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Salon Littéraire | herbert j. wimmer : KÜHLZACK & FLEXER - Im Schwellenwirtshaus



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Salon Littéraire | herbert j. wimmer :

KÜHLZACK & FLEXER - Im Schwellenwirtshaus

schwellenwirtshaus copyright herbert j wimmer 01

01
der dreck des glücks, das glück im dreck: in der sonne späten mittags leuchten die zufallsmuster von schlieren auf der lange nicht mehr gewaschenen fensterscheibe des stammlokals. gleichzeitig empfindet kühlzack ein glücksgefühl, unverdient aber nicht überraschend, das seinen ganzen körper auskleidet und ihn für den augenblick vergessen lässt, wie sehr er sich hasst, sich misstraut. im nächsten augenblick lassen andere botenstoffe andere neuronen feuern oder verhindern ihr feuern.
merklich irritiert rutscht flexer auf seinem visavis-bankerl, zeichen von gück und zufriedenheit beim gegenüber berunruhigen ihn zutiefst. das einkrampfen flexers wahrnehmend, lässt kühlzack nun sein wohlgefühl ungehemmt herausstrahlen, voll lachen mund und augen, wärmewellen schwappen über den nicht abgeräumten mittagstisch.
wolken saugen das direkte sonnenlicht auf, der glanz des drecks verwandelt sich in sichtverhindernde schmutzkruste. kühlzack blickt zur geschlossenen durchreiche, hinter deren riffelglas der schatten des wirts vor dem hektisch aufleuchtenden bildschirm des küchenfernsehers vorbeikrümmt. der wird nicht so bald in der gaststube auftauchen, wissen die beiden stammgäste aus erfahrung. flexer setzt zu einer stimmungsabhellung an, kühlzack ist mittlerweile schon zu indifferent, um ihn davon abzulenken.

02
ich wache auf und halte im lesen inne, das heisst: ich lese und wache auf. ein geräusch drängt aus dem untergrund der tapete ins zimmer. ein gutturales röhren, gurgeln und knurren erschreckt mich. es dauert einige zeit, dann erst merke ich, dass es wutschreie sind und dass es in meiner erinnerung losgeht, dass das wutgeheul aus meiner gedächtnistapete herausfetzt. die masslose wut meiner mutter knurrt mich an, meine wutmutter. sie tobt durchs haus, allein gelassen und verrückt vor eifersucht stösst sie die gerätschaften permanenter reinigung aller oberflächen vor sich her, schleift sie hinter sich her, was sich nicht festkrallen kann, vor mir die scheppernden eimer, die knirschenden borsten der reibbesen - wir sind wieder tief in den fünfziger jahren, auf den strassen patrouilliert der besatzungsrusse, langsam erst trauen sich die alten nazis wieder wer zu sein, mit zusammengekniffenen gesichtern ihre reuelosigkeit gleichzeitig verbergend und herzeigend, ihre schweren schritte in quietschenden alten stiefeln, ihre dunkelschweren speckigen lederhosen. die knirschenden borsten der reibbesen scharren vor mir her über den holzboden, vor mir her, der hinter ihr herhängt, tief heult es aus ihr heraus, brodelt es giftig herauf aus den engen schluchten der enttäuschung. ich bin aufnahmefähig für allen hass der welt, die sie, meine wutmutter, für mich ist, eine alles verschlingende, alles verspeiende kugel aus geschrei, auswurfsgeschrei, ätzend klebrige beschimpfungsfäden, erstickend umklammert von schlimmster irritation: obwohl sie völlig verwandelt ist, kann ich nicht wegrennen, denn sie riecht, wie sie immer riecht, anziehend.
flexers rede versickert in erwartungsvollem schauen.

03
gedächtnistapete, wiederholt kühlzack, das haben sie schön gesagt.
soll er jetzt mit einem artikel ablenken, den er vormittags gelesen hat, irgendwas über spiegelneurone, die zwei italiener ende des letzten jahrhunderts zufällig entdeckt hatten? die erzählung mit der wutmutter hat ihn ganz schlecht in entferntes zurückgeworfen, wie kann da heiterkeit aufkommen. hatte er nicht einmal charakterlos bleiben wollen, charakterlos werden wollen? unentwegt drängten die gefühlsemulsionen aus fremdbestimmung in intimität auf ihn ein, in ihn hinein. nur enttäuschungen konnten dieses unentrinnbare menschenambiente, diese schrecklich interaktive menschentapete, schon wieder tapete, der begriff des späten mittags im übergang zum frühen nachmittag, konnten die zwischenmenschlichen annäherungen halbwegs auf distanz halten. im unverstellten gab es kein leben. jede auch nur ganz oberflächliche reproduktion erwünschten verhaltens führte in dauernde unterlegenheit, dauernde unterbutterung in endlosen entschuldigungsgesprächen für kleinste abweichungen vom gezeigten charakter. dann lieber gleich gänzlich charakterlos und damit gänzlich unabschätzbar werden, eine aus kindlicher not geborene spezifikation des unvermeidlichen.
abscheulich um verzeihung sollte kühlzack im zuge seiner charakterbildung ersuchen, die abscheulichkeit seiner charakterverminderung sollte er einsehen. mit der zeit gelang es ihm, die tieferen modifikationen seiner oberfläche unter einer maske der unsicherheit zu verbergen. diese hatte den vorteil, dass sie in den stets anklagebereiten familienmitgliedern ein ebenso unauslöschliches wie ungreifbares misstrauen in die aufrichtigkeit um nicht zu sagen authentizität seiner eingeständnisse, seiner spezifischen anpassungen nährte. spürte er dieses misstrauen herandrängen, konnte er wellen von heiterkeit wahrnehmen, wie sie durch dieses gebilde rollten, das er als körper zu akzeptieren gelernt hatte.
oft jedoch fühlt er jetzt ein gewisses misstrauen sich selbst gegenüber, dass alles, was er geworden ist, jede verweigerung, jede charakterlosigkeit, jede hinwendung und jede zurückweisung, im reproduktionsrepertoire seiner familieneigenschaften immer schon angelegt war. die unübersehbare familienähnlichkeit, die ihm flexer nicht aufhören kann unter die nase zu reiben, er kann ihr nicht entkommen, er wird kein anderer mehr werden, da er immer nur als er ein anderer geworden ist.
unsicher mustert kühlzack sein gegenüber. habe ich ihm das jetzt erzählt oder habe ich ihn angeschwiegen?

04
flexer kräuselt unentschlossen die stirn, der brütende kühlzack ist ihm nicht ganz geheuer. deutet an, etwas zu sagen, und nichts kommt raus. die hochgeschwappte stille ist selbst für flexer mit seiner vorliebe für mürrisch-suppige kommunikationszustände zu unangenehm.
spontancremesuppe, lacht er sarkastisch, lesen sie das auch. die klaue des wirts ist höchst schöpferisch.
kühlzack macht kaum eine bewegung.
ich stell mir das so vor, flexer deutet auf die halb abgewischte kreidetafel, die der wirt von der gasse hereingenommen und an die schank gestellt hat, in unserem physikalisch-chemischen wirtshaus attachieren einander einige zutaten ganz spontan zu einer suppig cremigen substanz. und das immer dann, wenn der wirt auf die anthrazit-graue tafel mit weisser kreide in schwer leserlicher schrift spinatcremesuppe hinhackt, üblicherweise donnerstags. wenn die speisekarte nicht schon seit tagen an der schank lehnt, dann haben wir heute donnerstag. flexer wartet nicht auf zustimmung. kühlzack sieht auf seine uhr und nickt. flexer nickt und sieht ebenfalls auf seine uhr.

05
der wirt schiebt das riffelglas der durchreiche beiseite und schaut auf das schmutzige geschirr, den beiden stammgästen gönnt er keinen blick. er schliesst die durchreiche.
weder flexer noch kühlzack beachten sein auftauchen.

06
flexer packt den nachtisch aus, eine schachtel schokoladeüberzogene kekse.
er spürt seine hände, die nach den keksen greifen. er spürt kühlzacks hände, die von den angebotenen keksen nehmen, aber sieht seine hände nicht, sieht auch kühlzacks hände nicht, die kekse fliegen in seinen mund, in seinen unsichtbaren mund, fliegen in kühlzacks unsichtbaren mund.
flexer spürt das schmelzen der schokolade, das weichwerden der keksteile. flexer weiss, dass kühlzack jetzt das weichwerden des keksteigs und das schmelzen der mit kaffee aromatisierten schokolade spürt.
die dreigeteilte plastikschale bewahrt in ihrer pressform die erinnerung an die kekse auf, wie sie auf dem bunten überzugskarton präsent sind.
iss mich, hat flexer den anblick interpretiert, hat kühlzack dem angebot die handlungsanweisung herausgehört.
aus der erinnerung heraus- und in die gegenwart hineinschmecken, als erwartung, die sogleich eingelöst werden wird, der geschmack der unmittelbaren zukunft, die flexer wie kühlzack schmeckt, kühlzack wie flexer, als eine aufblühende süsse, die rasch in ein süsses brennen übergeht, ehe sie vom speichel neutralisiert wird.
iss mich, weil du mich gegessen hast, kaut sich der wunsch nach wiederholung hervor aus dem schlund, iss mich, wenn du mich gegessen haben wirst, schreit der keks in der erinnerung der beiden essenden. kein gegessener keks löscht die dringliche aufforderung, die vom hyperrealistisch abfotografierten keks auf der schachtel, von der hyperrealistischen erinnerung ans abgebildete ausgeht.
mampfen, was keks ist, alles was keks ist, mampfen, den mampfenden wird alles mampfbare zum keks: zur einzumampfenden mampf-umgebung, zum endlosen mampfall in seiner unaufhörlichen mampfausdehnung.
die leere schachtet strahlt appetitlich.

07
nachschmeckend einer plötzlichen differenz zum universalgeschmack des nachmittags fängt sich kühlzacks blick in den fotografien der stammgäste in den kleinen vitrinen, von denen die stammtischbucht ausgkleidet wird. seit der revolution digitaler heimfotografie fuhrwerkt der schwellenwirt ständig im bestand des ausgestellten und nichtausgestellten herum. monatlich kommen neue fotos dazu, von irgendwelchen glamourösen menschen, die noch nie einen fuss ins lokal gesetzt haben, dafür verschwinden leute, die dem schwellenwirt nicht mehr passen, die zusammenstellungen der gruppen untereinander ändern sich.
heute entdeckt sich kühlzack auf einem foto mit flexer, mit dem er noch nie im bild war, einer dieser seltenen stammgäste, vom schwellenwirt hofiert, die höchstens einmal im jahr und dann nur kurz vorbeischauen, um in allen gerade anwesenden die erinnerung an ihre tiefe verachtung, die sie dem ganzen ort entgegenbringen, aufzufrischen.
jetzt fertigt der schwellenwirt auch noch bildunterschriften an, falsche zeitangaben und völlig unrealistische bildtitel als überschriften, bei welcher gelegenheit das foto der berühmten person - bei aller kenntnis ihrer andauernden abwesenheit - unbedingt in diesem schwellenwirtshaus geschossen wurde.
die fotos zeigen nicht, worauf die bildunterschriften/überschriften hinweisen.
die fotos zeigen, worauf die bildüberschriften/unterschriften nicht hinweisen.
was nicht zu sehen ist, steht unter dem bild, steht drüber.
put the emblem on mame, singt gilda hayworth, könnte eigentlich die hayworth jetzt in flexers vorstellung singen, folgte er kühlzacks gedanken, was seinem ruhigen blick nicht zu entnehmen ist.
die fotos unterschreiben sich selbst, überschreiben sich permanent, stossen ihre unterschreibungen andauernd als überschreibungen an ihre oberfläche.
sandwichartig formt sich ein bild von einem rahmengefüge in kühlzack. die horizontschichten des querschnitts - flexers bewegungsloses mienenspiel als horizontschnittchen im spiel der bewegungslosigkeit - die rechteckigen bildkader in der draufsicht. frame the blame on mame, singt schon wieder keine hayworth nicht.
verspürt er hunger? macht das wort sandwich unvermeidlich appetit? lässt der begriff sandwich andere unweigerlich erbrechen?
flexer ist nicht mehr drauf, nicht mehr im beweglichen puzzle der festgehaltenen mythosbeiträger, mythosbewohner. da sitzt er und ist doch schon gelöscht, ausradiert, erinnerunsgestaltend herausgesäubert.
den abgenagten hühnerknochen auf den herumstehenden tellern nach könnte es mittwoch sein, der tag des paprikahuhns, das allerdings auch an anderen tagen gerne serviert wird, denn gegessen wird, was auf den tisch kommt.
im verein mit der erinnerten spontancremesuppe auf dem kreidegeschriebenen speisenverzeichnis verdichten sich freilich die anzeichen für einen donnerstag. fleischsuppengeruch verheisst boiled beef.
kühlzack versucht sich vorzustellen, was flexer im augenblick denkt.

