Tag Archive for 'salon-litteraire'

NEUES VON FREUNDEN



||| ARS ACUSTICA - RADIOKUNST ON AIR 1 | ARS ACUSTICA - RADIOKUNST ON AIR 2 | ARS ACUSTICA - AUSSTELLUNG - HISTORISCHE UTOPIE | ARS ACUSTICA - ON STAGE - TRAUTONIUM JETZTZEIT | ART MIX - LUNCH PAKET - WORTWERFT | ARS ACUSTICA - JELINEK AUDIO - VISUELL | KLANGAPPARAT

trautonium

( illustration via david szondy )

Von allerlei Fremd- und Eigenklang geht diese Woche die Rede . Und vom radiophon vertonten Wort . Radiokunst , Sound- Art , Textperformance und mediale Übertragung , was übrigens durchaus mit aparten psychoanalytischen Valenzen zu lesen wäre … Aber - um es wieder etwas bodenständiger zu sagen - : Wofür gilt Letzteres eigentlich nicht ?

|||

ARS ACUSTICA | RADIOKUNST ON AIR 1

czz-neuesvonfreundenWie jeden ersten Dienstag im Monat , widmet der Sender SWR 2 eine Stunde der Dokumentation zeitgenössischer Ars Acustica : In seiner Reihe “Neue Radiokunst International” ist Andreas Hagelüken mittlerweile bei Numero 19 angelangt und präsentiert in anthologischer Manier dem Portal rAdioCUSTICA aus Prag ( ein Sendungsarchiv findet sich übrigens hier) .

In den letzten Jahrzehnten hat sich im Zeichen der “ars acustica” eine international weit verzweigte Szene entwickelt. Sie bewegt sich zwischen den traditionellen Kunstgenres und bedient sich der Formen des Hörspiels wie der akustischen Ökologie, der improvisierten und der elektroakustischen Musik. Aufführungsort ist zumeist das Radio, aber auch Klang- bzw. Lautsprecherinstallationen sind möglich, der Club, die Lounge und das Internet. Die 1988 in Florenz gegründete “ars acustica group” - dem beispielsweise auch das ORF- “Kunstradio” angehört - der europäischen Rundfunkunion ( EBU ) widmet sich dieser relativ jungen Audiokunst und tauscht untereinander Produktionen zur Ermittlung des “state of the art” aus.

Mit der Osterweiterung der EU konnte sich die Expertengruppe nach Osten hin öffnen, wo in sehr lebendigen Initiativen eine junge akustische Kunst entsteht, die sich einer Festlegung auf Pop, Unterhaltung oder Ernst zu entziehen sucht. Einen besonders produktiven Standort hat sie in Prag, wo der Redakteur Michal Rataj junge Komponisten, DJs und Laptop-Aktivisten gleichermaßen für die akustische Kunst zu interessieren weiss .

|||

ARS ACUSTICA | RADIOKUNST ON AIR 2

czz-neuesvonfreundenIn eigener Sache : Alle Jahre wieder rückt mit Anfang Dezember die zweite Folge der Reihe “Literatur als Radiokunst” im ORF- “Kunstradio ” heran . Wie beiläufig angedeutet , bündelt die aktuelle Sendung zwei sehr diverse Ansätze zur Reflexion der Entstehungs- und Existenzbedingungen von Literatur .

Mag das rührselige Lied der Bohème längst verklungen sein , bleibt die Existenz des Künstlers weiterhin prekär . Ebenso wirkungsvolle wie konträre Formen, dies unsentimental zur Sprache zu bringen, stellen zwei neue Arbeiten im Rahmen der Reihe “Literatur als Radiokunst” vor. Die KünstlerInnen sind aus dem in|ad|ae|qu|aten “Salon Littéraire ” wohlweislich bekannt .

Ilse Kilic und Fritz Widhalm , die seit zwei Jahrzehnten ein Lebens-, Kunst- und Verlagsprojekt ( “Das fröhliche Wohnzimmer” ) erproben , nehmen den Begriff des “Schriftstellers” beim Wort und empfehlen diesen als Stell-Objekt fürs kultivierte Interieur : “Ergänzen Sie die Einrichtung Ihrer Wohnung mit einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin ! ” hebt das polyphon satirische Beratungsgespräch im “Schöner Wohnen”-Stil an .

