Tag Archive for 'poesie'

MICRO | -NOTE | -QUOTE : “Big Data” und Poesie



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Wie im Zeitalter der Petabytes ( 10 hoch 15 = 1.000.000.000.000.000 bytes ) Datenmengen überhaupt noch sinnvoll zu analysieren seien , erkundigt sich WIRED beim Datenforscher und Computerkünstler Martin Wattenberg ( IBM’s Watson Research Center in Cambridge , Ma. ) .

Bemerkenswert ist , wie der Mathematiker mit einer zweistufigen Metapher antwortet .

In einem ersten Schritt bedient sich der Zahlenforscher der Metapher der Sprache , um diese ( z. B. als Wortfrquenzen ) wiederum in Schaubilder zu “übersetzen” . Für Schritt Eins entsteht solcherart eine treffliche Definition der “Datenverdichtung qua Poesie” :

Language is one of the best data-compression mechanisms we have. The information contained in literature, or even email, encodes our identity as human beings. The entire literary canon may be smaller than what comes out of particle accelerators or models of the human brain, but the meaning coded into words can’t be measured in bytes. It’s deeply compressed. Twelve words from Voltaire can hold a lifetime of experience.

Schritt zwei - z. B. die Darstellung von Wikipedia- Edits in Form von Balkengrafiken - führt direkt in die reizvolle Interzone zwischen Infografik und Bildender Kunst .

Martin Wattenberg Big Data Vizualisation

( Tausende , von einem einzigen Software Bot durchgeführte Wikipedia- Redaktionsvorgänge , wobei die Farben einzelne Themenseiten anzeigen . Bild : Fernanda B. Viégas , Martin Wattenberg , Kate Hollenbach )

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Mark Horowitz : Visualizing Big Data : Bar Charts for Words ( Wired , 23. 6. 2008 )

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KLANGAPPARAT

Klingt im Auftakt zwar meist jazzig- vielversprechender , als es der Verlauf der Stücke später tatsächlich einzuhalten vermag , doch soll man ja czz-hoerempfehlungauch schöne Anfänge schätzen : Die Akkorde der wohligen e- piano- Klangfarben beschränken sich in Differenz zur oben gezeigten Grafik auf eine eher zählbare Palette , verweigern sich allerdings im Hinblick auf weitere Soundzutaten keinem Genre . Dub , Latin , Sprachloops : Hat alles gut Platz in den fächelnden Sphären der “Space Adventures“- EP . Vielleicht sollte man das Angenehme einfach mal mit dem Kühlenden verbinden ?! - Der Klangventilator Deymare stammt immerhin aus Finnland und das gastgebende Netlabel white in music bürgt für minimalistische Qualität . Von den Remixern Paskal und Verano haben wir ja schon andernorts gehandelt . CLICK LINKS TO LISTEN : 01. Cosmic Love | 02. Great Space Explores | 03. Cosmic Love - Fineline Rmx | 04. Cosmic Love - Verano Rmx | 05. Cosmic Love - Paskal Rmx |||

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Salon Littéraire | Murat Üstübal : Denden Semasi - Detto-Schema



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Salon Littéraire | Murat Üstübal :

Denden Semasi | Detto-Schema ( aus dem Türkischen übertragen von Hayati Yildiz )

 

Cismani copyright Murat Üstübal

( Murat Üstübal : Cismani )

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Denden Semasi

siluetin voltamperle bosalmis hali:
hayirdir kayyumdan kahine oradan
disi bir ayine devri daima zihinsel
iletken olarak kavraniyorsa… denden

bedbin nikbinlere direnen beberuhi herzesi
asaldir sayisiz halsizin cemalinde paytak
ve hür ehemmiyetli fasonlara çentikli ahlak
ki altini çaplayla kaziyan da iyi dolar… denden

payda evvelden beri yoktur
(yoklugu nemelazim… denden)

ivegen tarihten bir takvim vakti pus
(felfelli sus ruhi pus… denden)

denden iskil kilavuzu:

bir) koltukladikça camekandan klise görünmezi
iki) sil bastan tersine sil sondan basa
kavusmadikça hacamat agzinda göçer leke
üç) göçerin halsizi silik eskiyi dilimledikçe
iki) ilim ilim bilmekle ilmegi söktükçe
bir) sökün eden ne edip etmisse sükun edilmise

kartonun makul derininde ne vardi:
-denden

kartona alçi alçaklik yaparsa…
denden… kati bir sayfada kartondan adamlarsa…
denden…

dilin pelte ucunda pelesenk kevgir.

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Detto-Schema ( aus dem Türkischen übertragen von Hayati Yildiz )

entladener zustand der silhouette durch voltampere:
wohl, wenn von wächter bis seher von dort
zu einer femininen fürbitte kreis immer als mentale
leitung betrachtet wird… detto

gegen pessimist-optimisten sich wehrendes dreikäsehoch-geschwätz
primär im lichte von zahllosen geschwächten sei die den krummbeinig
und frei wesentliche fassonen auf mauer eingekerbte ethik
wer goldboden mit drehmeißel kratzt und sich gut füllt… detto

nenner gibt es nicht seit ewigkeit
(seine inexistenz geht mich nichts an… detto)

aus voreiliger geschichte eine kalenderzeit nebelstille
(blöses mäuschen dreikäseele stille… detto)

anleitung zur detto-skepsis:

eins) bei schmeichelei klischee-unsichtbare aus schaufenster
zwei) zurück zu anfang anders herum von ende zu zuvor
solange sich nicht trifft ziehender fleck in skarifizierten munden
drei) solange ziehende kraftlose verschwommenen veralteten teilen
zwei) solange weisen mit gewissen wissen den knoten aufzulösen
eins) ausgelöster richtete an was auch immer dem abgelösten

was gab es in der anständigen tiefe des kartons:
-detto

was wenn gips zum karton gemein ist…
detto… wenn auf einer soliden seite männer aus karton sind…
detto…

auf der säuselnden zungenspitze fusselige schaumkelle.

