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Salon Littéraire | Ilse Kilic : DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET



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Salon Littéraire | Ilse Kilic :

DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET -
Exzerpte aus einem polymorphen Forschungsbericht

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EXZERPT EINS

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Neun von mir als notwendig erachtete Zutaten für das weitere Gelingen meines Textes, den ich Roman [56] zu nennen beabsichtige (auch wenn er möglicherweise nicht alle an einen Roman gestellten Anforderungen erfüllen wird):

  1. eine Männerfigur mit Namen Karl [57],
  2. eine zarte Romanze zwischen dem jugendlichen Mondscheinlein und Karl,
  3. das süße Leben in Tablettenform,
  4. ein im Widerspruch zur gesellschaftlichen Norm stehendes Wesen, durch welches diese kritisiert und infrage gestellt wird,
  5. eine zarte Romanze zwischen dem Holzknecht und Karl, durch die der Roman zeigt, dass für ihn (den Roman) nicht nur die heterosexuelle Romanze zählt,
  6. Outing des Holzknechtes als heimliche Frau, wodurch seine anfängliche Romanze mit Annabell in einem anderen Lichte erscheint und die lesbische Liebe von Anfang an als das erscheint, was sie ist, nämlich ganz normale Liebe [58], die, wie jede ganz normale Liebe, zu Mord und Totschlag führen kann,
  7. Handgreiflichkeiten zwischen Mondscheinlein und Karl, die das Verhängnis, das mit jeder Art von ganz normaler Liebe einhergehen kann und einhergeht, darstellen,
  8. der Hinweis, dass das Geschehen im Roman fiktional ist und keinen Rückschluss auf das wirkliche Leben außerhalb des Romans zulässt, dass aber andererseits solch ein Rückschluss durchaus erlaubt ist, sofern er eine Lektion für das geehrte Publikum darstellt, welches hiebei nicht nur unterhalten [59], sondern zugleich gebessert und belehrt werden soll,
  9. einige Gedichte sowie kurze Prosastücke, die der Holzknecht sowohl als Mann als auch als Frau zu seiner eigenen sowie zur Erbauung des Publikums schreibt. Die Einführung des Holzknechts als Schriftsteller und Schriftstellerin zielt darauf ab, mir als (be)schreibender Person eine (be)schreibende Person an die Seite zu stellen, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass sich Autorinnen und Autoren ihren Romanfiguren oft unterlegen fühlen, weswegen es von Vorteil sein kann, sich selbst auf diese Art und Weise zu Gesellschaft und Unterstützung zu verhelfen.

[56] - Hartnäckig halten sich Gerüchte, denen zufolge ein Buch, unabhängig vom Inhalt, sich besser verkaufe, wenn das Cover die Gattungsbezeichnung Roman aufwiese. Diesem Gerücht wurde bisher nicht experimentell nachgegangen.
Da der Roman oft eine Kausalität im Leben der Romanfiguren betont, deren Fehlen im Leben der Leser und Leserinnen diese oft schmerzlich beunruhigt, wird der Roman mitunter als Beruhigungsmittel angewendet. Obwohl Beruhigung durchaus zu den Aufgaben der Kunst gehören kann, liegt sie in der Regel nicht in der Absicht der Romanautorin oder des Romanautors. Die ersehnte Kausalität beruht überdies auf einem Missverständnis: Zwar liegen die Komponenten, die zu einem glücklichen oder unglücklichen Schicksal einer Romanfigur führen, dem Leser, der Leserin, dem Autor und der Autorin manchmal deutlich vor Augen, das aber bedeutet nicht, dass eine Romanfigur selbst sich nicht in eine Welt hineingeworfen sieht, in der sie wesentliche Aspekte ihres Schicksals nicht kontrollieren kann.
[57] - Laut Edgar Allan Poe hat noch nie ein Mensch Karl (im englischen Original Charles) geheißen, der nicht ein aufrichtiger, redlicher, gutmütiger und offenherziger Gesell gewesen wäre, “mit einer vollen klaren Stimme, die zu hören einem wohltat, und Augen, die einem stets gerade ins Gesicht blickten, als wollten sie sagen ‘Ich habe ein reines Gewissen, fürchte niemanden und bin gänzlich darüber erhaben, etwas Gemeines zu tun’.” (zitiert aus E.A. Poe, Du bist der Mann, Dritter Band der Gesamtausgabe, Insel Taschenbuch). Was die Wirkung des Namens Karl angeht, so soll auf Folgendes verwiesen werden: Finden sich in den Namen männlicher Personen überwiegend Vorderzungenvokale wie “e” und “i”, so wirken diese besonders attraktiv und sexy. Bei Namen weiblicher Personen bewirken indes Hinterzungenvokale wie “a” und “u”, dass man sich von ihnen besonders angezogen fühlt (vgl.: Ilse Kilic, Vom Umgang mit den Personen. Eine Schöpfungsgeschichte, Ritter Verlag, Klagenfurt-Wien 2005)
[58] - vgl. den Bilderzyklus Maßnahmen bei Liebestollwut von Fritz Widhalm, in dem die Liebe als Vorfall gezeigt wird, der zur Tollwut führen und somit Erste Hilfe erforderlich machen kann.
[59] - Die von Theodor W. Adorno geprägte Formel “Vergnügtsein heißt Einverstandensein” lässt sich auch auf die Romanform übertragen. In diesem Zusammenhang muss sich der Roman fragen lassen, wieviel Vergnügen zu bereiten er auf sich nimmt bei wieviel Bereitschaft, dieses Vergnügen in der Folge zu relativieren und zu zerstören. Auch der einzelne Mensch muss seinem Vergnügtsein gegenüber stets misstrauisch bleiben und Vorsicht walten lassen. Der vergnügte Zustand gilt als angenehm, wie auch die Vorstellung des Einverstandenseins oft als Entlastung von den Mühen des stetigen und konsequenten Widerspruchs imaginiert wird. Ein Unterschied zwischen Einverständnis mit dem Leben und Einverständnis mit der Welt sollte aber, wenn irgend möglich, aufrechterhalten werden.

