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ALPHABETICAL ABISH



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WELCOME TO VIENNA

Dioscur alt vorne

I walk along Mariahilferstrasse / looking for Mariahilferstrasse / I’m on Mariahilferstrasse / and I can’t find it .

Wer in solch Bernhardesker Manier die Strassen seiner Kindheit durchwandert , selbige mit seinem erwachsenen Bewusstsein allerdings nie zur Deckung bringen kann , ist WALTER ABISH , jener Schriftsteller , dessen Werk für Werk in je neuer Schreibweise gewachsenes Oeuvre in direkter Relation steht zum ständigen Neubeginn eines durch die historischen Situationen des 20. Jahrhunderts ins “unruhige Wohnen” gezwungenen Lebens .

Leicht zu finden - just von der zitierten Mariahilfertrasse aus - ist die Buchhandlung phil ( vis à vis dem Café Sperl ) , wo heute morgen , 9. 10.  ( 20 H ) der im Weidle- Verlag zusammen mit der Exilbibliothek verwirklichte Materialienband “Walter Abish . 99 Arten das Ich und die Welt zu erfinden - Materialien und Analysen” ( hg. von Robert Leucht ) vorgestellt wird .

Der ständige Wechsel der Binnen- Poetologie in Abishs Erzählungen ( “Duel Site” , 1970 ) , Sprachexperimenten ( “Alphabetical Africa” , 1974 ) , Romanen ( “How German Is It | Wie deutsch ist es” , 1979 | 1980 ) und einer hochartifiziellen Autobiographie ( “Double Vision : A Self-Portrait” , 2004 ) erschwert eine synthetische Abbreviatur ebenso wie die unfreiwillig inkonsistente Vita , deren Formulierung wir uns kurzerhand aus dem anzuzeigenden Band borgen :

Walter Abish wurde 1931 in Wien geboren, floh mit seinen Eltern vor den Nazis nach Frankreich, später nach Shanghai; er lebte dann einige Jahre in Israel, ging aber, weil er seine Hebräischkenntnisse als ungenügend empfand, für kurze Zeit nach England, bevor er schliesslich Ende der fünfziger Jahre in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Vor diesem Hitnergrund verwundert es nicht, das Abishs erster Roman, Alphabethical Africa, das Thema von Identität und Sprache aufgreift .

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ALPHABETICAL AFRICA

Dioscur alt hintenDas Zitat entstammt einer NZZ- Rezension von Jürgen Brôcan , die das Wagnis des Schweizers Schriftstellers Jürg Laederach , einen im Buchstäblichen Englisch sprachspielenden Roman ins Deutsche zu übertragen ( Alphabetical Africa | Alphabetisches Afrika , Deutsch von Jürg Laederach , Urs Engeler Editor ) würdigt , weniger allerdings die Manierismen und idiosynkratischen Hinzudichtungen des Übersetzers goutiert .

Das entlang der 26 Buchstaben des Alphabets erst auf- , dann absteigend erzählte getüftelte Werk mag zweifellos an der arbiträren Regelästhetik von OuLiPo inspiriert worden sein ( Stefanie Leuenberger ) , verweist zugleich in der Zerprengung von Identität und Erzählung auf das Prinzip “nomadisierender Schreibverfahren” ( Gilles Deleuze ) , wenn nicht gar auf die “roots” der Sprache in Roman Jacobsons Lesart .

Zeitgenössische Kritiker wie Richard Howard im TLS 1974 wollten das buchstäbliche Vordringen ins Innere AFRIKAS ( vulgo : DER SPRACHE ) eher freudianisch aufgeladen sehen :

… the continent Africa shaped like the human heart and the female genitals ( ….) and he [ Walter Abish ] is concerned , is obsessed to possess, to violate her by his literary fetish -

Die wirkliche Lust ( am Text ) stellt sich allerdings erst bei Ansicht der konkreten Sprachgestalt ein . Hier der Anfang des Buches bei Abish :

Ages ago, Alex, Allen and Alva arrived at Antibes, and Alva allowing all, allowing anyone, against Alex’s admonition, against Allen’s angry assertion: another African amusement … anyhow, as all argued, an awesome African army assembled and arduously advanced against an African anthill, assiduously annihilating ant after ant, and afterward, Alex astonishingly accuses Albert as also accepting Africa’s antipodal ant annexation. Albert argumentatively answers at another apartment. Answers: ants are Ameisen. Ants are Ameisen ?

Hier in der Übertragung durch Jürg Laederach :

Am Anfang allen Anfangs Alex, Allen, an Alvas Arm. Ankunft Antibes, Aussichtsterrasse, alter Ankerplatz. Als Alvas Aussehen alle anzog, allerhand Anzügliches anregte, als Alex Abmahnungen ausstieß, als Allen ärgerlich atmete, artete alles auf Anhieb aus: Abermaliges abgedroschenes afrikanisches Amüsement … Achje. Auch argumentierten alle, alte angsterweckend angeschwollene afrikanische Armee avanciere, attackiere andauernd afrikanische Ameisenhügel, Ameise auf Ameise abschlachtend. Als Alex anschließend alte Ansichten abermals ausformulierte, amtierte ausgerechnet Albert als Angeschuldigter: angeklagt ausserordentlicher Akzeptanz aller Ameisen-Annexion, Ausführende: Antipoden. Anderes Apartment: Albert arbeitet ausbaufähige Antwort aus, argumentiert anti Armee. Antwort: Ameisen als ‘ants’. Ameisen als ‘ants’ ?

Zum Vergleich noch eine weitere Übersetzung , die , zitiert in “99 Arten” , von Hanna Muschg unternommen worden war :

Ausserdem Alva, attraktiv, anstössige Aufforderung an alle aufrechten Afrikaner, aufstachelnd andererseits auch allerlei analytisch aggressive Autoren-Antizipation. Autor A. arbeitet an Alva annäherungsweise, anatomisch, affirmativ, aberwitzig, aber auch anschaulich.

