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“Voyage au bout de la nuit” , 3. Folge : Amerika - Kampfzonen in Steinwüste und Stahlstadt



||| I. REPRISE | II. KOMPOSITION : MUTWILLE & ZUFALL | III . PATHOS & GROTESKE | IV. NEW YORK : CONCRETE JUNGLE | V. HINTER DEN KULISSEN | VI. TRÜGERISCHES LICHT & METAPHYSICHE NACHT | VII. INDUSTRIE : ISS & ARBEITE | VIII. INDUSTRIE ALS KRIEG : DER “KOSMOS FORD” | VIII. NACHHALL DES STAHLGEWITTERS | KLANGAPPARAT | HINWEISE - Illustraionen : John Heartfield ( click to XL )

I. REPRISE

John Heartfield Krieg und Leichen Die letzte Hoffnung der ReichenBei aller Härte und Schärfe , die Louis-Ferdinand Céline mit post- expressionistischen malmender Sprachkraft auf die Kritik am universalen Krieg verwendet : In der Komposition der “Reise bis ans Ende der Nacht” gestattet sich der Autor manche Freiheit . Mann erinnere sich : Von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs vermochte sich Bardamu aufgrund einer Verletzung und gewiefter “Kriegs- Neurosen”- Simulation in Paris zu verbergen . ( > Folge 1)

Irgendwann wir ihm allerdings auch die menschliche , ökonomische und gesellschaftliche Korruption an der “Heimatfront” zu eng und es treibt ihn fort : Amerika , dessen Utopie dem Erotomanen im Bett seiner amerikanischen Gespielin Lola erstand , ist aus finanziellen Gründen noch nicht zu erreichen . Deshalb schifft er sich ein in die französischen Kolonien Afrikas und landet dort im ultimativen Sumpf der Entmenschung . ( > Folge 2)

Wo einander im fiebrig- hysterischen Klima die Kolonialisten nicht schon bis aufs korrupte Blut quälen , erledigt den Rest die nicht im geringsten “gute Mutter Natur” . Das Individuum , ganz gleich , ob weiss oder schwarz , Herrscher oder Beherrschter , gilt hier nicht ausser seiner Ausbeutbarkeit für die Handelskompanie . Was bleibt , ist ein verseuchter , versiffter Organismus , noch lebend bereits in Auflösung begriffen inmitten der tropischen Ursuppe von geilem Werden und stündlich fortschreitender Verwesung .

Der sogenannte “Handelsposten” , den man Bardamu tief im Dschungel angewiesen , erweist sich als blosser Haufen verrottender Lumpen … samt einer Ladung Konservendosen . Totale Agonie . Dass die umwohnenden “Schwarzen” den fiebernden Bardamu nicht aus Menschenliebe zum spanischen Aussenposten geschleppt und ihm damit vorerst das Leben gerettet haben , wird dieser erst bemerken , als er im Bauch eines spanischen Galeerenschiffs erwacht . Man hat ihn den Spaniern ganz schlicht und einfach verhökert . |||

II. KOMPOSITION : MUTWILLE & ZUFALL

John Heartfield Ob schwarz ob weissDer Ausbeuter als Ausgebeuteter Dies ist nur eines der vielen Motive von Spiegelung und Umkehrung in diesem , teils straightforward folgerichtigen , teils mutwillig alle Logiken von Zeitenfolge und Raumordnung sprengenden Roman .

Nicht selten übernimmt der pure Zufall die Regie : Dies gilt für die Wiederbegegnung mit einzelnen Personen über Länder , Kontinente und Jahrzehnte hinweg ebenso wie für die “Links” zwischen den Spielräumen des Romans : Allerdings demonstriert Céline , indem er etwa das Galeerenschiff just nach New York dirigiert , dass und wie sehr ihm die herkömmliche Roman”logik” schnuppe ist ( il s’en fout ) .