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EXZERPT ZWEI

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Die nächsten Tage waren trüb und regnerisch. Auf meinem Schreibtisch hatte Mo die Eisenbahn und den kleinen Bahnhof recht unvermittelt verlassen und sich erstens in die große Stadt, zweitens aber in einen anderen Text begeben, der davon handelte, wie sie ein Leben als Schriftstellerin begann, zugleich aber eine wissenschaftliche Karriere anstrebte, kurz und gut, ich hatte folgendes geschrieben:

Nach vielen Eisenbahnfahrten rund um die Wiese konnte Mo sich für ihr Leben alles und alles mögliche vorstellen. Ihre Vorstellungen waren jedoch allesamt damit verbunden, in der großen Stadt zu leben. Von der großen Stadt nämlich erhoffte Mo, dass es dort jene Möglichkeiten gäbe, für die ihr Leben gar nicht ausreichen würde, sie alle mit Händen zu greifen. Mo schnürte also ein Ränzelein und trat vor ihre Mutter, um Adieu zu sagen.
- Ich gehe in die große Stadt, sagte Mo, um große Taten zu vollbringen.
- Wozu braucht es große Taten, fragte Mos Mutter, wo doch kleine Taten ausreichen, die Welt am Laufen zu halten?
- Große Taten, entgegnete Mo, sollen die Welt nicht am Laufen halten, sondern das, was falsch läuft, zum Besseren wenden.
- Sind es aber nicht gerade die großen Taten, die dazu führen, dass etwas falsch läuft?, fragte Mos Mutter besorgt.
- Manchmal schon, aber es gibt eben solche große Taten und andere große Taten.
- Wäre es nicht besser, es gäbe gar keine großen, sondern nur kleine Taten? Mos Mutter hatte einen warnenden Unterton in der Stimme.
- Nein, entgegnete Mo und hob die Stimme, weil das Thema ihr wirklich wichtig war, es ist zu spät dafür, dass es nur kleine Taten geben kann. Wenn es nämlich nur kleine Taten hätte geben sollen, dann hätte man mit dieser Entscheidung gegen die großen Taten schon früher anfangen müssen, nämlich bevor es die ersten großen Taten gab.
- Hm, hm, heißt das, dass, wenn die Entscheidung zu großen Taten falsch war, man diese Entscheidung gerade deswegen immer wieder aufs neue treffen muss?
- Was ist überhaupt eine große Tat im Verhältnis zu einer kleinen Tat?, gab Mo dem Gespräch eine etwas andere Richtung.
- Eine kleine Tat ist es, wenn du mit dem Fahrrad stehenbleibst, weil eine alte Dame die Straße überqueren will, anwortete Mos Mutter und setzte fort: An einer kleinen Tat kann einfach nie so viel schiefgehen.
- Eine große Tat ist, wenn Du eine Erfindung machst, die bewirkt, dass es vielen Menschen besser geht, sagte Mo.
- Wäre es dann nicht eine große Tat, manche große Tat rückgängig zu machen?, fragte Mos Mutter.
- Ja, natürlich, musste Mo zugeben, natürlich hat es immer wieder Taten gegeben, die als große Taten galten und die besser nicht getan worden wären. Andererseits ist dieses Problem nicht einfach zu lösen, indem es keine großen Taten mehr gibt.
- Die Atombombe wäre jedenfalls nicht erfunden worden.
- Aber das Penicillin auch nicht.
- Wer weiß, fügte Mos Mutter an, schon die Nubier verwendeten ein Bier mit antibakteriellen Wirkstoffen und die Ägypter versorgten Entzündungen mit aus Getreide gebrauten Heiltränken. In der Antike und im Mittelalter bedeckten Chirurgen Wunden mit schimmeligen Lappen, um Infektionen vorzubeugen. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass das Penicillin erst 50 Jahre nach seiner Entdeckung industriell hergestellt wurde und das vor allem deshalb, um verwundete Soldaten besser versorgen zu können, sodass der Zusammenhang zwischen Penicillin und kriegerischen Handlungen deutlich sichtbar wird.
- Ja, aber nicht alle großen Taten in Medizin und Technik stehen mit kriegerischen Handlungen in Zusammenhang, sagte Mo, und überhaupt ist mir das jetzt zu blöd.
- Ich gebe zu, dass ich einen recht pessimistischen Standpunkt vertrete. Das rührt vielleicht daher, dass ich mich viel mit dem Chagrinismus, der Lehre des Kummers in der Welt, befasst habe, zu dessen Leitsätzen es gehört, nach dem Kleinen zu trachten, weil das Kleine weniger Schaden anrichten könne als das Große.
Mo blieb stumm und sträubte sich sowohl innerlich als auch sichtbar, denn sie hatte so gar keine Lust auf die ebenso instruktiven wie weitschweifigen Erläuterungen ihrer Mutter zum Thema Chagrinismus. Stumm versuchte Mo, sich eine chagrinistische Welt vorzustellen, schüttelte dann den Kopf, kratzte sich am Ohr und sagte ganz leise, sodass es niemand hören konnte: Es gibt auch große Taten, die niemandem geschadet haben, zum Beispiel die Erfindung des Suppenwürfels [109], die Durchschwimmung des Ärmelkanals [110] oder die Übersetzung des Perec’schen lipogrammatischen Buches “La disparition”, das auf deutsch “Anton Voyls Fortgang” [111] heißt und ohne den Vokal E auskommt.