Der universal schöpferische Tiroler Forscher Bernard Kathan zieht dahingegen das messerscharfe montierte Zitat heran zur Instrumentierung des Elends der “Hungerkünstler” . In diesem Fall ist es der für seine aberwitzige “Fälle und Fallen” postum zur Kultfigur avancierte Russe Daniil Charms ( 1905-1942 ) , aus dessen Tagebüchern die Not in den verschiedensten Stimm ( ungs ) lagen spricht. ( czz )

Die Zwischenmusik- Miniaturen stammen übrigens von der universalen Gundi Feyrer … Wir kommen in|ad|ae|qu|at noch einmal darauf zurück -

|||

ARS ACUSTICA | AUSSTELLUNG | HISTORISCHE UTOPIE

czz-neuesvonfreundenRadio- und Soundkunst bergen in sich per definitionem ein je definitertes utopisches Potential . Wer die Utopien von gestern , oder “vergessene Zukunft” ( -smusiken ) näher in Augenschein und zu Angehör nehmen will , sollte sich ins niederösterreichische Hainburg begeben : Das dort situierte “Institut für Medienarchäologie” ( IMA ) zeigt dort nämlich bis Mitte April 2009 die in allen Kategorien staunenswerte Ausstellung “Zauberhafte Klangmaschinen” | “MAGICAL SOUND MACHINES ” .

Man könnte ganze Bücher über all diese Wunderapparate wie Akaphon ,
Ariston , Grammophon , Magneton , Mellotron , Minifon , Minimoog , Ondes Martenot , Optigan , Polyvox , Rhythmikon , Singing Arc , Superpiano , Terpsiton , Theremin , Ultraphon , etc. schreiben , gäbe es glücklicherweise nicht einen profunden Katalog ( Schott 2008 ) und die hier vielzitierte Homepage , “ein El Dorado der Informationen für alle Nerds der Musiktechnik” ( Spex ) .

Nun wäre ein derartiger Maschinenpark allerdings einigermassen witzlos , liesse man ihn der Historizität seiner Utopien alleine . Damit wäre die Kollektion lediglich ein Kabinett der traurigen , da überholten , Kuriositäten .

Das IMA geht da andere Wege , indem es einerseits in Workshops die Erkundung der einzelnen Instrumente ermöglicht , anderseits in der Reihe DA CAPO zeitgenössische Musiker und Künstlerinnen zu einer geistesgegenwärtigen Auseinandersetzung mit den Historischen Zukunftsklängen lädt .

|||

ARS ACUSTICA | ON STAGE | TRAUTONIUM JETZTZEIT

czz-neuesvonfreundenSo konfrontieren beispielsweise die Sound- , Text- und Videokünstlerin Liesl Ujvary und der Musiker Oliver Stummer ( aka tomoroh hidari ) elektronisch generierte Sounds mit dem Originalklang eines Instruments , dessen mitunter unheimlich ( Freud ! ) vibrierende Töne in zahlreichen Filmmusiken , aber auch in der klassischen Moderne ( Paul Hindemith ) zu hören sind : Das Trautonium ( siehe auch hier und hier , wie wenig das tatsächliche Instrument mit der Zeitschriftenzeichnung unseres heutigen Titelbilds zu schaffen hat ) .

Ujvarys und Stummers Konfrontationskurs auf den Wellen von synthetischem und realem Klang titelt trefflich “TRAUTONIUM JETZTZEIT ” :

das trautonium, erstmals 1930 als elektronischer synthesizer gebaut, bietet immense möglichkeiten der klanggestaltung. es wurde es wurde ebenso in kompositionen von hindemith und genzmer eingesetzt, wie für extreme soundtracks in filmen – der ton von hitchcocks ‘die vögel’ , vogelstimmen, flügelschlagen, entstammt einzig dem trautonium, nicht etwa der natur. da im trautonium der elektronische anteil von einer komplexen mechanik gesteuert wird, ist auch die haptik von bedeutung und das geschick des spielers gefragt.