Dass hier kein loses Lettern- Spiel getrieben wird , sondern als konsequenter text- und sinngenerativer Faden sich quer durch Abishs Oeuvre spannt , weist Stefanie Leuenbergers äusserst aufmerksamer Aufsatz bemerkenswert nach : Das Hereinfunkeln des deutschen Begriffes in “ants are Ameisen” antizipiert gleich zu Beginn ein später im Verlauf der Ereignisse auftauchendes Buch über “Die Ratsame und Nützliche Ausrottung der Gefährlichen Afrikanischen Ameisen” . “Dieser Titel” , so Leuenberger ,

parallelisiert die Ameisen mit den Verfolgten der Shoah. Philippe Cantié hat darauf hingewiesen, dass die Ameisen im Text überall gegewärtig sind: Das Morphem ‘ant’ ist in Toponymen wie ‘Antibes’ enthalten, in den Substantiven ‘Ashanti’ und ‘antelopes’, in Verben und Adjektiven wie ‘antagonizing’ und ‘antipodal’, fungiert als Suffix (’arrogant’) oder erscheint in der Wortwurzel (’anthem’, ‘anthropologists’). Versteckt und doch anwesend, bilden die Ameisen den verborgenen Text des romans. Somit verbindet Abish das deutschsprachige Wort mit dem in Nachkriegsdeutschland verdrängten Teil der Vergangenheit, der besonders in Abishs Roman How German is it | Wie Deutsch Ist Es (1980) zum Thema werden sollte. In Alphabetical Africa sind es Hermann und Gustaf, Figuren, die Gewalt, Unersättlichkeit und Grössenwahn verkörpern, die das deutsche Wort mit sich bringen.

Hier die ent- sprechende und eindrücklich brutale Passage , die es wohl wert ist , in voller Länge abgetippt zu werden :

Gobbling gestopfte Gans, gobbling Gabelfrühstück, gobbling goulash, gobbling Geschwind, Gesundheit, Gesundheit, gobbling Gurken, Guggelhupf, Gash Gash, Gish Gish, groaming, grunting, also complaining, chewing Grune Bohnen, Geschmackssache, as Germany grows greater, Alarmed, Gabon grows addittional food for Gustaf, and Gustaf’s children, Gerda, Grete and Gerhard. Gifted Grösseres Germany consumes energy and guarantees greatness, get going, grow another Goethe, great guy, claims Gustaf, as all Grundig gramophones in Gabon, gently croon: Goethe, Goethe, Goethe.

Den “Goebbels” hört man - diesmal kommtentieren wir in|ad|ae|qu|at - in diesem radikal rhythmisierten Rap deutlich heraus , ohne dass dessen Name genannt zu werden brauchte . Auch steht die in der Figur Heinrich Himmlers versinnbildlichte germanische Gefrässigkeit assoziativ durchaus bei Fuss .

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HOW GERMAN

Dioscur alt vorneVon diesem Malstrom der abgründig kontaminierten Sprach- , Klang- , Assiziations- und Sinnbilder ist es nicht weit zu “How German is it | Wie Deutsch Ist Es ( 1979 | 1980 ) , wo aus beizenden Übertreibungen und Klischees eine Art Märklin- Szenario errichtet wird , welche das Land , seine Ungeister und Wiedergänger zum Kenntlichen entstellt .

Als just in der geschilderten süddeutschen [ "Würtenburg" ] Propperkeit ( bis hin zum Heidegger’schen [ "Brumhold" ] Todtnau und den überall vergrabenen Leichen ) aufgewachsener Zeitgenosse , gibt sich in|ad|ae|qu|at angesichts dieses persönlichen Grundbuches befangen und zitiert aus der in “99 Arten” abgedruckten Rezension Michael Krügers :

Es werden keine Antworten gegeben, sondern Fragen gestellt; Deutschland wird nicht der Prozess gemacht, sondern der Prozess, in dem Deutschland sich befindet, wird illustriert. ( … ) Die Frage, ob der von Walter Abish inszenierte Totentanz ein wahres Bild wiedergibt, ist sekundär gegenüber der Leistug selber: So klug, moralisch und witzig ist von deutschen Schriftstellern schon lange nicht mehr über Deutschland geschrieben worden.

Wirklich “witzig” vermochte in|ad|ae|at dieses ätzend präzise Panorama zwischen den Relikten des Zweiten Weltkriegs , der postwirtschaftwunderbaren Fussgängerzonen- , Kaufhaus- , Mustersiedlungs- Aufgeräumtheit und dem Deutschen Herbst nicht wirklich zu finden : Der Vater des RAF- Terroristen Christian Klar war der beürchtigt autoritäre Direktor des Kreisstadt- Gymnasiums und als Kinder sammelten wir Waffen und Munition aus zersprengten Bunkern . Ski- Stunden am Heideggerberg . Abish trift dies alles - trotz oder wegen manch grotesker Verfremdung - beängstigend genau .

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FELIX AUSTRIA

Dioscur alt hintenAber auch Wien - Herkunftsort des Vertriebenen - kriegt auf allerlei kuriose Weisen sein irrwitziges Fett weg . In “99 Arten” beschäftigt sich Walter Vogl anhand der Story “Mehr über Georges” mit dem Wien- Bild des Autors .

Ort der Handlung : Kleinstadt Vienna , Maryland . Anlass : Feier zur xten Wiederkehr der Befreiung Wiens von der Türkenbelagerung . Kulisse : An allen Häusern und auf allen Plätzen die rotweissrote Fahne samt Doppeladler .

Zitat Abish :

In ihrem Eifer, ihrer Liebe zu Wien hatten die Bewohner des Städtchens (sogar) eine Kopie des Stephansdoms aufgestellt. Er war fünfmal kleiner als das Original, aber dreimal so gross wie der in Vienna, Maryland, 420 Einwohner.

Vogl analysiert das idiosynkratische Werk Walter Abishs - wir schreiben das Jahr 1983 - unter dem Aspekt postmoderner poetischer Verfahren :

Zwischen den Schwenks der erzählerischen Kamera ( … ) , dem Jonglieren mit immer schon vorgeprägten Fiktionen, blitzen eigentümlich verwischt und zweideutig die Sinnangebote unserer Kultur auf. Immer, wenn wir Abish auf ein bestimmtes Thema festgelegt zu haben glaubten, ist er uns auch schon wieder entwischt.

Dass Abish auch sich selbst - speziell das Selbst der Erinnerung - kontinuierlich entwischt , akzentuiert der glänzende Essay über “Abish und Proust” des amerikanischen Philologen Maarten van Delden .

Hier wird Abishs autobiographische Irritation “Double Vision : A Self-Portrait” ( 2004 ) in Relation gesetzt zu Prousts legendärer “Recherche” . In beiden Fällen entsteht eine charakteristische Diskordanz zwischen den Orten der Erinnerung und deren realer Gegenwart . Dabei tritt insbesondere “the disjunction between the utterly agreeable amtosphere of present- day Vienna and the flickering memories of the city’s Nazi past” zu Tage .

