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dbp : shortlist | Pst ! Ohrs bild’t



|| DEUTSCHER BUCHPREIS : EINE PROSAISCHE ENTPUPPUNG | PERORATIO PRAECOX | HANDKE , “HOCHMÜTIG” | NATIONALE NACHRICHT | UND NUN GANZ KURZ : DIE LISTE | FAZIT : VERLAGE - GENDER - GENERATION | KOMMENTAR OFFIZIELL | KOMMENTARE DER ANDERERN | LINKS | RELATED | KLANGAPPARAT

DEUTSCHER BUCHPREIS : EINE PROSAISCHE ENTPUPPUNG

dbp 08 rlogoDa es sich beim Deutschen Buchpreis ( dbp ) um eine ausschliesslich prosaische und dem traditionellen Erzählen zugewandte Marketingmassnahme des Börsenvereins des deutschen Buchhandels ( plus etlicher Sponsoren ) handelt , sei die termin- und gefühlsecht punktgenau gestern , am 17. September bekanntgegebene Shortlist fürs’s Erste in paar Varianten durch die poetische Anagramm- Maschine geschickt :

Stroh List | rohst Stil
Roths Stil | Strohs lit
Trost Hils. | rohst’s lit.
Shirts Lot | rohst List

Da klagen sie wortreich über die Unverkäuflichkeit der Poesie ( welche ja auch beim Bachmann. Wettbewerb keinen Stand hat ) , freuen sich anderseits über den grossen Zuspruch diverser Poetenfeste und Literaturevents beim Publikum , enden allerdings regelmässig mit dem Stoss- Seufzer “Aber ach , die holde Poeterey muss ja durch gängige Hardcover querfinanziert werden” .

Don’t shoot at the Jury , sie schwitzt und gebiert schliesslich ein gott- und marktgefälliges Werk , bei welchem - Schritt für Schritt - aus den Einsendungen deutscher , schweizer und österreichischer Verlage eine Longlist entwirft , aus welcher wiederum eine Shortlist ausgewickelt wird - bis dann aus dem Wust von -zig Tausend Seiten Romanliteratur am Vorabend der Buchmesse , das EINE Schmetterlingswerk aus sämtlichen Puppenstadien schlüpft , welches sich fortan mit dem Titel “bester deutscher Roman” schmücken kann . Zumindest bis denn dann Ende Juni 2009 die nächste Einreichfrist für den Deutschen Buchpreis 2009 endet …

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PERORATIO PRAECOX

dbp 08 rlogoQuasi PRACOX hat die seit ihren publizistischen Kampagnen gegen die Netzangebote der Öffentlich- Rechtlichen Sender besonders netzaffin sich gerierende FAZ bereits vor der Offenbarung der sechsstelligen Shortlist einen ihrer “Reading Rooms” eingerichtet , im Zuge der Rückbesinnung auf die Pflege der schönen deutschen Sprache diskret in “Lesesaal” umbenannt und zur Diskussion des originellen Themas “Was taugt die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2008 ?” präpariert . Imklusive MRR- Video- Interview .

Gegenwart und Zukunft des Romans” lassen sich dort freilich interaktiv umso intensiver diskutieren , als mit mit Dietmar Daths ‘Die Abschaffung der Arten‘ einer ihrer quickesten Journalisten .

Desgleichen wurde bereits vor Wochenfrist seitens des “Börsenblatts” bekannt , dass das Bündel der handverlesenen Shortlist- Autoren sogenannte “Blind- Date- Lesungen” ( sic ) in diversen Buchhandlungen zu Köln , Kiel , München sowie im Deutschen Goethe- Institut zu Rom absolvieren wird : “Ort und Zeitpunkt sind benannt - welcher Autor in welcher Buchhandlung liest, bleibt bis zuletzt eine Überraschung.”

Surprise , surprise : Wie aus Kreisen mancher Betroffener zu vernehmen , wird ein solches Zwangslesen ( was denken Sie : die PR- Maschine der Verlage jaget auch noch das scheueste Genie aus ihrer | seiner Enklave ! ) nicht von allen Autoren im Sinne besonderer Glücksgaben genossen .

