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Künstler- Bücher | Artist’s Books : Don’t touch !



||| BLOOD ON PAPER | HANNE DARBOVEN | ANGELIKA KAUFMANN | DIETER ROTH | THE ABC IN 3D ( BOOK ) | HINWEISE

BLOOD ON PAPER

Zugegeben , es ist nicht masslos originell , wenn wir etwas Sicherheitsabstand zum Welttag des Buches einnehmen ( inklusive der für die Branchenumsätze des schwierigen Frühjahrsquartals nötigen Marketing- Maschinerie ) , doch kommen wir jetzt auf Bücher , welche leicht von den üblichen Usancen abweichen . Oder tonnenschwer . Wie sie die Kuratorin Elena Ochoa- Foster ( rightyrght : the very wife of super- star - architect Norman Foster ) zusammen Rowan Watson im Victoria and Albert Museum zu London zusammengestellt hat . Die Schau geizt nicht mit einem markabten Label : “Blood on Paper - the Art of the Book” ( 15. 4. bis 29. 6. )

blood on paper

Der ausgeschlafene Leser von in|ad|ae|qu|quat hat’s längst begriffen . worum es hier geht - wir können uns die einschlägigen Artilel im ART NEWSPAPER ect sparen : Es werden Künstlerbücher in heil’gen Hallen ausgestellt .

Dass diese nicht eben zum Lesen gemacht sind und - “don’t touch !” - schon gar nicht zum Berühren , versteht sich . Das Buch als Container von ursprünglich verbaler und handhabbarer Exzellenz wird im Kontext der markt- und versicherungs- wertigen bildenden Kunst und ihrer musealen Monstranzen zum Unberührbaren schlechthin . Lediglich ein Effekt der Fetischisierung von unikaler Kunstkunst gegenüber der technischen Reproduzierbarkeit von gedruckter Sprachkunst ?! - Wir lassen das dahin gestellt .

Von der Heimseite des V&A haben wir einige Beipiele samt Beipacktexkt heraus gelesen :

book Cai Guo-Qiang

  • Cai Guo-Qiang ( * 1957) : “Danger Book: Suicide Fireworks” 2008 - Volume of drawings made with flammable and adhesive substances, with gunpowder encased in each of the leaves.

( One of an edition of 9 unique works published by Ivory Press, London. Published by Ivory Press, 2006 , Private Collection , Photo © Tatsumi Masatoshi , Courtesy Ivory Press )

book Jean-Marc Bustamante

  • Jean-Marc Bustamante ( * 1952 ) : “Maisons pour Insomniaques , Rêves 1. 2. 3. 4. 5″ . By Mario Bellatin 2005

( Ptographs; printed text , published by Toluca Editions , Paris , Courtesy Antoine de Beaupré Collection , Paris © ADAGP , Paris and DACS , London 2008 )

books Sol LeWitt

  • Sol LeWitt (1928 - 2007) : “Geometric Figures & Color” , 1979

( Published d by H.N. Abrams , New York National Art Library , V&A , pressmark: 502.M.127 © ARS, NY and DACS, London 2008 )

books Antoni Tàpies

( Published by Erker-Presse , St Gallen , National Art Library , V&A , pressmark: 95.VV.4 © Succession Miro/ADAGP, Paris/ Foundation Antoni Tapies , Barcelone/VEGAP , Madrid and DACS , London 2008 )

books Eduardo Chillida

( Published by Editions Art-Concorde , Paris - Private collection of the publishers Edouard and Julien Weiss © Zabalaga-Leku , DACS , London , 2008 )

book Louise Bourgeois

( Published by Editions du Solstice , Paris - Courtesy Jean-Claude Meyer , Les Editions du Solstice © DACS, London/VAGA , New York 2008 ) |||