[109] - vgl. den Song von Dr. Hook and the Medicine Show The Wonderful Soup Stone, in dem diese Erfindung besungen wird. (Single B Seite 1973, auf der A Seite befand sich die Nummer Life Ain’t Easy)
[110] - Der Ärmelkanal ist etwa 563 Kilometer lang und an der breitesten Stelle 248 Kilometer breit. In der Straße von Dover, der schmalsten Stelle, sind es nur 34 Kilometer Breite von Dover nach Cap Gris-Nez. Erstmals durchschwommen wurde der Ärmelkanal am 24. und 25. August 1875 von dem Engländer Matthew Webb. Er benötigte für die Strecke von Dover nach Calais 21:45 Stunden und legte 73 Kilometer zurück. Als erste Frau durchschwamm 1926 die US-Amerikanerin Gertrude Ederle den Ärmelkanal.
[111] - Übersetzt von Eugen Helmlé. Eugen Helmlé (1927-2000) war Schriftsteller und literarischer Übersetzer. Ab 1960 erschien sein umfangreiches Werk von Übersetzungen, vorwiegend aus dem Französischen und Spanischen. In Würdigung dieses Werks wurde vom Saarländischen Rundfunk und der Stiftung ME Saar 2004 der “Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis” ins Leben gerufen, der seit 2005 jährlich abwechselnd an einen deutschen und einen französischen Übersetzer verliehen wird.

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Ilse Kilic

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Hinweise :

Ilse Kilic , DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET ist soeben im Ritter- Verlag , Klagenfurt 2008 , erschienen .

Ilse Kilic’ uns Fritz Widhalms Literatur als Radiokunst- Produktion “Ergänzen Sie die Einrichtung Ihrer Wohnung mit einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin !” ( 12:03 ) wird kommenden Sonntag urgesendet . - ORF Österreich 1 , Kunstradio , 7. 12. 2008 , 23:03 H ( Produktionsnotizen )

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Salon Littéraire Spécial | Ann Cotten : NACH DER WELT - Die Listen der Konkreten Poesie



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Salon Littéraire | Ann Cotten :

NACH DER WELT - Die Listen der Konkreten Poesie

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Die uns so verhasste Charakterisierung “assoziativ” meint, wenn wir ehrlich sind, nichts anderes, als dass die Natur der Beziehungen zwischen den Einheiten nicht festgelegt ist. Das kann “beliebig” sein, ist es aber in guten Texten nicht, auch wenn sich keine Regel feststellen lässt außer bewusstmachbare, begründete Urteile für jede spezifische Verbindung und ihr Zusammenspiel. Wie Neil Young über Songtexte sagte, dass sie am besten offen und widersprüchlich sind, wenn das Ziel ist, dass viele sie mit ihrem Leben verflechten wollen, ziehen auch die vielen losen Enden im Geflecht assoziativen Texts das Denken und Fühlen und Erinnern der Leserin, die den Text durchwühlt und mit den in ihrem Leben gelernten Bedeutungen verknüpft, ins Gedicht hinein. Und auch wieder hinaus. Das an sich lässt alle Qualitäten zu. Wenn wir “fünffache darstellung eines textes” durchwühlen oder, sagen wir, abtippen, finden wir Zitate und intertextuelle Verweise, aber auch Dinge, die es nicht schwer ist, aus eigener Erfahrung zu kennen, etwa “zuzweit”, “wegen andern”, “wegen einem andern”, “wer zuerst”, “allein gelegen”, “im schnee gelegen”, “anders als es alle sahn von weitem”, “anders wie zuvor”, “zu einem andern anders wie zuvor”, “als alle allein gelegen”, “wars wie zumeist” und so weiter. An Kulturgut finden wir neben Märchen wie Schneewittchen ( Farben, Wege, Eifersucht, Mord und Belege ) und Filmen wie “Fargo” etwa Schuberts Winterreise mit “andern wegen” und, vager, der Motivik eines Herummanövrierens in öder Winterlanschaft vor dem Untergrund einer problematischen Liebesbeziehung, die Hin-und-her-Schaufeleien von Anziehung “zuzweit” und “geschieden”, die in naher Rückperspektive wie das Umhäufen von gewaltigen Massen von Banalität oder Schnee zu aus unterschiedlichen Motiven gewünschten Wegen erinnert in einer Arbeit, die immer wieder von neuem angegangen werden kann, bis der Schnee, in eine andere Jahreszeit herübergerettet, zu Gatsch und Schmelze geworden ist. Abgesehen von diesen konkreten Bezügen ist die “assoziative” Ordnung etwas, was nicht so sehr “nachvollzogen” als realisiert wird. Die assoziativen Beziehungen sind weder etwas, was im System der Sprache jemals als etwas rein Allgemeines und Objektives fixiert werden kann, da sie, um Existenz zu gewinnen, von konkreten Erfahrungen konkreter Menschen ausgefüllt oder erweckt werden müssen, noch etwas, was von außen bzw. von einem Inneren von Individuen als Zusatz zur Sprache draufgepappt wird, die ohne sie einen rein beliebigen, axiomatischen Bezug zur Welt hätte - was wir zurecht behaupten, doch wenn das nicht nur die eine Seite der Geschichte wäre, wäre die Sprache wohl gar nicht entwickelt worden, weil zur Kommunikation zu aus dem, was wir in Metaformulierungen anerkennen, logisch begründbaren Zwecken auch ein kleines System an freudlosen Grunzern genügt, mit einigen Vokabeln aus der Industrie augmentiert. Wir suchen also in der Sprache schon auch das, worüber wir nicht so genau Bescheid wissen, und wenn sich auch nicht der heilige Gral dabei zeigt, zeigen sich die Suchbewegungen und sich gegenläufig kreuzenden und überlagernden Sinngeflechte. So ist es nicht so sehr eine Aussage als eher eine mehreren Teilen von Welt gemeinsame Funktionsweise, dass die gleichen Elemente immer neu gruppiert und kombiniert werden, wobei ein Wort, und auf einer anderen Ebene eine bildliche Vorstellung, etwa Schneelandschaft, weite Entfernung oder Affäre, zu mehreren benachbarten Zusammenhängen, von Denken über Fühlen bis zu Sehen, als Scharnier funktioniert. Und zwar in Einzelheit, Differenz und Wiederholung.

