für Margherita Spiluttini
Laudatio zur Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien, 18. September 2007
Augen , meine lieben Fensterlein ,
Gebt mir schon so lange holden Schein ,
Lasset freundlich Bild um Bild herein :
Einmal werdet ihr verdunkelt sein !
I.
“Lasset Bild um Bild herein” : Der Mensch als Schauender . Der Künstler als Kamera . Gottfried Keller hat diese Verse “visueller Poesie” gedichtet . Derselbe Gottfried Keller , der mit dem “Grünen Heinrich” ein beredtes Zeugnis abgab für die anhebende Krise “realistischer” Repräsentation .
Dieser merkwürdig moderne und zerrüttete Entwicklungsroman ist durch und durch aus Motiven des Augenscheins gewebt : Sehen als Erkennen , Schau als Glück . Dies gilt auch für den KAIROS der BEGEGNUNG mit dem ästhetischen Artefakt : Geistesblitz und Schock , plötzliche Erkenntnis , Sinnlichkeit und Gewissheit .
Die Fotografie ist die klassische Metapher für diesen KAIROS . Erfasst mit der Hand am Auslöser . Stillgestellt und ausgeliefert auf empfindlichem Material . Materialisierung , welche ihrerseits sofort Gegenstand wird und damit Geschichte .
Als eminent selektiver Ab- Druck einer ganz bestimmten Realität zu einer ganz bestimmten Zeit verlässt die Fotografie in der Sekunde ihres Entstehens das, was sie bildlich fasst.
Nun zieht sie eine - ihre - eigene SPUR.
II.
Seit den frühen 80er Jahren legt Margherita Spiluttini solche fotografischen FÄHRTEN :
urbane Situationen, bauliche Charaktere, Verfasst- und Beschaffeheit von Landschaft . Dezidiert stets der Hinweis auf den Eigen- Sinn ihrer SICHT DER DINGE . Die schöpferische Notwendigkeit von Subjektivität . Zwischen steinernen Realitäten und der fotografischen Realitäts- Falle hat THE WO/MAN WITH THE CAMERA über die Grenzen der Genres hinweg den SPIELRAUM der Architektur- Fotografie erweitert .
Uns als Betrachtenden gewährt Margherita Spiluttinis Werk ein erhellendes Sehen . Wir sind so frei , bei ihr Bilder zu finden, nach welchen wir nie zu suchen wussten . IMAGES ILLUMINÉS , deren Entschiedenheit uns momentan ein- und nachhaltig erleuchtet : HINTER die Sekunde ihres Gesehen- Habens können wir nicht zurück : Sie haben uns die Augen geöffnet . So , wie uns Johann Sebastian Bachs “Wohltemperiertes Klavier” die Ohren aufgetan hat . Oder Miles Davis’ “Bitches Brew” .
Drei Werkgruppen mögen daran erinnern , DASS und WIE Margherita Spiluttini uns das Sehen lehrte .
· Da wäre 1. , die fotografische Bestandaufnahme für und in dem Führer ARCHITEKTUR IN WIEN .
· Da sind 2. , die in der Ausstellung NACH DER NATUR 2002 versammelten Landschafts- Aufnahmen.
· Da gibt es 3. , das von Margherita Spiluttini nach multiplen Kriterien komponierte Katalog- Kunstwerk RÄUMLICH / SPACIOUS . Eben erschienen als Komplement zur Ausstellung ATLAS AUSTRIAE .
III.
“300 sehenswerte Bauten” : Listig spielt das 1984 von der ÖGA herausgegebene Brevier ARCHITEKTUR IN WIEN mit dem konservativ- affirmativen Begriff der Sehens- Würdigkeit . Geschürzt zu 14 topographischen Knoten und in je chronologischer Reihung treten Wiens Bauwerke in Text und Bild auf den Plan . In ihrer strikt seriellen Anordnung erstellen die EN FACE- Aufnahmen eine Typologie von Proportionen, Idiomen und Formen .
Von Dietmar Steiner : Zu jedem Bauwerk ein knapper Paragraph . Text , Daten , Kommentar . Von Margherita Spiluttini : Je ein Bild . 300 aus 500 Aufnahmen , unternommen 1982 und 1983 . Pro Seite : Fünf Gebäude , Legenden und Konterfeis . Gleiche Grösse . In S/W .
Die Wahrnehmung , an Wiens reale und symbolische Grössenordnungen gewohnt , gibt sich schockiert : Den ausgreifenden und respektheischenden Kubaturen der Macht wird kein Quäntchen mehr Raum zugewiesen als der vermeintlich bescheidenen Funktion .