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Bir Tutam Gam

kazi okuyucusu oylumlu tomruk yolu çamur kazik
yazik ki kemirgen bogumu logusa dik dim yatira dua
su aralara giren tiknaz tikirti solucani sokulgan erinç
dinçligi gençlesen genlere utku harci hazir argini isa
lisani sökük kum burcu kuru alingan habis baginti

tekhnellemeci rem çalar düs aki(m) görseli sestizlik
bizlik olgulara kuvve ise kuvvet neyse eytisim tin
ter mal emekleme mekigi uyumsuz halkalara yörünge
eko lojistik engel dengesine duran takisip kalan
talan ara unufak kakisik doku(n)-mayin sezgi

kartellektüel teninde zindelik bilgesi kimse’sizce
tezce dizgin eklemleme çizgi boyu posuna teres
meger egimi tegel saganagi rom’antik duyum -çag
batik kent hem artik hem hengame gamsiz firavun
kovugun dipmoru ip kesen kesir kaside cem’rem

üre buhari üreterek etiko-statü küreyen küresel ark
fark edis acisi büyük iskender bronz göç eder
tetik ekler tek yani karip tekerlenis izlegi bonkör
isik-ara yönünü kalkerleyen keramet kerelik
kare çaresine yapisir daha önü açilmadan yafta

itaatkar atlikarincasi kararinca eklektik dem vurur
harita yasina yiten ölçeksiz adamsende’leyici ima
eksik kesik tenlesen entrika sanali tarifask
emperyalden asagi ivme kaptiran oryantaloti hezeyan
heyelan gölgesi kelepir epigi kip kopusu elek

zurnanin sürüngen kotaran su deligine yassi
kargacik açiklayan terzihin burgaci yazindonu
sevk edis marazi dise dokunur disli-çikis’a kiskiri
hil katik darp meseli çatilir müddeterminant göz göre görev
siyrik sirlarla ak kesafet içi dehliz oyunu

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Ein Gramm Gram ( aus dem Türkischen übertragen von Hayati Yildiz )

Grableser gewölbte klotzgasse moor grübelt in der grube
welch eine schade nagende würg wöchnerin gerade kreuzen heiligem gebett
gib etliche schmale klappernde würmer schleichernde ruhe
jungen frischen genen den fertigen triumph-guss schwacher jesus
riss der zunge des sandturms karg argwöhnisch bösartiges verhältnis

tekhnellisierend spielt rem (t)raumstrom seine visuelle stilltonigkeit
wirlichkeit so phänomenal wenn zitat was tat ist dialektik-seele
teer mal waren knappernde satt-eliten den unenteigenen volkreisen im umlauf
echo logistischer hürdenausgleich würde stolpernd stoppen
plünderntfernt staubfein kakophonisch berühr-(min)en bauchgefühl

kartellektueller teint ist frischer weise jemand’losig
mühelos zügel gelenkfügend entlang der grosslinie und stattlich hahnrei
eben sein gefälle strick-regen rom’antikische sensorium-ära
versunkene stadt sowohl übrig als auch getümmel unbekümmerter pharaos
tiefviolett der höhlung bruch zum schnurschnitt kasside cem’re’m

harndampf dämpfend ethiko-status grabender globaler arkus
alexander der große schmerz des merkens zieht bronze weiter
abzug fügt der grosszügige eine seite mischend die rollungsrichtung zu
ein weissagen das die seite der lichtentfernung kalkt mal
auf den quadratsrat geklebt die etikette ohne ihren weg zu öffnen

von gehorsamen genugsameisen karussell redet eklektik prahlerisch
im landkartenalter verlorener legendeloser wink mit schnuppe’chsträhnen
fehl tendierend teintierende intrige imaginär beschlieben
von imperial hinunter fährt sich geschwind fest orientaloti-delirium
erdrutschdämmerung okkasionsepik formabriss sieb

flach dem reptilien ausleerenden wasserloch der oboe
schiefer schriftgefrier des krumm erklärenden geistschweissers
überweisung den kummer dem hartnäckigen winterbergab und -aufhetze
mon strümische zu schlagsentenz runzelt zeitmüdeterminant vor allem augenamt
das mit gerissenen geheimnissen weisse intensitätsinterne atriumspiel

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Murat Üstübal

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Hayati Yildiz

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Dank an Erhan Altan

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Veranstaltungshinweis

Im Rahmen zweier von Erhan Altan und Thomas Eder geleiteten Workshops in Istanbul und Wien unter dem Titel “Experiment mit Tradition“ werden jeweils vier junge experimentelle Dichterinnen und Dichter aus Österreich und aus der Türkei zusammenkommen und über ihr Schreiben diskutieren . Die Begegnung soll einen Einblick in die Bedingungen der je anderen Schreibweisen und deren unterschiedlichen historischen und ästhetischen Voraussetzungen ermöglichen

Zum ersten Mal in der Geschichte der türkischsprachigen Poesie hat sich in den letzten Jahren eine experimentelle Dichtung herausgebildet , die sich in der Türkei erst etablieren muss . Demgegenüber kann und muss die Literatur in Österreich , spätestens seit den Arbeiten der Nachkriegsavantgarde , auf eine “Traditionslinie der Avantgarde“ zurückblicken .

Neben dem Wechselverhältnis zwischen experimentellen Schreibweisen in der jüngsten österreichischen und türkischen Literatur vermag solcherart die Beziehung der Dichterinnen und Dichter zu der eigenen Tradition erkundet werden .

Am Dienstag , 24. 6. , 19:00 Uhr präsentiert Das “Literarische Quartier Alte Schmiede” , Wien im Fortsetzung des “Festival Europäischer Dichtungen” die Resultate des blingual türkisch- österreichischen Dichter- und Übersetzerworkshop unter dem Titel : NEUE SPRACHARTISTIK - EXPERIMENT UND TRADITION .

Es lesen ( türkisch | deutsch ) :

Ann Cotten ( Berlin ) | Idil Kizoglu ( Istanbul ) | Petra Nachbaur ( Innsbruck ) | Mehmet Öztek ( Adana ) | Ömer Sisman ( Istanbul ) | Lisa Spalt ( Wien ) | Murat Üstübal ( Konya ) | Anja Utler ( Wien ) unter Mitwirkung der Übersetzerinnen und Übersetzer Erhan Altan , Sara Heigl , Burak Özyalçin und Hayati Yildiz .

