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Ein Exil im Lexik der Poesie - Laudatio für Rosa Pock



EIN EXIL IM LEXIK DER POESIE

Für Rosa Pock
Literaturpreis des Landes Steiermark 2007 , 4. 6. 2008
Von Christiane Zintzen

Ein Freund ging nach Amerika
Und schrieb vor einigen Lenzen
Schick mir Rosen aus Steiermark
Ich hab eine Braut zu bekränzen -

icon ac voltage sourceMan mag die wohlbekannte Strophe des Peter Rosegger an diesem Ort , in dieser Zeit in vielerlei Hinsicht verwerfen : Was sie anspricht und was für die Dichterin Rosa aus Steiermark sehr wohl gilt , ist das Bild des Exils und der Fremde . Rosa Pock , die auszog , um auf den Wegen der Philosophie das Dichten zu lernen , hat sich mit Willen , Wort und Wirken einer Unheimatlichkeit verschrieben . Im Licht der Prismen ihrer Dichtung erscheint das Selbstverständliche fremd , das Vertraute befremdlich .

Zwischen Prosa und Poesie , zwischen Sprechen und Schweigen , zwischen Archaik und Avantgarde setzt sie ihre systematisch programmierten Sprechfiguren auf den Plan und sich selbst ziwschen die Stühle der Schulen und Stile .

Sicher sind wir Lesende nie , von WO aus die gebrochene Stimme zu uns dringt . Wir drehen uns um Kreise und suchen nach Orientierung : WER spricht hier und wer zieht hier eben die Fäden dieser redenden Marionetten ? - Wo ist sie , die rettende Regel ? -

Über 15 Jahre hinweg hat Rosa Pock mit einer Reihe von hoch konzentrierten poetischen Personifikation eine Fährte gelegt . Was wir hier tun können ist : Eine Witterung aufnehmen , eine Spur suchen , ein paar Beobachtungen beibringen . Oder , um ein von Rosa Pock selbst gern gewählte Bild zu borgen : Ein paar Glieder der Hundekette ineinander zu fügen . Bleiben dabei dicht am Hand- Werk , am Material . Denn wenn es ETWAS gibt , das Pocks Dichtung immer wieder neu zu bedenken gibt , dann ist dies der Appell , sich im Vorläufigen einzurichten , dabei aber den Blick wachzuhalten auf DAS , was da vor uns liegt .

So gibt sich mancher Text prima vista sperrig und karg . Sehen wir länger und geduldiger hin, tauchen - wie bei einem photographischen Entwicklungsvorgang - langsam Muster auf , erkennen wir Patterns, entstehen Parallelen. Und mittendrin immer wieder die Umrisse dessen , was fehlt .

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SELBST | LEXIKON

icon ac voltage sourceKeiner Norm konform oder einer stetigen Ästhetik, repräsentiert Rosa Pock geradezu den Albtraum des Lexikographen. Die Tracht eines sogenannten “Personalstils” , die Legende von frühem Leid und später Vollendung , die an der Werkliste her- buchstabierbare Statistik einer Entwicklung : Dieses Kostüm einer humanistischen Künstlervita will so gar nicht auf ein Werk passen , welches sich seine eigenen Mass- Stäbe setzt .

Wenn schon “Lexikon” - Dann : “die hundekette . mein eigenes revier” ( 2000 ) versammelt 79 Begriffe von A bis Z .

Wenn schon eine Geschichte der Empfindlichkeit - Dann : “Eine kleine Familie ” ( 2004 ) gibt eine satirische “Entwicklungsgeschichte” der eigenen ( so genannten 68er ) Generation .

Wenn schon Rollenbild der “Frau” als Kunst- Werktätiger - Dann : Hat Rosa Pock SELBST in den 31 Figuren des Kurzprosabuches “spielmodell m” ( 1996 ) einen ganzen Katalog von Rollen vorgeschrieben .

“Keinem” , sagt Ovid in den Metamorphosen , “bleibt seine Gestalt” . Rosa Pocks esprit poétique ist ein proteisches Wesen . Sich treu nur im stetigen Wandel , erschafft es sich seine Welt mit jedem Werkstück in neuem Format : Form als Funktion und Fassung der verschiedenen Versionen von Realität . Dabei situiert sich jedes dieser Spielmodelle in einem abgezirkelten Setting gewisser Prämissen und Regeln , welche als SETZUNGEN unwiderleglich sind .