Solcherart macht ARCHITEKTUR IN WIEN den demokratischen - wenn nicht gar antiautoritären - Geist der 60er und 70er fruchtbar für eine Bestandsaufnahme des Vorhandenen . Zugleich legt dieses Brevier der eben anhebenden Postmoderne ein Inventar bereit : Einen Katalog bestehender Formen , Figuren und Fantasien als Grundlage für zukunftsträchtiges Bauen im Kontext der historisch überdeterminierten Stadt .
Wie Bodo Helles 1983 erschienene STADTSCHRIFT mochten Manche den Band ARCHTEKTUR IN WIEN als Indiz ansehen für ein neues Bewusstsein von Urbanität : Eine Urbanität, die in den frühen 80ern aufregend rau und roh sein konnte . Eine Urbanität , welche die Stadtlandschaft ansah als Raum für Exkursionen in die noch nicht völlig durchformte Makro- und Mikrostruktur . Die Glättung und Färbung der Oberflächen - - sie sollten erst später erfolgen . Ebenso wie der Neue Narzissmus , die Städtekonkurrenz und die Architektur des Spektakels .
IV.
Szenenwechsel : Ausstellung und Werkkomplex NACH DER NATUR . Zu sehen 2002 im Technischen Museum Wien . Plus Katalog . Untertitel : “Konstruktionen der Landschaft” . Im Unterschied zu ARCHITEKTUR IN WIEN , wo die Gebäude- Portraits ihre Objekte in strikter Zentralperspektive fokussierten , befinden wir uns nun im WIDE OPEN.
Alpine Kulturlandschaft , die so herum liegt . Rundherum . Durch und durch erschlossen .
NACH DER NATUR ist skeptische Reflexion auf den Abbild- Realismus - gefasst in das Wort für die alte Lehrdisziplin des Zeichnens “nach der Natur” . Zugleich ist NACH DER NATUR ein POST NATURAM : “Natur” ist - seit sie so heisst - ohne kulturelle Durchformung nicht zu haben .
Im Wissen um die Aporien jeder Annäherung an NATUR fasst Margherita Spiluttinis rahmender Blick Szenen und Situationen nach den klassischen Regeln der Komposition . Dramatische Diagonale . Die Wucht der Symmetrie . Die Wärme der Flächen ruhiger Betonwände und Wiesengründe . Im Kontrast zu den kalten Falten , Kanten und Graten von Felswerk und Steinbruch .
Kulturbauten “im Gebirg” : Trassen , Terrassen , Tunnels , Röhren , Kanäle . Hier ist die Werkstatt des oft anonym bleibenden Ingenieurs und Baumeisters . Kaum je betritt der AUTOR- ARCHITEKT je das Terrain . An diesem gut sichtbaren Punkt berühren wir das Leitmotiv von konstruktivem Ingenium im Unterschied zum expressiv Künstlerischen . Ein eminentes Thema , spricht man von Margherita Spiluttini , Tochter eines Gebirgs- Baumeisters , geschult an den bildgebenden Verfahren der Medizin .
Unwillkürlich und ebenso schockhaft katapultiert uns manche Anmutung dieser höchst körperlichen Landschaften in eine assoziative Nähe zur Medizin . Dann mögen wir uns mitten in einer Intensivstation wiederfinden . Tunnel- Röhren , Abfluss- Systeme wie Katheter . Klaffende Steinbrüche . Leitungen , Läufe und Schläuche wie Adern . Serpentinen , Lawinenverbauungen wie Bandagen . Brücken als Krücken und Stützen .
Allerdings drängt sich dieses Paradigma nicht notwendig auf . Wer es sehen mag , tut dies nicht aufgrund einer tendenziösen Agenda . Sondern im stillen Spiel von Linien und Formen , Strukturen und Texturen .
V.
Wieder stossen wir auf Wort und Wert von Spiel und SPIELRAUM . Spielraum zwischen den künstlerischen Ressourcen “Ratio” und Intuition . Spielraum zwischen dem Subjekt HINTER der Kamera und dem Objekt DAVOR . Unter dem schwarzen Tuch der Sucherabdeckung bleibt die Künstlerin während ihres Dialoges mit dem Gegenstand VOR den Linsen der Grossformat- LINHOF verborgen . - Black Box ? Beichtstuhl ? Traumdeutung ? - Wie auch immer der uneinsehbare Spielraum beschaffen sein mag : HIER flektiert sich das Abbild zum Inbild .
Den Begriffen von Spiel und Spielraum eignet in unserer Kultur etwas Infantiles . Verdacht auf Unordnung , Unernst , Unsitte . Skandal ökonomischer Abundanz . - Dabei ist jedes Spiel eine hoch komplexe Abfolge von Einzelentscheidungen . In dieser Hinsicht ist Margherita Spiluttini eine bekennende Agentin des Sprachspiel- Konzepts von Ludwig Wittgenstein , dessen Haus sie eingehend fotografierte .