It is here that Abish most clearly employs the Proustian device of contrasting two visions - the child’s and the adult’s. Looking back upon his childhood, the author is clearly puzzled by his failure to comprehend the political events that led to his family being forced out of their Viennese home - and to the death of his father’s mother, sisters, and brother in the Nazi camps.

Grund für die Verkennung mag einerseits das Alter des damals Sechsjährigen gewesen sein , anderseits der Umstand , dass die Familie ein assimiliertes Leben führte und sich nicht unmittelbar als jüdisch empfand . Über die Deportation der väterlichen Angehörigen wurde en famille ebenso wenig gesprochen wie über deren Erschiessung bei Maly Trostinez . Erst angesicht der Fotos von zum Strassenbürsten gedemütigten Juden wird sich der Erzähler des unüberbrückbaren Grabens ziwschen subjektiver Erinnerung und rationaler Kenntnisnahme bewusst .

Poetologisch entsteht dadurch - bei Abish nicht minder als bei Proust - “a persistant narrative instability” , Resultat einer “epistomological orientation marked by doubt and uncertainty”.

Womit Walter Abishs in buchstäblichem Sinne zu verstehende Weltliteratur - vermutlich sogar contre coeur und trotz einiger Features des amerikanischen Postmodernism - wiederum inmitten der Wiener Schule des Wahrnehmungs- und Sprachzweifels angelangt wäre .

Bleibt nur zu hoffen , dass Unternehmungen wie dieser feine Digest zur deutschen Neuausgabe von “Wie Deutsch Ist Es” führen . Es muss ja nicht unbedingt wieder bei Suhrkamp sein …

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PRÄSENTATION & DISKUSSION

Dieses und anderes zu diskutieren , mag heute abend Gelegenheit sein , wenn Herausgeber Robert Leucht dieses exzellent edierte ( genaue Bio- und Bibliographie ) und vielfältig inspirierende Buch präsentiert .

Mit Beiträgen von Jürgen Brôcan , Michael Krüger , Jürg Laederach , Robert Leucht , Stefanie Leuenberger , Sonja Osterwalder , Helmut Schödel , Janusz Semrau , Maarten van Delden , Walter Vogl , Paul West , Helmut Winter , Bio- und Bibliographie , in deutscher sowie in englischer Sprache -

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FURTHER READING

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KLANGAPPARAT

Einem neuen Sound- Überflieger gesteuert von Handen unseres Nachtflug- Piloten Tom Larson werden wir in|ad|ae|qu|at sicherlich nie die czz-hoerempfehlungLandeerlaubnis entziehen : Die gibt’s tax- und kerosinfrei im Abonnement bei Mixotic . Heute “Night Drive Music Labelmix Vol.2” . - Dank kraftvoll angedrehter Sequenzer- Propeller erhält sich die drängende Energie auch in den stilleren Schwebephasen . Gelegentliche Turbulenzen beim Spalten von Wolkenwänden sind ebenso systemisch wie die anschliessenden Klangfarb- und Harmonie- Lichtwechsel . Wählen Sie die Luftbrücke Ihres lustvollen Vertrauens . CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN .

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Ein Exil im Lexik der Poesie - Laudatio für Rosa Pock



EIN EXIL IM LEXIK DER POESIE

Für Rosa Pock
Literaturpreis des Landes Steiermark 2007 , 4. 6. 2008
Von Christiane Zintzen

Ein Freund ging nach Amerika
Und schrieb vor einigen Lenzen
Schick mir Rosen aus Steiermark
Ich hab eine Braut zu bekränzen -

icon ac voltage sourceMan mag die wohlbekannte Strophe des Peter Rosegger an diesem Ort , in dieser Zeit in vielerlei Hinsicht verwerfen : Was sie anspricht und was für die Dichterin Rosa aus Steiermark sehr wohl gilt , ist das Bild des Exils und der Fremde . Rosa Pock , die auszog , um auf den Wegen der Philosophie das Dichten zu lernen , hat sich mit Willen , Wort und Wirken einer Unheimatlichkeit verschrieben . Im Licht der Prismen ihrer Dichtung erscheint das Selbstverständliche fremd , das Vertraute befremdlich .

Zwischen Prosa und Poesie , zwischen Sprechen und Schweigen , zwischen Archaik und Avantgarde setzt sie ihre systematisch programmierten Sprechfiguren auf den Plan und sich selbst ziwschen die Stühle der Schulen und Stile .

Sicher sind wir Lesende nie , von WO aus die gebrochene Stimme zu uns dringt . Wir drehen uns um Kreise und suchen nach Orientierung : WER spricht hier und wer zieht hier eben die Fäden dieser redenden Marionetten ? - Wo ist sie , die rettende Regel ? -

Über 15 Jahre hinweg hat Rosa Pock mit einer Reihe von hoch konzentrierten poetischen Personifikation eine Fährte gelegt . Was wir hier tun können ist : Eine Witterung aufnehmen , eine Spur suchen , ein paar Beobachtungen beibringen . Oder , um ein von Rosa Pock selbst gern gewählte Bild zu borgen : Ein paar Glieder der Hundekette ineinander zu fügen . Bleiben dabei dicht am Hand- Werk , am Material . Denn wenn es ETWAS gibt , das Pocks Dichtung immer wieder neu zu bedenken gibt , dann ist dies der Appell , sich im Vorläufigen einzurichten , dabei aber den Blick wachzuhalten auf DAS , was da vor uns liegt .

So gibt sich mancher Text prima vista sperrig und karg . Sehen wir länger und geduldiger hin, tauchen - wie bei einem photographischen Entwicklungsvorgang - langsam Muster auf , erkennen wir Patterns, entstehen Parallelen. Und mittendrin immer wieder die Umrisse dessen , was fehlt .

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SELBST | LEXIKON

icon ac voltage sourceKeiner Norm konform oder einer stetigen Ästhetik, repräsentiert Rosa Pock geradezu den Albtraum des Lexikographen. Die Tracht eines sogenannten “Personalstils” , die Legende von frühem Leid und später Vollendung , die an der Werkliste her- buchstabierbare Statistik einer Entwicklung : Dieses Kostüm einer humanistischen Künstlervita will so gar nicht auf ein Werk passen , welches sich seine eigenen Mass- Stäbe setzt .