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HANDKE , “HOCHMÜTIG”

dbp 08 rlogoSolches und Ähnliches klug voraussehend , hat Peter Handke sich und seine gelonglistete “Morawische Nacht” bereits vor vierzehn Tagen aus dem Pool des ‘Deutschen Buchpreises’ extrahiert :

Ich freue mich für die ‘Morawische Nacht‘ auf der Buchpreisliste. Aber ich möchte zugunsten der anderen Gelisteten, vor allem der jüngeren, zurücktreten, samt Respekt vor der ehrenwerten Jury.

Grund genug für die Holtzbrinck- | Handelsblatt- Expositur des Tagesspiegels , eine Handvoll Handke- Häme zu streuen :

Es scheint noch wahrlich edle Gemüter unter den Schriftstellern zu geben. So wie Peter Handke. Der hat gestern in einem Brief an den Börsenverein auf seine Nominierung mit dem Roman ‘Die morawische Nacht’ für den Deutschen Buchpreis verzichtet. Handke will also anderen den Vortritt lassen. Soso. Das klingt edler als es in Wirklichkeit ist. Denn gewinnen (ausser Geld) kann Handke nichts – fällt er aus der Longlist, ist das womöglich peinlich. Sollte er den Preis gewinnen, würde er als vielfach ausgezeichneter Dichter (u. a. Büchnerpreis) auch nicht viel mehr an Ruhm einfahren. Tatsächlich wirken ja Namen wie Handke, Martin Walser oder auch Wilhelm Genazino auf der Buchpreisliste merkwürdig. Diese Schriftsteller sind eingeführte Größen, sie müssen nicht am Markt etabliert werden, was ja eines der erklärten Ziele des Deutschen Buchpreises ist. Ihre Bücher aber nicht zu nominieren, hätte ebenfalls etwas Widersinniges, zumal wenn sie eben ihre Qualität haben.

“Hochmütig” geschimpft wird ein solcher Verzicht aufs ( wer kann’s dieser Tage noch hören ? ) olympische Prinzip ‘Dabeisein ist alles ‘ . Und , viel schlimmer noch , die Unterstellung , Handke weiche dem direkten Stechen gegen jüngere Kollegen aus . Da schlagen sich , so der TS , der allzeitbereite Genazino und der ewige Walser schon wesentlich sportlicher :

Handkes Verzicht zeugt eher von Hochmut und einer gewissen Respektlosigkeit gegenüber den jüngeren Kollegen. Wer gewinnt schon gern gegen einen renommierteren Kollegen, ohne dass dieser zum Wettkampf antritt ?

Der Level an Genervtheit reicht und reift also längst vor der tatsächlichen Bekanntgabe der sechsstelligen Shortlist am 17. 9. an die Grenze der Gereiztheit . Gestern , hélas , wurde nun die Kurzliste endlich an die Öffentlichkeit entlassen . Was die Anlässe für Ärgernisse indes in keiner Weise reduziert .

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NATIONALE NACHRICHT

dbp 08 rlogoDass die APA dezidiert den österreichischen Aspekt sämtlicher Meldungen hervorzuheben pflegt , mag man als “Branding” schätzen , erscheint als nationale Perspektive doch immer wieder ärgerlich : Nachdem man bereits um 10:30 Uhr mit “Kein Österreicher auf der Shortlist für Deutschen Buchpreis” titelt , im Untertitel allerdings das Trostpflaster der per shortlisting von Iris Hanika ( Droschl Literaturverlag ) und Sherko Fatah ( Jung und Jung ) immerhin zwei ausgesuchten österreichischen Verlagshäusern verabreicht , folgt die Liste der Leider- Draussen- Gebliebenen Olga Flor ( Kollateralschaden , Zsolnay ) und Norbert Gstrein ( Die Winter im Süden , Hanser) plus dem freiwillig aus dem Verein ausgetretenen Peter Handke ( Die morawische Nacht , Suhrkamp ) . [ APA0140 2008-09-17/10:30 ]

Vier Stunden später ( 15:01 ) hat sich die APA für den ‘Schwerpunkt DDR’ entschieden :

Finalisten für Buchpreis stehen fest : Zwei Romane über die DDR - Keine österreichischen Autoren nominiert - Uwe Tellkamps ‘Der Turm‘ und Ingo Schulzes ‘Adam und Evelyn ” spielen in untergehender DDR [ APA0485 2008-09-17/15:01 ]

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UND NUN GANZ KURZ : DIE LISTE

