Tag Archive for 'reise-bis-ans-ende-der-nacht'

“Voyage au bout de la nuit” , 4. Folge : Zurück im Sumpf der Pariser Vorstadt - Armendoktor , Irrenarzt



||| I. REPRISE | II. VORSTADT : IM SUMPF | III. VERGEGENWÄRTIGUNG STATT VOYEURISMUS | IV. BINNENROMAN DER HENROUILLES | V. FALLGESCHICHTEN : VOM ERZÄHLEN | KLANGAPPARAT | HINWEISE - Photographien : Eugène Atget ( click to XL )

I. REPRISE

Atget Eugène Figaro PopulaireWir erinnern uns : Nach dem Morast der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges , dem Sumpf der Kriegsgewinnler im sicheren Pariser Hinterland ( > Folge 1 ) , dem Schlamm Afrikas ( > Folge 2 ) und dem “concrete jungle” New Yorks ( > Folge 3 ) war Bardamu in der Stahlstatt Detroit gelandet : Die Auflösung der Grenzen - ja : der Idee - des Individuums tritt hier lediglich in einen neuen Aggregatzustand . Was im Krieg der Kollektive Truppenkörper , im Hinterland die Spielfigur in einem gesamtgesellschafltichen “Lug- und Trug- Abkommen” und in den Tropen eine tendenziellle Verwesung bei lebendigem Leibe gewesen war , figuriert nun im klassisch maschinenstürmerischen Motiv des Rädchens im Getriebe einer Riesenmaschine .

In seiner “Reise bis ans Ende der Nacht” setzt Louis-Ferdinand Céline Station nach Station , Aggregat für Aggregat , Soziotop für Soziotop seinen romanesken Anschauungsunterricht in Sachen “Zertrümmerung des abendländischen Subjekts” fort . Unter den jeweils herrschenden Verhältnissen , so der Chronist Ferdiand Bardamu aka Louis-Ferdinand Céline , ist das angeblich nach Gottes Ebenbild geschaffene Wesen fähig , sämtliche Gestalten anzunehmen : Vom Wurm und Parasiten bis hin zum pur Mechanischen . Hatte ein ästhetizistisches Ich vom Schlage Rainer Maria Rilkes angesichts des “Chocs” urbaner Massemenschen und Menschenmassen noch gefleht …

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not

… streicht Céline solche humanistischen Hoffnungen mit jeder Szene , Folge , Episode erneut durch . Dass dies viel weniger zynisch geschieht , als dies gemeinhin angenommen wird , liesse sich an unzählingen Zitaten belegen : Denn es ist ein Teil der Radikalität dieses Romans , dass die Idee des “eigenen” Todes gegen alle Evidenz und gegen alle Verhältnisse das eigentliche Movens ist , welches den Chronisten in sämtlichen realen und sozialen Sümpfen am Leben erhält . Wir kommen darauf zurück .

II. VORSTADT : IM SUMPF

Atget Eugène Rue de la Montagne Sainte GenevièveZurück aus den USA , dem faul gewordenen Traum eines sinnlicheren , freieren Lebens , ergeht es Bardamu in Paris nicht wesentlich anders als vielen Auswanderern vor und nach ihm :

Aus der Neuen Welt zurückzukommen, das bringt gar nichts! Man findet das lose Ende der Zeit genauso wieder, wie man es hat hängen lassen, schmierig, ungewiss.

Allerdings hat er aus Detroit jenen stählernen Appell mitgebracht , sich selbst zum Produkt zu schmieden . Also absolviert er in kürzest erzählter Zeit den Rest seines einstmaligen Medizinstudiums und lässt sich als Armenarzt in der ( fiktiven ) Vorstadt La Garenne- Rancy nieder . In den Schilderungen dieser deprimierenden Viertel , dessen stereotypen Tiden von Auszug und Heimkehr der Berufstätigen , besonders allerdings der fauligen Stasis derjenigen , die als Kleinunternehmer , Conciergen , Schmalspur- Huren , verwahrloste Alternde , Suffmütter und Prügelväter samt Progenituren dort leben , bleibt das Bild des Sumpfes vorherrschend .

Die Häuser lassen einen nicht los, zugeschmutzte, langweilige Fassaden ( … ) . Die Farbe des Himmels ist in Rancy dieselbe wie in Detroit, dünner Qualm überweht die ganze Ebene ( …. ) . Schrottige Gebäude, die im schwarzen Matsch am Boden kleben. Niedrige und hohe Schornsteine, es sieht aus wie an der See, von fern gesehen, die Pflöcke im Schlamm. Und da drin sitzen wir.