Wenn schon “Lexikon” - Dann : “die hundekette . mein eigenes revier” ( 2000 ) versammelt 79 Begriffe von A bis Z .

Wenn schon eine Geschichte der Empfindlichkeit - Dann : “Eine kleine Familie ” ( 2004 ) gibt eine satirische “Entwicklungsgeschichte” der eigenen ( so genannten 68er ) Generation .

Wenn schon Rollenbild der “Frau” als Kunst- Werktätiger - Dann : Hat Rosa Pock SELBST in den 31 Figuren des Kurzprosabuches “spielmodell m” ( 1996 ) einen ganzen Katalog von Rollen vorgeschrieben .

“Keinem” , sagt Ovid in den Metamorphosen , “bleibt seine Gestalt” . Rosa Pocks esprit poétique ist ein proteisches Wesen . Sich treu nur im stetigen Wandel , erschafft es sich seine Welt mit jedem Werkstück in neuem Format : Form als Funktion und Fassung der verschiedenen Versionen von Realität . Dabei situiert sich jedes dieser Spielmodelle in einem abgezirkelten Setting gewisser Prämissen und Regeln , welche als SETZUNGEN unwiderleglich sind .

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SPRECHEN | JETZT

icon ac voltage sourceUnwillkürlich fühlen wir uns an Mythen und Märchen erinnert, wo Götter und höhere Mächte ihren Günstlingen spezielle , allerdings immer nur begrenzte Kräfte schenken .

Beides - gedankliche splendid isolation sowie eine als Defizit dargestellte insulare Einkapselung - gilt für Rosa Pocks Sprechfiguren . Sie sind schiere Papierwesen , Zwitschermaschinen , auf ein definiertes Lied programmiert und damit in sich logisch geschlossen . Sich loszureissen und einfach fortzufliegen wird diesen “excellent birds” ( Laurie Anderson ) allerdings nicht gewährt . Ihr Ort bleibt das Werk , der Text , der Käfig des Systems , kurz : “mein eigenes revier” . Nur hier ist die Bühne , wo ihr Monolog hingehört , wo die Wellenlänge ihres Gesangs überhaupt gehört wird . Die syntaktisch zerrüttete , rhythmisch in antiker Prosodie getaktete Stimme in “Monolog braucht Bühne” bekundet diese Gleichzeitigkeit von Allmacht und Ohnmacht wie folgt :

Ich umschiffe / meinen Hafen / wie Odysseus den seinen / zu erzählen Geschichte von Irrfahrt mit Eleganz , / wobei begangene Fehleinschätzung von Gefahr ich vergesse / und Verblendung mich treibt / in immer tieferes Wundgebiet / bis Lustangst von Schrecken abgelöst. ( “/” von czz )

Es scheint, als dürften diese Figuren überhaupt nur qua Sprache existieren . Die “Infantin” etwa präsentiert sich von Anbeginn an als das Resultat eines Benannt- Werdens . WER diese Benennung einst vollzog , bleibt im Ungewissen :

1. Tag - Später Herbst; und ich werde von Kindesbeinen an Infantin genannt, weil ich nicht zur Sprache finden wollte. Diese Bezeichnung ist mir geblieben, obwohl ich das Stummsein verliess, sozusagen wie eine Definition aus einem alten Lexikon, die bleiben wird, auch wenn sich die Bedeutung des Begriffes längst geändert hat. ( “Ein Halbjahr aus dem Leben einer Infantin” )

Da sie jetzt aber spricht , EXISTIERT diese Figur , und ihr “Kopfkissenbuch” berichtet von einem ganzen Inventar von Verweigerungen gegenüber dem System , das isolierend sie umgibt . Wie der gefangene Affe in Kafkas “Bericht an eine Akademie” ist es nicht eine abstrakte “Freiheit” , die sie sucht , sondern schlicht einen “Ausweg” .

Wirklichkeit wird diesen Figuren nur in ihrer schieren Wörtlichkeit gewährt . So sehr diese “Infantin” , die “spielmodelle” , ja noch das Mathematik- Mädchen Gelatina aus der “Kleinen Familie” mitunter an archaisch verwunschene Wesen aus Märchen oder Mythos erinnern , so sehr fehlt ihnen der Richtungsvektor einer Teleologie . Rosa Pocks Sprechfiguren sind von Vergangenheit und Zukunft abgetrennt . Sie existieren nur im Augenblick . Dabei sind sie ganz an ihrem Platz und befinden sich gleichzeitig in einer Art von Exil : Verbannt , gebannt starren sie auf die Positiv- oder Negativ- Form eines Umspringbildes . Der Blick auf das Integrale bleibt ihnen verwehrt .

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ORGANISATION | SYSTEM

icon ac voltage sourceIm Paradigma der Moderne bieten sich Spiel- und Systemmodelle als Bezugsrahmen an. Codierungen , Wort- und Buchstabenspiele verweisen auf die konkrete und visuelle Poesie . So etwa sind die Texte sämtlich nach genau bestimmten Zahlenmustern organisiert . Allerdings sind die Ziffern grösstmöglich bedeutungsoffen : “Monolog braucht Bühne” ist aus 39 Einzeltexten komponiert : 3 mal die Primzahl 13 . Auch das “Halbjahr aus dem Leben einer Infantin” basiert mit seinen 181 Tagesnotizen auf einer Primzahl . Gleiches trifft zu für die 31 in “spielmodell m” vorgeführten
weiblichen Mannequins . Primzahlig letztlich : Die 79 lexikalischen Einträge in “die hundekette . mein eigenes revier ” …

Solche Organisationsprinzipien lassen sich ohne inhaltliche Deutelei anzeigen . Ebenso kann ohne Raunen einer tieferen Bedeutung festgestellt werden , dass Rosa Pock sehr bewusst mit dem Medium “Buch” umgeht : Text und Nicht- Text ( die seit Mallarmé unübersehbaren “blancs” ) greifen sichtlich ineinander . Im Unterschied zur herkömmlich gesetzten Lyrik mit ihrer vertikalen Orientierung sind Pocks Textblöcke horizontal orientiert : Den schwarzen Lettern des Fliesstextes folgt eine halbe ( “Monolog” ) bzw. eine Viertelseite ( “Infantin” ) “weisses Schweigen”.