Die nominierten Romane ( A - Z )

Demnach keine Mehrheiten für Marcel Beyers ‘Kaltenburg‘ ( Suhrkamp ) und für Karin Duves ‘Taxi ‘ ( Eichborn ) ?! - Schade , äusserst schade , finden wir dies unmassgeblich in|ad|ae|qu|at -

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FAZIT : VERLAGE - GENDER - GENERATION

  • Grossverlage : 4 von 6 | KMBs ( bezeichnender Weise aus Österreich ) : 2 | 2mal “Suhrkamp- culture” , 1mal “the Hanser way of life” ( F. v. Lovenberg ) , 1mal Berlin- Verlag
  • Gender Autoren : 5 maskulin , 1 feminin
  • Generation : Jahrgänge 1958 ( Rolf Lappert ) bis 1970 ( Dietmar Dath )

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KOMMENTAR OFFIZIELL

Gottfried Honnefelder , Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und Vorsitzender der Akademie Deutscher Buchpreis auf der Heimseite des dbp :

Die Jury hat in diesem Jahr ein umfangreiches Programm hinter sich gebracht und aus einer Fülle sehr guter deutschsprachiger Romane sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis 2008 ausgewählt. Ihre Werke prägen die Diskussion über die aktuelle deutschsprachige Literatur in diesem Herbst bei Lesern, Kritikern, Verlegern und Buchhändlern – eine Diskussion, die gerade auch in der ausländischen Literatur- und Verlagsszene durch den Deutschen Buchpreis wieder intensiver geworden ist …

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KOMMENTARE DER ANDERERN

dbp 08 rlogo Allgemein wird über ein gewisses Missverhältnis zwischen den munter^fort und fort produzierenden ( sowie bepreisten ) Altmeistern ( Walser , Handke ) , einem mehr gegenwärtigen Mittelfeld ( Uwe Timm , Norbert Gstrein ) sowie den bombastischen ( Tellkamp ) bzw. radikalen ( Dath ) geklagt . Soweit zur Longlist .

Die Kür der Shortlist findet selbstredend höchst diverse Resonanz , wobei ( im FAZ- Lesezimmer ) häufig vom grundsätzlichen Arbiträren jeder Jury die Rede ist sowie vom beleibten Gesellschaftsspiel des Jury- Bashing . Thomas Anz vermisst zu Recht Karen Duve , das Fehlen Marcel Beyers wird von Vielen beklagt , aber der sei - man kennt als Juror solche “Logiken” nur allzu gut - hinreichend gelobt und worden und per Breitbach- Preis bestens versorgt . Denis Scheck macht sich über Tellkamps Monsterroman lustig und vermisst - wie viele andere - Feridun Zaimoglus ‘Liebesbrand‘ . Kurz , so DER SPIEGEL mit reisserischer Überschrift über einer schlichten dpa- Meldung : “Die ganz großen Namen sind allerdings nicht mehr dabei.” -

“Geschenkt” - kann man da nur sagen und “De gustibus non est disputandum” . Die WELT beklagt das Fehlen “von Grazie, Charme und jener Gelehrsamkeit, die sich nicht aufdrängt, sondern schlicht erfreuen will” eines Hans Pleschinski ( Ludwigshöhe , C. H. Beck ) zugunsten der “gestemmten, angestrengten Wissenschafts-Wuchtungen eines Dietmar Dath” .

Ina Hartwig macht sich in der FR natürlich für die weibliche Hälfte das weibliche Sechstel der preiswürdigen Frauen stark und hält Marlene Streeruwitz’ ‘Kreuzungen‘ immerhin für “diskutabel” ( wohin ihr Wenige folgen können werden , die diese pseudo- freudianische Kolportage auch tatsächlich gelesen haben ) , die NZZ freut sich über den einzigen Schweizer in der Shortlist , Rolf Lappert , den wiederum manch Anderer unter den Kommentatoren für arg leichtgewichtig hält .