Wenn man in Rancy wohnt, bemerkt man nicht mal, dass man traurig geworden ist. an hat keine Lust mehr, was Besonderes zu machen, das ist es. Vor lauter sparen an allen Ecken und Enden ist einem jede Lust vergangen.

In der Tat verliert der Doktor unter solchen Umstanden rasch jede Illusion einer einigermassen integren Existenz . Als Armenarzt ohne dem nötigen Durchsetzungswillen , auch bei vergeblichen - nicht selten von den kleingläubigen “Angehörigen” der Kranken direkt verhinderten - Visiten an das fällige Honorar zu gemahnen , sind Ruf und Barschaft bald allgemein “unten durch” . Gelegenheit galore , in den tristen Hinterhof der kargen , halb als “Praxis” leerstehenden , Wohnung zu starren .

Und es bedarf wahrlich keines besonders forschenden Blicks um den baulichen , hygienischen , olfaktorischen und menschlichen Schlamm “là bas” wahrzunehmen . Die Unausweichlichkeit solcher Wahrnehmung wird durch die Voranstellung eines - bemerkenswerten - akustischen Hinterhofportraits akzentuiert . Im Unterschied zum Augenschein , von welchem wir uns abwenden , den wir verdrängen können , sind wir akustischen Ereignissen unablässig ausgeliefert . Hier also eine phantastische Passage in Sachen “Stadtklang” :

Sämtliche Schreie und Ausrufe aus den zwanzig umliegenden Wohnungen purzeln hier unten zusammen, krachen auf den Boden, federn wieder hoch, bis hin zu den verzweifelten Piepsern der kleinen Vögelchen von den Conciergen, die vor sich hin schimmelnd dem Frühling hinterhertschilpen, den sie in ihrem Käfig nie wieder erleben werden, bei den Klos, die hier unten alle nebeneinander liegen, da ganz hinten im Schatten, mit ihren immer schief in den Scharnieren hängenden, sperrangelweit offen stehenden Türen. Hundert männliche und weibliche Suffköppe bevölkern diese Ziegelbauten und würzen die Geräuschkulisse mit ihrem prahlerischen Zank, ihren gelallten, herausplatzenden Flüchen, besonders am Samstag nach dem Mittagessen. Das ist der innigste Augenblick des Familienlebens. Die haben hübsch einen in der Krone und provozieren einander mit Worten, Papa schwingt den Stuhl wie ein Holzfäller die Axt, das muss man gesehen haben, und Mama ein glimmendes Holzscheit wie einen Säbel! Wer schwach ist, nichts wie in Deckung! Immer auf die Kleinen. Die Ohrfeigen klatschen alles an die Wand, das sich nicht wehren und nicht mit gleicher Münze kontern kann: Kinder, Hunde und Katzen. Beim dritten Glas Wein schon ( …. ) ist der Hund dran, dem wird mit dem Absatz ordentlich auf die Pfote gelatscht. ( …. ) Schallendes Lachen, wenn er sich winselnd wie ein Abgestochener unterm Bett verkriecht. Das ist das Startsignal. Nichts stimuliert angeschwipste Frauen so sehr wie das Leid von Tieren ….

III. VERGEGENWÄRTIGUNG STATT VOYEURISMUS

Atget Eugène Rue Saint-SauveurWas im Modus eines geradezu Jelinek’schen Sprachrausches in böser Folgerichtigkeit anhebt , nimmt seinen - weiterhin vorwiegend akustischen - Gang :

Alles hat einmal ein Ende. Das ist nicht immer der Tod, oft etwas anderes und schlimmeres, vor allem, wenn Kinder betroffen sind. Da wohnten gewisse Mieter genau auf der Höhe über dem Hof, wo das Dunkel zu Zwielicht wird. Wenn Vater und Mutter allein waren, an den Tagen, an denen es wieder mal so weit war, dann stritten sie erst ausgiebig, bis es plötzlich für längere Zeit still wurde. Es bahnte sich an. Erst mal riefen sie ihre kleine Tochter, liessen sie kommen. Die wusste schon Bescheid. Sie flennte sofort los. Die wusste, was ihr blühte. Der Stimme nach zu urteilen, war sie gut zehn Jahre alt. Erst nachdem ich das einige Male mit angehört hatte, begriff ich, was die beiden mit ihr machten.