wir wollen die klanglichen möglichkeiten der aktuellen elektronik und ihr instrumentarium dem klassischen trautonium gegenüberstellen. drei ebenen werden hörbar: das trautonium im originalton, das trautonium mit einem toolsatz verflochten und verändert, ein elektronisches trautonium-modul wird mit dem original konfrontiert. zum abschluss verbinden sich alle klangerzeuger zu einer coda.

|||

ART MIX | LUNCH PAKET | WORTWERFT

czz-neuesvonfreundenWie zuvor schon gibt sich die Autorin Maria Seisenbacher ( > “Salon Littéraire” ) samt ihren Texten in der multimedialen Gruppierung WORTWERFT die Ehre eines kompletten Menüs :

Text, Visuals ( GOTO ) und Klang ( Rokko Anal ) werden an diesem Abend in sich verschränkt und gegeneinander ausgespielt. Visuals in Assoziation zu den Textkörpern geben ihnen eine fassbare Ebene. Sounds wiederum übersetzten Sprache und Bild in freie Assoziationsfelder, in denen man die eigene Position neu bewerten kann. Dem geforderten Publikum wird ( gegen freie Spende ) eine Wegzehrung ( LUNCH PAKET ) angeboten.
Inhalt: Text, Bild, Klang und Missklang und auch die altbewährte Wurst- oder Käsesemmel.

Ergo : Garantiert keine Langeweile. Garantiert kein Hunger.

|||

ARS ACUSTICA | JELINEK AUDIO | VISUELL

Beispiele Für-Hörer xsSchliesslich gestatten wir uns in|ad|ae|qu|at noch einen weiteren Hinweis in eigener Sache : Klischees , Posen und Rollenspiele prägen die 40 Jahre währende “Beziehung” zwischen der Autorin und dem Medium “Radio” : Das A / V - Feature “EINATMEN - AUSATMEN: ELFRIEDE JELINEK IN FIGUREN DER RADIOPHONIE” ( 40 Min. ) erkundet Literatur im stillschweigend- beredten Kontrakt mit dem Medium “Radio” und dessen Gestaltern : In Interviews und Portraits , in Attributen , Rollen und Posen entsteht eine mediale Fiktion - abseits der realen Autorin . Wie das Video entstanden ist , haben wir - samt einem YouTube Exzerpt - auf dieser Seite dokumentiert . Ein Gleiches gilt für das dreiminütige Satyrspiel “RADIO | JELINEK | REMIX” , welches kap und czz justament auf die Ästhetik des Netzfilmchen- Senders zugeschnitten haben .

  • Elfriede Jelinek in Figuren der Radiophonie - 2 Videos und 1 Gespräch mit der Musikwissenschafterin und Radiomacherin Irene Suchy am Mittwoch , 3. 3. 2008 , Literaturhaus , 19 H
    • Further Reading : Auf der Jagd nach Jelinek - Mit ihrem Online-Roman “Neid” hat Elfriede Jelinek die Literaturwissenschaftler ins Netz getrieben . Interview mit Christoph Kepplinger vom Projekt JeliNetz über die Herausforderungen , die Netz und E- Book- Systeme für Leser und Wissenschaftler darstellen - ORF futurezone , 22. 11. 2008

Beispiele Ich-möchte-seicht

|||

KLANGAPPARAT

Wer jetzt noch keinen Klangüberdruss verspürt , der möge es sich @ czz-hoerempfehlungMixotik gemütlich machen : “We Love Netlabelism” ( Vol. 1 ) bringt einen feinen Reim aparter Zartheit ins Chaos der Netzmusik- Neuigkeiten . Seidige Texturen und ein leiser Hang zum kleinen Gamelan : Das lassen wir uns doch bitte sehr gerne zu Gefallen sein und zu Gemüte gehen . Den wunderweichen Flow gezaubert hat übrigens ein Bremener Herr namens Stig Inge . - CLICK LINK TO LISTEN TO STREAM ( 66:16 )

|||

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter

Salon Littéraire | Ilse Kilic : DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET



Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRAIRE als www- Galerie für Bild und Text

Salon Littéraire | Ilse Kilic :

DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET -
Exzerpte aus einem polymorphen Forschungsbericht

|||

EXZERPT EINS

Ilse_Kilic_DAS_WORT_ALS_SCHÖNE_KUNST_BETRACHTET_01

Neun von mir als notwendig erachtete Zutaten für das weitere Gelingen meines Textes, den ich Roman [56] zu nennen beabsichtige (auch wenn er möglicherweise nicht alle an einen Roman gestellten Anforderungen erfüllen wird):

