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“Voyage au bout de la nuit” , 2. Folge : “Afrika” , der Gärschlamm aus Gebären und Verwesen



||| I. ROMAN FLEUVE | II. SCHlAMM DES “INNEREN” & ÄUSEREN AFRIKA | III. LE TRAJET | IV. DER LEIB ( BIOS ) | V. DER HASS , DIE PARANOIA , DIE VERACHTUNG | VI. TRAUMATISCHE TROPEN | VII. BRANDIGER BLASENWURF : DAS “INDIVIDUUM” | VIII. WERDEN UND VERGEHEN | KLANGAPPARAT | LINKS

I. ROMAN FLEUVE

ENREGISTREZ VOUS DANS LES TROUPES COLONIALESDie Art der vollständigen Nichterinnerung nach zweimaliger Lektüre eines derart glühend dem Ekel und dem Tod zugewandten Werkes wie Louis-Ferdinand Célines “Reise durch die Nacht” : Zweifellos schuldet sich diese Amnesie durch zwischenzeitliche Deck- Lektüren wie in Part I dieser Überlegungen vermutet . Zum andern mag man in Rechnung stellen, dass dieser eine , in ( nur ) fünf Jahren während eines Zustandes völliger Alertheit niedergeschriebene Roman leicht das Material für deren fünf oder sechs abgeben könnte .

Die einzelnen “Stationen” dieser “Voyage” sind nicht in die ordentlichen Schatullen einzelner Kapitel platziert . Meist genügen etwas weiter gefasste Absätze , um den Autor und seine zwei fiktiven Alte Egos - Bardamu und Robinson - aus der Nacht des Krieges in neue “Shades of Black” zu katapultieren .

Womit auch der Text zur veritablen Metadarstellung seiner selbst wird : In stetigem , lediglich mitunter retardierten oder beschleunigten Fluss wälzte sich der Strom in Mäandern und mannigfaltigen motivischen Schlaufen seiner Bestimmung - der Einmündung in das namenlose und entindividualisierende Meer des Todes - entgegen . Formale Entsprechung von Auflösungswunsch und -furcht des Erzählers . |||

II. SCHLAMM DES “INNEREN” & ÄUSEREN AFRIKA

PARIS ALGER intern poster galleryIm Aggregat “Afrika” so wie im vorangehenden der Überfahrt auf einem Frachtdampfer erscheinen beide Impulse als einerseits sozial induzierte , anderseits biologische Determinanten . Was auf den “Feldern der Ehre” des Ersten Weltkriegs gerade noch dem Geist und Leib zersetzenden Vegetieren in den “Trenches” des Stellungskrieges entkam , um dann nur um so tiefer in den moralischen und urbanen Sumpf der Metropole zu tauchen : In den folgenden Abschnitten wird nur fortgesetzt und in ungeheuerlicher sprachlicher Vehemenz entfaltet : die diversen Viskositäten der Schlamm von Hass , dreckigem ( Über- ) Lebensprogramm des Selbst und ökonomisch- systemischer Determinismus .

Irgenwann kommt Bardamu also “frei” und kann der Gefahr , als Menschenmaterial an der Front des Ersten Weltkrieges verheizt zu werden , entraten . Dank seines bauchrednerischen Geschicks , die Phrasen der Psychiater mit Inbrunst zu reproduzieren , vermag er sogar , als ausgewiesener Patriot seinen Abschied zu nehmen . Geld ist deshalb nicht eben in patriotisch würdiger Menge im Sack , weshalb Bardamu vorerst den ( von der amerikanischen Gespielin Lola erweckten ) Drang nach den proteinreich- geilen Frauenkörpern des USA gegen einen Trip nach Kolonial- Afrika einzutauschen hat . |||

III. LE TRAJET - AUS DER ILLUSION VON “KULTUR” IN DIE FIEBRIGEN DETERMINISMEN EINER WAHLLOSEN “NATUR”

DEUTSCHE AFRIKA LINIEN intern poster galleryDie weitere Etappe der “afrikanischen Nacht” beginnt freilich mit dem in allen Reiseliteraturen seit dem 18. Jahrhundert gängigen Topos , der Einzelne werde “dieses wahre , Innere Afrika” ( Jean Paul ) entdecken und nicht touristischen Zurichtungen aufsitzen . Noch dürfte dieser Ferdiand Bardamu - im Grund wider besseres Wissen - die Illusion hegen , endlich an einem wahrhaft “anderen” Ort zu landen .

