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donaueschinger musiktage 2008 | track one : Karl- Sczuka- Preis 2008 für Hörspiel als Radiokunst



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RADIOKUNST IN SPORTIVEM AMBIENTE

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Hoch hinaus - mit sportlicher Erdung

Den diskreten Charme von Schulsport- und Turnhallen durfte geniessen , wer den beiden Veranstaltungen zum Karl- Sczuka- Preis 2008 für Hörspiel als Radiokunst im Rahmen der Donaueschinger Musiktage 2008 beiwohnte . Mit dieser informellen Verortung wurden ebenso akustisch praktikable wie auch für Skeptiker niederschwellig aufzusuchende Räume gewählt . Und damit - wie SWR- Intendant Bernhard Hermann im Zuge seiner Rede zur Verleihung der international renommierten Auszeichnung für avancierte Werke der Radiokunst hervorhob - sei ein weiterer Schritt buchstäblich in Richtung auf ( künftige ) Hörerschichten vollzogen .

Hermann erinnerte dabei an den kürzlich verstorbenen Wort- Kunst- Komponisten Mauricio Kagel , im Jahr 1970 Laureat des seit 1955 vom SWR ausgelobten Preises :

Zuvor war die Preisverleihung ein hausinterner Akt in den Diensträumen des Intendanten in Baden- Baden [ gewesen ] . So auch noch im Jahr 1970, als Kagel selbst zum ersten Mal den Karl- Sczuka- Preis bekam, der sich damals gerade von einem ‘Preis für Hörspielmusik’ zu einem ‘Preis für radiophone Produktion’ zu wandeln begann. Kagels Preiswerk, “(Hörspiel) - Ein Aufnahmezustand” war das Signal für eine neue Ära des Preises und es stand für den Aufbruch des so genannten Neuen Hörspiels. Nach der Preisverleihung schlug Kagel dem damaligen SWF- Intendanten Helmut Hammerschmidt vor, den [ Preis ] mit den Donaueschinger Musiktagen zu verbinden - und so ist es nun seit 1972 schöne Tradition, ihn hier zu überreichen .

Ob Schulsporthallen - wie von Bernhard Hermann des Weiteren angedeutet ( “Sport ist in der Regel ein beliebtes Schulfach” ) - freilich bei allen Beteiligten für notwendig positive Assoziationen sorgen , muss ( nach Ergebnissen einer informellen und nicht repräsentativen Umfrage unter den künstlerisch Beteiligten ) fraglich bleiben . In Rechnung mag man freilich gerne stellen , dass sich Methoden und Manöver der schulischen Körperertüchtigung im Laufe der vergangen dreissig Jahre vermutlich vom schieren Drill und der Demütigung pubertierender Leiber glücklich fortentwickelt haben .

Die Bodenmarkierungen der Basketballhalle erwiesen sich jedenfalls als nachgerade ideale Guidelines für einen grosszügig dimensionierten 5.1. - Raumbeschallungs- Aufbau , wie für die Wiedergabe von für Anja Utlers knapp 12- minütigem Hörstück “suchrufen , taub” nötig . Es ist bemerkenswert , dass die Produktion aus der Reihe LITERATUR ALS RADIOKUNST des ORF- Kunstradio das erste Mehrkanal- ( Surround Sound- ) Preiswerk in der Chronik dieser Auszeichnung darstellt .

An zwei aufeinander folgenden Vormittagen wurden die Preiswerke - einmal im Kontext der eigentlichen Preisverleihung und den Laudationes sowie ein weiteres Mal gefolgt von einem Gespräch mit deren Schöpfern , resp. dem in beachtlicher Menge erschienenen Publikum ( 9:30 H ! ) vorgeführt . Ein radikal auf die Stimme , deren Poesie und räumliches Splitting reduziertes Kurzstück wie Anja Utlers knapper Zwöfminüter hatte es selbstredend ein wenig schwer , gegenüber der von saftigen Grooves und kräftigen Basslines getragenen Gemeinschaftsarbeit Thomas Meineckes und David Moufangs ( “übersetzungen | translations” - 52 Minuten ! ) zur Wirkung zu kommen .

