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GRÜNDONNERSTAG , zitiert : Perverse Fusswaschung



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GRÜN- DONNERSTAG

Es ist bezeichnend , wie stark sich die Bezeichnungen für den heutigen “Gründonnerstag” in den verschiedenen Sprachen ( somit : Kulturen ) unterscheiden : Die Franzosen halten’s mit “Jeudi Saint” kühl laizistisch . In der englischen Bezeichnung “Maundy Thursday” schimmert wortgeschitlich immerhin noch das Ritual der Die Fusswaschung ( Mandatum ) durch ( * ) .

Zur Worterklätrung des deutschen “Gründonnerstag” hat sich - neben der liturgischen Fabre Grün und dem rituellen Gebrauch gewisser Kräuter - weitestgehend die volksetymologische Deutungsart aus dem Wort “Greinen” ( ahd. gri-nan , mhd. grînen , “winselnd , weinend den Mund verziehen“) durchgesetzt . ( ** ) |||

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PERVERSER GOTTESSTAAT : SUTTNER ÜBER DES KAISERS FUSSWASCHUNG 1863

Eine der eindrücklichsten Schilderungen des Gründonnerstags- Rituals lesen wir bei Bertha von Suttner : Anders als man dies heute glauben möchte , hat sich die spätere Friedensnobelpreisträgerin seit frühesten Jahren mit den jeweils revolutionärsten , politischen und naturwissenschaftlichen Theorien der Zeit befasst : Sie muss eine der ersten Frauen gewesen sein die Darwins “On the Origin of Species” ( Die Entstehung der Arten , 1959 ) las und damit dem gottgläubigen common sense widersagte . Damit musste sie früher oder später in Konflikt geraten mit der Idee des österreichischen Kaiserhauses als einer gottgewollten Ordnung .

Dass freilich auch in der katholizistisch legitimierten feudalen Ordnung manches “heilige” Ritual zur blossen Farce verkam , hat Bertha von Suttner in einer Passage ihres ( oft grundlos verlachten ) Romans “Die Waffen nieder !” mailiziös geschildert . Kurz zum Zeithintergrund : Der blutigen Schlachten gegen die Italienischen Reichsteile 1859 war eben vorüber , noch stand das Armageddon von 1966 bevor . Die Beschreibung der grausam zugerichteten Soldaten auf den Schlachtfeldern von Königgrätz dürfen sich ( zieht man den Zeitstil , Sentiment , das Register der emphatischen “Frauensprache” ab ) durchaus mit Curzio Malapartes Kriegsbildern messen .

Doch nun zurück zur berüchtigten Fusswaschungs- Szene , welche das Wiener Kaiserhaus und seine Schranzen alljährlich dem - streng selektierten - Volke bietet . Hier Bertha von Suttners ausgezeichneter Augenzeugenbericht ( vermutlich 1863 , kursive Hervorhebungen czz ) :

Am folgenden Tag entschloß ich mich doch, der Fußwaschung beizuwohnen. Etwas nach zehn Uhr, schwarz gekleidet, wie es sich für die Karwoche ziemt, begaben wir uns, meine Schwester Rosa und ich, in den großen Zeremoniensaal der Burg. Daselbst waren auf einer Estrade Plätze für die Mitglieder der Aristokratie und des diplomatischen Korps vorbehalten. Man war da also wieder unter sich und teilte rechts und links Grüße aus. Auch die Galerie war dicht gefüllt: gleichfalls Bevorzugte, welche Eintrittskarten erlangt hatten – aber doch etwas “gemischt”, nicht zur “Creme” gehörig, wie wir da unten, auf unserer Estrade. Kurz, die alte Kastenabsonderung und -bevorrechtung – anläßlich dieser Feier der symbolisierten Demut.

Karlskirche_Seitenkapelle_Detail_fuss_copyright_christiane_zintzenIch weiß nicht, ob den anderen irgendwie religiös-weihevoll zu Mute war; aber ich erwartete das Kommende mit ganz derselben Empfindung, mit welcher man im Theater einem angekündigten Spektakelstück entgegensieht. Ebenso gespannt, wie man da – nachdem die Grüße von Loge zu Loge getauscht, den aufzurollenden Vorhang ansieht, schaute ich nach der Richtung, wo die Chöre und Solisten des bevorstehenden Schaugedränges erscheinen sollten. Die Dekoration war schon aufgestellt – nämlich die lange Tafel, an welcher die zwölf Greise und zwölf Greisinnen Platz zu nehmen hatten.