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SPRECHEN | JETZT

icon ac voltage sourceUnwillkürlich fühlen wir uns an Mythen und Märchen erinnert, wo Götter und höhere Mächte ihren Günstlingen spezielle , allerdings immer nur begrenzte Kräfte schenken .

Beides - gedankliche splendid isolation sowie eine als Defizit dargestellte insulare Einkapselung - gilt für Rosa Pocks Sprechfiguren . Sie sind schiere Papierwesen , Zwitschermaschinen , auf ein definiertes Lied programmiert und damit in sich logisch geschlossen . Sich loszureissen und einfach fortzufliegen wird diesen “excellent birds” ( Laurie Anderson ) allerdings nicht gewährt . Ihr Ort bleibt das Werk , der Text , der Käfig des Systems , kurz : “mein eigenes revier” . Nur hier ist die Bühne , wo ihr Monolog hingehört , wo die Wellenlänge ihres Gesangs überhaupt gehört wird . Die syntaktisch zerrüttete , rhythmisch in antiker Prosodie getaktete Stimme in “Monolog braucht Bühne” bekundet diese Gleichzeitigkeit von Allmacht und Ohnmacht wie folgt :

Ich umschiffe / meinen Hafen / wie Odysseus den seinen / zu erzählen Geschichte von Irrfahrt mit Eleganz , / wobei begangene Fehleinschätzung von Gefahr ich vergesse / und Verblendung mich treibt / in immer tieferes Wundgebiet / bis Lustangst von Schrecken abgelöst. ( “/” von czz )

Es scheint, als dürften diese Figuren überhaupt nur qua Sprache existieren . Die “Infantin” etwa präsentiert sich von Anbeginn an als das Resultat eines Benannt- Werdens . WER diese Benennung einst vollzog , bleibt im Ungewissen :

1. Tag - Später Herbst; und ich werde von Kindesbeinen an Infantin genannt, weil ich nicht zur Sprache finden wollte. Diese Bezeichnung ist mir geblieben, obwohl ich das Stummsein verliess, sozusagen wie eine Definition aus einem alten Lexikon, die bleiben wird, auch wenn sich die Bedeutung des Begriffes längst geändert hat. ( “Ein Halbjahr aus dem Leben einer Infantin” )

Da sie jetzt aber spricht , EXISTIERT diese Figur , und ihr “Kopfkissenbuch” berichtet von einem ganzen Inventar von Verweigerungen gegenüber dem System , das isolierend sie umgibt . Wie der gefangene Affe in Kafkas “Bericht an eine Akademie” ist es nicht eine abstrakte “Freiheit” , die sie sucht , sondern schlicht einen “Ausweg” .

Wirklichkeit wird diesen Figuren nur in ihrer schieren Wörtlichkeit gewährt . So sehr diese “Infantin” , die “spielmodelle” , ja noch das Mathematik- Mädchen Gelatina aus der “Kleinen Familie” mitunter an archaisch verwunschene Wesen aus Märchen oder Mythos erinnern , so sehr fehlt ihnen der Richtungsvektor einer Teleologie . Rosa Pocks Sprechfiguren sind von Vergangenheit und Zukunft abgetrennt . Sie existieren nur im Augenblick . Dabei sind sie ganz an ihrem Platz und befinden sich gleichzeitig in einer Art von Exil : Verbannt , gebannt starren sie auf die Positiv- oder Negativ- Form eines Umspringbildes . Der Blick auf das Integrale bleibt ihnen verwehrt .

