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Salon Littéraire | Lisa Spalt : Winterweiss



 

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Salon Littéraire | Lisa Spalt :

WINTERWEISS | nach dem Märchen vom Schneewittchen

 

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Funktionierts? Das Ding, das nicht hört? Das die zeitgemäße Terminologie der Erziehung nicht versteht? Die aktuelle Bezeichnung seiner Ausbildung nicht kennt? Dieses Kind, das nichts und nichts annimmt? Für eine richtige Frau tätschelt Jungmutter breitbeinig ihren Fortwuchs im sich wölbenden Bauch ist ein Kind ein Gewinn, beweist es doch, dass sie eine - sie ins Futur projizierende - Kurve kriegen kann. Zukunftsexpansion denkt sie in sich drin: klar, reparierst mich ganzheitlich / dein schaum zieht zisch ein und du saugst mein fett auf / mit sacchariden / kontrollierst du / mein krauses haar / machst faltentiefe unsichtbar … Ja, Mutterliebe fühlt sich schwapp fühlen die werdende Mutter, Liebe zu sich, dass sie sich Fruchtbarkeit bedeutende Kirschen Lippen-rot an die Ohren hängt, dass sie mit Gold als dem Grund legenden Prädikat der Frucht tragenden Gerste sich wiegt. Sie misst den Wert ihrer Ich-Aktie im Vorbeigehen an Schaufenster-Spiegeln sowie in wiederholbaren Glücksgefühlen. Ein das Körperprofil deutlich unterbrechendes Protzen gehört ihr zum Zähneputzen wie die Vokabel vom Sauberkeitsritual, mit dem sie sich von der schmutzigen Welt unterscheiden kann. Hasenpfote im Schritt besingt sie ihr Bild, sobald kein Mutterkörper-fremdes Ohr den ihren Stolz verratenden Spruch vernimmt. O, frohe Erwartung wird. Bald strotzt die Mutter säugend mein Mutterkind funktioniert. Und da kann sie den werkenden Organismus als Schönheit auch schon vorweisen, wenn ihn wer sehen will. ( … )

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Nein! Sichtbar imaginiert Stiefmamah die Tochter, fremdwilde Blicke erntend! Diese von mir gepflanzten Früchte seufzt die Mutter des verdienstlosen Stiefkind-Erblühens. Pfui kacka definiert sie den sauberen Kinds-Charakter. Kinderwunsch wünscht sie sich ebenso jung. Blumig gesprochen, aber erdig gedacht neigt die Schönheit die Frau in der Busengegend zum Zeichen verlängerten Knospens. Oder die Dame im Weib wendet zur effektvollen Entfaltung ihr Blüten-gefärbtes Kleid, während Triebstruktur kombiniert, was ihr an Umweltdaten vorliegt. Ja, Stiefmutter ortet - im Geiste sich mit dem Jungspross ident entblätternd - duftende Konkurrenz. Bis jetzt, da es jetzt aber plötzlich heißt und ihre Zeitrechnung damit beginnt, hatte die Mutter noch gar kein Alter, aber dein Alter ist doch noch gar kein Alter hieß es bis zu diesem Moment. Und jetzt? Jetzt gibt es diese Zeit, in welcher selbst für den Mann im Vater nur noch das Pflänzchen zählt. Ja, mit der Identität der Geburt beginnt die Entwicklung des Kindes rauscht Stiefmamah diese Identität wird in den Kindern geboren, aber Zuführung dreht die den Kopf zu der Schulter, welche sie Erzittern im Wind andeutend hebt führt dann doch zu weit vom Ursprung des Schicklichen weg. Und ihre Geste wirkt klar poetisch für alle, die den Zugführer falsch verstehen. Weißes Rauschen scheint Ihnen den Schmutz dieser erzählten Wirklichkeit zu transformieren, sie von ihrem Leben wohltuend zu distanzieren. Mit etwas Fahrtwind jedoch werden wir die Entwicklung hier prosaischer in die Zukunft führen. O weh, lang dient eins zum Schneiden von Eisbein klagt die Mutter Vernaschen der Mutter adé, die vor der Tochter liegende Mannbarkeit macht Mutterliebschaft passé. Stiefmutters Mund im Kopfgebiet zieht sich, Mutters Gefühle lösen sich, heben vom Mutterjetztkörper nun ab, heften sich ans kindliche Ebenbild, diesen Kindheitsauftritt ihres fleischlichen Selbst: Wer wird Muttern noch lieben, wenn sie des kindlichen Spiegelbildes verlustig geht? Welches Liebesobjekt wird ihr schönes Inneres projizieren und welche Oberfläche diese ihre vergangene Perfektion nach außen spiegeln? Wo wird die Formensprache ihrer wahren Natur sein, die sie auf ewig reflektiert? Es entdeckt die Stiefmutter ihr räumliches Vorstellungsvermögen dieses Kind müssen wir wieder klein kriegen. - Du Hure zieht sie die Kindergrenzen in der Zukunft sind wir ein gutes Mädchen, wir sind in einer guten Zukunft für Mädchen. Und es rät die Mutter dem Kind zur Askese welche das Leben in Schönheit verlängert. Lederhautgürtel begrenzt die dem Kind in Zukunft bekannte Welt. Krokodil teilt das Mädchen, leicht hüftig geschnitten wollen das geheim halten, wir, zieht strenge Hüftlinie über dem Haar. Hei-heia, die Tuchent pflegt sich die Mutter des Töchterchens Fragen zu erwehren das reißfeste Gewebe mag schlafen, der Geist aber wacht über die Immunität. Schlüpf rein, werd mein, bring Glück, oder muss ich noch sinnlich erleben, wie deine Schamlosigkeit meine Scham anzieht. Und so wird das Kind von seiner Schattenseite separiert, die sich damit als Attraktion erst definiert. ( …)

