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||| Time for some Sunday Late Night Art Radio Show Propaganda :

LITERATUR ALS RADIOKUNST / Summer Edition , ORF_1_ Kunstradio , Sunday , 1. 6. 2008 , 11.03 pm - 11.45 pm [ via UKW , via live- stream Oe1 , webcast KUNSTRADIO , Dolby Digital Surround ( 5.1. ) via OE1DD ]

ÜBERSETZUNG - ÜBERTRAGUNG

czz icon kunst radio brunDem dem fundamentalen Thema der Übertragung eines geschriebenen Textes ins auditive Medium wenden sowohl die namhafte deutsche Lyrikerin MONIKA RINCK als auch der bislang als der in Wien lebende ( Hörspiel- ) Autor und Literaturwissenschafter MICHAEL HAMMERSCHMID zu . Beide , die Dichterin und Literaturwissenschafter , haben bisher an anspruchsvollen Übersetzungen gerabeitet .

In der Literatur gebraucht man dafür allerdings eher das Wort von der “literarischen Übertragung” , wobei wir bereits mitten im Thema sind . Nämlich : Wie kann ich einen auf Papier nieder geschrieben Text adaequat ins akustische Medium übertragen ? - Wie kriege ich die Vieldeutigkeit der poetischen Rede gleichsam ins Radio hinein und wie wirkt sich dies wiederum auf die Hörenden dort draussen aus ? |||

AM APPARAT

Zunächst aber zitieren wir MONIKA RINCK , die sich am Telefon meldet und dabei die leicht antiquierte Formal “Am Apparat - ” gebraucht . Es gibt , erklärt die 1969 Geborene , heute in Berlin lebende und eben mit dem Heimrad- Bächer- Förerungspreis ausgezeichnete Dichterin , keinen Ausweg aus der universalen Apparatur .

Sei es der Telefonapparat , sei es der von Freud beschriebene psychische Apparat , sei es der Staatsapparat : Allesamt sind diese Apparate quasi “Maschinen” , die etwas prozessieren , verändern , weiterleiten , umleiten . Und das gilt für den Radio- Apparat nicht weniger als für den Entsafter , neben dem das Küchenradio steht , aus welchem einsame Stimmen in’s traute Heim sickern . |||

BLACK BOX & GEISTERSTIMMEN

czz icon kunst radio brunNicht zuletzt ist eben auch der Sprech- Akt eine Art von Apparat und nie können wir wissen , ob bei unserem Gegenüber auch tatsächlich herauskommt , was wir an Gefühlen und Wünschen in diese “black box” hineingelegt haben . Um diese Missverstädnisse, Fehlinterpretationen und Projektionen zu illustrieren , hat MONIKA RINCK den Telefonapparat als Metapher gewählt . Beziehungsweise das Handy , welches ubiquitär unseren ambulanten Alltag prägt : Was geschieht , fragt sie , mit all diesen nie angenommen oder unterbrochenen Gesprächen : sind sie es , die sich als Geisterstimmen per Radioapparat endlich Gehör und Erlösung verschaffen ? |||

IDEAL IM INNEREN OHR

Mit dem Übertragen von Schrift in Klang hat der 1972 geborene Literaturwissenschafter , Übersetzer und Hörspielautor MICHAEL HAMMERSCHMID bereits vielerlei Erfahrungen gesammelt . Vier Hörspiele wurden vom ORF aus Hammerschmids Textenvorlagen realisiert , dazu kamen zwei “freie” Produktionen . Und es ist ihm wie ( fast ) jedem Hörspielautor gegangen : Das , was schliesslich aus dem Radio drang , klang ganz anders als er es beim Schreiben dem Inneren Ohr vorschwebte . - Grund genug , es selbst auszuprobieren . Und zwar in Eigenregie . Und mit der eigenen Stimme . Denn auch diese ist ja ein eigensinniger Apparat , welcher sich nicht immer unserem Wollen und Wünschen fügt . |||

PREKÄRES PENDELN : PERSONEN & GENRES

czz icon kunst radio brunIm Experimentieren , im Entdecken und Wieder- Verwerfen fand sich schliesslich der richtige Ton , die geeignete Form , um sich sensibel anzunähern an das prekäre Setting von Hammerschmids Text : Ein minmaler Dialog pendelt sachte zwischen zwei Figuren , die recht eigentlich auch zwei Teil- Ichs einer einzigen Person sein könnten .

Mal keck und schlagfertig , dann wieder lyrisch oder gar in Form kleiner monologischer Essays : Mit Absicht bleibt es unentschieden , Wer es ist , der da eben spricht . Es ist just diese minimale Textur , gewebt aus diskret differenten Gepsrächsresten und -Themen , um welche es MICHAEL HAMMERSCHMID in seinem Hör- STÜCK geht : “ENDE GUT , ALLES GUT” ist eben dezidiert “Kein Hörspiel” .