08
das schattentier, denkt es im stillen flexer, wächst wieder ins zimmer, das eine gaststube ist. nicht unfreundlich, sanft in seiner unaufhaltsamkeit, absorbiert es allmählich, was dimension ist, was ausdehnung hat, verwischt es die grenzen, löst es die wände auf, entraumt es.
als adaptionstier gewinne ich dem schattentier konturen ab, helligkeitskonzentrate und schattenflecken, erinnere ich farben, erinnere ich in mich eingesunkene tagesformen, räumlichkeiten des lichts, einschliessende gedankentapeten, schon wieder tapeten.
an ihrer mustergrenze, in den grenzmustern der schönen wände bleibe ich hängen; für diesmal wie für jedes mal.
ich schlucke. das schattentier schluckt mich.
ich leiste keinen widerstand. widerstandlos umfängt mich das tier. unser raum wird grenzenlos.
wahrnehmung. die erinnerung an wahrnehmung. die wahrnehmung des erinnerten. die erinnerung an die wahrnehmung des erinnerten. die wahrnehmung der erinnerung an die wahrnehmung des erinnerten.
kühlzack hört auf sich vorzustellen, dass flexer denkt, was er sich vorgestellt hat.
zumindest wie ich wird er schon denken, nachdem ich wie er denke, wie sie alle sagen, wenn sie was sagen. für grosse unterschiede auf dieser ebene sind unsere gehirne einfach zu ähnlich.
flexer bewegt sich nicht.

09
mein hirnanhangskörper, sagt er schliesslich, und deutet über kühlzacks kopf. der verdreht den hals und sieht keinen flexer. na dort, neben der frau mit dem dekolleté, da, mit dem orden, den mir irgendwer draufgemalt hat. das sind sie nicht, will kühlzack sagen, hält aber den mund.
eine gewisse ähnlichkeit ist ja im gesicht vorhanden, zweifellos, aber flexer ist das niemals, der ist grösser und fetter, war immer grösser und fetter. jetzt will er sich unbedingt in diesem smokingträger wiedererkennen, nur damit er nicht zugeben muss, dass ihn der schwellenwirt aus der galerie genommen hat, abgehängt, aus dem mythos entfernt, dieser andauernd die geschichte des lokals redigierende hobbyhistoriker.
also wenn ich das nicht bin, weiss ich nicht, wer das sonst sein könnte, steigt flexer aus und beendet für sich, was noch nicht begonnen hat: den schweigendurchtränkten gesprächstapetensound der stammgäste.

schwellenwirtshaus copyright herbert j wimmer 02

10
niemand betritt das lokal. nicht hat niemand, der niemand heisst, das lokal betreten, auch niemand, der nicht niemand heisst, hat herein geschaut.
die nichtveränderung löst einen schau-stau aus, einen peeping-jam. wenn wenigstens jemand durchs fenster hereinlugen möchte, ein peeping-tom, der spannend etwas spannung bringt.
niemand holt flexer ab.
niemand holt kühlzack ab.

11
mein ich ist schwach aber zäh, seufzt kühlzack und vermisst den wirt.
was seufzen sie, grinst flexer.
leere gläser machen mich nervös.
endstation gasthaus.
nach dem wirt zu rufen, ist eine niederlage.
ich rufe nicht, sie wollen doch noch etwas trinken.
sich ein bier selbst einschenken, ist eine niederlage.
wenn sie durst haben, dann rufen sie nach dem wirt.
er kommt sowieso nicht. beim nachmittagsfernsehen weckt ihn keiner.

12
kühlzack vermutet eine einfühlungsattacke flexers. aus reiner langeweile, nur um den wirt nicht zu rufen. hatten sie nicht gestern im völlig zerblätterten nachrichtenmagazin einen schönen synkretismus gefunden, der ihnen bislang völlig entgangen war?
die zehnte muse mexikos, sor juana, hatte im ausgehenden barock christus einmal mit narziss verspiegelt, der aus liebe zu seinem spiegelbild, was die menschliche seele ist, den opfertod stirbt, indem er sich während einer sonnenfinsternis ins wasser stürzt. dazu treten aztekische figuren auf, die unter der dünnen haut ihrer bekehrung noch immer ihren aztekischen kriegsgott verehren. die kreuzigung konnten sie nur verstehen als besondere huldigung für ihren alten blutsäufer.
kein wunder, wenn flexer zu wissen glaubt, woran er denkt. so verstehe ich seinen herausfordernden blick. das nachrichtenmagazin liegt noch immer neben ihm auf der bank.
wenn er nicht denkt, was ich denke, dass er denkt, ist mir egal, was er denkt.

13
kühlzack spielt mit seinem handy, im glänzenden display fängt sich sein gesicht.
flexer, kein meister der einfühlung, lauscht den gedanken, die ihm das spiegeln auslöst.
nach seinem spiegelbild erschaffen, versinkt der schöpfer in seinen spiegelbildgeschöpfen, die in ihn versunken sind undsofort,
wenn der gefiederte heilige geist - offen für jedes missverständnis - als transparente spiegelungsspiegelung verschiedene religionen für den synkretistischen moment ineinander blendet: in der anbetung der missverständnisse spiegeln sich die missverständnisse der anbetung.
haben die schöpferischen ein- bis mehrfaltigkeiten daraus gelernt?
schöpfen sie nicht mehr nach ihrem spiegelbild?
waren sie je verrückt genug, nach ihrem spiegelbild zu schaffen?
opfern sie sich nicht mehr für ihre beziehungsweise in ihren geschöpfen auf`?
halten sie sich an die neoliberalen gebote schöpferischer sparsamkeit?
nur so viel schöpfung und geschöpfe wie unbedingt nötig für die ausübung der gott und götter produzierenden religionen?
kein teures überflussgespiegel mehr?
überhaupt kein überfluss?
just-in-time-genesis? lean creation?
keine zeit mehr für unberechenbares. lässt es sich schaffen, nur mehr berechenbares zu schaffen?
man evaluiert, was zukunft ist, lagert es aus und schrumpft es gesund, saniert es - reinigt es vom überfluss des unvorhersehbaren, unvoraussagbaren.
wer überbleibt, kommt aus dem reformstaunen nicht mehr heraus.
hat er sich in die nähe kühlzacks gedacht?

14
etwas wärme wäre schön. ein stark durftender frauenkörper schurrt weich aber bestimmt vorbei. kühlzack sitzt auf dem notsitz in einem übervollen waggon. schüler und urlauber lagern dichtgedrängt. die duftende frau hält ihr handy immer wieder hoch wie eine fackel, während sie sich durch den gang quetscht, dazwischen spricht sie fragend ins gerät.
minuten später hört er in seinem rücken die bereits vertraute stimme, eingewickelt in eine zweite frauenstimme, eine gesprächsspirale der gegenseitigen bestätigung, dass man sich doch gefunden hat in diesem schrecklichen zug.
zuerst sieht kühlzack das vorgestreckte handy von hinten über sein rechtes auge den vollen gang hinunter zeigen, gleichzeitig die geruchswolke und schon schurrt der weiche frauenkörper kaschmirmässig an ihm vorbei, weicher stoff umspannt ein zierliches hinterteil, schon zeigt ein zweites handy von hinten über sein rechtes auge den gang hinunter, melodisches artikulierend dreht sich die frau zwischen den menschen um, schauend ob ihre bekannte mit ihrem handy auch nicht zurückbleibt, ein weicher pelz schurrt über kühlzacks wange, ein ganz anderer duft umfängt ihn, hüfte gegen schulter, anregend beweglich, und schon sieht er die rückseite eines pelzmantels, wie er rasch zwischen anoraks und sakkos verschwindet.
drei junge mädchen sind durch eine offene abteiltür zueinander in einer intensiven erzählung befangen, neben ihren bunten schulrucksäcken lehnen vielbenutzte eishockey-schläger.
wenn der wirt nachmittags die heizung zurückschaltet, wird es immer noch recht kühl in der gaststube.
flexer fröstelt. kühlzack könnte jetzt ein unvermutetes glücksgefühl ganz gut gebrauchen. zweifelnd betrachet er flexers missmutiges gesicht.

15
plötzlich entkommt flexer ein satz: in den wissenschaften bleibe ich laie, keine ausbildung wird mir diesen status nehmen.
kühlzack schwenkt das handy über den stammtisch, im display tauchen immer neue ausschnitte von flexers lebender büste auf, gesichtsausschnitte werden scharf und verschwimmen wieder.
er wird die aufgenommene sequenz ins web stellen, wenn der wirt endlich sein versprechen wahr macht und seinem lokal eine home-page gönnt. zumindest für einige augenblicke könnten sie den rachelüsternen manipulation des wirts entkommen und eine wenn auch kurze datenspur flexers im wirtshauskontext hinterlassen.
der laie flexer: begeisterungslos staunt er über gar nichts, was kühlzack immer wieder staunen lässt. das staunen kühlzacks hält flexer im gespräch.

16
der anerzogene kontext fällt wie ein netz über die sitzenden. kaum ist eine lücke im gedankenfluss, den sie sich eher nicht als fluss vorstellen dürfen, wie flexer sich einbildet, wenn er eine vage ahnung hat, vom bild in die irre gespült zu werden, da erneuert sich etwas als erinnerung an gegenwart.
der schlimmste practical joke, begeistert sich kühlzack für ihren einfall, war die schöpfung des paradieses und die schöpfung der irreversiblen zeit als folge der unvermeidlichen vertreibung aus diesem paradies. das ist doch der unangenehmste witz, dass ein paradies geschaffen wird und dazu die vertreibung daraus. mitsamt dem armen luzifer, der in ewigkeit gefangen ist in seiner funktion als practical joker. wogegen er sich auflehnt, der oder das bedarf in ewigkeit seiner auflehnung, seines unaufhörlichen willens zum gegensatz wie des unaufhörlichen scheiterns seiner auflehnung. in seinem fortwährenden scheitern schafft er den, der geschaffen hat, um fortdauernd geschaffen zu werden.
kühlzacks heiterkeit erreicht flexer nicht. besorgt bohrt er in seiner nase. er findet ja kaum etwas unterhaltend, dieses religiöse assoziieren kühlzacks langweilt ihn plötzlich. das paprikahuhn meldet sich per reflux zurück. vermischt mit den schokoladekeksen nimmt der nachmittag einen tiefen geschmack an.

17
kühlzack gibt nicht auf, sich mit flexer zu unterhalten.
am anfang war das dementi, beginnt er.
alles, was nicht dementiert wird, gibt es nicht.
alles, was es nicht gibt, wartet darauf, dementiert zu werden.
widerruft das ausbleiben von dementis die schöpfung?
auf lange sicht?
flexer hustet. undementiert wandle ich durchs tiefe dement-tal, wenn der wirt nicht bald aufwacht.
lautes husten ist kein rufen nach dem wirt, ist also keine niederlage.
flexer dementiert hustend, nach dem wirt gerufen zu haben.

schwellenwirtshaus copyright herbert j wimmer 03

18
endlich tut sich was, zwei junge kommen männer ins lokal. im nu hantiert der wirt hinter der schank. die beiden jungen männer sind in graues business-tuch gekleidet, gelgekleidet ihr haar.
oberschichtsknarren in richtung wirt.
dieser serviert getränke und kalte schnitzel.
hats geschmeckt?
hervorrgeragt!
und wenn du wirt uns noch zwei sprühwein gibst, sind wir …
kühlzack nimmt aus der richtung des aufsteigenden banker-proletariats einige unsegmentierbare lautfolgen wahr.
vielleicht noch so eine kleine schnitzelsache, wenn du uns gibst …
die beiden männer beginnen intensiv miteinander zu murmeln, in die leere schwillt der satzteil:
… milliarden sind überwiesen worden …
namen global bekannter finanzgesellschaften platschen als status-ejakulat in den umliegenden schallraum.
nichts sonst ereignet sich. das ineinandermurmeln geht weiter.
plötzlich hebt der murmelführende sein leeres glas.
noch zwei ingenieure, bitte!
der wirt füllt die gläser mit weisswein und soda.
die beiden prosten einander zu.
zum wohl, herr konsul!
auf ihr spezielles, herr generaldirektor!
pfui, generaldirektor! generaldirektor ist man nicht, die hat man!
wie recht sie haben!
prostgeräusche, rückkehr in die murmelschwade.
der wirt zündet sich eine zigarette an und verschwindet hinter der kaffeemaschine.
jetzt hebt kühlzack lang die hand.
grinsend kommt der wirt an den tisch. sein blick leugnet das schmutzige geschirr.
im offenen zustand des nicht-mehr-dösens und noch-nicht-wachseins sieht flexer in der gestalt des wirts den vor-wirt, asynchron den jetzt-wirt in seinen bewegungsabläufen überlagernd, durchlappend, sieht sich eingeblendet als nach-wirt, was ihn schrecklich ermuntert.
gut eintrainierte ausdruckslosigkeit saugt dem chronologie verschmierenden wirt-figuren-ensemble das grinsen aus dem gesicht.