Das reizvollste Spiel mit den Eigenschaften des physischen Datenträgers “Buch” findet sich im Lexikon “die hundekette . mein eigenes revier“. Jeder Eintrag beansprucht eine Seite . Mit Ausnahme des ersten Lemmas ( “ahorn” ) sowie des letzten ( “zweifel” ) kommen alle anderen Einträge auf Doppelseiten zu liegen . Bei näherem Blick erweist sich , dass sich diese parallel gesetzten Texte in vielfältiger Weise aufeinander beziehen . Das trifft formal höchst einleuchtend auf ein Buch zu , welches thematisch wie kein anderes im Werk Rosa Pocks vom “grossen Paar” handelt . Die Titel der Einträge lesen sich - Doppelseite für Doppelseite - wie duale Konstellationen , Frage und Antwort , Positiv- | Negativ- Verschränkungen :

“in agonie” | “arsenik” - “das begehren” | “das beileid” - “der charakter” | “ein credo”

So läuft also - buchstäblich quer zum “Haupttext” der lexikalisch geordneten poetischen “Definitionen” - ein Schriftband am oberen Seitenrand entlang: Hier hat sich offensichtlich die konkrete Gestalt des Texte an der Vorlage | Vorgabe des aufgeschlagenen Buches inspiriert .

Wenn Rosa Pock solche Organisationsprinzipien aufgreift , Anleihen beim Anagramm nimmt , serielle Verfahren wie Aufzählungen und Listen verwendet oder gar den Zufall per Computer- Übersetzung in ihre Texte einbezieht , dann zitiert die Dichterin Verfahren des Surrealismus , von Oulipo , der konkreten poesie , kurz : der literarischen Avantgarden .

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WORTE | WÖRTER

icon ac voltage sourceDamit wären wir beim Stichwort der “Methode” angelangt : Also die Art und Weise , WIE Wörter ausgesucht werden , wie Wörter gedreht und gewendet werden , die Komposition von Worten zu Sätzen und diese zum Werk . Dabei besteht die VERDICHTUNG der Form bei Rosa Pock paradoxerweise im augenscheinlichen VEREINFACHEN : Gesuchte , gewundene und poetisch parfümierte Wörter wird man in ihrem Werk nicht finden .

Man mag dabei an Ilse Aichingers Plädoyer für die “schlechten Wörter” denken , an deren “Nein” gegenüber Metaphysik und Ideologie .

Mit gleichem Recht liesse sich allerdings das Bild des Naturwissenschafters zitieren : Um ein VERFAHREN optimal durchzuführen und dessen Wirkung in möglichster Deutlichkeit studieren zu können , sind “reine” Grundstoffe nötig . Das scheinbar Einfache wäre demnach als REAGENS zu denken und damit unablöslich vom jeweiligen Prozess . Das augenscheinlich einfache Wort steht also nicht AN und FÜR sich . Ebenso wenig kann der basale Begriff als “Urwort , orphisch” verstanden werden oder gar : als “naturnahes” , “gefühlsechtes” Ausdrucksmittel einer ( eventuell sogar weiblichen ) “Authentizität” .

In ihrem jüngsten Buch “Eine kleine Familie” spielt Rosa Pock ein trügerisches Spiel mit den Fiktionen , Effekten und Lektüren des “Authentischen” . Im Genre des Tagebuchromans , im Jetzt- Stil der zeitnahen Mitschrift sowie in dem Themenkreis von turbulenter Adoleszenz , Familienkiste und junger Liebe verführt das mit flüssiger Prosa ( ! ) gefüllte Buch zu jener Lektüre einer psychologischen “Eigentlichkeit” , wie sie der Literaturbetrieb gerne praktiziert .

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EIGENSPRACHE | EIGENSINN

icon ac voltage sourceWas fehlt , ist vorderhand die Bereitschaft , Poesie und Dichtung dem Zweckdienlichen zuzurichten . Selbst als Organigramm von Erkenntnis verspricht sie keine Sicherheit . Es ist Rosa Pocks weitgehend undogmatischer und von der Ideologie des Progressiven befreiter Umgang mit den Figuren , Formen und Formeln der Moderne , der ihren Texten eine erstaunliche Deutungsoffenheit - Polyvalenz - verleiht .

Gerade mit “Eine Kleine Familie” hat die Autorin ein perfides Exempel dafür vorgelegt , dass sie den beliebten Erzählton aus dem Vollen der Episoden , Themen und Gegenstände quellen lassen kann . Aber Achtung : Durch die Stimme dieses Tagebuchmädchens , das da von Leben und Lieben schrulliger Anverwandter erzählt , dringt das ferne Gelächter aus Voltaires “Candide oder Der Oprimismus” über Gottfried Wilhelm Leibniz’ ursprünglich gottgläubiges Postulat , wir lebten in der besten aller möglichen Welten . Ein Credo , das seither von jeder Ideologie usurpiert worden ist .

Wer sich nicht dreinfügt , wird keine Heimat finden . Mit ihrer Skepsis gegenüber den akkordierten Rezepten zum Besserleben , Bessersprechen , Besserschreiben , bleiben Rosa Pocks Figuren freilich alleine . Entprechend oft werden Motive der Melancholie , des Exils und der Isoliertheit zitiert . Ein Beispiel aus “die hundekette . mein eigenes revier” :

… und vergeblich du sprichst / sodass du nichts ausrichtetst / mit der spache / WIE du sie sprichst / überhaupt / dein vergebliches bemühen / du kannst es vergessen. ( “vergeblich” )

Obwohl dieser sprachliche Eigensinn der Figuren ganz offensichtlich im Konflikt liegt mit den umgebenden Konventionen , ziehen sie das Drehmoment aus Wut und Trotz dem Einschwenken auf die allgemeine Linie vor . So formuliert das “Modell- Mädchen” der “kleinen Familie” ihren Widerstand gegen die beste aller möglichen Welten wie folgt :

… mein Motor bleibt die Unzufriedenheit mit allem und mit mir - wo käme ich hin, wenn ich nie mehr mein eigener Feind wäre .

Man merke , hier wird kalkuliert : Wie hohe Eigenkosten zeitigt der Eigensinn , damit die Eigensprache auf ihre Rechnung kommt ?