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ORGANISATION | SYSTEM

icon ac voltage sourceIm Paradigma der Moderne bieten sich Spiel- und Systemmodelle als Bezugsrahmen an. Codierungen , Wort- und Buchstabenspiele verweisen auf die konkrete und visuelle Poesie . So etwa sind die Texte sämtlich nach genau bestimmten Zahlenmustern organisiert . Allerdings sind die Ziffern grösstmöglich bedeutungsoffen : “Monolog braucht Bühne” ist aus 39 Einzeltexten komponiert : 3 mal die Primzahl 13 . Auch das “Halbjahr aus dem Leben einer Infantin” basiert mit seinen 181 Tagesnotizen auf einer Primzahl . Gleiches trifft zu für die 31 in “spielmodell m” vorgeführten
weiblichen Mannequins . Primzahlig letztlich : Die 79 lexikalischen Einträge in “die hundekette . mein eigenes revier ” …

Solche Organisationsprinzipien lassen sich ohne inhaltliche Deutelei anzeigen . Ebenso kann ohne Raunen einer tieferen Bedeutung festgestellt werden , dass Rosa Pock sehr bewusst mit dem Medium “Buch” umgeht : Text und Nicht- Text ( die seit Mallarmé unübersehbaren “blancs” ) greifen sichtlich ineinander . Im Unterschied zur herkömmlich gesetzten Lyrik mit ihrer vertikalen Orientierung sind Pocks Textblöcke horizontal orientiert : Den schwarzen Lettern des Fliesstextes folgt eine halbe ( “Monolog” ) bzw. eine Viertelseite ( “Infantin” ) “weisses Schweigen”.

Das reizvollste Spiel mit den Eigenschaften des physischen Datenträgers “Buch” findet sich im Lexikon “die hundekette . mein eigenes revier“. Jeder Eintrag beansprucht eine Seite . Mit Ausnahme des ersten Lemmas ( “ahorn” ) sowie des letzten ( “zweifel” ) kommen alle anderen Einträge auf Doppelseiten zu liegen . Bei näherem Blick erweist sich , dass sich diese parallel gesetzten Texte in vielfältiger Weise aufeinander beziehen . Das trifft formal höchst einleuchtend auf ein Buch zu , welches thematisch wie kein anderes im Werk Rosa Pocks vom “grossen Paar” handelt . Die Titel der Einträge lesen sich - Doppelseite für Doppelseite - wie duale Konstellationen , Frage und Antwort , Positiv- | Negativ- Verschränkungen :

“in agonie” | “arsenik” - “das begehren” | “das beileid” - “der charakter” | “ein credo”

So läuft also - buchstäblich quer zum “Haupttext” der lexikalisch geordneten poetischen “Definitionen” - ein Schriftband am oberen Seitenrand entlang: Hier hat sich offensichtlich die konkrete Gestalt des Texte an der Vorlage | Vorgabe des aufgeschlagenen Buches inspiriert .

Wenn Rosa Pock solche Organisationsprinzipien aufgreift , Anleihen beim Anagramm nimmt , serielle Verfahren wie Aufzählungen und Listen verwendet oder gar den Zufall per Computer- Übersetzung in ihre Texte einbezieht , dann zitiert die Dichterin Verfahren des Surrealismus , von Oulipo , der konkreten poesie , kurz : der literarischen Avantgarden .

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WORTE | WÖRTER

icon ac voltage sourceDamit wären wir beim Stichwort der “Methode” angelangt : Also die Art und Weise , WIE Wörter ausgesucht werden , wie Wörter gedreht und gewendet werden , die Komposition von Worten zu Sätzen und diese zum Werk . Dabei besteht die VERDICHTUNG der Form bei Rosa Pock paradoxerweise im augenscheinlichen VEREINFACHEN : Gesuchte , gewundene und poetisch parfümierte Wörter wird man in ihrem Werk nicht finden .

Man mag dabei an Ilse Aichingers Plädoyer für die “schlechten Wörter” denken , an deren “Nein” gegenüber Metaphysik und Ideologie .

Mit gleichem Recht liesse sich allerdings das Bild des Naturwissenschafters zitieren : Um ein VERFAHREN optimal durchzuführen und dessen Wirkung in möglichster Deutlichkeit studieren zu können , sind “reine” Grundstoffe nötig . Das scheinbar Einfache wäre demnach als REAGENS zu denken und damit unablöslich vom jeweiligen Prozess . Das augenscheinlich einfache Wort steht also nicht AN und FÜR sich . Ebenso wenig kann der basale Begriff als “Urwort , orphisch” verstanden werden oder gar : als “naturnahes” , “gefühlsechtes” Ausdrucksmittel einer ( eventuell sogar weiblichen ) “Authentizität” .

