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Distant Voices , Still Lives : Günther Schifter 1923 - 2008



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WER SPRICHT : GENERATION “NOSTALGIE”

czz-pikto-blind-fuer-todEs ist wohl ein bisschen “tricky” , als in|adae|qu|at zufälliges Element jener ( nota bene : freiwilligen ) Generations- Selbstdefinitionen , die sich über historische Marken und deren Konsum definierten ( “Generation Golf” , in Österreich “Wickie , Slime und Paiper” ) und die mittlerweile indes mitten im “Wir nennen es Arbeit Ego- Marketing” angelangt sind , über einen passionierten und professionellen Nostalgiker zu schreiben . Aber es sei : Denn Günther Schifter , seit 1949 im “Sender Rot Weiss Rot” , später auf Radio Wien , als Schellack- und Jazz- Experte in mehr als 2.000 Sendungen on air , ist verstorben .

Dass wir , in die Radio- Klanglandschaft der siebziger Jahre hineinpubertierend , zunächst relativ wenig Verständnis aufbringen konnten für den uns saturiert- selbstgefällig anmutenden Sound von Schifters satter Radiostimme , lag auf der Hand . Nicht einmal sein Markenzeichen - das “Howdy” am Beginn jeder dieser Retro- Rundfunkstunden - wussten wir zu würdigen : Schliesslich kannten wir das Wort allenfalls von den so raren wie fast unbezahlbaren “Snoopy“- Merchandizing- Schul- und Schreibwaren , die wir aus lauter Besitzerstolz natürlich nie benutzten , sondern bis zum Welkwerden erster Jugendblüte aufhoben , um sie dann nächtlings und nebels nur umso wütender in den Müllkübel zu schmettern . Freilich sorgfältig eingerollt in Zeitungspapier . Könnte ja Jemand merken .

Die Zeit , als Sinn und Antennen sich für die Feinen Unterschiede in Musik und Kleidungsstil schärften , fiel recht trefflich mit der Epoche nächtlicher Radioexperimente zusammen : Auge in Auge mit dem alten Transistor - und frei von den Sozial- und Stilkontrollen des Schulhofs - tastete man sich Millimeter für Millimeter die Senderskala entlang , um auf den gezählten drei österreichischen Sendern mitunter Seltsames , Irritierendes und irgendwie interessant Anzügliches zwischen Karajan- Tschaikowski- Gedröhne und dem “Blaugelben Wunschkonzert” zu ergattern . “Learning by doing” hiess die Devise ( kein Gedanke , die Wahrnehmungen etwa mit einem gedruckten Radioprogramm abzugleichen ) und der Zustand schlicht “addiction” .

Hier , im superprivaten Tête à Tête - wörtlich : mit Einohrstöpsel und unter der Bettdecke - mit den Stimmen von Walter Richard Langer ( “vokal - instrumental - international” ) , Gerhard BronnersSchlager für Fortgeschrittene” und Günther Schifters markantem Driften zwischen Jazzjargon , als Anekdoten getarnten zeithistorischen Fakten ( Lebensmittelkarten , Kriegsereignisse ) und einer sehr amerikanischen Weise , das schwierige Terrain mit einem flotten Sager wieder zu verlassen , war man ganz Ohr und soff , so viel man konnte .

Unerschwinglich , daher Weihnachtswunsch an die Familie : Den schief auf Tonkassetten eingesungenen “Abba”- Coverversionen ( = Erstbesitz an akustischen Datenträgern ) folgte unmittelbar Miles Davis’ “Bitches Brew” .

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RADIO PERSONALITY

czz-pikto-blind-fuer-todBeim allmählichen Zurücktasten in die Be- Bop- und Birth- of- Cool- Ära wurde “der Schifter” - obwohl für den 15- jährigen Geschmack noch immer ein bissel zu “alt” und irgendwie “onkelhaft” - allmählich zum regelmässigen Funkkolleg in Sachen Jazzgeschichte . Blieb freilich Privatissimum .

Denn nach aussen gab man sich in dicht aufeinanderfolgenden Phasen als “Alternativ” , “Mod” , Röhrenjeans- Roquette ( Led Zeppelin und , unvermeidlich , Deep Purple “Live in Japan” ) bis alles in schönster Vereinigung seinen Ort in der “Musicbox” fand : Wolfgang Kos , Walter Gröbchen , Fritz Ostermayer , Blumenau & Team , speziell aber Grossmeister Werner Geier gaben die Tonspur zu einem fortan phantastischen und folgenreichen Echtleben .

Post- Punk-, Wave- , Art- Rock und den neudeutschen Pop- Aufbrüchen um 1982 . Grund genug , nach der Schule straks nach Hause zu laufen , das ostentativ grindige Behältnis für Lehrstoffe und Leermaterialien in die Ecke zu pfeffern und punkt 15.05 Uhr die RECORD- Taste des vorbereiteten Kassettenrecorders zu drücken . Das Mittagessen brachte man in der Dreissig- Minuten- Frist bis zum Tape- Umdrehen mehr übel als wohl hinter sich . Dann sofort wieder in den Stall : Zweite Sendungshälfe live hören , die recordierte erste sodann . Umdrehen und Wieder- Umdrehen , solange der billige Datenträger hielt .

Was das alles mit Günther Schifter zu tun hat ? - In Werner Geier fanden wir unseren Helden , THE VOICE , und glaubten , keiner könne - egal ob im “Nachtexpress” oder in der “Box” - Sätze so satt in den Raum setzen wie er . Sätze indes , die nicht nur redeten , sondern Sätze , die auch etwas zu sagen hatten . Sätze , die einen Rhythmus besassen , Speed zulegen konnten oder wirkungsträchtig synkopierten . Sätze eben , wie man sie von den grossen Radio- Personalities der anglo- amerikanischen Sphäre kennt . Jetzt , da Werner seit fast genau neun Monaten tot ist , haben wir - neben dem Rap - in Günther Schifter einen seiner Meister erkannt .

Und wieder neu zu hören , hinzuhören begonnen . In vielerlei Hinsicht mit grossem Gewinn : Fort waren mit einem Mal die Altherren- Anmutung , der Eindruck der Dixieland- Biederkeit ( Woody Allen ! ) und das im Wiener Mief besonders beliebte “Anekdoteln” : Die Einrichtung eines enormen Sendungsarchivs in der “Österreichischen Mediathek” bot reichlich Gelegenheit zum Nachholen des aus Gründen juveniler Vorverurteilung Versäumten . Am betont nostalgischen User- Interface sollte man sich freilich nicht stören .

