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Salon Littéraire | Ilse Kilic : DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET



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Salon Littéraire | Ilse Kilic :

DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET -
Exzerpte aus einem polymorphen Forschungsbericht

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EXZERPT EINS

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Neun von mir als notwendig erachtete Zutaten für das weitere Gelingen meines Textes, den ich Roman [56] zu nennen beabsichtige (auch wenn er möglicherweise nicht alle an einen Roman gestellten Anforderungen erfüllen wird):

  1. eine Männerfigur mit Namen Karl [57],
  2. eine zarte Romanze zwischen dem jugendlichen Mondscheinlein und Karl,
  3. das süße Leben in Tablettenform,
  4. ein im Widerspruch zur gesellschaftlichen Norm stehendes Wesen, durch welches diese kritisiert und infrage gestellt wird,
  5. eine zarte Romanze zwischen dem Holzknecht und Karl, durch die der Roman zeigt, dass für ihn (den Roman) nicht nur die heterosexuelle Romanze zählt,
  6. Outing des Holzknechtes als heimliche Frau, wodurch seine anfängliche Romanze mit Annabell in einem anderen Lichte erscheint und die lesbische Liebe von Anfang an als das erscheint, was sie ist, nämlich ganz normale Liebe [58], die, wie jede ganz normale Liebe, zu Mord und Totschlag führen kann,
  7. Handgreiflichkeiten zwischen Mondscheinlein und Karl, die das Verhängnis, das mit jeder Art von ganz normaler Liebe einhergehen kann und einhergeht, darstellen,
  8. der Hinweis, dass das Geschehen im Roman fiktional ist und keinen Rückschluss auf das wirkliche Leben außerhalb des Romans zulässt, dass aber andererseits solch ein Rückschluss durchaus erlaubt ist, sofern er eine Lektion für das geehrte Publikum darstellt, welches hiebei nicht nur unterhalten [59], sondern zugleich gebessert und belehrt werden soll,
  9. einige Gedichte sowie kurze Prosastücke, die der Holzknecht sowohl als Mann als auch als Frau zu seiner eigenen sowie zur Erbauung des Publikums schreibt. Die Einführung des Holzknechts als Schriftsteller und Schriftstellerin zielt darauf ab, mir als (be)schreibender Person eine (be)schreibende Person an die Seite zu stellen, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass sich Autorinnen und Autoren ihren Romanfiguren oft unterlegen fühlen, weswegen es von Vorteil sein kann, sich selbst auf diese Art und Weise zu Gesellschaft und Unterstützung zu verhelfen.