Die folgenden Details häuslichen Missbrauchs scheinen uns weniger von Belang ( > P. S. ) als jener Zwang zum Zuhören , von welchem Bardamu / Céline im Folgenden Kunde gibt : Es handelt sich dabei um einen akustischen Sog der Gewalt , welcher einer des auditiven Dechiffrierens ist - ein verzweifelnder Versuch , des Unglaubliche und doch offenbar allgewaltig Banale zu verstehen . Eine Geisteshaltung , welche uns am ehesten mit dem englischen Begriff “to realize” zu bezeichnen wäre …. in etwa also ein Vergegenwärtigen , welches fundamental von den Erwartungshaltungen des Voyeurismus geschieden ist .

Ich versagte völlig. Ich konnte nichts unternehmen. Ich hörte nur einfach zu, wie sonst auch immer, überall. Aber ich glaube, es gab mir sozusagen Kraft, das anzuhören, Kraft zum Weitermachen, eine seltsame Kraft, und das nächste Mal, dann würde ich noch tiefer steigen können und Schmerzenslaute hören, die ich noch nicht gehört hatte, die ich mir bislang nicht vorstellen konnte, denn es ist, als würde es hinter dem, was man kennt, immer noch weitere Schmerzenslaute geben, die man noch nicht gehört und noch nicht verstanden hat.

Hier ist beileibe nicht “lediglich” vom ärztlich- sezierenden Bewusstsein des Chronisten die Rede : Einerseits bereitet dieses “vexierte Hinhören ” auf die unzähligen Fallgeschichten vor , welche Bardamu in diversen Wohnungs- und Familienhöllen antreffen wird . Zum Andern manifestiert sich hier ein Letzrest einer humanistischen Hoffnung auf “Verstehen” , ja , wenn nicht überhaupt der Idee eines “Dahinter” . Dass hinter all der Misere , Gewalt , Krankheit , Verderbtheit und Tod es doch noch eine Stimme , einen Sinn , ein irgendwie Integrierendes gäbe .

IV. BINNENROMAN DER HENROUILLES

Atget Eugène Die Bannmeile Bewohner der Bannmeile an der Porte d'ItalieZu den kompositorischen Eigenwilligkeiten Célines zählen nicht nur die atemberaubenden Raum- und Zeitsprünge , Anachronismen und sprachspielerisch böse kalauernd benannte fiktive Orte , sondern auch die Aggregierung mehrerer potenzieller Romane in einem einzigen . Die Geschichte der Familie Henrouille wäre ein solcher - unter anderen Umständen separat zu betrachtender - Binnenroman , welcher etwa Mitte des Buches anhebt und sich über die folgenden allerdings zunehmend unablösbar und fatal in Bardamus Geschichte verwebt .

Es würde zu weit führen , an dieser Stelle auf die anfänglich an so etwas wie Sympathie oder Mitleid appellierende Story von den Kleinen Leuten einzugehen , die ihr Leben lang brav und bieder an der Abzahlung ihres in die Pampa gesetzten Häuschens arbeiten , während ringsherum die Mietskasernen und Fabriken aus dem Boden schiessen .

Die wirkliche Katastrophe bahnt sich allerdings erst an , als nach der Abdienung der Hypothek die Energien des bislang bescheiden unauffälligen Ehepaars nicht mehr auf ein einziges Ziel konzentriert sind , sondern frei schweifen . Vom Versuch , die greise Schweigermutter in ein Heim abzuschieben bis hin zu einem fatalen Mordanschlag mit unerwünschten Konsequenzen bleibt fortan kein Auge trocken .

Dass hier ausgerechnet das rätselhafte Alter Ego Bardamus - eine Figur mit dem sprechenden Namen Robinson - hinein verwickelt wird , sein Augenlicht verliert , samt Schwiegermutter nach Toulouse abgeschoben wird , von wo der mittlerweile zum Heiratskandidaten mit wiederkehrender Sehkraft Avancierte später in die von Bardamu geleitete Irrenanstalt flieht … wird unsere Serie über diesen Monsterroman im nächsten ( und letzten Teil ) beschliessen .

V. FALLGESCHICHTEN : VOM ERZÄHLEN

Atget Eugène Interieurs Zimmer eines Arbeiters Rue de RomainvilleDie Wohnungen , in welche Bardamu alas Arzt gerufen wird , sie bieten im Grunde sämtlich das nämliche Bild . Kreischende , schreiende , ihr eigenes Leid beklagende Angehörige ( laute Céline : zumeist Weiber ) , die sämtliche Aufmerksamkeit fordern . Daneben der Kranke , das Kind , der Greis , in Agonie . Krank , so das Fazit , sind nicht die physiologisch Leidenden . Krank ist deren selbstsüchtige Umgebung , besessen von lautstarken Konvulsionen der Ego- Hysterie . Drastisch im Fall einer jungen Schönen , die nach dem soundsovielten Abtreibungsversuch in der elterlichen Wohnung buchstäblich verblutet , derweil sich die um den Familenruf besorgte Mutter in kreischendem Selbstmitleid ergeht .