Ich war doch froh, gekommen zu sein; denn ich fühlte mich gespannt, was immerhin eine angenehme Empfindung ist ( … ) ; was ich zu sehen erwartete und wünschte, waren die kaiserlichen und pfründnerischen Mitwirkenden der angesetzten Feier. ( … )

“Sie kommen, sie kommen!” rief Rosa, mich anstoßend. “So sieh doch hin … Wie schön! Wie ein Gemälde!” Es waren die Greise und Greisinnen, angetan in altdeutsche Tracht, welche jetzt hereingeleitet wurden. Die jüngste von den Frauen – so hatten die Zeitungen berichtet – war achtundachtzig, der jüngste von den Männern fünfundachtzig Jahre alt. Runzlich, zahnlos, gebückt; – ich konnte Rosas “Ach wie schön” wahrlich nicht bestätigt finden. Was ihr gefiel, war jedenfalls die Verkleidung. Diese stimmte eigentlich auch vortrefflich zu der ganzen, von mittelalterlichem Geist durchwehten Zeremonie. Die Anachronismen hier waren wir, in unseren modernen Kleidern und mit unseren modernen Begriffen – wir paßten nicht in dies Gemälde.

Nachdem die vierundzwanzig Alten ihre Sitze an der Tafel eingenommen hatten, trat eine Anzahl goldgestickter und ordengeschmückter, zumeist ältlicher Herren in den Saal: – die Geheimen Räte und Kammerherren; viele bekannte Gesichter – auch Minister “Allerdings” befand sich darunter. Zuletzt folgten die Geistlichen, welche bei der feierlichen Handlung fungieren sollten. Jetzt also war der Einmarsch der Statisten vorüber und die Erwartung des Publikums auf das höchste gespannt. ( … )

In der Tat: der Kapell – will sagen der Oberzeremonienmeister holt seinen Stab und gab das Zeichen, daß das Kaiserpaar nahe. Dies versprach nun allerdings einen lohnenden Anblick, denn abgesehen davon, daß es das höchste war – war es sicherlich eins der schönsten Paare im Lande. Mit Kaiser und Kaiserin zugleich waren auch mehrere Erzherzöge und Erzherzoginnen hereingekommen, und jetzt konnte die Feier beginnen. Truchsessen und Edelknaben trugen die gefüllten Schüsseln herbei, und der Monarch und die Monarchin stellten dieselben vor die sitzenden Alten hin. Das war wieder mehr Gemälde als je. Das Geräte und die Speisen und die Art der Pagen, dieselben zu tragen, erinnerte an verschiedene berühmte Bilder von Festgelagen im Renaissancestil.

Karlskirche_Seitenkapelle_Detail_fuss_copyright_christiane_zintzenKaum aber waren die Gerichte aufgestellt, so wurde die Tafel wieder abgeräumt, eine Arbeit, welche – gleichfalls als Zeichen der Demut – die Erzherzöge verrichteten. Hiernach ward die Tafel hinausgetragen, die eigentliche Effektszene des Stückes (was die Franzosen “le clou de la pièce” nennen) – die Fußwaschung – begann. Freilich nur eine Scheinwaschung, wie das Mahl nur ein Scheinmahl gewesen. Auf dem Boden knieend, streifte der Kaiser mit einem Tuch über die Füße der Greise hinweg, nachdem der ihm assistierende Priester aus einer Kanne scheinbar Wasser darübergegossen, und so rutschte er vom ersten bis zum zwölften Pfründner, während die Kaiserin – die man sonst nur so majestätisch hochaufgerichtet zu sehen bekommt – in derselben demütigen Stellung, in welcher sie ihre gewohnte Anmut übrigens nicht verliert, die gleiche Prozedur an den zwölf Pfründnerinnen vornahm. Die begleitende Musik, oder, wenn man will, den erklärenden Chor, bildete das gleichzeitig vom Hofburgpfarrer vorgelesene Evangelium des Tages.

Gern hätte ich auf einige Augenblicke mitempfinden mögen, was in dem Geiste dieser Alten vorging, während sie so dasaßen, in der seltsamen Tracht, von einer glänzenden Menge angegafft, den Landesvater, die Landesmutter – Ihre Majestäten – zu ihren Füßen … Wahrscheinlich wäre es gar keine klare Empfindung gewesen, die ich danach gefühlt hätte, wenn mir der gewünschte momentane Bewußtseinstausch gewährt worden wäre, sondern ein verwirrter, geblendeter Halbtraum, ein zugleich frohes und peinliches, verlegenes und feierliches Gefühl, ein vollständiges Stillstehen der Gedanken in den ohnehin unwissenden und altersschwachen armen Köpfen. ( … )

Die ganze Zeremonie war schnell zu Ende und gleich darauf leerte sich der Saal. Zuerst zog sich der Hof zurück; hierauf entfernten sich alle anderen Mitbeteiligten, und zugleich auch das Publikum von Estrade und Galerie.