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P. S .

Die türkische Version des Sprachen ( en ) - Experiments liegt bereits in bilingualer Buch- Fassung vor :

Altan Eder Experiment mit Tratition 2008GELENEKLE DENEY | EXPERIMENT MIT TRADITION - Haz | Hrsg.: Erhan Altan – Thomas Eder

Avusturya ve Türk þiirinden dörder genç þair 2008 yýlýnýn Mart ve Haziran aylarýnda Ýstanbul ve Viyana’da biraraya gelerek eserleri üzerinde tartýþtýlar. Þairlerin gelenekle deney konusu üzerine hazýrladýklarý metinler ve çevrilmiþ þiirleri bu buluþmaya temel oluþturdu. Almanca ve Türkçe olmak üzere iki dilde yayýmlanan bu kitap, genç Avusturya ve Türk deneysel þiirlerinin günümüzdeki durumu, spesifik iliþkileri ve özel perspektiflerine ýþýk tutmayý amaçlýyor.

Kitapta yer alan þairler: Ann Cotten, Ýdil Kýzýloðlu, Petra Nachbaur, Mehmet Öztek, Lisa Spalt, Ömer Þiþman, Anja Utler, Murat Üstübal. - Çeviriler: Erhan Altan, Sara Heigl, Burak Özyalçýn, Hayati Yýldýz.

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Salon Littéraire | Monika Rinck : IN KLEIDERN SCHLAFEN



 

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Salon Littéraire | Monika Rinck :

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IN KLEIDERN SCHLAFEN
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Je vois de si terribles choses en rêve, que je voudrais quelquefois ne plus dormir, si j’étais sûr de n’avoir trop de fatigue. ( Baudelaire: Symptomes de Ruine )

Das Unverstandene nahm sich aus wie Hall. Doch woher kam er zurück? Die Resonanz braucht schließlich Formen. Im Weltraum hör ich niemanden schreien. Jemand sagt: Wir brauchen eine Horchanlage, doch wo baue ich sie auf? Seitdem ich zwischen Innen und Außen nicht mehr unterscheiden kann, erstaunt es mich, dass diese Unterscheidung jemals möglich gewesen sein soll. Und habe fast die Sprache in der Nähe verloren. Die Nähe hat mich eingeweicht, das heißt, ich bin verliebt. Nein, ich bin nicht verliebt, ich bin verpflichtet. Ich tue das, wozu mich meine Gefühle verpflichten. Sie verpflichten mich zu einem Handeln, das dem der Liebe zum Verwechseln ähnlich sieht. Es ist die Pflicht. Später beseitige ich in einem Zustand höchster Angst die Folgen und begebe mich in den Schein einer Schreibtischlampe. Ihr Licht ist falsch, seit jüngstem. Da es dennoch für evident zu halten ist, dass sie wirkt wie eh und je, zeigt sich aufs Neue, dass Innen und Außen nicht unterscheidbar sind. Was dort hindurch treibt, ist indes von einer dummen Grobheit - der taube Schmerz, mit dem das Nichtgedachte innerlich wird. Darin mischt sich alles in der Art, wie wenn die Schuhe drücken und der erste Gedanke ist, etwas in der Konfiguration löschen zu müssen, damit es besser geht - haltlose Konzentration. Andernorts ist es mir bereits Erleichterung, das Wort Psychoanalyse nur zu lesen! Ein stummer Trost, ich glaube, ich habe in Kleidern geschlafen.

wischendes laub copyright Monika Rinck

Ich schlage alles nach, jedes Wort. Erst sind sie außen, dann innen: amertume? Bittertum, im Plural wären das die Bittertümer, eingekreiste? Hochgereizt und heruntergeregelt gleichermaßen ist der Nachhall des nicht justierten Worts: malediction. Was ich innerlich höre, was ich äußerlich höre, was - ununterscheidbar in der steten Präsenz, die beide miteinander teilen - zu sprechen nicht aufhört: recalling damaging speech. Ein klassischer Fall von negativer Fixation, die keine Grenzen kennt. Language made me say that! Dunkel an der Grenze. Aber, aber nimm doch mal zum einfachen Beispiel das Laub, das Laub ist doch unbenommenermaßen außen. Das Laub schläft nicht. Und den Kopf am Abteilfenster sehe ich es vorbeiwischen, im Morgendämmer erheitert. Doch der Fluch funktioniert. Das falsche Wort in mir - das ausgesprochen nicht nicht in mir ist, sondern um so mehr in mir, ja, es werden schon gar andere daran beteiligt, die dann auch in mir sind. Das passiert immer wieder.

der andere kratzer copyright Monika Rinck

Balzac in der Oper. Eine distinguierte Dame wirft ihm vor, er rieche nach Wein. “Nein”, entgegnet Balzac, “Sie täuschen sich. Ich rieche nach Musik”. Ein mehrspuriger Zubringer sorgt dafür, dass sich das Gesagte und das Gehörte mit der Summe des vage Gemeinten multipliziert. Die Analyse quietscht. Was hast du nur gesagt? Krümmst dich unter Deutungsdruck. Wirst es nicht entscheiden können. Kannst niemanden fragen, solltest auch nicht. Es wächst aus meiner Stirn knapp über Augenhöhe ein lappiges Trapez, befestigt links am Pol der Projektion und rechts an dem der Gegenprojektion. Das ist mein hermeneutisches Sicherheitsnetz, nicht recht gespannt, leicht lose. Wie es trotzdem jede schnelle Bewegung erschwert, könnte mich kränken, wüsste ich nicht, dass es das Außen nicht gibt. Es kränkt ja doch und der fremde Soziotop steht da und regt sich ganz benetzt. Wo sie größer sind als ich, ists ihnen ein Haarnetz, wo sie kleiner sind, eine Abhängung, die ihnen die Höhe des Raums zur Höhle umdeutet. Sie wollen wohl raus, oder wollten es wirklich, wenn sie sich sähen wie ich.