Die beiden bisher wichtigsten - da strukturellen - Statements erklingen aus dem “Lesesaal” . Da wäre

1. Michael Lentz mit seinem Appell , solche unnötigen Wett- Bewerbe von Autorenseite zu boykottieren - “Der Buchpreis gehört abgeschafft ” :

Jedes Jahr stürzt er Autoren in Depressionen: man kommt erst gar nicht auf die Longlist (fast alle), man schafft den Sprung auf die Shortlist nicht (weitere 14), man bleibt im Römer sitzen (noch mal 5). Der bedeutendste deutschsprachige Schriftsteller, Peter Handke, hat vorgemacht, wie die Abschaffung von Autorenseite aus zu bewerkstelligen wäre:

lieber nicht möchten und konzertiert von der Nominierung zurücktreten. Damit dieser Unsinn ein Ende hat. Hier werden künstlich erzeugte Abhängigkeiten geschaffen: die ganze Branche schaut nur noch auf den Buchpreis; Bücher, die nicht mal auf der Longlist stehen, bleiben unsichtbar; es findet kein vielstimmiger Diskurs über Literatur mehr statt, vielmehr entscheidet ein betrieblich orientierter Ausschuss über das Buchgesicht des Jahres.

Missgunst, üble Nachrede und Uninformiertheit bei gleichzeitigem Geschwätz über die gelisteten Bücher (nebst angehängten Autoren) sind die Folgen - mit Literatur hat dieser Preis nichts zu tun.

2. Die Redakteurin der Stuttgarter Zeitung , Julia Schröder trifft den Nagel auf den Kopf :

Ganz egal, welche Titel im einzelnen auf “Longlist” oder “Shortlist” des Deutschen Buchpreises landen, ganz egal, welcher Autor am Ende den Preis bekommt, ein Sieger steht von vornherein fest: der Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Die Branchenvereinigung hat mit dem Preis etwas geschafft, was jahrelange Diskussionen um “Buchmarketing” nicht bewirken konnten: die allgemeine (und wo nicht allgemeine: die mediale) Diskussion um neue deutsche Bücher aufzuladen mit einer Spannung, die zur Preisverleihung in knapp vier Wochen das zu erwartende Feuerwerk der guten Laune, des Auflagenerfolgs und des Lizenzverkaufs entzünden wird.

Schon meldet das Börsenblatt freudig, allein aufgrund der Langliste seien Nachauflagen gedruckt worden, Buchhändler geben kund und zu wissen, sie präsentierten die Titel “im Eingangsbereich”. Schön, das. Für Handel und Wandel, für die Buchkäufer. Auch für die Leser ? ( … ) Dem Leser hilft das allerdings wenig. Er täte gut daran, sich von einer Einkaufsliste zu emanzipieren, die auch in diesem Jahr - zwangsläufig - entstanden ist nach der Proporzdynamik jeder Jury, die aus mehr als einer Person besteht.

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LINKS

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RELATED

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KLANGAPPARAT

Sequenzer straigt und keine Schnörkel : Eine EP als akustische Shortlist einer aus den 80er Jahren herausgewachsenen Gegenwärtigkeit . Wer will ,czz-hoerempfehlung mag auch einige dreckige Disco- Derivate erkennen : “Alles nur geklaut” lautet besverprechend die beim Netlabel Kreislauf erscheinenden EP . Ein Maschinenmeister ohne falsche Attitüde : Johnny Peinlich ( more music @ MySpace ) wirkt und werkt in Berlin . Dreimal REPLAY sollte mindestens drin sein . 01. omg | 02. wtf | 03. was du hast | 04. ist alles nur geklaut - CLICK LINKS AND LISTEN.

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Henri Chopin ( 1922 - 2008 ) || Echoes



||| SE TAIRE - TUER | TABULA RASA | HAND , MUND , MAGNETOPHON | MIKROPHON ALS MIKROSKOP | DISTORTED BODY SOUNDS | WIDER DIE ORDNUNG DER DINGE | FX : MISSING LINKS | KRIEG : BEUYS , ARTAUD , CHOPIN | POESIE , MUSIK , HARMONIE ? | LINKS | BLOG REACTIONS | TEXTS , TUNES , VIDEOS | SPECIALZ

SE TAIRE - TUER

czz- pikto blind fuer TOD“Aujourd’hui , la poésie sonore est sans voix . Henri Chopin s’est tu le 3 janvier 2008 .”

Besser als das Blog Les infos T.A.P.I.N. vermag man es gar nicht zu formulieren , “s’ est tu” für “ist verstummt” , mit gleichzeitigem Anklang an “tuer” / “Töten” .

