nicht mehr gelesen, jedenfalls in den Augen der Kulturkritiker.

Im September dieses Jahres erschien in der zweimonatlich erscheinenden Literaturzeitschrift “kolik” seine Laudatio auf Ann Cotten, aus Iowa stammend, in Wien aufgewachsen und jetzt in Berlin lebend. Sie hat hier in Wien Germanistik studiert und bei Schmidt-Dengler ihr Studium abgeschlossen. Die Laudatio von Wendelin Schmidt-Dengler auf das furiose Debüt dieser Autorin - “Fremdwörterbuchsonette” in der edition suhrkamp - beweist, dass er nicht nur an der Universität Wien am Platz war, sondern auch auf den Plätzen draussen. Nur einen hat er da wie dort gemieden: den Gemeinplatz, etwas also, das in Österreich einen bedrohlichen Nebensinn entwickeln kann.

Und schliesslich erschien in jenen traurigen Septembertagen auch seine “Presse”- Rezension von Ruth Klügers Fortsetzung ihrer Autobiographie, die den Titel “unterwegs verloren” trägt. In diesen Erinnerungen kommen Wien, die Wiener Universität und insbesondere auch das Institut für Germanistik nicht so vor, wie es die erwähnte institutionelle Strahle-Rhetorik gern hätte. Nebenbei gesagt: Es stünde den Universitäten, nicht nur der Wiener, gut an, wenn sie mehr auf die Bilder achteten, die sich die Schriftsteller von ihr bzw. von ihnen machen. Vertriebene Nobelpreisträger aufzubieten, ist dagegen in jeder Hinsicht ein Gemein-Platz. Schmidt-Dengler hat in seiner Rezension von Klügers Buch etwas gemacht, das er wie kein anderer beherrschte: durch Höflichkeit und Takt etwas zu retten, was sonst verloren gegangen wäre. In diesem Fall: die Verbindung Ruth Klügers zu dieser Institution, die ihr so fremd geblieben ist und in der sie nicht das fand, was österreichische Politiker und Professoren, insbesondere ohne Augenschein, so schnell finden, ohne dann einen Finger zu rühren, um vergleichbare Möglichkeiten zu schaffen: die amerikanische Ivy League. Schmidt-Denglers grandezza in dieser Besprechung erwies Ruth Klüger nachträglich ihren Respekt:

Ich weiß, es war das Letzte, was er gemacht hat. Er war ungeheuer großzügig, wenn man bedenkt, dass ich in dem Buch ja über sein Institut ziemlich hergefallen bin. Ich war gerührt und beschämt.

Hinzufügen möchte ich noch, obwohl der betreffende Band noch nicht erschienen ist, Schmidt-Denglers Arbeit an der Edition von Thomas Bernhards Werken, zuletzt: an dessen Roman “Alte Meister“. Denn damit ist, in jeder Hinsicht, die Arbeit an einem philologischen Lebenswerk bezeichnet.

Allein die Vielgestaltigkeit dieser letzten Arbeiten beweist, dass hier einer am Werk war, der Verschiedenes zur gleichen Zeit tun konnte, während die meisten von uns nicht einmal mit dem einen zurande kommen. Neid ist in einem solchen Fall ein nahe liegendes Gefühl; und er bekam ihn auch zu spüren. Wenn man schon selber die eine Rolle falsch spielt: wie muss erst einer sein, der mehrere Rollen zur gleichen Zeit beherrscht. Es ist eine Tragödie, dass in dieser akademischen Welt verlernt wurde, theoretische Gegensätze nicht als persönliche auszutragen: Undenkbar wäre heute, jedenfalls hier, eine Widmung à la Spitzer, die dieser, übrigens an die erste habilitierte Romanistin, Elise Richter, geschrieben hat: “in verehrungsvoller Gegnerschaft”.

Eine Trauerrede ist aber, wie mir die Selbstzensur sagt, nicht der Ort für Gedanken darüber, wie eine Institution mit Menschen umgeht; gar nicht zu reden von der Art, wie die Menschen in der Institution Universität miteinander umgehen. Das traditionell idealistische Sprechen über die sänftigende Wirkung von Literatur hat es nicht leicht an einem Institut für Literatur in dieser oder jener Sprache.