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“SCHLURFS” , “ZOOTS” : NEGERMUSIK GEGEN BRAUN

czz-pikto-blind-fuer-todEinen schönen Fund der Oral History- Potentiale des unmoderaten Moderators haben wir im Archiv des Bezirksradios “Wien Neubau” gefunden : “Günther , der Schlurf” ( April 2007 ) bezieht sich auf die Jugend- und Gegenkultur der Kriegs- und Nachkriegszeit : wo der Jazz zunächst schlicht als “entartet” , später als dekadente “Negermusik” galt , geriet der Lauscher von “Feindsendern” und Organisator privater Plattenparties ins Anhaltelager , ins Verhör der GeStaPo sowie zur Vergatterung in den Arbeitsdienst . “Aber bitt’ schön” , so Schifter , “samma froh , dass es vorüber is’” .

Hier die zwei Teile von Johannes Knierzingers sehr empfehlenswerten Sendung - man lehne sich zurück und störe sich nicht weiter am mitunter etwas harzenden Ablauf des Streams :

Teil 1 ( Musik : John Williams - Cantina Band ( Starwars IV ) , Raymond Scott - Twilight in Turkey , Lionel Hampton - Taste of Honey , Bert Ambrose - Ah ! Sweet Mystery Of Life , Harry James - September Song , Helmuth Qualtinger - Der g’schnupfte Ferl )

Teil 2 ( Musik : Ernst van t’Hoff - Alles wird gut , The Washingtonians - Soliloqui , Lionel Hampton - The Huckle Buck , Caroll Gibbons - Broadway Melody )

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GOT THE RHYTHM

Als Interviewer und Live- Kommentator eines frühen Auftritts der “Barrelhouse Jazzband” ( BHJB ) im Wiener “Jazzland” trat Schifter auch vor die Kamera : Abgesehen vom etwas maulfaulen Radebrechen der Musiker , dem “interessanten” Bühnen- Dekor sowie dem Stil bzw. Styling des sitzenden Publikums um 1960 um 1966 ( siehe Kommentar ! ) sind einige schöne Aufnahmen eines Tonstudios ( Regler , Bandspulen ) zu entdecken . Und natürlich Schifter : Schmissig und elegant .

Günther Schifter - Barrelhouse Jazzband : Lonesome World & I Got Rythm

 

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LISTENING ADVICE . HÖR- HINWEIS

czz-pikto-blind-fuer-todDie offiziellen Nachrufe sind geschrieben , die Foren füllen sich : Wir sehen davon ab , all das abzuschreiben und zu wiederholen , sondern setzen die entsprechenden Ezzes in die Linkliste .

Dezidiert hinweisen möchten wir allerdings auf zwei ausgeuchte akustische Stunden :

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LINKS

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RELATED

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POSTSKRIPTUM - Ergänzungen herzlich erbeten -

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Audio : Viel !



||| ENTWARNUNG | HÖRBÜCHER : CHIFFRES D’AFFAIRES UND MISS- GEBRAUCHS- ANLETUNG IM ECHTLEBEN | ZU TOD , LEBEN UND DEM , WAS DAZWISCHEN LIEGT | FOOD FOR THOUGHT : KULINARIKER IM ‘TROCKENEN’ STUDIO | KLANGAPPARAT

ENTWARNUNG

icon listening blackWer kennt es nicht , das angstvolle Bangen , wenn dein Lieblingswirt dichtmacht oder auch nur der bevorzugte Servierkörper von einem Tag auf den andern verschwindet ? - Keinen wesentlich anderen Nerv treffen jene Ängste , welche ins Wissbare kriechen , wenn es sich einen Lieferanten überlebensnotwendiger Musikalien ( seien diese nun gerührt oder geschüttelt ) handelt . Was Tom Larson , Selbst- Entwerfender Free- Lancierer auf allerlei Kanälen - anbelangt , kann endlich ENTWARNUNG gegeben werden : Nach einigen kryyptischen Vor- Zeichen auf wohlinformierten Blogs und wiederholt vergeblichem Passieren der inzwischen offenbar an Meistbietende weitergegebenen Heimseite , taucht der gute Mann plötzlich wieder auf und setzt auf Mixotic seine “Klänge der Nacht” fort , als wäre nichts gewesen . Dies als Vorwegnahme des KLANGAPPARATS , was insoferne nicht der Wahrheit entspricht , als heute auschliesslich Audiophones auf dem Menueplan steht .

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HÖRBÜCHER : CHIFFRES D’AFFAIRES UND MISS- GEBRAUCHS- ANLETUNG IM ECHTLEBEN

icon listening whiteMögen sich die Marketingstrategen der Hörbuchverlage ob der ins Einstellige abstürzten Wachstumsraten der betreffenden Warengruppe auf dem deutschen Markt das verbliebene Resthaar raufen : Die Schweiz und Österreich gelten noch als Entwicklungsländer , war die Zuwächse und Po( e )tentiale betrifft . Mit allerlei Messen will man die Massen mobilisieren , eine Drückung der Mehrwertsteuer und 15 auf sieben Prozent wird als Silberstreif an den Absatzhorizont der ( imho ) meist überteuerten Silberlinge projiziert . Dass wir in|ad|ae|qu|at jederzeit für das Qualitätssegment des meist belächelten Mediums plädieren , dürfte mittlerweile durchgesickert sein . Fach- und Sachinteresse an jedweder akustischen Inszenierung von Stimme , Timing , Atmosphäre spielen da keine mindere Rolle als die Faszination an den Varietäten der von der Vox Humana in den akuten Lebensraum hinein gesprochenen Literatur .

Dass die Augen dabei frei schweifen und die Hände frei greifen können , erhöht nicht selten den Reiz : Siehe die Türe , deren Renovierung volle vier Durchläufe der Integrallesung von “Moby Dick gedauert hat - zu “Lebertran” assoziieren wir seitdem stets den beizenden Duft von Aceton , Thomas Glavinics verzichtbare Literaturbetriebssatire ( “Das bin doch ich . Roman” , Lesung Thomas Maurer [ ! ] ) hat das in vivo - Experiment an der verbliebenen Topfpflanze ebenso wenig überlebt wie diese : beide wurden gnädig der städtischen Müllentsorgung überantwortet .

Schade wars definitiv um Franz Kafkas “Verschollenen” ( vor Zeiten als “Amerika” tituhliert ) , dessen mit leicht ländlichen Anmutungen von Peter Simonischek angestimmte Audiofassung …. wenn schon keiner Boston Tea- Party , so doch einer über die aufgebreiteten Datenträger sich ergiessenden Earl Grey- Kippfigur zum feuchten Opfer fiel . Merke : Bei Gelegenheit das Fraunhofer Institut für angewandte Materialforschung anfragen , was da schädlicher gewesen war : Bergamotte, Hitze oder - schlicht die Milch .