Will meinen : Selbst angesichts der Leiber und ihres Leids handelt Bardamu / Céline immer wieder vom Sprechen und vom dem , was ( überhaupt ) zu reden wäre . “Man sollte sich da keine Illusionen machen”, wird notiert , ” die Leute haben einander nichts zu sagen, sie reden jeder nur über das eigene Leid, das ist nichts Neues” . Gleichwohl scheint im Reden , wird an anderer Stelle insinuiert , noch ein Residuum dessen zu schlummern , was man ebenso als “Hoffnung auf Mit- Teilung” bezeichnen könnte wie auch als eine Form von “Erlösung” :

So enden unsere Geheimnisse, wenn wir sie ins Freie entlassen, vor ein Publikum. Es gibt ins uns und auf der Erde und vielleicht auch im Himmel an Schrecklichem nur das, was noch nicht gesagt ist. Ruhig werden wir erst sein, wenn alles gesagt ist, ein für alle Mal, dann endlich werden wir schweigen und keine Angst mehr vorm Schweigen haben. Dann ists geschafft.

Als wäre das Gerede ein Fegefeuer der Unerlösten und dauerte ein Leben lang , ehe endlich ein Schweigen - DAS Schweigen - in Reichweite gelangt . Wie irdisch- physiologisch sich dieser quälende Vorgang des Redens ausnimmt , exemplifiziert Bardamus medizinischer Blick ausgerechnet am Close- Up auf das Sprechorgan eines Geistlichen , welcher Bardamu ein weiteres Mal dazu bereden will , endlich ein Attest für den Alterirrsinn der Mutter Henrouille auszustellen . Auf dass man das Weiblein endlich in ein Heim abschiebe .

Ich hatte mich an solcherlei genaue Beobachtungen gewöhnt, ich tat das sogar gern. Wenn man sich zum Beispiel mit der Art und Weise beschäftigte, wie die Wörter gebildet und hervorgebracht werden, brechen unsere Sätze unweigerlich unter der Scheusslichkeit ihrer sabbrigen Bühne entzwei. Der mechanische Aufwand, den wir für ein Gespräch treiben müssen, ist viel komplizierter und mühsamer als für die Ausscheidung. Dieser Kranz aus vorgestülptem Fleisch, der Mund, wie er da zuckt beim Pfeifen und Atmen, wie er sich anstellt, um allerlei schleimige Töne durch das stinkende, kariöse Gehege zu schaffen, die reinste Strafe!

Wenn Bardamu / Céline den BIOS auf solche Weise vor die sogenannte “Kultur” rückt - “schliesslich sind wir nichts als Säcke voll lauwarmer, halb verfaulter Innereien, und darum haben wir mit den Gefühlen immer so unsere Schwierigkeiten” - steht er dem physiologischen Blick des Arztes Gottfried Benn nicht sehr ferne “Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch” ….

Das Reden der “Irren” , welche Bardamu nach Aufgabe seiner Praxis und Zwischenstationen in einer TBC- Klinik sowie in einem Cabaret schliesslich in Vigny-sur-Seine betreut , ist von anderem Charakter . Die Selbstgenügsamkeit der geschlossenen Kopfkosmen produziert - ein Ausnahmefall in diesem sprachmächtigen Roman über den Ekel am “Gerede” - immerhin weder Lüge noch Aggression :

Wenn sie das taten [ Spazierengehen im Park des "Sanatoriums" , czz ] , hielten sie den Kopf so komisch auf den Schultern im Gleichgewicht, als hätten sie unablässig Angst, etwas von seinem Inhalt zu verschütten, falls sie stolpern sollten. Drinnen prallten jede Menge kuriose und hüpferische Dinge aneinander, an denen sie ganz fürchterlich hingen. Von diesen ihren geistigen Schätzen erzählten die Irren nur unter allerlei furchtsamen Verrenkungen oder mit herablassendem, gönenrhaftem Gebaren, in der Art hochmächtiger, buchstabengenauer Verwaltungsbeamter. Nicht für ein Königreich hätte man diese Leute aus ihren Köpfen rausbekommen. Ein Verrückter hat keine anderen Gedanken als jeder andere gewöhnliche Mensch auch, aber bei ihm sind sie sicher im Kopf eingesperrt. Die Welt dringt in diesen Kopf nicht vor, und das genügt.