Natürlich durfte und darf man an Schmidt-Denglers Art und Weise, Literaturwissenschaft zu betreiben, auch Kritik üben. Er war in der Selbstkritik, die unter den Vorzeichen der Weltklasserhetorik zu einem auszurottenden Stigma geworden ist, den Opponenten auch darin eine Nasenlänge voraus. Wie alle, die nur eines können, haben sie seinen Umgang mit den Medien verabscheut, in denen sie selber nur zu gern vorgekommen wären. Und natürlich war der Konflikt zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik auch für ihn ein Problem. Vielleicht kann man als grösstes Kompliment sagen: nie hat er den Elfenbeinturm an die Plätze verraten, während viele, ohne Kontakt mit den Plätzen, den Elfenbeinturm preisgegeben haben, dessen Lob dereinst kein Geringerer als der berühmte Kunsthistoriker Erwin Panofsky in der amerikanischen Emigration angestimmt hat.

Für diejenigen, die Doppelrollen nicht kennen, stellte sich, naturgemäss nicht im eigenen Fall, diese frei nach Robert Walser formulierte Frage: Ists nicht mehr Wissenschaft, was Du da treibst ? - Schmidt-Dengler hat für diese Doppelrolle anlässlich der Auszeichnung als “Wissenschaftler des Jahres 2007 die wunderbare Formulierung gefunden: “Ich sitze gern zwischen den Stühlen und springe schnell auf”. Man darf annehmen, dass dies keine nur bequeme Position war.

Ich will aber nicht nur diese hinfälligen Sätze sagen, die im Augenblick auch schon wieder verrauschen. Ich möchte die öffentlichen Institutionen dieses Landes und dieser Stadt - vor Zeugen - an- und aufrufen, Wendelin Schmidt-Dengler dauerhaft zu ehren. Und ihm so auch dafür zu danken, dass er diese Universität, diese Stadt und die Literatur dieses Landes in der Welt bekannt gemacht hat.

Die Universität und die Stadt Wien mögen also übereinkommen, ein Wendelin Schmidt-Dengler-Stipendium ins Leben zu rufen. Ein Wendelin Schmidt-Dengler-Stipendium für junge osteuropäische Doktoranden und Doktorandinnen, damit diese hier in Wien ihre Forschungen zur österreichischen Literatur und Kultur vorantreiben können.

Es schiene mir angebracht, wenn die Öffentlichkeit darüber wachte, dass dieser Vorschlag Wirklichkeit wird.

Es bleibt freilich dabei. Es gibt keinen Trost. “Gerettet sind wir / durch nichts / und nichts / bleibt für uns”. Wann, wenn nicht jetzt, wären von diesem Dichter, Ernst Meister, meine Lieblingsverse zu zitieren ?

UND BIS ZULETZT
zärtliche Wissenschaft.
Das Vergebliche, kann sein,
nicht umsonst. Das wirklich Nichtige aber
ist voll deutlich
immer da.

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RELATED

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Wendelin Schmidt-Dengler | Nachschrift



||| Die Dokumentation “Stimmen über Wendelin Schmidt- Dengler ( 1942 - 2008 )” wurde um die Erinnerungen , respektive : “Eine Klage” des nach Zürich expatriierten Kollegen Karl Wagner ergänzt sowie um die Nachrufe von Franz Schuh ( DIE ZEIT , print ) und Klaus Nüchtern ( Falter , print ) . |||

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Dokumentation : Stimmen über Wendelin Schmidt- Dengler ( 1942 - 2008 )



||| DOKUMENTATION | FRIEDERIKE MAYRÖCKER | JOSEF WINKLER | APA | MICHAEL ROHRWASSER | KONRAD PAUL LIESSMANN | ROLAND INNERHOFER | PAUL JANDL | ULRICH WEINZIERL | HERBERT OHRLINGER | PLATTFORM UNIVERSITAERE MITBESTIMMUNG | WERNER WINTERSTEINER | KARL WAGNER | FRANZ SCHUH | KLAUS NÜCHTERN | ALFRED KOLLERITSCH | LINKS | RELATED

DOKUMENTATION

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czz-pikto-blind-fuer-todArtikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT Reaktionen auf das plötzliche Ableben des leidenschaftlichen Germanisten , Universitätslehrers und Freundes Wendelin Schmidt-Dengler . Auf dass diese Erinnerungen an den neugierigen und förderlichen Teilnehmer am Literarischen Leben zugänglich bleiben . Die Copyrights der zitierten Stimmen und Medien bleiben dabei selbstverständlich bei deren Inhabern .

Besonders sei dabei auf die Sammlung von Nachrufen auf der Heimseite des Wiener Insituts für Germanistik hingewiesen . Die Heimito von Doderer-Gesellschaft hat eine digitale Kondolenzliste eingerichtet .