Materialität, dichte Anhäufung, Litanei, Trance, Intensität: Die Wiederholung stellt etwas vor, was einem so real vorkommt wie eine konkrete Masse. Wir bilden uns ein, dass wir das Konkrete der KP [ Konkreten Poesie ] spüren können wie harte Welt. Cognitive satiation wird in der Linguistik das Phänomen genannt, dass durch materielles Wiederholen eines Worts, sei es schriftlich oder mündlich, seine Bedeutung verlorengeht. Das Verlorengehen der Bedeutung ist ein Prozess, der viele Einzelheiten beinhaltet, die beim Verlorengehen noch einmal sehr deutlich und klar aufploppen, was die Reduktion der KP vorführt und uns daher interessiert. Die KP als Film des Lebens ist ein bisschen ein Cutup, wie ja auch unser Verständnis des Lebens, es entspricht sehr wohl. Wie könnten wir sonst denken ?

( … )

Wenn die KP für das Wort einen Status erstrebt, in dem es nichts als sich selbst bedeutet, so nähert sie es den Materialien von Musik und bildender Kunst an. Wie wir oben bemerkt haben, ist eine solche Konkretheit inkompatibel mit dem praktischen Sinn einer Liste, etwas aufzuzählen. Es gibt indessen zahllose Beispiele, wie das in Bezug auf die “Tabellenfrage” angeführte von Franz Mon, die formal sehr stark Listen evozieren, deren Funktion jedoch im Wesentlichen rhythmisch und nicht semantisch ist. Auch Dinge wie Auszähl- und Kinderreime sowie Zaubersprüche stehen auf dieser Kippe; sind womöglich urspünglich, als Rezepte, Listen gewesen, und der Listencharakter verlor sich inzwischen zusammen mit der Bedeutung der Wörter zugunsten einer musikalisch-rhythmischen inkantatorischen Funktion.

Wir untersuchen hier dreierlei. Zum einen, was für Eigenschaften haben Liste und Rhythmus gemeinsam ? Wir werden dann das Erstellen von Listen als Technik zur Textproduktion betrachten - Produktion und Rhythmus sind ja quasi metonymisch verbunden - und die Frage stellen, auf welche Weise Eigenschaften einer Liste dazu beitragen, dass an einem Text sein Rhythmus hervorsticht und die Semantik überschattet: die Materialität den Sinn überragt. Zuletzt vergleichen wir anhand konkreter Übertragungen die Liste als visuelles und als akustisches Phänomen.

Wir können, scheint uns, den Punkt, an dem eine Liste zu einem rhythmischen Gebilde wird, genau bezeichnen. Es handelt sich um eine Art Perspektivwechsel, die entscheidende Überschreitung eines gewissen Horizonts, sodass dasselbe Material von der anderen Seite rezipiert wird. Das Phänomen als sinnliches kennen wir von cognitive satiation, dem Sinnverlust eines Worts oder Symbols durch seine materielle Wiederholung. Der Inhalt einer Liste wird sekundär, der Sinn tritt hinter den Klang oder die Erscheinungsform zurück, also hinter den Rhythmus.

Die Semantik verschwindet mitnichten. Auch Witze, Wortfelder und Bedeutungen können rhythmische Strukturen erzeugen, tun es häufig auch im Zusammenspiel, im Wechsel von Einklang und Widerspruch mit den materiellen Erscheinungsformen.

Der Kipppunkt ist in der Art wie die Stelle, wo zwei Eisenbahnen aneinander vorbeifahren, ein flüchtiger Moment im Verhältnis von zwei graduellen Skalen zueinander. Häufig lässt sich ein Kunstwerk auf beide Weisen gültig betrachten. Wir wissen von Dichtung allgemein, dass ihr musikalischer Klang kaum nebensächlich ist und sich nicht nur im Mitschwingen von Homologien am Funktionieren des Gedichts beteiligt. Wir wissen auch von den unzähligen Erscheinungsformen eines Gedichts und dass dieselben Worte, flüchtig linear durchgelesen, gehört, langsamer, durcheinander gelesen oder gar analysiert mit Mühe als dasselbe Gebilde erkennbar sind.