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KLANGAPPARAT

Auf polymorphe Sound- Explorationen vorbereiten sollte sich wohl , wer sich in die “Regional” Zone des Sound Designers Tinitus aka Andres Nudelman ( Montevideo ) begibt . Versponnene melodische Fäden nähen czz hörempfehlungsich durch pastose Flächen und irgend wie weiss man nicht , wem das so entstehende Klangmäntelchen letztlich passen wird : Wir plädieren für’s Bucklicht Männlein” im Benjamin’schen Sinn . Fragil und Atari- kindlich , vermag es doch recht herrisch mit dem Taktfuss zu stampfen , wobei allerdings manches Krüglein überkommener Songformen und musikalischer Erzählverläufe zu Bruche geht . Echt eigen , was das Netlabel Phonocake da serviert . CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. El beat de la contemplacion , el mate ( 4:00 ) | 02. Sushi de Pollo ( Chicken Sushi ) ( 3:35 ) | 03. Atardecer y enderezar ( 4:12 ) | 04. Ping Pong Andino ( 4:05 ) | 05. Astronautines ( to Ardilla Cereza ) (5:11 ) | 06. Quelonio ! ( 2:30 ) |||

LITERATUR ALS RADIOKUNST | Michael Hammerschmid im ORF- Studio | Produktionsnotizen



||| IM BUNKER : LITERATUR ALS RADIOKUNST . KEIN HÖRSPIEL | HÖRSPIEL , TRADITIONELL | MICHAEL HAMMERSCHMID | “KEIN HÖRSPIEL” : BRÜLL- UND FLÜSTERTÜTE | MASTERING | DICHTER ( IM ) DIALOG - “CECI N’EST PAS UNE PIPE” | SENDETERMIN | KLANGAPPARAT | LINKS

IM BUNKER : LITERATUR ALS RADIOKUNST . KEIN HÖRSPIEL

Studio1__copyright_Christiane_ZintzenDrei Tage Abtauchen ins Studio , drei Tage Hochkonzentration im Bunker von schalltoten Räumen zw. im “Raumschiff Enterprise” des grossen Regieraumes Numero drei im Wiener Funkhaus : Mit Ausnahme der Digitalisierung und ihrer neuen Tools hat sich die Produktion von Radiowerken seit den dreisiger Jahren wohl nicht sehr verändert . Von der Einsamkeit des Sprechers in seinem gläsernen Käfig bis hin zu der per Bullauge in Sichtkontakt hockenden Meute von Regie und Tonmeistern .

Literatur als Radiokunst” ( @ ORF- KUNSTRADIO ) zielt allerdings nicht auf die Produktion von traditionellen Hörspielen . Ebenso wenig auf eine mithilfe der Technik aufpolierte Autorenlesung . Solche Formate gibt es hinlänglich . Vielmehr basiert die seit 1999 bestehende Reihe “Literatur als Radiokunst” auf einer zunächst gar puristisch anmutenden “Spielregel” : Als Klangmaterial für das rund 15- minütige Stück darf lediglich die Stimme des Autors herangezogen werden . Keine Musikzuspielungen , keine fremden Quellen . Also auch keine der oft unsäglich illustrierenden Alltagsgeräusche , wie man sie heutzutage meist von speziellen Effekt- CDs bezieht . |||

HÖRSPIEL , TRADITIONELL

Funkaus_Regieplatz_1_copyright_Christiane_Zintzen

Im traditionellen Hörspielbetrieb liefert der Autor sein Manuskript an den Sender ab . Muss froh sein , mit seinem Text überhaupt “genommen” worden zu sein . Von den folgenden Produtionsschritten der Regie- Konzeption , Besetzung und konkreten Realisierung seines Werks bleibt der Autor meist völlig ausgeschlossen . Was durchaus seine Logik hat und sein Gutes : Genauso wie ich mit einem Zeitungsartikel meinen Text den Redakteuren überantworte und dem pragmatischen Ablauf des Zeitungsmachens . Dort hat die grundsätzlich zur narzisstischen Kränkung neigende Autoren- Stimme nun wirklich wenig verloren . Beim Hörspiel indes ist der Autor mit der Aneignung seines Werks durch die künstlerische Interpretation der Regie konfrontiert : Was nicht selten zu Frustrationen auf seiten des Autors führen kann , dessen “innere Stimmen” beim Verfassen der Partitur ja so anders klangen als im fertigen Hörspiel - wenn der Text also durch die “Maschine” von Regie , professionellen Sprechern und der Zugabe von Soundeffekten hindurch gegangen sein wird . |||

MICHAEL HAMMERSCHMID

Hammerschmid 01Studio1__copyright_Christiane_ZintzenMit dem jungen Wiener Michael Hammerschmid haben wir diesmal einen Autor im “Literatur als Radiokunst“- Studio , der bereits über eine beachtliche Backlist an Hörspielen verfügt ( siehe LINKS ) . Das Setting von “Literatur als Radiokunst” fordert nun allerdings dem Autor die Eigenleistung ab , seinen eigenen Text nach seinen eigenen Kriterien zu verwirklichen und zu gestalten . -

Keine leichte Aufgabe für Jemanden , der die Studioarbeit oft eben so wenig kennt wie das Potenzial der eigenen Stimme . Tonmeister und Kuratorin können dabei lediglich als Berater und “Geburtshelfer” unterstützend wirken .