Wer jetzt denkt , den “Irren” würde als einziger Instanz in diesem “Buch der Sümpfe” die Gnade einer gewissen “Reinheit” zuerkannt , wird auch dieses romantische Klischee verabschieden müssen . Denn der oben zitierte Absatz schliesst wie folgt :

So ein abgeschlossener Kopf wird wie ein See ohne Zufluss, ein grässlicher Gestank.

|||

KLANGAPPARAT

Bouge de là” : MC Solaars legendärer Track aus der 1991 herausgebrachten CD “Qui sème le vent récolte le tempo” scheint uns gar nicht so czz hörempfehlung schlecht zu Louis-Ferdinand Célines Vorstadt- Argot und Gossenszenen zu passen . Der Song , so viel sei verraten , beschliesst eine liquide gestimmte Mixstrecke von rund 45 Minuten : Das “Year Zero Mixtape” aus dem Hause XLR8R ( sprich : “accelerator” ) besticht - einmal wieder - durch Stil … und besteht durchwegs aus den 1993er Favoriten des Teams . Deshalb der nun schon zweite Auftritt der magazinalen Musikalien in Wochenfrist . CLICK LINK TO SEE PLAYLIST & LISTEN |||

HINWEISE

related

|||

P. S. , 4. 5. : Selbstredend sind diese deutlichen Hinweise auf familiäre Gewalt mitnichten ohne Belang : Man mag sie in diesen Tagen der weltweiten Erregung über die österreichischen “Bunker”- bzw. “Kellerfälle” als historische Indizien für den alltäglichen Missbrauch zur Kenntnis nehmen . Schon Céline räumt kräftig mit der Ideologie der heilen Familie auf . Die im trauten Heim vollzogene Schändung des “Fleischs von meinem Fleisch” - von der FAS als aktuelles Zeitzeichen für die “Privatisierung der Hölle” interpretiert - : nicht nur in dieses Werk der Weltliteratur ist sie seit langem eingeschrieben .

|||

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter

“Voyage au bout de la nuit” , 3. Folge : Amerika - Kampfzonen in Steinwüste und Stahlstadt



||| I. REPRISE | II. KOMPOSITION : MUTWILLE & ZUFALL | III . PATHOS & GROTESKE | IV. NEW YORK : CONCRETE JUNGLE | V. HINTER DEN KULISSEN | VI. TRÜGERISCHES LICHT & METAPHYSICHE NACHT | VII. INDUSTRIE : ISS & ARBEITE | VIII. INDUSTRIE ALS KRIEG : DER “KOSMOS FORD” | VIII. NACHHALL DES STAHLGEWITTERS | KLANGAPPARAT | HINWEISE - Illustraionen : John Heartfield ( click to XL )

I. REPRISE

John Heartfield Krieg und Leichen Die letzte Hoffnung der ReichenBei aller Härte und Schärfe , die Louis-Ferdinand Céline mit post- expressionistischen malmender Sprachkraft auf die Kritik am universalen Krieg verwendet : In der Komposition der “Reise bis ans Ende der Nacht” gestattet sich der Autor manche Freiheit . Mann erinnere sich : Von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs vermochte sich Bardamu aufgrund einer Verletzung und gewiefter “Kriegs- Neurosen”- Simulation in Paris zu verbergen . ( > Folge 1)

Irgendwann wir ihm allerdings auch die menschliche , ökonomische und gesellschaftliche Korruption an der “Heimatfront” zu eng und es treibt ihn fort : Amerika , dessen Utopie dem Erotomanen im Bett seiner amerikanischen Gespielin Lola erstand , ist aus finanziellen Gründen noch nicht zu erreichen . Deshalb schifft er sich ein in die französischen Kolonien Afrikas und landet dort im ultimativen Sumpf der Entmenschung . ( > Folge 2)

Wo einander im fiebrig- hysterischen Klima die Kolonialisten nicht schon bis aufs korrupte Blut quälen , erledigt den Rest die nicht im geringsten “gute Mutter Natur” . Das Individuum , ganz gleich , ob weiss oder schwarz , Herrscher oder Beherrschter , gilt hier nicht ausser seiner Ausbeutbarkeit für die Handelskompanie . Was bleibt , ist ein verseuchter , versiffter Organismus , noch lebend bereits in Auflösung begriffen inmitten der tropischen Ursuppe von geilem Werden und stündlich fortschreitender Verwesung .