  1. eine Männerfigur mit Namen Karl [57],
  2. eine zarte Romanze zwischen dem jugendlichen Mondscheinlein und Karl,
  3. das süße Leben in Tablettenform,
  4. ein im Widerspruch zur gesellschaftlichen Norm stehendes Wesen, durch welches diese kritisiert und infrage gestellt wird,
  5. eine zarte Romanze zwischen dem Holzknecht und Karl, durch die der Roman zeigt, dass für ihn (den Roman) nicht nur die heterosexuelle Romanze zählt,
  6. Outing des Holzknechtes als heimliche Frau, wodurch seine anfängliche Romanze mit Annabell in einem anderen Lichte erscheint und die lesbische Liebe von Anfang an als das erscheint, was sie ist, nämlich ganz normale Liebe [58], die, wie jede ganz normale Liebe, zu Mord und Totschlag führen kann,
  7. Handgreiflichkeiten zwischen Mondscheinlein und Karl, die das Verhängnis, das mit jeder Art von ganz normaler Liebe einhergehen kann und einhergeht, darstellen,
  8. der Hinweis, dass das Geschehen im Roman fiktional ist und keinen Rückschluss auf das wirkliche Leben außerhalb des Romans zulässt, dass aber andererseits solch ein Rückschluss durchaus erlaubt ist, sofern er eine Lektion für das geehrte Publikum darstellt, welches hiebei nicht nur unterhalten [59], sondern zugleich gebessert und belehrt werden soll,
  9. einige Gedichte sowie kurze Prosastücke, die der Holzknecht sowohl als Mann als auch als Frau zu seiner eigenen sowie zur Erbauung des Publikums schreibt. Die Einführung des Holzknechts als Schriftsteller und Schriftstellerin zielt darauf ab, mir als (be)schreibender Person eine (be)schreibende Person an die Seite zu stellen, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass sich Autorinnen und Autoren ihren Romanfiguren oft unterlegen fühlen, weswegen es von Vorteil sein kann, sich selbst auf diese Art und Weise zu Gesellschaft und Unterstützung zu verhelfen.

[56] - Hartnäckig halten sich Gerüchte, denen zufolge ein Buch, unabhängig vom Inhalt, sich besser verkaufe, wenn das Cover die Gattungsbezeichnung Roman aufwiese. Diesem Gerücht wurde bisher nicht experimentell nachgegangen.
Da der Roman oft eine Kausalität im Leben der Romanfiguren betont, deren Fehlen im Leben der Leser und Leserinnen diese oft schmerzlich beunruhigt, wird der Roman mitunter als Beruhigungsmittel angewendet. Obwohl Beruhigung durchaus zu den Aufgaben der Kunst gehören kann, liegt sie in der Regel nicht in der Absicht der Romanautorin oder des Romanautors. Die ersehnte Kausalität beruht überdies auf einem Missverständnis: Zwar liegen die Komponenten, die zu einem glücklichen oder unglücklichen Schicksal einer Romanfigur führen, dem Leser, der Leserin, dem Autor und der Autorin manchmal deutlich vor Augen, das aber bedeutet nicht, dass eine Romanfigur selbst sich nicht in eine Welt hineingeworfen sieht, in der sie wesentliche Aspekte ihres Schicksals nicht kontrollieren kann.
[57] - Laut Edgar Allan Poe hat noch nie ein Mensch Karl (im englischen Original Charles) geheißen, der nicht ein aufrichtiger, redlicher, gutmütiger und offenherziger Gesell gewesen wäre, “mit einer vollen klaren Stimme, die zu hören einem wohltat, und Augen, die einem stets gerade ins Gesicht blickten, als wollten sie sagen ‘Ich habe ein reines Gewissen, fürchte niemanden und bin gänzlich darüber erhaben, etwas Gemeines zu tun’.” (zitiert aus E.A. Poe, Du bist der Mann, Dritter Band der Gesamtausgabe, Insel Taschenbuch). Was die Wirkung des Namens Karl angeht, so soll auf Folgendes verwiesen werden: Finden sich in den Namen männlicher Personen überwiegend Vorderzungenvokale wie “e” und “i”, so wirken diese besonders attraktiv und sexy. Bei Namen weiblicher Personen bewirken indes Hinterzungenvokale wie “a” und “u”, dass man sich von ihnen besonders angezogen fühlt (vgl.: Ilse Kilic, Vom Umgang mit den Personen. Eine Schöpfungsgeschichte, Ritter Verlag, Klagenfurt-Wien 2005)
[58] - vgl. den Bilderzyklus Maßnahmen bei Liebestollwut von Fritz Widhalm, in dem die Liebe als Vorfall gezeigt wird, der zur Tollwut führen und somit Erste Hilfe erforderlich machen kann.
[59] - Die von Theodor W. Adorno geprägte Formel “Vergnügtsein heißt Einverstandensein” lässt sich auch auf die Romanform übertragen. In diesem Zusammenhang muss sich der Roman fragen lassen, wieviel Vergnügen zu bereiten er auf sich nimmt bei wieviel Bereitschaft, dieses Vergnügen in der Folge zu relativieren und zu zerstören. Auch der einzelne Mensch muss seinem Vergnügtsein gegenüber stets misstrauisch bleiben und Vorsicht walten lassen. Der vergnügte Zustand gilt als angenehm, wie auch die Vorstellung des Einverstandenseins oft als Entlastung von den Mühen des stetigen und konsequenten Widerspruchs imaginiert wird. Ein Unterschied zwischen Einverständnis mit dem Leben und Einverständnis mit der Welt sollte aber, wenn irgend möglich, aufrechterhalten werden.

