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Salon Littéraire | herbert j. wimmer :
KÜHLZACK & FLEXER - Im Schwellenwirtshaus

01
der dreck des glücks, das glück im dreck: in der sonne späten mittags leuchten die zufallsmuster von schlieren auf der lange nicht mehr gewaschenen fensterscheibe des stammlokals. gleichzeitig empfindet kühlzack ein glücksgefühl, unverdient aber nicht überraschend, das seinen ganzen körper auskleidet und ihn für den augenblick vergessen lässt, wie sehr er sich hasst, sich misstraut. im nächsten augenblick lassen andere botenstoffe andere neuronen feuern oder verhindern ihr feuern.
merklich irritiert rutscht flexer auf seinem visavis-bankerl, zeichen von gück und zufriedenheit beim gegenüber berunruhigen ihn zutiefst. das einkrampfen flexers wahrnehmend, lässt kühlzack nun sein wohlgefühl ungehemmt herausstrahlen, voll lachen mund und augen, wärmewellen schwappen über den nicht abgeräumten mittagstisch.
wolken saugen das direkte sonnenlicht auf, der glanz des drecks verwandelt sich in sichtverhindernde schmutzkruste. kühlzack blickt zur geschlossenen durchreiche, hinter deren riffelglas der schatten des wirts vor dem hektisch aufleuchtenden bildschirm des küchenfernsehers vorbeikrümmt. der wird nicht so bald in der gaststube auftauchen, wissen die beiden stammgäste aus erfahrung. flexer setzt zu einer stimmungsabhellung an, kühlzack ist mittlerweile schon zu indifferent, um ihn davon abzulenken.
02
ich wache auf und halte im lesen inne, das heisst: ich lese und wache auf. ein geräusch drängt aus dem untergrund der tapete ins zimmer. ein gutturales röhren, gurgeln und knurren erschreckt mich. es dauert einige zeit, dann erst merke ich, dass es wutschreie sind und dass es in meiner erinnerung losgeht, dass das wutgeheul aus meiner gedächtnistapete herausfetzt. die masslose wut meiner mutter knurrt mich an, meine wutmutter. sie tobt durchs haus, allein gelassen und verrückt vor eifersucht stösst sie die gerätschaften permanenter reinigung aller oberflächen vor sich her, schleift sie hinter sich her, was sich nicht festkrallen kann, vor mir die scheppernden eimer, die knirschenden borsten der reibbesen - wir sind wieder tief in den fünfziger jahren, auf den strassen patrouilliert der besatzungsrusse, langsam erst trauen sich die alten nazis wieder wer zu sein, mit zusammengekniffenen gesichtern ihre reuelosigkeit gleichzeitig verbergend und herzeigend, ihre schweren schritte in quietschenden alten stiefeln, ihre dunkelschweren speckigen lederhosen. die knirschenden borsten der reibbesen scharren vor mir her über den holzboden, vor mir her, der hinter ihr herhängt, tief heult es aus ihr heraus, brodelt es giftig herauf aus den engen schluchten der enttäuschung. ich bin aufnahmefähig für allen hass der welt, die sie, meine wutmutter, für mich ist, eine alles verschlingende, alles verspeiende kugel aus geschrei, auswurfsgeschrei, ätzend klebrige beschimpfungsfäden, erstickend umklammert von schlimmster irritation: obwohl sie völlig verwandelt ist, kann ich nicht wegrennen, denn sie riecht, wie sie immer riecht, anziehend.
flexers rede versickert in erwartungsvollem schauen.
03
gedächtnistapete, wiederholt kühlzack, das haben sie schön gesagt.
soll er jetzt mit einem artikel ablenken, den er vormittags gelesen hat, irgendwas über spiegelneurone, die zwei italiener ende des letzten jahrhunderts zufällig entdeckt hatten? die erzählung mit der wutmutter hat ihn ganz schlecht in entferntes zurückgeworfen, wie kann da heiterkeit aufkommen. hatte er nicht einmal charakterlos bleiben wollen, charakterlos werden wollen? unentwegt drängten die gefühlsemulsionen aus fremdbestimmung in intimität auf ihn ein, in ihn hinein. nur enttäuschungen konnten dieses unentrinnbare menschenambiente, diese schrecklich interaktive menschentapete, schon wieder tapete, der begriff des späten mittags im übergang zum frühen nachmittag, konnten die zwischenmenschlichen annäherungen halbwegs auf distanz halten. im unverstellten gab es kein leben. jede auch nur ganz oberflächliche reproduktion erwünschten verhaltens führte in dauernde unterlegenheit, dauernde unterbutterung in endlosen entschuldigungsgesprächen für kleinste abweichungen vom gezeigten charakter. dann lieber gleich gänzlich charakterlos und damit gänzlich unabschätzbar werden, eine aus kindlicher not geborene spezifikation des unvermeidlichen.
abscheulich um verzeihung sollte kühlzack im zuge seiner charakterbildung ersuchen, die abscheulichkeit seiner charakterverminderung sollte er einsehen. mit der zeit gelang es ihm, die tieferen modifikationen seiner oberfläche unter einer maske der unsicherheit zu verbergen. diese hatte den vorteil, dass sie in den stets anklagebereiten familienmitgliedern ein ebenso unauslöschliches wie ungreifbares misstrauen in die aufrichtigkeit um nicht zu sagen authentizität seiner eingeständnisse, seiner spezifischen anpassungen nährte. spürte er dieses misstrauen herandrängen, konnte er wellen von heiterkeit wahrnehmen, wie sie durch dieses gebilde rollten, das er als körper zu akzeptieren gelernt hatte.