In ihrem jüngsten Buch “Eine kleine Familie” spielt Rosa Pock ein trügerisches Spiel mit den Fiktionen , Effekten und Lektüren des “Authentischen” . Im Genre des Tagebuchromans , im Jetzt- Stil der zeitnahen Mitschrift sowie in dem Themenkreis von turbulenter Adoleszenz , Familienkiste und junger Liebe verführt das mit flüssiger Prosa ( ! ) gefüllte Buch zu jener Lektüre einer psychologischen “Eigentlichkeit” , wie sie der Literaturbetrieb gerne praktiziert .

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EIGENSPRACHE | EIGENSINN

icon ac voltage sourceWas fehlt , ist vorderhand die Bereitschaft , Poesie und Dichtung dem Zweckdienlichen zuzurichten . Selbst als Organigramm von Erkenntnis verspricht sie keine Sicherheit . Es ist Rosa Pocks weitgehend undogmatischer und von der Ideologie des Progressiven befreiter Umgang mit den Figuren , Formen und Formeln der Moderne , der ihren Texten eine erstaunliche Deutungsoffenheit - Polyvalenz - verleiht .

Gerade mit “Eine Kleine Familie” hat die Autorin ein perfides Exempel dafür vorgelegt , dass sie den beliebten Erzählton aus dem Vollen der Episoden , Themen und Gegenstände quellen lassen kann . Aber Achtung : Durch die Stimme dieses Tagebuchmädchens , das da von Leben und Lieben schrulliger Anverwandter erzählt , dringt das ferne Gelächter aus Voltaires “Candide oder Der Oprimismus” über Gottfried Wilhelm Leibniz’ ursprünglich gottgläubiges Postulat , wir lebten in der besten aller möglichen Welten . Ein Credo , das seither von jeder Ideologie usurpiert worden ist .

Wer sich nicht dreinfügt , wird keine Heimat finden . Mit ihrer Skepsis gegenüber den akkordierten Rezepten zum Besserleben , Bessersprechen , Besserschreiben , bleiben Rosa Pocks Figuren freilich alleine . Entprechend oft werden Motive der Melancholie , des Exils und der Isoliertheit zitiert . Ein Beispiel aus “die hundekette . mein eigenes revier” :

… und vergeblich du sprichst / sodass du nichts ausrichtetst / mit der spache / WIE du sie sprichst / überhaupt / dein vergebliches bemühen / du kannst es vergessen. ( “vergeblich” )

Obwohl dieser sprachliche Eigensinn der Figuren ganz offensichtlich im Konflikt liegt mit den umgebenden Konventionen , ziehen sie das Drehmoment aus Wut und Trotz dem Einschwenken auf die allgemeine Linie vor . So formuliert das “Modell- Mädchen” der “kleinen Familie” ihren Widerstand gegen die beste aller möglichen Welten wie folgt :

… mein Motor bleibt die Unzufriedenheit mit allem und mit mir - wo käme ich hin, wenn ich nie mehr mein eigener Feind wäre .

Man merke , hier wird kalkuliert : Wie hohe Eigenkosten zeitigt der Eigensinn , damit die Eigensprache auf ihre Rechnung kommt ?

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ASKESE | ANARCHIE

icon ac voltage sourceFreilich führen die hoch artifiziellen Sprechfiguren viel Fehlendes in ihrer Rede . In allen Formen begegnen diese Textkörper der ewigen Spannung zwischen Begehren und Entfremdung mit dem Ruf nach Regel , Regime und Askese . Als wollten sie sich in der Re- Duktion ganz auf sich selbst zurückführen . Konzentrieren . Aber die Autorin verweigert ihren Figuren das Pathos der letzten Konsequenz . Bevor noch die eiligen Eins- zu Eins- Exegeten herbeieilen und den Topos der weiblichen Selbstverletzung besetzen , haben die Textwesen bereits die selbst aufgestellte Regel verletzt .

In diesem Wechsel zwischen Regel und Übertretung , System und Anarchie, in diesem unkalkulierbaren “Justament” mag man die poetische Signatur Rosa Pocks wahrnehmen . So divers sich die Systeme der einzelnen Texte gestalten , so bleibt ihnen das Wasserzeichen eines nonkonformen Trotzes stets eingewebt .