Was die beiden Preiswerke weiters unterschied , war , dass der Hauptpreis an ein vielseitig medienkunst- , sound- und radioerfahrenens Duo ging , der Förderpreis an das radiophone Erstlingswerk einer poetischen Einzelgängerin .

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THOMAS MEINECKE & DAVID MOUFANG

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David Moufang , Thomas Meinecke , Hans Burkhard Schlichting

Jurysprecher Frank Kaspar rekapitulierte die seit Moufangs Realisierung der Hörspielfassung von Meineckes Roman “Tomboy” ( Buch 2000 , suhrkamp | Hörspiel , BR 1998 ) zehn Jahre lang währende Zusammenarbeit des Duos , wobei er als Novum von “übersetzungen | translations” die fortgeschrittene Durchdringung von “Sprache” und “Sound” hervorhob :

Die Ausgangsidee war, einmal nicht von von einem schon vorhandenen Text auszugehen, sondern ein Stück von vorneherein aus dem Zusammenspiel von Sprache und Musik zu entwickeln. Das gesamplete Sprach- Material sind hier einzelne Buchstaben: Thomas Meinecke hat die Tastatur seiner Schreibmaschien auf das Keyboard eines Symthesizers übertragen, indem er im Hörspielstudio des Bayerischen Rundfunks alle Buchstaben des Alphabets - einmal in deutscher und einmal in englischer Aussprache - in allen 12 Tönen der Tonleiter gesungen und aufgezeichnet hat. Seine Stimme liegt auf Taste, als er in David Moufangs Aufnahmestudio nach Heidelberg kommt.

Aus diesen Samples lassen sich zehn relativ willlkürlich | spontan gewählte lexikalische Sigifikanten ( von “Glockenblume” | “daffodil” bis hin zu “Henry Kissinger” ) synthetisch in frei verfügbaren Rhythmen und Klangfarben buchstabieren und ergeben im Mix mit elektronischen und analogen Klängen einen organischen musikalischen Flow : Linguistik als tanzbares Mantra bis hin zur Auflösung semantischer Gehalte im quasi instrumentalen Loop .

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ANJA UTLER

David_Moufang_Thomas_Meinecke_Hans_Burkhard_Schlichting_Anja_Utler_Sczuka_Preis_2008

Gruppenbild mit Anja Utler

Im Effekt des lautlichen , morphologischen und semantischen Aufbrechens und Neuformierens von Wort- und Sinngestalten sind - man vernimmt’s mit Erstaunen - Meinecke | Moufangs und Anja Utlers Arbeiten einander näher als es groovende Fülle und konzentrierter Takt zunächst vermuten lassen : Auch Anja Utlers Stück ist ausschliesslich im Hinblick auf eine audiophone Realisierung entstanden und wurde - den Möglichkeiten der fünfeinhalb Surround- “Stimmen” entsprechend - in eine quasi Mallarmé’sche Partitur gefasst .

Die Stimme spricht , unterbricht , doppelt und synkopiert den Wortlaut in verschiedenen Sprachen , hart an der Grenze von Einzelsilbe bzw. -Laut . Auch in “suchrufen , taub” entstehen also Loops , wenngleich unregelmässiger und irritierender getaktet als die am repetitiven Techno orientierten Sequenzen von “übersetzungen | translations” . Wobei das ( auch noch im Stereo- Downmix vernehmliche ) “Wandern” der Stimme im räumlichen Spektrum der Arbeit zusätzliche Dynamik verleiht .

… und tatsächlich hat gerade die Souveränität und Präzision, mit der Anja Utler die Möglichkeiten der räumlichen Gestaltung für ihr Radiostück genutzt hat, in der Jury grosse Zustimmung gefunden. ‘Der Körper, an dem die Strömungen des eigenen Munds vielleicht aufbrechen, verbleibt im Raum des Ungesehenen und Ungehörten‘, schreibt Anja Utler selbst zu ihrem Stück: ‘Er gibt nicht direkt Laut, aber er treibt Laute hervor.’ Die Genauigkeit, mit der sie sprachlich die Balance hält zwischen Konkretion und Abstraktion, mit der sie physische Details benennt aber die Körper dann doch durch Ausweichbewegungen der Beschreibung selbst auf offener Bühne verbirgt, macht die grosse Qualität dieses Textes aus, der mit dem exakten Timing ihres Vortrags überzeugend ins Radio findet.