der boese baum copyright Monika Rinck

Will die Visite pflügen. Lächele. Bin noch hier. Muss grüßen. Tabletts werden durch die Plauderbrache getragen, alle sind fleißig. Nimm keines, keines davon. Wohin, wenn niemand mit mir spricht. Dorthin, wo niemand ist und keiner spricht. Im Jargon der Autoindustrie heißt das: untersteuert. Retard mordant: die bissige Verzögerung auf regennasser Fahrbahn, nachdrücklicher meldet sich der Bremsassistent. Überhaupt muss sich die Bremsanlage in keinster Weise verstecken. Ziehe ich die Tür ins Schloss und ertaste den Schalter. In dieser strategischen Partnerschaft von Anspruch und Erwartung werde ich noch einmal untergehn und später dann wieder, ein weiteres Mal. Die Vierspurigkeit der Strategie: ich erleide eine Dankbarkeitsdepression und alles, was ich denke ist außen, und ist dort der Verrat. Ich sehe eine angelehnte Tür, die sich unter meinem Blick um wenige Grad öffnet, oder habe ich das nur geträumt? Ich sehe einen bösen Weinstock und die Spur nach Süden. Mein Körper hat etwas entlassen. Ich brauche einen Arzt, oder wie man das nennt. Wahrscheinlich schlafe ich schon, ohne es bemerkt zu haben. Ich bin im Resonanzraum des Traums. “Aber schon der Traum selbst ist Deutung - die genaueste Deutung, zu der der Träumer im Augenblick des Traums von sich aus fähig ist.” (Morsbach: Über die Wahrheit des Erzählens)

der boese weinstock copyright Monika Rinck

In meinem Traum war die Filmkritik eine Cafeteria. Alle waren sie da, die meisten hatten ihre Wahl schon getroffen und steuerten auf rote und blaue Tische zu. Nur ich konnte mich nicht entscheiden. Ich stand am verglasten Dessert-Regal und wusste nicht, was ich nehmen sollte, Obstsalat, Phrysalis, etwas Grünes, diverse Moussen. Es nahm sich ungenau gemischt (mies arrangiert) auf meinem Teller aus; ich dachte, dass das nicht richtig sein könne. “Du musst es ja nicht essen - du wirst es ja doch essen, wenn du erstmal einen Tisch gefunden hast”, mit diesen Gedanken wandte ich mich um zur Kasse. Bevor ich zahlen konnte, kam ein verkohltes Rettungsboot aus Holz mithilfe von Überrollbügeln hereingerollt, überschlug sich mehrfach, darin ein sehr aufgeräumter Cary Grant, im angespannte Sportlersitz, die Füße ruhten sicher auf ihren Stützen, beide Hände umgriffen das Steuer. Das Boot war so kaputt, man konnte alles sehen. Es kam zum Stehen. Cary Grant nahm seinen überraschend großen Schwanz heraus und strahlte. In der Brusttasche seines Sakkos entdeckte ich ein geschlossenes Cocktailschirmchen, das etwas bedeutete. Alle Anwesenden waren freundlich interessiert. Unter einem Regenschirm kam eine ältere Frau (die Bibliothekarin?) hinzu - und beide, sie und Cary Grant, waren sich ungemein einig, als sie feststellten: Das, was sie hier sehen, ist das Äußerste was im Hollywoodkino momentan möglich ist. Ich stand nahe bei, den Dessertteller in der Hand, und war völlig d’accord. Das war ein warmes Gefühl, entsinne ich mich.

da baum copyright Monika Rinck

Die Fragen, die ich beantworten sollte, entsprangen einem fremden Bewusstsein. Ich hörte sie erst, als es bereits zu spät war. Momentweise hatte ich nur Zugriff auf den Schaum, der über einer großen Anstrengung schwappte, es wühlte, rührte und rief: Denke! Denke! Ich schöpfte den Schaum ab, panisch, und besprühte das Auditorium damit. Das Auditorium ging davon aus, dass es sich bei der Sprechenden um eine Person meines Namens handelte. Es täuschte sich. Ich sprach nicht aus, was ich weiß, sondern nur das, was sich mir in diesem Moment anbot. Ich hatte keine Wahl. Insofern war ich das Auditorium und die anderen waren es nicht. Die Kollision von Selbstfiktion und Wahrheitsbedürfnis, sagte jemand einige Stunden später beim Verlassen des Rathauses. Ein anderer wies sanft darauf hin, dass der Leser ja nur die fertigen Bücher kenne, und daher zu Vorurteilen neige. Müdigkeit kam auf und legte sich wieder, als wäre man in einen Regen gekommen und hätte auskühlend allen Kredit sich genommen, ja, das Erbe reichte gerade noch dazu, wieder zu trocknen. Innerlich kragte Schilf in mir und der Sturm brachte meinen Kreislauf zum Erliegen. Etwas sehr Mitteilenswertes in Sachen Filmkritik fiel mir ein und ich wollte es allen sagen. Die Übergänge, dachte ich noch, der so durchlässige Container des Denkens, und dass ich mir, wenn ich könnte, von diesem Tag an einen schmalen und guten und sehr kontrollierten Oberlippenbart stehen lassen würde, und den pflegen wie mein Leben. Jeden Morgen, jeden Abend.