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Gemeinhin wird ein Gedicht als etwas Statisches untersucht, man zielt dabei auf Ergebnisse ab. Was man vom Gedicht erfährt und durch es erlebt, wird dem Gedicht zugeschrieben, gegebenenfalls gutgeschrieben und im Gedicht verbucht. Man macht das Buch zu und die Ergebnisse der Lektüre sind fortan an dieser Stelle im Regal zu finden, bzw. in Annexform in einer Rezension oder wissenschaftlichen Arbeit. So vergrößert sich die Menge davon, was ein Gedicht ist, mit den Lektüreinstanzen, die Lesarten stapeln sich sozureden auf dem Text. Etwas seltener wird die Rezeption eines Texts in seinem Ablauf untersucht, als Abfolge von Ereignissen. Wenn auch die Metapher vom Text als Partitur eine gängige und abgedroschene ist [1], sind die Konsequenzen einer solchen Sicht- oder Hörweise nichts, womit wir sehr vertraut umgingen [2]. Während, wenn wir etwas mehr ins Detail gehen, der Klang, die sinnliche Manifestation von Texten durchaus ein akzeptiertes und bekanntes Rezeptionsfeld ist, sind die damit oft simultanen, aber ungleich komplexeren kognitiven Prozesse eher im Schatten geblieben, vermutlich gerade wegen ihrer Komplexität und Unsichtbarkeit einerseits, andererseits, weil Denken mit einem Hantieren mit Gedanken gleichgesetzt wird. Während uns die Terminologie der Musik zur Verfügung steht, um den klanglichen Ablauf eines Texts zu beschreiben, sind die Begriffe, mit denen wir arbeiten können, wenn wir geistige Prozesse untersuchen, disparat und erratisch, ziehen jeweils ganze philosophische Systeme und haufenweise Theorien und Annahmen mit sich, wie eben Pointe, Homologie, die ganze Terminologie der Rhetorik, der Psychoanalyse, etc. Hinzu kommt, dass die Metasprache häufig viel grober ist als ihre Untersuchungsgegenstände, wenn wir von Literatur sprechen. Erlauben wir uns dabei, alle sprachlichen Register zu ziehen, so kommt erst wieder ein quasiliterarischer Text zustande, der mehr abverlangt, als man offenbar auf einer normativen Ebene der Allgemeinheit zumuten kann.

( Was in der Literatur als “sprachliche Schöpfung” sanktioniert und als Originalität gefragt ist, wird in einem wissenschaftlichen Kontext als “Einführen neuer Begrifflichkeiten” scheel angesehen. Dann wird auf Ockham’s Rasiermesser verwiesen, obwohl ein Prinzip der begrifflichen Ökonomie ja gerade nicht besagt, man solle lieber mit umständlichen und plumpen, aber etablierten Begrifflichkeiten arbeiten, als neue zu erfinden. Außerdem kann sich ein literarischer Text erlauben, Wohlwollen vorauszusetzen, während wissenschaftliche Begrifflichkeit zwingend, allgemein einleuchtend, leicht handhabbar und übertragbar sein sollte, um in ganz unterschiedlichen Kontexten gebrauchstüchtig zu bleiben. Das sind nicht immer die Eigenschaften, die überlieferte Begriffe aufweisen. Sie sind nicht einmal immer besonders deppensicher. Jedes Mal muss man sie neu klären, bevor man mit ihnen arbeitet, nicht alle machen das, dann müssen auch noch Missverständnisse geklärt werden. Weil wissenschaftliche Begriffe nichts mit Unwägbarkeiten der Seele zu tun haben dürfen, bleiben diese außen vor und verdrücken dann doch alles in einem kaum unter Kontrolle zu haltenden Rahmen außerhalb der Reichweite der Wissenschaft. Man mag einen Begriff oder lehnt ihn ab, und meistens hat das Gründe, die für die Verfeinerung der Begriffe sehr interessant wären. Andererseits steht, wenn man das macht, immer mehr in Frage, als man überhaupt untersuchen kann, man verzettelt sich und so weiter.)

Ein textrezeptiver Ablauf, der völlig klar und einfach im Erleben vorliegt, kann oft kaum beschrieben werden, obwohl nichts Mysteriöses oder Außergewöhnliches an ihm ist, zum Beispiel sehen die Ironietheorien meist ziemlich blass aus. [3]

Auf einer primitiven strukturellen Ebene haben ein rhythmisches und ein Sinngebilde gemeinsam, dass sie sich dialektisch in den Möglichkeiten von Gleichförmigkeit und Differenz ( Abweichung, Kontrast ) bewegen. Das lässt sich nicht von der Funktionsweise des menschlichen Hirns abstrahieren. Wie Regelmäßigkeit und Abweichung erkannt werden, wird, zum praktischen Nutzen in der Informatik, als Pattern Recognition erforscht, ein Feld, das die Rezeption von allem betrifft und das wir hier nicht betreten wollen, mangels Übersichtsliteratur auch nicht können. Diese Dialektik lässt sich allerdings mit der von Selektion und Projektion kurzschließen. Um überhaupt den Unterschied zwischen Gleichförmigkeit und Abweichung zu konturieren, ist eine ausreichende Manifestation von Gleichförmigkeit notwendig, andernfalls wäre die ständige Unterschiedlichkeit gleichförmig. Die Liste “Ei, Lauch, Abstraktion, Jessasmaria, T-shirt, verdammt, Stift, Tisch, Erhabenheit, gegessen, singen, dreckig” werden wir, unfähig, darin Parameter zu erkennen, als zufällig, chaotisch, sinnlos verbuchen, während wir in “Ei, Ei, Ei, T-shirt, Ei” sofort ein Muster erkennen, das von einer Abweichung durchbrochen wird, ebenso in “Ei, T-shirt, Lauch, Tisch, Stift, Messer, Tesafilm, Papier, Erhabenheit, Laptop”: ein plötzliches Abstraktum sticht heraus. In “Ei, Ei, Ei, T-shirt, Ei” wird die Abweichung parallel zum Sinn auch durch den Klang erzeugt. Wir haben einige dieser Dynamiken oben beim Pointenwitz illustriert. Eine Pointe jedoch stellt eine Einlösung durch plötzliche Enthüllung der Doppelnatur der im Anlauf auf sie erlebten Strukturen dar, eine Sinngebung dessen, was wir bis zu ihr durchgemacht haben. Oswald Wiener zufolge vergessen wir danach die Sache, verbuchen sie als erledigt [4] , zumindest: Wenn wir Menschen sind, die sich keine Witze merken, dann aus diesem Grund.