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ZU TOD , LEBEN UND DEM , WAS DAZWISCHEN LIEGT

icon listening blackVon Leben und Tod , bezeihungsweise vom allmählichen Verfertigen von Verstehen und Vergessen ging die vorwöchige Audio- Text - Auswahl : Dank Hörbuch war auch die Angst davor genommen , den langjährigen Lese- Lebens- Gesellen - personifiziert von Philip Roths Nathan Zuckerman - mit “Exit Ghost” endgültig verlieren zu müssen . Man kennt das ja : Das schmerzliche “Winnetou III“- Syndrom … Aber der Autor ist einfach viel zu klug und sein Protagonist erotoman genug , nicht so leicht vom Leben zu lassen -

Während des vergangenen Jahrzehnts hat der heute 75- jährige Philip Roth sein literarisches Alter Ego Nathan Zuckerman allmählich aus der Rolle des Handelnden in die Position des Beobachters bugsiert : Seit der “amerikanischen Trilogie” figurierte der Selbandere zusehends als Chronist von Alter , Verfall und Tod seiner fiktiven Altersgenossen . Hatte “Jedermann” ( 2006 ) das Spiel vom Sterben des reichen Mannes erst einmal eröffnet , war die Bühne vorbereitet , von der nun auch Nathan in “Exit Ghost” abzurufen stand .

Verstrickt in platonischer Leidenschaft zu einer jungen New Yorker Amateur- Literatin , revoltiert der notorische Erotomane ein letztes Mal gegen die Knechtung durch den lumpigen Leib . Wie kräftig es um die literarische Potenz des Alternden steht , erweist der genial geführte Dialog , den er in den stillen Stunden ausdenkt , bevor er wieder in seine einsamen Berkshires flieht .

Da sich dieser finale Zuckerman- Roman aus zahlreichen Anspielungen auf frühere Werke speist , lohnt es , selbigen in den famosen Ausgaben des Hörverlags nachzulauschen . Unübertrefflich gestaltet Peter Fitz in “Jedermann” und “Exit Ghost” das ganze Spektrum von Lust , Wut und Resignation . Getragen vom Eros wacher Vitalität , kommt dieser Sprecher der literarischen Stimme des grossen Erzählers staunenswert nahe . So lassen sich akustisch jene Geister rufen , welche Roth ersann . ( more …)

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icon listening whiteVom allmählichen Herausgleiten aus der allgemein akkordierten ‘Realität’ des Lebens handelt Irene Disches tragikomische Etüde “Der Doktor braucht ein Heim” , vulgo , was einem auf den Wellen der im Kopf zusammenströmenden Flüsse von Erleben und Erinnern dahintreibenden alerten “Altersheimer” so widerfährt : Zweifellos eine anhand neuer Diagnose- und Krankheitsprofile aufdatierte Form des alten “Traum - und Wirklichkeits- Motivs -

Energisch verbittet er sich die Unterstellung , er sei mit seinen neunzig Jahren eventuell etwas “desorientiert” . Im Gegenteil scheint der “Doktor” sein bisheriges Leben als Biochemiker fortzusetzen . Sein innerer Monolog erzählt von “Konferenzen” an der Universität , wo er mit den Kollegen plaudert . Was kann er dafür , wenn sich eine impertinente Frauensperson bei seiner Ex- Gattin beschwert , der alte Herr störe den Betrieb der Notaufnahme ?!

In solchen Schocks manifestieren sich die Kollisionen der inneren Wirklichkeit des “Altersheimers” mit der äusseren Realität . Meisterlich assembliert die Erzählerin Irene Dische die Menschen und Stationen aus dem Leben ihres Helden zu Mischgestalten und fliessenden Topografien . In zwingender Logik legen sich im Kopfinnenraum des “Doktors” die Orte und Epochen wie durchscheinende Negativbilder übereinander : Die geliebte Frau wohnt auf der anderen Seite des Flusses , mag dieser nun der Hudson River sein, die Donau zu Wien oder der Seret im galizischen Drohobycz . Sonderbar nur , dass diese ( vor Jahren geschiedene ) Frau , deren Telefonnummer ihm als Rest von Alltagswissen geblieben ist , ihn partout nicht heimholen will . Statt “wagnerianischen” Apfelstrudel serviert sie dem Greis vielmehr die bittere Erinnerung , wie Mutter und Schwester im heimatlichen Drohobycz durch die Verbrechen der NS- “Banditen” zugrunde gegangen sind .

Die Tragödie des allmählich in seine innere Vorstellungswelt hineingleitenden Menschen : von Martin Wuttke als matt gegen ein unsichtbares Fenster flatternder Schmetterling gestaltet , von Irene Dische mit Zärtlichkeit , Situationskomik und Momenten des blitzartigen Aufleuchtens schlimmer Erinnerung erzählt . ( more …)

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icon listening blackDass wir nicht kapieren , was das sei , “der Tod” und was mit dem vor uns liegenden leblosen Wesen geschehen ist , bleibt so lange Plattitüde , als bis wir selbst vor dem Malheur stehen : Ulf Nilsson hat aus unserer Flucht in Geschäftigkeit und Pragmatik ein kaum vierzigminütiges Kinderhörspiel komponiert , das in Text wie Musik gewissermassen alle Register zieht : zuzumutem auch und vor allem Menschen , die das empfohlende Mindestalter der Zielgruppe weit überschritten haben -

Viel wird über den Tod geredet , doch oft wenig gesagt . Da kommt ausgerechnet ein Kinderhörspiel ( “Die besten Beerdigungen der Welt” ) daher , um in knappen 40 Minuten einen heiteren Katalog von Begegnungen mit dem Undenkbaren zu entfalten . Dabei handelt Ulf Nilssons Geschichte vom Treiben dreier Kinder an einem Sommertag zunächst von einer toten Hummel .

Flugs gründet die forsche Ester eine Firma und fortan wird sorgfältig in Zigarrenkistchen gebettet , was sich in Wald und Rain an sterblichen Überresten findet . Spitzmaus , Hamster , Heringe aus Mutters Kühlschrank : Alle erhalten sie eine formvollendete Bestattung .

Die Rollenverteilung der Kinder führt unversehens ein in mögliche Haltungen gegenüber dem Tod . Während Ester sich um das Pragmatische kümmert , ist deren kleiner Bruder für Trauer zuständig und für die “Warum ?”- Frage . Das namenlos bleibende Ich gibt den Verblichenen je ein kleines Poem mit auf den Weg . Und es sind just diese unreinen Reime , in denen der Autor undogmatisch die verschiedenen Vorstellungen über das Jenseits versteckt : Von “Kurzes Leben – Langer Tod” über “Schlafes Bruder” bis hin zur Hoffnung auf ein Wiedersehen eines «Himmels» ( nicht nur für Heringe ) . In sparsamer Munterkeit präsentiert die Sprecherin Fritzi Haberlandt dieses Inventar zwischen Nihilismus und Transzendenz .