Die Stimme , die Stimme und nichts als die Stimme : Es gilt also schon im Prozess der Aufnahme nicht nur auf die Akkuratesse der Artikulation zu achten , sondern dem Autor / Sprecher eine mögliches Varietät von Stimmlagen abzutrotzen . Diese Aufnahmen werden und bleiben dann das Material , aus welchem das Hörstück in vielen kleinen Schritten angelegt , experimentell transformiert und schliesslich durchkomponiert wird . |||

“KEIN HÖRSPIEL” : BRÜLL- UND FLÜSTERTÜTE

HammerschmidStudio1__copyright_Christiane_ZintzenDa Michael Hammerschmieds programmatisch untertiteltes Stück “KEIN HÖRSPIEL” sein soll , gleichzeitig aber doch eine Art minimaler Dialog ziwschen dem Ich des fiktiven ( ? ) Autors und einem ( fiktiven ? ) Alter Ego stattfinden soll, bedient sich Tonmeister Martin Leitner schon bei der Aufnahme einiger von scheinbar “einfacher” , doch umso originellerer Kunstgriffe zur Diversifikation der Lesarten : Die Zuspielung von lautem Rauschen via Kopfhörer bringt den Sprecher unweigerlich dazu , seinen schönen Leseton aufzugeben und über den ( nur in seinen Ohren tobenden Lärm ) hinweg zu brüllen .

Begeisterung am Regieplatz : So artikuliert und “trocken” hat noch kaum wer gebrüllt und geschrieen - denn die Tatsache , dass sich der Sprecher wegen des “Lärmes” selbst nicht hören und korrigieren kann , führt zu einer nahezu Klaus Kinski- mässigen Stimmführung von hoher Intensität .

Desgleichen geschieht im Modus der gesenkten Stimme beziehungsweise des Flüsterns : Weiterhin das grausame Rauschen via Headset im Ohr , bitten wir den Sprecher , ein schlichtes Bühnen- Mike unmittelbar an die Lippen zu führen - auf diese Weise wird der Vortragende erneut der subjektiven Kontrolle seiner üblichen Diktion beraubt . - Wir dahingegen erhalten dichte Tonspuren von Intimität , ganz ohne psychologisches “Meaning” sowie mit herrlicher Übersteurung durch den anbrandenden Atem . Der Einsatz solcher aufnahme- technischer List würde bei einem professionellen Sprecher / Schauspieler freilich wenig nützen : Letzterer spräche seinen Text genau wie einstudiert und against all odds in den Kasten . Für weniger wirkungssichere Sprecher sind solche ( im unterirdischen und fensterlosen Studio vollzogenen ) Torturen im Hinblick auf das so gewonnene Stimm- und Klangmaterial dahingegen äussert fruchtbar . |||

MASTERING

Hammerschmid_LeitnerStudio1__copyright_Christiane_ZintzenFlugs wird nun in den Schneideraum und zum ProTools- Bearbeitungsprogramm gewechselt . Noch bleiben zwei Tages zum Durchhören und allmählichen Verfertigen von “ENDE GUT , ALLES GUT - KEIN HÖRSPIEL” . Hier beginnt die Goldschmiedearbeit , die insgesamt 14 Szenen ( die Vollversion muss aus Gründen der verfügbaren Sendezeit Federn lassen ) einzeln anzulegen : Im Rhythmus , im Raum und schliesslich im 5- Kanal- Panorama . Dabei verfährt Tonmeister Martin Leitner - man erinnere sich an die Produktionen mit Ann Cotten und Ulf Stolterfoht - in seiner höchst diskreten Weise : Die dialogischen Stimmen werden nicht einfach auf die Kanäle Links- vorne bzw. Rechts- vorne gelegt , sondern lediglich auf den Center und - um ein Stückchen verrückt - nach links vorne . Damit wird der Tatsache des Inneren Dialogs sehr viel besser Rechnung getragen als dies das klassische Ping- Pong zwischen Links und Rechts je vermitteln könnte .

Szene für Szene erhält mittels sanft eingesetzten Filtern und fast subliminalen Delays einen je eigenen “Raum” zugewiesen . Nun kommen auch die diversen “Schrei-” und Flüsteraufnahmen trefflich zum Zug : Der Wechsel der Sprech- Intensitäten ist stärker als jedes realistisch- psychologisches Rollenspiel im Dialog dazu angetan , Grundstimmungen wie “Einsamkeit” oder “Verzweiflung” zu vermitteln . |||

DICHTER ( IM ) DIALOG - “CECI N’EST PAS UNE PIPE”

Leitner Martin P3Ob akustischer Marker zur Trennung von Szenen , ob Verfremdungseffekte via diverser Plug- Ins von Filtern , Moogs und Kompressoren : Jede einzelne Entscheidung wird zwischen Autor und Tonmeister penibel diskutiert , bis auf Zehntelsekunden genau . Auf dies Weise entdeckt der Autor seinen Text und dessen Potenziale nicht selten neu . Auf diese Weise kann auch gewährleistet werden , dass der Verfasser seine Klangvorstellungen im dichten Dialog mit dem Tonmeister optimal realisiert .