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ASKESE | ANARCHIE

icon ac voltage sourceFreilich führen die hoch artifiziellen Sprechfiguren viel Fehlendes in ihrer Rede . In allen Formen begegnen diese Textkörper der ewigen Spannung zwischen Begehren und Entfremdung mit dem Ruf nach Regel , Regime und Askese . Als wollten sie sich in der Re- Duktion ganz auf sich selbst zurückführen . Konzentrieren . Aber die Autorin verweigert ihren Figuren das Pathos der letzten Konsequenz . Bevor noch die eiligen Eins- zu Eins- Exegeten herbeieilen und den Topos der weiblichen Selbstverletzung besetzen , haben die Textwesen bereits die selbst aufgestellte Regel verletzt .

In diesem Wechsel zwischen Regel und Übertretung , System und Anarchie, in diesem unkalkulierbaren “Justament” mag man die poetische Signatur Rosa Pocks wahrnehmen . So divers sich die Systeme der einzelnen Texte gestalten , so bleibt ihnen das Wasserzeichen eines nonkonformen Trotzes stets eingewebt .

In diesem festen Fundament ankert nicht nur die immanente Skepsis gegenüber einer unmenschlichen Mechanik , sondern auch die Fähigkeit und der Wille zur Empathie .

Die Welt , das Reale , ist kein Objekt . Sie ist ein Prozess . ( John Cage )

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Salon Littéraire | Benedikt Ledebur : APHATISCHER MUSE REDE - Laudatio auf Brigitta Falkner



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Salon Littéraire | Benedikt Ledebur :

APHATISCHER MUSE REDE

Laudatio auf Brigitta Falkner anläßlich der Verleihung des österreichischen Förderungspreises für Literatur 2007 ( 11. 4. 2008 )

aphatischer muse rede
da pratermuschis eher
rar, DICHTERMÜH passé
satire - prüder schmäh
sprachs AUTRICHE MERDE
(spät sei der ruhm, ach)

aus: Brigitta Falkner, ABC, S.8,
heraus mit der sprache

Zwei Wege stehen offen, ein Werk und seine Autorin wirklich zu loben: entweder die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf einen Teil des Werks und zeigt durch genaue Analyse, daß, obwohl oder gerade weil der Interpretation genaue Grenzen gesetzt sind, ihr keine Grenzen gesetzt sind, oder sie weitet sich aus, versucht das ganze aufliegende Werk in den Blick zu bekommen, und zeigt durch angemessene Suchkriterien, wie das Finden bei einem solchen Angebot wenn, dann nur an der Nachfrage scheitern kann. Beide Wege leiden unter Mangelerscheinungen: der erste, weil er exemplarisch vorgeht, und, um die Fülle am Einzelnen zu zeigen, das Ganze, in das dieses eingebettet ist, ausblenden muß, der zweite, weil er einen grobmaschigen Filter voraussetzt, dem um des ganzen Willen viele Einzelheiten, und damit vielleicht auch das Wesentliche der einzelnen Stücke entgehen muß.

Angesichts der Arbeiten Brigitta Falkners habe ich mich für den zweiten Weg entschieden. Einer der Hauptgründe ist, daß viele davon aus Bild und Schrift bestehen. Über das, was sich (gleichzeitig) zeigen lässt, muß nicht viel und vor allem nichts Beschreibendes gesprochen werden. Aber nicht nur die Bilder und Layouts und wie sie von Falkner im Verhältnis zu den Schriftzeichen eingesetzt werden, fallen unter den Zeigemodus, sondern auch der Gebrauch der Schriftzeichen selbst. Die Weise, wie sie Falkner konkret werden lässt, und das heißt auch, auf das für die jeweilige Komposition Wesentliche reduziert, verweist Interpretation oft auf den Platz der Erläuterung, aber auf höflichste Weise, denn die Autorin macht diese Selbstbeschränkung dem Interpreten vor, indem ihre Arbeiten aufzeigen, wie rigoros sie sich selbst im Schaffensprozess ihren Konstruktionsprinzipien unterworfen hat. Dass es ihr damit ernst ist, zeigt sich, wenn sie in ihrem letzten Anagramm-Buch Bunte Tuben Conlon Nancarrow (1912-1997) zitiert, von dem es viele für menschliche Pianisten zu rasante Kompositionen für elektro-mechanische Selbstspielklaviere gibt: “Seit ich Musik schreibe, träume ich davon, die Interpreten loszuwerden.” In ihren Studien zum Anagramm Das Rosenbaertlein-Experiment kritisiert Renate Kühn die verkürzte Sichtweise, die mit dem Autor auch das schreibende Subjekt verabschieden will. Von Selbst geschehe gar nichts, und es sei ein Fehler, das Verfahren mit dem Schreibprozess zu verwechseln. Bei dem von Kühn initiierten und in Buchform publizierten Experiment, bei dem eine Gedichtzeile von Hans Arp zu anagrammieren war, hat neben Liesl Ujvary, Elfriede Czurda, Gerhard Rühm, Helmut Heissenbüttel und anderen auch Brigitta Falkner mitgemacht. Ihr Beitrag, der ein expressionistisch-surrealistisches Gelage vor dem Hintergrund einer schwarzen Messe evoziert, erzielt durch die Suggestion direkter Rede eine für ein solch formales Verfahren ungewöhnliche Dramatik, die mit ihrer Hintergründigkeit alle Arbeiten Falkners auszeichnet.

Als Orientierungshilfe soll Selbstbezüglichkeit die viel zu großen Schritte mitbestimmen, mit denen ich Falkners Arbeiten durchmesse, wie sie in den Einzelpublikationen ABC - Anagramme, Bildtexte, Comics (1992), Tobrevierschreiverbot: Palindrome (1998), Fabula Rasa oder Die methodische Schraube (2001) und Bunte Tuben: Anagramm (2004) vorliegen. Ich werde jene Stellen ansteuern, wo die Autorin über das Schreiben, über das Dichten spricht, bzw. ihre Haltung dazu besonders klar wird, und jene, wo sie sich selbst ins Bild bringt, die also in gewisser Hinsicht, z.B. in der Verwendung des eigenen Namens oder im Zeichnen bestimmter Züge, portraitierenden Charakter haben. Diese Orientierung ist nur bedingt hilfreich bei Schreibformen, die, wie das Palindrom, schon im Formalen ein hohes Maß von Selbstbezüglichkeit aufweisen. Streng-formale Verfahren stehen allgemein unter Verdacht, die auf Konventionalität beruhenden Bindungen des Signifikanten an das Signifikat zu lösen, und Texturen hervorzubringen, die sich in ihrer Konkretheit nur noch selbst repräsentieren. Aber gehen nicht auch die strengsten formalen Verfahren von Sprachmaterial aus, mit Sprachmaterial um, das durch Gebrauch und Definition hinsichtlich Bedeutung vorgeprägt ist?