In diesem festen Fundament ankert nicht nur die immanente Skepsis gegenüber einer unmenschlichen Mechanik , sondern auch die Fähigkeit und der Wille zur Empathie .

Die Welt , das Reale , ist kein Objekt . Sie ist ein Prozess . ( John Cage )

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Salon Littéraire | Benedikt Ledebur : APHATISCHER MUSE REDE - Laudatio auf Brigitta Falkner



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Salon Littéraire | Benedikt Ledebur :

APHATISCHER MUSE REDE

Laudatio auf Brigitta Falkner anläßlich der Verleihung des österreichischen Förderungspreises für Literatur 2007 ( 11. 4. 2008 )

aphatischer muse rede
da pratermuschis eher
rar, DICHTERMÜH passé
satire - prüder schmäh
sprachs AUTRICHE MERDE
(spät sei der ruhm, ach)

aus: Brigitta Falkner, ABC, S.8,
heraus mit der sprache

Zwei Wege stehen offen, ein Werk und seine Autorin wirklich zu loben: entweder die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf einen Teil des Werks und zeigt durch genaue Analyse, daß, obwohl oder gerade weil der Interpretation genaue Grenzen gesetzt sind, ihr keine Grenzen gesetzt sind, oder sie weitet sich aus, versucht das ganze aufliegende Werk in den Blick zu bekommen, und zeigt durch angemessene Suchkriterien, wie das Finden bei einem solchen Angebot wenn, dann nur an der Nachfrage scheitern kann. Beide Wege leiden unter Mangelerscheinungen: der erste, weil er exemplarisch vorgeht, und, um die Fülle am Einzelnen zu zeigen, das Ganze, in das dieses eingebettet ist, ausblenden muß, der zweite, weil er einen grobmaschigen Filter voraussetzt, dem um des ganzen Willen viele Einzelheiten, und damit vielleicht auch das Wesentliche der einzelnen Stücke entgehen muß.

Angesichts der Arbeiten Brigitta Falkners habe ich mich für den zweiten Weg entschieden. Einer der Hauptgründe ist, daß viele davon aus Bild und Schrift bestehen. Über das, was sich (gleichzeitig) zeigen lässt, muß nicht viel und vor allem nichts Beschreibendes gesprochen werden. Aber nicht nur die Bilder und Layouts und wie sie von Falkner im Verhältnis zu den Schriftzeichen eingesetzt werden, fallen unter den Zeigemodus, sondern auch der Gebrauch der Schriftzeichen selbst. Die Weise, wie sie Falkner konkret werden lässt, und das heißt auch, auf das für die jeweilige Komposition Wesentliche reduziert, verweist Interpretation oft auf den Platz der Erläuterung, aber auf höflichste Weise, denn die Autorin macht diese Selbstbeschränkung dem Interpreten vor, indem ihre Arbeiten aufzeigen, wie rigoros sie sich selbst im Schaffensprozess ihren Konstruktionsprinzipien unterworfen hat. Dass es ihr damit ernst ist, zeigt sich, wenn sie in ihrem letzten Anagramm-Buch Bunte Tuben Conlon Nancarrow (1912-1997) zitiert, von dem es viele für menschliche Pianisten zu rasante Kompositionen für elektro-mechanische Selbstspielklaviere gibt: “Seit ich Musik schreibe, träume ich davon, die Interpreten loszuwerden.” In ihren Studien zum Anagramm Das Rosenbaertlein-Experiment kritisiert Renate Kühn die verkürzte Sichtweise, die mit dem Autor auch das schreibende Subjekt verabschieden will. Von Selbst geschehe gar nichts, und es sei ein Fehler, das Verfahren mit dem Schreibprozess zu verwechseln. Bei dem von Kühn initiierten und in Buchform publizierten Experiment, bei dem eine Gedichtzeile von Hans Arp zu anagrammieren war, hat neben Liesl Ujvary, Elfriede Czurda, Gerhard Rühm, Helmut Heissenbüttel und anderen auch Brigitta Falkner mitgemacht. Ihr Beitrag, der ein expressionistisch-surrealistisches Gelage vor dem Hintergrund einer schwarzen Messe evoziert, erzielt durch die Suggestion direkter Rede eine für ein solch formales Verfahren ungewöhnliche Dramatik, die mit ihrer Hintergründigkeit alle Arbeiten Falkners auszeichnet.