Ist sich Céline | Bardamu dieser typischen und topischen Phantasie nach Teilhabe an der “Authentizität” des “Anderen” bewusst …. oder handelt es sich hier wiederum um eine weitere der Céline’schen Sprachmasken , um gewisse “common places” ( Flaubert : “idées recues” ) zur Kenntlichkeit zu entstellen :

Wir waren unterwegs nach Afrika, ins echte, grosse, das Afrika der unergründlichen Wälder, der tödlichen Miasmen, der jungfräulichen Einsamkeiten, wo grosse Negertyrannen sich an den Kreuzungen endloser Flüsse lümmelten. Bei ihnen würde ich gegen ein Päckchen “Pilett”- Rasierklingen riesenlanges Elfenbein eintauschen, prachtbunte Vögel, minderjährige Sklavinnen. ( … ) Ein tolles Leben! Ganz was anders als das abgeschmackte Afrika der Reisebüros und Denkmäler, wie es in der Eisenbahn und auf Nougat- Einwickelpapier zu sehen war. Nein, nein! Wir würden das reine, ungeschminkte Afrika erleben , das echte!

Im Zuge der Überfahrt auf einem Frachtdampfer, der etliche Kolonialmilizen sowie eine Reihe von Kongo- Schullehrerinnen beherbegrt , geschieht zweierlei - gewissermassen als Vorwegnahme jener nachtschwarzen Unsäglichkeiten , welche den Reisenden auf dem Schwarzen Kontinent erwarten werden . |||

IV. DER LEIB ( BIOS )

EXPEDIDION ETHNOGRAPHIQUE intern poster gallaeryAls jenseits der europäischen Gewässer jene allumfassende Hitze anhebt , muss sich der selbsternannte “europäische Kulturmensch” winselnd den Bedingungen des BIOS ergeben . Dieser BIOS , das anarchische , schwache , nach Auflösung und Ent- Individualisierung strebende Fleisch wird uns ( bzw. Bardamu ) wärhend der restlichen Stationen der “Voyage” in allen Formen des Ekels , des Determinismus sowie der eigentlichen “Natur” des Menschen begleiten .

In der europäischen Kälte, unter dem schamhaften Grauschleier des Nordens ahnt man ( … ) ja kaum die wimmelnde Graumsankeit unserer Mitbrüder, doch sobald sie das verderbliche Tropenfieber sie ankitzelt, kommt ans Licht , wie durch und durch verdorben sie sind. Das fallen die letzten Hemmungen , die Gemeinheit triumphiert und überzieht uns voll und ganz. Der biologische Offenbarungseid . Sobald Arbeit und Kälte uns nicht mehr knechten ( … ), erkennt man in den Weissen das, was man von einem anmutigen Ufer erkennt, wenn das Meer sich zurückgezogen hat: die Wahrheit, stinkig- schlammige Pfuhle, wimmelndes Getier, Aas, Kot.

Der Norden, der konserviert einem wenigstens das Fleisch; ( …. ) der Kolonist ist schon am Tag seiner Ankunft durch und durch verwurmt. Die unendlich arbeitsamen Würmchen warten nur auf ihn und lassen ihn erst los, wenn das Leben schon lange vorbei ist. Madensäcke sind das. |||

V. DER HASS , DIE PARANOIA , DIE VERACHTUNG ( LE MÉPRIS )

JOURNEE COLONIALE internat poster galleryDie fundamental feindselige Kraft und undurchdringliche Macht der Verachtung : Wir kennen sie aus Godards Meisterwerk “Le Mépris” . Bei Céline zieht sie sich während der wochenlangen Überfahrt im Kollektiv aus Militärs und Kolonisten ( plus der extrem hysterischen Lehrerinnen ) um den Aussenseiter Bardamu wie eine Schlinge zusammen . Eine “kompakte Böswilligkeit” schlägt ihm auf diesem “Ship of Fools” entgegen . Paradigma : Geschlossenes System . Umleitung des tendenziellen Kampfes Aller gegen Aller auf das gemeinsame Begehren , den Ausenseiter auszulöschen . Immerhin eine Schwundstufe eines “contrat social” , den wir unter kolonialen Verhältnissen später ad absurdum geführt sehen werden .