19
nach dem hochdrehen der heizung stellt der wirt den fernseher der gaststube an, damit die jungen männer ungestört labern können.
die kamera streicht über dörfer, die in einem stabilen koma liegen, weiss flexer, der diesen film bereits mehrmals im nachtprogramm sehen konnte, im frühmorgendlichen zapping zwischen dem brüsteschlackern der telefonsexnummern, den haushaltsreinigern, fettcremeverkäuferinnen, eisenbahnmitfahrten und den leichen der langsam wieder anlaufenden nachrichtensendungen, das echte blut, die echt verhungerten kinder und erwachsenen, mütter, väter, die endlose parade der hoffnungslosen augen, der toten augen, der vernichteten hoffnungen, das beschädigte fleisch in ungehörig verdinglichter authentizität, die gefolterten, die lachenden folterer, die nackten gesichter der entführten, die masken der entführer, tote überall, kranke, verlorene und verloren gegebene, zwischen kochtipps und quiz-fragen, talkshow-entblössungen und charity-wallungen, gesellschaftsberichte, glanz auf nichts aufgetragen, der präsenzschleim der virtuellen society beginnt an den zappenden fingern zu kleben.
während die waffen sprechen in unaufhörlichem durcheinander, streicht die kamera, weiss flexer, der sich eine auffrischbare erinnerung herausgezappt hat, über dörfer, bewohnt nur mehr von alten leuten, ohne geschäfte und wirtshäuser, gendarmenfrei, ein oder zwei mal in der woche schaut ein wandernder kleiner supermarkt vorbei. ansonsten herrscht landwirtschaft und leere zwischen stillgelegten anbauflächen. satellitenschüsseln. eine alte frau auf einem klapprigen fahrrad, ausgebleichter dunkel gemusterter arbeitskittel, gummistiefel, kopftuch. ein hund, der durchs bild läuft, fehlt dauerhaft: le non-chien. sommer, weisse gewittertürme, pestsäulenästhetik.
die angst vor dem auffüllen der leere durch zuzug fremder ist stärker als die nagende einsamkeit nach der landflucht.
die kamera zieht endlich hoch, sanft hügeliges panorama bis zum tiefen horizont. windgeräusch.
kühlzack sieht nicht den film, kann den film nicht mehr sehen, das überlagerte, durchgezappte der letzten jahre blockiert seine erinnernde wahrnehmung, er sieht jetzt immer alles und nichts.
unterhaltung ist es nicht,
information ist es nicht,
was ist es dann?
kühlzack wünscht sich zurück in einen zustand anspruchsloser urteilsverweigerung.

20
flexer hat auch ein handy und holt das vibrierend summende ding unter dem tisch hervor. eine leichte röte rändert seine ohren, nachdem er sofort zu sprechen begonnen hat, ohne begrüssung, ohne sonstige präliminarien, eine leichte gereiztheit durchzittert seinen brummton:
ich möchte nicht draufkommen, dass das, was du so anziehend an mir findest, genau das ist, was ich so an mir hasse, meine fähigkeit, von meinen fähigkeiten immer dann im stich gelassen zu werden, wenn ich sie ganz dringend brauche. magst du etwa an mir, was ich an mir verabscheue, weil es das ist, was dich an dir auch so fertig macht?
ein übler untergriff, beteiligt sich kühlzack am gespräch ohne vom fernseher wegzuschauen. flexer produziert einen schnellen wutblick, mitten hinein in einen schnellen seitenblick kühlzacks, erhebt sich halb, um den tisch zu verlassen, da ist das gespräch auch schon zu ende. in der bewegung des setzens lässt flexer gleichzeitig das handy wieder unter dem tisch verschwinden.

21
manchmal, murrt flexer in die richtung des im fernsehen verschwindenden, habe ich das gefühl, sie glauben tatsächlich, dass es so etwas wie positive entfremdung gibt, dass gelingende entfremdung ein projekt ist, an dem sie arbeiten.
wo haben sie das her?
arbeiten sie nicht an ihrer ungreifbarkeit, fühlen sie sich denn nicht nur im ungreifbaren geborgen, unangreifbar.
kühlzack macht eine wegwerfende handbewegung.
sie haben eine wegwerfende handbewegung gemacht, insistiert flexer.
kühlzack betrachtet seine rechte hand, wendet sie hin und her, hält sie flexer vors gesicht.
beide lachen.
der wirt blickt beunruhigt hinter der kaffeemaschine hervor, die beiden jungen männer bleiben in ihr zueinandergemurmel verhakt.
… milliarden … überweisen …

22
ein mann rennt und kommt nicht ran. ein mann rennt gegen was und kommt nicht ran. wieder und wieder rennt der mann kopf voran gegen den eindruck des nicht-heran-kommens und immer wieder kommt er nicht heran. dass er als nicht herankommender nicht wirklich herankommt, kümmert ihn nicht.
der mann rennt, unverdrossen.
herankommen bleibt sein ziel.
kommen sie zu mir, blendet sich ein moderator ein. was bedeutet dieser mann, rufen sie mich an, jeder kommt durch, viel geld wartet auf sie, das ist doch leicht, so süss möchte ich mein geld auch verdienen, ich versteh nicht, warum noch niemand angerufen hat, … ah das telefon läutet … ja bitte … hier ist (der name ist unverständlich … guten tag, herr (der name ist unverständlich) … welche lösung haben sie uns vorzuschlagen … dreiundvierzig … ja leider, feixt der moderator, das ist falsch … der nächste bitte … rufen sie an … so leicht haben sie noch nie zweitausend euro verdient …
im kleinen ausschnitt neben dem moderator kommt der mann nicht heran und fällt zurück, beginnt von neuem …
da kann ich nie aufhören zuzusehen, kühlzack greift nach der fernbedienung, die der wirt auf dem stammtisch zurückgelassen hat, und tastet das gerät aus.
nichts verändert sich, die plötzliche stille bleibt unbemerkt.

23
beim mittagessen hatte ich die vorstellung, dass ich nicht entscheiden konnte, ob mein paprikasaft etwas ist, das die filter der küche als speise eingefiltert haben oder ausgefiltert, dass ich mühsam ausgefiltertes auftunke, und ich muss es schlingen, muss mir vorstellen, davon geschlungen zu werden, ich giere nach dem sieb, will das sieb mir einverleiben, das ausgesiebte, das eingesiebte, ein rechter mahlstrom aus paprikasaft umfängt mich, ich steige höher, erreiche den tellerrand und bin gerettet aber unzufrieden wieder da zu sein, mit ihnen, mit dem wirt, mit dem lokal, mit der situation, zu der mir keine differenz einfallen will, nichts fehlt, nichts ist zu viel.
kühlzack versucht eine faser aus einem zahnzwischenraum herauszukauen. nicht unglücklich lauscht er seinen zuzzel-geräuschen.

24
flexers abschweifender blick meidet die espressomaschine. er weiss, dass sich auf den lappen neben ihr unausrottbar kleine fliegen tummeln, reste vom letzten sommer, auf überwinterungstrip. der wirt scheucht eine fliege vom rand seiner kaffeetasse, das weiss flexer. und er weiss, dass er dann immer an den namen der kaffeesorte denken muss und zwangshaft das wortspiel ausführt, das beinahe auf satori hinausläuft, eine art negative erleuchtung, ein kaffee, der nicht weggeht, ein koan zum stehenlassen.

25
der hirsch will zeigen, was für ein toller hecht er ist, outet sich ein fernsehgerechter verhaltensforscher als metafernder behaviorist. im gebrauch behavioristischer metafern zeigen sich metafern als behaviorismen.
kühlzack macht anstalten, den mittagstisch aufzuheben.
flexers demonstrative unbeweglichkeit lässt ihn sitzen bleiben. ein gewisses glücksgefühl taucht als erinnerung auf.

26
die beiden haifischanwärter heben ihre stimmen und schliessen den wirt in ihr gespräch ein.
wir haben unternehmen entdeckt, die aus verbrennungsresten von lieben verstorbenen diamanten pressen. wenn notwendig wird noch etwas kohlenstoff zugesetzt, sie können die karatgrösse des vater-, mutter-, onkel-, tanten-diamanten wählen, je grösser und reiner, umso teurer natürlich, ein paar tausend dollar müssen sie schon ausgeben.
niemand singt: aan ooschn, aan osschn. into the ocean.
kühlzack bedenkt seine möglichkeiten. als schreibender und zeichnender mensch, wird er seine asche mit grafit vermischen, diesem bestandteil seiner ausdrucksmittel, jetzt hat er die möglichkeit eine neue zwischenstation auf dem weg zur endgültigen wiederverstaubung einzulegen. das konzentrat, die verdichtung seiner selbst, wird ein diamant, gefasst als ring vielleicht und er ein gefasster nachlasser, wie er sich herauskristallisiert als nachlass seiner körperlichkeit. das stück vermacht er den erben seiner urheberrechte, damit sie eine preisgabe stiften für kunstwerkende in den medien der zeit. dabei verpflichten sich die empfängerinnen und empfänger, ihre jeweiligen nachfolger selbst zu bestimmen und im falle ihres ablebens, sich ebenfalls als diamant in das schmuckstück einarbeiten zu lassen. eine höhere metaferndichte wird wohl nicht so bald zu erreichen sein.
könnte ich meine tante nur schon als sicherheit deponieren, seufzt es aus dem banker-duo.

schwellenwirtshaus copyright herbert j wimmer 04

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blickt man zurück, sind kühlzack und flexer dabei, ins gasthaus zu gehen.
ich desorganisiere gerade meine organisiertheit, geht kühlzack auf dem schmalen gehsteig voran.
meine organisationsmöglichkeiten liegen immer schon dort, wo desorganisation gefordert ist, bleibt flexer dem vorauseilenden gesprächsverbunden.
das ist einer der gründe, warum mir ihre gegenwart so wertvoll ist - und keineswegs der unwichtigste, plaudert kühlzack über seine schulter, zwischen mauerwerk und autoschnauzen. von hinten klingelmurrt ein radfahrer um vorbeilass.
mittlerweile bin ich allerdings so gut desorganisiert, dass mir meine zeit zu einer festen struktur zusammenbäckt.
kühlzack zieht bauch und hüftfett ein, um nicht vom lenker des sich voranquetschenden radfahrers beschädigt zu werden. der bunte vorbeiarsch entfernt sich zügig.
darum geht es, dass mir das feste gefängnis meiner organisation in eine ebenso tragfähige wie luftig-flüssige struktur auseinander gerät.
glauben sie, meinen wir stets dasselbe, wenn wir von gleichem oder nicht-gleichem sprechen?
da kann ich mich jetzt nicht entscheiden, antwortet flexer.
ich frage sie aber nicht, damit sie sich auch nicht entscheiden können. kühlzack macht mit seiner linken hand eine luftfigur und schlägt dabei gegen das metallrohr eines verkehrszeichens. rückwärts schauend sieht er flexer einem dreckhaufen ausweichen, den er unbemerkt überstiefelt hatte.
sie springen ja wie ein junger passant.
passen sie auf, kühlzack, da steht ein scharfer draht aus dem gerüst.
kühlzack biegt eine in augenhöhe in den freien weg ragende rostige gefährlichkeit in die stille der baustelle zurück.
an der fussgängerampel seitenblicken sie einander. zwischen den beiden grünen männchen zischt ein rotverschobener autotrampel quer über den zebrastreifen. ausdrucksloses vorwärtsstarren durch die windschutzscheibe.
mitten auf dem zebrastreifen blinkt das grüne männchen ins rot.
kühlzack und flexer springen auf den rettenden radweg.
nur noch ein paar schritte, ermuntert flexer seinen begleiter.
querzischend schimpfen einspurige durch ihre ohren ein und aus.
kühlzack murrt, flexer beginnt auf den letzten metern ihr altes spiel:
auf das starten der arten warten. die zeche zahlt, wer das letzte wort hat.
schmunzellachs
schmonzzecke
schmollwurf
schmalzpferd
schambeuter
schmallipizzaner
schwartenschwanz
schwelgelch
schmusschnecke
schluckkuckuck
schoppmops
schmattessegler
schneequalle
schlurfvogel
schikrähe
schickrabe
streuneule
scrolldohle
schallbrasse
schmantschlange
spranzlarve
schlatzadler
schmockokapi
schwammamsel
schemenente
schwerlerche
schwurhufer
schluckhörnchen
schnorrzobel
schwungunke
schrummlumme
schalaal
sparwal
schorfforelle
schmollwinker
schwundhund
der schwellenwirt, sagt flexer und drückt die tür zum gasthaus auf. die detektivin ist noch nicht eingelangt.

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aus den regeln der stammgastwerdung - heraklitterung
was es alles gibt, weil es fiktion ist: die persönlichkeiten, die örtlichkeiten.
ähnlichkeiten sind stets frei erfunden, unähnlichkeiten ebenfalls.
wäre der mythos nicht frei erfunden, wäre er nicht real.
die realität des mythos: dass er so wenig weggeht wie der stammgast,
dass er so wenig stirbt wie der stammgast,
der stirbt um als erinnerung
wiedergeboren zu werden in den gesprächen
und abbildungen, die das lokal auskleiden:
mythos eben, stets neu bedampfend faces & surfaces;
funktional gesehen ist der lokale mythos das interface des lokals,
örtlichkeit und menschen bedienen sich seiner auf gegenseitigkeit.
letztlich aber bleibt auch den weiblichen und männlichen stammgästen nur zu wissen:
man war nie zweimal im selben lokal und
man war nie derselbe / dieselbe, so man wieder da gewesen war.
man wird auch nie dieselbe / derselbe bleibend werden,
da man nur wiederfindet / wiedererfindet,
was nicht dasselbe mehr kann sein.

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singe das summen / summe den sang:
gemütlich im gegenmythoslicht,
ein gegenmythos schlicht,
kein gegenmythos wird je kein mythos sein.
jetzt die mythoswaukerln abstauben,
sich abstauben, sich abstauben lassen,
im drecksaugenblick des glücks,
das einen holt,
das einen einholt,
von dem man sich einholen lässt:
so wird man zum stammgast geprüft.

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herbert j. wimmer

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HINWEIS

kühlzack & flexer . aggregat” erscheint Anfang November im Sonderzahl- Verlag .

die detektivin war in die sprache hineingeraten, nun gab es kein zurück.