Als Orientierungshilfe soll Selbstbezüglichkeit die viel zu großen Schritte mitbestimmen, mit denen ich Falkners Arbeiten durchmesse, wie sie in den Einzelpublikationen ABC - Anagramme, Bildtexte, Comics (1992), Tobrevierschreiverbot: Palindrome (1998), Fabula Rasa oder Die methodische Schraube (2001) und Bunte Tuben: Anagramm (2004) vorliegen. Ich werde jene Stellen ansteuern, wo die Autorin über das Schreiben, über das Dichten spricht, bzw. ihre Haltung dazu besonders klar wird, und jene, wo sie sich selbst ins Bild bringt, die also in gewisser Hinsicht, z.B. in der Verwendung des eigenen Namens oder im Zeichnen bestimmter Züge, portraitierenden Charakter haben. Diese Orientierung ist nur bedingt hilfreich bei Schreibformen, die, wie das Palindrom, schon im Formalen ein hohes Maß von Selbstbezüglichkeit aufweisen. Streng-formale Verfahren stehen allgemein unter Verdacht, die auf Konventionalität beruhenden Bindungen des Signifikanten an das Signifikat zu lösen, und Texturen hervorzubringen, die sich in ihrer Konkretheit nur noch selbst repräsentieren. Aber gehen nicht auch die strengsten formalen Verfahren von Sprachmaterial aus, mit Sprachmaterial um, das durch Gebrauch und Definition hinsichtlich Bedeutung vorgeprägt ist?

Dieser Konkretheit mit Bedeutungslosigkeit verwechselnde Ansatz, den man leichthin den französischen nennen könnte und der seine surrealistischen und strukturalistischen Wurzeln nicht verleugnen kann, hat mit der Zeit im Literarischen eine gewisse ästhetische Schwäche zur Folge gehabt, nämlich jene, die dem Glauben entspringt, dass gedankenloses Anwenden eines Verfahrens schon zu gültigen Ergebnissen führt. Das Gegenteil davon und damit Sicherheit in ästhetischen Fragen und philosophischen Hintergründen führt, an semantisch selbstreferentiellen Stellen nachweisbar, Brigitta Falkner vor. Deswegen zeichnet ihre Arbeiten nicht nur höchste formale Konsequenz, sondern auch besondere Welthaltigkeit aus, erreicht mittels genauester syntaktischer Strukturierung. Die Satzzeichen sind in diesem Sinn konzentrierte Bedeutungsträger, und zwar in einem Maße, das die Alltagsprosa nicht kennt. Um tote Konventionen auszuhebeln und innere Zensuren zu umgehen, haben am Material haften bleibende Methodizität, wie sie die Oulipo-Bewegung propagierte, und assoziative Verfahren, wie sie die Surrealisten um Breton als écriture automatiqe, als “Denkdiktat ohne jede Kontrolle der Vernunft” praktizierten, ihre Berechtigung, und hatten sie im Literarischen vor allem, als Freuds Einsichten noch jung waren. Aber man sehe sich nur die rhetorische Sicherheit von Freuds Schriften an, oder wie stark das Denken, wie genau die Analysen der frühen Strukturalisten vom Schlag eines Jakobson oder Lévi-Strauss waren! Es verlangt genaues Arbeiten, damit die befreiende Wirkung von Tabubruch, Pointe und Ironie zum Tragen kommt, und dass die Achse der Selektion nicht zu vernachlässigen sei, gehört zu den strukturalistischen Grundeinsichten.

langsame_copyright_Brigitta_Falkner

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“das langsame verschwinden der buchstaben”, der Rebus gleich zu Beginn von Falkners ABC - Anagramme Bildtexte Comics, kann als paradigmatisch gelten, sowohl was die Verschränkung von Bild und Schrift betrifft, als auch in seiner Selbstbezüglichkeit, denn was gesagt wird, wird auch gezeigt. Dabei handelt es sich um zwei Arten von Verschwinden: jene Buchstaben, die durch die Piktogramme, bzw. Teile ihrer Benennung ersetzt werden, also wirklich nicht am Blatt stehen, und jene, die man sich von den Benennungen wegdenken muß, um die Botschaft zu decodieren, und die, wenn auch durchgestrichen, am Blatt stehen. Und damit sind auch gleich die zwei Orte miteinander ins Spiel gebracht, an denen Buchstaben verschwinden können, nämlich der, wo sie stehen, und der, wo sie gedacht werden.