Dieser Konkretheit mit Bedeutungslosigkeit verwechselnde Ansatz, den man leichthin den französischen nennen könnte und der seine surrealistischen und strukturalistischen Wurzeln nicht verleugnen kann, hat mit der Zeit im Literarischen eine gewisse ästhetische Schwäche zur Folge gehabt, nämlich jene, die dem Glauben entspringt, dass gedankenloses Anwenden eines Verfahrens schon zu gültigen Ergebnissen führt. Das Gegenteil davon und damit Sicherheit in ästhetischen Fragen und philosophischen Hintergründen führt, an semantisch selbstreferentiellen Stellen nachweisbar, Brigitta Falkner vor. Deswegen zeichnet ihre Arbeiten nicht nur höchste formale Konsequenz, sondern auch besondere Welthaltigkeit aus, erreicht mittels genauester syntaktischer Strukturierung. Die Satzzeichen sind in diesem Sinn konzentrierte Bedeutungsträger, und zwar in einem Maße, das die Alltagsprosa nicht kennt. Um tote Konventionen auszuhebeln und innere Zensuren zu umgehen, haben am Material haften bleibende Methodizität, wie sie die Oulipo-Bewegung propagierte, und assoziative Verfahren, wie sie die Surrealisten um Breton als écriture automatiqe, als “Denkdiktat ohne jede Kontrolle der Vernunft” praktizierten, ihre Berechtigung, und hatten sie im Literarischen vor allem, als Freuds Einsichten noch jung waren. Aber man sehe sich nur die rhetorische Sicherheit von Freuds Schriften an, oder wie stark das Denken, wie genau die Analysen der frühen Strukturalisten vom Schlag eines Jakobson oder Lévi-Strauss waren! Es verlangt genaues Arbeiten, damit die befreiende Wirkung von Tabubruch, Pointe und Ironie zum Tragen kommt, und dass die Achse der Selektion nicht zu vernachlässigen sei, gehört zu den strukturalistischen Grundeinsichten.

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“das langsame verschwinden der buchstaben”, der Rebus gleich zu Beginn von Falkners ABC - Anagramme Bildtexte Comics, kann als paradigmatisch gelten, sowohl was die Verschränkung von Bild und Schrift betrifft, als auch in seiner Selbstbezüglichkeit, denn was gesagt wird, wird auch gezeigt. Dabei handelt es sich um zwei Arten von Verschwinden: jene Buchstaben, die durch die Piktogramme, bzw. Teile ihrer Benennung ersetzt werden, also wirklich nicht am Blatt stehen, und jene, die man sich von den Benennungen wegdenken muß, um die Botschaft zu decodieren, und die, wenn auch durchgestrichen, am Blatt stehen. Und damit sind auch gleich die zwei Orte miteinander ins Spiel gebracht, an denen Buchstaben verschwinden können, nämlich der, wo sie stehen, und der, wo sie gedacht werden.

Das auf den Rebus folgende heraus mit der sprache ist meines Wissens Falkners erstes Anagrammgedicht. Aus ihm stammt das Eingangszitat, das mir auch den Titel zur Laudatio geliefert hat. Da Anagrammieren zu den Techniken des Dichtens gehört, kann man “DICHTERMÜH passé” natürlich als Zweifel am eigenen Tun lesen; aber -wie ja auch das ironische “spät sei der ruhm, ach” zeigt - hält die Autorin damit zum Pathos sprachgläubiger Lyriker Distanz. Der programmatische aber zweideutige Titel des Gedichts - “heraus” kann ja, denkt man sich selbst dort, wo die Sprache sitzt, sowohl als “weg” wie “her mit ihr” verstanden werden, läßt an den Titel eines Leitartikels der Revolution surréaliste denken, der wahrscheinlich von Antonin Artaud stammt. Die ablehnende Haltung der Surrealisten gegenüber literarischem Gewäsch ist ja bekannt. Aphasie schließlich ist die radikalste Art des Verschwindens von Sprache, von der sich vor allem Linguisten Einsichten in ihre Natur erhoffen . Jakobson in Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze :

Für den Linguisten, der sich mit dem Entfaltetsein des Sprachgebildes befaßt, muß auch seine Geburt und sein Absterben viel Lehrreiches bieten.

Die Rede einer aphatischen Muse wird also unter Sprachschwund leiden, und das muß, wenn man die Aufgabe der Musen darin sieht, Dichtende zum sprechen zu bringen, keinen Schaden bedeuten. Unterstellt man Falkners Gedichtzeile aber die rhetorische Figur der Synchisis, also der absichtlichen Verwirrung der Wortstellung, könnte man aphatisch auch der rede zuschlagen, es wäre also die Muse jener gemeint, die mit beschränktem Sprachmaterial nach Ausdruck suchen.

In kein sterbenswörtchen, dem längsten Anagramm aus ABC (19 Seiten), das die Ausgangszeile (den Titel) nicht nur in seiner buchstäblichen Zusammensetzung anagrammiert, sondern auch in seiner Bedeutung konterkariert, entwickelt Falkner dann mit viel direkter Rede - “he wirt! -sekt!” - und aus dem Genre Filmskript entlehnten Anweisungen für Kameraführung und Bildaufbau (”schwenk, [...], schnitt [...], wink-scene” ) die schon hervorgehobene, für ein Anagramm überraschende Dramatik. Dramatis personae sind neben werner, weber und erwin unter anderem rektor bense, der auch als wetterkoch auftritt (die Anspielungen auf den Düsseldorfer Theoretiker Max Bense, der die Hintergründe der Dichtung mathematisch aufzuarbeiten suchte, sind zahlreich: “winke, benses rechner tot! -”), und als Vertretung der Dichtung selbst, neben den Nebendarstellern schwitters und serner, benn, der natürlich einiges über sich ergehen lassen muß und sogar als schwester benn auftritt:

[...] er winkt: schöne
erektion! - schwester benn
nickt: “sehenswert.” bon! er
sekretiert. wer noch? benns
wecker steht. [...]