Herbert J. Wimmers seit vielen Jahren konsequent vorangetriebene schriftstellerische Arbeit erfährt mit kühlzack & flexer ihr Opus magnum. Hat er bei früheren Büchern noch mit dem Romanbegriff experimentiert, wird diesem letztendlich altmodischen Textgenre nun endgültig Adieu gesagt. Mit aggregat meint Wimmer “eine einheit (= œuvre), die durch anhäufung / zusammenfügung / verknüpfung / vereinigung / verdichtung / verloopung / collage / montage einzelner, relativ selbständiger teile” entsteht.

Die Protagonisten kühlzack und flexer sind sowohl Sprachfiguren wie Inter-Subjekte menschlichen Wechselwirkens: um von sich zu erzählen, müssen sie einander erzählen.

Wimmers Sprache ist voller Witz: aus “plaudertaschen” wird “er plaudert asche” und löst Kettenreaktionen aus: die “asche” wird mit “pompejanisch tot” assoziiert, dieses wiederum lässt die Detektivin “gradivanisch” schreiten und den Leser an Freuds Gradiva denken. Seine Sprache ist so geistreich, dass sie auch vor Kalauern nicht zurückschrecken muss: “das milchmädchen wartete auf den milchmann. zeit verging. kein sprichwort half.”

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GASTBEITRAG | herbert j. wimmer : SWITCHEN IM TEXTKONTINUUM



ERINNERUNGSSKIZZE ZU LIEBLINGSBÜCHERN : JELINEK - ABISH | LAEDERACH - RÜHM

||| SWITCH : DIE KINDER DER TOTEN | ALFABETICAL AFRICA - ALFABETISCHES AFRIKA | TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN | NACHBEMERKUNG | QUELLTEXTE | ENDNOTEN

SWITCH : DIE KINDER DER TOTEN

DIOSCUR

Edgar Gstranz betrachtet Gudrun Bichler ratlos, beide sind von irgendwoher hier eingetroffen, doch sie können nicht sagen, von wo, oh, welche Zumutung, die Gedächtniskraft wirkt nicht mehr, mit deren Hilfe wir uns der alltäglichen Dinge vergewissern können und dabei vergessen, daß Bücher, wie im Gebälk aufgeschlagene Fledermauskörper, uns genausogut die Wirklichkeit bewahren helfen könnten. [01]

lieblingsbücher sind texte, die, nach gründlich saugender anfangslektüre, im lauf der jahre immer wieder im bewusstsein des lesers aufgeschlagen werden, sich immer wieder aufschlagen.

details ploppen auf, namenskonstrukte, halbsätze, metaphern und ihre verdrehungen, aufspaltungen, neukombinationen, ganze absätze, abschnitte und schliesslich gleichzeitig und dazwischen, darüber, darunter: die struktur-erinnerungen, wenn im sekundentraum der textkonstruktion die begeisterungs-und die erschreckens-momente wieder konstruiert werden, die im erfahren der spezifischen textorganisationen der einzelnen bücher sich eingeprägt haben.

dazwischen noch die erinnerungen an die beziehungsverwerfungen der handelnden personen, die emulsionsbewegungen der vom text aus- und aufgeworfenen charaktere, der aufgeblätterten (aufgeblattelten) denk- und empfindungsmuster.

der name GSTRANZ ist so eine schöne verdichtung, zumindest für leserinnen und leser, die in der zweiten hälfte des zwanzigsten jahrhunderts im nachkriegsösterreichischen gelebt haben. er ist zusammengesetzt aus schranz und gstrein, zwei erfolgreichen skisportlern weit auseinanderliegender generationen, die als exemplarische attraktoren für den image- und wirtschaftsbelebenden fremdenverkehr der zweiten republik unverzichtbar waren. in schranz konnte sich nach seinem ausschluss von den olympischen spielen 1972 auch noch die ganze wir-sind-auch-und-schon-wieder-opferwut einer mitläuferisch wie täterhaft veranlagten kriegs-überlebensgeneration kristallisieren, die sich kollektiv durch den briten (= angehöriger einer alliierten-nation) in ihrer wirtschaftswunder-ehre der verdrängungs-dichten nachkriegszeit beleidigt fühlte, - und auf dem heldenplatz wieder mal massenhaft sich zusammenrottete als wär keine zeit vergangen, als hätte die befreiung von den nazis 1945 nicht stattgefunden.

befreiung übrigens wurde von diesen leuten nur mit untertönen der verachtung ausgesprochen. diese zischenden, knarrenden, oft fast tollwütig säuselnden, schleimenden, den optimistischen lexemischen gehalt von befreiung widerlaufenden gebrauch zu katalogisieren, könnte einen unendlich deprimierenden beitrag zur deutschsprachigen soundgeschichte von artikulationsgewohnheiten des hassens und der schuldgefühle im augenblick ihrer doch opportunen verhaltung ergeben.

karin frenzel, der dritten hauptperson des halblebens, des toten überlebens im dazwischen von nicht-mehr-ganz und nicht-schon-wieder, begegnen wir bald bei einem ausflug nach mariazell, dem gnadenlos durchrestaurierten wallfahrtsort, der am rande von elfriede jelineks alpiner zombie- und ghule-welt als katholische instant-institution ruht, jederzeit in den über- und unterirdischen inhalten aufbrühbar durch geschichtsbewusste wahrnehmung.

was an verdrängungs-anbetung (verdrängung durch anbetung) alles sich in einem akt apperzeptiv-historischen gegenwart-erlebens auflösen lässt, findet sich sich in folgender passage.

Das Wetter ist prunkvoll. es wartet auf die Urlauber wie Kathedralen, in denen es ständig hell wird, weil Millionen von Händen daran gedreht haben. Und Engel treten uns auf die Finger, wenn wir zum Heiland raufkraxeln wollen. Nur die Synagoge steht einfach so bös da und sticht den Herrn mit einer Lanze in die Seite, da wird das Kapitel endlich wieder dunkel. Die Synagoge will nicht und nicht fürs Foto freundlich dreinschauen. Auf nach Niederösterreich, wo die röm. Kirche Siegerin ist und auf Jerusalem zugeht, denn von dort geht eine Gestalt aus dem zerstörten Tempel, die hat ja ein Obstmesser, nein, ein Opfermesser in der Hand! Damit will sie gewiß die Nagelbrett-Mutter-Kirche erstechen. Erstaunlich. Es ist ein rechtes Kreuz mit uns! Gott wartet schon auf unsere Anbetung, die wie der Hauch von Hakle-Feucht von unseren Zeige- und Mittelfingern zu Ihm aufsteigt. Und so viele Anhänger an den Koffern! Ja, jetzt gehts an den Wallfahrtsort, der für Seine Mutter gestiftet wurde, obwohl natürlich Er der alleinige Chef bleibt. Die Frauen heulen unten, unter dem Kreuz, keine spricht vernünftig mit IHM, der sich vor seinen Fans bis in die Küche geflüchtet hat, wo er sich in Brot und Wein versteckt, das haben wir schon gefressen (”Jetzt reichts!”). Jetzt haben wir die Hände in die Seiten des Lamms gelegt und sind immer noch ungläubig wie Thomas, was für Preise sie hier von uns verlangen. [02]

bei büchern wie DIE KINDER DER TOTEN und den folgenden kann es nicht um sogenannte stellen gehen, denn all diese werke lassen sich von vorn bis hinten zitieren und fast jeder absatz, jedes kapitel taugt als stelle. einmal aufgeschlagen und hineingelesen, schon bin ich wieder mitten im text, öffnen sich mir die (einfühlungs-)räume der bilder und strukturen, nimmt mich der jelineksche sprachgebrauch gefangen.
auf 667 seiten entwickelt sich in 36 grosskapiteln eine enzyklopädie der formen abgestorbenen lebens allgemein und des österreichischen zwanzigsten jahrhunderts im besonderen. tote touristen aller altersklassen, eingelagert im idyllo-typ einer PENSION ALPENROSE, interagieren auf das verwesendste mit- und ineinander.

der steirische semmering, das rosegger-land, tourismus und forstwirtschaft, wetter und unwetter bilden die hauptkulisse für das gewaltige reflexions-schauspiel über wieder aufbrechenden, wieder sich realisierenden, sich vergegenwärtigen wollenden vergangenheits-schleim.
ungeachtet ihrer organischen hinfälligkeit, vereinigen sich die bereits toten personen auf körperzerfallende weise, gehen sie ein in die grosse mure, die einen text lang das unterste zuoberst wälzt. in einem langen orgasmus der wiederausspeiung alles unverwesbaren schreiben sich die unverdrängbaren untaten in die postkartenkonstrukte ein.

die einzelnen kapitel bestehen aus längeren und kürzeren abschnitten, die fast immer jeder für sich schon eine kleine kostbarkeit an satirisch-sarkastischer metaphern-umwälzung sind. idiomatische wendungen unseres aufwachsens, faustregeln (heuristiken) der initiation in die (verdrängungs- und vergessenheits-) gesellschaft, regelbruchstücke der “richtigen” sicht- und denkweisen, fremdenverkehrsslogans und parteiparolen werden von elfriede jelinek mit unnachahmlichem drive zu hochpoetischen erzählungen komponiert.

all die horror-vorstellungen vom unerlösten leben nach dem tode, in permanentem zerfall, wie sie in okkulten schriften und den schauerstücken der schwarzen romantik auftauchen, akzentuiert durch einschübe naturwissenschaftlicher detailgenauigkeit, ergeben ein buch, in dem in jeder zeile einerseits der flow zu erfahren ist, dem sich die schreibende person überlässt, andererseits die unbedingte kontrolle über die komposition, die jede abschweifung, jedes parlando der motive souverän zurückführt ins grosse thema: dass keiner lebt, solange die scheusslichkeiten der vergangenheit unaufgearbeitet unter den mehr oder minder schmucken oberflächen der personen wie der gegenden lauern.

gedächtnis als biomasse, metaphorisiert als dauerndes werden des verfalls im verfallen des werdens, die den stillstand einer gesellschaft als sprache zur sichtbarkeit bringt, die mehrheitlich in den tabus der ahnenverehrung ihrer täter und mitläufer stecken geblieben ist. sie ist auch stecken geblieben im negieren der ungeheueren anzahl der opfer eines menschenvernichtungs-regimes, von denen nicht zu reden stets erste nicht-erinnerungs-pflicht war. so radikal verdichtet hat noch selten ein gesellschaftsroman strukturen und prozesse eines staatswesens, das nicht mit dem österreich der letzten jahrzehnte zu verwechseln nicht gelingen wird, sequenz für sequenz offenbart.

selten habe ich in einem buch so viel trauer und mitgefühl gefunden, so viel schmerz in der unmittelbarkeit des erzählens von verfolgung und tod der menschen, die von ihren denunziationslüsternen, raubgierigen und mörderischen nachbarinnen und nachbarn mitten aus dem alltag einer als gefestigt scheinenden zivilisation in die mordmaschinen der kz getrieben wurden.

da keine zeit vergeht, weil in elfriede jelineks sprach-kontinuum immer simultan spezifische ursachen und wirkungen in einer präzis gestalteten gemenge-lage aufeinander einwirken, gibt es keine von den schrecken der missetaten unkontaminierte wahrnehmung.
mitten in der sommerfrische, in der idylle des ausflüglerdaseins, bricht aus den untiefen gegenden menschlicher existenz herein, was nicht mehr unterdrückt werden kann. ein beispiel, in kollektiver figuren-rede:

Brüder und Schwestern sind zu uns herabgestiegen und wie haben wir sie behandelt? Sie haben ihre Habe in Oberdöbling zurücklassen müssen, ihre Geschäftsrücklagen, ihren Familienrückhalt, und sind mit Zügen, in denen sie jeden menschlichen Zug schon verloren hatten, bevor sie überhaupt noch das Feuer durchschritten hatten und im Schornstein angekommen waren (ja, sie waren glatt ausradiert, bevor sie sich noch auf dem Spielplatz einschreiben konnten, wo Menschen und Schäferhunde auf dem Ab-Richtplatz mit ihnen gespielt haben, anstatt umgekehrt), nach Osten, ins Reich der aufgehenden Sonne (zum Glück nicht unser Reich der Mitte, in unsrer Mitte hätten wir, gleich neben unseren Mietwohnungen, sowas nicht haben wollen!) verschoben worden, damit sich jemand an ihren Seelen, Brillen, Pelzmänteln und Gebissen beleben konnte. Man labt sich und wird dann dafür 50 Jahre lang belabert ! [03]

der witz des zorns bewahrt vor dem unproduktiven versinken in resignation und stiller verwzeiflung. in der komplexen gleichzeitigkeit des furiosen erzähl-stimmen-werks macht wut (sich) die (zweite) luft, verbessert diese nachhaltig die luft der zweiten republik.

ereignet sich auch die von kunstwerken versprochene katharsis, die aus dem sich-erschüttern-lassen sich ergebende läuterung ?
die ist - wie in jeder gegenwart - auch in DIE KINDER DER TOTEN als mögliche zukunft (des lesers) enthalten.

weniger allerdings in den medien, den allgegenwärtigen, die alles senden, was ihren ausschnittscharakter vergessen macht.

Knisternd fahren Solettistangerln aus ihren Packungen und das Bild aus dem TV-Set, und Karin zuckt zusammen, hat sie Gehöraffektationen? Das Knistern des Zellophans, das Rutschen der Salzstangerln, das Ungestüm des Sprechers, der eine Kollegin mitgebracht hat, weil die Nachrichten für einen allein zu schrecklich sind (…) Die Mutter wirft Fragen gegen den Nachbartisch, die gleich vom Nachrichtensprecher beantwortet werden. (…) Der Fernseher öffnet mit einem verschwörerischen Zwinkern sein Zyklopenauge zu einer Live-Darbietung. Tote Afrikaner schmeißen die Haxen, tote Österreicher hauen sich über die Leidplanken. Ein Schwall von Licht springt hervor, ein Atem hebt an. Alle Köpfe heben sich zu diesem Gebirge an Informationen, die in den Brunnen eines jeden Zuschauers geworfen werden und mit einem Platsch, sie haben Verspätung, in diesem ankommen. Wo sind die Zahnstocher? Stiller ruhiger Brunnen, steile Festung, schlaf schlaf im Schnee, die Meute mit den Hunden ist schon im Kommen, es ist so oft versucht worden, ihnen Menschenfleisch abzugewöhnen, aber sie essen es halt gar zu gern. Sie sind ja durch den häufigen Genuß auf den Trichter gekommen, durch den immer wieder Nachschub fließt, immer neue Nahrung. Die Billigesser nehmen eine lange Wanderung auf sich, um ihre Genußscheine vorzeigen zu können, auf denen seufzend das Ableben einer ganzen Tier- und Pflanzenwelt bestätigt wird, so, jetzt können dafür sie einziehen, Mund auf, Augen zu. [04]

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SWITCH : ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA

DIOSCURein besonderes vergnügen ist das hineinlesen - und baldige festlesen in ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA von walter abish. das original erschien 1974 in new york bei new directions, die übersetzung ins deutsche hat jürg laederach vorgenommen. sie ist kongenial, poetisch auf der höhe, manchmal eigenwillig, stets auf dem quivive und bringt die frische des romans wunderbar in die gegenwart. die zweisprachige ausgabe erlaubt ein ständiges springen zwischen dem deutschen und dem englischen text. mir geht es dabei so, dass ich dann jeweils in der einen sprache weiterlese, bis mich ein wort oder eine wendung geradezu auffordert, doch in der übersetzung oder im original nachzuschauen, wie es dort heisst, und ich dann in dieser sprache weiterlese, und so weiter, und so fort. [05]

das buch ist entschieden experimentell und wundervoll lesbar zugleich, es ist ein ausgewachsener liebes-, kriminal- und afrika-roman, ausgeführt als struktur-erzählung einer am alfabet orientierten versuchsanordnung. passenderweise unterscheidet sich das deutsche nicht vom englischen alfabet, so kommt die übersetzung | nachdichtung ohne strukturverrenkungen aus.

26 buchstaben hat das alfabet, 52 kapitel ALFABETISCHES AFRIKA (104 mitsamt dem original).

im ersten kapitel dürfen nur wörter verwendet werden, die mit dem buchstaben “a” beginnen, im zweiten schon wörter, die mit “a” und “b” anfangen, bis zum kapitel “z”, in dem alle anfangsbuchstaben zugelassen sind. dann geht es weiter, wieder mit “z”, dann “y” und bis zum kapitel “a”, das wiederum nur aus wörtern mit dem anfangsbuchstaben “a” besteht. die kapitel des zweiten teils korrespondieren auf vielfältige weise mit den vorgaben des ersten teils, nehmen allerdings andere blickwinkel ein.

wie es anfängt und gleich seine methode herzeigt, mitsamt der hauptsächlichen personal-konstellation und der exposition kommender ereignisse, hier als anfangszitat.

Am Anfang allen Anfangs Alex, Allen, an Alvas Arm. Ankunft Antibes, Aussichtsterrasse, alter Ankerplatz. Als Alvas Aussehen alle anzog, allerhand Anzügliches anregte, als Alex Abmahnungen ausstieß, als Allen ärgerlich atmete, artete alles auf Anhieb aus: Abermaliges abgedroschenstes afrikanisches Amüsement …. Achje. Auch argumentierten alle, alte angsterweckend angeschwollene afrikanische Armee avanciere, attackiere andauernd afrikanische Ameinsenhügel, Ameise auf Ameise abschlachtend. Als Alex anschließend alte Ansichten abermals ausformulierte, amtierte ausgerechnet Albert als Angeschuldigter: angeklagt außerordentlicher Akzeptanz aller Ameisen-Annexion, Ausführende: Antipoden. Anderes Apartment: Albert arbeitet ausbaufähige Antwort aus, argumentiert anti Armee. Antwort: Ameisen als ‘ants’, Ameisen als ‘ants’ ? [06]

dazu kommt noch autor a., der mit seinem roman, den er über oder für oder gegen alva schreiben will, schreiben wird, schreibt, nicht verloren geht. schliesslich gibt es den buchstaben “i” - und der ich-erzähler ist da, gleich stellt er sich mit einer hartnäckigen zurücknahme seiner existenz ein: “Ich bin hier als Abwesender genausogut anwesend.” (s. 37) immer wieder unterstellt der verfasser, dass sich a. und ich-erzähler ineinander spiegeln könnten.

die abenteuer alvas, einer sexuell hochaktiven frau, die offen ist für alle männer- und frauenwünsche, halten in ihrer erotischen fesselungskraft die romanhandlung zusammen, während afrika-materialien aller art ganz erstaunliche tatsachen und fabelhafte ereignisse berichten.

so ziemlich alles, was sich von und über afrika sagen lässt, tritt auf. die phantasmen der white hunter und kolonialwarenhändler, die animistischen weltsichten der so unterschiedlichsten eingeborenen, ihre ritualversessenen magischen sichtweisen und denkmuster, schliesslich technokraten, ingenieure, überhaupt alle zubetonierer der afrikanischen landschaft nach der unabhängigkeitswelle der sechziger jahre. dazu die spinner, geschäftemacher, auftragskiller, söldner aus allen teilen der welt, die den auch sehr merkwürdigen und sehr machtbewussten einheimischen in vielfältigster weise nützlich sind.

queen quat, ein herrschender transvestit, der immer wieder das unbedingte bedürfnis nach absoluter macht artikuliert, möchte sein kleines land vollständig in der farbe orange lackieren lassen, schliesslich ist er oder sie doch nach einer phase der fabrikation von kosmetika gross in die lackproduktion eingestiegen. orange deshalb, weil in einer internationalen karte, auf der die einzelnen länder durch farben differenziert sind, sein land orange eingezeichnet ist.

denke ich heute an die attitüden eines idi amin oder des kaisers bokassa, dann staune ich eher, wie genau (und vorausschauend) walter abish gerade in den besonders abseitig erscheinenden anekdoten ist.

das anekdotische ist es auch, was neben den redegewohnheiten, afrika-klischees und afrikanischen euphemismen als sprachmaterial durch den dschungel des alfabets führt. so wie die geschichte vom autor im buch, der - in einer art wandersage - verbreiteten erzählungen vom “schrumpfen afrikas” nachforscht. ständig hat er den eindruck, dass sein verdacht der schrumpfenden landmasse bestätigt wird. sicher ist, dass auch sein afrika nicht existiert, dass alle vorstellungen, sei es der europäer, der amerikaner oder der eingeborenen über das alte afrika hinfällig geworden sind. alle bewegen sich auf und durch einen kontinent, dessen zutreffende beschreibungen erst gefunden werden müssen. noch sind diese zugänge verbaut von den traditionellen - und ganz verschiedenen - sprachgebräuchen der mächtigen und der ohnmächtigen. nur die alles vernichtenden driver-ants / chauffeur-ameisen fressen sich durch brücken, häuser und menschen, während postkolonialisten und technokratisch erfahrene neo-häuptlinge ihre klunker- und rohstoff-deals realisieren. die gewalt ist selbstverständlich, menschenleben zählen nichts und geschichte ist nur vorhanden, wenn sie zur gegenwart passt.

es durchzieht ein fassungsloses staunen über die tendenziell anomische gleichzeitigkeit der gegensätzlichsten wünsche und über das gänzliche fehlen humanistischer oder sonstwie menschenleben achtender handlungsmaximen das ganze buch. die zerfallenen alten ordnungsstrukturen, die, bei stets zunehmender bevölkerung (insofern “schrumpft” der kontinent real-metaphorisch) durch eigentlich nichts ersetzt werden, ausser mehr oder minder mörderischen parodien alten stammestreibens, bedingen wohl, um überhaupt darstellbar zu sein, eine konsequente strukturierung des textes.

während in manchen kapiteln viel von “codes” die rede ist, werden als buch die wirkweisen der codes, besonders die restringierten codes, wie sie als kategorisierung für untersuchungen wort- und syntax-armer umgangs- und unterschichtsprachen erfunden wurden, exemplifiziert.
was mit dichten wortfolgen und kurzen sätzen beginnt, erweitert sich und verflacht bis zum kapitel “z” zu einer durchaus mainstreamigen erzählweise erotischer und kriminalistischer vorgänge. dann, wenn das delta des erzählstroms in ein anderes delta mündet, von dem aus es wieder flussaufwärts geht, wird das zur verfügung stehende lexikon wieder in seinem angebot restringiert, es verdichtet sich der text erneut zu intensiv collagierten passagen, die auch konrad bayer hätten gefallen können. das angebot der sprache erschafft und formatiert, wie und was wahrgenommen wird.

hilft die gewählte schreibregel das überreichlich vorhandene material anfangs und gegen ende auszuwählen, so zeigt sich in den eher erzählerischen passagen der autor in stärkerem masse für seine schöpfung verantwortlich. was schliesslich dazu führt, dass all die heftigen kriminellen und erotischen begebenheiten, mal relativiert, mal überhaupt widerrufen (widerschrieben?) werden, bis letztlich, solange noch in halbwegs ganzen sätzen episiert werden kann, die ereignisse zwischen den handelnden personen als reines phantasiegespinst, als reine handlungsvorschläge des autors im setting des afrikanischen verschwinden.

ein detail noch: immer wieder eingeschoben in die kapitel findet sich ein kleines, zufälliges wörterbuch aus afrikanischen sprachen | dialekten, das für die personen der handlung wenig funktion hat. die einzelnen wörter und ihre übersetzungen sind sowas wie stücke einer ausstellung, die anstelle von plastiken oder bildern den text bereichern, ausgefuchst gebrauchslos stehen sie als würdevolle sprachdenkmäler in beiden textversionen gleich fremd herum.

das alfabetische afrika eines autors, das walter abish ein buch lang entwirft, endet mit dem, was von texten überbleibt, wenn die handlungen abgelaufen sind, den namen der personen und der anrufung des alfabets. alles, was weiter sich ergeben kann, wird anders, aber mit diesem werkzeug, erschaffen werden.

im schlusskapitel verdichtet sich die alfabet-orientierte vorgangsweise des autors nochmals, wenn die substantive als kadenz ihrer diktionär-fiktionären ordnung im countdown runtergelistet werden.

another abbreviation (…) another attraction another author another autograph another automat another avalanche another avenue another aversion another aviary another avoidance another avocation another avid avowal another awareness another awakening another awesome age another axis another Alva another Alex another Allen another Alfred another Africa another alphabet. [07]

ein buch wie dieses, wünschte ich mir, könnte doch auch mal hunderttausendfach in der wiener stadt verteilt, verschenkt werden, falsch wäre so eine literatur-als-kunst-aktion nicht. walter abish, der jetzt in new york lebt, wurde 1931 in wien geboren, als kind kam er auf der flucht vor den nazis nach shanghai, nach einigen jahren und einem architekturstudium in israel unterrichtete er ab den frühen 50er jahren er in den usa an den universitäten columbia und yale.

einen stärkeren thematischen bezug zu elfriede jelineks DIE KINDER DER TOTEN hat allerdings sein roman HOW GERMAN IS IT - WIE DEUTSCH IST ES, der 1980 erschien. darin ist der erzähler eine sehr interessante mischung aus fremdenführer und detektiv, der fragend und baedeker-infos ausstreuend durch das deutschland zur zeit der RAF fährt. die nazi-vergangenheit scheint im alltag vollständig vergessen, stadt und land sind peinlich sauber, schmuck geradezu, nur die vereinzelten anschläge der terroristen stören das ordentliche erscheinungsbild. eine stimmung des penetrant unguten, des gfäudn, wie man in wien sagt, durchzieht das buch, das auch einen philosophen enthält, der sich intensiv mit der titelfrage beschäftigt: was ist das kontinuierlich deutsche an den deutschen. 1981 wurde das buch mit dem ersten PEN | FAULKNER-award ausgezeichnet.

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SWITCH : TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN

DIOSCURein anderer autor, ein anderes alfabet, ein anderes wörterbuch, ein anderes konzept, eine andere konstruktion, ein anderes sprachkunstwerk.
“Wer A sagt, muss auch B sagen” lautet ein motto von TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN. schon die gattungsbezeichnung ist wörtlich zu nehmen, denn das buch ist in radikalster weise die utopie eines romans, ist als sprachkunstwerk - wie die meisten arbeiten von gerhard rühm - gleichzeitig auch exemplarisch für den expansiven umgang des autors mit genres, gattungen, arten. zum akt der schöpfung (bei TEXTALL dauerte er von 1988 - 1992) gehört immer auch die neuschaffung der gattung, der das werk angehören wird. nicht irgendwelche enge literaturwissenschaftlich gängige definitionen bestimmen, was ein roman ist, sondern jeder roman, und TEXTALL auf jeden fall, definiert durch seine existenz die aktuellen grenzen von gattung und genre. allein diesen anspruch in einem buch realisiert vorzufinden, macht es unausweichlich zu einem lieblingsbuch.

zur konstruktion: der text besteht aus dem gesamten wortangebot des deutschen teils eines japanischen wörterbuchs. gegliedert in 22 kapitel, sie entsprechen den 22 buchstaben, die in der umschrift der ideogramme das japanische vom lateinischen alfabet benutzt. jedes kapitel wird eingeleitet durch die textsorte zeitungsartikel, vom 1. bis zum 22. jänner 1992 gesammelt. der zunehmende zeitliche abstand der aktuellen meldungen gibt TEXTALL eine historische dimension. die aufgerufenen erinnerungen (oder bei jüngeren lesern: nicht-erinnerungen) lassen das narrativ entstehen: erzählungen aus einer mehr oder minder vergangenen, die gegenwart noch immer mehr oder weniger durchdringenden, kontaminierenden welt. bei einem bestimmten wort hört der artikel auf und die poetischen texte beginnen, er setzt als fusstext erst wieder ein, wenn in der dichtung ein schaltwort erscheint (gekennzeichnet mit einem sternchen). an dieser stelle muss sich der leser entscheiden, in welcher sprachwelt er weiterliest: im narrativ der zeitungsmeldung oder im assoziationsdichten textfluss des jeweiligen stichworts, in das die einzelnen kapitel gegliedert sind.

überwiegend ist prosa die textgattung der wahl. oft über viele seiten faltet sich ein hervorragend surreales, assoziationsdichtes sprachgewebe auf, das einen beim lesen ständig aus der normalen sprachwelt herauskatapultiert in höchst anspruchsvolle textlichkeit. die im alltag verankernden bzw. den alltag ausmachenden orientierungen verlieren an verbindlichkeit. ich lese mich schwebend, texte und kontexte kippen ineinander, schaffen sich (und mich) neu.

stellvertretend und als einstiegsvorschlag der hinweis auf einige stichwörter: “begierden” (s. 32f), “beschreibung” (s. 36.f), “käfige”, “katalog”, katastrophen” und “kaufhaus” (s. 100 - 119). ein kleiner ausschnitt aus “kaufhaus” mag die fluide textgestaltung, die souveräne beherrschung des materials und der methode wie die poetische qualität einer gegenwarts-surrealen sprach-inventur zeigen.

(…) scheunen für zeppeline, (luftschiffe). koks für kläger. höhere und bessere appartementhäuser gegen atemnot (atmung durch atemzüge). kleine sinfonien, heimatlose trommelfelle und andere galanterie- und kurzwaren. detaillierte fohlen mit genauen kreiseln. sind sie verlegen und ratlos heute abend? dann guten abend beim zusammenspiel mit hochmütigen aufgeblasenen mitspielern! knüppel gegen büchsenfleisch. seetang und roher reis für ihre schläfe. drängen sie sich um die pauschale nach dem komma. hintertore gegen schwangerschaft. fledermäuse für ammen und kindermädchen ohne kompass. zirkel zum schliessen. wiegenlieder aus dem computer. weizen und mehl für dunkelblaue beamte mit geduld und energie. kondensatoren, die insekten mit einem eckstoss (eckball) zerschellen und pulverisieren, bevor sie selbst in stücke gehen. präservative zum kneten, vermischt mit vitamin b, diesmal ohne beziehung, von nun an vom müller. diesen monat unser anliegen: eine mischung mischlinge auf ihre bitte. eine basis aus beton für ihre gesinnung. (…) [08]

alles ist allen bekannt, aber dank gerhard rühms collagierender, montierender schöpfungs-intervention entsteht eine sprachwundervolle parallelwelt, die - so die von den vorworten insinuierte erklärung - synchron in - aber getrennt von - unserem bekannten universum existiert.
die mehrfachwelten-spekulationen von quantenphysikern leiten das TEXTALL ein, gemeinsam mit einem auszug aus bertrand russellsDas ABC der Relativitätstheorie” und bemerkungen zu zen, objet trouvé (die glücklich gefundenen objekte), surrealismus (christian kellerer: “Zur Psychologie der modernen Kunst“).

ein schaltwort, so die assoziation, könnte als brücke (oder als schleuder) von einer der mehrfachwelten zur anderen dienen - wobei allerdings, wenn ich es recht verstehe, man immer nur in einer welt existiert, egal in wie vielen welten man sonst noch so oder so ähnlich existieren mag. konkret ist man immer in der einen welt. vielleicht ist “unser” universum ja auch das einzige, in der mehrfachwelten-theorien artikuliert werden können.

das sprachmaterial mag noch so zufällig und vorgegeben sein, ist es nur reichhaltig genug, dann entstehen zwangsläufig texte, die von der unverwechselbaren hand- (bzw. maschin-)schrift des autors, von seiner einzigartigen konkretheit zeugen. seine denk- und schreibhaltungen, seine assoziations- und pointierungsgewohnheiten, der ganze fundus erarbeiteter formen, all die lieblingsthemen und blickwinkel (das weltall z.b. oder weltuntergänge), bereichert um die tätigkeiten und gegenstände hier des japanischen alltags eben, machen gerhard rühms TEXTALL aus. konkrete poesie, gedichte, traumlogische textaggregationen, lustvolle sprachspiele mit logik und widersinn, mit bild und rahmen, text und kontext, inter- und metatext finden sich immer wieder. besonders schön unter dem stichwort “illustrierte” (s. 79 - 94), wo sich der text in der art einer bildunterschrift unter leeren rechtecken entlangzieht und die zu einer illustrierten nun mal gehörenden illustrationen völlig der phantasie des lesers überlassen bleiben. eine brauchbare zen-illustrierte ist erfunden. immer wieder allerdings ertappe ich mich dabei, dass ich erinnerungen an fotomontagen und zeichnungen rühms, wie ich sie seit den 70er-jahren kenne und schätze, in die freien felder einfüge.

widmungen dürfen in einem vollständigen roman nicht fehlen, auf sie weist der autor mit vollendeter eleganz hin:

dieses buch ist den lesern der dichter gewidmet, denen die kapitel 10, 15, 16, 17 gewidmet sind.

mit einem zitat aus dem 15. kapitel (benjamin péret gewidmet) möchte ich mit meinem parallel-lese-switch durch lieblingsbücher für dieses mal aufhören. es ist ein mit mehrfachbedeutungen spielendes listen-gedicht, dessen paar-vorschläge man ernsthaft bedenken sollte.

paare

der spielautomat, die spielhalle.
der backofen, die bäckerei.
der bäcker, die eisdiele.
der eisbrecher, die pastete.
der slip, die unterhose.
der schlüpfer, die strumpfhose.
der pianist, die pediküre.
der schlafanzug, die ananas.
der sexfilm, die pinzette.
der strafstoss, die kneifzange.
der locher, die dauerwelle.
der deckoffizier, die party.
der zahlmeister, die petersilie.
der partner, die funkstreife.
der streifenwagen, die halbtagsarbeit.*
der kitt, die reifenpanne.
der prospekt, die technische dichtung.
der betrug, die parkuhr.
der grosse hunger, die pfefferminze.
der paprika, die papierserviette.
der anstreicher, die farbe.
plumps! klatsch ! [09]

und hinter den urknall | urhauch des a-sagens gibt es kein zurück.

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SWITCH - NACHBEMERKUNG

noch einige vorschläge für die parallellektüre, das offen loopende herumswitchen in einem text-universum, das sich irreversibel ausdehnt.
friederike mayröcker: REISE DURCH DIE NACHT < > thomas ballhausen: GERÖLL | brigitta falkner: AU - DIE METHODISCHE SCHRAUBE < > gertrude stein: TENDER BUTTONS | werner kofler: IN MEINEM GEFÄNGNIS BIN ICH SELBST DER DIREKTOR < > thomas pynchon: VINELAND / liesl ujvary: ALPHAVERSIONEN < > anna blaman: EINSAMES ABENTEUER | elfriede gerstl: MEIN PAPIERENER GARTEN < > henri michaux: MEINE BESITZTÜMER.
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QUELLTEXTE

walter abish: ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA: übersetzung: jürg laederach (urs engeler editor 2002)
elfriede jelinek: DIE KINDER DER TOTEN (rowohlt taschenbuch 2004)
gerhard rühm: TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN (rowohlt verlag 1993)

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ENDNOTEN

[01] - elfriede jelinek: DIE KINDER DER TOTEN (rowohlt taschenbuch 2004), s. 446
[02] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 365
[03] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 246
[04] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 217/218
[05] - vor- und zurückblätternd geniesse ich eine kleine sprach-spiel-anekdote, die jürg laederach beim übersetzen erfindet, sie hat mit dem englischen “prick” zu tun. abish verwendet die bezeichnung ganz selbstverständlich, laederach im deutschen text packt sein synonym-wörterbuch aus und kommt mit einer ganzen latte von euphemismen für den alltäglichen “schwanz” an, die von “schwengel” bis “balthasar” reichen.
[06] - walter abish: ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA - übersetzung: jürg laederach. (urs engeler editor 2002), s. 7
[07] - walter abish | jürg laederach: a.a.o., s. 370
[08] - gerhard rühm: TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN (rowohlt verlag 1993), s. 112
[09] - gerhard rühm: a.a.o., s. 145f

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herbert j. wimmer | 05.01.2008 | Erstdruck : Kolik 39

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Konnte Tulpes Handeln also gelingen …

 

TULPE_copyright_Lisa_Spalt

Konnte Tulpes Handeln also gelingen - und das aus einer starken Handlungsposition heraus - dann nur unter der Bedienung identifingierenden Erfahrens. Tulpe ist Tulpe, das ja. Aber Tulpe muss wahrscheinlich irgendwann erfahren, was ihr Begriff ist, muss warten, welche ihre Mittel sind, vor allem aber wo und wofür sie steht. Ist Tulpes Erfahrung ihr Leben? Auf der Matritze welchen Wertesystems kann ihr Leben werden? Zählt nicht vornehmlich ihr Erfolg auf dem Gebiet der sanktionierten geschlechtlichen Liebe, zählt für sie nicht vornehmlich, einen Partner abzukriegen, bevor ihre Fortpflanzungsfähigkeit versiegt, bevor ihre Liebe damit zur Perversion wird, um also endlich mit diesem Abgekriegten auf natürliche Weise alt zu werden, während derselbe seinen zweiten Frühling erlebt, seine Fortpflanzungsfähigkeit weiter übt, da seine Liebe immer noch anderweitig benötigt, mit Nachwuchs gesegnet und niemals unnatürlich wird? Tulpe geht, dies alles bedenkend, ran. Sie weiß, sie muss sich so sehen lernen, wie sie von anderen gesehen werden will, und Tulpe siezt sich daher probeweise. Tulpe versucht sich in einem Role Playing Game (RPG) und Sie wird das später unter Identifiktion verbuchen. Weil das nach Lebenserfahrung klingt sagt Tulpe wie andere F-Wörter auch, wenn man sie nur ausreichend beiläufig ausspricht. Ja, auf diese Weise angesprochen, werden Sie einen ganz anderen Bezug zu sich kriegen versichert sich Tulpe. Und sie macht das für ein nicht zu vernachlässigendes Seminary-Sümmchen.

- Tulpe fragt: Soll Tulpe mit Tulpe handeln?
- Darauf SIE: Im Dorf, auf der Hälfte der Länge des Weges vom Gasthaus zum Haupttor nach Wyzima, gibt es eine Bäuerin. Eine Bäuerin ist mit einer Tulpe rumzukriegen.
- Tulpe: Tulpe ist die Identität als Gleichstellung zugunsten Tulpes biographischer Aktion?
- SIE: Tulpe kriegen Sie im Tausch gegen eine Wildblume von einer Stadtbewohnerin.
- Tulpe: Tulpe findet sich also im Blumenhandel?
- SIE: Im Tausch von Leiche, an Kreuzung liegend.

Ungefähr auf diese Weise schließt Tulpe ihren Ausflug in die Virtualität ihres Charakters ab. Sie wird bei ihrer Tulpenfindung womöglich über Leichen gehen müssen und so weiter und so fort, eben anstatt von anstatt. Das Feld der Identifingierung sagt Tulpe das ist der freie Markt. Asbach uralt brüllt Tulpe, schleudert sich mit armwerfender Geste aus sich heraus, sie kann sich noch währenddessen als absolut peinliche Geste erfassen. Yes, Tulpe weiß, wie man den eigenen Mundgeruch mit der vorgehaltenen Hand testen kann, sie wendet dieses Feature auch an, da es nach dem letzten Ausruf so penetrant zu stinken scheint. Ach, Tulpe hatte eben etwas ganz anderes zu werden vorgehabt. Sie stellt ihren Handlungscharakter leider nur genau so fest, wie es Ihnen, wie sie sagt, gerade so passt. Ja, Tulpe war ja gerade noch ganz auf Renergie Morpholift Repositioning eingestellt, auf Kreuzungen von Darwin-Hybrid-Tulips und auf all sowas, aber warum eigentlich nicht, wenn Sie es nun mal so wollen, blablabla. Und ab. Mit Abbrev. Viatur Trav. Zweig. JPG […] Und am Ende gerädert raus beim Hotel Tulpe in Halle, Ecke Kaulenberg/Alte Promenade, oder beim Hotel Tulpe am Fuße der Hohen Salve in Tirol bzw. im Golden Tulip all over the world und das gleich all inclusive und das all noch zu definieren et cetera. Im Vorgarten jedenfalls jetzt schon Haltung als zaghaftes Zuhausegefühl, als Green des Stängels in Stammzellen geliebt, als Wollen den Charakter beschäftend et cetera … Eine Tulpennatur sind Sie! (We so usually talk about a tulip, when a woman presses her vagina against the face of an unconscious man, you understand?) Oh, customize your avatar before hitting the virtual dancefloor. Bitte was? Na, dank recht schön, Freud, für diesen Zimmersymbole erschließenden Tulpenschlüssel. Dann also mal alle Bäuerinnen anklicken, die da so rein- und rausgelaufen kommen! Rein und raus, alter Hut! Überhaupt, Tulpe will sich wirklich unbedingt ein wenig Identität einhandeln, richtig old fashioned, das Pflänzchen. Tulpe war überhaupt noch nie die Bäuerin. War ja noch nie WIZIMA Treuhand, Dietlikon, Bettstenstraße 11 gewesen, aber warum nicht? Hängt doch alles zusammen, sind doch alles mögliche Relations!

(Definition: A tulip is a special type of joint … Eine Tulpe ist eine spezielle Form von Gelenk …
… which looks like a regular joint … das aussieht wie eine reguläres Gelenk …
… but with a sack of marijuana on the end of it … aber am anderen Ende des Dings sitzt Maria Johanna …)

Warum denn aber nicht ein tulipwalker sein? Ein pink-links-liberal-kommunistischer Baum-umarmender, anti-amerikanischer Umweltnazi-Peacenik?

Warum eigentlich nicht ein tulip sniper werden? Rote Tulpe, die mit einem Tommy Gun bewaffnet ist. Schießt auf niemanden. Hat eine angenehme Stimme.

Warum aber nicht tulipan? TUEP der versucht, Hare Krishna zu sein, alle verbotenen Substanzen der Welt verteufelt und noch nie in seinem Leben ein Tier gegessen hat.

Und Franz Riepl, IRRE PFLANZE, FARNPILZER, FEZ-PLAN et cetera? Ja, Tulpe findet bei näherem Hinsehen immer wieder Hinweise auf einen geheimen, einfach alles erklärenden Bauplan. Irgendeinen Grundstoff, der sowohl mit dem ständig sein Denken wechselnden Kopf (oder der den Kopf wechselnden wechselnden Bedeckung des Kopfes: Fez, Tülbent et cetera) als auch mit dem Vegetabilen in Zusammenhang stehen muss. Etwas, das noch nicht einmal in Grundstoff und Grundplan ausdifferenziert ist, das allen Verwandlungen zugrunde liegt. Wenn ich gestorben bin sagt Tulpe bin ich allem Anschein nach aus einer Kopfbedeckung entstanden, werde aber Pflanze sein. Warum also nicht?

Franz (16 Daumen hoch, 27 runter): anderes Wort für Profilneurotiker. (Sei nicht so ein Franz, was Deine Größe betrifft, es ist nicht die Größe, die zählt.)

Franzi (8 Daumen hoch, vier Daumen runter): verrückter Arsch, spontane Person, lustig und sensibel, lächelt immer.

Warum aber nicht Mongolin fragt Tulpe imstande, eine mit dem Wort TULPA verbundene Vorstellung als eine Art Produktionsmaschine für Lebewesen zu benutzen. Vergleiche dazu Alexandra Tulipe-Néel: Sie brachte das Wort (the noun) Tulpa um 1920 herum nach Europa, erzählte, sie habe als eine tibetische Nonne (a tibetan nun), die sie geworden sei, die Tulpa eines kleinen Mönchs erzeugt, welcher sich dann allerdings so schnell und so deutlich von ihr abgetrennt hatte, dass sie ihn töten musste. Die Mongolen produzieren Lebewesen sagt Tulpe aus dem Gedanken-Rohstoff, welcher bekanntlich überhaupt nichts kostet, aus ihren inneren Monologen, die sowieso täglich zur Produktion und Aufrechterhaltung der eigenen Konsistenz absolviert werden müssen, Perpetuum Mobile. Und wir dürfen davon sprechen, dass bei dieser Art der - zum Beispiel landwirtschaftlichen - Produktion das Volk sowohl den Rohstoff als auch die Arbeit liefern würde können. Die Tulpa könnte also, zur Erzeugung von essbaren Pflanzen und Tieren angewendet, durchaus ein Ausweg aus der Problematik der Weltnahrungsknappheit sein.

Tulpe, Tulpe wirft Julien Tulipe de la Mettrie die Arme, ein Händeringen zeitgemäßerer Art dieses verblichenen Autors, der um heutige Lesende wirbt Tulpe, klar, sie ist ja die Pflanze Mensch schlechthin. Klar, Tulpes Wurzel ist logisch (natürlich) ein analysierender Verdauungsapparat, welcher das Gehirn ernährt. Ja, ja, da ist ja der Mensch, da ist ja die Pflanze zeigt la Tulipe auf den Kopf hinter seinem Gesicht sehen Sie doch, dass beide - und das miteinander - identisch sind.

Ach, für Sie bin ich doch nur mault Tulpe das Schoßhündchen Natur. PET mault Tulpe, die gewissermaßen zum Inventar des Shops gehört, in den wir zurückkehren, da unsere Natur heutzutage natürlich fließend Englisch spricht, auch wenn sie den Blumentopf im Fenster nie verlässt. Eine bessere Begründung gibt es nicht. Lupe, das Hündchen kläfft unsere Tulpennatur, welche sich zunehmend gegen den Menschen in uns wehrt Sie nähern sich mir auf kolonialistische Weise. Sie dringen schamlos in meine Tulpen-Materie, benutzen meine Tulpen-Rede, welche Sie die Natur Ihres Handelns erfahren lässt, auf die alt bekannte, elegante, schamlos mit großen Tieren wie exotischen Mustern flirtende Art: mild wild. Sie holen mich in Ihre allgemein verständliche Sprache zurück, über Ihren Vintage-Safari-Style. Und ich denke langsam bedeutet die Tulpe, die das Fenster meinem Spiegelbild einschreibt, für mich. Sie sollten beginnen, Respekt vor meiner Natur zu zeigen, ich denke sagt Tulpe ernsthaft Sie sollten anfangen, Ihre Natur zu siezen.

<<Die Niederländische Versicherungsgesellschaft Paerel Leven bietet Tabakkonsumenten bei Pensionsversicherungen einen Rabatt von 20%. In den Genuss der Vergünstigung kommen nur Kundinnen, die glaubhaft machen können, dass sie weit wenigstens fünf Jahren mindestens 10 Zigaretten täglich rauchen. Die Raucherinnen können so ihre Lebensjahre (laut Statistik ca. 8 Stück davon) direkt gegen bares Geld eintauschen, das ihnen während der verbleibenden Jahre genussfördernd zur Verfügung steht. Oh, what’s better than roses on your piano ? It’s tulips on your organ …>> (Quelle: Der Standard, 26./27. April 2008)

Hey, sind Sie ein Unkraut-Typ, sind Sie ein Blüte-des-Dingsbums-T-U-E-P? Ja, der Wert des Wesens: eine Frage von Angebot und Nachfrage, nicht wahr? So stellt es sich dar. Ist es ein Glück, dass sich Tulpe von Natur aus relativ langsam vermehrt? Tulpe: <<Die Frage ist, ob das für immer so bleiben muss, ob ich mich für immer so langsam vermehren werde. Bin ich erotischer, wenn ich mich rar machen möchte? Bin ich begehrenswerter, wenn ich außer Kontrolle gerate? Sind Erotik und Kontrollverlust gleichzusetzen?>> Ich möchte wirklich zu gerne wissen, was ich eigentlich sein will seufzt Tulpe nämlich: Soll ich den Underdog geben, geb ich den DINK [1]. Ach, sollte ich mich, um meine Bestimmung zu erfahren, mit der Natur der Acker-Winde identifizieren? Ein kleines Role Taking wäre meiner Entwicklung vielleicht durchaus förderlich. Aber was wird aus Ihnen? Schließlich habe ich mich entrüsten Sie sich während Ihrer nun tatsächlich zähen Entwicklung mit äußerster Mühe in Ihre Natur eingefühlt. Ja, Sie empfinden wahrscheinlich bei dem Gedanken, dass ich - Sie sozusagen mit mir reißend - in jemand anderen schlüpfe, etwas unpassend Sexuelles. Nun, ich, Tulpe, vermehre mich als Acker-Winde über die Blüte, nutze aber, wenn sich die Chance bietet, eben auch die Methode vegetativ, nämlich dann, wenn meine Würzelchen - beispielsweise durch Sie - aufs Gemeinste zerbrochen werden. Und an dieser Stelle kommen Sie mir natürlich mit dem Lustprinzip, fragen, ob nicht, was der Erhaltung der Art dient, irgendwo auch mit einer Lustempfindung gekoppelt sein müsse. Sie fragen sich womöglich, ob Sie nicht sexuelle Handlungen an mir, der masochistisch sich windenden Pflanze, begehen, wenn Sie versuchen, mich durch das Zerreißen meiner Wurzeln zu killen. Ja, ich bin Ihre Rede, ich denke wie Sie. Artübergreifende Unzucht mit dem unmündigen Pflanzenkinde? He, wie alt bin ich eigentlich? Verspüre ich eigentlich Schmerz, wenn Sie mich aus meinem Drecksloch zerren? Und ist dieser Schmerz, falls ich ihn denn spüre, nicht Teil der mir von der Natur gegebenen Lust? Ist dieser Schmerz also tatsächlich Teil meiner Vermehrungssucht? Wäre ich demnach nicht schlichtweg pervers, wenn ich mir eine schmerzlose Teilung in meinen photosynthetischen Träumen erdächte? Na, wie weit ist es denn nun mit unserer Einfühlung her? Werde ich als Acker-Winde eine Chance haben, die natürliche Auslese durch Sie, meine kulturell gebildeten Lesende, zu überleben? Werden Sie mich einfach aussortieren? Es ist doch, ehrlich, das Kreatürliche an mir, die Natur, die Sie stört, meine Fähigkeit, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden zu handeln, Ihre Theorie ohne Gewissensbisse vom Markt zu verdrängen, mir die Grundlagen Ihrer Tomatenzucht einzuverleiben, bevor Sie noch Tomaten pflanzen konnten.>>

(Und so interpretieren verschiedene Weisen von Aufblühen und Verwelken die Bewegung von Tulpes Spazierengehen, stoppt der Blickfang des Fächer-Ahorns Tulpes bewegliches Sehen, deutet das Um-die-Wette-leuchten winterlich zitternder Beeren den Lauf des Pumas auf Tulpes Cotton-Cat-Tee-Shirt, und mit starren Halmen setzt das Riesen-Pfeifengras kupfergoldene Akzente …)

Und Tulpe, respektive Ihr innovatives Wrinkle Restoring System, Reproduktionskapazunder, vor allem wirksam als Concentrate Night Pearl-Dings, lässt Weizenfelder im Bagel wogen, lässt trockenes Holz knistern in braunem Tütenpapier, überm Tulpe-Kamin klickt die Bambusdeko, und sie klimpert - welches Wort wäre hier wohl angenehmer? Ach, nichts kann Sie besser regenerieren als eine ordentliche Portion Natur! Baumwollgewebe von der Materie ziehen, Fett von Fleischfaser-mjam-mjam trennen, und Tulpe produziert sich, Sie schmückend, als Dichternarzisse im naturidentischen TPU-(möglicherweise also thermoplastischen Polyurethan-Dingsbums, hm, Texin-)Outfit, darauf ihr zartes Frühlingsparfum, verduftend zwischen Holzimitat-Objekten rund um Ihren, ihrer selbst sich bewusst werdenden Körper, wow, und der vertieft sich, um Ihnen zu gefallen, in seine Selbst-Organisation, befördert mit Handwörtern kontrolliert biologisch gezüchtete Pflanzen aus Bananenblättergebinden in den lebendig sich fühlenden Innenbehälter, und als Wurzeln in der eigenen Natur wird eine pflanzliche Nahrung begriffen, als Karottenschnitzel, als Rettichstreifen. Man sprießt Tag für Tag aus der Schwarzwurzelscheibe, den Rotkrautschnipseln, den Zwiebelringen, generiert sich aus unscheinbaren Maisgarnituren, gedeiht im Umrührstäbchen Ihres Kaffeebuschprodukts, als gummierte Zellulose der Speisekarte, edel in geblätterte Esche gebunden, als Kokosnuss, Mango und Lychee in 2-Euro-und-10-Cent-Saft-Form, Pflaumenwein (kann in Gestalt von 3 Euro 30 die Besitzerin wechseln), und Sie übersetzen Curry mit Gemüse in sich selbst, und Tulpe nennt Sie einen bombastischen Tag am Strand des indischen Meeres, und die geht da rein als Ihr Denken wie das Futter in den Handschuh, geht rein wie ins Heimtextilienparadies, Taborstraße 18, Wien, zweiter Bezirk, und dann neuerlich Links, neues Nadelöhr …

Hallo, Man schreit Tulpe. Wo Sie einmal ihr Denken besaßen, haben Sie jetzt mich. Schön, mit Ihnen intimer zu werden! Sie machen sich ja langsam sehr selbständig. Sie behaupten ja seit neuestem, Sie verstünden mich nicht? Na, ich bin Ihre Natur, sonst nichts. Und wie wollen Sie mich verstehen? Sie sind ja nur der Geist, den ich aus nichts als aus mir heraus produzierte. Sie vermögen ja nichts, als Zeichen gegen Zeichen zu setzen. Sie glauben ja, sie tauschten diese Tauschvorgänge gegen gültige Definitionen. Sie definieren ja den Begriff Tulpe simultan als Reichtum und Crash, als Leben, Leichtsinn und Fruchtbarkeit, als Verantwortungslosigkeit, die Istanbul und die Niederlande, als unvernünftigen Umgang mit der Gottesgabe Geld, eine Selbsthilfegruppe von Gesichtsversehrten, den Kampf gegen Drogen et cetera, ja, sogar als die Wahre Tauschaktion Liebe. Nun, erinnern Sie sich? Sie begannen zu fragen wo oder was ist meine Natur. Ich legte ich Ihnen in der Sprache der Blumen eine Tulpe in den Mund, sie zu schmecken, Sie aber schoben Sie sich ins Gehirn. Sie entdeckten zwei antibiotisch aktive Glucoside an mir [2], produzierten daraus vorläufig noch ideellen Gewinn. Hirnhälfte und Zwirn! Ich bin Ihr Tulpengedanke. Ich reproduziere mich als Ihre Gehirnwindung, Ihre Natur, die ich bin.