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[1] - Aus irgendeinem Grund wird einfach das Wort “Partitur” gerne gesagt. Es klingt wohl etwas gelehrter und weniger naiv, als wenn man bloß ein Gedicht mit Musik vergleichen würde. Tatsächlich gibt die Metapher in den Fällen, wo sie nicht hinkt - beispielsweise angewandt auf Lautgedichte fuer mehrere Stimmen, wie sie Hugo Ball oder Tristan Tzara für ihr Cabaret zu Papier brachten, oder in Gerhard Rühms Stück “12:4 für 4 stimmen” (1962; in: Die Wiener Gruppe. Wien, New York: Springer 1997. S. 616ff) - nicht viel her, weil sie wörtlich zutrifft, und wo dies nicht der Fall ist, hinkt sie zum Himmel.
[2] - Und doch sein müssten, sind sie doch das, was auf Visualisierungen von Gehirnaktivitätsmessungen erscheinen.
[3] - Jemand müsste die Geduld und die wissenschaftliche Selbstsicherheit haben, um in der Arbeit eines Lebens ein paar der grundlegendsten und einfachsten geistigen Vorgänge auf einer Metaebene zu bezeichnen, denkt man sich. Damit man, jetzt im Beispiel Ironie, nicht immer von Differenz wie von einem großen fetten Kausalgrund spricht und dort stehenbleibt. Und so. Allerdings haben es eh schon viele gemacht. Sie haben sich mit ihren Begriffssystemen dabei aus intrinsischer Notwendigkeit zu weit aus dem Fenster der Konvention gelehnt, um vom Kanon getragen zu werden. Viele sind im Irrenhaus gelandet oder in der Gosse.
[4] - Oswald Wiener: Humbug. In: Der Ficker 2. Wien: Schlebrügge 2006. S. 96-116.

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Ann Cotten : Nach der Welt - Die Listen der Konkreten Poesie und ihre Folgen . Nicht- Erzählung mit Manifest - Klever Verlag , Wien 2008

Ann Cotten @ Salon Littéraire

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HINWEIS

Heute , 25. 9. , stellt Ann Cotten in Wien ihr neues Buch “Nach der Welt” im Rahmen der Inaugurationsveranstaltung des Klever- Verlags vorstellen . Es lesen weiters : Andreas Okopenko und Leopold Federmair . Literarisches Quartier Alte Schmiede , Wien , 19 H .

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Salon Littéraire | Dieter Sperl : Hitze oder Regen



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Salon Littéraire | Dieter Sperl :

Hitze oder Regen

Hitze_oder_Regen_copyright_Dieter_Sperl

Sein bislang letztes Buch, das der Schriftsteller vor mehr als zwei Jahren abgeschlossen und alsdann einem Verlag zur Veröffentlichung angeboten hatte, kam ihm nun, da es endlich publiziert war und vor ihm auf dem Tisch lag, weit von ihm fortgerückt vor, und voll von Verlangen und Sehnsüchten, die mit ihm kaum noch etwas zu tun hatten.

Beim Wiederlesen schien es ihm sogar, als ob er die möglichen Wirkkräfte der einzelnen kleinen Prosastückchen überhaupt nicht mehr nachvollziehen könne, so fremd waren sie ihm geworden. Diese Partikel noch zu schreibender Geschichten oder noch auszuformender Rhythmen schlugen wohl zu Anfang seines Buches eine gemeinsame, wenn auch bloß atmosphärische Richtung vor, verliefen sich jedoch, von Seite zu Seite immer häufiger, um am Ende im Niemandsland ihrer Möglichkeiten zu versanden. Seiner Frau gegenüber hatte er die Veröffentlichung als sentimentales Gerümpel bezeichnet, als unverständliche Sehnsuchtsgegend, die er dem Leser aufgetischt hatte. Aber als er vor mehr als vier Jahren mit dem Buch anfing, hatte er sich vorgenommen, Geschichten zu schreiben, die wie die Hitze sein sollten, die an besonders heißen Tagen über dem Asphalt schwebte, oder die wie schnelle und überraschende Regenschauer vom Himmel kommen sollten, - berauschend und erfrischend. Jedes literarische Buch müsse stets sinnlich sein und glaubhaft aus Körpersäften bestehen, hatte er seiner Frau gegenüber bemerkt, einen sozialen Raum durchqueren müsse es überdies, um letzten Endes ins Offene zu weisen, wie ein Flugzeug, das mit seiner vielfältigen Besatzung am Himmel eine Kondensspur ziehe, die man Minuten später nicht mehr ausmachen könne. Und etwas, das wahrhaftig universell über jeden gerade gelesenen Satz hinaus treibe, müsse immer zugegen sein, sagte er, eine Art von Leere als Botenstoff, unmissverständlich spürbar, sichtbar in jedem Ausdruck, absolut offen und beweglich. Was in seinem Buch zu lesen stand, waren dagegen eher mit Politik voll geschriebene Gesichtszüge, die in ihren Bedeutungshorizonten relativ festgezurrt waren. Dennoch machte der Schriftsteller ein zufriedenes Gesicht, als er sein Buch betrachtete, während an der Wand rechts von seinem Schreibtisch ein stilles rhombusartiges Sonnenstück erschien, das in jenem Moment, da er es bemerkte, auch schon wieder verschwand. Daraufhin schrieb er die folgende Notiz auf das Deckblatt seines Buches: Jeder Augenblick, der auf mich zutritt, ist noch nie gelebt worden zuvor, solcherart frei von Vorstellungen, - und zugleich ewig während.