“ENDE GUT , ALLES GUT - KEIN HÖRSPIEL” konnte unter genannten Umständen in ein diskretes Szenario der Aussparungen überführt werden , wo die Stille zwischen den Worten eine mindestens ebenso grosse Rolle spielt , wie die erratisch gesetzten Dialoge selbst . “ENDE GUT , ALLES GUT - KEIN HÖRSPIEL” von Michael Hammerschmid funktioniert damit analog zu René Magrittes Pfeifenbild “CECI N’EST PAS UNE PIPE” . “Kein Hörspiel” wird selbstverständlich ein Hörspiel bleiben - wenngleich in einer höchst artifiziellen , das Genre reflektierenden Form . Dass wir mit Text und Werkstück zugleich einen Essay sowie einen Zyklus von Gedichten vor uns haben , steht freilich auf einem andern Blatt . |||

SENDETERMIN - to be announced

KLANGAPPARAT

“Never change a winnig team” : Was für die konkrete Radioarbeit gilt , trifft auch auf gewisse Soundlieferanten in oft schöner Regelmässigkeit zu : czz hörempfehlungBei Sonic Walker debütiert DJ Insignifiant eben mit seinem ersten Net ( label )- Mix : Die Suite strebt tanzbar straight forward , behält sich allerdings mit broque’s Granlab und Markus Masuhr durchaus komplexe Klangkörper vor . Nice Choice ! - SEE TRACKLIST 4 “NETMIX1” AND LISTEN TO STREAM . |||

LINKS

Surround- Auditorium : “Literatur als Radiokunst 2007″ im Literarischen Quartier



||| HEUTE HÖREN | 5.1 SURROUND : WEDER HÖRSPIEL NOCH LESUNG | UTLER + COTTEN - URSENDUNG 8. 7. 2007 | WISSER + SCHLOTMANN - URSENDUNG 9. 12. 2007 | LINKS

HEUTE HÖREN

Hörbuchboom hin , Festivalisierung und Spektakelliteratur her : Während “Literatur als Radiokunst” in sein neuntes Jahr geht und die ersten Studio- Sessions ‘08 starten , geht heute der traditionelle “Live”- Rückblick auf die Produktionen des Vorjahres über die Bühne des Litearischen Quartiers Alte Schmiede in Wien . |||

Funkhaus Wien_Sprecherstudio_Regieplatz 4_copyright_christiane zintzen

5.1 SURROUND : WEDER HÖRSPIEL NOCH LESUNG

Mischpult_korrelationsgradmesser_copyright_christiane zintzenPerfekt getuned im professionellen 5.1- Aufbau ( thanks to Kunstradio und Ö1 ) sind Anja Utler , Ann Cotten , Daniel Wisser und Ulrich Schlotmann auch in persona zugegen , um Auskunft über ihre Konzepte und deren akustische Verwirklichung zu geben . Die vier - je etwa 15- minütigen und eigens für die akustische Realisierung mit und durch die Autoren im Studio - entstandenen Textverdichtungen erkunden Alternativen zu den traditionellen Genres von “Hörspiel” oder “Lesung”.

in|ad|ae|qu|at hat ja seinerseits den Fortgang der jeweiligen Studioarbeit in seinen “Produktionsnotizen” mitstenographiert .

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UTLER + COTTEN - URSENDUNG 8. 7. 2007

Mischpult_korrelationsgradmesser_copyright_christiane zintzen

Die für ihre fundamentale Materialpoesie ausgezeichnete Dichterin ANJA UTLER schwingt sprachlich den Radiowellen nach : In “suchrufen, taub ” erkundet und wendet sie die blind aus den Lautsprechern dringenden Brechungen der Beschallung.

Was indes geschieht, wenn sich das Ich aus dem Bild - folglich Sender und Weltempfänger - verliert, demonstrieren die Sprach-Schreck-Momente von ANN COTTEN : Das minimalistisch und metaphysische Spiel auf der “parkbank ” nimmt den Dreh zwischen Schmerz und Scherz.

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WISSER + SCHLOTMANN - URSENDUNG 9. 12. 2007

Mischpult_korrelationsgradmesser_copyright_christiane zintzenDANIEL WISSER ist literarisch ein unkonventioneller Formalist und Praktiker eines melancholischen Humors. Wissers klägliche Liebesromanze “Die Tür” sprengt das Klischee eines einsinnig fliessenden Bewusstseinsstroms auf in die verschiedenen Klangregister des Pathetischen und Banalen.

Von Eriwan bis Samarkand” lautet das anspielungsreiche Spektrum der Sender, durch welche ULRICH SCHLOTMANN die seit Jahren konsequent praktizierte narrative Grundkonstellation “Ein Mann ging in den Wald” manövriert. Im Splitting der Stimmen auf die fünf Surround-Kanäle geriete das Grobstoffliche des Sprechaktes schwer in die Nähe des Meta- Physischen - wäre da nicht Schlotmanns heimtückische Ironie.

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Update , 11:05 - Sebastian Fasthuber im heutigen Standard über die “Lange Nacht des Hörspiels” , die dort ausgezeichneten Produktionen “Santo Subito” ( Text & Regie Eberhard Petschinka , MDR / ORF 2007 , Prix Europa ) und Helmut Peschinas Bearbeitung von Heimito von Doderers “Die Strudlhofstiege” ( Regie Robert Matejka , Musik Kurt Schwertsik , NDR / ORF 2007 , CD- Edition @ DHV ) sowie über die experimentellen Avancen von “Literatur als Radiokunst” :

Dabei wäre das Hörspiel für Autoren ein wichtiges Forum und fruchtbares Experimentierfeld, wie seit Jahren die von Christiane Zintzen betreute Kunstradio-Schiene Literatur als Radiokunst mit ambitionierten und gewagten Produktionen zwischen Text-Avantgarde und Sound-Kunst beweist. Da kann man sagen: Dem österreichischen Hörspiel geht es recht gut. Noch.