HANNE DARBOVEN

Zugegegben , wir sind noch nicht durch die V&A spaziert , doch fehlen uns doch eminente Buchkünslter von Weltrang . Wo zum Beispiel bleibt die grossartige Hanne Darboven , die in ihrem Lebenswerk Hunderte von Ausdrucksformen für die “Verbuchung” fand : In ihrer Festschreibung , Notierung , Abheftung und Einbindung immer schon eine höchst sinnliche Manifestation des irreversiblen Prozesses des Vergehens von Zeit . Eines ihrer faszinierendsten Werke ist und bleibt

  • “Ein Jahrhundert ” | “One Century” , 1971-75

book Hanne Darboven Ein Jahrhundert

“Ein Jahrhundert”, the summa of the working-through phase of Darboven’s calendrical calculations, consists of 365 binders that all together encompass all the days of the century (1.1.00 -> 31.12.99) as processed through Darboven’s Konstruktion system. Each month consists of 28 to 31 books, each book consisting of 100 pages except for February 29th which consists of 25 pages. The first volume contains all the January 1sts of the century, the second, all the January 2nds, etc., until the 365th, which contains all the December 31sts. Indices to the work comprise additional binders. ( Quelle)

  • Oder “Existence 66 - 88″

book Hanna Darboven diary

Darboven’s Existenz 66-88 (Existence 66-88), 1989, draws on 22 years of Darboven’s personal datebooks beginning in 1966 and concluding in 1988. 2,261 panels photographically reproduce the artist’s leatherbound appointment book one two-page spread per photo. Hastily jotted reminders and telephone numbers and the generic pages of maps, conversion tables, and lists of legal holidays common to datebooks are interwoven with references to major political and historic events. A stuffed pet goat named Mickey, one of many Darboven has had over the years, accompanies the piece.

Existenz 66-88 expands the category of calendrical forms used in Darboven’s work to include the datebook. An earlier piece, Hanne Darboven: Diary NYC, 1974, is likewise based on the diary or Tagebuch. Literary or poetic works are also mined for day-by-day or durational forms. The structure and content of “For J.P. Sartre,” a segment of the work A Month, A Year, A Century 1968-1974, 1974, is partly configured by reference to Sartre’s autobiography Les Mots (The Words) and commemorates his 70th birthday. The title and number of pages in Stundenbuch (Book of Hours), 1991, are taken from Rainer Marie Rilke’s book of poems of the same name. Rilke’s title came from the medieval Book of Hours or daily prayer book; Darboven’s borrowing thus makes reference to both the poetic and quotidian. ( Quelle)

Der Klarheit von “Ein Jahrhundert” wird - für im Grunde denselben kulturhistorischen Zeitraum” - ein Palimpsest gegebüber gestellt . Als dezidierte Konzeptkünstlerin hat sie sie Kunsttheoretikerin Isabelle Graw auch zu den internationalen “Ausnahmefrauen” gezählt” . |||

ANGELIKA KAUFMANN

Eine solche - zudem Buch- und Schriftkünstlerin par excellence - stellt zweiffelos auch die hier sowohl in englischer und deutscher Sprache vorgestellte Angelika Kaufmann dar . Vom Pinsel- Abtupf- Diarium bis zum “Chinesischen Blindband” bleiben Kaufanns hoch konzeptionelle Projekte stets eine Reflexin auf die Beziehungen zwischen den Medien von Buch , Papier und Schrift .

angelika kaufmann blindband

So zum Beispiel stellt Kaufmann ihre akribischen Kalligraphierung bestimmter Teile von Friederike Mayröckers Prosawerk in keiner Weise als Kunsthandwerk aus …. sondern sie verdichtet die semitransparenten Blätter bis zu deren schieren Vernichtigung , indem sie die Blätter zu kleinen Quadraten faltet , diese bis zur Erreichung der entsprechenden Seitenhöhe aufeinander legt und das Ganze in einem Plexisglaskubus versiegelt .

book Angelika Kaufmann Kubus |||

DIETER ROTH

Ein Weiterer , dessen Name schmerzlich fehlt in der V&A- Auflistung ist der mit extremen , vergänglichen und verrottenden Mateiralien expeirmentierende Dieter Roth . Angefangen habt er bei der klasiischen Typographie der konkreten poesie .