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Dieter Sperl

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Peter Kurzeck : Erinnerung , sprich



||| Das neue Werk des Erzählers Peter Kurzeck gibt es auschliesslich in gesprochener Fassung

czz | NZZ , 4. 7. 2008

icon welleWenige verstehen sich so auf die Kunst der Erinnerung und deren poetische Vignettierung wie der 1943 im einstigen Sudetenland geborene und mit der Familie 1946 in der hessischen Provinz gestrandete Peter Kurzeck . In seinem mittlerweile vier Bände zählenden Prosawerk spiegeln die trivialsten Daten den Abglanz jener Ur- Erinnerung, welche noch in den schlimmsten Krisen späterer ( Schreib- ) Einsamkeiten glimmt .

LEBENDIGE REDE

icon welleEine Grundpartitur der selten lichten Memoiren aus der Nachkriegszeit gab Kurzeck 1987 mit dem Roman “Kein Frühling” . Nun , da er mit der Erzählung “Ein Sommer , der bleibt” noch einmal in den Kosmos der Kindheit blickt , lässt er als Live- Erzähler die Lichtfäden dieser Erinnerung in der Brise des Atems flattern . Dank dem auf den Originalton freier Rede spezialisierten Label Supposé konnte das Stück in Form eines ausschliesslich gesprochenen Werks erscheinen . Im stillen Studio entstand beim allmählichen Verfertigen des Denkens beim Reden eine veritable Rhapsodie .

Die Anspielung auf antike Epen ist nicht zu hoch gegriffen : Die ursprünglich mündlich tradierten Stoffe handeln oft von Goldenen Zeitaltern und deren Verwehen . Sie spielen in einem geschlossenen Kosmos . Und sie bedienen sich der Memorialtechniken von Leitmotiven , Refrains und Rhythmen , um erinnerbar und erzählbar zu bleiben .

MODERNER RHAPSODE

icon welleKurzecks Umkreisungen des Dörfchens Staufenberg und seines Weichbildes erzählen sich keineswegs “irgendwie” hin . Im Gegenteil orientiert sich der Sprecher im Studio am Wechsel der Jahreszeiten , an topographischen Markern , kurz : an den “topoi” der klassischen Rhetorik . In den ersten Sequenzen von Kurzecks Erzählkreis wird mit dem Blick aus den Fenstern des Wohnquartiers nicht nur das Terrain des Geschehens abgesteckt , sondern auch eine Poetologie skizziert .

Hinter lehmigen Dorfstrassen weiten sich die Flusslandschaften von Lumda und Lahn , über Allem thront stolz der markante Basaltfelsen von Staufenberg mit Burg und Oberdorf . Steil erheben sich die nach oben gestaffelten Häuserfronten als Leinwand für atmosphärische Lichtspiele . Kurzeck erzählt von der ( Kinder ?- ) Phantasie , man möge dieses hessische Pueblo entweder in den verschiedensten Schattierungen schwarzer Farben malen oder aber in allen Nuancen von Weiss .

WILLE ZUR STILISIERUNG

icon welleDer Hinweis auf das Entweder- Oder von Schwarz und Weiss signalisiert ein Wissen um die Stilisierung des Berichtes : im Willen zur Verklärung dessen , was unwiederbringlich verloren ist , und in der Verdichtung der Kindheitserzählung auf den Lauf eines mythischen Jahreskreises .

Da ist der Frühling 1946 mit der Ankunft des kaum Dreijährigen und der aus Böhmen “ausgesiedelten” Familie und der Erkundung der neuen Lebenswelt . Maikäfer und Ameisenflug wecken pochende Vorfreuden . Endlich öffnet sich das Tor zu jenem “Sommer , der bleibt” , wo Dorf, Wald , Feld und Fluss sich den Streifzügen des Kindes unterbreiten : ein Huckleberry Finn an der Lahn .

Mit dem Herbst hebt ein weiterer Bogen an , der von walnussbraunen Fingern , Schule und wachsendem Lesehunger handelt . Der Winter bringt warme , ins Halbdunkel der 25- Watt- Birnen getauchte Innenbilder der Familie . In kristallinem Licht erscheint dahingegen eine Szene euphorischer Emanzipation : Über gleissenden Schnee jagt der Knabe unbändig freiheitsfreudig ins Weite . In den Farben des Schnees kehren jene Nuancen von Weiss wieder , in welchen Kurzeck eingangs das ganze Dorf gemalt haben wollte.

DEN BETON SPRENGEN

icon wellePeter Kurzecks erinnerte Zeit wandelt sich dort in eine “verlorene” , als mit dem Ausbau der Giessener Stadtautobahn die Landschaft hinter Beton verschwindet . Das mit der Automobilisierung parallel ziehende Zeitalter des Fernsehens entpuppt sich als Folge verstellter Nahsicht . Hier endet die Epoche der Kindersommer , und der Chronist findet eine Gegenwelt in den Bars der amerikanischen Soldaten . Unversehens und im Singsang der Rede führen die rhapsodischen Bögen aus dem Paradies sinnlicher Weltbegegnung in die Beton- Epoche des verwalteten Lebens .

Peter Kurzecks “Ein Sommer , der bleibt” spricht beredt , virtuos und akzentuiert von der lebendigen Erinnerung als einer Kraft , die fähig sein kann , den Beton des Jetzt zu sprengen .

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LITERARISCHE BLOGS | poetologische positionen



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WEBLITERATUR : EIN HYPE …

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollereEs muss irgendwann gegen Ende der 80er Jahre und ergo mitten im Web 1.5 gewesen sein : Als “Globalisierung” noch kein Unwort war und infinite Informationsströme nicht Synonym für Attention Deficit Disorder . Die Nerds out there im bläulichen Licht ihrer Konsolen verstanden sich als Synapsen eines superhumanen Hirns . Das Global Village bot neben den gesellschaftlichen Utopien von Dezentralisierung und Partizipation , der Hoffnung auf die ( dann tatsächlich eingetretenen ) Flexibilisierung von Tages- , und Lebensläufen auch eine Menge Treibstoff für Theorie- strotzende Triebabfuhr . Noch war man nicht “Schwarmintelligenz” , sondern Elite , Bleifuss fest auf dem “Diskurs” . Schliesslich galt es , mit babylonischen Neologismen , entlehnten Epistemen und laufend aufdatierten Projektdesigns Kredit zu kriegen in den realen und symbolischen Ökonomien .