( In Österreich , wo Chopin 1992 bis 2004 an der Schule für Dichtung lehrte , traf die Nachricht erst am 9. / 10. 1. ein . )

Diese akustische Verwandschaft von “Verstummen” und “Töten” bezeichnet genau die Antithese zu Henri Chopins dezidiert körperlicher “poésie sonore” : Krieg , Résistance , Arbeitslager , KZ , das zufällige Überleben des grossen Todesmarsches : “Ich lernte ,” so der Dichter bei einem Interview 2004 ( 1 ) , “ich lernte , geschlagen zu werden und als Skelett in Zweierreihen zu gehen ” . Extreme Körpererfahrung , auch später , Anfang der 50er Jahre , schwer krank im Lazarett in Korea . |||

TABULA RASA

czz- pikto blind fuer TODZurück in Frankreich war klar : Der Wunsch zu dichten . Aber das Mittel ? - Die klartönende und -tötende Sprache des Befehls , wie er sie bereits von früher Kindheit an von seiten des Vaters - einem glühenden Pétainisten - kennen gelernt hatte , verbot sich . Verbot sich nach diesem Krieg , dessen fatale Sprache als fernes Echo im Land der Parnassiens und der sakrosankten Académie Francaise nachhallte . Verbot sich der Schrift im traditionellen Sinne . Verbot sich der tabula rasa des blütenweissen Papiers .

Ihm , der nach eigener Aussage “Tausende Leichen gesehen hat” , ging es um die Dichtung als präsente Entäusserung des lebendigen Körpers . |||

HAND , MUND , MAGNETOPHON

czz- pikto blind fuer TODAls ihm 1955 ein Grundig- Tonbandgerät in die Hände geriet , war Werkzeug und Weg gefunden , den per Mikrophon abgetasteten Körper zum Sprechen zu bringen : Und dies weit über den Mund und das Gehege der Zähne hinaus . Am Anfang standen Experimente mit Sprach- und Lautaufnahmen , einspurig , zweispurig , vierspurig . Manipulation der Abspielgeschwindigkeiten - ergo : Tonhöhen und -Verzerrungen . Versetztes Abspielen identer Aufnahmen : Echo , Delay . Hier wurde experimentell ein Repertoire von Effekten erarbeitet , die heute via presets und plug- ins als selbstverständliche Voraussetzungen des Dispositivs elektronischer Musik gelten .

Sound example ( click to listen ) : Extrême Tension ( 1974 , 4:30 ) |||

MIKROPHON ALS MIKROSKOP

czz- pikto blind fuer TODAber Chopin trieb es noch weiter : Wie zuvor die Forscher das Mikroskop zum Sichtbarmachen von bis dato unsichtbarer Feinstrukturen gebrauchten , setzte Chopin das Mikrophon für akustische Erkundungen des - eigenen - Körpers ein . Er beliess es indes nicht beim systematischen Erkunden des “Orchesters” im Klangraum der Mundhöhle ( so , wie es Franz Mon Anfang der 60er Jahre mit seinen “artikulationen” fortgeführt hat) . Kontaktmikros auf der Haut , Herztöne , Atem ( der biblische Brodem , welcher Materie zu “Leben” verwandelt ) . Und immer weiter arbeiteten sich Chopins Klang- Explorationen im Selbstversuch ( nicht selten schmerzhaft ) ins Innere der Speiseröhre vor , hinab in den Magen . Die medizinischen Assoziationen bleiben : Rachenspiegel , Stethoskop , Sonde . |||

DISTORTED BODY SOUNDS

czz- pikto blind fuer TODDie solcherart “zu Tage” geförderten Klänge ent- sprachen dabei den gesellschaftlichen und zivilisatorischen Verdrängungen der unkontrollierten , animalischen- archaischen “body language” . Auf Band gebannt , unterlief Chopin die pur akustische Reproduktion eines naturalistischen Materialismus , indem er das so gewonnene Klang- und Bandmaterial in Verzerrungen , Stauchungen und Überlagerungen abspielte . Live zerlegte er vor diesem Hintergrund Wörter in deren Einzellaute , so dass sich zum “akustischen Sturm im Innern” ( Chopin ) die Entäusserungen von mündlichen Artikulationen , die Zersprengung von Wörtern in deren Einzellaute , addierten .