der dunkle baum copyright Monika Rinck

Das ist der Grund, weshalb diese Reisen so ungemein anstrengend sind. Dass ich eine sehr nervöse Nomadin sei, will ich mich entschuldigen, als ich den Tisch verlasse und 50 Minuten zu früh auf den Bahnhof zustrebe. Draußen dann, in den nach oben offenen Gassen turbiert mich ein Deutungssturm, der sich erst im fahrenden Zug wieder legt. Das gute Wort begegne als welthafte Bleibehilfe. Der Schutzwert dessen. Die Worte sind innen. Die Worte sind außen, harte Worte sind innen und außen. “The hard word reverbarates - so much so that it holds the appeal of false etymology (it’s easy to assume that to reverberate derives from characteristically self-repeating verbal actions, whereas it meant striking or beating back.) That it reverberates, rather than echos, places it well beyond the possibilities of ironic recuperation that echo offers, reverberation will only resound, to its own limit.” (Riley: Malediction) Schrittweise, durch eine Folge von Stößen bewegt sich die Luft als Medium, in dem der Schall sich ausbreitet. Sie tut das bedingt, ihre Moleküle schwingen um die jeweilige Gleichgewichtslage, anders als der Wind, der sich weltweit fortbewegt. Der Schall ist daher vergleichsweise lokal. Stell dir vor, du müsstest alles irgendwann hören. Mir scheint, das ist schon der Fall. Ich übersetze aus dem Englischen: “I think they call this transverberation, speaking in the voice of another person, absent or departed.” Das kann nicht stimmen: Ich glaube, man nennt dieses Phänomen Durchprügelung, mit der Stimme einer anderen Person zu sprechen, die abwesend oder verstorben ist. Ich werde dich so durchprügeln, dass eine andere Stimme aus dir spricht. Dieses Phänomen nennt man Transverberation. Glaube ich.

dickes dickicht copyright Monika Rinck

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Monika Rinck

Geboren 1969 in Zweibrücken , lebt und arbeitet in Berlin . Bis 1998 Studium Religionswissenschaft , Geschichte , Vergleichende Literaturwissenschaft in Bochum , Berlin , Yale . - Poesie , Essay , Erzählung , Roman , Übersetzung ( lyrikline.org ) , Online ( Begriffsstudio Monika Rinck + newsletter , Forum der 13 ) .

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Buchpublikationen

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Anthologien | Zeitschriften ‘07

  • ETWAS HAT HUMOR, in: nicht schreiben ist auch keine lösung - jahrbuch der literatur # 13 , hg . : gauch , steinbrecher , wasner , Frankfurt 2007
  • DIE GANZE ARBEIT NÄHE - in : 40 Minuten Literatur , manuskripte 177 , Herbst 2007
  • DIE DRITTE STIMME - Nachwort für Orsolya Kalasz‘ Lyrikband Alles, was war will seinen Strauch - Frankfurt 2007
  • THIS DOES DOOR MEAN - in : Judith Hopf und Henrik Olesen : TÜREN - Portikus , Frankfurt 2007
  • SUCHEN / VERLIEREN / BEHALTEN / WEGWERFFEN - Festvortrag im Rahmen der Absolventenfeier der Fakultät Philosophie / Sprachwissenschaft der Humboldtuniversität im Juli 2007
  • EDENKOBEN , im sommer 2005 - in : Vom Ohrenbeben zum Edenkoben , hg. von Gregor Laschen , Heidelberg 2007
  • 4 GEDICHTE in poet[mag] 3 / 2007
  • NÜTZLICHE RUINEN - Nachwort in Istán Keménys gleichnamigen Lyrikband , Frankfurt 2007
  • DASS IHR MICH VERSTEHT, das verbiet ich . zum märchen - in : die horen, 1 / 2007
  • THE SUMMER OF LOSS [ich wollte dir etwas geben, worüber du nachdenken kannst] - in : LA MER GELÉE , Berlin - Paris , printemps 2007
  • GEDICHTE - in : BELLA triste # 17 - sonderausgabe zur deutschsprachigen gegenwartslyrik , Frühjahr 2007
  • DAS INNEN AHNUNGSLOSE . zu den arbeiten von judith hopf - katalog , sezession wien 2007

more …

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Texte im Netz

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Links

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text verschlingen | Angelika Kaufmanns “VerBuchung” von Texten Friederike Mayröckers



||| I. RUF | II. RAHMEN | III. RAUM | IV. REFLEX | V. RÜCKGABE | VI. REGENBOGEN ||| KLANGAPPARAT | CLICK EMBEDDED PICTURES TO ENLARGE ( # 2 - # 7 )

Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 ( 01 )

Also immer für sich einen neuen Anfang machen,
Tatzen auf der Maschine ( Friederike Mayröcker )

angelika kaufmann U 01

I. RUF
Sie hat den besten , sie hat den schlechtesten Ruf : die Schrift .
Den Einen gibt sie als alphabetisiertes Sinn - Bild , als Chiffre für die “Lesbarkeit der Welt” ( Hans Blumenberg ) , ohne die sich Gesellschaft und Individuum nicht in im Chaos der Phänomene beheimaten könnten . Schrift setzen heisst : Spur legen , Sinn machen .

Schrift legt Fährten , gewinnt Gefährten .
Kommunikation , Überlieferung , Einbindung - all das ist Schrift .

Anderseits :
Es erscheint die Schrift meist an Stelle eines abwesenden Menschen . Dem Lesenden eines Buches bleibt die persönliche Friederike Mayröcker , ihre Stimme und deren charismatisches Wesen fern .

Das Pneuma der verlautenden Stimme atmet aus dem Notat und kehrt sich aushauchend - in produktiver Ausfällung wieder in ein Notat zurück .”das zu sehende - das zu hörende” wird wieder ein zu Schreibendes , ein zu Lesendes .

Es bleibt : die Schrift . Die Schrift , die wir lesen .
Die Schrift , die wir vor Augen haben, gedruckt , im Buch . Die Schrift aber auch , welche Angelika Kaufmann nach zeichnet .
Nach schreibt . Ab schreibt . Neu schreibt . Weiter und weiter schreibt , das Freud’sche “Fort” in ein “Da” verwandelnd . Die Schrift , welche Angelika Kaufmann aus der Vergangenheit schreibt , in die Gegenwart schreibt und in die Zukunft . Und schreibt und schreibt .

So gross schreibt und so haptisch gestaltet , dass sich der Betrachter darin verstricken möchte . Oder sich in die Schwingungen , Schlingungen der Ober- und Unterlängen ( wie in eine Schaukel ) setzen . Nehmen Sie Platz .

Keiner erwartet Sie . - Aber ja doch : Die Schrift nimmt sich Ihrer an .