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Und da ging die Stiefmutter, indem sie alterte, in eine einsame Kammer, wo sie einen wunderbar künstlichen Apfel produzierte, und das kostete sie wieder ein Lebensjahr, während dessen sie sehr langsam sprach: die schönheit schlägt das alter tot mit der verlaufenden zeit. / die schönheit der puppe wohnt nur vorübergehend in der frau. / die schönheit handelt nicht. / in der schönheit das leben sich suspendiert. / wer die schönheit besitzt, in dem die schönheit vergeht. / schönheit ist, was jemand begehrt. / wer aber die schönheit genießt, dessen begehren verfließt. / schönheit ist, was helenas apfel kriegt. Und so vergings. Und da war der Apfel fertig und äußerlich wunderbar, aber innen war etwas faul daran: Igitt, dieses Gift der Sterblichkeit! Und Schneewittchen, die sich nicht beherrschen kann, welche Eros gerufen und Gott Vater vernascht hat, die Erfahrung hat mit Äpfeln und Würmern, drin im schönsten, weißesten Fleisch, weiß, dass Genuss immer Haken hat, an denen man lang hilflos zappeln kann. Ja, das Leben kostet das Leben, auch wenn wir es mit Gold aufwiegen. Und dennoch genießt Schneewittchen, welche in Personalunion die Schönheit an sich und somit unsterblich ist, den Apfel der Verführung, ein billiges Fleisch, welches ja bekanntlich schon bei der Geburt dem Tod - und in Handform! - seinen kleinen Finger reicht. Und die Materie ist tot, es lebe die Schönheit, als reine lebt sie fort. Und so fragt die Mutter Spieglein an der Wand, Du tote Schönheit blicke mich an!

[ Aus : GRIMMS - Ritter , Klagenfurt 2007 ] |||

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Lisa Spalt

geb . am 16. 10. 1970 in Hohenems ( Vorarlberg ) . 1997 Abschluss des Studiums der Deutschen Philologie und der Romanistik . Diplomarbeit über Konrad Bayers “kasperl am elektrischen stuhl” . Seither Arbeiten zum Handeln in Sprache mit Ausläufern in Richtung Bild und Akustik . Text- Musikalische- Kooperationen mit dem Komponisten Clemens Gadenstätter .
Seit 2006 Verlegerin der Kleinen idiomatischen Reihe ( KiR ) . |||

Publikationen

Literarische Kooperationen

Kooperationen mit Komponisten

  • Spalt / Gadenstätter 1996 : Sprachmaterial zum Quartett “Variationen und alte Themen” von Clemens Gadenstätter , UA 19. 4. 1997 , Sammlung Essl , Klosterneuburg ( A )
  • Spalt / Böhm 1996 / 1997 : Sprachmaterial für die Klanginstallation “telenovela” von Peter Böhm , UA 19. 4. 1997 , Sammlung Essl , Klosterneuburg ( A )
    Spalt / Gadenstätter 1997 : “ballade l” , UA 5. 11. 1997 , Wien Modern : Matteo de Monti ( Bassbariton ) , Florian Müller ( Klavier )
  • Spalt / Gadenstätter : “4 Szenen nach Goya” - Zyklus zu Goyas Caprichos für Jürgen Ruck ( Gitarre und Stimme in einer Person ) , Aufführungen in D , ESP , A
  • Spalt / Gadenstätter 2004 : Songs | Lieder - CD , Spechtart BÖX , Günter Specht
  • Spalt / Gadenstätter 2007 : Zyklus “Madrigale” für die Neuen Vocalsolisten Stuttgart , UA von Madrigal Nr. 1 “HEY” , 30. 6. 2007 , Der Sommer in Stuttgart , Stuttgart ( D ) |||

Radiophonie

Kooperationen mit bildenden Künstlern

  • Spalt / Schweizer 1997 : Sprachmaterial zum Film “telenovela” von Corinne Schweizer, UA Diagonale , Graz 1998
  • Spalt / Brandl 1999 : Sprachebene zu einem Grafikzyklus von Gerhard Brandl , Projekt “Zeichensetzung” , Ausstellung in div. oberösterreichischen Galerien und Museen
  • Spalt / Bernsteiner 2008 : “Hollis & Holly oder: Before and after everything went tits up” , Zeichnungen Georg Bernsteiner , mel edition , Wien 2008 |||

Texte im Netz

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