book Dieter Roth ideogramme 1959

  • “ideogramme” , 1959

Nach der Wort- und Satzzertrümmerung wandte sich Roth mehr und mehr dem Trägermedium , dem Material , kurz gesagt : dem sich geduldig prosituierenden Papier zu . Stanzblätter für Stanzmeinungen aus dem “Daily Mirror” :

book Dieter Roth daily mirror book 1961

  • “daily mirror book” ,1961

Bri- Collage zu den Stehsätzen des Boulevards :

book Dieter Roth Schneewittchen 1965

  • “Schneewittchen” , 1965

Bald schon erweiterte Roth seinen kritischen Umgang mit Texten per Abfüllung von z. B. Spiegel- Artikeln in Wursthäute . Verfeinert wurde die Methode bei Büchern , die Roth partout nicht ausstehen mochte , wie etwa bei Grass’ “Hundejahre” oder Martin Walsers “Halbzeit” . Hier wurde das Buch buchstäblich verwurstet , indem es - kleingehäckselt - mit einer traditionellen Speisewurst- Farce plus Gewürzen vermischt wurde undi in Därme abgefüllt .

book Dieter Roth Literturwurst Martin Walser HALBZEIT 1961

  • “Literturwurst Martin Walser HALBZEIT” , 1961

Gemessen an diesen aus Fluxus , Konzetpkunst und kritischer Material- Autopsie hervorgegangenen Buch- Werken wirken die britischen BLOOD- BOOKS doch reichlich ästhetisiert . Wobei wir Louise Bourgepis ausdrücklich ausnehmen wollen aus diesem “quite continental” Generalverdacht . |||

THE ABC IN 3D ( BOOK )

Statt eine KLANGAPPARATS gibt’s heute ein Video , welchses sich selbstredend ebenfalls mit der Buchkunst aufhält . Will meinen : Das Kunststück fertigbringt , das gesamte Alphabet Seite für Seite mittels mechanischer Pop- Ups darzustellen ( via information aesthetics ) . Soll’s wohl irgendwann auch im Handel geben . Man lasse blättern und - staune :

ABC3D

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HINWEISE :

  • Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 , edition splitter2007
  • Die Informationen zu Dieter Roth verdanken wir der Retrospektive ROTH-ZEIT , 18. 10. 2003 - 11. 1. 2004 im Museum Ludwig Köln in Zusammenarbeit mit der Laurenz-Stiftung und dem Schaulager Basel . Ausstellungskonzeption : Theodora Vischer , Gary Garrels , Dr. Ulrich Wilmes
  • Isabelle Graw : Es kann nur Eine geben . Überlegungen zur Ausnahmefrau ( Sinn- Haft 11 , Zur Masse ) |||
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text verschlingen | Angelika Kaufmanns “VerBuchung” von Texten Friederike Mayröckers



||| I. RUF | II. RAHMEN | III. RAUM | IV. REFLEX | V. RÜCKGABE | VI. REGENBOGEN ||| KLANGAPPARAT | CLICK EMBEDDED PICTURES TO ENLARGE ( # 2 - # 7 )

Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 ( 01 )

Also immer für sich einen neuen Anfang machen,
Tatzen auf der Maschine ( Friederike Mayröcker )

angelika kaufmann U 01

I. RUF
Sie hat den besten , sie hat den schlechtesten Ruf : die Schrift .
Den Einen gibt sie als alphabetisiertes Sinn - Bild , als Chiffre für die “Lesbarkeit der Welt” ( Hans Blumenberg ) , ohne die sich Gesellschaft und Individuum nicht in im Chaos der Phänomene beheimaten könnten . Schrift setzen heisst : Spur legen , Sinn machen .

Schrift legt Fährten , gewinnt Gefährten .
Kommunikation , Überlieferung , Einbindung - all das ist Schrift .