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LINKS

Update :

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Henri Chopin ( 1922 - 2008 ) || Echoes



||| SE TAIRE - TUER | TABULA RASA | HAND , MUND , MAGNETOPHON | MIKROPHON ALS MIKROSKOP | DISTORTED BODY SOUNDS | WIDER DIE ORDNUNG DER DINGE | FX : MISSING LINKS | KRIEG : BEUYS , ARTAUD , CHOPIN | POESIE , MUSIK , HARMONIE ? | LINKS | BLOG REACTIONS | TEXTS , TUNES , VIDEOS | SPECIALZ

SE TAIRE - TUER

czz- pikto blind fuer TOD“Aujourd’hui , la poésie sonore est sans voix . Henri Chopin s’est tu le 3 janvier 2008 .”

Besser als das Blog Les infos T.A.P.I.N. vermag man es gar nicht zu formulieren , “s’ est tu” für “ist verstummt” , mit gleichzeitigem Anklang an “tuer” / “Töten” .

( In Österreich , wo Chopin 1992 bis 2004 an der Schule für Dichtung lehrte , traf die Nachricht erst am 9. / 10. 1. ein . )

Diese akustische Verwandschaft von “Verstummen” und “Töten” bezeichnet genau die Antithese zu Henri Chopins dezidiert körperlicher “poésie sonore” : Krieg , Résistance , Arbeitslager , KZ , das zufällige Überleben des grossen Todesmarsches : “Ich lernte ,” so der Dichter bei einem Interview 2004 ( 1 ) , “ich lernte , geschlagen zu werden und als Skelett in Zweierreihen zu gehen ” . Extreme Körpererfahrung , auch später , Anfang der 50er Jahre , schwer krank im Lazarett in Korea . |||

TABULA RASA

czz- pikto blind fuer TODZurück in Frankreich war klar : Der Wunsch zu dichten . Aber das Mittel ? - Die klartönende und -tötende Sprache des Befehls , wie er sie bereits von früher Kindheit an von seiten des Vaters - einem glühenden Pétainisten - kennen gelernt hatte , verbot sich . Verbot sich nach diesem Krieg , dessen fatale Sprache als fernes Echo im Land der Parnassiens und der sakrosankten Académie Francaise nachhallte . Verbot sich der Schrift im traditionellen Sinne . Verbot sich der tabula rasa des blütenweissen Papiers .

Ihm , der nach eigener Aussage “Tausende Leichen gesehen hat” , ging es um die Dichtung als präsente Entäusserung des lebendigen Körpers . |||

HAND , MUND , MAGNETOPHON

czz- pikto blind fuer TODAls ihm 1955 ein Grundig- Tonbandgerät in die Hände geriet , war Werkzeug und Weg gefunden , den per Mikrophon abgetasteten Körper zum Sprechen zu bringen : Und dies weit über den Mund und das Gehege der Zähne hinaus . Am Anfang standen Experimente mit Sprach- und Lautaufnahmen , einspurig , zweispurig , vierspurig . Manipulation der Abspielgeschwindigkeiten - ergo : Tonhöhen und -Verzerrungen . Versetztes Abspielen identer Aufnahmen : Echo , Delay . Hier wurde experimentell ein Repertoire von Effekten erarbeitet , die heute via presets und plug- ins als selbstverständliche Voraussetzungen des Dispositivs elektronischer Musik gelten .

Sound example ( click to listen ) : Extrême Tension ( 1974 , 4:30 ) |||

MIKROPHON ALS MIKROSKOP

czz- pikto blind fuer TODAber Chopin trieb es noch weiter : Wie zuvor die Forscher das Mikroskop zum Sichtbarmachen von bis dato unsichtbarer Feinstrukturen gebrauchten , setzte Chopin das Mikrophon für akustische Erkundungen des - eigenen - Körpers ein . Er beliess es indes nicht beim systematischen Erkunden des “Orchesters” im Klangraum der Mundhöhle ( so , wie es Franz Mon Anfang der 60er Jahre mit seinen “artikulationen” fortgeführt hat) . Kontaktmikros auf der Haut , Herztöne , Atem ( der biblische Brodem , welcher Materie zu “Leben” verwandelt ) . Und immer weiter arbeiteten sich Chopins Klang- Explorationen im Selbstversuch ( nicht selten schmerzhaft ) ins Innere der Speiseröhre vor , hinab in den Magen . Die medizinischen Assoziationen bleiben : Rachenspiegel , Stethoskop , Sonde . |||

DISTORTED BODY SOUNDS

czz- pikto blind fuer TODDie solcherart “zu Tage” geförderten Klänge ent- sprachen dabei den gesellschaftlichen und zivilisatorischen Verdrängungen der unkontrollierten , animalischen- archaischen “body language” . Auf Band gebannt , unterlief Chopin die pur akustische Reproduktion eines naturalistischen Materialismus , indem er das so gewonnene Klang- und Bandmaterial in Verzerrungen , Stauchungen und Überlagerungen abspielte . Live zerlegte er vor diesem Hintergrund Wörter in deren Einzellaute , so dass sich zum “akustischen Sturm im Innern” ( Chopin ) die Entäusserungen von mündlichen Artikulationen , die Zersprengung von Wörtern in deren Einzellaute , addierten .