Diese Schrift - Angelika Kaufmanns TagesMitSchrift seriell angezettelter “magischer blätter” - mag zwar den Sinn in eine Form ordnen , ordnet sich dabei allerdings keinesfalls unter .
Sie ist keine Gebrauchs- Schrift . Keine Brauch- Schrift , die von sich selbst absieht , um Anderes - “Inhalte” - zu transportieren . Angelika Kaufmanns VerBuchungen sind keine Transportmittel , Normgefässe , Container , Flachwaren oder Gebinde für Füllstoffe und Nettogewichtseinheiten .

Angelika Kaufmanns AbSchriften sind Dichtung , ja :
Diese Schriften sind Dichtung AN SICH , nicht mehr und nicht weniger als Friederike Mayröckers poetisches Werk . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_01.jpgII. RAHMEN
Doch ich greife vor . - Oder bin ich zu weit zurück gegangen ? … zurück gegangen zur Kritik der Schriftlichkeit , wie sie seit Platons “Phaidros” variantenreich kursiert ? … wie sie mit jedem frisch auf der BildFläche auftauchenden Medium in neuer Version kursiert ?

Eine Kritik , die - pointiert formuliert - besagt , als dass mit der AufZeichnung ( dem RECORDING ) von Wissen , erst eigentlich das VERGESSEN beginnt ? - Die Auslagerung von lebendigem , erzählten Wissen auf die Festplatte des geschriebenen Textes birgt bereits das Moment eines Sterbens . Wer auf Überlieferung setzt , auf Schrift , RECORD und Verzeichnis , denkt bereits die eigene Abwesenheit .

Damit wird - cum grano salis - schon der Tod ins Werk gesetzt und die Hybris des In-der-Schrift- bzw. des Im-Werk-Überlebens . Man schreibt also am eigenen Epitaph .
Kassiber ins Abwesende , sei dieses räumlich , sei dieses zeitlich .

Es sei : Da jede Autorin und da jedem Autor allerdings “meine stattliche Haut, eidesstattliche Fliespapierhaut” ( 2 ) der pragmatischen Schrift bei der Sprach- Setzung näher ist als der eschatologische Rock , da der Markt das Medium “Buch” als Grundbedingung für das praktische Überleben in Verbreitung , Vertrieb und Verwertung erzwingt , will Literatur gedruckt sein .
So codiert sich in der Gutenberg- Galaxis nun einmal die poetische Flaschenpost : Zwischen Umschlag , Einband und Vorsatz , blättert sich die Werk- Welt her . Im Grunde eine Schachtel , welche man öffnet und wieder schliesst . Text und Schrift zwischen Deckeln .

Mit ihren Schrift- Bildern, Text- und Buch- Zerlegungen stellt sich Angelika Kaufmann solchen Verpackungsroutinen entgegen . Über Jahre vollzieht dies die Künstlerin in sorgfältig gesetzten Anordnungen . Anordnungen , welche sie sich selber auferlegt , seitdem sie von der Poesie Friederike Mayröckers - konkret von dem Gedicht “Im Elendsquartier” ( 1956 entstanden und abgedruckt im 1974 erschienenen Band “In langsamen Blitzen” ) - getroffen wurde .
Aus einer Affinität zu Mayröckers radikaler Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst , handwerklicher Arbeit und Leben hat die gelernte Gebrauchsgrafikerin Angelika Kaufmann eine Selbst- Beauftragung formuliert und - speziell während der letzten zwanzig Jahre - mit jeder neuen Werkgruppe , Schriftgruppe aufs Neue in Angriff genommen .

Etwa beim Prosa-Fliess-Text des “Herzzereissende[n] der Dinge“: Ein WeiterSchreiben über die Blattgrenze hinaus, Wort und Zeilenbrüche entgrenzend. Zäsur, Offenheit und Rhythmus der poetischen Vorlage sind solcherart allerdings keineswegs sistiert. Im Gegenteil ereignet sich das stille Drama von Spannung und Entspannung, Ausschreiben und Aussparen, Betonung und Atemholen im einzelnen Buchstaben…

… hätte ich ein unendliches Schreibpapier, so dasz ich nicht immer wieder
ein neues Blatt in die Maschine einspannen müszte und das vorhergehende
ablegen müszte, nämlich die äuszerste Fassung, nicht wahr, nämlich
meditative Versenkung welche vom Rasen der Zeit befreit … ( Friederike Mayröcker 3 ) |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_03.jpgIII. RAUM
Angelika Kaufmann nennt es “TEXTZERLEGUNG” .
Man könnte auch sagen :
Angelika Kaufmanns schriftkünstlerische “Faktur” ( Roland Barthes ) bestünde in der Schöpfung einer genuin neuen Fraktur . Indem sie die Buchstaben aus der Fasson üblicher Vollständigkeit herausbricht , schafft Kaufmann neue Räume . Irritierende Räume , wie uns die Anschauung zeigt .
Denn wir wollen - beanspruchen gar - jederzeit alles lesen zu können , was geschrieben steht . Angelika Kaufmanns “VerBuchungen” indes verwehren uns die lineare Lesbarkeit . Wir entziffern Buchstaben , bleiben dabei aber doch Analphabeten .

Angelika Kaufmanns Methode des Zeigens und zugleich Verbergens von Schrift- Sinn gewährt so mannigfaltige Perspektiven , dass es der linearen Rede schwer ankommt , eine einigermassen geordnete Führung durch diese Assoziations- Agglomerationen anzubieten . Womit wir bereits nahe am Wesen des eigentlichen Gegenstandes dieser Kunst und unserer Rede über sie angelangt sind : nämlich am wesentlichen ( Im- ) Puls der Poesie .

Man kann nämlich sagen : Es gibt kein effizienteres Aufzeichnungs- und Sinn- Speicher- System als die Poesie . In jeder Silbe , in jedem Laut , in jedem Wort und in jedem Vers - ja , sogar in den Zwischenräumen und Interdependenzen - ist so viel Sinn eingelagert , explodieren so viele Zeitzünder an Kontaktschlüssen und Bedeutungen , dass die sekundäre Rede stets der Hase bleibt , welcher dem poetischen Igel hinterher hetzt .