1994 hat Chopin in einem Short extract about my working method das Fehlen jeder schriftlichen Vorlage für seine Performances hervorgehoben :

it is now thirty years that I do not write any scores before assembling an audio-poem. It is just by heart and using only my memory that I conceive the expressions of my body. basically through my mouth with its breathing etc., which become my only solid score. There, I discover a world without limits, from prattles to phonic lacerations. All this happens on, and with the help of, a Revox tape machine, with the addition of sound effects like echoes, changes of speed, larsen effects, until the final editing through sound collages.

Michael Lentz , selbst virtuoser Sprechperformer und Verfasser des Standardwerks zur LAUTPOESIE , hat auf den alten romantischen Gedanken vom “Ausstülpen des Inneren” hingewiesen ( 1 ) . Neu an Chopins radikal “konkreter” Praxis von Poesie war freilich die absolute Negation jeder Idee des Schön- und / oder Wohlklangs . |||

WIDER DIE ORDNUNG DER DINGE

czz- pikto blind fuer TODDer Körper , das Tonband , das absichtsvolle Zerbrechen intakter Worte und damit der Dienstbarkeit von Alltagssprache : In Chopins Performances bleibt kein Element dort , wo es in der üblichen Ordnung der Dinge hingehört : Dem Leib entweichen akustische Urlaute , die Technik wird - via Tonbandgerät - ebenso malträtiert , der Mund schreit , spuckt und stottert . Kein Teil benimmt sich , wie es sein sollte .

Sound example ( click to listen ) : 2500 , les Grenouilles d’Aristophane ( 1967 , 4:29 )

Wäre demnach Chopins “poésie sonore” folglich lediglich als totale Negation und Verweigerung zu verstehen ? - Als technisch generierter Anachronismus ? - Chopin demnach ein “Primitiver des elektronischen Zeitalters ” ? |||

FX : MISSING LINKS

czz- pikto blind fuer TODDiskussionen , wie sie eben - sehr lesenswert - zum Thema auf Seiten wie create digital music stattfinden, erweisen , dass der Poet mit seinen ( auf YouTube ausgestellten ) Performances gerade die jüngere Generation noch zu schockieren vermag . Hier klaffen enorme information gaps , missing links , welche die produktiven Avantgarden der 50er und 60er Jahre mit einer aktuellen Soundkultur vermitteln würden ; einer Klangkultur , welche ohne die Vor- und Forschungsarbeit von Grenzgängern wie Chopin heute zweifellos eine andere wäre . Fritz Ostermayer hat die methodische Soundpoesie Chopins einmal in den Kontext früher Formen des Samplings gerückt :

Und wiederum andere wie Henri Chopin, mit seiner konkreten Poesie, erforschen die Mikrostruktur ihrerselbst. Chopin die seiner Stimme. Chopin sampelt eine Kleinsteinheit seiner Stimme - nur einen Vokal - und bauscht sie auf zu einem Fest der stimmlichen Elementarteilchen.

Elektronische Musik , Soundpoesie , das embodiment und disembodiment of voice : Heute dreht man Knöpfchen , schaltet den Vocoder ein , jongliert mit preset- “FX” und Filtern auf 48 Studiospuren . |||

KRIEG : BEUYS , ARTAUD , CHOPIN

czz- pikto blind fuer TODAuch wenn es pathetisch klingen mag , so sei noch einmal auf die psychischen und physischen Grenzwerte der Kriegserfahrung hingewiesen : Sei’s in den Obsession mit den Basal- Materialien wie Filz und Fett eines Joseph Beuys , sei’s im entmenschten Schrei eines Antonin Artaud , sei es in der geradezu medizinisch- pathologischen Audio- Auto- Biopsie eines Henri Chopin . Wie sich für die “Generation Dada” nach dem Ersten Weltkrieg die instrumentelle Sprache und deren linearer Sinn versagte ( ebenso wie die Gegenständlichkeit in der Malerei ) , so verantwortete der “Zivilisationsbruch” durch Zweiten Weltkrieg und Holocaust eine weitere “broken language” .