|||

EXZERPT ZWEI

Ilse_Kilic_DAS_WORT_ALS_SCHÖNE_KUNST_BETRACHTET_05

Die nächsten Tage waren trüb und regnerisch. Auf meinem Schreibtisch hatte Mo die Eisenbahn und den kleinen Bahnhof recht unvermittelt verlassen und sich erstens in die große Stadt, zweitens aber in einen anderen Text begeben, der davon handelte, wie sie ein Leben als Schriftstellerin begann, zugleich aber eine wissenschaftliche Karriere anstrebte, kurz und gut, ich hatte folgendes geschrieben:

Nach vielen Eisenbahnfahrten rund um die Wiese konnte Mo sich für ihr Leben alles und alles mögliche vorstellen. Ihre Vorstellungen waren jedoch allesamt damit verbunden, in der großen Stadt zu leben. Von der großen Stadt nämlich erhoffte Mo, dass es dort jene Möglichkeiten gäbe, für die ihr Leben gar nicht ausreichen würde, sie alle mit Händen zu greifen. Mo schnürte also ein Ränzelein und trat vor ihre Mutter, um Adieu zu sagen.
- Ich gehe in die große Stadt, sagte Mo, um große Taten zu vollbringen.
- Wozu braucht es große Taten, fragte Mos Mutter, wo doch kleine Taten ausreichen, die Welt am Laufen zu halten?
- Große Taten, entgegnete Mo, sollen die Welt nicht am Laufen halten, sondern das, was falsch läuft, zum Besseren wenden.
- Sind es aber nicht gerade die großen Taten, die dazu führen, dass etwas falsch läuft?, fragte Mos Mutter besorgt.
- Manchmal schon, aber es gibt eben solche große Taten und andere große Taten.
- Wäre es nicht besser, es gäbe gar keine großen, sondern nur kleine Taten? Mos Mutter hatte einen warnenden Unterton in der Stimme.
- Nein, entgegnete Mo und hob die Stimme, weil das Thema ihr wirklich wichtig war, es ist zu spät dafür, dass es nur kleine Taten geben kann. Wenn es nämlich nur kleine Taten hätte geben sollen, dann hätte man mit dieser Entscheidung gegen die großen Taten schon früher anfangen müssen, nämlich bevor es die ersten großen Taten gab.
- Hm, hm, heißt das, dass, wenn die Entscheidung zu großen Taten falsch war, man diese Entscheidung gerade deswegen immer wieder aufs neue treffen muss?
- Was ist überhaupt eine große Tat im Verhältnis zu einer kleinen Tat?, gab Mo dem Gespräch eine etwas andere Richtung.
- Eine kleine Tat ist es, wenn du mit dem Fahrrad stehenbleibst, weil eine alte Dame die Straße überqueren will, anwortete Mos Mutter und setzte fort: An einer kleinen Tat kann einfach nie so viel schiefgehen.
- Eine große Tat ist, wenn Du eine Erfindung machst, die bewirkt, dass es vielen Menschen besser geht, sagte Mo.
- Wäre es dann nicht eine große Tat, manche große Tat rückgängig zu machen?, fragte Mos Mutter.
- Ja, natürlich, musste Mo zugeben, natürlich hat es immer wieder Taten gegeben, die als große Taten galten und die besser nicht getan worden wären. Andererseits ist dieses Problem nicht einfach zu lösen, indem es keine großen Taten mehr gibt.
- Die Atombombe wäre jedenfalls nicht erfunden worden.
- Aber das Penicillin auch nicht.