Die Textur der Erzählung ähnelt dem afrikanischen Wahnsinn : Noch im Werden beginnt er sich bereits aufzulösen , um nur noch jene Handlungen und Szenen zu vollziehen , die ihm als die Nötigsten erscheinen . Ein Prozess übrigens , welcher sich im Text fortschreitend beschleunigt . Der kompositorische “Zufall” bzw. dessen Willkürlichkeit birgt allerdings noch ein weiteres , für Céline charakteristisches Moment : Es sind das Groteske und der Aberwitz des “Grand Guignol” in bös- feixender Dialektik mit den Brand- und Schandreden der Erzählstimme . |||

III . PATHOS & GROTESKE

John Heartfield A Berlin SayingAuch das Pathos der Anprangerung fataler gesellschaftlicher Verhältnisse korrodiert in dieser “Comédie humaine” : Wenn also im amerikanischen Kontext das Arsenal der Motive von “Entfremdung” abgespult wird , muss die Möglichkeit der Ironie - selbst angesichts der drastischen Vergegenwärtigung des stählernen Molochs der Ford- Werke - mitgedacht werden . Hierin ist Céline dem bösen alten Balzac wohl näher , als es manchem “Modernisten” lieb sein kann ….

Endlich in New York , dieser “senkrechten Stadt” angekommen , erfolgt sogleich Ernüchterung . Zwar gilt grundsätzlich , dass der Komplex “Amerika” mit den harten Aggregaten von Stein und Stahl assoziiert wird . Doch das Leitmotiv des “Sumpfes” ( siehe die unklaren Fronten im ersten Weltkrieg , den Korruptions- und Lügentümpel von Paris und den Urschlamm Afrikas ) bricht sich auch hier seine Bahn . Genauso wie später in den Pariser Vorstädten sowie schliesslich im Brackwasser der unausweichlichen Beziehungen rund um die von Bardamu geleitete Nervenheilanstalt . |||

IV. NEW YORK : CONCRETE JUNGLE

Entrée New York also , und gleich der Broadway muss es sein :

Weit oberhalb der letzten Etagen, hoch dort oben, war noch eine Helligkeit zu sehen, mit Möwen und Himmelsfetzen. Wir unten gingen in einem schwachen Lichtschein, der kränklich war wie im Dschungel und so grau, dass er die Strasse erfüllte wie ein dicker Filz aus grauer Watte .

Sie war wie eine traurige Wunde, diese Strasse, sie endete nie, wir gingen auf ihrem Grunde, wir Leutchen, von einer Seite zur anderen, von einer Qual zur anderen, auf das Ende zu, das man nie sieht, das Ende aller Strassen der Welt.

Meister solcher “pittura metafisica” , steht Céline nie an , diese sofort wieder aus ihrer Reinheit zu reissen . In diesem Fall durch die Beschreibung der “Verdauungsvertraulichkeit” in einem unterirdischen Abort , wo mitten im allenfalls Dollarnotenraschelnden , cleanen Manhattan ein “fröhlicher Kack- Kommunismus” herrscht . |||

V. HINTER DEN KULISSEN

John Heartfield Wer Bürgerblätter liest wird blindDas Bild der properen Oberflächen im Kontrast zur verborgenen Misère reproduziert sich in jenem messingfunkelnden , ebenholzedlen Hotel mit seiner “tantalischen Eingangshalle” , in dessen kleinster Zelle Bardamu Unterschlupf sucht - und nicht findet . Die Hochbahn tobt vor dem Fenster in gnadenloser Regelmässigkeit vorbei , ein erleuchteter Menschencontainer , grelle Schlaglichter in die steinernen Humanstapellager werfend . Angst . Verlassenheit . Gleichzeitig groteske Einblicke in die Schlafzimmer rundherum und die tristen Abendrituale anonymer Paare .

Fleisch und Stein : Ein “Ameisenhaufen” , ja ein “riesiger Matsch der Menschen” inmitten einer monströsen Piranesi- Architektur .

Ich verliess die albtraumhafte Dunkelheit meines Hotels und versuchte noch ein paar Ausflüge in die hohen Strassen ringsum, ein abgeschmackter Mummenschanz von Schwindel erregenden Häusern. Meine Mattigkeit wurde noch schlimmer beim Anblick dieser weithin sich ersteckenden Fassaden, dieser stupiden Monotonie von Pflastern, Backsteinen und endlosen Gerüsten, dazu Kommerz über Kommerz, dieses Krebsgeschwür der Welt, das in Form von verheissungsvoller und schwärender Reklame aufplatzt. Hunderttausend geschwätzige Lügen . ( … ) Vielleicht war das ihr Bild von Sicherheit, diese erstarrte Sintflut, aber für mich war es nichts als ein grauenhaftes System von Zwang aus Backsteinen, Gängen, Türriegeln, Schaltern, eine gigantische, unversöhnliche architektonische Folter. |||

VI. TRÜGERISCHES LICHT & METAPHYSICHE NACHT

John Heartfield ArenaDie Kontamination der unbelebt gleissnerischen “Reklame” mit dem organischen Bild einer malignen Entzündung entspricht weitgehend der Lichtmetaphorik , wie sie den gesamten Roman durchzieht und - dies ist wichtig - keinerlei irgendwie “gutartige” oder gar “beheimatende” Valenz aufbietet .

Da ist das Dunkle , der Sumpf , die Nacht der Einsamkeit und der seelischen Verwerfungen . Da sind die trüben Töne des Tages und des Misstrauens , der Dämmer proletarischer Gelasse in allen Zuständen der Vergewaltigung . Und das ist das blendende Gleissen sämtlicher Kunstlichter : Sei es der Trug der Lichtspiele , das Schreien der Reklame und sonstiges Blendwerk hysterischer Kurzzeit- Genüsse ( dreimalige Schilderung von Jahrmärkten in Paris , wir kommen darauf zurück ) . Noch das kurze , aber dramatische Aufleuchten des Himmels beim Sonnenuntergang im “heart of darkness” Afrikas besass diesen verführerisch- trügerischen Charakter …

Erneut wird das Pathos der Kapitalismuskritik gebrochen durch eine bizarr- komische Erkundung eines Automatenrestaurants , eine jener “durchrationalisierten” “Abfütterungsanlagen , “wo das Ritual der Nahrungsaufnahme auf das exakte Mass der biologischen Notwendigkeit reduziert ist” . Die “Kellnerinnen in Krankenhaustracht” und der blendende “Lichtregen” , unter welchem die Billigesser ihr Menü verzehren : Der Anschein der Hygiene birgt indes nichts Pflegliches , sondern dient lediglich der Sichtbarkeit des verglasten Speise- Terrariums , an dessen Glas sich die draussen Wartenden drücken , gierig die Bissen jener Esser verfolgend , deren Platz sie in Kürze selbst einnehmen werden . Ein Rudel Schakale rund um das Aas . |||

VII. INDUSTRIE : ISS & ARBEITE

John Heartfield Upton Sinclair Der Sumpf 1928Der Grausamkeit dieser Automatisierung unter Lichtregie steht die ölige Stahlstaub- Finsternis der assembly lines in den Ford- Werken wenig nach . Nach einer kurzen Episode mit der “zufällig” im Heuhaufen New Yorks wieder gefundenden Lola hat sich Bardamu nämlich nach Detroit begeben , um dort sichere Arbeit zu finden . “Man nehme jeden dort” hatte es geheissen , was übrigens auch historisch korrekt ist . ( Ab 1914 war Ford berühmt für seine “hiring practices that identified the best workers, including disabled people considered unemployable by other firms” ) .

Das Aufnahmeritual allerdings erinnert weniger an Philanthropie denn an jene der “totalen Institutionen” , wie sie Erving Goffman für Schulen , Militär , Krankenhäuser und Psychiatrische Anstalten dargestellt hat : Völlige Entblössung und Musterung .

Das Innere der Ford’schen Stahlstadt wird nach allen Regeln expressionistischer Bildlichkeit beschrieben und man wüsste gern , ob Louis-Ferdinand Céline die Bücher Upton Sinclairs - etwa die Beschreibung von den assembly lines und dem betäubenden Lärm in den Gross- Schlächtereien in den Chicagoer stockyards - kannte . Immerhin war “The Jungle” bereits 1906 erschienen . Sinclairs Buch über die Ford- Werke , “The Flivver King - A Story of Ford- America” erschien allerdings erst 1937 - fünf Jahre nach Célines “Voyage au bout de la nuit” . |||

VIII. INDUSTRIE ALS KRIEG : DER “KOSMOS FORD”

John Heartfield Die Eroberung der MaschinenWeit über die Regeln des Genres einer der Sozial- und Industriekritik hinausgehend , versieht Céline den “Kosmos Ford” mit jenen Vokabeln des Krieges , welche - als drittes Paradigma neben dem Licht | Dunkel und dem “Sumpf” - dem Roman durchgängig eingewebt sind .

Alles zitterte in dem riesigen Gebäude, man selber wurde ebenfalls von den Güssen bis zu den Ohren von dem Zittern befallen [ czz : man erinnere sich der "Kriegszitterer" aus dem Ersten Weltkrieg ! ] , es brandete von den Fenstern und dem Boden und all dem Metall auf uns ein, stossweise, vibirerend, von oben bis unten. Man wurde selber zur Maschine, so sehr erbebte das eigene Fleisch in diesem enormen wütenden Getöse, das einem durch und durch ging und sich um den Kopf legte und dann nach weiter unten schoss und in die Eingeweide fuhr und von da wieder nach oben in die Augen, in kurzen, rasend schnellen Stössen, ohne Ende, unermüdlich. ( …. )

Man ergibt sich dem Lärm wie dem Krieg. Man liefert sich den Maschinen aus mit den drei Gedanken, die sich noch irgendwo oben hinter der Stirn bibbernd haben halten können. Vorbei. Alles ist jetzt hart, was das Auge sieht, was die Hand berührt. Und alles, an was man sich erinnern kann, ist ebenfalls erstarrt wie Eisen und hat in den Gedanken allen Geschmack verloren. |||

VIII. NACHHALL DES STAHLGEWITTERS

Hier , in Fords Riesenmaschine , kulminiert das “harte Prinzip Amerika” .

Man muss das Leben draussen ebenso zunichte machen, es genau so in Stahl verwandeln, in etwas Nutzbares. Man hat es so, wie es war, nicht genug geliebt, deswegen. Man muss einen Gegenstand draus machen, was Hartes, das ist die Vorschrift.

Ähnlich wie in seiner , das Kontradiktorische im Negativen zusammen zwingenden Metaphorik , vollzieht Céline in diese wichtigen Passage eine Doppelung : Was im Kontext des industriellen “Krieges” als Schlussfolgerung erscheint , birgt in nuce bereits Bardamus Handlungsstrategie bei seiner Rückkehr nach Frankreich , wo er hart arbeiten und aus sich selbst den “Gegenstand” eines verbrieften Arztes “herstellen” wird. |||

KLANGAPPARAT

Drei Brüder , drei Städte und Musik wie aus einem Guss . Im Zuge des Portraits des GrazWiener Netlabels l a r i d a e , haben wir uns nun zur Release Numero 035 aus dem Febuar 2007 zurückbuchstabiert und sind wiederum bei einer Voll- Längen- Ausgabe ( offenbar lanciert man @ laridae überhaupt nicht das sonst so beliebte Format der EP ) gelandet : “To Be The Odd One Out” ist das jüngste Symphonicon des in Graz , Wien czz hörempfehlungund Berlin lebenden Brüdertrios , von welchen lediglich der dreieinige Künstlername Winterstrand bekannt ist . Offenbar akustisch in den 80ern sozialisiert , tragen Die Drei eine Fülle von Materialien zusammen , um diese auf aussergewöhnlich harmonische Weise zu synthetisieren . Ob cheesy Drumcomputer , black noize , Sprachsamples , Spieluhrmuster , ja gar momentanen e- Spinett- und Bach- Anmutungen : Ohne den Gestus aufdringlicher Originalität weben sich die Stränge in lässiger Logik zusammen . Muss man verbrüdert sein und fern von einander leben , um das Kunststück einer so feinen Integration des Diversen bewerkstelligen zu können ?! - CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Vivacity | 02. Dimensionsbrecher | 03. Shadows Of Memories | 04. Possibly | 05. Rave Dans Un Champ De Choux-Raves | 06. Sense Of Nothing | 07. Untitled | 08. Morbide 3 | 09. The White Table |||

HINWEISE

related

“Voyage au bout de la Nuit” - Amnesie und Rücklektüre



||| BEFREMDLICHE AMNESIE | NOTATE I : DER KRIEG , DIE FRAU , DIE HELDENERZÄHLUNG AN DER HEIMATFRONT | KLANGAPPARAT | HINWEISE

BEFREMDLICHE AMNESIE

ERSTER WELTKRIEG Spendenaufruf

Zweifellos vor 15 Jahren die bislang verstümmelte deutsche Fassung von Louis-Fedinand Célines vielstimmiger Vivisektion verschlungen . 2003 dann die erstmals vollständige deutsche Edition in der Übersetzung Hinrich Schmidt- Henkels ( Rowohlt ) gekauft … und - wie die Anstreichungen und Notate im Buch erweisen - unwiderleglich gelesen .

Sonderbar .

Offenbar sind sämtliche Lektüre- Erinnerungen inzwischen auf fremde Konten geflossen . Als hätten Curzio Malapartes “Kaputt” , die Bücher Henri Michaux‘ oder Conrads “Heart of Darkness” die verschiedenen Motive des Céline’schen Wechselbalges von Roman ( Singular ) aufgesplittet und in ihre jeweiligen Topiken aufgesogen .

Dieser Tage dazu einige Notate . |||

NOTATE I : DER KRIEG , DIE FRAU , DIE HELDENERZÄHLUNG AN DER HEIMATFRONT

1914 , Paris - Bardamu als Kriegsverwundeter auf prekärem Abruf : Staunen über das Treiben an der “Heimatfront”

Wir trafen uns meist in einem Café nebenan. Immer häufiger humpelten Verwundete durch die Strassen, oft abgerissen. Zu ihren Gunsten fanden Sammlungen statt, “Tage” für diese und jene, meist für die Organisatoren der “Tage” selbst. Lügen, ficken, sterben. Was anderes zu tun war seit kurzem verboten. Erbittert wurde gelogen, über alle Begriffe, über Lächerlichkeit und Absurdität hinaus, in den Zeitungen, auf Plakaten, zu Fuss, zu Pferde und im Wagen. Alle machten mit und logen um die Wette. Bald gab es in der Stadt keine Wahrheit mehr.

Der wenigen Wahrheiten, die es 1914 hier noch gab, schämte man sich mittlerweile. Alles, was man anfasste, war verfälscht, der Zucker, die Flugzeuge, die Sandalen, die Marmelade, die Fotos; alles, was man las, verschlang, aufsaugte, bewunderte, verkündete, bestritt, verteidigte, all das war nicht als Phantome des Hasses, Attrappen, Maskeraden. Selbst die Verräter waren falsch. Der Rausch zu lügen und zu glauben ist ansteckend wie die Krätze. Meine kleine Lola konnte nur ein paar Sätze Französisch, aber das waren patriotische Phrasen: “Wir kriegen sie! ….” “Komm, Madelon! …” Zum Heulen war das.

So beschäftigte sie sich beharrlich, ja schamlos mit unserem Tod, wie übrigens alle Frauen, sobald es in Mode kommt, für andere mutig zu sein.

ERSTER WELTKRIEG Popaganda Karte

Über die Darstellungs- Taktiken , den namenlosen Tod an der Front zu gerne gehörten Heldenepen zu verklären , wird Bardamu u. a. von einer seiner nächsten Geliebten belehrt . Die ehrgeizige Varietégeigerin Musyne ( “Ihre Entschlossenheit, es auf Erden zu etwas zu bringen und nicht erst im Himmel , war erbarmungslos.”) bringt sich und ihre Aufstiegs- Agenden nicht nur per “patriotischem” Einsatz an Fronttheatern voran , sondern speziell durch die aufgeblähte Epik , mit welche sie - nach Paris zurückgekehrt - dort die “besseren Kreise” buchstäblich blendend unterhält .

Sie wurde regelrecht gefeiert. Ganz närrisch war man nach meiner Musyne, der süssen kleinen Kriegsgegnerin! So frisch und lockig, und dann auch noch eine Heldin! ( … ) Die Poesie des Heldentums ergreift besonders unwiderstehlich all diejenigen, die nicht in den Krieg ziehen und am stärksten jene, die sich gerade enorm am Krieg bereichern. So geht das eben. ( … )

Musyne hatte sich aber auch eine allerliebste Blütenlese von Kriegserlebnissen zusammengesponnen, die ihr so hinreissend standen wie ein keckes Hütchen. ( …) Sie hatte die Gabe, ihre Erfindungen in eine gewisse dramatische Ferne zu verlagern, in der alles besonders eindringlich wurde und es auch blieb. Die Heldengeschichten von uns Kriegern selbst, das wurde mir mit einmal klar, waren daneben vergänglich und viel zu präzis. Meine schöne hingegen arbeitete mit der Ewigkeit. Man muss Claude Lorrain eben glauben, der Vordergrund eines Bildes ist immer abstossend, die wahre Kunst liegt darin, was Wesentliche eines Werks in die Ferne zu rücken, ins Ungreifbare, dorthin, wo die Lüge Zuflucht sucht, jener von den Tatsachen abgemalte Traum, die einzige Liebe des Menschen.

Strategien , wie sie beim patriotischen Poésie- Salon in der Comédie Francaise zur absoluten Groteske geraten ( samt Vorspiel des “heldisch” heulenden Chors der Elektroschock- Patienten des schönäugigen Psychiaters Bestombes ) . Letzterer erinnert uns fatal an Georg Kien , den Bruder des bis zur Autodafé um seine Bücher besorgten Gelehrten in Canettis “Blendung” .

“Die Frau und der Krieg” : Karl Kraus gegen die “Kriegsfotografin” Schalek , Bertha von Suttner über die “Scharpie zupfende” ( = Verbandmull statt Stickereien herstellende ) Weiberwelt in den Wiener Salons anno 1866 . |||

KLANGAPPARAT

Wir weigern uns , nur weil vom Krieg geschrieben wird , auf Musik zu verzichten . Cui bono ? - Damit wären wir wieder mitten in der Lüge der “Pietät” , welche zu “bewahren” es angelegentlich von Todesdingen die czz hörempfehlungBigotterie anrät . Trotzdem und deshalb gibt es da eine nicht zufällig mit PNEUMA benannte EP vorzustellen : Als “Atem” dem Leib , im Griechischen allerdings auch der Seele liiert , umfasst der Titel kurz und bündig das Spektrum dieser körperlich pulsierenden , gleichzeitig schwebenden Klänge . Und dies fern von jedweder Eso . Komponiert hat dieses im besten Sinne unspektakuläre Werk der in der Île de France lebende Alexandre Lehmann . Unter dem Pseudonym Zzzzra haben wir ihn bereits vor einigen Monaten schon einmal vorgestellt . Damals war das Netlabel [ schall ] der Gastgeber , heute ist es deepindub . CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Avalanche ( 6:07 ) | 02. Sumo ( 5:12 ) | 03. Pneuma ( 8:28 ) | 04. Grotesque ( 5:52 ) |||

HINWEISE

Shooting WAR … and it’s price



Was wissen wir vom Krieg ? - Wörter , Ziffern , ja , mitunter sogar Namen - so , wie sie die NYT seit einiger Zeit mit bedrängender Ausführlichkeit in einer eigenen Rubrik publiziert . ( *** )

Diese Namen von Individuen lassen unsere beschleunigte Verdrängung bzw. unsere ( nicht zuletzt für uns selbst lebenserhaltende ) Routine kurz stocken . Get me right : Hier geht es nicht etwa um “Betroffenheit” , sonder um Vergegenwärtigung .

Als wir kürzlich auf den Foto- Essay @ Mother Jones hinwiesen : Returning from Iraq, the Damage Done , mochten wir uns nicht dazu durchringen , einen eventuellen Voyeurismus zu bedienen und Nina Bermans Fotografien zu zeigen . Wenn man in diesem Kontext überhaupt das Wort “diskret” in den Mund nehmen darf , so geht die Künstlerin hinsichtlich Ästhetik , Perspektive und Darstellungsform sehr sorglich vor : Die abgebildete Person wird nicht schwach oder trauernd ins Bild gesetzt . Die Aufnahmen - aus einem meist tiefer liegenden Blickwinkel - “verleihen” den Individuen sozusagen “Kraft” und extrapolieren den Willen zum Wiederaufstehen . Darüber hinaus wird dem Namen , der ehemaligen militärischen Funktion auch ein kurzes Statement des Betroffenen beigefügt : Heilungs- und Lernprozess , Pläne . Zum Beispiel Tristan Wyatt .

( Foto and Interview by Nina Berman / Mother Jones )

AGE 21; FRANKTOWN, COLORADO
Machine gunner in the Army’s 3rd Armored Cavalry Regiment. Lost his leg on August 25, 2003, during a firefight near Fallujah.

I was in the back of an armored personnel carrier. We got hit by a rocket-propelled grenade. It was a shitty day, to say the least. I just kept shooting. I thought I was dead anyway.

I’ve had to relearn everything from standing up to walking. I’d been snowboarding for close to eight years before I got hit, and I’m just hoping to be able to do it again.

I want to go back to the military. I want my old job back. I was infantry. We blew things up. I felt like my heart was in the right place over there.

Nun zeigt auch die Huffington Post ein vergleichbares Bild , um auf die HBO- Dokumentation Alive Day Memories : Home From Iraq . The Fight has just begun hinzuweisen . Das klassische Setting des Foto- Ateliers mit weisem Hintergrundpapier referiert auf ein hundert Jahre altes Portrait- Setting, welches üblicherweise mit Stolz , Mode und Schönheit assoziert wird . Im Fall des Marine Staff Stg. John Jones kollidieren das Genre des Intakten und das beschädigte Subjekt , Ordensbrust und Prothese . ( Bevor wir die - von HBO als Titelbild verwendete Aufnahme - zeigen , erinnern wir an den disclaimer , that this site is strictly reduced to non- commercial , educational , and private use .)

( Foto by Timothy Greenfield-Sanders / HBO , 12 weitere Portraits for viewing only ) Die persönlichen Geschichten der Portraitierten sind auf einer eigenen Webseite nachzulesen . )

Zur Sendung am 9. 9. , 10:30 PM ( US ) gibt das Pay- TV- Unternehmen ( eine Time Warner Tochter ) folgende Auskunft :

In a war that has left more than 25,000 wounded, ALIVE DAY MEMORIES: HOME FROM IRAQ looks at a new generation of veterans. Executive Producer James Gandolfini interviews ten Soldiers and Marines who reveal their feelings on their future, their severe disabilities and their devotion to America. The documentary surveys the physical and emotional cost of war through memories of their “alive day,” the day they narrowly escaped death in Iraq.

“It’s easy to send soldiers off to war” , schreibt Nina Berman @ Mother Jones . “It’s a lot harder to face them when they come home” .

vorsatzblatt

Quasi “erfunden” bzw. erstmals populär gemacht hat diese Form der Bewusstseinsbildung via Konfrontation der deutsche Antimilitarist Ernst Friedrich mit der drastischen Text- Bild - Polemik Krieg dem Kriege ! Guerre à la Guerre ! War against War ! Oorlog aan den Oorlog ! . 1924 erstmals erschienen ( 2004 bei DVA wieder aufgelegt ) , werden schwer erträgliche Fotografien von Heimkehrern aus dem WWI mit makaberen Kommentaren versehen . In vier Sprachen : Deutsch, Englisch , Französisch , Niederländisch . - Ein Exempel ?