oft jedoch fühlt er jetzt ein gewisses misstrauen sich selbst gegenüber, dass alles, was er geworden ist, jede verweigerung, jede charakterlosigkeit, jede hinwendung und jede zurückweisung, im reproduktionsrepertoire seiner familieneigenschaften immer schon angelegt war. die unübersehbare familienähnlichkeit, die ihm flexer nicht aufhören kann unter die nase zu reiben, er kann ihr nicht entkommen, er wird kein anderer mehr werden, da er immer nur als er ein anderer geworden ist.
unsicher mustert kühlzack sein gegenüber. habe ich ihm das jetzt erzählt oder habe ich ihn angeschwiegen?
04
flexer kräuselt unentschlossen die stirn, der brütende kühlzack ist ihm nicht ganz geheuer. deutet an, etwas zu sagen, und nichts kommt raus. die hochgeschwappte stille ist selbst für flexer mit seiner vorliebe für mürrisch-suppige kommunikationszustände zu unangenehm.
spontancremesuppe, lacht er sarkastisch, lesen sie das auch. die klaue des wirts ist höchst schöpferisch.
kühlzack macht kaum eine bewegung.
ich stell mir das so vor, flexer deutet auf die halb abgewischte kreidetafel, die der wirt von der gasse hereingenommen und an die schank gestellt hat, in unserem physikalisch-chemischen wirtshaus attachieren einander einige zutaten ganz spontan zu einer suppig cremigen substanz. und das immer dann, wenn der wirt auf die anthrazit-graue tafel mit weisser kreide in schwer leserlicher schrift spinatcremesuppe hinhackt, üblicherweise donnerstags. wenn die speisekarte nicht schon seit tagen an der schank lehnt, dann haben wir heute donnerstag. flexer wartet nicht auf zustimmung. kühlzack sieht auf seine uhr und nickt. flexer nickt und sieht ebenfalls auf seine uhr.
05
der wirt schiebt das riffelglas der durchreiche beiseite und schaut auf das schmutzige geschirr, den beiden stammgästen gönnt er keinen blick. er schliesst die durchreiche.
weder flexer noch kühlzack beachten sein auftauchen.
06
flexer packt den nachtisch aus, eine schachtel schokoladeüberzogene kekse.
er spürt seine hände, die nach den keksen greifen. er spürt kühlzacks hände, die von den angebotenen keksen nehmen, aber sieht seine hände nicht, sieht auch kühlzacks hände nicht, die kekse fliegen in seinen mund, in seinen unsichtbaren mund, fliegen in kühlzacks unsichtbaren mund.
flexer spürt das schmelzen der schokolade, das weichwerden der keksteile. flexer weiss, dass kühlzack jetzt das weichwerden des keksteigs und das schmelzen der mit kaffee aromatisierten schokolade spürt.
die dreigeteilte plastikschale bewahrt in ihrer pressform die erinnerung an die kekse auf, wie sie auf dem bunten überzugskarton präsent sind.
iss mich, hat flexer den anblick interpretiert, hat kühlzack dem angebot die handlungsanweisung herausgehört.
aus der erinnerung heraus- und in die gegenwart hineinschmecken, als erwartung, die sogleich eingelöst werden wird, der geschmack der unmittelbaren zukunft, die flexer wie kühlzack schmeckt, kühlzack wie flexer, als eine aufblühende süsse, die rasch in ein süsses brennen übergeht, ehe sie vom speichel neutralisiert wird.
iss mich, weil du mich gegessen hast, kaut sich der wunsch nach wiederholung hervor aus dem schlund, iss mich, wenn du mich gegessen haben wirst, schreit der keks in der erinnerung der beiden essenden. kein gegessener keks löscht die dringliche aufforderung, die vom hyperrealistisch abfotografierten keks auf der schachtel, von der hyperrealistischen erinnerung ans abgebildete ausgeht.
mampfen, was keks ist, alles was keks ist, mampfen, den mampfenden wird alles mampfbare zum keks: zur einzumampfenden mampf-umgebung, zum endlosen mampfall in seiner unaufhörlichen mampfausdehnung.
die leere schachtet strahlt appetitlich.