Seine Vollendung erfährt dieses kleine – beileibe nicht nur für Kinder bereichernde – Meisterwerk durch eingängige Beispiele aus der musikalischen Rhetorik der Trauer : erdiger Blues , Streicher- Largo und als Finale der Vollklang der Orgel , vom Kirchenmusikdirektor zu St. Michaelis in Hamburg intoniert . ( more …)

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FOOD FOR THOUGHT : KULINARIKER IM ‘TROCKENEN’ STUDIO

icon listening whiteEine feine Menue- Folge hat der HR 2 Kultur für sein Sommerprogramm des intimen Radio- Gesprächs- Formats “Doppelkopf” ein- und angerichtet : “Am Tisch mit ….” bleibt auch nach der Ausstrahlung der aktuellen Sendung als Podcast zuhanden und im Form von MP3- Dateien speicherbar . - Da darf Vincent Klink natürlich ebenso wenig fehlen ( über gutes Brot und die verlorenen Tugenden des traditionellen Wirts ) wie die - zugegeben ! - erfreulich erfrischende Sarah Wiener . Auch wenn man deren TV- Appearance ebenso wenig kennt wie diejenige des Herrn der “Wielandshöhe” : selbst dessen arg “ver- Drosteten”Häuptling eigener Herd” muss man ebenso wenig mögen wie die säuerlichen “Nachgesalzen“- Kolumnen in der ZEIT ( das “Journal Culinaire” ist allerdings durchwegs zu empfehlen ) . Den bewunderten Stilisten Jürgen Dollase ( FAZ ) wird man indes von einer ganz neuen Seite kennen lernen : oder wusste jemand von dessen fliegendem Wechsel vom fastfood- genährten Rockmusiker zum Grossmeister trefflich verbalisierter Mundinnenforschung ?

Wie - dank Karl Ludwig Schweisfurth - aus der “Herta” [ ! ] - Massenwurstmaschine der , tja , achtsam- ökologische Betrieb der Herrmannsdorfer Landwerkstätten wurde oder was Margarethe Zülch , die hochbetagte Grande Dame aus einer 90 Jahre alten Frankfurter Kaffeerösterei und -Verschleissstelle ( “Cafe Wackers” ) zu erzählen weiss , wird nicht nur jene interessieren , denen Siebecks Ingwer längst ( um es schön österreichisch zu sagen) “bei den Ohren herauswächst” .

N. B. “Doppelkopf” funktioniert übrigens auch im allgemein als “unkulinarisch” verworfenen Mono … Zum Gucken beim Lauschen gibt’s “subkulinaria” : allerdings nur in Köln und @ shortlist - culture cuts .

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KLANGAPPARAT

Wie angekündigt also der unserer profanes Erdenleben in elegante Takte tauchende DJ Tom Larson : Nach längerem Sich- Rar- Machen liefert der czz-hoerempfehlunggute Mann wieder eine seiner gelassenen , doch subkutan gut durchpulsten Mischungen bei den Mixoticern ab . Da es sich um die “Klänge der Nacht” ( vol 5 ) - Schiene handelt ( welche Larson durchwegs in der Lesart von “Zimmerlautstärke” bedient ) , geht es mal wieder im besten Sinne um das im Kreis der Lampe einsam nachtwachende Individuum im Dialog mit sich , seiner Arbeit und was das sonst noch an Trabenten im solipsistischen Kosmos schwebt . Anregen , ohne aufzuregen , oder die Kunst der präzise gehandhabten basalen Stimulation : Wir stehen nicht an , diese Leistung als jene Injektion von “Qualität” ins Leben der Bohème des Prekariats zu erkennen und zu nennen , weil mensch ja von irgendwas leben muss . Selbst wenn dies sich mitunter auf die kalorischen Kicks der vom Dort ins Hier zirkulierenden musikalischen Vibrationen reduziert : Böse Menschen kennen , wie wir wissen , keine Lieder und vermögen diese auch nicht zu geniessen . Würden ergo auch nie zur Halbzeit des Larson’schen Achtzig- Minüters vordringen , wo sich die Beatz bestens in die augustäischen Ambiancen einschwingen . Glüclicherweise gestattet der Stream ( im Unterschied zum podcast ) keine Shortcuts . Folglich und -sam sei der Mix also schön von Alpha nach Omega zu hören . Und die Off- Stimme aus Funk und Fernsehen würde jetzt mit anzüglich belegter Stimme flüstern : “Es lohnt sich.” - CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN .

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10 Jahre Freies ‘Radio Orange’ und andere Funk- Geschichten



| WIENER DIVERSITÄT | CHARTA FREIE RADIOS | ROCK THE FREE NET | BRECHT- RADIO VS. RUNDFUNKTSTAATSVERTRAG | HÖRHINWEIS NPR RADIO- LAB : EMERGENCE | LOLLAPALOOZA | KLANGAPPARAT | LINKS

WIENER DIVERSITÄT

radio rougeMorgen , 2. August , feiert ORANGE 94.02 , das Freie Radio in Wien seinen honorigen 10. Geburtstag : standortgemäss im Fluc am Praterstern am 21.00 Uhr ! - Anlass , ein paar kleine Radiogeschichten auf in|ad|ae|qu|ate Sendung zu bringen .

ORANGE 94.0 ist Wiens erstes und einziges Freies Radio . Seit 17. August 1998 : Werbefrei , vielfältig und mitunter etwas schräg - was eben entsteht , wenn rund 500 ehrenamtliche MitarbeiterInnen Radio machen . Rund um die Uhr , in Wort und Musik . Auf UKW und via Net- Live- Stream .

Freies Radio ist in Europa an der Tagesordnung , in Österreich noch recht rar . Das Prinzip : Eine vielfältige Medienlandschaft ist dreisäulig . Neben dem öffentlich- rechtlichen und dem privat- kommerziellen Rundfunk trägt Freies Radio als dritte Sparte zu Medienvielfalt in einer Gesellschaft bei . Themen und ( gesellschaftliche ) Gruppen , die in den beiden erstgenannten Radioarten nicht oder kaum vorkommen , haben bei ORANGE 94.0 Zugang zu medialer Öffentlichkeit . So werden Menschen und Meingungen jenseits des Mainstreams und seiner werberelevanten “Zielgruppen” hörbar . Ermöglicht wird die dafür nötige Nichtkommerzialität durch Unterstützung , Förderung und Sponsoring , welches von der EU abseits bis zu lokalen Lokalen reicht .