[56] - Hartnäckig halten sich Gerüchte, denen zufolge ein Buch, unabhängig vom Inhalt, sich besser verkaufe, wenn das Cover die Gattungsbezeichnung Roman aufwiese. Diesem Gerücht wurde bisher nicht experimentell nachgegangen.
Da der Roman oft eine Kausalität im Leben der Romanfiguren betont, deren Fehlen im Leben der Leser und Leserinnen diese oft schmerzlich beunruhigt, wird der Roman mitunter als Beruhigungsmittel angewendet. Obwohl Beruhigung durchaus zu den Aufgaben der Kunst gehören kann, liegt sie in der Regel nicht in der Absicht der Romanautorin oder des Romanautors. Die ersehnte Kausalität beruht überdies auf einem Missverständnis: Zwar liegen die Komponenten, die zu einem glücklichen oder unglücklichen Schicksal einer Romanfigur führen, dem Leser, der Leserin, dem Autor und der Autorin manchmal deutlich vor Augen, das aber bedeutet nicht, dass eine Romanfigur selbst sich nicht in eine Welt hineingeworfen sieht, in der sie wesentliche Aspekte ihres Schicksals nicht kontrollieren kann.
[57] - Laut Edgar Allan Poe hat noch nie ein Mensch Karl (im englischen Original Charles) geheißen, der nicht ein aufrichtiger, redlicher, gutmütiger und offenherziger Gesell gewesen wäre, “mit einer vollen klaren Stimme, die zu hören einem wohltat, und Augen, die einem stets gerade ins Gesicht blickten, als wollten sie sagen ‘Ich habe ein reines Gewissen, fürchte niemanden und bin gänzlich darüber erhaben, etwas Gemeines zu tun’.” (zitiert aus E.A. Poe, Du bist der Mann, Dritter Band der Gesamtausgabe, Insel Taschenbuch). Was die Wirkung des Namens Karl angeht, so soll auf Folgendes verwiesen werden: Finden sich in den Namen männlicher Personen überwiegend Vorderzungenvokale wie “e” und “i”, so wirken diese besonders attraktiv und sexy. Bei Namen weiblicher Personen bewirken indes Hinterzungenvokale wie “a” und “u”, dass man sich von ihnen besonders angezogen fühlt (vgl.: Ilse Kilic, Vom Umgang mit den Personen. Eine Schöpfungsgeschichte, Ritter Verlag, Klagenfurt-Wien 2005)
[58] - vgl. den Bilderzyklus Maßnahmen bei Liebestollwut von Fritz Widhalm, in dem die Liebe als Vorfall gezeigt wird, der zur Tollwut führen und somit Erste Hilfe erforderlich machen kann.
[59] - Die von Theodor W. Adorno geprägte Formel “Vergnügtsein heißt Einverstandensein” lässt sich auch auf die Romanform übertragen. In diesem Zusammenhang muss sich der Roman fragen lassen, wieviel Vergnügen zu bereiten er auf sich nimmt bei wieviel Bereitschaft, dieses Vergnügen in der Folge zu relativieren und zu zerstören. Auch der einzelne Mensch muss seinem Vergnügtsein gegenüber stets misstrauisch bleiben und Vorsicht walten lassen. Der vergnügte Zustand gilt als angenehm, wie auch die Vorstellung des Einverstandenseins oft als Entlastung von den Mühen des stetigen und konsequenten Widerspruchs imaginiert wird. Ein Unterschied zwischen Einverständnis mit dem Leben und Einverständnis mit der Welt sollte aber, wenn irgend möglich, aufrechterhalten werden.

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EXZERPT ZWEI

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Die nächsten Tage waren trüb und regnerisch. Auf meinem Schreibtisch hatte Mo die Eisenbahn und den kleinen Bahnhof recht unvermittelt verlassen und sich erstens in die große Stadt, zweitens aber in einen anderen Text begeben, der davon handelte, wie sie ein Leben als Schriftstellerin begann, zugleich aber eine wissenschaftliche Karriere anstrebte, kurz und gut, ich hatte folgendes geschrieben:

Nach vielen Eisenbahnfahrten rund um die Wiese konnte Mo sich für ihr Leben alles und alles mögliche vorstellen. Ihre Vorstellungen waren jedoch allesamt damit verbunden, in der großen Stadt zu leben. Von der großen Stadt nämlich erhoffte Mo, dass es dort jene Möglichkeiten gäbe, für die ihr Leben gar nicht ausreichen würde, sie alle mit Händen zu greifen. Mo schnürte also ein Ränzelein und trat vor ihre Mutter, um Adieu zu sagen.
- Ich gehe in die große Stadt, sagte Mo, um große Taten zu vollbringen.
- Wozu braucht es große Taten, fragte Mos Mutter, wo doch kleine Taten ausreichen, die Welt am Laufen zu halten?
- Große Taten, entgegnete Mo, sollen die Welt nicht am Laufen halten, sondern das, was falsch läuft, zum Besseren wenden.
- Sind es aber nicht gerade die großen Taten, die dazu führen, dass etwas falsch läuft?, fragte Mos Mutter besorgt.
- Manchmal schon, aber es gibt eben solche große Taten und andere große Taten.
- Wäre es nicht besser, es gäbe gar keine großen, sondern nur kleine Taten? Mos Mutter hatte einen warnenden Unterton in der Stimme.
- Nein, entgegnete Mo und hob die Stimme, weil das Thema ihr wirklich wichtig war, es ist zu spät dafür, dass es nur kleine Taten geben kann. Wenn es nämlich nur kleine Taten hätte geben sollen, dann hätte man mit dieser Entscheidung gegen die großen Taten schon früher anfangen müssen, nämlich bevor es die ersten großen Taten gab.
- Hm, hm, heißt das, dass, wenn die Entscheidung zu großen Taten falsch war, man diese Entscheidung gerade deswegen immer wieder aufs neue treffen muss?
- Was ist überhaupt eine große Tat im Verhältnis zu einer kleinen Tat?, gab Mo dem Gespräch eine etwas andere Richtung.
- Eine kleine Tat ist es, wenn du mit dem Fahrrad stehenbleibst, weil eine alte Dame die Straße überqueren will, anwortete Mos Mutter und setzte fort: An einer kleinen Tat kann einfach nie so viel schiefgehen.
- Eine große Tat ist, wenn Du eine Erfindung machst, die bewirkt, dass es vielen Menschen besser geht, sagte Mo.
- Wäre es dann nicht eine große Tat, manche große Tat rückgängig zu machen?, fragte Mos Mutter.
- Ja, natürlich, musste Mo zugeben, natürlich hat es immer wieder Taten gegeben, die als große Taten galten und die besser nicht getan worden wären. Andererseits ist dieses Problem nicht einfach zu lösen, indem es keine großen Taten mehr gibt.
- Die Atombombe wäre jedenfalls nicht erfunden worden.
- Aber das Penicillin auch nicht.
- Wer weiß, fügte Mos Mutter an, schon die Nubier verwendeten ein Bier mit antibakteriellen Wirkstoffen und die Ägypter versorgten Entzündungen mit aus Getreide gebrauten Heiltränken. In der Antike und im Mittelalter bedeckten Chirurgen Wunden mit schimmeligen Lappen, um Infektionen vorzubeugen. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass das Penicillin erst 50 Jahre nach seiner Entdeckung industriell hergestellt wurde und das vor allem deshalb, um verwundete Soldaten besser versorgen zu können, sodass der Zusammenhang zwischen Penicillin und kriegerischen Handlungen deutlich sichtbar wird.
- Ja, aber nicht alle großen Taten in Medizin und Technik stehen mit kriegerischen Handlungen in Zusammenhang, sagte Mo, und überhaupt ist mir das jetzt zu blöd.
- Ich gebe zu, dass ich einen recht pessimistischen Standpunkt vertrete. Das rührt vielleicht daher, dass ich mich viel mit dem Chagrinismus, der Lehre des Kummers in der Welt, befasst habe, zu dessen Leitsätzen es gehört, nach dem Kleinen zu trachten, weil das Kleine weniger Schaden anrichten könne als das Große.
Mo blieb stumm und sträubte sich sowohl innerlich als auch sichtbar, denn sie hatte so gar keine Lust auf die ebenso instruktiven wie weitschweifigen Erläuterungen ihrer Mutter zum Thema Chagrinismus. Stumm versuchte Mo, sich eine chagrinistische Welt vorzustellen, schüttelte dann den Kopf, kratzte sich am Ohr und sagte ganz leise, sodass es niemand hören konnte: Es gibt auch große Taten, die niemandem geschadet haben, zum Beispiel die Erfindung des Suppenwürfels [109], die Durchschwimmung des Ärmelkanals [110] oder die Übersetzung des Perec’schen lipogrammatischen Buches “La disparition”, das auf deutsch “Anton Voyls Fortgang” [111] heißt und ohne den Vokal E auskommt.