Der sogenannte “Handelsposten” , den man Bardamu tief im Dschungel angewiesen , erweist sich als blosser Haufen verrottender Lumpen … samt einer Ladung Konservendosen . Totale Agonie . Dass die umwohnenden “Schwarzen” den fiebernden Bardamu nicht aus Menschenliebe zum spanischen Aussenposten geschleppt und ihm damit vorerst das Leben gerettet haben , wird dieser erst bemerken , als er im Bauch eines spanischen Galeerenschiffs erwacht . Man hat ihn den Spaniern ganz schlicht und einfach verhökert . |||

II. KOMPOSITION : MUTWILLE & ZUFALL

John Heartfield Ob schwarz ob weissDer Ausbeuter als Ausgebeuteter Dies ist nur eines der vielen Motive von Spiegelung und Umkehrung in diesem , teils straightforward folgerichtigen , teils mutwillig alle Logiken von Zeitenfolge und Raumordnung sprengenden Roman .

Nicht selten übernimmt der pure Zufall die Regie : Dies gilt für die Wiederbegegnung mit einzelnen Personen über Länder , Kontinente und Jahrzehnte hinweg ebenso wie für die “Links” zwischen den Spielräumen des Romans : Allerdings demonstriert Céline , indem er etwa das Galeerenschiff just nach New York dirigiert , dass und wie sehr ihm die herkömmliche Roman”logik” schnuppe ist ( il s’en fout ) .

Die Textur der Erzählung ähnelt dem afrikanischen Wahnsinn : Noch im Werden beginnt er sich bereits aufzulösen , um nur noch jene Handlungen und Szenen zu vollziehen , die ihm als die Nötigsten erscheinen . Ein Prozess übrigens , welcher sich im Text fortschreitend beschleunigt . Der kompositorische “Zufall” bzw. dessen Willkürlichkeit birgt allerdings noch ein weiteres , für Céline charakteristisches Moment : Es sind das Groteske und der Aberwitz des “Grand Guignol” in bös- feixender Dialektik mit den Brand- und Schandreden der Erzählstimme . |||

III . PATHOS & GROTESKE

John Heartfield A Berlin SayingAuch das Pathos der Anprangerung fataler gesellschaftlicher Verhältnisse korrodiert in dieser “Comédie humaine” : Wenn also im amerikanischen Kontext das Arsenal der Motive von “Entfremdung” abgespult wird , muss die Möglichkeit der Ironie - selbst angesichts der drastischen Vergegenwärtigung des stählernen Molochs der Ford- Werke - mitgedacht werden . Hierin ist Céline dem bösen alten Balzac wohl näher , als es manchem “Modernisten” lieb sein kann ….

Endlich in New York , dieser “senkrechten Stadt” angekommen , erfolgt sogleich Ernüchterung . Zwar gilt grundsätzlich , dass der Komplex “Amerika” mit den harten Aggregaten von Stein und Stahl assoziiert wird . Doch das Leitmotiv des “Sumpfes” ( siehe die unklaren Fronten im ersten Weltkrieg , den Korruptions- und Lügentümpel von Paris und den Urschlamm Afrikas ) bricht sich auch hier seine Bahn . Genauso wie später in den Pariser Vorstädten sowie schliesslich im Brackwasser der unausweichlichen Beziehungen rund um die von Bardamu geleitete Nervenheilanstalt . |||

IV. NEW YORK : CONCRETE JUNGLE

Entrée New York also , und gleich der Broadway muss es sein :

Weit oberhalb der letzten Etagen, hoch dort oben, war noch eine Helligkeit zu sehen, mit Möwen und Himmelsfetzen. Wir unten gingen in einem schwachen Lichtschein, der kränklich war wie im Dschungel und so grau, dass er die Strasse erfüllte wie ein dicker Filz aus grauer Watte .

Sie war wie eine traurige Wunde, diese Strasse, sie endete nie, wir gingen auf ihrem Grunde, wir Leutchen, von einer Seite zur anderen, von einer Qual zur anderen, auf das Ende zu, das man nie sieht, das Ende aller Strassen der Welt.

Meister solcher “pittura metafisica” , steht Céline nie an , diese sofort wieder aus ihrer Reinheit zu reissen . In diesem Fall durch die Beschreibung der “Verdauungsvertraulichkeit” in einem unterirdischen Abort , wo mitten im allenfalls Dollarnotenraschelnden , cleanen Manhattan ein “fröhlicher Kack- Kommunismus” herrscht . |||

V. HINTER DEN KULISSEN

John Heartfield Wer Bürgerblätter liest wird blindDas Bild der properen Oberflächen im Kontrast zur verborgenen Misère reproduziert sich in jenem messingfunkelnden , ebenholzedlen Hotel mit seiner “tantalischen Eingangshalle” , in dessen kleinster Zelle Bardamu Unterschlupf sucht - und nicht findet . Die Hochbahn tobt vor dem Fenster in gnadenloser Regelmässigkeit vorbei , ein erleuchteter Menschencontainer , grelle Schlaglichter in die steinernen Humanstapellager werfend . Angst . Verlassenheit . Gleichzeitig groteske Einblicke in die Schlafzimmer rundherum und die tristen Abendrituale anonymer Paare .