1994 hat Chopin in einem Short extract about my working method das Fehlen jeder schriftlichen Vorlage für seine Performances hervorgehoben :

it is now thirty years that I do not write any scores before assembling an audio-poem. It is just by heart and using only my memory that I conceive the expressions of my body. basically through my mouth with its breathing etc., which become my only solid score. There, I discover a world without limits, from prattles to phonic lacerations. All this happens on, and with the help of, a Revox tape machine, with the addition of sound effects like echoes, changes of speed, larsen effects, until the final editing through sound collages.

Michael Lentz , selbst virtuoser Sprechperformer und Verfasser des Standardwerks zur LAUTPOESIE , hat auf den alten romantischen Gedanken vom “Ausstülpen des Inneren” hingewiesen ( 1 ) . Neu an Chopins radikal “konkreter” Praxis von Poesie war freilich die absolute Negation jeder Idee des Schön- und / oder Wohlklangs . |||

WIDER DIE ORDNUNG DER DINGE

czz- pikto blind fuer TODDer Körper , das Tonband , das absichtsvolle Zerbrechen intakter Worte und damit der Dienstbarkeit von Alltagssprache : In Chopins Performances bleibt kein Element dort , wo es in der üblichen Ordnung der Dinge hingehört : Dem Leib entweichen akustische Urlaute , die Technik wird - via Tonbandgerät - ebenso malträtiert , der Mund schreit , spuckt und stottert . Kein Teil benimmt sich , wie es sein sollte .

Sound example ( click to listen ) : 2500 , les Grenouilles d’Aristophane ( 1967 , 4:29 )

Wäre demnach Chopins “poésie sonore” folglich lediglich als totale Negation und Verweigerung zu verstehen ? - Als technisch generierter Anachronismus ? - Chopin demnach ein “Primitiver des elektronischen Zeitalters ” ? |||

FX : MISSING LINKS

czz- pikto blind fuer TODDiskussionen , wie sie eben - sehr lesenswert - zum Thema auf Seiten wie create digital music stattfinden, erweisen , dass der Poet mit seinen ( auf YouTube ausgestellten ) Performances gerade die jüngere Generation noch zu schockieren vermag . Hier klaffen enorme information gaps , missing links , welche die produktiven Avantgarden der 50er und 60er Jahre mit einer aktuellen Soundkultur vermitteln würden ; einer Klangkultur , welche ohne die Vor- und Forschungsarbeit von Grenzgängern wie Chopin heute zweifellos eine andere wäre . Fritz Ostermayer hat die methodische Soundpoesie Chopins einmal in den Kontext früher Formen des Samplings gerückt :

Und wiederum andere wie Henri Chopin, mit seiner konkreten Poesie, erforschen die Mikrostruktur ihrerselbst. Chopin die seiner Stimme. Chopin sampelt eine Kleinsteinheit seiner Stimme - nur einen Vokal - und bauscht sie auf zu einem Fest der stimmlichen Elementarteilchen.

Elektronische Musik , Soundpoesie , das embodiment und disembodiment of voice : Heute dreht man Knöpfchen , schaltet den Vocoder ein , jongliert mit preset- “FX” und Filtern auf 48 Studiospuren . |||

KRIEG : BEUYS , ARTAUD , CHOPIN

czz- pikto blind fuer TODAuch wenn es pathetisch klingen mag , so sei noch einmal auf die psychischen und physischen Grenzwerte der Kriegserfahrung hingewiesen : Sei’s in den Obsession mit den Basal- Materialien wie Filz und Fett eines Joseph Beuys , sei’s im entmenschten Schrei eines Antonin Artaud , sei es in der geradezu medizinisch- pathologischen Audio- Auto- Biopsie eines Henri Chopin . Wie sich für die “Generation Dada” nach dem Ersten Weltkrieg die instrumentelle Sprache und deren linearer Sinn versagte ( ebenso wie die Gegenständlichkeit in der Malerei ) , so verantwortete der “Zivilisationsbruch” durch Zweiten Weltkrieg und Holocaust eine weitere “broken language” .

“Ich wollte” , so Chopin 2004 , “eine ungreifbare Sprache finden , eine Sprache , die von den Mächtigen weder kontrolliert noch zensuriert werden kann ” . Sprache - im engeren Sinne Poesie - hat sich auf dem Wege ihrer Zersplitterung in Laute ( sowie in ihrem JETZT- Charakter der unmittelbaren Performance ) weiter der Musik angenähert . Und erfüllt damit - paradoxerweise kraft Zerstörung - die uralte Sehnsucht der Dichtung , ins Reich der körperlosen musikalischen Harmonie einzugehen . |||

POESIE , MUSIK , HARMONIE ?

czz- pikto blind fuer TODDass sich aber just diese ungetrübte Harmonie für jede akute Musik seit Schönberg verbietet , ist bekannt . Es sei denn , man lebt in der Welt der Schlager . Dann , aber nur dann , darf man sich heute noch über Werk , Wesen , Wirken dieses Charismatikers erregen .