Anderseits :
Es erscheint die Schrift meist an Stelle eines abwesenden Menschen . Dem Lesenden eines Buches bleibt die persönliche Friederike Mayröcker , ihre Stimme und deren charismatisches Wesen fern .

Das Pneuma der verlautenden Stimme atmet aus dem Notat und kehrt sich aushauchend - in produktiver Ausfällung wieder in ein Notat zurück .”das zu sehende - das zu hörende” wird wieder ein zu Schreibendes , ein zu Lesendes .

Es bleibt : die Schrift . Die Schrift , die wir lesen .
Die Schrift , die wir vor Augen haben, gedruckt , im Buch . Die Schrift aber auch , welche Angelika Kaufmann nach zeichnet .
Nach schreibt . Ab schreibt . Neu schreibt . Weiter und weiter schreibt , das Freud’sche “Fort” in ein “Da” verwandelnd . Die Schrift , welche Angelika Kaufmann aus der Vergangenheit schreibt , in die Gegenwart schreibt und in die Zukunft . Und schreibt und schreibt .

So gross schreibt und so haptisch gestaltet , dass sich der Betrachter darin verstricken möchte . Oder sich in die Schwingungen , Schlingungen der Ober- und Unterlängen ( wie in eine Schaukel ) setzen . Nehmen Sie Platz .

Keiner erwartet Sie . - Aber ja doch : Die Schrift nimmt sich Ihrer an .

Diese Schrift - Angelika Kaufmanns TagesMitSchrift seriell angezettelter “magischer blätter” - mag zwar den Sinn in eine Form ordnen , ordnet sich dabei allerdings keinesfalls unter .
Sie ist keine Gebrauchs- Schrift . Keine Brauch- Schrift , die von sich selbst absieht , um Anderes - “Inhalte” - zu transportieren . Angelika Kaufmanns VerBuchungen sind keine Transportmittel , Normgefässe , Container , Flachwaren oder Gebinde für Füllstoffe und Nettogewichtseinheiten .

Angelika Kaufmanns AbSchriften sind Dichtung , ja :
Diese Schriften sind Dichtung AN SICH , nicht mehr und nicht weniger als Friederike Mayröckers poetisches Werk . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_01.jpgII. RAHMEN
Doch ich greife vor . - Oder bin ich zu weit zurück gegangen ? … zurück gegangen zur Kritik der Schriftlichkeit , wie sie seit Platons “Phaidros” variantenreich kursiert ? … wie sie mit jedem frisch auf der BildFläche auftauchenden Medium in neuer Version kursiert ?

Eine Kritik , die - pointiert formuliert - besagt , als dass mit der AufZeichnung ( dem RECORDING ) von Wissen , erst eigentlich das VERGESSEN beginnt ? - Die Auslagerung von lebendigem , erzählten Wissen auf die Festplatte des geschriebenen Textes birgt bereits das Moment eines Sterbens . Wer auf Überlieferung setzt , auf Schrift , RECORD und Verzeichnis , denkt bereits die eigene Abwesenheit .

Damit wird - cum grano salis - schon der Tod ins Werk gesetzt und die Hybris des In-der-Schrift- bzw. des Im-Werk-Überlebens . Man schreibt also am eigenen Epitaph .
Kassiber ins Abwesende , sei dieses räumlich , sei dieses zeitlich .

Es sei : Da jede Autorin und da jedem Autor allerdings “meine stattliche Haut, eidesstattliche Fliespapierhaut” ( 2 ) der pragmatischen Schrift bei der Sprach- Setzung näher ist als der eschatologische Rock , da der Markt das Medium “Buch” als Grundbedingung für das praktische Überleben in Verbreitung , Vertrieb und Verwertung erzwingt , will Literatur gedruckt sein .
So codiert sich in der Gutenberg- Galaxis nun einmal die poetische Flaschenpost : Zwischen Umschlag , Einband und Vorsatz , blättert sich die Werk- Welt her . Im Grunde eine Schachtel , welche man öffnet und wieder schliesst . Text und Schrift zwischen Deckeln .