Fleisch und Stein : Ein “Ameisenhaufen” , ja ein “riesiger Matsch der Menschen” inmitten einer monströsen Piranesi- Architektur .

Ich verliess die albtraumhafte Dunkelheit meines Hotels und versuchte noch ein paar Ausflüge in die hohen Strassen ringsum, ein abgeschmackter Mummenschanz von Schwindel erregenden Häusern. Meine Mattigkeit wurde noch schlimmer beim Anblick dieser weithin sich ersteckenden Fassaden, dieser stupiden Monotonie von Pflastern, Backsteinen und endlosen Gerüsten, dazu Kommerz über Kommerz, dieses Krebsgeschwür der Welt, das in Form von verheissungsvoller und schwärender Reklame aufplatzt. Hunderttausend geschwätzige Lügen . ( … ) Vielleicht war das ihr Bild von Sicherheit, diese erstarrte Sintflut, aber für mich war es nichts als ein grauenhaftes System von Zwang aus Backsteinen, Gängen, Türriegeln, Schaltern, eine gigantische, unversöhnliche architektonische Folter. |||

VI. TRÜGERISCHES LICHT & METAPHYSICHE NACHT

John Heartfield ArenaDie Kontamination der unbelebt gleissnerischen “Reklame” mit dem organischen Bild einer malignen Entzündung entspricht weitgehend der Lichtmetaphorik , wie sie den gesamten Roman durchzieht und - dies ist wichtig - keinerlei irgendwie “gutartige” oder gar “beheimatende” Valenz aufbietet .

Da ist das Dunkle , der Sumpf , die Nacht der Einsamkeit und der seelischen Verwerfungen . Da sind die trüben Töne des Tages und des Misstrauens , der Dämmer proletarischer Gelasse in allen Zuständen der Vergewaltigung . Und das ist das blendende Gleissen sämtlicher Kunstlichter : Sei es der Trug der Lichtspiele , das Schreien der Reklame und sonstiges Blendwerk hysterischer Kurzzeit- Genüsse ( dreimalige Schilderung von Jahrmärkten in Paris , wir kommen darauf zurück ) . Noch das kurze , aber dramatische Aufleuchten des Himmels beim Sonnenuntergang im “heart of darkness” Afrikas besass diesen verführerisch- trügerischen Charakter …

Erneut wird das Pathos der Kapitalismuskritik gebrochen durch eine bizarr- komische Erkundung eines Automatenrestaurants , eine jener “durchrationalisierten” “Abfütterungsanlagen , “wo das Ritual der Nahrungsaufnahme auf das exakte Mass der biologischen Notwendigkeit reduziert ist” . Die “Kellnerinnen in Krankenhaustracht” und der blendende “Lichtregen” , unter welchem die Billigesser ihr Menü verzehren : Der Anschein der Hygiene birgt indes nichts Pflegliches , sondern dient lediglich der Sichtbarkeit des verglasten Speise- Terrariums , an dessen Glas sich die draussen Wartenden drücken , gierig die Bissen jener Esser verfolgend , deren Platz sie in Kürze selbst einnehmen werden . Ein Rudel Schakale rund um das Aas . |||

VII. INDUSTRIE : ISS & ARBEITE

John Heartfield Upton Sinclair Der Sumpf 1928Der Grausamkeit dieser Automatisierung unter Lichtregie steht die ölige Stahlstaub- Finsternis der assembly lines in den Ford- Werken wenig nach . Nach einer kurzen Episode mit der “zufällig” im Heuhaufen New Yorks wieder gefundenden Lola hat sich Bardamu nämlich nach Detroit begeben , um dort sichere Arbeit zu finden . “Man nehme jeden dort” hatte es geheissen , was übrigens auch historisch korrekt ist . ( Ab 1914 war Ford berühmt für seine “hiring practices that identified the best workers, including disabled people considered unemployable by other firms” ) .

Das Aufnahmeritual allerdings erinnert weniger an Philanthropie denn an jene der “totalen Institutionen” , wie sie Erving Goffman für Schulen , Militär , Krankenhäuser und Psychiatrische Anstalten dargestellt hat : Völlige Entblössung und Musterung .

