Tag Archive for 'schneckerl'

Salon Littéraire | Markus Köhle : Wenn schon im Jänner der Juni nervt …



Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRAIRE als www- Galerie für Bild und Text

 

Salon Littéraire | Markus Köhle :

Wenn schon im Jänner der Juni nervt , dann hat’s weit herunter geschneit

 

kafka als fussballkäfer_copyright christiane zintzen

Ich wachte auf und…
Der Manuskripte Langzeitregent Alfred Kolleritsch hat unlängst in einem Interview durchleuchten lassen, dass Texte die mit “Ich wachte auf und…” begännen, eher weggelegt würden. Ja, was kann denn nach Kafkas Verwandlung schon noch groß passieren nach dem Aufwachen?
Nach dem Aufwachen kann immer viel passieren.
Ich wachte also auf und…
Der Zeit Kolumnist Harald Martenstein ließ es sich nicht nehmen in seinen wöchentlichen Zeit-magazin-Kolumnen mehrmals darauf hinzuweisen, dass er von den GrafikerInnen die Order erhalten hätte, seine Kolumne nicht mit “Ich” zu beginnen, da sich das “I” als Hervorheb-Initiale nicht eigne.

Mittlerweile wurde das Layout des Magazins geändert. Er darf wieder mit “Ich” beginnen. Kolumnen sind ja schließlich Befindlichkeitsmomentaufnahmen eines Individuums. Auch dieser Text soll Einblicke in mich momentan Bestimmendes gewähren, deshalb schreibe ich ohne Skrupel:

Ich wachte auf und hatte rostige Flügel.
Ich lag auf dem Bauch und anstatt einfach nur die Augenlieder aufzuschlagen, schlugen da nun plötzlich Schwingen, die aus meinen Schulterblättern entsprungen sein mussten. Ich flatterte ein wenig, war jedoch nicht in der Lage abzuheben. Die schwere Bettdecke die meinen Hintern und die Beine bedeckte, hinderte mich daran. Meine Arme waren noch da wo sie hin gehören, und so griff ich mir erstmal auf den Kopf. Der wurde von einem dichten Lockenhelm eingenommen.

Langsam kam ich mir spanisch vor und lupfte mit gesteigertem Interesse die wärmende Decke. Aus den Füßen waren mir Stollenschuhe gewachsen. Modell Schoko Schachner. Statt einer Pyjamahose trug ich eine violette Austria-Short. Ich robbte ins Badezimmer, dort begrüßte mich ein Spiegelbild mit Oberlippenschnauzbart.

Und ich war wenig überrascht, als ich die tätowierte Zehn auf meinem Rücken entdeckte. Irgendwas in mir ließ mich die am Boden liegende Shampooflasche Richtung linkes Badezimmerkreuzeck kicken. Ich netzte ein, Hausspinne Thekla ergriff die Flucht.

Obwohl mir recht klar war, was aus mir wurde, machte ich die Probe aufs Exempel, setzte zum finalen Beweis an und versuchte den simplen Satz:
“Schönen guten Morgen, wir begrüßen Sie recht herzlich zur offiziellen Rapidviertelstunde der EURO-Kampagne, live aus dem Horrorstadion.”

Ja leider, es bewahrheitete sich die üble Ahnung. Ich stammelte im Raunzsound, erspart mir die Details. Ich wurde bestraft, Höchststrafe. Ich hatte gesündigt, mir erlaubt, abschätzig über die Österreichische Nationalmannschaft zu reden und die EURO-Aktionen der PolitikerInnen für vermessen zu halten.

Unlängst wurden vom Bundeskanzler und seinem Vize in heiliger großkoalitionärer Eintracht 183 EURO-Bälle von der Reichsbrücke aus in die Donau gekippt und auf Werbereise geschickt.
Bundespräserl Heinzi gab in Schiedsrichtermanier das Trillerpfeifenkommando und eine Ehrensalve des Wapplerheeres setzte den Schlusspunkt der gelungenen Presseaktion.