Das auf den Rebus folgende heraus mit der sprache ist meines Wissens Falkners erstes Anagrammgedicht. Aus ihm stammt das Eingangszitat, das mir auch den Titel zur Laudatio geliefert hat. Da Anagrammieren zu den Techniken des Dichtens gehört, kann man “DICHTERMÜH passé” natürlich als Zweifel am eigenen Tun lesen; aber -wie ja auch das ironische “spät sei der ruhm, ach” zeigt - hält die Autorin damit zum Pathos sprachgläubiger Lyriker Distanz. Der programmatische aber zweideutige Titel des Gedichts - “heraus” kann ja, denkt man sich selbst dort, wo die Sprache sitzt, sowohl als “weg” wie “her mit ihr” verstanden werden, läßt an den Titel eines Leitartikels der Revolution surréaliste denken, der wahrscheinlich von Antonin Artaud stammt. Die ablehnende Haltung der Surrealisten gegenüber literarischem Gewäsch ist ja bekannt. Aphasie schließlich ist die radikalste Art des Verschwindens von Sprache, von der sich vor allem Linguisten Einsichten in ihre Natur erhoffen . Jakobson in Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze :

Für den Linguisten, der sich mit dem Entfaltetsein des Sprachgebildes befaßt, muß auch seine Geburt und sein Absterben viel Lehrreiches bieten.

Die Rede einer aphatischen Muse wird also unter Sprachschwund leiden, und das muß, wenn man die Aufgabe der Musen darin sieht, Dichtende zum sprechen zu bringen, keinen Schaden bedeuten. Unterstellt man Falkners Gedichtzeile aber die rhetorische Figur der Synchisis, also der absichtlichen Verwirrung der Wortstellung, könnte man aphatisch auch der rede zuschlagen, es wäre also die Muse jener gemeint, die mit beschränktem Sprachmaterial nach Ausdruck suchen.

In kein sterbenswörtchen, dem längsten Anagramm aus ABC (19 Seiten), das die Ausgangszeile (den Titel) nicht nur in seiner buchstäblichen Zusammensetzung anagrammiert, sondern auch in seiner Bedeutung konterkariert, entwickelt Falkner dann mit viel direkter Rede - “he wirt! -sekt!” - und aus dem Genre Filmskript entlehnten Anweisungen für Kameraführung und Bildaufbau (”schwenk, [...], schnitt [...], wink-scene” ) die schon hervorgehobene, für ein Anagramm überraschende Dramatik. Dramatis personae sind neben werner, weber und erwin unter anderem rektor bense, der auch als wetterkoch auftritt (die Anspielungen auf den Düsseldorfer Theoretiker Max Bense, der die Hintergründe der Dichtung mathematisch aufzuarbeiten suchte, sind zahlreich: “winke, benses rechner tot! -”), und als Vertretung der Dichtung selbst, neben den Nebendarstellern schwitters und serner, benn, der natürlich einiges über sich ergehen lassen muß und sogar als schwester benn auftritt:

[...] er winkt: schöne
erektion! - schwester benn
nickt: “sehenswert.” bon! er
sekretiert. wer noch? benns
wecker steht. [...]