De KUUR der proleten ! Byna hat heele gezicht weggeschoten | The ‘HEALTH RESORT’ of the proletarian . Almost the whole face blown away .

Die Badekur des Proleten

Die BADEKUR des Proleten : Fast das ganze Gesicht weggeschossen | Le TRAITEMENT D’EAUX MINÉRALE des polétaires : presque la figure entière arrachée .

Wenig eint diese Bilder mit jener Kriegsfotografie à la Alice Schalek , welche für Karl Kraus eine Personifikation der Kriegs-, Sensations- und Schau- Lüsternheit seiner Epoche darstellte . Schaleks fotografisch- “obszöne Tagebuchblätter” für die NEUE FREIE PRESSE gingen ja dann auch literarisch in DIE LETZTEN TAGE DER MENSCHHEIT ein . Dass die Frau sich - abseits des Feldes der Unehre - Meriten im Kontext der ethnographischen Fotografie erwarb , steht auf einem anderen Blatt , resp : Im Katalog zur gleichnamigen Asstellung : Von Samoa zum Isonzo . Die Fotografin und Reisejournalistin Alice Schalek ( Jüdisches Museum Wien / Stern 2003 ) .

Mehr dazu und zum Problemkomplex “Kriegsfotografie / Voyeurismus / Aneignung” ist bei ( vgl. frühere Empfehlung ) Anton Holzer , dem Herausgeber der Zeitschrift Fotogeschichte , zu lesen : Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg. Mit unveröffentlichten Originalaufnahmen aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek ( Darmstadt , Primus 2007 ) . Einen guten Überblick vermittelt die Rezension des Grandseigneurs der Foto- Kritik , Tim Starl . |||

( *** ) Names of the Dead 07 08 25 | Names of the Dead 07 08 29 | Names of the Dead 07 09 07 |||

Auch wenn es jetzt in der Tat - und nach den Kriegsdingen - seltsam klingen mag , wenn wir unser Label- Portrait von , zu und mit WE LOVE MINIML MUSIC (HH) fortsetzen: Es sei ! Nach 008 K- Jano und 007 Funkatron kommt heute mit 006 Die Firma Madman’s Run mit der EP Miss S czz hörempfehlungan die Reihe . Tja , leider setzt sich die ausgiebige Künstler- und Produktionsmittel- Darstellung ( wie bei K- Jano zu sehen ) leider nicht in den vorhergehenden Paratexten fort und wir stehen hinsichtlich der Urheber weitest gehend im Leeren ( Künstler- Verzeichnis under construction ) . Auch im Netz gibt’s nichts Wesentliches , ausser eienem kryptischen Geburtstag . Nun ja , sooo lange ist die Geburtsstunde des Labels ja auch noch nicht her , da darf sich auch Numero 006 im klassischen Aufbau von Track- Strukturen ergehen : Hübsche Xylo- Sound- Aleatorik , aparte Möblierung von Soft- und Hart- Komponenten . Sinn für Diskretion und kleinteilige Taktik. Click Link to listen ( noch fünf Mal sag ich’s ) : 01 Miss S. Original [4.45] | 02 Kim Bali Remix [4.52] | 03 Madmans Geradeaus Mix [5.41] |||

Ach ja, und an die gebenedeiten Wiener und Wienerinnen adressiert :::czz hörempfehlung Die Dondrine Dub Developments ( Oliver Stummer , adam strang, Bernd Rausch, dfkt, dr.babylon, Robert Lirzer, Emerson Spitfire, Violetta Parisini, Markus Krispel, Andrew Mangold & occasionally more.) sind heute abend wieder los , same team , same spirit, @ Dondrine , Kirchengasse , 1070 Wien , 20:00 . - - - Dub the Pope ! |||