[109] - vgl. den Song von Dr. Hook and the Medicine Show The Wonderful Soup Stone, in dem diese Erfindung besungen wird. (Single B Seite 1973, auf der A Seite befand sich die Nummer Life Ain’t Easy)
[110] - Der Ärmelkanal ist etwa 563 Kilometer lang und an der breitesten Stelle 248 Kilometer breit. In der Straße von Dover, der schmalsten Stelle, sind es nur 34 Kilometer Breite von Dover nach Cap Gris-Nez. Erstmals durchschwommen wurde der Ärmelkanal am 24. und 25. August 1875 von dem Engländer Matthew Webb. Er benötigte für die Strecke von Dover nach Calais 21:45 Stunden und legte 73 Kilometer zurück. Als erste Frau durchschwamm 1926 die US-Amerikanerin Gertrude Ederle den Ärmelkanal.
[111] - Übersetzt von Eugen Helmlé. Eugen Helmlé (1927-2000) war Schriftsteller und literarischer Übersetzer. Ab 1960 erschien sein umfangreiches Werk von Übersetzungen, vorwiegend aus dem Französischen und Spanischen. In Würdigung dieses Werks wurde vom Saarländischen Rundfunk und der Stiftung ME Saar 2004 der “Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis” ins Leben gerufen, der seit 2005 jährlich abwechselnd an einen deutschen und einen französischen Übersetzer verliehen wird.

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Ilse Kilic

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Hinweise :

Ilse Kilic , DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET ist soeben im Ritter- Verlag , Klagenfurt 2008 , erschienen .

Ilse Kilic’ uns Fritz Widhalms Literatur als Radiokunst- Produktion “Ergänzen Sie die Einrichtung Ihrer Wohnung mit einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin !” ( 12:03 ) wird kommenden Sonntag urgesendet . - ORF Österreich 1 , Kunstradio , 7. 12. 2008 , 23:03 H ( Produktionsnotizen )

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Jelinek Online : “NEID” am dicken Ende der Blogwurst



||| TAGBLATT UND “BLOGWURST” | VERZEHRENDER NETZ- TEXT | ABWEHRZAUBER UND WIEDERGUTMACHUNG | KALAUER MIT “AUFGABE” | WO BLEIBT DER “KLASSISCHE WERKBEGRIFF” ? | SÜHNE - SÜNDE : SCHÖPFUNGSAKT - KINDSWEGLEGUNG | KLANGAPPARAT | LINKS | RELATED

TAGBLATT UND “BLOGWURST”

pac_manDa nicht nur die Bock- sondern auch die “Blogwurst” derer Enden zwei hat, meldet sich das Feuilleton - nach anfänglichem Anbrat- Interesse vorigen Mai - nun pünktlich prêt à rapporter zum Finale des paradoxen Online- ist- gleich- “Privat”- Romans Elfriede Jelineks .

Von “A” ( dem akkurat akut anverwandelten “Dungeon Man” [ NYT ] von Amstetten ) über “B” ( dem buchfrei verbleibenden Verleger , als sei der Berlin- Verlag mit dem Totschläger Littells nicht börsenreif beschäftigt ) bis “Z” ( dem berühmten “Zitierverbot” ) : Die Presse ist prompt zur Stelle , wenn’s auch mal auf den Kulturseiten ein “Fait divers” zu vermelden gibt .

Die NZZ am 8. 5. , die SZ am 9. und die FAZ am 13. 5. Dass es seit Publikationsbeginn des Romans ein material- und reflexionsreiches Online- Forum ( JeliNetz ) gibt , bleibt in den Meldungen freilich konsequent aussen vor . “Internet” heisst demnach nicht nur der Wechselbalg einer irgendwie exhibitionistischen “Privatsache” , sondern auch der Ort privatim getätigter Lektüren .

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VERZEHRENDER NETZ- TEXT

pac_manIn der Verweigerung der Anerkennung eines medien- adaequaten Austauschs von An- und Einsichten rücken die ( durchwegs männlichen ) Referenten und Rezensenten die Online- Existenz eines literarischen Werks in den Bereich der Pornographie : Was nicht “über die Budel” ver- und handelbar ist , wird Objekt eines mit dem Ruch des Illegitimen behafteten Online- Voyeurismus . Wo die Text grenzenlos verfügbar sind , untersteht auch deren Lektüre keinem hergebrachten Komment und Reglement : Schon dieses Moment des Ausufernden und Unkontrollierbaren macht den Bild- Schirm- Text verdächtig .