07
nachschmeckend einer plötzlichen differenz zum universalgeschmack des nachmittags fängt sich kühlzacks blick in den fotografien der stammgäste in den kleinen vitrinen, von denen die stammtischbucht ausgkleidet wird. seit der revolution digitaler heimfotografie fuhrwerkt der schwellenwirt ständig im bestand des ausgestellten und nichtausgestellten herum. monatlich kommen neue fotos dazu, von irgendwelchen glamourösen menschen, die noch nie einen fuss ins lokal gesetzt haben, dafür verschwinden leute, die dem schwellenwirt nicht mehr passen, die zusammenstellungen der gruppen untereinander ändern sich.
heute entdeckt sich kühlzack auf einem foto mit flexer, mit dem er noch nie im bild war, einer dieser seltenen stammgäste, vom schwellenwirt hofiert, die höchstens einmal im jahr und dann nur kurz vorbeischauen, um in allen gerade anwesenden die erinnerung an ihre tiefe verachtung, die sie dem ganzen ort entgegenbringen, aufzufrischen.
jetzt fertigt der schwellenwirt auch noch bildunterschriften an, falsche zeitangaben und völlig unrealistische bildtitel als überschriften, bei welcher gelegenheit das foto der berühmten person - bei aller kenntnis ihrer andauernden abwesenheit - unbedingt in diesem schwellenwirtshaus geschossen wurde.
die fotos zeigen nicht, worauf die bildunterschriften/überschriften hinweisen.
die fotos zeigen, worauf die bildüberschriften/unterschriften nicht hinweisen.
was nicht zu sehen ist, steht unter dem bild, steht drüber.
put the emblem on mame, singt gilda hayworth, könnte eigentlich die hayworth jetzt in flexers vorstellung singen, folgte er kühlzacks gedanken, was seinem ruhigen blick nicht zu entnehmen ist.
die fotos unterschreiben sich selbst, überschreiben sich permanent, stossen ihre unterschreibungen andauernd als überschreibungen an ihre oberfläche.
sandwichartig formt sich ein bild von einem rahmengefüge in kühlzack. die horizontschichten des querschnitts - flexers bewegungsloses mienenspiel als horizontschnittchen im spiel der bewegungslosigkeit - die rechteckigen bildkader in der draufsicht. frame the blame on mame, singt schon wieder keine hayworth nicht.
verspürt er hunger? macht das wort sandwich unvermeidlich appetit? lässt der begriff sandwich andere unweigerlich erbrechen?
flexer ist nicht mehr drauf, nicht mehr im beweglichen puzzle der festgehaltenen mythosbeiträger, mythosbewohner. da sitzt er und ist doch schon gelöscht, ausradiert, erinnerunsgestaltend herausgesäubert.
den abgenagten hühnerknochen auf den herumstehenden tellern nach könnte es mittwoch sein, der tag des paprikahuhns, das allerdings auch an anderen tagen gerne serviert wird, denn gegessen wird, was auf den tisch kommt.
im verein mit der erinnerten spontancremesuppe auf dem kreidegeschriebenen speisenverzeichnis verdichten sich freilich die anzeichen für einen donnerstag. fleischsuppengeruch verheisst boiled beef.
kühlzack versucht sich vorzustellen, was flexer im augenblick denkt.
08
das schattentier, denkt es im stillen flexer, wächst wieder ins zimmer, das eine gaststube ist. nicht unfreundlich, sanft in seiner unaufhaltsamkeit, absorbiert es allmählich, was dimension ist, was ausdehnung hat, verwischt es die grenzen, löst es die wände auf, entraumt es.
als adaptionstier gewinne ich dem schattentier konturen ab, helligkeitskonzentrate und schattenflecken, erinnere ich farben, erinnere ich in mich eingesunkene tagesformen, räumlichkeiten des lichts, einschliessende gedankentapeten, schon wieder tapeten.
an ihrer mustergrenze, in den grenzmustern der schönen wände bleibe ich hängen; für diesmal wie für jedes mal.
ich schlucke. das schattentier schluckt mich.
ich leiste keinen widerstand. widerstandlos umfängt mich das tier. unser raum wird grenzenlos.
wahrnehmung. die erinnerung an wahrnehmung. die wahrnehmung des erinnerten. die erinnerung an die wahrnehmung des erinnerten. die wahrnehmung der erinnerung an die wahrnehmung des erinnerten.
kühlzack hört auf sich vorzustellen, dass flexer denkt, was er sich vorgestellt hat.
zumindest wie ich wird er schon denken, nachdem ich wie er denke, wie sie alle sagen, wenn sie was sagen. für grosse unterschiede auf dieser ebene sind unsere gehirne einfach zu ähnlich.
flexer bewegt sich nicht.
09
mein hirnanhangskörper, sagt er schliesslich, und deutet über kühlzacks kopf. der verdreht den hals und sieht keinen flexer. na dort, neben der frau mit dem dekolleté, da, mit dem orden, den mir irgendwer draufgemalt hat. das sind sie nicht, will kühlzack sagen, hält aber den mund.
eine gewisse ähnlichkeit ist ja im gesicht vorhanden, zweifellos, aber flexer ist das niemals, der ist grösser und fetter, war immer grösser und fetter. jetzt will er sich unbedingt in diesem smokingträger wiedererkennen, nur damit er nicht zugeben muss, dass ihn der schwellenwirt aus der galerie genommen hat, abgehängt, aus dem mythos entfernt, dieser andauernd die geschichte des lokals redigierende hobbyhistoriker.
also wenn ich das nicht bin, weiss ich nicht, wer das sonst sein könnte, steigt flexer aus und beendet für sich, was noch nicht begonnen hat: den schweigendurchtränkten gesprächstapetensound der stammgäste.

10
niemand betritt das lokal. nicht hat niemand, der niemand heisst, das lokal betreten, auch niemand, der nicht niemand heisst, hat herein geschaut.
die nichtveränderung löst einen schau-stau aus, einen peeping-jam. wenn wenigstens jemand durchs fenster hereinlugen möchte, ein peeping-tom, der spannend etwas spannung bringt.
niemand holt flexer ab.
niemand holt kühlzack ab.