Was das Wiener Stadtradio unter “Vielfalt” versteht , zeigt ein Blick ins heutige Programm : Von “PolySunrise” ( Produktionen des polycollege stöbergasse ) über die interkulturellen Magazine “Radio Afrika Afrika” , “Der arabische Morgen” , “The African Voice in Europe” und einem China- “Sound of Hope” bis hin zu verschiedenen Frauen- , Best- Age- und Tierrechts- Sendungen . Netz- und mediendemokratiepolitische Themen bringt der “Netwatcher” , von “unten” blickt “Radio Augustin” , Sendung der gleichnamigen Strassenzeitung , auf das Leben der Stadt . Dazu Hörspiele und Radiokunst im Austausch mit internationalen Partnern .

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CHARTA FREIE RADIOS

radio rougeWolfgang Hirner hat die Vor- Geschichte der Freien Radios - von der “Piratenphase” über die Legalisierung bis zur Expansion - konzise zusammengestellt . Heute ist man im “Verband Freier Radios Österreich” ( VfRÖ ) organisiert . Gemeinsam wurde eine Charta erarbeitet , welche sich - beruhend auf den Grundsätzen der Selbstbestimmung , Solidarität und Emanzipation - an folgenden Kriterien orientiert : Offenheit | Public Access , Gemeinnützigkeit | Nichtkommerzialität , Transparenz in der Organisation sowie Lokalbezug . Quer durch die Sender fördert die Plattform “Radiodialoge” interkulturelle Agenden in deutscher , englischer , bosnisch | kroatischer | serbischer , slovenischer und türkischer Sprache . Das Netzwerk :

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ROCK THE FREE NET

radio rougeDem umkämpften Thema der Netzneutralität - dass im Netz Daten jedweder Art unbehindert und unabhängig von deren Herkunft frei fluktuieren dürfen , also auch Filesharing und BitTorrents nicht von Providern gedrosselt werden - hat sich die “Future of Music Coalition” ( Blog ) verschrieben : Ein Manifest deklariert die Forderung des freien Vertriebs ( musikalischer ) Inhalte zugunsten freier Produzierender und gegen die Interessen von Musikindustrie und Technologiekonzernen . Mit einer “Rock the Net“- Initiative und gleichnamiger Compilation- CD will man nun “Awareness” auch bei einem breiteren Publikum stiften . Die CD st seit 29. Juli auf dem Markt und versammelt Tracks von Wilco , Bright Eyes , They Might Be Giants , DJ Spooky , Portastatic, The Wrens , Palomar , Free Form Funky Freqs ( Vernon Reid ) und anderen . “If you support net neutrality or the general concept behind it” , schreibt WIRED , “this is one release you may want to actually spend money on” .

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BRECHT- RADIO VS. RUNDFUNKTSTAATSVERTRAG

radio rougeIn einer Glosse ( “Medienbote” , 17. 7. ) hat sich der einstige Direktor von Radio Luxembourg , Gründer des Radiosenders 104.6 RTL in Berlin und heute selbständige Medienberater Bernt von zur Mühlen gegen die Totregulierung freier Netzradios durch die heiss umstrittene Novellierung des Rundfunkstaatsvertrags gewandt . Brechts Radiotheorie laufe Gefahr , dabei endgültig “unter die Räder” zu geraten :

Als Bertolt Brecht basisdemokratisch guter Laune war und davon sprach, dass jeder gleichzeitig Sender und Empfänger sein könne, konnte er nicht wissen, dass es für jede gute Idee in unserem Lande eine Aufsichtsbehörde gibt. Im Geflecht des Entwurfs für den 12. Rundfunkstaatsvertrag findet sich nämlich die einschüchternde Regelung, dass Streaming-Angebote im Internet, die mehr als 500 Nutzer gleichzeitig erreichen können, Rundfunk und damit genehmigungspflichtig sind. Wenn also eine Universität eine interessante Vorlesung ins Netz stellt und tatsächlich mehr als 500 Menschenkinder – was dem Sinn der Vorlesung gut tun würde – sich zeitgleich das anschauen, hat sich die löbliche Initiative der akademischen Welt in Rundfunk verwandelt. Auch der herrliche Vorstoß der Wagner-Enkel, ab diesem Sommer weltweit per Internet die Opern des Meisters zu übertragen, wird dann wohl Rundfunk sein und bei einer der 14 Landesmedienanstalten angemeldet werden müssen. Brecht als Augsburger und Bayer wäre im Wirkungsbereich der bayerischen Medienanstalt, die als erstes die Web-TV-Shows im Internet mit einer Regelungsdrohung verschreckt hat. Kaum hat man sich gefreut, dass steigende Serverkapazitäten die Web-2.0-Welt wachsen lassen, kommt nun diese Regulierungslust. Liebe Medienanstalten, vielleicht hat ein unwissender Rechtsreferendar dieses Ei in den 12. Rundfunkstaatsvertrag gelegt. Lasst doch die Internetgemeinde in Ruhe. Kontrolliert Medienfirmen, aber nicht gescheite Brecht-Adepten.

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HÖRHINWEIS NPR RADIO- LAB : EMERGENCE

radio rougeDie hin- und mitreissende Wissenschaftssendung des National Public Radio ( NPR ) hat sich vor kurzem dem Thema der Emergenz gewidmet und sich dabei nicht unwesentlich von Steven Johnsons anregendem , indes leicht wirren Buch “Emergence - The connected lives of ants , brains , cities and software” inspirieren lassen . Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen adaptive selbstorganiserende Systeme und damit die Regel- und Musterbildungen innerhalb von “bottom- up”-Prozessen ohne von oben | ausserhalb aufgeprägten Regeln . “What happens” fragt das Radio- Lab , “when there is no leader ?”

Starlings, bees, and ants manage just fine. In fact, they form staggeringly complicated societies, all without a Toscanini to conduct them into harmony. How? That’s our question this hour. We gaze down at the bottom-up logic of cities, Google, even our very own brains. Featured: author Steven Johnson, fire-flyologists John and Elizabeth Buck, biologist E.O. Wilson, Ant expert Debra Gordon, mathematician Steve Strogatz, economist James Surowiecki, and neurologists Oliver Sacks and Christof Koch.

Das angewandte Kunststück eines witzigen , pointierten und polylogen Wissenschafts- Journalismus ist als MP3 nachzuhören .

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LOLLAPALOOZA

radio rougeUnd nicht zuletzt : Das legendäre Lollapalooza- Festival geht von heute bis Sonntag im Grant Park zu Chicago über diverse Bühnen . Das Line- up ‘08 ist atemberaubend : Von Amadou & Miriam über Gnarls Barkley , Jamie Lidell , Nine Inch Nails , Radiohead , Rage Against The Machine , The Kills , The Raconteurs bis zu den ja auch auf der obgenannten “Rock the Net”- CD vertretenen Wilco . Online werden allmählich die Setlists sämtlicher Bands eingespeist , das Festival- TV ist diesjahr erstmals interaktiv , d. h. auf einem zweiten Kanal können auch Fans Videos liefern . Darüber hinaus bringt der AT&T Blue Room Video- Live- Streams .