Mit der ( unseren Recherchen nach fiktiv so benannten [ ein eigenes Kapitel wären die meist "sprechenden" Personennamen in diesem Roman ] ) Kolonie Bambola- Bragamance erreichen wir ein neues “Closed System” , wo der “Kampf Aller gegen Aller” sich im stillschweigenden Sozialkontrakt manifestiert :

Das Militär (… ) frass den Rum der Kolonien in sich hinein und würzte ihn, damit er runterging, mit jeder Menge Chinin und kilometerlangen Dienstvorschriften . (… ) Ewig und erbittert fochten sie persönliche und kollektive Feindseligkeiten aus, Militär gegen Verwaltung, diese gegen die Händler ( …. ) alle gegen die Neger und die Neger untereinander auch. |||

VI. TRAUMATISCHE TROPEN

REGARDS SUR L AFRIQUE intern poster galleryDas mörderische Klima reduziert den Menschen auf den schieren Leib , die europäischen Erfindungen von “Geist” oder gar “Seele” schmelzen unter den “Umständen” einer umfassenden Attacke auf Wahrnehmungs- , Denk- und gestalterischem Handlungsvermögen rasch dahin .

Es ist schwierig, in den Tropen die Menschen und Dinge klar und ausführlich zu sehen, und zwar wegen der Farben, die von ihnen ausstrahlen. Die Farben und die Dinge kochen förmlich. ( ….) Aber nicht nur die Menschen sind dort hysterisch, die Dinge sind es ebenfalls. Erst bei Einbruch der NACHT wird das Dasein halbwegs erträglich, allerdings fallen, wenn es dunkel wird, die Mückenschwärme über alles her. (…. ) Der reinste Karneval bei Tage, nachts das Mückentrommelfeuer, der KRIEG im Kleinen.

Wenn es in der Hütte, in die man sich zurückgezogen hat ( … ), endlich still geworden ist, beginnen die Termiten ihre Abrissarbeiten, unermüdlich höhlen sie die Pfosten aus ( … ) . Wenn dann noch ein Tornado in diese trügerische Spitzenklöppelei fährt, verwirbelt er ganze Strassenzüge zu Sägemehl.

Das Wimmelnde , individuell Unkenntliche , in seiner schieren Masse bedrohliche … “Niedere” : Die Bildlichkeit von Insekten zur Bezeichnung tendenziell bedrohlicher Menschenmassen war nicht erst der antisemitischen Hetze des “Stürmer” vorbehalten , sondern findet sich schon in der frühen Metropolenliteratur ( berühmt : Adalbert Stifter ! ) . Wenn Céline die schwarzen Arbeiter als “Ameisen” bezeichnet , entbehrt das Bild dieser Arbeiterinnenspecies nicht den Hauch einer Anerkennung .

So kam und ging das, Rosenkränzen im Stakkato gleich, durch den scharlachroten Dunst. Manche dieser arbeitenden Gestalten trugen überdies einen kleinen Punkt auf dem Rücken, das waren die Mütter, die ebenfalls Palmkernsäcke schleppten und dazu noch ihr Kind als zusätzliche Fracht. Ich frage mich, ob Ameisen auch zu so was im Stande sind. |||

VII. BRANDIGER BLASENWURF : DAS “INDIVIDUUM”

AFRICA post apartheid cinemaAfrika : Das ist die wahnwitzige Hitze , die geile Natur . Sämtliches Leben setzt seiner fortschreitenden Verwesung unbändige Aktivitäten der Fortpflanzung entgegen . Schleim , Schlamm , Fäulnis : Das ist der Schoss , aus dem Alles überreich kroch und dort verschwindet , verschwendet wird , verrottet .

Ein Battallion war wie ein Stück Zucker im Kaffee, je länger man hinschaute, desto weniger sah man davon.

Die europäische “Seele” , ja gar das “Denken” per se ist innerhalb dieser hypertrophierten und daher feindlichen “natura naturans” ein Luxus , den man sich erstmal leisten können muss ( siehe KRIEG , siehe später das Lumpenproletariat von Grancy , siehe die monströsen Ford- Fabriken in Detroit ) :

Eins stimmt, es ist ja ziemlich verrückt, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, als mit dem, was man sieht.

Innerhalb dieses Systems verfliessen Substanzen und Wesen zu einem einzigen heissen Schleim . “Individuen” sind dabei maximal Blasenbildungen im brodelnden Sud der Ursuppe . Für Pflanze , Tier , Mensch gilt : Zwischen Fressen und Gefressenwerden bleiben lediglich ein paar gezählte Stunden fiebrigen Siechens und maximaler Fortpflanzung der Art . In diesem winzigen Zeitfenster zwischen Werden und Vergehen wird jedes kulturelle Agon lächerlich .