Mit ihren Schrift- Bildern, Text- und Buch- Zerlegungen stellt sich Angelika Kaufmann solchen Verpackungsroutinen entgegen . Über Jahre vollzieht dies die Künstlerin in sorgfältig gesetzten Anordnungen . Anordnungen , welche sie sich selber auferlegt , seitdem sie von der Poesie Friederike Mayröckers - konkret von dem Gedicht “Im Elendsquartier” ( 1956 entstanden und abgedruckt im 1974 erschienenen Band “In langsamen Blitzen” ) - getroffen wurde .
Aus einer Affinität zu Mayröckers radikaler Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst , handwerklicher Arbeit und Leben hat die gelernte Gebrauchsgrafikerin Angelika Kaufmann eine Selbst- Beauftragung formuliert und - speziell während der letzten zwanzig Jahre - mit jeder neuen Werkgruppe , Schriftgruppe aufs Neue in Angriff genommen .

Etwa beim Prosa-Fliess-Text des “Herzzereissende[n] der Dinge“: Ein WeiterSchreiben über die Blattgrenze hinaus, Wort und Zeilenbrüche entgrenzend. Zäsur, Offenheit und Rhythmus der poetischen Vorlage sind solcherart allerdings keineswegs sistiert. Im Gegenteil ereignet sich das stille Drama von Spannung und Entspannung, Ausschreiben und Aussparen, Betonung und Atemholen im einzelnen Buchstaben…

… hätte ich ein unendliches Schreibpapier, so dasz ich nicht immer wieder
ein neues Blatt in die Maschine einspannen müszte und das vorhergehende
ablegen müszte, nämlich die äuszerste Fassung, nicht wahr, nämlich
meditative Versenkung welche vom Rasen der Zeit befreit … ( Friederike Mayröcker 3 ) |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_03.jpgIII. RAUM
Angelika Kaufmann nennt es “TEXTZERLEGUNG” .
Man könnte auch sagen :
Angelika Kaufmanns schriftkünstlerische “Faktur” ( Roland Barthes ) bestünde in der Schöpfung einer genuin neuen Fraktur . Indem sie die Buchstaben aus der Fasson üblicher Vollständigkeit herausbricht , schafft Kaufmann neue Räume . Irritierende Räume , wie uns die Anschauung zeigt .
Denn wir wollen - beanspruchen gar - jederzeit alles lesen zu können , was geschrieben steht . Angelika Kaufmanns “VerBuchungen” indes verwehren uns die lineare Lesbarkeit . Wir entziffern Buchstaben , bleiben dabei aber doch Analphabeten .

Angelika Kaufmanns Methode des Zeigens und zugleich Verbergens von Schrift- Sinn gewährt so mannigfaltige Perspektiven , dass es der linearen Rede schwer ankommt , eine einigermassen geordnete Führung durch diese Assoziations- Agglomerationen anzubieten . Womit wir bereits nahe am Wesen des eigentlichen Gegenstandes dieser Kunst und unserer Rede über sie angelangt sind : nämlich am wesentlichen ( Im- ) Puls der Poesie .

Man kann nämlich sagen : Es gibt kein effizienteres Aufzeichnungs- und Sinn- Speicher- System als die Poesie . In jeder Silbe , in jedem Laut , in jedem Wort und in jedem Vers - ja , sogar in den Zwischenräumen und Interdependenzen - ist so viel Sinn eingelagert , explodieren so viele Zeitzünder an Kontaktschlüssen und Bedeutungen , dass die sekundäre Rede stets der Hase bleibt , welcher dem poetischen Igel hinterher hetzt .

Unternehmen Sie doch einfach die Gegenprobe , indem Sie deskriptiv darstellen , was in einem Gedicht “geschieht” : WAS es sagt und was es NICHT sagt , WIE es gesetzt ist und WAS es freilässt , WORIN es Nähe sucht und wo es Differenzen stiftet … und voilà sind Sie mitten im Sisyphus-Schicksal von Philologie und Hermeneutik .
Hilflos hier , geniesserisch dort , können beide nie zu einem Ende gelangen . |||

angelika_kaufmann_copyright_chinesischer blindenschriftband_max_02.jpg

IV. REFLEX
Kunst ist Tautologie . Sie sagt sich selbst . A rose is a rose is a rose .
Sie sagt , DASS sie sich sagt . Sie sagt , WIE sie sich sagt .
Ceci n’est pas une pipe .