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LINKS

EDIT

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KLANGAPPARAT

Lust auf heftige Feiermusik bekommen ? - czz-hoerempfehlung

Alles da :

Der französische Meister seines Faches , DJ l’Embrouille , hat für Loopzilla zwei volle Stunden heftige Härten für engagierte Eintänzer vorgelegt . Schonungslos schweisstreibend . Gnadenlos grandios ! - CLICK LINK TO SEE PLAYLIST AND LISTEN . |||

LITERATUR ALS RADIOKUNST | Monika Rinck im ORF- Studio | Produktionsnotizen



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STARKE STIMME : MONIKA RINCK

Monika_Rinck_ORF_2008_copyright_Christiane_ZintzenAus dem Vollen Schöpfen : Nicht oft trifft dies auf die Situation einer Radioproduktion zu , wo - so sagt man wohl - “einfach alle Komponenten passen” . Drei Tage lang “Arbeit am Text” , Einstimmen , Auslauten . Schnitt und Reprise , Cut und Takt , Stimm- Melodie nach Halbton . Monika Rinck bringt aus Berlin nicht nur einen dicht gewebten , in viele Sinnrichtungen spielenden und wortlüsternen Text mit nach Wien , sondern auch ihre wirkungssichere Stimme ; nicht umsonst ist die Dichterin ein Jahrzeht über Lesebühnen getourt , ehe sie ihr erstes Buch publizierte . Dazu ein Ohr , durchs Übersetzen auf Nuancen trainiert …. UND : Die für die konkrete Arbeit auf Sendezeit und im Klangraum unverzichtbare Fähigkeit , sich von Wörtern , Sätzen , ganzen Passagen für diesmal zu trennen . Ein reueloses Sich- Einlassen- Können auf einen beweglichen und undogmatischen Dialog mit den Technikern , dem aufgenommenen Klangmaterial und dessen elektroakustisch generierten Verfremdungen .

Da die Sendereihe “Literatur als Radiokunst” ( @ ORF- “Kunstradio” ) den Literaturschaffenden alle Möglichkeiten öffnen möchte , unter professionellen Studiobedingungen mit und an der stimmlichen Verwirklichung eines Textes zu arbeiten , darf man sich getrost für einmal von der bei Live- Lesungen unererlässlichen Linearität trennen . Mehrstimmigkeit- und Gleichzeitigkeit der personalen Performance sind in der liearen Echtzeit der “Dichter vor Publikum” nun mal nicht zu haben . Hier im Studio dahingegen entstehen Versionen , Variationen , Shout & Response in sukzessiven Aufnahmen . Welche dann , Sekunde für Sekunde , Ton um Ton , im Surround- Panorama gemeinsam mit Cutter und Tonmeister neu komponiert werden . |||

CLOSE READING - CLOSE LISTENING

Monika_Rinck_ORF_2008_copyright_Christiane_ZintzenMit Anton Reininger und Stefan Wirtitsch stehen diesmal gleich zwei kompetente Gentlemen bereit , “The Lady in Black and White” drei Tage lang zu begleiten . Und einen Text in Szene zu setzen , welcher vom Einstimmen , Abstimmen , Anstimmen und … Unstimmigkeiten handelt .

“AM APPARAT ( Ihr Wahrheitsstil )” spielt mit Motiven von Sprechen und Verstehen , dem Übersetzen des Gemeinten in die gemeine ( communis ) Wirk- lichkeit des Worts … Können wir uns überhaupt irgendwie connecten ? - Vom psychoanalytischen Vielsinn zum vierfachen Schriftsinn des biblischen Worts bis zum alltäglichen Einander- Verpassen . Manifestiert in prekären Dialogen am Handy , wo sich Eine/r in vielen Worten verliert … und die Verbindung zum Gegenüber . An diesem APPARAT sowie an einem , im fernen Berner Oberland einsam bimmelnden Telephon konkretisiert sich tragikomisch die unerhörte Unerhörtheit eines Begehrens …. Erhören , Erlösung finden nicht statt .

Traumbildliche Poesie der disembodied voices im ( oder aus dem ) Radio- APPARAT :

Die Stimmen aus dem Radio waren Übertragungen offengelassener Handygespräche, aus denen ein Körper flugs emanieren und sich auch gleich ganz wohlfühlen konnte. ( … ) Ich sagte: “Sie wissen schon, dass Sie nur hier sind, weil jemand vergaß, ein Gespräch zu beenden? Die Schleuse ist dieses Küchenradio hier.” |||

ÜBER : SETZUNGEN , STILLE

Monika_Rinck_ORF_2008_copyright_Christiane_ZintzenAufnahme , Neuaufnahme , Schnitt , Ersetzen : Kein Gespräch , welches ( wie jede Beziehung ) je wirklich ein Ende fände … Keine Übersetzung , welche je abgeschlossen wäre : Nicht umsonst hat Monika Rinck ihre Szenen der grotesken Vergeblichkeit zwischen drei englische ( ! ) Zitate des französischen Dichters Edmond Jabès gebettet . Und spontan deren deutsche Übertragungen ins Mikrophon gesprochen .

Beide Stimmen parallel gelegt , überraschen durch Einklang in Duktus und Rhythmus . Im Prozess dieses Anlegens von synchronen Spuren , im wiederholten Abhören dieser dualen Gleichzeitigkeit wird das “Zugleich” von Nähe und Differenz zwischen “Original” und “Übertragung” zum höchst sinnlichen Hörerlebnis : Als wäre Umarmung möglich , Vereinigung allerdings nie . Kein Zufall , dass die Jabès- Zitate allesamt das Moment der “Stille” dialektisch in den “Dialog” einschliessen . |||

RICH TEXT & REAL AUDIO

Monika_Rinck_ORF_2008_copyright_Christiane_ZintzenJa , und eben diese vergeblichen Umgarnungen , Bestrickungen am längst kabellosen Miniatur- Fernsprech- Gerät : Was in den planen Paraphrasen unseres Produktionsberichtes wie ein RICH TEXT FORMAT anmuten mag , gebärdet sich in REAL AUDIO absolut anmutig . Ein vazierendes Summen , das den Sprechtext umspielt , ein sich verdunkelndes rosa Rauschen … quicklebendig darin Monika Rincks Stimme , die sehr genau weiss , was sie da - und wie sie spricht .