Unternehmen Sie doch einfach die Gegenprobe , indem Sie deskriptiv darstellen , was in einem Gedicht “geschieht” : WAS es sagt und was es NICHT sagt , WIE es gesetzt ist und WAS es freilässt , WORIN es Nähe sucht und wo es Differenzen stiftet … und voilà sind Sie mitten im Sisyphus-Schicksal von Philologie und Hermeneutik .
Hilflos hier , geniesserisch dort , können beide nie zu einem Ende gelangen . |||

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IV. REFLEX
Kunst ist Tautologie . Sie sagt sich selbst . A rose is a rose is a rose .
Sie sagt , DASS sie sich sagt . Sie sagt , WIE sie sich sagt .
Ceci n’est pas une pipe .

Angelika Kaufmann stellt dieser beseelenden , dieser skandalösen Tautologie ein Gleiches zur Seite . Die Poesie verbirgt , indem sie zeigt . Sie sagt Manches und schweigt eben so Vieles im Sagen mit . Als bildende , als Schriftkünstlerin muss Angelika Kaufmann “dieses Stillsticken”( 4 ) ZEIGEN . Aber wir sehen ja , was sie uns zeigt : “Es regnete, regnete viele Wörter auf es herunter” ( 5 ), heisst es in “Pegas” , dem Text- Bilder- Buch-Pferdchen von Friederike Mayröcker und Angelika Kaufmann . Schon auf den beiden Dimensionen der Fläche unterbricht Kaufmann die Linie oder lässt diese über die Blatt- Bogen- Ränder hinaus schwingen .

Sie macht uns damit SEHEN , wie viel wir NICHT sehen . Kaufmanns Fraktur akzentuiert beides : das Anwesende und das Fehlen . Rest-Rundungen, Synchronbögen , Diagonal-Marker . Fragmentarisch horizontale und vertikale ArchitekturFragmente von Schrift . In ihrer Präsenz lenken sie den Blick des Betrachters auf ungewohnte formal- rhythmische Muster .

Dort , “wo was fehlt” , dort also wo unsere früh anerzogene DechiffrierPflicht auf die leere Fläche trifft , schiesst die Phantasie ein und damit die ( persönliche ) Projektion .

Hier rhythmische Kontraktion , dort tabula rasa :

Von Angelika Kaufmanns Blättern murmelt nicht nur die sibyllinische Stimme der Poesie . Viel mehr noch : Blicken wir uns selbst in Gestalt unserer Projektionen entgegen . Nicht zufällig waren es Friederike Mayröckers “14 Spiegeltexte” ( 6 ) , mit deren AufZeichnung sich Angelika Kaufmann Mitte der 70er Jahre zuerst befasste .

So viel zu den Dimensionen Numero Eins und Zwei , den Flächen- Koordinaten .
Angelika Kaufmanns Ein-, Ab- , Unter- und Überschreibungen fädeln ihre subtilen Linien allerdings auch durch die Dimensionen Numero Drei und Vier . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_05.jpgV. RÜCKGABE
Mit ihren Installationen , ihren Papier- und Buchobjekten gibt Angelika Kaufmann dem Text zurück, was dieser ( wir erinnern uns an den Topos der Schriftlichkeitskritik ) ersetzt , entbehrt oder gar exorziert : den Körper . Von Handen der Künstlerin holt die Schrift - etwa der mit Kaufmanns Notaten überschriebene “CHINESISCHE BLINDENSCHRIFTBAND” ( 2000 ) das verlorene Moment des Leiblichen zurück .

In diesem entstehenden Buch habe ich einen Nicht-Stil angewendet also eine Art literarischer Selbstentblöszung, nicht wahr, also das Kritzeln/ Beschmutzen: das Kritzeln auf meinen nackten Oberschenkel oder ins Handinnere schreiben und ein schwarzes Kreuz zeichnen, das nicht mehr zu löschen ist … ( Friederike Mayröcker 7)

Die haptische Anmutung der Papier-Objekte , die Fingerspitzen- Lektüre der Braille- Schrift , diverse Viskositäten von Farben und Tinten , Porosität oder Versiegelung von Texturen . Die mit viel Wissen , List und Lust am Material vollzogenen Schreibmanöver verwandeln Schrift und Text in ein Gegenständliches . Als Objekte , die uns im Raum begegnen , lassen sie sich umgehen , lassen sie sich mit ihnen umgehen , von hinten und vorne , von oben und unten anblicken .

Ja , sie sind da , präsent , still virulent . Sie ragen , stülpen , blättern sich , falten und entfalten sich im realen Raum .

… In meinem Schosz die Notizblätter zwitschern, während des Schreibens … und die Notizblättchen in meinem Schosz zwitschern, während des Schreibens … in meinem Schosz, während ich sitze vor der Maschine, in meinem Schosz die vielen Zettel … ( Friederike Mayröcker 8 )

Das Gegenständliche und Konkrete von Angelika Kaufmanns haptischen Schreib- Kunst- Stücken verweist wiederum auf die eigenwillig körperliche Qualität des poetischen Projektes Friederike Mayröckers . Schriften , Papiere , Zettel und Briefe spielen eine eminente Rolle in Mayröckers Texten . Nicht selten geht die Rede vom Palimpsest der Papiere , Notizen und Zitate , so dass das Murmeln der Namen , Exzerpte und Zettel teils aus der Lebenswelt der Dichterin berichten , teils eine unabtrennbare Komponente dieser Dichtung selber sind .

… denn mein Tisch die ganze Tischfläche : ein gehäuftes Wirrwarr von Schriften, Zettelchen, Büchern und schmutzigen Tellern und Tassen …( Friederike Mayröcker 9 )

Damit wird Gegenständlichkeit von Schrift und Text in Mayröckers Texten in Lust und als Last zu einem Leitmotiv . Die poetische Sprache , das Wortwerk kommt buchstäblich nicht umhin , die Physis des Textuellen - darüber hinaus aber auch diejenige des Leibes und der profanen Dinge - zu besprechen . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_04.jpgVI. REIHENFOLGE
Tertium datur . Friederike Mayröckers Verzettelungen , ihre getreuliche Mitschrift der an- und aufgelesenen Zitat- Objekte, Angelika Kaufmanns dreidimensionale Schrift- , Buch- und Papierobjekte : Beide untersuchen in immer neuen Aufgabestellungen und Serien- Regeln “ein Gleiches” , indem sie den Urtext , abschreibend , als ein Anderes realisieren . Ab- Schrift wird Um- Schrift und bildet dabei “ein GleichesANDERS ab.