- Wer weiß, fügte Mos Mutter an, schon die Nubier verwendeten ein Bier mit antibakteriellen Wirkstoffen und die Ägypter versorgten Entzündungen mit aus Getreide gebrauten Heiltränken. In der Antike und im Mittelalter bedeckten Chirurgen Wunden mit schimmeligen Lappen, um Infektionen vorzubeugen. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass das Penicillin erst 50 Jahre nach seiner Entdeckung industriell hergestellt wurde und das vor allem deshalb, um verwundete Soldaten besser versorgen zu können, sodass der Zusammenhang zwischen Penicillin und kriegerischen Handlungen deutlich sichtbar wird.
- Ja, aber nicht alle großen Taten in Medizin und Technik stehen mit kriegerischen Handlungen in Zusammenhang, sagte Mo, und überhaupt ist mir das jetzt zu blöd.
- Ich gebe zu, dass ich einen recht pessimistischen Standpunkt vertrete. Das rührt vielleicht daher, dass ich mich viel mit dem Chagrinismus, der Lehre des Kummers in der Welt, befasst habe, zu dessen Leitsätzen es gehört, nach dem Kleinen zu trachten, weil das Kleine weniger Schaden anrichten könne als das Große.
Mo blieb stumm und sträubte sich sowohl innerlich als auch sichtbar, denn sie hatte so gar keine Lust auf die ebenso instruktiven wie weitschweifigen Erläuterungen ihrer Mutter zum Thema Chagrinismus. Stumm versuchte Mo, sich eine chagrinistische Welt vorzustellen, schüttelte dann den Kopf, kratzte sich am Ohr und sagte ganz leise, sodass es niemand hören konnte: Es gibt auch große Taten, die niemandem geschadet haben, zum Beispiel die Erfindung des Suppenwürfels [109], die Durchschwimmung des Ärmelkanals [110] oder die Übersetzung des Perec’schen lipogrammatischen Buches “La disparition”, das auf deutsch “Anton Voyls Fortgang” [111] heißt und ohne den Vokal E auskommt.

[109] - vgl. den Song von Dr. Hook and the Medicine Show The Wonderful Soup Stone, in dem diese Erfindung besungen wird. (Single B Seite 1973, auf der A Seite befand sich die Nummer Life Ain’t Easy)
[110] - Der Ärmelkanal ist etwa 563 Kilometer lang und an der breitesten Stelle 248 Kilometer breit. In der Straße von Dover, der schmalsten Stelle, sind es nur 34 Kilometer Breite von Dover nach Cap Gris-Nez. Erstmals durchschwommen wurde der Ärmelkanal am 24. und 25. August 1875 von dem Engländer Matthew Webb. Er benötigte für die Strecke von Dover nach Calais 21:45 Stunden und legte 73 Kilometer zurück. Als erste Frau durchschwamm 1926 die US-Amerikanerin Gertrude Ederle den Ärmelkanal.
[111] - Übersetzt von Eugen Helmlé. Eugen Helmlé (1927-2000) war Schriftsteller und literarischer Übersetzer. Ab 1960 erschien sein umfangreiches Werk von Übersetzungen, vorwiegend aus dem Französischen und Spanischen. In Würdigung dieses Werks wurde vom Saarländischen Rundfunk und der Stiftung ME Saar 2004 der “Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis” ins Leben gerufen, der seit 2005 jährlich abwechselnd an einen deutschen und einen französischen Übersetzer verliehen wird.