Das Innere der Ford’schen Stahlstadt wird nach allen Regeln expressionistischer Bildlichkeit beschrieben und man wüsste gern , ob Louis-Ferdinand Céline die Bücher Upton Sinclairs - etwa die Beschreibung von den assembly lines und dem betäubenden Lärm in den Gross- Schlächtereien in den Chicagoer stockyards - kannte . Immerhin war “The Jungle” bereits 1906 erschienen . Sinclairs Buch über die Ford- Werke , “The Flivver King - A Story of Ford- America” erschien allerdings erst 1937 - fünf Jahre nach Célines “Voyage au bout de la nuit” . |||

VIII. INDUSTRIE ALS KRIEG : DER “KOSMOS FORD”

John Heartfield Die Eroberung der MaschinenWeit über die Regeln des Genres einer der Sozial- und Industriekritik hinausgehend , versieht Céline den “Kosmos Ford” mit jenen Vokabeln des Krieges , welche - als drittes Paradigma neben dem Licht | Dunkel und dem “Sumpf” - dem Roman durchgängig eingewebt sind .

Alles zitterte in dem riesigen Gebäude, man selber wurde ebenfalls von den Güssen bis zu den Ohren von dem Zittern befallen [ czz : man erinnere sich der "Kriegszitterer" aus dem Ersten Weltkrieg ! ] , es brandete von den Fenstern und dem Boden und all dem Metall auf uns ein, stossweise, vibirerend, von oben bis unten. Man wurde selber zur Maschine, so sehr erbebte das eigene Fleisch in diesem enormen wütenden Getöse, das einem durch und durch ging und sich um den Kopf legte und dann nach weiter unten schoss und in die Eingeweide fuhr und von da wieder nach oben in die Augen, in kurzen, rasend schnellen Stössen, ohne Ende, unermüdlich. ( …. )

Man ergibt sich dem Lärm wie dem Krieg. Man liefert sich den Maschinen aus mit den drei Gedanken, die sich noch irgendwo oben hinter der Stirn bibbernd haben halten können. Vorbei. Alles ist jetzt hart, was das Auge sieht, was die Hand berührt. Und alles, an was man sich erinnern kann, ist ebenfalls erstarrt wie Eisen und hat in den Gedanken allen Geschmack verloren. |||

VIII. NACHHALL DES STAHLGEWITTERS

Hier , in Fords Riesenmaschine , kulminiert das “harte Prinzip Amerika” .

Man muss das Leben draussen ebenso zunichte machen, es genau so in Stahl verwandeln, in etwas Nutzbares. Man hat es so, wie es war, nicht genug geliebt, deswegen. Man muss einen Gegenstand draus machen, was Hartes, das ist die Vorschrift.

Ähnlich wie in seiner , das Kontradiktorische im Negativen zusammen zwingenden Metaphorik , vollzieht Céline in diese wichtigen Passage eine Doppelung : Was im Kontext des industriellen “Krieges” als Schlussfolgerung erscheint , birgt in nuce bereits Bardamus Handlungsstrategie bei seiner Rückkehr nach Frankreich , wo er hart arbeiten und aus sich selbst den “Gegenstand” eines verbrieften Arztes “herstellen” wird. |||

KLANGAPPARAT

Drei Brüder , drei Städte und Musik wie aus einem Guss . Im Zuge des Portraits des GrazWiener Netlabels l a r i d a e , haben wir uns nun zur Release Numero 035 aus dem Febuar 2007 zurückbuchstabiert und sind wiederum bei einer Voll- Längen- Ausgabe ( offenbar lanciert man @ laridae überhaupt nicht das sonst so beliebte Format der EP ) gelandet : “To Be The Odd One Out” ist das jüngste Symphonicon des in Graz , Wien czz hörempfehlungund Berlin lebenden Brüdertrios , von welchen lediglich der dreieinige Künstlername Winterstrand bekannt ist . Offenbar akustisch in den 80ern sozialisiert , tragen Die Drei eine Fülle von Materialien zusammen , um diese auf aussergewöhnlich harmonische Weise zu synthetisieren . Ob cheesy Drumcomputer , black noize , Sprachsamples , Spieluhrmuster , ja gar momentanen e- Spinett- und Bach- Anmutungen : Ohne den Gestus aufdringlicher Originalität weben sich die Stränge in lässiger Logik zusammen . Muss man verbrüdert sein und fern von einander leben , um das Kunststück einer so feinen Integration des Diversen bewerkstelligen zu können ?! - CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. Vivacity | 02. Dimensionsbrecher | 03. Shadows Of Memories | 04. Possibly | 05. Rave Dans Un Champ De Choux-Raves | 06. Sense Of Nothing | 07. Untitled | 08. Morbide 3 | 09. The White Table |||

HINWEISE

related

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter