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Peter Kurzeck : Erinnerung , sprich



||| Das neue Werk des Erzählers Peter Kurzeck gibt es auschliesslich in gesprochener Fassung

czz | NZZ , 4. 7. 2008

icon welleWenige verstehen sich so auf die Kunst der Erinnerung und deren poetische Vignettierung wie der 1943 im einstigen Sudetenland geborene und mit der Familie 1946 in der hessischen Provinz gestrandete Peter Kurzeck . In seinem mittlerweile vier Bände zählenden Prosawerk spiegeln die trivialsten Daten den Abglanz jener Ur- Erinnerung, welche noch in den schlimmsten Krisen späterer ( Schreib- ) Einsamkeiten glimmt .

LEBENDIGE REDE

icon welleEine Grundpartitur der selten lichten Memoiren aus der Nachkriegszeit gab Kurzeck 1987 mit dem Roman “Kein Frühling” . Nun , da er mit der Erzählung “Ein Sommer , der bleibt” noch einmal in den Kosmos der Kindheit blickt , lässt er als Live- Erzähler die Lichtfäden dieser Erinnerung in der Brise des Atems flattern . Dank dem auf den Originalton freier Rede spezialisierten Label Supposé konnte das Stück in Form eines ausschliesslich gesprochenen Werks erscheinen . Im stillen Studio entstand beim allmählichen Verfertigen des Denkens beim Reden eine veritable Rhapsodie .

Die Anspielung auf antike Epen ist nicht zu hoch gegriffen : Die ursprünglich mündlich tradierten Stoffe handeln oft von Goldenen Zeitaltern und deren Verwehen . Sie spielen in einem geschlossenen Kosmos . Und sie bedienen sich der Memorialtechniken von Leitmotiven , Refrains und Rhythmen , um erinnerbar und erzählbar zu bleiben .

MODERNER RHAPSODE

icon welleKurzecks Umkreisungen des Dörfchens Staufenberg und seines Weichbildes erzählen sich keineswegs “irgendwie” hin . Im Gegenteil orientiert sich der Sprecher im Studio am Wechsel der Jahreszeiten , an topographischen Markern , kurz : an den “topoi” der klassischen Rhetorik . In den ersten Sequenzen von Kurzecks Erzählkreis wird mit dem Blick aus den Fenstern des Wohnquartiers nicht nur das Terrain des Geschehens abgesteckt , sondern auch eine Poetologie skizziert .

Hinter lehmigen Dorfstrassen weiten sich die Flusslandschaften von Lumda und Lahn , über Allem thront stolz der markante Basaltfelsen von Staufenberg mit Burg und Oberdorf . Steil erheben sich die nach oben gestaffelten Häuserfronten als Leinwand für atmosphärische Lichtspiele . Kurzeck erzählt von der ( Kinder ?- ) Phantasie , man möge dieses hessische Pueblo entweder in den verschiedensten Schattierungen schwarzer Farben malen oder aber in allen Nuancen von Weiss .

WILLE ZUR STILISIERUNG

icon welleDer Hinweis auf das Entweder- Oder von Schwarz und Weiss signalisiert ein Wissen um die Stilisierung des Berichtes : im Willen zur Verklärung dessen , was unwiederbringlich verloren ist , und in der Verdichtung der Kindheitserzählung auf den Lauf eines mythischen Jahreskreises .

Da ist der Frühling 1946 mit der Ankunft des kaum Dreijährigen und der aus Böhmen “ausgesiedelten” Familie und der Erkundung der neuen Lebenswelt . Maikäfer und Ameisenflug wecken pochende Vorfreuden . Endlich öffnet sich das Tor zu jenem “Sommer , der bleibt” , wo Dorf, Wald , Feld und Fluss sich den Streifzügen des Kindes unterbreiten : ein Huckleberry Finn an der Lahn .

Mit dem Herbst hebt ein weiterer Bogen an , der von walnussbraunen Fingern , Schule und wachsendem Lesehunger handelt . Der Winter bringt warme , ins Halbdunkel der 25- Watt- Birnen getauchte Innenbilder der Familie . In kristallinem Licht erscheint dahingegen eine Szene euphorischer Emanzipation : Über gleissenden Schnee jagt der Knabe unbändig freiheitsfreudig ins Weite . In den Farben des Schnees kehren jene Nuancen von Weiss wieder , in welchen Kurzeck eingangs das ganze Dorf gemalt haben wollte.

DEN BETON SPRENGEN

icon wellePeter Kurzecks erinnerte Zeit wandelt sich dort in eine “verlorene” , als mit dem Ausbau der Giessener Stadtautobahn die Landschaft hinter Beton verschwindet . Das mit der Automobilisierung parallel ziehende Zeitalter des Fernsehens entpuppt sich als Folge verstellter Nahsicht . Hier endet die Epoche der Kindersommer , und der Chronist findet eine Gegenwelt in den Bars der amerikanischen Soldaten . Unversehens und im Singsang der Rede führen die rhapsodischen Bögen aus dem Paradies sinnlicher Weltbegegnung in die Beton- Epoche des verwalteten Lebens .

Peter Kurzecks “Ein Sommer , der bleibt” spricht beredt , virtuos und akzentuiert von der lebendigen Erinnerung als einer Kraft , die fähig sein kann , den Beton des Jetzt zu sprengen .

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