Der Wald wartete nur auf dieses Signal, um aus all seinen Tiefen loszuzittern, loszupfeifen, loszukreischen. Ein gewaltiger Liebesbahnhof, lichtlos, berstend. Ganze Bäume quellen über vor glänzenden Leckerbissen, verstümmelten Erektionen, Entsetzlichkeiten. |||

VIII. WERDEN UND VERGEHEN

Menschen, Tiere und Dinge, alles schwand so rasch in diesem Grün, diesem Klima, dieser Hitze und bei den Mücken, das man kaum schnell genug hinsehen konnte. Es war widerwärtig, alles ging dahin, Stück um Stück, Satz um Satz, Glied um Glied, Sehnsucht um Sehnsucht, Blutkörperchen um Blutkörperchen, es verging in der Sonne, schmolz im Sturzbach des LICHTES und der Farben, und der Geschmack und die Zeit gleich mit, alles ging dahin. Nur funkelnde Angst blieb in der Luft.

AFRICA COLONIALISMNoch die kolonialistische Ausbeutung von Mensch und Natur ( Kautschuk , Erdnüsse ) verzehrt sich quasi selbst . Bis ins kleinst Glied korrupt , hab- und machtgierig , vom Popanz des Gouverneurs bis hinab zum niedrigsten Milizionär : Letztlich sind die Tage eines Jeden dieser ausgebeuteten Ausbeutet gezählt .

In der Hauptbuchhatung der Compagnie waren die Monate dieses Direktors gezählt, gezählt wie die Monate, die man einem Mastschwein noch gibt.

( Man vergleiche dies mit dem vor einer Metzergei in Grancy “als Reklame” angepflockten Mastschwein , welches vom amüsierten Mob gnadenlos gequält wird . )

Wo die Tage derart gezählt sind , wird auch das GELD lächerlich : Es ist beileibe keine Verteidigung der kolonialen Ausbeutung , wenn und wie Céline zeigt , dass die Peitsche des Kolonialisten auf die Rücken der namenlosen Schwarzen längst dessen eigene Existenz fortgerissen hat .

Die Eingeborenen muss man miest erst mit Knüppeln zur Arbeit treiben, so viel Würde haben sie sich bewahrt, während die Weissen, die die öffentlichen Bildungsinstitute durchlaufen haben, ganz von selber funktionieren.

Vor Ort ist hier nichts zu holen ausser Siff und Fieber . Die unter unsäglichen Bedingungen Menschen und Natur abgepresste Ware verwandelt sich erst ausserhalb dieses geschlossenen Systems in konkreten Wert und Gewinn .

Der Sumpf der Ausbeutung , wie wir ihn später bei Ford erleben werden : Im Aggregat “Afrika” ist dieser Sumpf in Riesige , naturhaft- Kontinentale projiziert . Wie auch bei den primitiven Kleinbürgern in den Pariser Vororten hat sich die Menschenverachtung des System längst in Form eines niederträchtigen Hasses im Inneren der Kreatur niedergeschlagen .

Dass die vorgeblich so unterwürfig- kooperativen Autochthonen des Urwaldes den sterbenskranken Bardamu nähren und später quer durch den Dschungel zu einem weissen Priester bringen , hat blutwenig wenig mit “Empathie” oder “Menschlichkeit” zu tun . Die vorgeblich Ausgebeuteten “outsmarten” den Ausbeuter , indem sie ihn - bewusstlos wie er ist - an eine spanische Galeere verkaufen . Eine böse Pointe als Finale eines allen hehren Prinzipien der “Menschlichkeit” spottenden Stücks . |||

KLANGAPPARAT

Versteht sich , dass wir hier keine literarischen Aggregate akustisch czz hörempfehlungillustrieren . Allerdings scheint uns die Mischung aus Primitivem und Giftigem , wie sie das Label intoxik mit der neuen Release von Pablo Akaros vorlegt , ganz passend . Die EP Horse Morse strotzt jedenfalls von atavistischen Rhythmen und bissigen Insekten …. CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Reusado ( 7:05 ) | 02. Mclass ( 8:11 ) | 03. Vertebral ( 8:30 ) |||

HINWEIS

Die Zitate entstammen sämtlich der 2003 bei Rowohlt erschienen Neuübertragung : Louis-Ferdinand Céline : Reise ans Ende der Nacht . Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt- Henkel , Rowohlt 2003 ( 147f, 149, 153, 165 f, 167, 171, 192, 228, 224, 196f, 177, 184 )

The historical posters appear by courtesy of the International Poster Gallery , Boston : The rare vintage posters may be purchased by order .

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