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… UND SEINE FOLGEN

Als das Web Zwei Null plötzlich schnöde für Jedermann da und Rainald Goetz’ “Abfall für Alle” gedruckt , gebunden und teils schon wieder beim Antiquar gelandet war : Wo sind sie geblieben , die Apologeten des Hyper- , Meta- , Ultra- und Infra- Literarischen , respektive : des exquisiten Kadavers einer genuinen Netz- Literatur ? - Projekte wie “PooL” sehen heute nachgerade archäologisch aus , Protagonisten des Hypertext- Hypes haben sich einträglicheren Geschäftsmodellen wie readme zugewandt . Geblieben sind praktikable Online- Anthologien wie lyrikline.org , lyrikwelt.de oder lyrikkritik , Serviceportale wie Bluetenleser und das zeitweilig belachte Marbacher Literaturportal . Geblieben sind die Online- Schaufenster von Frischtext- Print- Periodica . Geblieben sind aber auch Kollektiv- Text- und Tagebücher wie Nensch . Geblieben die in sich geschlossenen kommunizierenden Gefässe wie Forum der 13 oder der goldene fisch .

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BLOGS , LITERARISCH

Geblieben ist allerdings auch eine Fülle “literarischer” Weblogs : Meist Ego- Shooter , welche mit mehr oder weniger Ernst teils in in strengen Kammern oder auf den Registern eines “erweiterten” Literaturbegriffs spielen . Gilt den Einen das ICH als hyperbolischer Weltenspiegel , splittern sich Andere knirsched oder grinsend in Partialsubjekte auf : also ganz wie in der belletristischen Echtwelt . Unter solchen Umständen ist es praktisch , wenn sich notorische Mono- Publisher

  1. zu einem Netzwerk der unterschiedlichen Temperamente und Performanzen zusammen schliessen sowie
  2. sich und einander je eine Definition des individuellen Verständnissen “literarischen” Bloggens abnötigen .

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POETOLOGISCHE POSITIONEN

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollerePunkt eins wurde mit litblogs.net ins Leben gerufen . Und Punkt zwei liegt mit Ausgabe 5 der Zeitschrift spa_tien in gedruckter Form vor . Der jetzt fällige DISCLAIMER folgt promt : Wenn sich in|ad|ae|qu|at seit kurzem zu den Benetzten zählen darf , so geschah dies nicht aufgrund ästhetischer Präferenzen oder literarischer Sekten und Schulen . Entsprechend stiessen wir erst längst nach Redaktionsschluss des vorliegenden Heftes hinzu . Nicht zum Liebesdienst , nicht als Eigenwerbung taugen unsere kurzen Bemerkungen zur diskursiven Selbstdarstellung “literarischer” Blogger : Die Überprüfung manch vollmundiger Thesen anhand der tagtäglich ins Web fliessenden Texte sei dem p. t. Lesenden selbst vorbehalten . Wir nehmen es jetzt strikt alphabetisch .

Manche der Selbstaussagen zum eigenen Blog- Werken wurden ihrerseits in bewusst poetischer Desinvolture gehalten , dass diese sich einer diskursiven Paraphrasierung ( vulgo theoretischen Einordnung ) entziehen . In diesem Sinne mag sich der Leser der spa_tien selbst ein Bild machen von den immanenten Poetiken , wie sie Helmut Schulze für sein Blog PARALLALIE oder Andreas Louis Seyerlein zu AIRMAIL formulieren .

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NON- EGO & ALLMÄHLICHE VERFERTIGUNG

Alciati Emblematum liber 1531 Mentem non formam plus pollere HARTMUT ABENDSCHEIN ( *1969 ) ist - zusammen mit Markus A. Hediger ( *1969 ) - Begründer von litblogs.net sowie Herausgeber der “spa_tien - zeitschrift für literatur” . In den diskursiven Überlegungen zum Thema praktiziert Abendschein die auch für sein Blog TABERNA KRITIKA charakteristische Form des ( fiktiven ) Dialogs . Was , nebenbei bemerkt , weniger “literarisch” anmuten muss , als es auf den ersten Blick wirkt : Die Vorliebe deutscher “A- Blogger” , einander gegenseitig zu interviewen , kann mittlerweile als notorisch gelten . Abendschein indes markiert Abstand zum trügerischen ICH des “Webtagebuchs” - ebenso allerdings zu den “trackback”- Techniken des Community- und Authority- Building :

hören sie mir doch bitte damit auf ! als machte ein link ein weblog aus ! die ganze diskussion um links und kommentare und trackbacks, pingbacks undsoweiter. lächerlich. ( … ) aber fakt ist: ich schreibe. das können sie gar nicht wegdiskutieren. und ja: ich benutze da so ein system. ob ich da nun verlinke oder auch nicht. überhaupt: das lesen und schreiben. eine einzige verlinkung. da braucht man gar kein <a href=”"></a>zu setzen.nein. das macht der leser oder die leserin selbst.

Für den Autor bietet das Blog Raum für jene “kleinen formen”, welche sich sukzessive in- und miteinander “verschalten” . Das Blog also als Medium , dem Druck des “grossen Wurfs” zugunsten von “Materialklumpen” zu entkommen oder , nach Kleist : “Über die allmähliche Vernetzung des Schreibens mit dem Schreiben ” allmählich “Werk” zu werden .

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PRAXIS ABSEITS DER INSTITUTIONEN