Ilse_Kilic_DAS_WORT_ALS_SCHÖNE_KUNST_BETRACHTET_07

|||

Ilse Kilic

|||

Hinweise :

Ilse Kilic , DAS WORT ALS SCHÖNE KUNST BETRACHTET ist soeben im Ritter- Verlag , Klagenfurt 2008 , erschienen .

Ilse Kilic’ uns Fritz Widhalms Literatur als Radiokunst- Produktion “Ergänzen Sie die Einrichtung Ihrer Wohnung mit einem Schriftsteller oder einer Schriftstellerin !” ( 12:03 ) wird kommenden Sonntag urgesendet . - ORF Österreich 1 , Kunstradio , 7. 12. 2008 , 23:03 H ( Produktionsnotizen )

|||

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter

Das Gnosis- Pony oder : Emily Dickinson malgré moi



||| AN MEINE HAUT LASSE ICH NUR WASSER … UND EMILY DICKINSON | BONANZA DES GNOSIS- PONYS : MONICKA RINCK - PASS AUF , PONY ! | TERTIUM DATUR | ZWECKS SELBSTTEST | OUT NOW | KLANGAPPARAT

AN MEINE HAUT LASSE ICH NUR WASSER … UND EMILY DICKINSON

RINCK PASS AUF PONY CD

Nein , nein , nein : normalerweise verweigern wir uns den - speziell weiblichen - Betulichkeiten , die sofort losbrechen , wenn auch nur der Namen der amerikanischen Dichterin irgendwo am Horizont erscheint . Eh’ scho wissen : Das zu Lebzeiten bis auf sieben Poeme unveröffentlichte und heute bis in die Tausendernumerierungen reichende Lebenswerk , die untervstellt melancholische Diktion , dieses “Du” , welches doch nur das poetisch Andere in sich meint .

|||

BONANZA DES GNOSIS- PONYS : MONICKA RINCK - PASS AUF , PONY !

RINCK PASS AUF PONY kart fr

Nun aber mussten wir unvermittelt an dieses “Du” denken , als Monika Rincks Gnosis- Pony ( das wir seit zwie Jahren schon per e- mail diskutieren , projektieren ) nun doch nicht dne Weg der “Literatur als Radiokunst” getrappelt ist , dorthin , wo also jetzt “AM APPARAT ( Ihr Wahrheitsstil )” wohnt , sondern mit Echtwelt- Gewieher versehen als “PASS AUF, PONY” im limitierter Auflage @ edition sutstein erschienen ist . 10 Episoden auf CD mit Textbüchlein ( Lesebändchen ! ) , illustriert von petrus akkordeon und da alles in handbeschriebenem Kartong - Bibliophile aller Länder …

Die Bibliophilen , die solche Stücke sammeln , diese schon aus Schönheitsschongründen allerdings eher selten lesen , können ja jetzt weghorchen oder -sehen . Denn dieses Gnosis- Pony spielt in Monika RINCKS THIERLEBEN ( im “Salon Littéraire” zu gegebenem Zeitpunkt mehr ) eine besondere Rolle :

Auch sprachlich bockig ( bestes Beispiel für einen absichtsvoll auf einen Minimal- Umgangsdurchschnitt gebrachten Lingo , wie er sonst nicht - allenfalls bei Jandl - im Buche steht ) gibt dieses Pony mit allen vier Füssen dem “epfindsamen” , zielgerichteten und sonstwie alltagsrationalen “Ich” kräftig Kontra … um ist damit erkenntnismässig natürlich stets meilenweit voraus …

Natürlich verraten wir hier in|ad|ae|qu|at nicht , wie die Affaire endet : Präsentiert werden Box , Büchlein und Tonträger jedenfalls am am 13. 12. 2008 , im loop - raum für aktuelle kunst , berlin ( 19 H ) .

|||

TERTIUM DATUR

RINCK PASS AUF PONY front

Jedanfalls fiel uns beim Lauschen auf das ausgefuchste Zwiegespräch zwischen Schreib- Ich und “Pony” die schöne Ausgabe 1 | 2008 der “Neuen Rundschau” ein , wo unter dem Titel “LYRIKOSMOSE” die lyrischen Resultate der “Main Poesie 2007” nachzulesen sind , welche im Frankfurter Literaturhaus gänzlich unter Patronanz der amerikanischen Dichterin stand ( Pressetext pdf ) . Was kann manWie kann manzumal heute … ?