Der eben vom AZW herausgegebene Werkkatalog RÄUMLICH - SPACIOUS widmet dem PALAIS STONBOROUGH ein ganzes Kapitel . In diesem Buch- Kunstwerk manifestiert sich ein weiteres Leitmotiv von Spiluttinis Fotografie : Es ist die Lust am Spielerischen , die Hingabe an die Verführungen des Visuellen . Linien und Flächen . Strukturen , Figuren und Muster . Korrespondenz , Dissonanz . Das Serielle . Das Singuläre . Die Faktur einer Farbe . Der Fund einer Form . Spiegelungen, Transparenzen .
RÄUMLICH / SPACIOUS ist eine durchgeformte Dokumentation der fotografischen Mitschrift eines Vierteljahrhunderts . In dem, was dieser Katalog zeigt , aber auch in dem , wie er es zeigt, ist dieses BUCH- KUNSTWERK ein DISCOURS DE LA METHODE . Explizit implizit führen die Kapitel dieses Katalogs verschiedene Verfahren vor , wie aus den unendlich möglichen IMAGES À TROUVER einzelne Bilder zu verwirklichen sind. Aufzulesen . Auszulesen . Aufzunehmen .
Und siehe da : Margherita Spiluttini hat unsere Augen , unser Hirn und unsere Phantasie hinreichend vorbereitet , die Chiffren- Schrift dieser Bilder und ihrer Komposition zu entziffern . Sie hat dieses , ihr Bildungs- Werk undogmatisch und sehr diskret geleistet . Das Pathos der Disziplin , die Strenge des Denkens im Federkleid der Ironie .
VI.
Margherita Spiluttini hat in und mit dem Material Wiens gearbeitet , sie hat mitgeschrieben an der Geschichte der Ansichten und Einsichten . Wäre man jetzt pathetisch , dann würde man sagen : Ihr ATLAS AUSTRIAE hat ikonische Meilensteine platziert mitten hinein in unsere MAP OF MIND .
Aber wir sind nicht pathetisch und sagen es deshalb nicht . Das würde Magherita nämlich nicht billigen . Deshalb will ich mit den letzten Versen von Gottfried Kellers “Abendlied” schliessen .
Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld ,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt ;
Trinkt , O Augen, was die Wimper hält ,
Von dem goldnen Überfluss der Welt ! |||
Links :
- margherita spiluttini architekturfotografie | Home
- ÖGA , Dietmar Steiner , Otto Kappfinger : Architektur in Wien . Prachner , Wien 1984 ( ÖNB )
- Bodo Hell : Stadtschrift . Fotos und Text - Linie 13A . edition neue texte , linz 1983
- Überreichung des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien an Dr. Peter Rosei und Margherita Spiluttini ( rk )
- Technisches Musum Wien / Fotohof ( ed. ) : Margherita Spiluttini - Nach der Natur . Konstruktionen der Landschaft . Edition Galerie Fotohof , Salzburg 2002 ( dt. / engl )
- AZW / Dietmar Steiner ( ed. ) : Margherita Spiluttini - räumlich / spacious . Edition Galerie Fotohof , Salzburg 2007 ( dt. / engl )
- czz : In der Falle : Leib und Bau | The Trap : Body and Building ( transl. Steve Gander ) . In : Margherita Spiluttini - räumlich / spacious , op. cit.
- Architekturzentrum Wien ( AZW )
- update : Bericht rk / ots |||
Ganz gut zum Strukturen- Thema der Architektur und ihrer Fotografie will sich Teil Zwei unserer kleinen Revue der jüngstes Releases bei Thinner /
Autoplate fügen : Mit # 097 , Blüte Seines Lebens , bringt Das Kraftfuttermischwerk eine gehörig poetische Attitüde in Anschlag . Dass dies mitnichten Grund zur Panik ist , weiss , wer die Thinner- Soundsphäre kennt und nennt . Strukturen , Muster , Patterns : selbander in schwingenden Schleifen . Fläche an Fläche , taktische Raster . Kräuselnder Stream . Absolut high- rotation- fähig ! - Click Track and Listen : 01. Fluss Ins Nichts ( 6:02 ) | Blüte Seines Lebens ( 7:08 ) | Blütenstau In Basel ( 5:15 ) [ ... hier hat Margherita Spiluttini übrigens etliche Werke von Herzog & de Meuron fotografiert ... ] | Shadows On Wooden Beaches ( 4:45 ) |||
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