Hier noch ein schönes Zitat aus erratum ( welches fast überall ohne Angabe von Quelle und oder Autor herumgereicht wird - vielleicht finden wir auf diesem Wege seinen Schöpfer ?) :

Thanks to the systematic use of microphones, amplifiers, tape recorders, editing and mixing consoles, he has given a voice to realms beyond modern or experimental music, beyond any note system and headed for spaces without norms, categories, definitions or limits: spaces of permanent metamorphosis. But despite misleading appearances, Henri Chopin is not merely doing a new kind of music; he is not just a consequence of Pierre Schaeffer’s concrete music principles and Pierre Henry’s experiments in the fifties. Henri Chopin is an individual (in Stirner’s sense: the ego and its own) who has always resisted absurd attempts to reduce him to part of a movement, a school, an academism; what one perceives are Henry Chopin’s bio-psychical vibrations, that he himself constructed by electronically recording, then modifying, amplifying and transforming the energies of his own body.

Allerdings gibt es Andere , deren Audio Art , Laut- und konkrete Poesie , Ars Acoustica , Radiokunst , Mikrotonalität und Soundscapes Wissen und Geist dieses grossen kleinen Mannes weitertragen . |||

LINKS

( 1 ) Mein Körper ist eine Klangfabrik . Henri Chopin : Ein Pionier der akustischen Poesie , Feature von Eva Roither und Martin Leitner , ORF Tonspuren , 14. 10 . 2005

BLOG REACTIONS

TEXTS , TUNES , VIDEOS

SPECIALZ

Ann Cotten . Keine Faden Würmer in der Buchstabensuppe



für Ann Cotten

Laudatio zur Verleihung des Reinhard Priessnitz- Preises 2007 , Literaturhaus Wien , 29. 10. 2007

“Laudatio auf N” oder : Keine Faden Würmer in der Buchstabensuppe

I .

“Wie ist es aber, frag ich dich, ein Mädchen zu sein” - Und Mädchen auf dem sich drehenden Platten-, pardon, Präsentierteller der Gerühmten ? -
Unter der Zirkuskuppel der Rühmenden und der Berühmten dreht die Kunstreiterin ihre Runden . Kafka , na klar . Wer dächte da nicht . Aber ja , wir denken an Kafka, der sich und die Seinen “KA” (”K” ) nannte . Aber ja , wir denken an die Schriftstellerin Ann Cotten , die zu verzichten pflegt auf zwei Drittel ihres Eigennamens : Stimmlich “EN” , stimmlos “N” - Neutrum.

Ja , das wäre man gern . Als Eines , Das schreibt . Sache An Sich , Schreiben Für Sich . Und kein Publizieren an die Einpeitscher der Meinungen . Und keine Adresse an die Zirkusdirektoren in den Jurien . Also bleiben auch wir (nachdenkend , vorsprechend ) über den “Fall EN” ( maskulin ) , “die Ann” ( feminin ) und das “N” ( neutrum ) … Also bleiben auch wir mit Franz Kafka “AUF DER GALERIE” :

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd und von einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde , auf dem Pferde schwirrend , Küsse werfend , in der Taille sich wiegend ( … ) :
Vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab , stürzte in die Manege , riefe das : HALT ! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters . ( Franz Kafka , AUF DER GALERIE )

II .

Zwar war es kein circensisches Rund unter dem Gummi der Plane - aber ein Treibhaus unter Luft- und Klangabschluss war es doch , wo wir im Mai dieses Jahres eine Folge der Reihe LITERATUR ALS RADIOKUNST produzierten .- Stellen Sie sich anstelle von Kafkas “lange(r) Treppe durch alle Ränge” das reelle “Steppen durch lange Gänge” im Wiener Funkhaus vor . Drei Tage , je acht Stunden : Und man stürzt ins Studio , und man ruft das “HALT !” durch das Mikrophon und es hallt wieder . Nun die eigene - nämlich Anns , ENs , Ns - Stimme .

Ann Cotten hat in ihrer - by the way nur aussenhin - schaudernden Art ein entschlossenes Hörstück durch die Klippen der Wenns und der Abers und der Womöglichs manövriert . “PARKBANK” hat sie den 16- Minüter betitelt und in eine akustisch beseelte Welt gestellt .

So , wie es Ann Cottens Poetik nun einmal gefällt . - WELCHER Poetik ? - Nun , das müssen Sie , werte Zirkusbesucher , schon selber an unseren Vorgängen und -Trägen HIER erspähen !

Ganz also , wie es ihr gefiel , der EN , N , der AutoriN , hat sie wieder einmal eine ihrer fiktiven Frauenspersonen vom Stapel laufen und in einen Park fallen lassen , wo nicht nur “das Psychische” sich übel überbrütet , sondern auch so manch anderes Getier seine Wesen treibt . Tonmeister Martin Leitner reichte die helfende Hand , das Wirbelnde und Wirbellose sirrend und flirrend zu instrumentieren , das iterierende Ich- Splitting in Klänge zu setzen und in Wellen zu legen .

Womit wir ja schon mitten drin sind , in den krabbelnden , haarigen und die Unmündigkeit kundig zelebrierenden Textkörperchen der Lady EN .

“Wie ist es aber” , fragte ich sie , “eine Dichterin zu sein ?” , als wir vor Wochen ( zwar auf keiner Parkbank , so doch auf gemeinsamer Trainingsbank ) sassen . “Was ist Deine Schreibhand” , fragte ich sie , “doch für ein winderluches Tier ?” - Lachte und gab keine Antwort , die hochgelobte Dichterin . Blätterte lieber in einem FREMDWÖRTER- BUCH : SO NETT bereit gelegt auf dem Verhandlungstisch , zwischen uns und dem Expliziten .