Dem Philologen und Kritiker , gewohnt an den gedruckt unverrückbaren Text- Korpus , muss die diskrete Wandelbarkeit eines E- Textes geradezu frivol anmuten . Der proteische und tendenziell unendlich veränderbare Charakter eines solchen Werks lehrt den Publizisten buchstäblich das Fürchten : Nicht nur , weil rund 1.000 Seiten Fliesstext ein schwer übersehbares Gelände | Gewirk darstellen , sondern weil dessen Wandelbarkeit dem Kritiker grundsätzlich die Gnade des Letzten Wortes entzieht . So ein dämlich änderlicher Text kann nämlich seinerseits und postwendend buchstäblich zurückschlagen , indem er mehr oder weniger offensichtlich , auf die im Print festgestellten Anmutungen reagiert .

Um solche Rück- Schläge festzustellen , müsste man freilich den integralen Text unter ständiger Beobachtung halten wie ein “Alien” oder ein “gefährliches Tier” wird : Wer weiss , ob dieses Monstrum sich den Publizisten und seine tagesjournalistisch getrimmten Worte nicht eines Tages einverleibt und verschlingt ?

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ABWEHRZAUBER UND WIEDERGUTMACHUNG

pac_manMit Nennung der dem Werk einverleibten Kritik vollzieht Paul Jandl in der NZZ gleichsam einen Abwehrzauber :

Was Elfriede Jelinek den Lesern als “E. J.” sagen will, scheint klar. Die zarte Camouflage ist Kriegsbemalung, denn in “Neid” wird zwar einmal mehr mit Österreich abgerechnet, vor allem aber mit sich selbst. Die Schreibstube am Wiener Jupiterweg wird zum Echoraum all dessen, was die Kritiker der Schriftstellerin vorwerfen, während diese sagt: Geschenkt! Dass es im Werk der Jelinek wenig Handlung gebe, dass es ihm an erfahrbarer Wirklichkeit mangle, dass es sich wiederhole und verzettle, tausendmal: Geschenkt! – In die Familiengeschichte steigt der Roman herab und spart auch dabei nicht mit Selbstvorwürfen. Die beinahe pornografische Entblössung des eigenen Ich treibt ein Buch voran, das den “Neid” des Titels pro domo nimmt. Der Lebenssünde, “Ich” zu sagen, hat Elfriede Jelinek ihr Todsünden-Projekt gegenübergestellt. Neben den Romanen “Lust” und “Gier” ist der Neid eine Verirrung von offenkundiger Virulenz. Das Leben da draussen, das Leben, dem sich die Schriftstellerin entzieht, wird zum Gegenstand der Sehnsucht wie der Verachtung. Ganz privat, nur im Internet, rechnet Elfriede Jelinek mit ihrer Rolle als öffentliche Frau ab.

Burkhard Müller scheint mit seiner jüngsten Reaktion in der SZ förmlich um Wiedergutmachung seiner ersten Ausfälle vor einem Jahr bemüht : Sie mög sich hüten , die Autorin , hatte es damals geheissen , den Unlustfaktor ihrer Texte nicht auch noch durch eine unhandliche Publikationsform zu verstärken . Jetzt dahingegen begrüsst derselbe Redakteur Jelineks rasches Reagieren auf “Amstetten” ( “Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist die Feuerwehr, wenn alle anderen noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen” ) , ihre Tuchfühlung “Im Verlassenen ” auf Leib und Seele “Österreichs” sowie deren Ästhetisierung :

Elfriede Jelinek verliert keine Zeit damit, Töne des Entsetzens auszustoßen. Das haben inzwischen schon andere hinlänglich getan. Sie beginnt ihren Text “Im Verlassenen”, abrufbar auf ihrer Homepage, damit, dass sie das Besondere und das Allgemeine des Falls ins rechte Verhältnis bringt. Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält.” Das ist zwar als Prosa gesetzt, tänzelt aber wie von ungefähr in Richtung des gereimten Epigramms. ( SZ )

Hat man voreilig geurteilt ? Verkannte man das Visionäre in Jelineks Kassandra- Reden ? - Ein Journalist leistet , an der Monstrosität der Echtwelt gereift , förmlich Abbitte :

Jelinek hat viele, die sie in den letzten Jahren hörten oder lasen, durch die Gleichform ihrer Beschwerde ermüdet. Das mag zum Teil ungerecht gewesen sein, denn wenn das Übel sich nicht ändert, warum sollte es die Beschwerde tun? Es war Jelineks Art, der Welt, ihrer Welt, die Treue zu halten. Und doch liegt im Ermüdenden ein literarisches Problem.