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FAZIT

sczuka turnhalle

Raum für auditives Team- und Timing- Training

Was hier im Metadiskurs nach “strenger Kammer” tönt , nimmt sich als konkretes Hörerlebnis absolut plausibel aus . Und so fanden im Turnsaal zu Donaueschingen zwei Werke zusammen , deren Inspirationen und kulturelle Bezüge wohl differenter nicht sein könnten , als deren Ergebnis indes jeweils eine distinkte auditive Erkundung der Fundamente der Wörtlichkeit steht . Ein Schürfen im Bergwerk der gesprochenen Sprache .

Hier hat eine Jury für einmal “nicht aus jedem Dorf einen Hund” gewählt , um diversen Ansprüchen zu genügen , sondern zwei Arbeiten auserkoren , welche auf differenten Wegen zu korrespondierenden Ergebnissen gelangen .

Mit Ausnahme der problematischen Relation der höchst unterschiedlichen Abspielzeiten - hier 11:49 und dort 52:09 - hätte man sich kein besseres Team im Trainingsraum radiophoner Rede wünschen können . Auch für künftiger Hörer aller Generationen wäre es produktiv , beide Werke auch weiterhin in Korrespondenz wahrnehmen zu dürfen . Voraussetzung dafür wäre freilich - Gentlemen’s first ! - , die Spieldauer beider Werke einander anzunähern .

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DIE JURY

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DIE SENDUNGEN

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LINKS

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RELATED

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Audio aktuell : Klassisch abgründig & Heute Hören



||| NACH HALL IM RE- RUN | HEUTE HÖREN 1 | HEUTE HÖREN 2

Mag das Hörspiel unter allgemeinem Applaus endgültig im postdramatischen Genre angelangt sein ( die Kür der akustischen “Rimini Protokollierung” von Band Eins des Marx’schen “Kapitals” für den “Hörspielpreis der Kriegsblinden” sei ein nicht unulkiges Zeichen ) , schöpft die klug inszenierte Lesung aus dem Vollen des paradoxer Weise meist reduzierten “verdichteten” Textes .

NACH HALL IM RE- RUN

icon listening blackWenn unsere “aktuellen” Hinweise allesamt noch unter dem Erscheingungjahr “2007″ figurieren , so deutet dies auf den dankenswert langen Atem des pubplizierenden Organs sowie auf den geringen Raum für Rezensionen des Genres . Es sei . Immerhin ist mit der Kategorie der Hörbuch- Rezension wieder so etwas wie eine Art “Hörspielkritik” in die Zeitungen zurückgekehrt , wenn diese still zu Grunde gegangene Textsorte infolge des Audio- Book- Booms nicht überhaupt wiederbelebt wurde . Nichts Schlimmeres soll passieren -

Diesmal :

HEUTE HÖREN 1

icon listening whiteWer die bisherigen Sendetermine von “Karl Marx : Das Kapital, Band 1“. Von Rimini Protokoll ( Bernd Ernst , Helgard Haug , Stefan Kaegi , Daniel Wetzel , DLF / WDR 2007 ) auf SR 2 ( 1. 5. ) sowie auf RBB Kultur ( 2. 5. ) verpasst hat , mag sich im heutigen “Hörspiel- Studio” des ORF ( 20:31 Uhr , Ö 1 ) gütlich tun .

Die Begründung der Jury für die Zuerkennung des “Hörspielpreises der Kriegsblinden” möchte man angehörs des ziemlich zerstreut galoppierenden 50- Minüters zwar zart in Zweifel ziehen , doch bilde sich Eine Jede sein eigenes Urteil :

Ein weiteres grossartiges Stück der renommierten Gruppe “Rimini Protokoll” stellt auf erhellende Weise Experten des Alltags in einen artifiziellen Zusammenhang. Im Hör­spiel “Karl Marx: Das Kapital, Erster Band” erforschen Helgard Haug und Daniel Wetzel, wo in der Gesellschaft dieses Buch, das jeder kennt und kaum einer gelesen hat, seine Spuren hinterlassen hat. Menschen setzen ihr Leben in Beziehung zu dem Werk. Der eine hat es gründlich studiert, die andere damit geheizt. Ein Wissenschaftler, ein blin­der Plattensammler, ein früherer Maoist, ein Gewerkschafter, eine Prostituierte und andere erzählen von Habenwollen und Spielsucht, Anlagebetrug, von Menschen als Ware, Fetischen, vom Arbeitsalltag, vom Marxwein aus Trier, von Neokapitalismus und alter Ausbeutung.

Die authentischen Stimmen sind zu einem provokanten und zugleich kulinarischen Radio- Erlebnis komponiert. Brüche, Zusammenstöße, absurde Beziehungen und eine hintergründige Komik entstehen. Die Jury lobte diese zeitgemäße Weiterführung des Originalton- Hörspiels. Sie genoss subtilen Witz, scharfe politische Analyse, Geistrei­chelei, und schließlich und vor allem den akustischen Mehrwert. ( Hervorhebungen czz )

Zweifelsfrei und unbestritten ist , dass die Preisübergabe am 2. Juni erfolgen wird . |||

HEUTE HÖREN 2

icon listening blackMit All- und Nirgendsörtlichkeit der Handy- Telephonie beschäftigt sich nur - wie die Produktionsnotizen zur jüngsten Ausgabe von “Literatur als Radiokunst” erweisen - die jüngere Generation in Gestalt von Monika Rinck , sondern auch ein Altmeister . In der ( leider nur monatlichen ) “ars acustica”- Sendung des SWR2 steht heute ( 23:03 Uhr ) eine Ursendung des immer noch hoch agilen Mauricio Kagel auf dem Programm : “Erratische Blöcke ” -Radiostück aus akustischen Bildern ( Regie und Komposition : Mauricio Kagel , Produktion : SWR | HR 2008 ) .

Mauricio Kagel über die Handy- Verhältnisse in Analyse und klangkünstlerischer Umsetzung :

Die diffusen Standorte, an denen man mittlerweile mit Hilfe der Mobiltelefone kommuniziert, sind längst keine privaten, sondern betont öffentliche Räume. Man könnte das als ein “Kontinuum der Monologe mit austauschbaren Folien” bezeichnen. Zu den wesentlichen Merkmalen der üblichen Verwendung gehören der Tempowechsel der Gespräche, ihre oft störende Lautstärke und die Dichte der gleichzeitig stattfindenden Telefonate.

Das Material der “Erratischen Blöcke” fusst auf realitätsnahen Situationen; dessen Darstellung verfolgt jedoch nicht das gleiche Ziel, sondern beschreitet genau den umgekehrten Weg: Durch Zuspitzung bestimmter Zusammenhänge wird auf eine andere, ebenso mögliche Wirklichkeit hingewiesen. Die Orte und Räume der akustischen Bilder wechseln oft mit der Geschwindigkeit eines Feuerwerks, dies entspricht auch der globalen Verwendung des Handys, die zu einer vielfältigen Polyphonie sui generis geführt hat.

Eine schnelle Abfolge der Informationen, Telefonsignale und musikalischen Ereignisse sind darum Grundmassstab der Montage; Durchsichtigkeit jedoch bleibt das wesentliche Ziel dieser Arbeit. Als Kontrast zu der dominierenden Transparenz der Textur finden im Verlauf des Stückes, und zwar in fast regelmäßigen Abständen, Verdichtungen von relativ kurzer Dauer statt; sie basieren hauptsächlich auf der Gleichzeitigkeit von verschiedenen Fassungen eines Abschnitts.

Eine Polyphonie der Richtungen und Bewegungen mittels Schritten, laufenden Rollbändern (wie in manchen Flughäfen üblich), Rolltreppen, Verkehrsmittel aller Art inklusive Pferdekutschen und Tretbooten wird unter anderem Grundlage der räumlichen Artikulation. ( Mauricio Kagel )

Eine schöne Stelle zur Parallel- Lektüre bietet sich in Philip Roths “Exit Ghost” , wo der gute Nathan Zuckerman nach zehnjähriger Abwesenheit das erste Mal wieder New York betritt und dort erstaunt eine Population von atemlos in Handy- Apparate monologisierenden Stadtbenützern antrifft … |||

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