11
mein ich ist schwach aber zäh, seufzt kühlzack und vermisst den wirt.
was seufzen sie, grinst flexer.
leere gläser machen mich nervös.
endstation gasthaus.
nach dem wirt zu rufen, ist eine niederlage.
ich rufe nicht, sie wollen doch noch etwas trinken.
sich ein bier selbst einschenken, ist eine niederlage.
wenn sie durst haben, dann rufen sie nach dem wirt.
er kommt sowieso nicht. beim nachmittagsfernsehen weckt ihn keiner.
12
kühlzack vermutet eine einfühlungsattacke flexers. aus reiner langeweile, nur um den wirt nicht zu rufen. hatten sie nicht gestern im völlig zerblätterten nachrichtenmagazin einen schönen synkretismus gefunden, der ihnen bislang völlig entgangen war?
die zehnte muse mexikos, sor juana, hatte im ausgehenden barock christus einmal mit narziss verspiegelt, der aus liebe zu seinem spiegelbild, was die menschliche seele ist, den opfertod stirbt, indem er sich während einer sonnenfinsternis ins wasser stürzt. dazu treten aztekische figuren auf, die unter der dünnen haut ihrer bekehrung noch immer ihren aztekischen kriegsgott verehren. die kreuzigung konnten sie nur verstehen als besondere huldigung für ihren alten blutsäufer.
kein wunder, wenn flexer zu wissen glaubt, woran er denkt. so verstehe ich seinen herausfordernden blick. das nachrichtenmagazin liegt noch immer neben ihm auf der bank.
wenn er nicht denkt, was ich denke, dass er denkt, ist mir egal, was er denkt.
13
kühlzack spielt mit seinem handy, im glänzenden display fängt sich sein gesicht.
flexer, kein meister der einfühlung, lauscht den gedanken, die ihm das spiegeln auslöst.
nach seinem spiegelbild erschaffen, versinkt der schöpfer in seinen spiegelbildgeschöpfen, die in ihn versunken sind undsofort,
wenn der gefiederte heilige geist - offen für jedes missverständnis - als transparente spiegelungsspiegelung verschiedene religionen für den synkretistischen moment ineinander blendet: in der anbetung der missverständnisse spiegeln sich die missverständnisse der anbetung.
haben die schöpferischen ein- bis mehrfaltigkeiten daraus gelernt?
schöpfen sie nicht mehr nach ihrem spiegelbild?
waren sie je verrückt genug, nach ihrem spiegelbild zu schaffen?
opfern sie sich nicht mehr für ihre beziehungsweise in ihren geschöpfen auf`?
halten sie sich an die neoliberalen gebote schöpferischer sparsamkeit?
nur so viel schöpfung und geschöpfe wie unbedingt nötig für die ausübung der gott und götter produzierenden religionen?
kein teures überflussgespiegel mehr?
überhaupt kein überfluss?
just-in-time-genesis? lean creation?
keine zeit mehr für unberechenbares. lässt es sich schaffen, nur mehr berechenbares zu schaffen?
man evaluiert, was zukunft ist, lagert es aus und schrumpft es gesund, saniert es - reinigt es vom überfluss des unvorhersehbaren, unvoraussagbaren.
wer überbleibt, kommt aus dem reformstaunen nicht mehr heraus.
hat er sich in die nähe kühlzacks gedacht?
14
etwas wärme wäre schön. ein stark durftender frauenkörper schurrt weich aber bestimmt vorbei. kühlzack sitzt auf dem notsitz in einem übervollen waggon. schüler und urlauber lagern dichtgedrängt. die duftende frau hält ihr handy immer wieder hoch wie eine fackel, während sie sich durch den gang quetscht, dazwischen spricht sie fragend ins gerät.
minuten später hört er in seinem rücken die bereits vertraute stimme, eingewickelt in eine zweite frauenstimme, eine gesprächsspirale der gegenseitigen bestätigung, dass man sich doch gefunden hat in diesem schrecklichen zug.
zuerst sieht kühlzack das vorgestreckte handy von hinten über sein rechtes auge den vollen gang hinunter zeigen, gleichzeitig die geruchswolke und schon schurrt der weiche frauenkörper kaschmirmässig an ihm vorbei, weicher stoff umspannt ein zierliches hinterteil, schon zeigt ein zweites handy von hinten über sein rechtes auge den gang hinunter, melodisches artikulierend dreht sich die frau zwischen den menschen um, schauend ob ihre bekannte mit ihrem handy auch nicht zurückbleibt, ein weicher pelz schurrt über kühlzacks wange, ein ganz anderer duft umfängt ihn, hüfte gegen schulter, anregend beweglich, und schon sieht er die rückseite eines pelzmantels, wie er rasch zwischen anoraks und sakkos verschwindet.
drei junge mädchen sind durch eine offene abteiltür zueinander in einer intensiven erzählung befangen, neben ihren bunten schulrucksäcken lehnen vielbenutzte eishockey-schläger.
wenn der wirt nachmittags die heizung zurückschaltet, wird es immer noch recht kühl in der gaststube.
flexer fröstelt. kühlzack könnte jetzt ein unvermutetes glücksgefühl ganz gut gebrauchen. zweifelnd betrachet er flexers missmutiges gesicht.