Nun aber ergibt sich am zwar typischen, aber doch herausragenden Anlass die Gelegenheit zu zeigen, dass der fehlende Biss ihrer Texte, den man konstatiert hat, am Brei lag, mit dem sie es zu tun hatte, und nicht an ihren Zähnen. Jetzt hat sie ihren Brocken; und da erweisen sich ihre Zähne auf einmal als scharf. ( SZ )

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KALAUER MIT “AUFGABE”

pac_manAuch die formalen und textgenerativen Mittel wie der früher als “ermüdend” eingestufte Kalauer wird via München unter Umständen einer “echten Aufgabe” plötzlich rehabilitiert :

Also beschränkte sich Jelinek darauf, den Affekt, ganz sparsam, in den Doppelsinn eines einzigen Wortes zu verlegen, um unvermutet B hervorspringen zu lassen, wenn gerade noch A das Thema war. Aber nachdem man dieser Weiche eine Zeitlang beim Schalten zugesehen hat, wandelt sich das Unvermutete in das Erwartbare, und der Trick zieht nicht mehr. Hier aber zieht er plötzlich wieder, und zwar weil er eine echte Aufgabe bekommen hat. Das Bestürzende an den Entdeckungen von Amstetten lag darin, dass sich alles über so furchtbar lange Zeiträume erstreckt hat. ( … )

Darum ist die Rede vom “Ruf” Österreichs, wenn es um Dinge wie Amstetten geht, eine solche Perfidie. Es ist dieselbe Art von Rede, die das Verbrennen toter Babies als “Entsorgen” benennt und sich damit den logistischen Gesichtspunkt, die Sorge des Täters, zu eigen macht. Ein Ruf ist etwas, das aus der Kehle dringt, aber eben auch der gute oder schlechte, den man hat. Plötzlich kommen sich die beiden Bedeutungen, der Schrei und die Reputation, ganz nahe. Auf den Ruf bedacht sein, heißt den Schrei ignorieren. Darin eben liegt die allgemeine Tendenz, die der krasse Einzelfall offenbart. ( SZ )

Als Erste Hilfe und ultima ratio gegen die Sprachlosigkeit des Entsetzens - sowie der journalistischen Ratlosigkeit , wie das Unsägliche überhaupt ( noch ) zu covern sei - wird Elfriede Jelinek plötzlich wieder der Rede wert :

Was kann, was soll man zu Amstetten sagen? Man braucht schon einen Ton, der trägt. Den hat Elfriede Jelinek. Er ist, wie eine Berufsfeuerwehr, wohlgeübt, und wenn plötzlich die Katastrophe ausbricht, weiß die Feuerwehr im Unterschied zu den übrigen Passanten, die bloß die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, genau, was sie zu tun hat. ( SZ )

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WO BLEIBT DER “KLASSISCHE WERKBEGRIFF” ?

pac_manSolche thematischen Schnittstellen an | mit der ausserliterarischen ( Skandal- ) Realität , wertet Hubert Spiegel lediglich als Ephemera und Fortsetzung des Immergleichen unter Berücksichtigung frischer Datenlagen . Was den FAZ- Redakteur weitaus mehr irritiert , ist die “Aushöhlung des klassischen Werkbegriffs” durch stete Veränderlichkeit im Netz :