Die Verläufe entwickeln sich dank Enjambements ungehindert durch die anagrammatischen Einheiten, weil also kurze Sätze die Zeilenenden überlappen. Auch Binnenreime helfen im Formalen dem Fortgang, und im Semantischen der Einsatz von Homonymen, das heißt: gleicher Klang - verschiedene Bedeutung, an denen sich die Verläufe gabeln und quasi parallel laufen können (”kennwort, keen wort”, oder als aufgelöste mehrdeutigkeit: “wecken: iss!’” ). Daß es ad infinitum weiterlaufen könnte, suggeriert das hinsichtlich des anagrammierten Titels kein sterbenswörtchen paradoxe Anagramm, indem es wie zufällig mitten in einem Satz endet:

[…] werner steht
neben erwin: tok! (sechster
sinn?) er weckt bense. hört
er benns “herein!”? wo steckt -

Im ABC finden sich unter den Titeln word5/wechseln I und word5 / wechseln II, zwei doppelseitige Bildtexte, die in Fabula rasa in anderem Format und mit den die Codierungsmethode kaschierenderen Titel Schmutzige Tricks I & II wiederkehren. Falkner macht sich hier die Ersetzen-Funktion des Textverarbeitungsprogramms zunutze, um den Text, quasi als forciertes Lipogramm, zu verfremden und so den Zusammenhang von Bildgestik und Schriftzeichenstruktur einem Experiment zu unterziehen. Dazu die Autorin selbst:

Das ikonographische Szenario des Film Noir liefert die Vorlage für den Genre-Comic [...] Im Off-Kommentar findet das Licht- und Schattenspiel des Film Noir als zwielichtige Kunstsprache, eine nach den Regeln eines einfachen Chiffrierverfahrens (Substitution) generierte Pseudosprache, changierend zwischen Klartext und Chiffretext, seine lautliche Entsprechung: Etfusch ffiff tulk tii Luft umt tluf mik um Kimtelkuff.

Ich übersetze: Etwas pfiff durch die Luft und traf mich am Hinterkopf.

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Im Bildtext BILDE DEBIL … in dessen Bildteil eine schöpferische Hand, die à la Blumenberg die Lesbarkeit der Welt voraussetzt, in diese schreibt, während zwei Figuren, die in ihr zu leben haben, sich beschwingt aus dem Bild fortstehlen zu wollen scheinen, ist eine anagrammatische Ästhetica in nuce gegeben. Die letzte Zeile REGEL LEGER bildet den symmetrischen Sonderfall des Anagramms, ein Palindrom, von dem sich noch zwei bzw. drei weitere in ABC finden, und dem das ganze nächste Buch der Autorin, Tobrevierschreiverbot, gewidmet ist.

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Zuvor aber noch zur letzten Gattung von ABC, dem Comic. In Brigitta Falkner, ein Anagramm-Comix, ist der eigene Name, platziert wie die Autorenangabe, die Anfangszeile des Anagramms, das damit an die Tradition der Renaissance anknüpft, in der Anagramme überhaupt nur aus Namen gebildet wurden, um mit daraus permutierten gefälligen Aussagen deren Trägern zu huldigen. Den modernistischen Kontrapunkt dazu bildet die Verteilung des Anagramms über ein Comic, in dem sich Anagrammeinheit und Panel entsprechen. Hier tritt wieder La Révolution surréaliste ins Bild, in deren Nummer 12, Dezember 1929, René Magritte den Bildtext LES MOTS ET LES IMAGES veröffentlicht, in dem sich Magritte eben in Bild und Text auseinandersetzt, in welchem Verhältnis diese zueinander und zur Wirklichkeit stehen können:

Manchmal vertritt der Name eines Gegenstandes ein Bild [...] Ein Wort kann in der Realität den Platz eines Gegenstands einnehmen [...] Ein Bild kann in einem Satz den Platz eines Wortes einnehmen [...] Ein Gegenstand leistet nie das gleiche wie sein Name oder sein Bild [...].

Eine Paraphrase bzw. ein Paraimage auf Magrittes berühmtes Bild “Ceci n’est pas une pipe” findet sich in Falkners Anagrammcomics, und in zumindest drei Panels lässt sich, weil mit Brille, ein Selbstbildnis identifizieren: “Fan: Klar Brigitte!”

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Die Symmetrie, wie sie in den palindromischen Kompositionen von Tobrevierschreiverbot zum Tragen kommt (auch sie gehen dort - siehe Aha Poesie - über viele Seiten), demonstriert das doppelte UHU auf den Sportdressen im ersten Bild sehr deutlich. Die Symmetrieachse läuft zwischen ihnen. Auch Rektor Bense darf noch einmal auftreten, denn Symmetrien verfügen über Eigenschaften der mathematischen Gruppe, deren erste lautet: “Jede Verknüpfung zweier Elemente gehört selbst zur Gruppe”. (Diese mathematische Eigenschaft wird auch Abgeschlossenheit genannt.) So wie das Schriftbild von UHU symmetrisch (und ein Palindrom) ist, ist auch zwei mal UHU symmetrisch, bei dreimal bildet H die Symmetrieachse etc. Wenn die einzelnen Symmetrien aus den gleichen Elementen bestehen, kann man sie einfach sukzessive aneinanderreihen, damit eine neue Symmetrie entsteht.

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Das ist nicht der Fall, wenn sie, wie bei Sei fies - Tu erfreut, aus verschiedenen Elementen, sprich Buchstaben bestehen. Zwar bildet das f jeweils die symmetrische Achse - ein poetischer Zusatzgewinn - doch müsste man die symmetrischen Flügel von der Achse trennen, und rechts und links von der ersten Symmetrie anordnen, damit wieder eine Symmetrie entstünde; der semantische Gehalt ginge auf diese Weise verloren.

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Jedoch ist so die Methode des palindromischen Komponierens beschrieben, von einem Kern ausgehend wird sowohl am Anfang wie am Ende angefügt, damit die symmetrische Struktur entsteht, also nicht lineares oder sequentielles Denken, das vom Anfang bis zum Ende abläuft, sondern paralleles Denken, das von einer Mitte ausgeht. Eines meiner Lieblingspalindrome aus Tobrevierschreiverbot ist Eine Gehung, dem ein fokussiertes Foto der Rücken Rudolf Augsteins und Martin Heideggers, die gemeinsam einen Feldweg entlanggehen, gegenübergestellt ist.

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EINE GEHUNG

“… Nun? Nisch, Rudi?”
“Durchaus!”
“Eidos …”
“Nee