Ich hatte also gesündigt, die Nationalelf besudelt und darauf steht in Tagen wie diesen eben die Höchststrafe und so auferlegte man mir die “Prohasskranklheit”.

Ich verzog mich augenblicklich wieder ins Bett und hoffte so, dem bösen Traum entkommen zu können, zog mir die Decke über meinen Lockenschädel und kopfnicktepickte ins Kissen, worauf dieses zu singen begann: “Toni lass es polstern!”
Ich heulte auf, wie nach einem vergebenen Elfmeter, packte entschlossen mein mir fremdes Haupt, die Locken erwiesen sich als äußerst griffig, riss mir den hirnlosen, schneckerlveredelten Luftsack ab und warf das Ding aus dem Fenster. Ich hörte den Aufprall meines Kopfballs und gleich darauf das Aufjubeln aus den Nachbarwohnungen.
Der Platzsprecher meinte: “Tor, Tor, i wear narrisch!”
Ich sagte: “Ich bin es!”
Der Kommentator fügte aufklärend hinzu: “1:0 für die allgegenwärtige Fußballgehirnwäsche. Noch 99 Tage.”
Arschkarte, Abpfiff und ab in die Kantine!

Übrigens: Gestern wurde auf dem von Bundesheerrekruten mit Schnee präparierten Fußballheldenplatz ein Langlauffußballmatch abgehalten, im Tor Innenmiststreuer Platter und Sportsaatseuche Lopatka.

Im Julius Meinl am Graben gibt’s heute ein Importmelonenkicken für SeniorInnen ausschließlich mit Hokkaido Melonen bester Güte, freiwillige Spenden für den Meinl-Clan erbeten und für morgen ist eine Benefizfußballgala in der Kapuzinergruft mit Stargast Antoni Panenka angekündigt.

Es ist Winter in Wien und trotzdem freue ich mich nicht auf den Frühling, denn nach dem Frühling kommt dann leider irgendwann der Juni.

Markus Köhle, 24. Februar 2008

|||

Markus Köhle | www.autohr.at

Jahrgang 1975 . Schreibt und liest wann und wo immer er kann , lebt , liebt und arbeitet in Tirol und Wien und fährt gerne Zug . Er studierte in Innsbruck und Rom Germanistik und Romanistik , unterrichtete in Tunis Deutsch als Fremdsprache , ist Moderator und Organisator des Bierstindl Poetry Slams in Innsbruck , Mitbegründer der monatlichen Lesebühne Dogma . Chronik . Arschtritt . im Wiener Schikaneder , war Projektassistent ( Literaturzeitschriften in Österreich 1970-2004 ) an der Uni Innsbruck und schreibt seit geraumer Zeit um sein Leben und an seiner Dissertation . 2002 war er Marktschreiber in St. Jonann ( T ) , 2007 Stadtschreiber in Vöcklabruck ( OÖ ) , 2008 ist er Dorfschreiber in Aich ( Stmk ) . Außerdem : Diverse Stipendien für literarische und wissenschaftliche Arbeiten und regelmäßig Auftritte im In- und Ausland .

Köhle klopft die Sprache auf ihren Rhythmus ab , pflügt Wortfelder und legt sich gerne formal strenge Texterstellungskorsette an . Als Poetry Slam Routinier ist Performance eine wesentliche Komponente im Auftrittskontext . Neben kurzen , spritzigen , gattungskreuzenden Texten ist prosatechnisch momentan die Mittelstrecke seine bevorzugte Distanz , wobei nicht verschwiegen werden sollte , dass das Marathontraining längst begonnen wurde .
Er schreibt , um gehört zu werden .

|||

Einzelpublikationen

|||

Hörspiel

|||

Buchbeiträge ( Auswahl )

|||

Zeitschriftenbeiträge ( Auswahl )

|||

CDs ( Auswahl )

|||

Texte im Netz ( Auswahl )

|||

Links

|||