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FRIEDERIKE MAYRÖCKER : OHNE ZU AHNEN

WSD mayröcker nachruf ( click to XL )

Friederike Mayröcker , Der Standard , 10. 9. 2008

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JOSEF WINKLER : IM ZUG | NACH VARANASI

czz-pikto-blind-fuer-todVor 15 Jahren hat Wendelin Schmidt-Dengler mein Leben verändert. Nach einer gemeinsamen Veranstaltung fuhren wir mit dem Zug von Udine nach Wien. Ich erzählte ihm, dass ich in den nächsten Monaten vorhabe, das erste Mal nach Indien zu fliegen, wusste nicht, ob ich nach Bombay oder Kalkutta gehen sollte. Er empfahl mir Varanasi, die heilige Stadt der Hindus. Seither war ich neunmal in Indien, siebenmal in Varanasi.

Am 1. November hätte er die Laudatio für die Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt halten sollen. Es war der Wunsch der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, und es war mein Wunsch.

Josef Winkler , Der Standard , 10. 9. 2008

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APA : BESTÜRZUNG IN ÖSTERREICHISCHER PRESSE

czz-pikto-blind-fuer-todWien (APA) - Mit großer Bestürzung hat die österreichische Presse auf den überraschenden Tod Wendelin Schmidt-Denglers reagiert. Nachrufe würdigen seine Leidenschaft für die Literatur, seine Fähigkeit, sie weiterzugeben und seine Expertise, die über die Bücher bis zum Fußball hinausreichte. ( … )

Im Ö1-Morgenjournal kamen auch einige Autoren zu Wort.

Robert Menasse reagierte tief betroffen auf den Tod seines Doktorvaters:

Ich fühle mich buchstäblich verwaist, seitdem ich von seinem Tod erfahren habe. Ich habe von ihm ganz entscheidende Dinge im Hinblick auf Literatur und Leben gelernt, wobei ich vor allem von ihm gelernt habe, wie sehr die beiden Dinge zusammengehören. Es ist so seltsam, dass man als Mann des Wortes über einen Mann des Wortes plötzlich nur mehr stammeln kann.

Und Friederike Mayröcker:

Ein großer Freund, er ist gestorben vor einem Tag. Er, der große Meister der Literatur. Wir haben ihn alle geliebt - was für ein Schmerz !

Essayist Franz Schuh rühmte Schmidt-Denglers Verdienste um die Gegenwartsliteratur:

Schmidt-Dengler hat den Blick geöffnet. Sowohl inhaltlich als auch von seiner Person her steht er für eine Emanzipation, ohne die es wissenschaftlichen Fortschritt nicht gegeben hätte.

Ähnlich der Architekt und Schriftsteller Friedrich Achleitner im Morgenjournal:

Er hat damit unglaubliche Verdienste erworben, weil er die Germanistik eben nicht zu einer isolierten, abgehobenen Wissenschaft gemacht hat, sondern zu einem Impulsgeber der ganzen kulturellen Landschaft.

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MICHAEL ROHRWASSER : LUZIDE UND UNBESTECHLICH

czz-pikto-blind-fuer-tod“Wäre es nicht wunderbar, diesen Mann bei einer langen Bahnfahrt durch Österreich zum Reisebegleiter zu haben ?“ fragt Lothar Müller in seinem heutigen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung. So ist es, antworten wir, die wir solche Bahnfahrten mit ihm unternommen haben, und fügen wehmütig hinzu: Wir haben dieses Privileg für selbstverständlich genommen, und jetzt müssen wir ohne ihn weiterfahren. Wenn das geht. Wir können ihn nicht mehr um Rat fragen, keinen Hinweisen mehr folgen, kein Zitat nachhören, keine kritische Würdigung fremder und eigener Arbeiten einholen, obwohl wir immer noch seine Stimme im Ohr haben.

Meine österreichischen Freunde konnten viele Facetten und Nuancen seines Wirkens als Lehrer, Erzähler und Impulsgeber wahrnehmen, während für mich, der ich ihn erst 1991 kennengelernt habe, erst einmal ein Grundkurs in österreichischer Literatur angesetzt wurde, damals in Stanford. Ich traf ihn dort zuerst, wo sonst, in der Bibliothek, wo ich ihn, umgeben von Bücherstapeln, traf: Wendelin Schmidt-Dengler, den leidenschaftlichen Leser. Unser erster Dialog ging etwa so: Man kann nicht alle Bücher dieser Welt lesen – aber man kann es zumindest versuchen – immerhin, so schränkte er ein, gebe es auch einige, mit denen man sich nicht näher einlassen wolle.