Offenbar hat Elfriede Jelinek im Internet die Arbeitsbedingungen gefunden, die ihr am ehesten gemäß sind: Frei von jeglichen Verwertungszwängen herrschen hier autonome Innerlichkeit und Privatheit in ihrer denkbar öffentlichsten Form. So ist ein Werk entstanden, das die Mittel des Blogs benutzt, um nahezu sämtliche Fesseln des Romans abzustreifen. ( … ) Denn Änderungen sind jederzeit möglich. Damit tritt ein, was Autoren Traum und Albtraum zugleich ist: Kein Text ist jemals fertig. Alles bleibt vorläufig, fließend, in potentiell jederzeit zu beschleunigender Bewegung. ( … ) So wird die Aushöhlung des klassischen Werkbegriffs, die in Elfriede Jelineks Schaffen immer schon angelegt war, im Netz auf die Spitze getrieben. ( FAZ)

Die - für jeden Jelinek Kenner selbstverständlich nur cum grano salis zu lesende - Nachbemerkung “Unvollständige oder fehlerhafte Sätze bitte (jeder für sich selbst) ergänzen bzw. korrigieren” wird von Hubert Spiegel beim Wort genommen und als Zeichen dafür , dass das “Lektorat … an die Leserschaft übergegangen” sei . Mit dem “klassischen Werkbegriff” geht somit auch die “auctoritas” | Autorität des Autors den Bach der Blogrolle hinunter und reisst die ( “klassische” ) “Sinnstiftung” gleich mit :

Wo die Sinnstiftung an sich schon als Machtausübung verstanden wird, wo jede Organisation des Textes unter dem Verdacht der hierarchischen Handlung steht, wird Flüchtigkeit als Freiheitsgewinn verbucht: “Mir gefällt der Gedanke, dass jeder, der will, sich etwas von mir herunterladen kann, es irgendwo zerstreut, ein paar Seiten, auch auf dem Handy konsumiert, und dann verschwindet es wieder im Netz. Es ist da, für jeden”, sagt Elfriede Jelinek über ihr Projekt, “und gleichzeitig weg, das gefällt mir”. Dass der Roman sich nicht zwischen zwei Buchdeckeln materialisieren darf, könnte man fast als Sühne dafür nehmen, dass auch dieser Text seine Existenz einem Schöpfungsakt verdankt. ( FAZ )

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SÜHNE | SÜNDE : SCHÖPFUNGSAKT | KINDSWEGLEGUNG

pac_manDas Motiv der “Sühne” wurde bereits von Paul Jandl in der NZZ angesprochen . Dort war es allerdings auf Jelineks “Rolle als öffentliche Frau” gemünzt . Elfriede Jelinek hat sich über die Jahre hinreichend und ausführlich über die problematische Rolle der “öffentlichen Frau” geäussert . Aus der praktischen Erfahrung , dass diese von einer Öffentlichkeit , in welcher ( wie in den zitierten Artikeln ) “der Mann” das Sagen hat , als unangemessene Ermächtigung wahrgenommen wird, hat Jelinek ihr mediales , diskursives und literarisches “Fort | Da”- Spiel entwickelt . Es muss da nun doppelt paradox anmuten , wenn jetzt von Seiten des FAZ- Autors der Vorwurf ertönt , die Frau als Schriftstellerin negiere ihren “Schöpfungsakt” .

Da dieser “Schöpfungsakt” spätestens seit der Genesis dem Gott , dem Mann , dem Autor vorbehalten ist , muss es sich wohl um im eigentlichen Sinne um die weibliche Sünde der “Kindsweglegung” handeln …

“geschlechterdings” ( Gerhard Rühm ) gerät selbst im Zeitalter der Männerforschung noch so Manches in auf- reizender Fehlleistung durcheinander .

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KLANGAPPARAT

Wir haben ihn vermisst . Nun aber ist er wieder da : DJ Tom Larson ( @ MySpace ) mit einem seiner die Grenzen von Raum und Zeit korrodierenden czz hörempfehlungMixes . Diesmal mit “Elektronischen Schallwellen” @ Loopzilla . Womöglich nicht ganz frisch , aber nahezu klassisch . Go with the flow , knappe sechsundsiebzig Minuten und wieder … und wieder … CLICK LINK TO LISTEN STREAM . |||

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LINKS

RELATED

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EDIT 20. 5. :

  • Eine Immission obiger Auslassungen wurden im “Blogblick” der Netzeitung gesichtet . Gewissermassen das “dicke Ende” im Anhang .

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