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ERNST VON GLASERSFELD : WEGBARKEIT & KYBERNETIK
Die Erfahrung erst macht uns zu Wissenden . Und zwar nur jene Erfahrung , die ihren Zweck erfüllt . So wachsen wir in unsere Sprache hinein , indem wir permanent die abstrakten “Begriffe” mit unserer Erfahrung abgleichen . Ober im Kontext der sozialen Interaktion . Wo die Konstruktion unserer Begriffe und Wörter keine Wegbarkeit zum Ziel unserer Absichten gewährt , adaptieren wir unsere System , bis sich endlich die gewünschte Wegbarkeit einstellt .
Ernst von Glasersfeld ( Jahrgang 1917 ) , der grosse österreichische Humanist , der frühe Mitdenker der Kybernetik und Computerlinguistik , hat seine Einsichten in die Differenzen sprachlicher Welt- und Begriffsbilder früh von einem kosmopolitischen Elternhaus mit auf den Lebensweg bekommen , später anhand der Exilerfahrungen in Irland und Australien vertieft , letztlich am pragmatischen wissenschaftlichen Improvisieren quer über die Disziplingrenzen hinweg an verschiedenen amerikanischen Universitäten und Forschungsstätten zum Prinzip erhoben .
Glasersfelds Gedanke der “Viability” , anhand welcher wir die Vorstellungen korrigieren , die wir uns von einer “Wirklichkeit” konstruieren , die uns nicht anders als via individuelle Erfahrung ( und deren kommunikative Spiegelung | Brechung | Abgleichung ) wissbar ist , ist ein zutiefst liberales Modell . Und die Emanation eines Humanismus , welcher weder Doktrinen noch Ontologien anerkennt . |||
ERINNERUNGEN ZU LEBEN UND FORSCHUNG
Wir haben die Lebens- und Denkgeschichte dieses unorthodoxen Denkers an dieser Stelle schon einmal vorgestellt , nämlich im Hinweis auf jene herrliche Audio- Aufnahme ( supposé ) , in welcher Glasersfeld frei und in schönstem Prager Deutsch ( s ) Eine persönliche Geschichte des Radikalen Konstruktivismus erzählt .
Gegenlesen lässt sich die Historie einer - auch in Beobachtung und Formulierung ausgeprägten - “Herzensbildung” in den eben bei Folio erschienenen “Unverbindlichen Erinnerungen . Skizzen aus einem fernen Leben” . Der Ausdruck “unverbindlich” bezeichnet , so Glasersfeld im Vorwort , den Abstand von der Behauptung ,
dass meine Aufzeichnungen in einem objektiven Sinn wahr seien . Ich erzähle , was mir in der Erinnerung zu rekonstruieren gelingt, und weiss dabei, dass es damals wahrscheinlich nicht ganz so erlebt wurde. Darum nenne ich diese Erinnerungen unverbindlich, denn sie sind einerseits unvollständig und andererseits durch meine vorlieben und Abneigungen geprägt.
Die Lektüre dieses - in Wissenschaftsfragen und einzelnen Lebensabschnitten selbstredend detaillierteren - Buches ruft Passagen , wenn nicht gar seitenweise wortgleiche Formulierungen von der 2005 erschienenen CD- Ausgabe ins Gedächtnis . Vom “Kick” der gemeinsamen Lektüre des eben erschienenen “Finnegans Wake” im Dublin des Jahres 1939 ( wo “etwa fünfzehn Leute , die zusammen für einige zwanzig Sprachen zuständig waren” sich kurz , aber intensiv ans mühevolle Dechifrieren der Joyce’schen Sprachtextur machten ) bis hin zur späten , ja “nachträglichen” Entdeckung der Ideen Jean Piagets:
Piagets Ausspruch Die Vernunft organisiert die Welt, indem sie sich selbst organisiert wurde zum Leitgedanken meiner Arbeit (….) . Mit der Idee, dass die Vernunft sich auf der Suche nach mentalem Gleichgewicht selbst organisiert, hatte Piaget einen Grundpfeiler der Kybernetik vorweggenommen ( … ). Wir sind nur fähig, uns ein mehr oder weniger dauerhaftes Modell einer Welt zu machen, wie sie uns in nserer Erfahrung erscheint. Die Frage, ob und wie diese Erfahrung mit etwas zusammenhängt, dass ausserhalb liegt, kann unsere Vernunft nicht ergründen, und darum bleibt sie Spielplatz der Mystiker und Metaphysiker. |||
SYNTAX AM SPERRHOLZCOMPUTER …
Herrlich die Passagen über den “Sperrholzcomputer” , welchen das kybernetische Mailänder Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Systems zur maschinellen Erfassung und Kodifizierung englischer Sätze im Ballsall eines alten Palazzos einrichtet . Da es 1962 am Zugang zu Computern mangelte ( man durfte nachts den Grossrechner einer Bank benutzen ) , ersetzte man die Maschine durch riesige Sperrholztafeln , die als “statische Attrappe” und gleichzeitig visuelles Modell der Operationsschritte dienten , ehe das so erstellte Programm- Modell tatsächlich durchgerechnet werden konnte . |||
… UND IN DER AFFENSCHULE
Berührend ( und nicht lediglich als Tiergeschichte ) der Bericht über die Arbeit mit der Schimpansin Lana ( 1970 ) , die auf eine Reihe von abstrakten Symbolen ( “Lexigramme” ) trainiert wurde und diese dann per Computertastatur und mit Blick auf eine Art Bildschirm zu Syntagmen zu reihen verstand . Der Hohn der damals herrschenden Skinner- Behavioristen war dem Projekt sicher . Gleichwohl erwiesen etliche Beobachtungen , dass das Tier imstande war , per Reihung von Symbolen ( = “Bildung von Sätzen” ) auch Wünsche jenseits des Magen- und Belohnungsschemas auszudrücken :
Zum Beispiel, wenn Tim, der Assistent, der die statistischen Versuche mit ihr machen musste, die gleiche Frage zum soundsovielten Mal wiederholte, tippt sie als Antwort: PLEASE TIM MOVE OUT OF ROOM ( …. ) . Das war erstaunlich, denn Lana hatte die Ausdrücke OUT OF, INFRONT OF und BEHIND ausschliesslich im Zusammenhang mit Schachteln und kleinen Holzwürfeln benützen gelernt, und die Vorstellung, dass das Zimmer eine Art Schachtel war, aus derm an hinausgehen konnte, war ihre eigene Erfindung.
… plus der Ausdruck simplen Genervtseins , möchten wir hinzufügen . |||
EHRUNG UND LESUNG
Ob der gestern vom ( 1937 geflohenen ) Staat Österreich mit dem “Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse” Geehrte nicht lieber OUT OF solcher späten Vereinnahmung geblieben wäre … ? - Bislang hatte es zu einer Ehrendoktorwürde an der Universität Klagenfurt gereicht .
Heute Abend jedenfalls wird Ernst von Glasersfeld höchstpersönlich seine Memoiren in Wien vorstellen : Der 91jährige spricht im Billrothhaus über “Gedanken über Raum und Zeit . Unverbindliche Erinnerungen” . Adresse : 1080 , Frankgasse 8 . Man wäre versucht , dies als “historisches Ereignis” zu bezeichnen . Was dem Vortragenden indes in keiner Weise recht wäre . |||
KLANGAPPARAT
Als Klangapparat haben wir eine schön versponnene Sammlung melancholischer Kompositionen des Wiener Künstlers Helmuth Deutsch aka Der Reisende ausgewählt : “Die Blendenden Lichter dieser Stadt” sind
eben beim Netlabel laridae erschienen und passen in ihrer offenen Skizzenhaftigkeit ( und zarten OMD- Reminiszenzen ) vielleicht ganz gut zum Prinzip ständiger Readaptierung humaner Weltannahme . Allerdings erlauben wir uns hier in|ad|ae|qu|at , aus dem Integral der Release insofern unser eigenes Konstrukt zu kreieren , als wir eine Auswahl ( vornehmlich von Instrumental- Titeln ) für diesen heutigen Tag und Anlass angefertigt haben . Sehr innig . CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Balade of Slowing | 02. Stella Idlaviv | 03. Synthesis | 04. Vergangenheit in Seitengassen | 05. UUU ( Unbedingt und Unvollständig ) | 06. Ich konnte Entkommen |||
HINWEISE
- Ernst von Glasersfeld : Zwischen den Sprachen - Eine persönliche Geschichte des Radikalen Konstruktivismus , CD , hg. u. prod. von Klaus Sander , supposé 2005
- Ernst von Glasersfeld : Unverbindliche Erinnerungen . Skizzen aus einem fernen Leben , Folio 2008
- Ernst von Glasersfeld : Gedanken über Raum und Zeit. Unverbindliche Erinnerungen - Vortrag , Wien , 8. 4. 2008 | 19:00 | Billrothhaus
- Ranulph Glanville , Karl H. Müller [ eds. ] : The Importance of Being Ernst . Festschrift for Ernst von Glasersfeld , Wien : edition echoraum ( 2007 )
LINKS
- EvG home @ Univie
- EvG Ecology of Mind ( essays )
- EvG : Homage to Jean Piaget ( 1896-1980 )
- EvG Wiki
- Radical Constructivism
- 90. Geburtstag von Ernst von Glasersfeld | Karl H. Müller : Ein Weiser der Welterzeugung ( ORF ON Science )
- Ehrenkreuz für Wissenschaft an Ernst v. Glasersfeld ( ORF ON Science , 7. 4. 2008 )
- Pictos : Thanx to papunet ! |||







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