Vielleicht darf ja manchmal der Ausdruck und die mediale Übetragung dessen glücken , was da handelt vom Ungenügen des Worts . Trivial gesagt , das alte Hofmannsthal’sche “Lord Chandos“- Paradoxon : Höchst beredt vom Fehlenden und den Fehlern der Rede zu sprechen .

O- Ton Monika Rinck :

Also.

Also, ich weiß nicht, da müssten Sie meinen Sprecher anrufen. Was sagt denn Ihr Sprecher? Rufen Sie ihn halt an.

Er sagt, dass Sie nicht zu sprechen sind. |||

REAL RADIO

“AM APPARAT ( Ihr Wahrheitsstil )” wird zu hören sein - in Sendungseinheit mit Michael Hammerschmids Arbeit “ENDE GUT , ALLES GUT - KEIN HÖRSPIEL” - am Sonntag , den 1. Juni , ORF- “Kunstradio” . Stereo via Radio und in 5.1- Surround- Sound per OE1DD . To be announced soon and separately . |||

KLANGAPPARAT

In Fortsetzung unserer gestrigen ( … darf man in diesem Kontext “Hommage” sagen ? … ) Hervorhebung der suggestiven Sounds , welche das russische Netlabel “electrosound” in schönem Unregelmass produziert , wollen wir heute eine träumerisch- psychedelische Trip- Hop- Variation czz hörempfehlungbetonen : Der Titel “Cocaine Ways” könnte in seiner selbstredenden Offensichtlichkeit allerdings zu Trugschlüssen führen . Tiefensatt gesetzte Beats in vexierenden Harmonien zielen auf depressiv gebrochene | intensivierte Lichter . Das alte Décadence- Motiv von der farbigen Glasscherbe , durch welche die Welt anzusehen wäre … Denis Borisov und Mikhail Gurov aka Abstracode bespielen das Genre , ohne in diesem zu versinken . Und das Ganze in voller EL PE - Länge : CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Slow Glow ( Intro ) | 02. 2 Days 2 Ways | 03. The Despair | 04. Finding a Doze | 05. Sniffing Cocaine | 06. Texturkki | 07. Endogenous Opiates | 08. Gradioz | 09. Sick Fantasy | 10. Eat My Dirt , Bitch ! | 11. Cemetry Of Dream | 12. Transitions | 13. The End Of Summer | 14. Detalkki | 15. Make Your Transition ( Outro ) |||

Audiokultur - aktuelle Artikel



DIE SCHÖNE NEUE WELT DES HÖRENS : SO UNÜBERSEHBAR WIE UNÜBERSICHTLICH – AUDIOITERATUR AUF ALLEN KANÄLEN

Wo in den neunziger Jahren beim Rundfunk noch massiv Wortproduktionen abgebaut wurden , boomt heute eine neue Hörkultur . Zwischen Radiosendern und Audioverlagen ist Kooperation angesagt

NZZ , 12. 3. 2007 - Christiane Zintzen

RCA his masters voice original photoViel war während der vergangenen Jahre von der «Konjunktur» , ja gar von einer «Renaissance des Hörens» die Rede . Die Trend-Rhetorik inspirierte sich an den Wachstumsraten des Hörbuchmarktes , den Zugriffsziffern der Downloadportale und den Selbstdarstellungen der Radiosender . Der Existenzkampf der Anbieter in der Konkurrenz von Kanälen , Medien und Streams verursacht eine PR-Kakofonie , welche allerdings eher dazu beiträgt , den Endverbraucher , Kunden und User zu verunsichern und zu verwirren .

Dieser gute alte Hörer mag über das Spektakel heiteren Geistes hinwegsehen . Mit einer Backlist von 20 000 Titeln und 2000 jährlichen Novitäten mutet der Hörbuch- Berg womöglich unüberwindlich an , doch hat man ja auch mit einem Vielfachen an Buchneuerscheinungen zu leben gelernt . Zudem bremste die Wachstumsrate der «Warengruppe Hörbuch» im Jahr 2007 mit nur 2,6 Prozent erstmals deutlich aus bisher zweistelligen Höhen ( 2006 : 17,4 Prozent , 2005 : 14,1 Prozent ) auf einen kargen Wert ab . Ob dies der Branche , die allzu rasch expandiert hat , Ansporn sein könnte , sich auf Basisqualitäten in der – oft klanglich wie editorisch mangelhaften – Produktion zu besinnen , ist fraglich .

MAGAZINE , LISTEN , PORTALE , PREISE

RCA his masters voice labelBekannt ist , dass es starken Nachholbedarf in der Ausbildung von Buchhändlern gibt . Spezialseminare und Fachtreffen bringen Endverkäufern die neue Materie näher , wobei nicht selten grosse Anbieter als Sponsoren auftreten . Die Leipziger Buchmesse offeriert einen «Crashkurs : Hörbücher besser verkaufen» , der Arbeitskreis Hörbuchverlage organisiert «Hörbuch backstage : Wie ein qualitativ hochwertiges Hörbuch entsteht» . Was überhaupt unter «Qualität von Hörbüchern» zu verstehen wäre , will das seit Mai 2007 sechs Mal pro Jahr in hochglänzender Aufmachung erscheinende Zielgruppenmagazin «HörBücher » erörtern .

Das betont «unabhängige» Magazin bietet nur eine Option zur Orientierung im Dickicht der Novitäten . Webportale wie «Die Hörothek» schaffen breiten Überblick . Preise und Auszeichnungen lenken die Aufmerksamkeit auf herausragende Titel . Publikumspreise des Buchhandels ( «Hörkules» , «Hörkulino» ) formulieren Verbrauchervoten zusätzlich zu den Daten der Bestsellerlisten . Eher den traditionellen Qualitätsstandards öffentlichrechtlicher Wortproduktion entsprechen die Empfehlungen der monatlichen HR-2-Bestenliste . Deren Fachjuroren küren zusätzlich ein «Hörbuch des Jahres» . Diesmal wurde für eine exzellent komplexe Produktion optiert : Karl Bruckmaiers vielschichtige Lese-Inszenierung von Peter Weiss’ «Ästhetik des Widerstandes» errang darüber hinaus und wenig später den “Deutschen Hörbuchpreis” ( BR / DHV ) .

RADIO UND HÖRBUCH

RCA his masters voice original photoPopulismus ist solchen Entscheiden nicht anzukreiden . Vielmehr verweisen sie auf die traditionell hohe Kultur von «Wort-» und Hörspielproduktionen der öffentlichrechtlichen Anstalten . Das Verhältnis zwischen Hörbuchverlagen und Sendern ist – nach anfänglicher Verunsicherung – mittlerweile in den Hafen produktiver Wechselseitigkeit eingelaufen . Als die Hörbuchverlage Mitte der neunziger Jahre von der knarzenden Kassette auf die praktikable CD umstiegen und der Audiomarkt schnell an Terrain gewann , war in den Funkhäusern gerade Sparzwang angesagt . Formatradio und private Konkurrenz schienen die Reduktion des gesprochenen Wortes nahezulegen .