“Schön war’s, schon war’s!” flüsterte Rosa mit einem tiefen Atemzug.

Ich antwortete nichts. Eigentlich hatte ich keine Ursache, die Verwirrung und Gedankenarmut der Festgreise zu bemitleiden, war mir doch selber das Verständnis der eben stattgehabten Feier ein ziemlich verschwommenes ( … ) .

Karlskirche_Seitenkapelle_Detail_fuss_copyright_christiane_zintzenDoch wir gelangten nicht so schnell zum Ausgang, als ich gewollt hätte. Zuerst hieß es doch, mit fast sämtlichen Estradezuschauern, welche gleichzeitig mit uns ihre Plätze verließen, Hände schütteln und ein paar Phrasen tauschen. Man blieb da im Stiegenhause in einer großen Gruppe stehen und es gab einen förmlichen Morgenraout. “Grüß’ dich, Toni.” – “Bonjour, Martha.« – “Ach, Sie auch da, Gräfin?” – “Bist du für den Ostersonntag schon vergeben?” – “Guten Tag, Durchlaucht, vergessen Sie nicht, daß wir Sie morgen abend zu einer kleinen Tanzerei erwarten.” – “Warst du gestern bei den Dominikanern in der Predigt?” – “Nein, ich war im Sacré cœur, wo meine Töchter eine Retraite machen.” – “Die nächste Probe zu unserer Wohltätigkeitsvorstellung ist Dienstag um zwölf Uhr, lieber Baron, seien Sie ja pünktlich.” – “Die Kaiserin hat wieder superb ausgesehen.” – “Hast du bemerkt, Lori, wie der Erzherzog Ludwig Viktor immer zu der Götter-Fanny herüberschielte?” – “Madame, j’ai l’honneur de vous présenter mes hommages.” – “Ah,c’est vous, marquis … charmée.” – “I wish you good morning, Lord Chesterfield” – “Oh, how are you? Awfully fine women, your Empress.” – “Haben Sie schon eine Loge gesichert für die Vorstellung der Adelina Patti? Ein ganz wunderbarer aufgehender Stern …” – “Die Nachricht von der Verlobung des Ferdi Drontheim mit der Bankierstochter soll sich also doch bestätigen – es ist ein Skandal!”

Und so schwirrte es hin und her. Ein unbefangener Horcher hätte diesen Gesprächen wohl kaum angemerkt, daß sie der Nachstimmung einer eben verrichteten Demutsandacht entsprangen.

Genaue Beobachtung plus sarkastische Découvrierung der Comédie humaine : Dies weist nicht minder auf Balzac zurück wie auf Karl Kraus voraus . Innerhalb der Ökonomie ihres Tendenzromans errichtet die Suttner das Schaubild einer in Worten und Werten degenerierten Gesellschaft , um die Schrecken der Schlachtfelder anno ‘66 nur umso deutlicher hervortreten zu lassen : Ein grossartiges Sück Literatur über den - wohl nicht nur damals - realexistierenden gesellschaftlichen Wahnsinn und die Bigotterie . |||

KLANGAPPARAT

Skeptische Finsternis tönt aus der ACCESS POINT EP aus einer unserer Liebelingsquellen , insectorama . Auch ohne den an und für sich nötigen czz hörempfehlungSubwoover erklingt hinreichend beunruhindes Klang- Material gegen die üblichen Verbindlichkeiten . Selten so zu vernehmen , die basslastigen und eine die gerade Tanzbarkeit durch unvorhersehbarer Interventionen trefflich störenden Tracks von CK2 . Eventuelles Remedium gegen die Routinen , seien diese nun gründonnerstäglich oder nicht . CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. access point | 02. core granules | 03. blowfish from wolfgang lake | 04. carbamox | 05 . molybdan |||

LINKS

( * ) The word Maundy is derived through Middle English, and Old French mandé, from the Latin mandatum, the first word of the phrase “Mandatum novum do vobis ut diligatis invicem sicut dilexi vos” ( “A new commandment I give unto you, That ye love one another; as I have loved you” ) , the statement by Jesus in the Gospel of John (13:34) by which Jesus explained to the Apostles the significance of his action of washing their feet. The phrase is used as the antiphon sung during the “Mandatum” ceremony of the washing of the feet, which may be held during Mass or at another time as a separate event, during which a priest or bishop ( representing Christ ) ceremonially washes the feet of others, typically 12 persons chosen as a cross-section of the community. ( Wiki )

( ** ) Siehe das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm zu “Gründonnerstag” und “greinen” . |||