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Als Anhang und Abschluss zum hellhörigen Geschehen am Schwarzwaldrand : Hans- Klaus Jungheinrich feingetuned in der ‘Frankfurter Rundschau‘ über Festival , dessen Geist und poetisches Preisen . In|ad|ae|qu|at dokumentiert .
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HANS- KLAUS JUNGHEINRICH : DONAUESCHINGER MUSIKTAGE - DIE WUT DER BLASMUSIK ( FR , 21. 10. 2008 )
Eine schon traditionell gewordene Podiumsdiskussion als Entrée der Donaueschinger Musiktage blieb 2008, obwohl lauter kluge Leute beteiligt waren, zwar belanglos, aber ein dabei geäußerter Gedanke von Enno Poppe verdient Beachtung. Der 39-jährige Erfolgskomponist beschrieb seine Arbeit des Tönesetzens als “Forschung”, als eine nahezu wissenschaftliche Tätigkeit. Und ihre Wichtigkeit manifestiere sich nicht im Hervorbringen von Meisterwerken. Nicht ohne Pfiffigkeit lenkt Poppe den Hörer von der immer latent erwarteten Epiphanie des außerordentlich Gelungenen ab. Nach einer (fast schon wieder durchlöcherten) ästhetischen Grundsatzentscheidung gegen das “Kunst-Werk” in der Spätphase der Moderne ist Poppes Haltung die scheinbar ideologiefrei pragmatische eines Töneerfinders, der sich gegen Kunsturteile wetterfest macht.
Forschung und Experiment also. Bei aller Begrenztheit, Brüchigkeit dieses Ansatzes ist dessen Berechtigung gerade in Donaueschingen unumstritten. Kultstatus genießt das immer überlaufenere Herbst-Wochenende, weil es hier um nichts anderes geht als um die Vorstellung brandneuen Klangmaterials. Das Uraufführungsforum lässt einer besonnenen, resümierenden Rückschau auf exempla classica jüngst vergangener Jahrzehnte kaum eine Chance. Dank einer Finanzaufstockung der Siemensstiftung waren die Konzertaktivitäten 2008 opulenter denn je; und kaum vernehmbar auf diesem Zauberberg die Notschreie der Bankenkrise aus dem Tiefland.
AUF LYRIK GEBAUTE RADIOKUNST
Dem Aspekt des Forschens entsprach am allerbesten vielleicht ein Radiohörstück des Österreichischen Rundfunks (ORF), das den Karl-Sczuka-Förderpreis zugesprochen bekam. Die Lyrikerin Anja Utler benutzte in “suchrufen, taub” ausschließlich Wortmaterial, das sie in Silben zerlegte, permutierte, rhythmisierte. Das Spiel mit dem immer wieder aufblitzenden und gekappten Wortsinn, der zerstückelten Grammatik, wurde räumlich erfahrbar als die vervielfachte Autorinnenstimme, die der spröden Zweidimensionalität der Textzeile und Buchseite entkam und technisch hergestellte Plastizität erlangte. Im Endeffekt geht das nicht sehr über “konkrete Poesie” à la Dada oder Rühm hinaus, doch gegenüber historischen Reminiszenzen überwiegt doch der Eindruck einer erfrischten, neugierigen Annäherung, einer Forschung, die gleichsam von anderer Seite zu ähnlichen Ergebnissen kommt, wie sie bereits vorliegen.
Eine auf Lyrik gebaute Radiokunst mag hermetisch und nur für eine spezielle Ästhetenzartheit attraktiv sein. Das Forschungsinstrument des israelisch-schwedischen Komponisten Dror Feiler scheint eher der Hammer zu sein. Zwei seiner Brachialstücke unter dem Brecht-Motto “Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit” rahmten als mächtige (P)Feiler die Musiktage und rammten sich schmerzhaft in die Gehörgänge eines seltsamerweise wenig durch Popmusiklautstärken gestählten Publikums. In den “Cantos de la columna vertébral” zeigt Feiler einen Videofilm mit kolumbianischen Rebellen (von hinten, damit man ihre Gesichter nicht erkennen kann). Zu klassenkämpferischen Lesetexten handhabt Feiler selbst ein schrilles Sopransaxophon in frenetischem Dauerfortissimo. Der mit der Video- und Text-Botschaft kombinierte Lärm ist - vor allem, da er vom Autor selbst produziert wird - sprechender “Kommentar” genug, andererseits aber doch zu verfremdend, um als altmodischer Agitprop zu funktionieren.