Friederike Mayröcker selbst schreibt in ihrem Hörspiel “Gertrude Stein hat die Luft gemalt” ( 10 ) der Sprach- Fallen- Stellerin Gertrude Stein den Satz zu , man müsse AB- SCHREIBEN , um zu verstehen . Ähnlich hatte es Walter Benjamin formuliert , als er - für sein “Passagen-Werk” exzerpierend - in der Bibliothèque Nationale sass : Während bei der ( stillen ) Lektüre uns der Text äusserlich bleibt , dringt dieser bei der händischen Abschrift gleichsam physisch in uns ein . Wir be- greifen .
Begreifen den Text in der Dialektik zwischen der Hybris solcher Aneignung und der Demut des Kopisten .

Womit wir in der vierten Dimension angelangt sind :
Ab-schreiben kostet ZEIT . Silbe für Silbe , Wort für Wort lesen , memorieren , kopieren , kontrollieren … der Druck auf die START- Taste des Kopiergeräts scheint da doch wesentlich effizienter . Die Photokopie als Ersatzhandlung für unterlassene Lektüren ist ein beliebter Topos im Akademikerwitz . Zugleich erzählt diese Praxis aber auch vom Unterschied zwischen HABEN und SEIN . HABEN wir den Text physisch gespeichert , dünken wir uns in seinem BESITZ .

Angelika Kaufmann dahingegen zeigt mit ihren Schriften , dass ein solcher BESITZ nicht zu HABEN ist . Nie zu erlangen sein wird . Durch ihr Hand-Werk hindurch und mittels der tagtäglichen , peniblen Abschrift weiss die Urheberin der Umschrift , dass sie zu keinem Ende kommen kann und wird . Ihre Pinsel- Abstrich- und -Abtupf- Tagebücher manifestieren die ZEIT als Element : Zeit als materialgewordene Erstreckung, Laufmeter der Tagtäglichkeit . Mittels der Reihung verstreichender JETZT- Momente gewähren Angelika Kaufmanns Kladden , Konvolute und Palimpseste erhellenden Einblick auf Gestalt und Gestaltung von ZEIT . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_02.jpg VII. REGENBOGEN
Damit teilen sie weiteres Charakteristikum des tagtäglichen WortFortWerkens von Friederike Mayröcker . Es wird ver- zeichnet , dass ver- zeichnet wird . Schreiben über das Schreiben , das sich beim Schreiben zusieht .

Demgemäss sind Angelika Kaufmanns VerSchreibungen, AbSchriften , UmSchriften , NachSchriften , ÜberSchreibungen und UnterSchreibungen sowohl Illuminationen als auch Verschlüsselungen der Poesie .

Vom “öffnen und schliessen des mundes” ( Ernst Jandl ) zum Augenschein der ersichtlich hermetischen Schrift : Längst läuft ein “Blütenverkehr” - so Friederike Mayröcker in einem Angelika Kaufmann zugeeigneten Widmungsgedicht ( 11 ) - zwischen den einander zugeneigten Werken hin und her . Die einst separaten Positionen von Vorgängigkeit und Nachzeichnung , Ein- und Abschrift fliessen als Kontinuum wechselseitigen Wirkens ineinander .

Stilleben auf dem Schreibplatz: Schnabelkanne und Haube verschüttetes
Badewasser, mit Regenbogen, auf dem Parkett ( Friederike Mayröcker 12) |||

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czz in : Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 - wien , edition splitter 2007 , S. 38 - 71 | OUT NOW !

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( 01 ) Zur Ausstellung “Arbeiten von Angelika Kaufmann” [ zu Friederike Mayröckers Mein Arbeitstirol ] , Literaturhaus Wien
( 02 ) Friederike Mayröcker : Das Herzzerreiszende der Dinge - Suhrkamp 1985
( 03 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 04 ) op. cit.
( 05 ) Friederike Mayröcker, Angelika Kaufmann : Pegas , das Pferd - Neugebauer Press 1980
( 06 ) Friederike Mayröcker : Fantom Fan - Rowohlt 1971
( 07 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 08 ) op. cit.
( 09 ) op. cit.
( 10 ) Friederike Mayröcker : Gertrude Stein hat die Luft gemalt - Hörspiel , Regie : Klaus Schöning , DLF / ORF 2005
( 11 ) Friederike Mayröcker : für Angelika Kaufmann | sobald die Schneefeger [ 1. 1. 1997 ] - in: F. M. : Gesammelte Gedichte 1939 - 2003 , hg. von Marcel Beyer - Suhrkamp 2004
( 12 ) Friederike Mayröcker : ich habe angeboren das Blut | für Angelika Kaufmann [ 4. 3. 1997 ] - in : op. cit.

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KLANGAPPARAT

Dass Tom Larson mit seinen pulsierenden Patterns und fächelnden Flächen hat @ in|ad|ae|qu|at einiger Wertschätzung geniesst , dürfte sich über Jahr und Tag in der wiederkehrenden Erhebung seiner Mixes zum KLANGAPPARAT DES TAGES erwiesen haben . Zwar steht unmittelbar eine neue czz hörempfehlungRelease bevor , doch gehen wir noch einen Schritt hinter die jüngste ( Visions from above @ sonicwalker ) zurück und landen @ Loopazilla , dem ebenfalls hier schon charmant aktenkundig gewordenen Netlabel . Tom Larson ist - - - minimal auch ohne schal - - in poetischer Hochform und könnte in seiner luftig anmutenden , doch diskret strengen Manier eventuell in die Richtung der Papierarbeiten Angelika Kaufmanns weisen . CLICK HERE TO LISTEN |||