“Ich wollte” , so Chopin 2004 , “eine ungreifbare Sprache finden , eine Sprache , die von den Mächtigen weder kontrolliert noch zensuriert werden kann ” . Sprache - im engeren Sinne Poesie - hat sich auf dem Wege ihrer Zersplitterung in Laute ( sowie in ihrem JETZT- Charakter der unmittelbaren Performance ) weiter der Musik angenähert . Und erfüllt damit - paradoxerweise kraft Zerstörung - die uralte Sehnsucht der Dichtung , ins Reich der körperlosen musikalischen Harmonie einzugehen . |||

POESIE , MUSIK , HARMONIE ?

czz- pikto blind fuer TODDass sich aber just diese ungetrübte Harmonie für jede akute Musik seit Schönberg verbietet , ist bekannt . Es sei denn , man lebt in der Welt der Schlager . Dann , aber nur dann , darf man sich heute noch über Werk , Wesen , Wirken dieses Charismatikers erregen .

Hier noch ein schönes Zitat aus erratum ( welches fast überall ohne Angabe von Quelle und oder Autor herumgereicht wird - vielleicht finden wir auf diesem Wege seinen Schöpfer ?) :

Thanks to the systematic use of microphones, amplifiers, tape recorders, editing and mixing consoles, he has given a voice to realms beyond modern or experimental music, beyond any note system and headed for spaces without norms, categories, definitions or limits: spaces of permanent metamorphosis. But despite misleading appearances, Henri Chopin is not merely doing a new kind of music; he is not just a consequence of Pierre Schaeffer’s concrete music principles and Pierre Henry’s experiments in the fifties. Henri Chopin is an individual (in Stirner’s sense: the ego and its own) who has always resisted absurd attempts to reduce him to part of a movement, a school, an academism; what one perceives are Henry Chopin’s bio-psychical vibrations, that he himself constructed by electronically recording, then modifying, amplifying and transforming the energies of his own body.

Allerdings gibt es Andere , deren Audio Art , Laut- und konkrete Poesie , Ars Acoustica , Radiokunst , Mikrotonalität und Soundscapes Wissen und Geist dieses grossen kleinen Mannes weitertragen . |||

LINKS

( 1 ) Mein Körper ist eine Klangfabrik . Henri Chopin : Ein Pionier der akustischen Poesie , Feature von Eva Roither und Martin Leitner , ORF Tonspuren , 14. 10 . 2005

BLOG REACTIONS

TEXTS , TUNES , VIDEOS

SPECIALZ

Von Büchern und Pülchern



Da sich beretis der Titel Denen nicht unmittelbar im linguistischen Kleinklima Wienerischer Idiomatik Befindlichen eventuell nicht prima vista erschiessen mag , hier die Tripel- Traduction von “Pülcher” in den hochdeutschen Tunichtgut , den frankophonen voyou sowie den angloamerikanischen crook .

BRUS Meinung und DeinungIm thematischen Targetting auf - dreimal recht geraten - die Hotlist der Bachmannpreis- Lese- Teilnehmer ( mit 14 : 4 männiglich männlich ) wird es - mit Elke Heidenreich ( im Focus verlautet ) auch in Klagenfurt “Nie wieder ekelhafte Altmännerliteratur!” geben , was maximal für die Vortragenden gilt , mit Einschränkungen für die Juoren . Das Corino- Vorspiel hat sich ja hinlänglich herum gesprochen . Zu recht markiert da ein nettes Wirtschaftsmagazin den Kampf ums ( literarische ) Dasein als Ego- Shooting ohne rücksicht auf verluste , was durchaus auch für die Kämpfe um die Deutschsprachige Literatur in der noch ingrimmig ums teutsche Volkstum ringenden Kärntner Südmark gilt .

Nur gut , dass wir den 1996er TDDL - Teilnehmenr Richard Obermayr sicher und schicklich zu Gast bei Subkontent in Tokyo wissen . Bevor also das allgemeine Meinen , die grösseren und kleineren Gemein(t)heiten in genau einem Monat samthart über Lesepodium und Bilschirme gehen , gälte es noch auf eine Kulturtechnik hinzuweisen , von deren Notwendigkeit alleine die bereits jetzt kiloweise aus dem berstenden Briefkasten quellenden Din A 4 Postillen der Vorschauen auf Verlagsprogramme 2007 / 2008 überzeugen .

Ausgehend von Pierre Bayards köstlichem Essay Comment parler des livres que l’on n’a pas lus ? macht sich das Fähnlein Fieselschweif französisch bloggender Buchhändler praktische Gedanken nicht nur zu Konversations- Mustern über fingierte Lektüren , sondern auch - - - vorsicht , jetzt wird’s philosophisch - - - darüber , ob man ein Buch je “wirklich gelesen” haben kann. Borges’ Pierre Ménard, Autor des Don Quixote grinst schon herüber : :: Kommt sofort auf die inadäquate Blogroll !