15
plötzlich entkommt flexer ein satz: in den wissenschaften bleibe ich laie, keine ausbildung wird mir diesen status nehmen.
kühlzack schwenkt das handy über den stammtisch, im display tauchen immer neue ausschnitte von flexers lebender büste auf, gesichtsausschnitte werden scharf und verschwimmen wieder.
er wird die aufgenommene sequenz ins web stellen, wenn der wirt endlich sein versprechen wahr macht und seinem lokal eine home-page gönnt. zumindest für einige augenblicke könnten sie den rachelüsternen manipulation des wirts entkommen und eine wenn auch kurze datenspur flexers im wirtshauskontext hinterlassen.
der laie flexer: begeisterungslos staunt er über gar nichts, was kühlzack immer wieder staunen lässt. das staunen kühlzacks hält flexer im gespräch.
16
der anerzogene kontext fällt wie ein netz über die sitzenden. kaum ist eine lücke im gedankenfluss, den sie sich eher nicht als fluss vorstellen dürfen, wie flexer sich einbildet, wenn er eine vage ahnung hat, vom bild in die irre gespült zu werden, da erneuert sich etwas als erinnerung an gegenwart.
der schlimmste practical joke, begeistert sich kühlzack für ihren einfall, war die schöpfung des paradieses und die schöpfung der irreversiblen zeit als folge der unvermeidlichen vertreibung aus diesem paradies. das ist doch der unangenehmste witz, dass ein paradies geschaffen wird und dazu die vertreibung daraus. mitsamt dem armen luzifer, der in ewigkeit gefangen ist in seiner funktion als practical joker. wogegen er sich auflehnt, der oder das bedarf in ewigkeit seiner auflehnung, seines unaufhörlichen willens zum gegensatz wie des unaufhörlichen scheiterns seiner auflehnung. in seinem fortwährenden scheitern schafft er den, der geschaffen hat, um fortdauernd geschaffen zu werden.
kühlzacks heiterkeit erreicht flexer nicht. besorgt bohrt er in seiner nase. er findet ja kaum etwas unterhaltend, dieses religiöse assoziieren kühlzacks langweilt ihn plötzlich. das paprikahuhn meldet sich per reflux zurück. vermischt mit den schokoladekeksen nimmt der nachmittag einen tiefen geschmack an.
17
kühlzack gibt nicht auf, sich mit flexer zu unterhalten.
am anfang war das dementi, beginnt er.
alles, was nicht dementiert wird, gibt es nicht.
alles, was es nicht gibt, wartet darauf, dementiert zu werden.
widerruft das ausbleiben von dementis die schöpfung?
auf lange sicht?
flexer hustet. undementiert wandle ich durchs tiefe dement-tal, wenn der wirt nicht bald aufwacht.
lautes husten ist kein rufen nach dem wirt, ist also keine niederlage.
flexer dementiert hustend, nach dem wirt gerufen zu haben.

18
endlich tut sich was, zwei junge kommen männer ins lokal. im nu hantiert der wirt hinter der schank. die beiden jungen männer sind in graues business-tuch gekleidet, gelgekleidet ihr haar.
oberschichtsknarren in richtung wirt.
dieser serviert getränke und kalte schnitzel.
hats geschmeckt?
hervorrgeragt!
und wenn du wirt uns noch zwei sprühwein gibst, sind wir …
kühlzack nimmt aus der richtung des aufsteigenden banker-proletariats einige unsegmentierbare lautfolgen wahr.
vielleicht noch so eine kleine schnitzelsache, wenn du uns gibst …
die beiden männer beginnen intensiv miteinander zu murmeln, in die leere schwillt der satzteil:
… milliarden sind überwiesen worden …
namen global bekannter finanzgesellschaften platschen als status-ejakulat in den umliegenden schallraum.
nichts sonst ereignet sich. das ineinandermurmeln geht weiter.
plötzlich hebt der murmelführende sein leeres glas.
noch zwei ingenieure, bitte!
der wirt füllt die gläser mit weisswein und soda.
die beiden prosten einander zu.
zum wohl, herr konsul!
auf ihr spezielles, herr generaldirektor!
pfui, generaldirektor! generaldirektor ist man nicht, die hat man!
wie recht sie haben!
prostgeräusche, rückkehr in die murmelschwade.
der wirt zündet sich eine zigarette an und verschwindet hinter der kaffeemaschine.
jetzt hebt kühlzack lang die hand.
grinsend kommt der wirt an den tisch. sein blick leugnet das schmutzige geschirr.
im offenen zustand des nicht-mehr-dösens und noch-nicht-wachseins sieht flexer in der gestalt des wirts den vor-wirt, asynchron den jetzt-wirt in seinen bewegungsabläufen überlagernd, durchlappend, sieht sich eingeblendet als nach-wirt, was ihn schrecklich ermuntert.
gut eintrainierte ausdruckslosigkeit saugt dem chronologie verschmierenden wirt-figuren-ensemble das grinsen aus dem gesicht.