Angelika Kaufmann stellt dieser beseelenden , dieser skandalösen Tautologie ein Gleiches zur Seite . Die Poesie verbirgt , indem sie zeigt . Sie sagt Manches und schweigt eben so Vieles im Sagen mit . Als bildende , als Schriftkünstlerin muss Angelika Kaufmann “dieses Stillsticken”( 4 ) ZEIGEN . Aber wir sehen ja , was sie uns zeigt : “Es regnete, regnete viele Wörter auf es herunter” ( 5 ), heisst es in “Pegas” , dem Text- Bilder- Buch-Pferdchen von Friederike Mayröcker und Angelika Kaufmann . Schon auf den beiden Dimensionen der Fläche unterbricht Kaufmann die Linie oder lässt diese über die Blatt- Bogen- Ränder hinaus schwingen .

Sie macht uns damit SEHEN , wie viel wir NICHT sehen . Kaufmanns Fraktur akzentuiert beides : das Anwesende und das Fehlen . Rest-Rundungen, Synchronbögen , Diagonal-Marker . Fragmentarisch horizontale und vertikale ArchitekturFragmente von Schrift . In ihrer Präsenz lenken sie den Blick des Betrachters auf ungewohnte formal- rhythmische Muster .

Dort , “wo was fehlt” , dort also wo unsere früh anerzogene DechiffrierPflicht auf die leere Fläche trifft , schiesst die Phantasie ein und damit die ( persönliche ) Projektion .

Hier rhythmische Kontraktion , dort tabula rasa :

Von Angelika Kaufmanns Blättern murmelt nicht nur die sibyllinische Stimme der Poesie . Viel mehr noch : Blicken wir uns selbst in Gestalt unserer Projektionen entgegen . Nicht zufällig waren es Friederike Mayröckers “14 Spiegeltexte” ( 6 ) , mit deren AufZeichnung sich Angelika Kaufmann Mitte der 70er Jahre zuerst befasste .

So viel zu den Dimensionen Numero Eins und Zwei , den Flächen- Koordinaten .
Angelika Kaufmanns Ein-, Ab- , Unter- und Überschreibungen fädeln ihre subtilen Linien allerdings auch durch die Dimensionen Numero Drei und Vier . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_05.jpgV. RÜCKGABE
Mit ihren Installationen , ihren Papier- und Buchobjekten gibt Angelika Kaufmann dem Text zurück, was dieser ( wir erinnern uns an den Topos der Schriftlichkeitskritik ) ersetzt , entbehrt oder gar exorziert : den Körper . Von Handen der Künstlerin holt die Schrift - etwa der mit Kaufmanns Notaten überschriebene “CHINESISCHE BLINDENSCHRIFTBAND” ( 2000 ) das verlorene Moment des Leiblichen zurück .

In diesem entstehenden Buch habe ich einen Nicht-Stil angewendet also eine Art literarischer Selbstentblöszung, nicht wahr, also das Kritzeln/ Beschmutzen: das Kritzeln auf meinen nackten Oberschenkel oder ins Handinnere schreiben und ein schwarzes Kreuz zeichnen, das nicht mehr zu löschen ist … ( Friederike Mayröcker 7)

Die haptische Anmutung der Papier-Objekte , die Fingerspitzen- Lektüre der Braille- Schrift , diverse Viskositäten von Farben und Tinten , Porosität oder Versiegelung von Texturen . Die mit viel Wissen , List und Lust am Material vollzogenen Schreibmanöver verwandeln Schrift und Text in ein Gegenständliches . Als Objekte , die uns im Raum begegnen , lassen sie sich umgehen , lassen sie sich mit ihnen umgehen , von hinten und vorne , von oben und unten anblicken .

Ja , sie sind da , präsent , still virulent . Sie ragen , stülpen , blättern sich , falten und entfalten sich im realen Raum .

… In meinem Schosz die Notizblätter zwitschern, während des Schreibens … und die Notizblättchen in meinem Schosz zwitschern, während des Schreibens … in meinem Schosz, während ich sitze vor der Maschine, in meinem Schosz die vielen Zettel … ( Friederike Mayröcker 8 )

Das Gegenständliche und Konkrete von Angelika Kaufmanns haptischen Schreib- Kunst- Stücken verweist wiederum auf die eigenwillig körperliche Qualität des poetischen Projektes Friederike Mayröckers . Schriften , Papiere , Zettel und Briefe spielen eine eminente Rolle in Mayröckers Texten . Nicht selten geht die Rede vom Palimpsest der Papiere , Notizen und Zitate , so dass das Murmeln der Namen , Exzerpte und Zettel teils aus der Lebenswelt der Dichterin berichten , teils eine unabtrennbare Komponente dieser Dichtung selber sind .

… denn mein Tisch die ganze Tischfläche : ein gehäuftes Wirrwarr von Schriften, Zettelchen, Büchern und schmutzigen Tellern und Tassen …( Friederike Mayröcker 9 )

Damit wird Gegenständlichkeit von Schrift und Text in Mayröckers Texten in Lust und als Last zu einem Leitmotiv . Die poetische Sprache , das Wortwerk kommt buchstäblich nicht umhin , die Physis des Textuellen - darüber hinaus aber auch diejenige des Leibes und der profanen Dinge - zu besprechen . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_04.jpgVI. REIHENFOLGE
Tertium datur . Friederike Mayröckers Verzettelungen , ihre getreuliche Mitschrift der an- und aufgelesenen Zitat- Objekte, Angelika Kaufmanns dreidimensionale Schrift- , Buch- und Papierobjekte : Beide untersuchen in immer neuen Aufgabestellungen und Serien- Regeln “ein Gleiches” , indem sie den Urtext , abschreibend , als ein Anderes realisieren . Ab- Schrift wird Um- Schrift und bildet dabei “ein GleichesANDERS ab.

Friederike Mayröcker selbst schreibt in ihrem Hörspiel “Gertrude Stein hat die Luft gemalt” ( 10 ) der Sprach- Fallen- Stellerin Gertrude Stein den Satz zu , man müsse AB- SCHREIBEN , um zu verstehen . Ähnlich hatte es Walter Benjamin formuliert , als er - für sein “Passagen-Werk” exzerpierend - in der Bibliothèque Nationale sass : Während bei der ( stillen ) Lektüre uns der Text äusserlich bleibt , dringt dieser bei der händischen Abschrift gleichsam physisch in uns ein . Wir be- greifen .
Begreifen den Text in der Dialektik zwischen der Hybris solcher Aneignung und der Demut des Kopisten .

Womit wir in der vierten Dimension angelangt sind :
Ab-schreiben kostet ZEIT . Silbe für Silbe , Wort für Wort lesen , memorieren , kopieren , kontrollieren … der Druck auf die START- Taste des Kopiergeräts scheint da doch wesentlich effizienter . Die Photokopie als Ersatzhandlung für unterlassene Lektüren ist ein beliebter Topos im Akademikerwitz . Zugleich erzählt diese Praxis aber auch vom Unterschied zwischen HABEN und SEIN . HABEN wir den Text physisch gespeichert , dünken wir uns in seinem BESITZ .

Angelika Kaufmann dahingegen zeigt mit ihren Schriften , dass ein solcher BESITZ nicht zu HABEN ist . Nie zu erlangen sein wird . Durch ihr Hand-Werk hindurch und mittels der tagtäglichen , peniblen Abschrift weiss die Urheberin der Umschrift , dass sie zu keinem Ende kommen kann und wird . Ihre Pinsel- Abstrich- und -Abtupf- Tagebücher manifestieren die ZEIT als Element : Zeit als materialgewordene Erstreckung, Laufmeter der Tagtäglichkeit . Mittels der Reihung verstreichender JETZT- Momente gewähren Angelika Kaufmanns Kladden , Konvolute und Palimpseste erhellenden Einblick auf Gestalt und Gestaltung von ZEIT . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_02.jpg VII. REGENBOGEN
Damit teilen sie weiteres Charakteristikum des tagtäglichen WortFortWerkens von Friederike Mayröcker . Es wird ver- zeichnet , dass ver- zeichnet wird . Schreiben über das Schreiben , das sich beim Schreiben zusieht .

Demgemäss sind Angelika Kaufmanns VerSchreibungen, AbSchriften , UmSchriften , NachSchriften , ÜberSchreibungen und UnterSchreibungen sowohl Illuminationen als auch Verschlüsselungen der Poesie .

Vom “öffnen und schliessen des mundes” ( Ernst Jandl ) zum Augenschein der ersichtlich hermetischen Schrift : Längst läuft ein “Blütenverkehr” - so Friederike Mayröcker in einem Angelika Kaufmann zugeeigneten Widmungsgedicht ( 11 ) - zwischen den einander zugeneigten Werken hin und her . Die einst separaten Positionen von Vorgängigkeit und Nachzeichnung , Ein- und Abschrift fliessen als Kontinuum wechselseitigen Wirkens ineinander .

Stilleben auf dem Schreibplatz: Schnabelkanne und Haube verschüttetes
Badewasser, mit Regenbogen, auf dem Parkett ( Friederike Mayröcker 12) |||

angelika kaufmann U 04

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czz in : Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 - wien , edition splitter 2007 , S. 38 - 71 | OUT NOW !

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( 01 ) Zur Ausstellung “Arbeiten von Angelika Kaufmann” [ zu Friederike Mayröckers Mein Arbeitstirol ] , Literaturhaus Wien
( 02 ) Friederike Mayröcker : Das Herzzerreiszende der Dinge - Suhrkamp 1985
( 03 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 04 ) op. cit.
( 05 ) Friederike Mayröcker, Angelika Kaufmann : Pegas , das Pferd - Neugebauer Press 1980
( 06 ) Friederike Mayröcker : Fantom Fan - Rowohlt 1971
( 07 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 08 ) op. cit.
( 09 ) op. cit.
( 10 ) Friederike Mayröcker : Gertrude Stein hat die Luft gemalt - Hörspiel , Regie : Klaus Schöning , DLF / ORF 2005
( 11 ) Friederike Mayröcker : für Angelika Kaufmann | sobald die Schneefeger [ 1. 1. 1997 ] - in: F. M. : Gesammelte Gedichte 1939 - 2003 , hg. von Marcel Beyer - Suhrkamp 2004
( 12 ) Friederike Mayröcker : ich habe angeboren das Blut | für Angelika Kaufmann [ 4. 3. 1997 ] - in : op. cit.

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KLANGAPPARAT

Dass Tom Larson mit seinen pulsierenden Patterns und fächelnden Flächen hat @ in|ad|ae|qu|at einiger Wertschätzung geniesst , dürfte sich über Jahr und Tag in der wiederkehrenden Erhebung seiner Mixes zum KLANGAPPARAT DES TAGES erwiesen haben . Zwar steht unmittelbar eine neue czz hörempfehlungRelease bevor , doch gehen wir noch einen Schritt hinter die jüngste ( Visions from above @ sonicwalker ) zurück und landen @ Loopazilla , dem ebenfalls hier schon charmant aktenkundig gewordenen Netlabel . Tom Larson ist - - - minimal auch ohne schal - - in poetischer Hochform und könnte in seiner luftig anmutenden , doch diskret strengen Manier eventuell in die Richtung der Papierarbeiten Angelika Kaufmanns weisen . CLICK HERE TO LISTEN |||

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