- Wenn Chandlers Katze, die der Autor übrigens beugt sich Tulpe im Wind für seine Sekretärin hielt, ihre Pfote hochhob und etwas länger betrachtete, dachte seine Frau, das Tier wolle eine Armbanduhr haben. Dieser Gedanke war natürlich ich!
- Die Frau verspürt das natürliche Bedürfnis, teure Schuhe zu kaufen? Diese ihre Natur bin natürlich ich, die sie so handeln lässt.)

<<Sie kommen ja aus Ihren Interpretationssystemen nicht mehr heraus sagt Professor Tulpe. Wenn nämlich eine Person so Professor Tulpe zur Patientin wird, dann deswegen, weil sie - für Europa nicht ungewöhnlich - der Meinung ist, ihre Natur habe sie in ihrem sterblichen Körper eingesperrt. Die Patientin bezeichnet diesen Körper dann gern als ihre sterbliche Hülle, als ein Gefängnis, sie beginnt, endlose Wortfolgen zu repetieren, nennt dieses Geplapper Gebete. Eine Empfindung von Empfindungslosigkeit beginnt bald, von ihren Füßen her aufzusteigen, die Patientin erblickt im Spiegelbild ihren Naturbegriff, unter dem sie - Verschiebung! - eine Anzahl von Schierlingsgewächsen versteht. Schließlich beginnen ihre Gehirnzellen, den Gedanken zu produzieren, derselbe Gedanke könne sich von ebendiesen Gehirnzellen trennen und so deren (ihrer eigenen!) Sterblichkeit entrinnen. Symptome eines Auflösungsprozesses zuckt Professor Tulpe mit den Schultern irrationale Standpunkte, religiöse oder okkulte Themen, exzessives Schreiben ohne Bedeutung, Berührungen verweigert, Anzeichen für die Ersetzung von tätigen Gehirnzellen durch den bestehenden, stehenden Text, Katatonie. Sollte die Patientin in diesem Stadium ihren Körper, den sie zunehmend von sich abzutrennen versucht, indem sie ihn Natur nennt, noch länger dazu benutzen, ihn mithilfe seiner selbst mörderischer Absichten zu beschuldigen, wird der Körper beginnen, sie tatsächlich zu töten. Fesseln des Stoffes ruft Tulpe Schlingen schwerer als sein Gelingen, von den Nerven springende Darmbewegung, Horrortipp, Klick … Den mörderischen Gedanken in letzter Sekunde loswerden zu wollen, nützt allerdings dann nix. Das Gift der Reflexion hat bereits vor zu langer Zeit das Zwiebeln riechende Fleisch vom geschwungenen Wort jeder Tulpe getrennt. Es bleiben Handlungen an Namen von Pflanzennamen, Handlungen an nicht existierenden Gegenständen, mit abwesenden Menschen, mit Ursachen in Form von Zwiebelgedanken, Wirkungen am Ort von Tulpenabblättern … >

… und dann starben Sie also, Sie richtiges Lesewesen, Sie unbekannte Art, falscher Sammelbegriff für einzeln Bleibende. Ihr Serienmord erzeugte auf unzulässige Weise die Gruppe der Tulpenopfer. Und so ging ich hin, um deren Geschichte zu schreiben, ging mit Fortschreiten der Story auf meiner, sich in die Vergangenheit der bekannten handelnden Personen verzweigende Spüre zurück, ein Lügehen, klar. Tulpe Killer, Tulpe Gift! Mensch, das konnte doch kein Mensch gewesen sein! Tulpe tat doch keinem Menschen was zu Leid. Dann die Notiz, das Indiz, unterstrichen vom deutenden Index: Tulpe sprach Sie als Raymond Chandlers Katze an. Tulpe sprach Sie an als Raymond Chandlers Perser, na klar! Mit dem Instrument der Vertauschung war die Lösung zu produzieren. Denken Sie nach! Für Katzen kann der Genuss von Tulpen durchaus tödlich sein!

Epitaph:
Die geotrope Begabung der Tulpe erfasste einst den kochenden Mittelpunkt der Erde als UNTEN / OBEN die wartenden Schalen telegraver Sterne, Häute von der Erde aus betatscht. Das Wurzeln bohrte nach dem so genannten Herzen mit dem Finger der Hand um das Streben nach Fassung einer um Lichtjahre entfernten universal wirkenden Metapher. Erst, wenn Tulpe tot IST / WIRD: Zwiebel (in der Erde LIEGEN / im Himmel allerdings SEIN. (Fffft!)

(Eine einzige 600-Grad-Lampe illuminierte Tulpes New-York-Art-Star-Status/wir sagen Tulpes New-York-Kunststern-Standort: Ist Tulpes Sperma 100 000 Dollar wert?)

He, kommen Sie auf den Teppich! Tulpe ist im Himmel. Tulpe ist Geschäftsführerin im HANDY PARADIES, Wien, Neulerchenfelderstraße 21, 16. Bezirk. (Wow, wie die überrollte Handtasche mehr als der tote Körper selbst berührt - denkbar: weil sie der Auflösung des Bewusstseins in den Gegenstand der toten Natur ein Bild gibt?) Na, wollten Sie nicht endlich das nächste Level erreichen? Haben Sie denn gar keine Sehnsucht danach, einen abgebrochenen Kontakt aufzufrischen? Wählen Sie TelUP, das luxemburgische real free Internet, the new inspiration in telephony! Es berät Sie Maude Fettmann, Boulevard Royal 3. He, hören Sie endlich auf, für Gespräche zu bezahlen! Hören Sie endlich auf, von Tulpe nur zu lesen! Hören Sie Tulpes Stimme live, hören Sie, wie sie mit sich selber spricht, hören Sie sie jetzt! Kommen Sie rüber zu Tulpe, in ihre neue Fernsprech-Welt!

TULPE_copyright_Lisa_Spalt

[1] - DINK = Double income, no kid.
[2] - Siehe Rudolf Tschesche, Friedrich-Johannes Kämmerer und Günter Wulff vom Institut für Organische und Biochemie der Universität Bonn: Über Glykoside mit lacton-bildendem Aglykon, II. Über die Struktur der antibiotisch aktiven Substanzen der Tulpe (Tulipa gesneriana L.).

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Die Geschichte ist natürlich nur erfunden …

 

TULPE_copyright_Lisa_Spalt

Die Geschichte ist natürlich nur erfunden gesteht Tulpe, schwebt vom Verkaufstisch herunter Anmache ist alles, passieren wird nix, wir sind ja PLUTS, Kreuzungen von prudes und sluts, aber wenn Sie heutzutage etwas verkaufen wollen, müssen Sie eben eine Geschichte erzählen. Zitat Heinz von Tulpe: Wir halten ja jene Wissenschafterin für den Vertreter der besten Theorie, welche die beste Geschichte erzählt. - Genau diese Erfolgsstory entwickeln zu lernen motiviert Tulpe Sie und Ihre Anwesenheit hier sind wir zusammengekommen. Und nun rein in das Geschäft mit dem Stoff, der das Objekt Ihres Handelns sein muss!

<<Mann hält Turbantuch in Hand für Traumfrau, Frau wird durch Zeichnung von Tulpe erregt. Oh, Tulpe ist im Besitz von Mann, oh, Mann! Oh, Tulpe ist gleich Mannespotenz! Oh, Schönheit von Tulpe ist gleich proportional zu Sinneserregung von Dame! Hurtig elektrifizierende Schlüsse gezogen: Zwiebel von Tulpe deutet als Tulpe in Nuce auf durch Besitzer zu erwartende sinnliche Genüsse. Frage: Berechnung möglich? Formel klar: Männliche Potenz entsprechend Erregungspotenzial von Schönheit von Tulpe, was Glück & heureka! Überlegungsprodukt: TULIMANTIE, LIANE MUTTI, LAUTE INTIM, das ist Tulpenorakel gleich Erfindungspotenzial. MUT-LITANEI von ALE TUT MINI! Begründung: Orakel gleich Einnahmequelle. Ergo? Kioskaufstellung für Eintausch von Nichtwissen gegen Vorkehrungen-Treffen, dadurch Zukunft-Verändern und neues Nichtwissen, gegen weitere Zwiebeln plus Nulpe-wird-Duce-Orakelsprüche. Begierdeleistung, Lustvorsprung, Genusstrategie: Ich ist gleich Rohstoff zur Produktion der Weltmarktführerin. Oh, oui, c’est ça, tulimentir! Peripetie! Endlich können wir wirklich handeln, da das Orakel verbindliches Wissen über Effekte von erotischem Tun verspricht!>>

Ok sagt Tulpe damit wissen wir zumindest, was die Geschichte mit der Tulpe geschehen hätte lassen können. Hätte hebt Tulpe das grüne Händchen. Wäre es denn fragt Tulpe nach Einrichtung des Erotik-Orakels nicht stante pede zum Ausbruch einer Tulimantie-Manie gekommen (Tulpenwahn definiert Tulpe: Glaube an die Beherrschbarkeit des Handelns), wäre es in der Folge nicht gekommen zu einer abnorm gesteigerten Nachfrage nach weissagenden Tulpenzwiebeln? Sobald sich etwas findet, was die Nützlichkeit und den Wert von Geld annimmt, beginnt die Ansammlung von Eigentum, begleitet von der Entstehung von Knappheit [1]. Sollten wir also davon nicht Spuren finden? Nein! Denn warum sollten erotisch verunsicherte Männer die Gründe für ihre Tulpenmanie zugeben mögen? Würden Sie nicht vordergründig seriösere Gründe für ihre Handelswut erfinden? Könnte somit nicht gerade die Absenz von Beweisen für die in den Raum gestellte Erklärungshypothese bezüglich der Tulpenmanie des 17. Jahrhunderts den Beweis für eine mögliche Stichhaltigkeit abgeben? Ja, das Hätte-wäre-könnte, das die Hervorrufung tollkühnen Spekulationsvergnügens bei meinen Kundinnen bewirkt, hängt erklärt Tulpe ab von einer Handlung, welche - Bedingung - niemals stattfand, von einer guten Geschichte also sagt Tulpe quod erat demonstrandum; von Tulpenbüsten, klaro: erfundene historische Ereignisse, die benutzt werden, um etwas zu beweisen. Die Zuhörer reagieren auf Tulpenbüsten für gewöhnlich irritiert und tendieren dazu, den Benutzer für besonders intelligent zu halten. (Beispiel für Verwendung: Tulpe machte heute im Meeting Gebrauch von einer Tulpenbüste.)

Meine lieben Bürgerinnen schreibt Tulpe von O. und lieben Bürger von O., welcher Ort postalisch der Gemeinde N., politisch aber der Marktgemeinde W. zugerechnet wird, welcher also genau genommen nur in seinem Namen existiert, dem allein eine entsprechend sich mit ihm identifizierende Menschengruppe das Grenzgebiet definiert! Sehen Sie hier das zierliche Johanniskraut/Hypericum elegans, die Große Kuhschelle/Pulsatilla Grandis, das Knollen-Brandkraut, Niederliegende Geißblatt, Hirschwurz, Blutigen Storchenschnabel! Nur bei überdurchschnittlichem Kenntnisstand Ihrerseits treffen in diesen Verständniskünste Gewinn bringend auf Forschungserträge, wie zum Beispiel jene aus dem bedenkenswerten Werk des Hermann Zulauf mit dem Titel Das Rebspalier, verfasst 1942 im Schweizerischen Schinznach-Dorf. Kennen Sie den Ort? Nein? Kennen Sie die Bedeutung der Begriffe Scincode, Revolcanic Cream, Shiseido Body Creator, Google-Earth-Pilot? Sagen sie Ihnen was? Dienen sie Ihnen als Shopping Guides?

Frage: Wer oder was ist eigentlich Tulpe?
Antwort 1: Die Bedeutung der Tulpe liegt in der Zwiebel (Buddhismus).
Antwort 2: Eine Tulpe? Das ist: Anthrachinonderivate, herzwirksame Glycoside, Alkaloide Steroidalkaloide, Chelidonsäure uh ah …
- Antwort 3: Tulpe ist, was dem Handeln den Auslöser gibt. Ohne Tulpe würde das Leben ewig dauern, hätte aber auch keinerlei Sinn (Jean Paul Tulipe).
- Antwort 4: Tulpe ist Tulpes Gebrauch im Text ruft unser Ludwig in einem der wenigen Momente, in denen er sich erlaubt, ein wenig sinnlich zu sein.
- Antwort 5: Mais il ne faut pas voir la réalité telle que je suis, man muss die Realität nicht sehen, wie ich bin lacht Max Ernst Tulpe, und …</