Als Starter natürlich gleich ein doppelter Oxer :

  • Emily Dickinsons Gedicht No. 657, besser bekannt unter seiner Anfangszeile “I dwell in Possibility”

I dwell in Possibility -
A fairer House than Prose -
More numerous of Windows -
Superior - for Doors -

Of Chambers as the Cedars -
Impregnable of Eye -
And for an Everlasting Roof
The Gambrels of the Sky -

Of Visitors — the fairest -
For Occupation - This -
The spreading wide of narrow Hands
To gather Paradise -

  • Plus Paul Celans Übetragung

Mein Haus, das ist die Möglichkeit,
- schöner als Prosa ist’s -,
mehr Fenster als das andre hats,
an Türen ists ihm über.
an Zimmern alswie Zedern -
Fürs Auge uneinnehmbar;
Und hat ein Dach, das hält und hält:
das sind des Himmels Giebel.
Die schönsten Gäste der Welt -
und was wird hier betrieben ?
Dies und nur dies,
taugaus, tagein:
die Hände öffn ich weit, dich ein-
zubringen, Paradies.

So klingt also ein Celan im Verständnis des berühntem “vernacular” der Dickinsonson’schen Dichtung . -

Monika Rinck hat sich der Aufgabe gestellt und diese mit dem Prosatext “A CAMPING WORD” ( S. 61ff ) gleichzeitig offen gelassen und gelöst : Hier zerbrechen die berühmten Verse in einen die Erzählerin auf Schritt und trit unübersetzt begleitenden Ohrwurm , treppauf, treppab “I dwell in possibility” , strassauf , strassab “a fairer house than prose” -

So käme Dichtung aufs Beste von ihrem statuarischen Sockel herunter , wird vom Alltag dynamisch mitgeschliffen - oder sind es , umgekehrt formuliert , ihre Verse , den Rhythmus uns durch unsern Tesgeslauf und Nachtmar schleifen ?

|||

ZWECKS SELBSTTEST

RINCK PASS AUF PONY back

Zum Selberschleifen oder - Geschliffen- Werden ein paar Textproben . Es gibt nichtigere Gedankenspiele …

# 1700

To tell the Beauty would decrease
To state the Spell demean –
There is a syllable-less Sea
Of which it is the sign –
My will endeavors for its word
And fails, but entertains
A Rapture as of Legacies –
Of introspective Mines –

Unvermeidlich :

# 1129

Tell all the Truth but tell it slant -
Success in Circuit lies
Too bright for our infirm Delight
The Truth’s superb surprise

As Lightning to the Children eased
With explanation kind
The Truth must dazzle gradually
Or every man be blind -

Und abschliessend ein Special für alle Jene , welche die umgangssprachliche Abkürzung für die Reihe “Literatur als Radiokunst” - LARK - nennen und kennen .

Gewidmet Martin Leitner

# 861

Split the Lark — and you’ll find the Music –
Bulb after Bulb, in Silver rolled –
Scantilly dealt to the Summer Morning
Saved for your Ear when Lutes be old.

Loose the Flood — you shall find it patent –
Gush after Gush, reserved for you –
Scarlet Experiment! Sceptic Thomas!
Now, do you doubt that your Bird was true?

|||

OUT NOW

|||

KLANGAPPARAT

Gut gefällt uns heute eine kleine klangapparative Übung in Kombinatorik und Permutation : Mit dem Schweden Tobias Lilliehorn ( home ) hat clear- cut- records einen Tüftler mit selbstironischem Spieltrieb an Bord . Weils Spass macht und schmeckt . Hirnvitamin : czz-hoerempfehlung

01. solarized | 02. rainbow alpha | 03. viola | 04. kingfisher | 05. weekend | 06. ice dance | 07. survivor | 08. koja | 09. pacer | CLICK LINKS TO LISTEN -

|||

Send post as PDF to PDF | PDF Creator | PDF Converter

NEUES VON FREUNDEN