Karl Ernst Georges’ “AUSFÜHRLICHES LATEINISCH- DEUTSCHES HANDWÖRTERBUCH , aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel” , Reprint der Ausgabe 1913 , Achte Auflage .

Zwei Bände , zwei Sprechende und 6.000 Seiten . Klar , dass man da auf “LOB” ( das , N , Neutrum ) und “LAUS” , “LAUDIS” ( femininen Wortgeschlechts ) kam und es kein Halten mehr gab des linguistischen Züngelns , Zirpens , Zischelns im Rascheln fremdwörtlicher Blätter .

So geriet die “LAUDATIO” als Wort wie als DING AN SICH in den “WIE SPRICHT MAN ?”- Blick . Wie es sein sollte , wissen die grossen Rhetoren : Die “LAUS ELOQUENTIAE” sei nach Cicero “modica” und nach Quintilian “solida” . Hüten müsse man sich vor der “laus insanis et infructuosa” ( Cicero ) sowie den “laudibus indignus” ( Cicero & Horaz ) . - Was also bleibt uns für diese Zirkus- Situation der “laudes summae” ( Qunintilian ) bzw. der “laudes maximae” ( Cicero ) übrig ?

III.

Richtig : Die Laus . Ganz recht , denn mittlerweile sind zwischen den fadengehefteten Blättern des Lexikons jene Fadenwürmer hervorgekrochen , welche Ann Cottens Denk- und Metaphernleben als “Wappentiere” ( Selbstaussage ) begleiten : Wer, der EN nennt und kennt , würde da nicht sofort an des Genetikers Lieblingstier , den CAENORHABDITIS ELEGANS denken ? - Es braucht kein PETRI DISH und keine Weisskittel, um diese Fadenwurmart als Modellorganismus zu nehmen : Notizbuch und Kitzelstift , Kritzelstift tun es - wie Sie anwandend projiziert sehen . Sie tun es auch: Für den poetischen ( wenn nicht sogar zum poetologischen ) Hausgebrauch .

“Was soll jetzt DAS schon wieder” , fragen Sie , werte Zirkus- Besucher und wollen Sie jetzt sicher NICHT wissen , dass es der “adulte Wurm” auf “einen Millimeter” bringt . Länge . “Das langt !” , sagen Sie , noch bevor Sie erfahren , dass der CAENORHABDITIS ELEGANS ein sogenannter “Konsekutivzwitter” ist : Der “Hermaphrodit bildet zuerst Spermien , dann Oozyten” und pflanzt sich “durch Selbstbefruchtung fort”.

Ganz so selbstbefruchtend , wie Lady EN , Neutrum N , laut Wappen-Blason dies gerne hätte , ergibt sich freilich KEINE Poesie . Bei allem Autopoietischen , welches EN - scheinbar nebenher und leger - in ihre ( n ) Verse stellt , gehen ihre Suchbewegungen doch stets auf Tuchfühlung mit DEM , was sie anregt . Situationen , Konventionen und mitunter ein schlichtes NEIN sind die Wirtstiere , aus denen Ann Cottens parasitär pataphysisch geneigter poetischer Eros sich speist .
Ja , er ist ganz schön verfressen , dieser Parasit und bleibt - wiewohl kein Kostverächter - trotzdem wählerisch : Beste Lese an Fremden Federn , Aufschwingen an ihnen und vorturnen den ikarischen Fall . Falls es ihr so gefällt . Der EN , dem N , der Dichterin , der Essayistin . Immer heute , immer neu , mit jedem Text ein proklamiertes Scheitern an den sogenannt Grossen Dingen : Verstehen , Welt , Leben , Beziehung .

Ja , grinst Ihr nur , Ihr Entitäten : Entgegen dem , was sie als rhetorische Geste vor sich her trägt , sitzt sie - nämlich EN - Euch längst im Fell , saugt Euch aus , und spricht obenhin doch immer wieder nur vom ICH als einem Zerknautschten .

IV.

Hautsack und Wirbel dieser Lyrik sind nur geliehen , Versmasse , Prosodie , Motive : Bezüglich sind die Lyrik , hochgradig anzüglich natürlich die Prosa , in ihrer proklamierten Beziehungslosigkeit , scharf im Auftrumpfen mit dem Stumpfen , Kalauer als Wille hinter der Vorstellung .

Morphings und Anverwandlungen finden statt und ENs Gestaltungen gestalten sich immer so artgerecht , dass Kafkas - also K’sche - Käfer rechtzeitig rücklings zu liegen kommen . Gäbe es eine Poesie des Wirbellosen , Quastenflossers , Polymorphen - sie läge hier im Werk vor . Unzertrennlich indes amalgamiert mit dem Wirtstier und der endemischen Bewegung des “Gegen” . WIDER : -Spenst , -Spruch , und -Rede geben regelmässig den Imperativ zu frischer und eminent beweglicher Selbstvermehrung .

… und WENN dieses Spiel unter dem nichtaussetztenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die graue Zukunft sich fortsetzte , begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind …

DANN - erst -eilen wir in der Rolle von K’s jungem

Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab , stürzte ( n ) in die Manege , riefe ( n ) das : HALT ! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters ( Franz Kafka , AUF DER GALERIE ) -

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