Er war nicht nur damals und nicht nur zu mir großzügig – er war es gegenüber vielen, die weniger gelesen hatten und weniger schnell waren ( also: gegenüber allen ). Er hat sich unterschieden von seinen Kollegen, den Literaturhistorikern, von jenen nämlich, die als ihren heimlichen Schutzpatron Prokrustes verehren, die ihre Anschauungen durch ein Zuviel an Lektüre gefährdet glauben: ein Unpassendes wird abgeschnitten, ein Unzureichendes wird gedehnt ( “Lesen macht befangen“ heißt eine Devise, die auch in Kommissionen immer mehr Anhänger findet ). Seine Gegner haben es sich leicht gemacht, wenn sie ihn zum großen Unterhalter und Plauderer herabwürdigten ( Mann mit “Formulierungsgabe“ stand in einem der Nachrufe ), denn für den kleinen Appetit hat er nicht gelehrt, Literatur wurde bei ihm nicht verharmlost und verkleinert zum mundgerechten Happen, zum event, Literatur war nicht zuletzt Beunruhigung, Provokation, auch Tröstung, und hier ging er nicht selten Bündnisse mit seinen Autoren ein.

Was mir damals zuerst auffiel, neben seiner stupenden Belesenheit, seinem phänomenalen Gedächtnis, neben seiner Fähigkeit, zum Lesen anzustiften und eigene Urteile zu überprüfen, neben seinen innovativen Blicken auf Texte und Autoren, die immer genau, unerbittlich, ja streng waren, das war seine Fähigkeit, sich in die Autorinnen und Autoren zu verwandeln. Mit einer kleinen Drehung seiner Hand, aus dem Ellbogengelenk heraus, war er plötzlich Gerhard Rühm oder Ernst Jandl, was ich spätestens dann verstand, als ich die Originale sprechen hörte.

Lesen und Leben waren bei ihm nicht getrennt, weil er auch beim Lesen alle seine Sinne geöffnet hatte. Er kannte keine kanonischen Hierarchien und, wo er die Quellen kannte, respektierte er auch keine Lehrmeinungen, so wenig wie er jenseits der Bücher den akademischen Hierarchien Respekt zollte: Er erkannte die akademischen Nichtleser und die autoritätsbeflissenen Nichtsnutze, und er hielt sich, wenn es irgend ging, von ihnen fern. Er konnte jenen den Rücken zuwenden, die in Selbstverliebtheit von ihrer Liebe zur Literatur sprachen und dabei ihre Stimme vibrieren ließen. Gleichwohl hat er die Wiener Germanistik geprägt wie kein anderer, und das in einer seltsamen, unheimlichen Bündelung: als Lehrer, Betreuer und Förderer ( wer wollte sich da mit ihm messen ? ), und auch als wissenschaftlicher Autor, der für seine Autoren Revisionsverfahren anstrengte, sie nicht selten von falschen Etiketten befreite. Es war eine Sisyphus-Arbeit, denn in einigen Fällen überlebten auf dem Literaturmarkt nicht seine kritischen Editionen sondern die verharmlosenden Lesarten ( etwa bei Herzmanovsky-Orlando ).

Schmidt-Denglers Stärke hat ihre Wurzeln gewiss auch außerhalb der akademischen Welt. Wir kennen alle die Sentenz, die in der hier zitierten Variante Jean Cocteau zugeschrieben wird: Wer nur etwas von Film versteht, versteht auch davon nichts. Hätte Schmidt-Dengler nur Augen für Bücher und für die Wiener Germanistik, hätte er auch hier keine starken Spuren hinterlassen können. Das heißt, dass wir auf den Bahnfahrten und Flügen und Autofahrten mit ihm nicht nur etwas über ( österreichische ) Literatur lernten – am Rande gesagt: seine Liebe zur österreichischen Literatur war nie, wie bei einigen anderen, verbunden mit der Missachtung anderer Literaturen, denn dazu war er ein zu leidenschaftlicher Liebhaber der Weltliteratur –, sondern die Gespräche zogen weite Kreise über Vereinsgeschichten, über europäische Geschichte, über den homo academicus, Erziehungsfragen und Bauernregeln. Die größten Literatursüchtigen, die unermüdlichsten Lesenden und Schreibenden sind gerade jene, die nicht in der Literatur als einer Scheinwelt verschwinden, die keine billigen Tröstungen suchen, nämlich ein Vergessen, sondern sich gerade hier ihre Genauigkeit für den Alltag gewinnen. Denn das machte das Eigene von Wendelin Schmidt-Dengler aus – und warum soll man nicht von Größe sprechen – dass seine gesellschaftspolitische Einmischung und sein universitätspolitischer Einspruch ebenso luzide und unbestechlich waren wie sein literarisches Urteil.

Wir haben den Größten verloren.