BRUS Meinung und DeinungGegen das Meinen , das Gemeine, mitunter auch gegen das Gemeinte haspelten ja auch Karl Valentins Kamikaze- Sprachkaskaden an. Da sich der Geburtstag des “Avantgardisten und Musikaktivisten” am 4. Juni zum 125 . Mal jährt ( und zum 49. Mal dessen Tod infolge einer Unterernährungs- Lungenentzündung ) , stellt Michael Lentz eine erfreulich trockene und unverwitzelte Hommage ins FAZ- Netz . Was in den restlichen Blättern darüber gedacht , gemacht und aufgemacht wird , darf man ( etwa im SPIEGEL ) selber lesen .

Angemerkt sei legilich hier und auch in eigener Sache , dass Lentz 2000 mit der H. C. Andersen- Paraphrase Tell Me / Erzähle ein heftig virtuoses Stück Literatur als Radiokunst im Studio 4 des ORF- Funkauses produzierte . Einen MP3- Auszug bieten wir Ihnen hier . [ In case of Invalid Source >>> back to the link of Tell Me / Erzähle .]

Bevor wir uns nun in die “Namen sind Nachrichten”- Kurve der Bachmannpreis Kombattanten werfen , sei noch auf das pittoreske Bild- Leitmotiv dieser Notizen hingewiesen ::: Die Zeichnung stammt von Günter Brus und illustriert einen nicht minder betrachtenswerten Artikel , welchen der Alt- Aktionist unter dem Titel Meinung und Deinung ins aktuelle DATUM gesetzt hat . - Die Frage , warum ausgerechnet Poeten und Dichter eine öffentlichkeitsrelvante Meinung zu Diesem oder Jenem besitzen oder gar “vertreten” sollen , stellte sich jüngst angesichts einer FAZ- Befragung von Schriftstellern wie Monika Maron, Christiph Hein und Jenny Erpenbeck zu Schäubles “Schnüffelkonserven” ante Heiligendamm .

Nun aber zu ultimativen Liste der Bachmaniacs , deren further Details man höflich in den Veranstalter- Unterlagen ansehen mag . Folgen also ( remember very basic rule of journalism ? ::: “Namen sind Nachrichten” ) die Vortragenden sowie in Klammern deren Fürsprecher . Knallhart alphabetisch .

BRUS Meinung und DeinungJörg Albrecht ( Ilma Rakusa ) , Martin Becker ( Klaus Nüchtern ) , Christian Bernhardt (Klaus Nüchtern.) , Jan Böttcher ( Ijoma A. Mangold ) , Andrea Grill ( Daniela Strigl ) , Björn Kern ( Karl Corino ), Peter Licht ( Iris Radisch ) , Jagoda Marinic ( Martin Ebel ), Milena Oda ( André V. Heiz) , Kurt Oesterle ( Karl Corino ), Ronald Reng ( Martin Ebel ) , Silke Scheuermann ( Ursula März ), Fridolin Schley ( Ijoma A. Mangold.) , Jochen Schmidt ( Ursula März ) , Lutz Seiler ( ilma Rakusa ) , Thomas Stangl (Iris Radisch ), Michael Stavaric ( Daniela Strigl ), Dieter Zwicky ( André V. Heiz ).

Wie sagte Karl Valentin ::: “Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.”

Deshalb hält inadäquat jetzt ausdrücklich die Klappe und czz hörempfehlungverabreicht leitet diskret die musikalische Sättigungsbeilage in Form der EP Conception des aus Warschau nach Henscheid ( nicht zu Eckhard ! ) gesiedelten Tepresto . Als Release Numero 5 des netlabels clear-cut legt der 29-Jährige einen diskreten Herz- Schrittmacher hin , wobei die Eigendefinition bemerkenswert vom warm Fühlsamen ins sinister Depressive glitcht ::: “tepresto stands for a sentimental, warm and intelligend sound, often the listener gets accompanied by depressive feelings .” - Nicht diskutieren - ausprobieren ::: 01 conception , 02 electrotriebwerk , 03 hypnotized .