19
nach dem hochdrehen der heizung stellt der wirt den fernseher der gaststube an, damit die jungen männer ungestört labern können.
die kamera streicht über dörfer, die in einem stabilen koma liegen, weiss flexer, der diesen film bereits mehrmals im nachtprogramm sehen konnte, im frühmorgendlichen zapping zwischen dem brüsteschlackern der telefonsexnummern, den haushaltsreinigern, fettcremeverkäuferinnen, eisenbahnmitfahrten und den leichen der langsam wieder anlaufenden nachrichtensendungen, das echte blut, die echt verhungerten kinder und erwachsenen, mütter, väter, die endlose parade der hoffnungslosen augen, der toten augen, der vernichteten hoffnungen, das beschädigte fleisch in ungehörig verdinglichter authentizität, die gefolterten, die lachenden folterer, die nackten gesichter der entführten, die masken der entführer, tote überall, kranke, verlorene und verloren gegebene, zwischen kochtipps und quiz-fragen, talkshow-entblössungen und charity-wallungen, gesellschaftsberichte, glanz auf nichts aufgetragen, der präsenzschleim der virtuellen society beginnt an den zappenden fingern zu kleben.
während die waffen sprechen in unaufhörlichem durcheinander, streicht die kamera, weiss flexer, der sich eine auffrischbare erinnerung herausgezappt hat, über dörfer, bewohnt nur mehr von alten leuten, ohne geschäfte und wirtshäuser, gendarmenfrei, ein oder zwei mal in der woche schaut ein wandernder kleiner supermarkt vorbei. ansonsten herrscht landwirtschaft und leere zwischen stillgelegten anbauflächen. satellitenschüsseln. eine alte frau auf einem klapprigen fahrrad, ausgebleichter dunkel gemusterter arbeitskittel, gummistiefel, kopftuch. ein hund, der durchs bild läuft, fehlt dauerhaft: le non-chien. sommer, weisse gewittertürme, pestsäulenästhetik.
die angst vor dem auffüllen der leere durch zuzug fremder ist stärker als die nagende einsamkeit nach der landflucht.
die kamera zieht endlich hoch, sanft hügeliges panorama bis zum tiefen horizont. windgeräusch.
kühlzack sieht nicht den film, kann den film nicht mehr sehen, das überlagerte, durchgezappte der letzten jahre blockiert seine erinnernde wahrnehmung, er sieht jetzt immer alles und nichts.
unterhaltung ist es nicht,
information ist es nicht,
was ist es dann?
kühlzack wünscht sich zurück in einen zustand anspruchsloser urteilsverweigerung.
20
flexer hat auch ein handy und holt das vibrierend summende ding unter dem tisch hervor. eine leichte röte rändert seine ohren, nachdem er sofort zu sprechen begonnen hat, ohne begrüssung, ohne sonstige präliminarien, eine leichte gereiztheit durchzittert seinen brummton:
ich möchte nicht draufkommen, dass das, was du so anziehend an mir findest, genau das ist, was ich so an mir hasse, meine fähigkeit, von meinen fähigkeiten immer dann im stich gelassen zu werden, wenn ich sie ganz dringend brauche. magst du etwa an mir, was ich an mir verabscheue, weil es das ist, was dich an dir auch so fertig macht?
ein übler untergriff, beteiligt sich kühlzack am gespräch ohne vom fernseher wegzuschauen. flexer produziert einen schnellen wutblick, mitten hinein in einen schnellen seitenblick kühlzacks, erhebt sich halb, um den tisch zu verlassen, da ist das gespräch auch schon zu ende. in der bewegung des setzens lässt flexer gleichzeitig das handy wieder unter dem tisch verschwinden.
21
manchmal, murrt flexer in die richtung des im fernsehen verschwindenden, habe ich das gefühl, sie glauben tatsächlich, dass es so etwas wie positive entfremdung gibt, dass gelingende entfremdung ein projekt ist, an dem sie arbeiten.
wo haben sie das her?
arbeiten sie nicht an ihrer ungreifbarkeit, fühlen sie sich denn nicht nur im ungreifbaren geborgen, unangreifbar.
kühlzack macht eine wegwerfende handbewegung.
sie haben eine wegwerfende handbewegung gemacht, insistiert flexer.
kühlzack betrachtet seine rechte hand, wendet sie hin und her, hält sie flexer vors gesicht.
beide lachen.
der wirt blickt beunruhigt hinter der kaffeemaschine hervor, die beiden jungen männer bleiben in ihr zueinandergemurmel verhakt.
… milliarden … überweisen …
22
ein mann rennt und kommt nicht ran. ein mann rennt gegen was und kommt nicht ran. wieder und wieder rennt der mann kopf voran gegen den eindruck des nicht-heran-kommens und immer wieder kommt er nicht heran. dass er als nicht herankommender nicht wirklich herankommt, kümmert ihn nicht.
der mann rennt, unverdrossen.
herankommen bleibt sein ziel.
kommen sie zu mir, blendet sich ein moderator ein. was bedeutet dieser mann, rufen sie mich an, jeder kommt durch, viel geld wartet auf sie, das ist doch leicht, so süss möchte ich mein geld auch verdienen, ich versteh nicht, warum noch niemand angerufen hat, … ah das telefon läutet … ja bitte … hier ist (der name ist unverständlich … guten tag, herr (der name ist unverständlich) … welche lösung haben sie uns vorzuschlagen … dreiundvierzig … ja leider, feixt der moderator, das ist falsch … der nächste bitte … rufen sie an … so leicht haben sie noch nie zweitausend euro verdient …
im kleinen ausschnitt neben dem moderator kommt der mann nicht heran und fällt zurück, beginnt von neuem …
da kann ich nie aufhören zuzusehen, kühlzack greift nach der fernbedienung, die der wirt auf dem stammtisch zurückgelassen hat, und tastet das gerät aus.
nichts verändert sich, die plötzliche stille bleibt unbemerkt.
23
beim mittagessen hatte ich die vorstellung, dass ich nicht entscheiden konnte, ob mein paprikasaft etwas ist, das die filter der küche als speise eingefiltert haben oder ausgefiltert, dass ich mühsam ausgefiltertes auftunke, und ich muss es schlingen, muss mir vorstellen, davon geschlungen zu werden, ich giere nach dem sieb, will das sieb mir einverleiben, das ausgesiebte, das eingesiebte, ein rechter mahlstrom aus paprikasaft umfängt mich, ich steige höher, erreiche den tellerrand und bin gerettet aber unzufrieden wieder da zu sein, mit ihnen, mit dem wirt, mit dem lokal, mit der situation, zu der mir keine differenz einfallen will, nichts fehlt, nichts ist zu viel.
kühlzack versucht eine faser aus einem zahnzwischenraum herauszukauen. nicht unglücklich lauscht er seinen zuzzel-geräuschen.
24
flexers abschweifender blick meidet die espressomaschine. er weiss, dass sich auf den lappen neben ihr unausrottbar kleine fliegen tummeln, reste vom letzten sommer, auf überwinterungstrip. der wirt scheucht eine fliege vom rand seiner kaffeetasse, das weiss flexer. und er weiss, dass er dann immer an den namen der kaffeesorte denken muss und zwangshaft das wortspiel ausführt, das beinahe auf satori hinausläuft, eine art negative erleuchtung, ein kaffee, der nicht weggeht, ein koan zum stehenlassen.
25
der hirsch will zeigen, was für ein toller hecht er ist, outet sich ein fernsehgerechter verhaltensforscher als metafernder behaviorist. im gebrauch behavioristischer metafern zeigen sich metafern als behaviorismen.
kühlzack macht anstalten, den mittagstisch aufzuheben.
flexers demonstrative unbeweglichkeit lässt ihn sitzen bleiben. ein gewisses glücksgefühl taucht als erinnerung auf.
26
die beiden haifischanwärter heben ihre stimmen und schliessen den wirt in ihr gespräch ein.
wir haben unternehmen entdeckt, die aus verbrennungsresten von lieben verstorbenen diamanten pressen. wenn notwendig wird noch etwas kohlenstoff zugesetzt, sie können die karatgrösse des vater-, mutter-, onkel-, tanten-diamanten wählen, je grösser und reiner, umso teurer natürlich, ein paar tausend dollar müssen sie schon ausgeben.
niemand singt: aan ooschn, aan osschn. into the ocean.
kühlzack bedenkt seine möglichkeiten. als schreibender und zeichnender mensch, wird er seine asche mit grafit vermischen, diesem bestandteil seiner ausdrucksmittel, jetzt hat er die möglichkeit eine neue zwischenstation auf dem weg zur endgültigen wiederverstaubung einzulegen. das konzentrat, die verdichtung seiner selbst, wird ein diamant, gefasst als ring vielleicht und er ein gefasster nachlasser, wie er sich herauskristallisiert als nachlass seiner körperlichkeit. das stück vermacht er den erben seiner urheberrechte, damit sie eine preisgabe stiften für kunstwerkende in den medien der zeit. dabei verpflichten sich die empfängerinnen und empfänger, ihre jeweiligen nachfolger selbst zu bestimmen und im falle ihres ablebens, sich ebenfalls als diamant in das schmuckstück einarbeiten zu lassen. eine höhere metaferndichte wird wohl nicht so bald zu erreichen sein.
könnte ich meine tante nur schon als sicherheit deponieren, seufzt es aus dem banker-duo.

27
blickt man zurück, sind kühlzack und flexer dabei, ins gasthaus zu gehen.
ich desorganisiere gerade meine organisiertheit, geht kühlzack auf dem schmalen gehsteig voran.
meine organisationsmöglichkeiten liegen immer schon dort, wo desorganisation gefordert ist, bleibt flexer dem vorauseilenden gesprächsverbunden.
das ist einer der gründe, warum mir ihre gegenwart so wertvoll ist - und keineswegs der unwichtigste, plaudert kühlzack über seine schulter, zwischen mauerwerk und autoschnauzen. von hinten klingelmurrt ein radfahrer um vorbeilass.
mittlerweile bin ich allerdings so gut desorganisiert, dass mir meine zeit zu einer festen struktur zusammenbäckt.
kühlzack zieht bauch und hüftfett ein, um nicht vom lenker des sich voranquetschenden radfahrers beschädigt zu werden. der bunte vorbeiarsch entfernt sich zügig.
darum geht es, dass mir das feste gefängnis meiner organisation in eine ebenso tragfähige wie luftig-flüssige struktur auseinander gerät.
glauben sie, meinen wir stets dasselbe, wenn wir von gleichem oder nicht-gleichem sprechen?
da kann ich mich jetzt nicht entscheiden, antwortet flexer.
ich frage sie aber nicht, damit sie sich auch nicht entscheiden können. kühlzack macht mit seiner linken hand eine luftfigur und schlägt dabei gegen das metallrohr eines verkehrszeichens. rückwärts schauend sieht er flexer einem dreckhaufen ausweichen, den er unbemerkt überstiefelt hatte.
sie springen ja wie ein junger passant.
passen sie auf, kühlzack, da steht ein scharfer draht aus dem gerüst.
kühlzack biegt eine in augenhöhe in den freien weg ragende rostige gefährlichkeit in die stille der baustelle zurück.
an der fussgängerampel seitenblicken sie einander. zwischen den beiden grünen männchen zischt ein rotverschobener autotrampel quer über den zebrastreifen. ausdrucksloses vorwärtsstarren durch die windschutzscheibe.
mitten auf dem zebrastreifen blinkt das grüne männchen ins rot.
kühlzack und flexer springen auf den rettenden radweg.
nur noch ein paar schritte, ermuntert flexer seinen begleiter.
querzischend schimpfen einspurige durch ihre ohren ein und aus.
kühlzack murrt, flexer beginnt auf den letzten metern ihr altes spiel:
auf das starten der arten warten. die zeche zahlt, wer das letzte wort hat.
schmunzellachs
schmonzzecke
schmollwurf
schmalzpferd
schambeuter
schmallipizzaner
schwartenschwanz
schwelgelch
schmusschnecke
schluckkuckuck
schoppmops
schmattessegler
schneequalle
schlurfvogel
schikrähe
schickrabe
streuneule
scrolldohle
schallbrasse
schmantschlange
spranzlarve
schlatzadler
schmockokapi
schwammamsel
schemenente
schwerlerche
schwurhufer
schluckhörnchen
schnorrzobel
schwungunke
schrummlumme
schalaal
sparwal
schorfforelle
schmollwinker
schwundhund
der schwellenwirt, sagt flexer und drückt die tür zum gasthaus auf. die detektivin ist noch nicht eingelangt.
28
aus den regeln der stammgastwerdung - heraklitterung
was es alles gibt, weil es fiktion ist: die persönlichkeiten, die örtlichkeiten.
ähnlichkeiten sind stets frei erfunden, unähnlichkeiten ebenfalls.
wäre der mythos nicht frei erfunden, wäre er nicht real.
die realität des mythos: dass er so wenig weggeht wie der stammgast,
dass er so wenig stirbt wie der stammgast,
der stirbt um als erinnerung
wiedergeboren zu werden in den gesprächen
und abbildungen, die das lokal auskleiden:
mythos eben, stets neu bedampfend faces & surfaces;
funktional gesehen ist der lokale mythos das interface des lokals,
örtlichkeit und menschen bedienen sich seiner auf gegenseitigkeit.
letztlich aber bleibt auch den weiblichen und männlichen stammgästen nur zu wissen:
man war nie zweimal im selben lokal und
man war nie derselbe / dieselbe, so man wieder da gewesen war.
man wird auch nie dieselbe / derselbe bleibend werden,
da man nur wiederfindet / wiedererfindet,
was nicht dasselbe mehr kann sein.
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singe das summen / summe den sang:
gemütlich im gegenmythoslicht,
ein gegenmythos schlicht,
kein gegenmythos wird je kein mythos sein.
jetzt die mythoswaukerln abstauben,
sich abstauben, sich abstauben lassen,
im drecksaugenblick des glücks,
das einen holt,
das einen einholt,
von dem man sich einholen lässt:
so wird man zum stammgast geprüft.

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herbert j. wimmer
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HINWEIS
“kühlzack & flexer . aggregat” erscheint Anfang November im Sonderzahl- Verlag .
die detektivin war in die sprache hineingeraten, nun gab es kein zurück.
Herbert J. Wimmers seit vielen Jahren konsequent vorangetriebene schriftstellerische Arbeit erfährt mit kühlzack & flexer ihr Opus magnum. Hat er bei früheren Büchern noch mit dem Romanbegriff experimentiert, wird diesem letztendlich altmodischen Textgenre nun endgültig Adieu gesagt. Mit aggregat meint Wimmer “eine einheit (= œuvre), die durch anhäufung / zusammenfügung / verknüpfung / vereinigung / verdichtung / verloopung / collage / montage einzelner, relativ selbständiger teile” entsteht.
Die Protagonisten kühlzack und flexer sind sowohl Sprachfiguren wie Inter-Subjekte menschlichen Wechselwirkens: um von sich zu erzählen, müssen sie einander erzählen.
Wimmers Sprache ist voller Witz: aus “plaudertaschen” wird “er plaudert asche” und löst Kettenreaktionen aus: die “asche” wird mit “pompejanisch tot” assoziiert, dieses wiederum lässt die Detektivin “gradivanisch” schreiten und den Leser an Freuds Gradiva denken. Seine Sprache ist so geistreich, dass sie auch vor Kalauern nicht zurückschrecken muss: “das milchmädchen wartete auf den milchmann. zeit verging. kein sprichwort half.”
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