Da kam die Hausse des Hörbuchs gerade recht , um augenfällig den Wunsch eines ( sogar zahlenden ! ) Publikums nach akustischer Sprachware aufzuzeigen . Häuser wie der 1993 in Kooperation mit prominenten belletristischen Qualitätsverlagen ( Suhrkamp , Hanser , Rowohlt ) gegründete Hörverlag ( DHV ) boten sich den Radiostationen zur Aufbereitung von Archivalien und zum Vertrieb von Wortproduktionen auf CDs an . Inzwischen spielen die CD- Verlage nicht nur eine wichtige Rolle bei der Wieder- und Weiterverwertung hochwertiger Lesungen und Hörspiele , sondern ermöglichen durch Kooperationsmodelle sogar Radiowerke , welche die Sender im Alleingang weder finanziell noch ästhetisch gewagt hätten .

BRANDING UND MERCHANDISING

RCA his masters voice labelDie in die Dürregebiete von Randsendezeiten und «low budget» gescheuchte Hörfunksparte «Wort» fand zu neuem Selbstbewusstsein . Die Sender-Logos von BR, HR , WDR , SWR , Deutschlandradio Kultur , NDR und DRS haben sich als Markenzeichen für Qualität etabliert . Akustische Sonderreihen von Zeitschriften wie «Der Spiegel» ( Audio-Verlag ) verleihen den betreffenden CD-Editionen ein gewisses Image , garantieren Marketing und sind als Multimedia- Erweiterungen des Print- Geschäftes willkommen . In legendären Sphären schwebt der Erfolg der Hörbuchreihen des reichweitenstärksten Frauenmagazins : Von den insgesamt 24 Titeln der zwei «Brigitte»-Staffeln «Starke Stimmen» ( Random House Audio ) wurden pro Titel durchschnittlich 100 000 Stück verkauft . «Petra» zog im Frühjahr 2007 mit von «Scharfen Stimmen» gelesenen Erotika nach ( Hoffmann und Campe ) , «Geo» und «Geolino » kooperieren seit 2007 in je zwölfteiligen Reihen ( «Abenteuerliteratur» ) mit Random House Audio . Freilich entsprechen längst nicht alle dieser Cross- Marketing- Produkte dem guten Ruf , den sie eigentlich befördern sollten .

MARKTMACHT , REAL

Solche Schnelldreher suchen und finden ihren profitablen Markt jenseits der Empfehlungslisten und der Kritik . Gleiches gilt für das Gros der auditiven Krimi- , Ratgeber- und Konsumliteratur aus Häusern wie Lübbe- Audio oder Radioropa . Auch die 6000 deutschsprachigen Hörbücher des Marktführers unter den digitalen Portalen , Audible.de , illustrieren das Auseinanderklaffen von realem Markt und dem schmalen Segment der in der publizistischen Öffentlichkeit präsenten Titel . Ganz zu schweigen von der Gratisware , die im Netz abzurufen ist . Enthusiasten wie die Macher von Vorleser.net oder Mindcrushers.de haben es auf diese «freie» Weise auch zu professionellen Aufträgen gebracht . Gleichzeitig stellen auch Verlage wie Argon und Random House Audio Gratisdownloads als «Teaser» ins Netz : Wer sich auf diesem Wege erstmals durch das Genre «Hörbuch» fesseln lässt , könnte dereinst bereit sein , auch gutes Geld dafür auszugeben .

RADIOVIELFALT

RCA his masters voice original photoDem Zug der Zeit in Richtung Netz und zur nutzerdefinierten Auswahl von Inhalten mögen sich auch die öffentlichrechtlichen Sender nicht verschliessen . Abonnierbare Podcasts stellen bevorzugte Sendungen ausserhalb der Sendezeiten zur Disposition . Hörspiele können – freilich bei reduzierter Klangqualität – noch eine gewisse Zeit nach der Sendung im Netz abgehört werden , wobei auch Live- Streams von ARD- Hörspielen möglich sind . Dabei helfen die ausgezeichneten Programmlisten bei Blütenleser.de . Auch die unentbehrliche Datenbank «Hördat» lässt sich nach Wochenprogrammen abfragen : Sie listet für die Woche vom 10. bis 16. 3. nicht weniger als 53 Hörspiele bei ARD , DRS und ORF .

Eine schöne neue Welt des Hörens also ? – Für den Konsumenten , User , Hörer stimmt dies gewiss . Dabei gerät leicht aus dem Blick , dass all die , welche als Autoren , Sprecher und Regisseure am Zustandekommen dieser Vielfalt mitwirken , oft unter finanziell und rechtlich prekären Umständen werken . So mag man es als Signal nehmen , dass sich freie Radioregisseure vorigen Dezember in einem Verband ( VdHR ) versammelt haben , um ihre «Interessen in künstlerischer , perspektivischer und wirtschaftlicher Hinsicht» zu wahren . Mit Walter Adler und Leonhard Koppelmann als Initiatoren sind keineswegs ewig Zukurzgekommene am skeptischen Wort , sondern zwei prominente Hörspielregisseure . |||

KLANGAPPARAT

Eine echt elegante EP trägt Lady Annèke Laurent ( MySpace ) über die Labelnennung auflegware in den hörmöglichen Frühling : Tief schwingend , czz hörempfehlungwürden wir mal sagen , mit minimaler Phrasierung im Kontrast zu fast schon funky gesetzten Akzenten . Auch Blues- Reminszenzen steh’n der Berlinerin nur all zu gut . Die feinen Seiden von e- Piano- Klängen federn , ja : und auch die dezente Latino- Posaune wird uns jetzt in|ad|ae|qu|at nicht dazu bringen , Alles über “The Hip Back” auszuplaudern . - CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Touken ( 05:16 ) | 02. My Jacket ( coffemamas ) ( 6:12 ) | 03. The Hip back ( 4:00 ) |||

SIEHE AUCH

Der Rhythmus des Widerstandes . Mehr Sprachoper als Hörspiel - Peter Weiss’ opus magnum in gelungener CD- Edition ( NZZ , 1. 6. 2007 ) |||

REZENTE REZENSIONEN

Roth , Doderer : Kakaknien - elegisch bis szenisch ( NZZ , 7. 3. 2008 )
Günter Eichs “Träume”: Böse Hörbilder ( NZZ , 7. 3. 2008 )
Werner Bräunigs “Rummelplatz” - Nach 40 Jahren ( NZZ , 7. 3. 2008 ) |||