Ähnlich das als Schlussveranstaltung zelebrierte Feiler-Stück “Müll” unter stumm-mahnender Beteiligung eines neben dem Podium postierten Müllautos und der martialisch in den Saal einziehenden städtischen Blasmusik. Deren Emanationen muteten indes äußerst gesittet an im Vergleich zu dem wüsten Durcheinander, das vom Klangforum Wien und zwei unentwegt emphatisch röhrenden Vokalsolisten zu hören war - Texte von César Vallejo wurden dabei nur zum Anlass ihrer Zermalmung herangezogen. Schwer zu trennen ist bei Feiler die pure Lust am anarchischen, gar chaotischen Bramarbasieren und der Impuls einer politischen Radikalität, der nur noch in Chiffren spontaner Gewaltförmigkeit ein Ausdrucksmedium für Verzweiflung und Wut zu finden glaubt. Jedenfalls stellt sich Feiler als ernst zu nehmender “Forscher” auf dem Gebiet der politischen Ästhetik dar, einer heute weniger denn je abgetanen Sache.
Experimentell zugange waren die Musiktage auch mit einer neuen Veranstaltungsform, die dem Druck der Uraufführungsquantitäten gehorchte und am Haupttag ein siebenstündiges Mammutprogramm erbrachte. Die Gefahr einer öden Magazinierung wurde dabei geschickt gebannt, weniger durch die Gegenüberstellung dreier hochkarätiger Instrumentalensembles (des ensemble modern, des Klangforum Wien, des Ensemble Intercontemporain), die der Kritikerkollege Gerhard R. Koch hellsichtig als Variante der “Drei Tenöre”-Auftritte erkannte, eher durch die interessante Praxis der Doppel-Uraufführung einiger ausgewählter Stücke durch verschiedene Klangformationen.
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Natürlich brauchte man auch diesmal auf die liebgewordene Kategorie des “Meisterwerks” nicht zu verzichten. (Man begegnete ihr in zwei Séancen des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, exzellent geleitet von Pierre Boulez bzw. Sylvain Cambreling.) Auf sehr verschlungene Weise näherte sich ihr der 77-jährige portugiesische Komponist Emanuel Nunes in seinem großen Orchesterwerk “Mort et vie de la mort”, Extrakt einer immens dimensionierten Oper nach Goethes “Märchen”, eine Musik der existentiellen Erfahrung und unbeirrbarer persönlicher (auch musiksprachlicher) Standhaftigkeit. Ähnlich subjektiv, wenn auch weniger von durchgängigem Passionston gezeichnet Isabel Mundrys “Ich und Du”.
Konträr dazu vermittelte Enno Poppe leichthändige Meisterschaft in seinem Stück “Altbau”, in dem sich phantasievoll mutierende Klischeefiguren in bequem bezugsfertigem Orchesterklang einhausten. Es war dann aber doch schön, dass der Kompositionspreis des SWR-Sinfonieorchesters nicht diesem geschmeidigen Opus verliehen wurde, sondern dem mehr als 40 Jahre alten “Quintet for Groups” des 82-jährigen Amerikaners Ben Johnston, eines urig-kernigen Vertreters der anarchischen Musikforscherecke von Ives, Ruggles und Partch. Johnston versteht sich hier aber auch als ein minuziösen Klängen Nachlauschender, etwa in den zeitweise dominierenden Parts der im Vierteltonabstand gestimmten zwei Klaviere und zwei Harfen. Forschung und Meisterwerk schließen einander nicht aus.
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LINK
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FR- Link ( erfahrungsgemäss nicht persistent )
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RELATED
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donaueschinger musiktage 2008 | track two : angewandt konzertant ( 21. 10. 2008 )
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Die Erfahrung erst macht uns zu Wissenden . Und zwar nur jene Erfahrung , die ihren Zweck erfüllt . So wachsen wir in unsere Sprache hinein , indem wir permanent die abstrakten “Begriffe” mit unserer Erfahrung abgleichen . Ober im Kontext der sozialen Interaktion . Wo die Konstruktion unserer Begriffe und Wörter keine Wegbarkeit zum Ziel unserer Absichten gewährt , adaptieren wir unsere System , bis sich endlich die gewünschte Wegbarkeit einstellt .







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