Die Verläufe entwickeln sich dank Enjambements ungehindert durch die anagrammatischen Einheiten, weil also kurze Sätze die Zeilenenden überlappen. Auch Binnenreime helfen im Formalen dem Fortgang, und im Semantischen der Einsatz von Homonymen, das heißt: gleicher Klang - verschiedene Bedeutung, an denen sich die Verläufe gabeln und quasi parallel laufen können (”kennwort, keen wort”, oder als aufgelöste mehrdeutigkeit: “wecken: iss!’” ). Daß es ad infinitum weiterlaufen könnte, suggeriert das hinsichtlich des anagrammierten Titels kein sterbenswörtchen paradoxe Anagramm, indem es wie zufällig mitten in einem Satz endet:

[…] werner steht
neben erwin: tok! (sechster
sinn?) er weckt bense. hört
er benns “herein!”? wo steckt -

Im ABC finden sich unter den Titeln word5/wechseln I und word5 / wechseln II, zwei doppelseitige Bildtexte, die in Fabula rasa in anderem Format und mit den die Codierungsmethode kaschierenderen Titel Schmutzige Tricks I & II wiederkehren. Falkner macht sich hier die Ersetzen-Funktion des Textverarbeitungsprogramms zunutze, um den Text, quasi als forciertes Lipogramm, zu verfremden und so den Zusammenhang von Bildgestik und Schriftzeichenstruktur einem Experiment zu unterziehen. Dazu die Autorin selbst:

Das ikonographische Szenario des Film Noir liefert die Vorlage für den Genre-Comic [...] Im Off-Kommentar findet das Licht- und Schattenspiel des Film Noir als zwielichtige Kunstsprache, eine nach den Regeln eines einfachen Chiffrierverfahrens (Substitution) generierte Pseudosprache, changierend zwischen Klartext und Chiffretext, seine lautliche Entsprechung: Etfusch ffiff tulk tii Luft umt tluf mik um Kimtelkuff.

Ich übersetze: Etwas pfiff durch die Luft und traf mich am Hinterkopf.

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Im Bildtext BILDE DEBIL … in dessen Bildteil eine schöpferische Hand, die à la Blumenberg die Lesbarkeit der Welt voraussetzt, in diese schreibt, während zwei Figuren, die in ihr zu leben haben, sich beschwingt aus dem Bild fortstehlen zu wollen scheinen, ist eine anagrammatische Ästhetica in nuce gegeben. Die letzte Zeile REGEL LEGER bildet den symmetrischen Sonderfall des Anagramms, ein Palindrom, von dem sich noch zwei bzw. drei weitere in ABC finden, und dem das ganze nächste Buch der Autorin, Tobrevierschreiverbot, gewidmet ist.

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Zuvor aber noch zur letzten Gattung von ABC, dem Comic. In Brigitta Falkner, ein Anagramm-Comix, ist der eigene Name, platziert wie die Autorenangabe, die Anfangszeile des Anagramms, das damit an die Tradition der Renaissance anknüpft, in der Anagramme überhaupt nur aus Namen gebildet wurden, um mit daraus permutierten gefälligen Aussagen deren Trägern zu huldigen. Den modernistischen Kontrapunkt dazu bildet die Verteilung des Anagramms über ein Comic, in dem sich Anagrammeinheit und Panel entsprechen. Hier tritt wieder La Révolution surréaliste ins Bild, in deren Nummer 12, Dezember 1929, René Magritte den Bildtext LES MOTS ET LES IMAGES veröffentlicht, in dem sich Magritte eben in Bild und Text auseinandersetzt, in welchem Verhältnis diese zueinander und zur Wirklichkeit stehen können:

Manchmal vertritt der Name eines Gegenstandes ein Bild [...] Ein Wort kann in der Realität den Platz eines Gegenstands einnehmen [...] Ein Bild kann in einem Satz den Platz eines Wortes einnehmen [...] Ein Gegenstand leistet nie das gleiche wie sein Name oder sein Bild [...].

Eine Paraphrase bzw. ein Paraimage auf Magrittes berühmtes Bild “Ceci n’est pas une pipe” findet sich in Falkners Anagrammcomics, und in zumindest drei Panels lässt sich, weil mit Brille, ein Selbstbildnis identifizieren: “Fan: Klar Brigitte!”

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Die Symmetrie, wie sie in den palindromischen Kompositionen von Tobrevierschreiverbot zum Tragen kommt (auch sie gehen dort - siehe Aha Poesie - über viele Seiten), demonstriert das doppelte UHU auf den Sportdressen im ersten Bild sehr deutlich. Die Symmetrieachse läuft zwischen ihnen. Auch Rektor Bense darf noch einmal auftreten, denn Symmetrien verfügen über Eigenschaften der mathematischen Gruppe, deren erste lautet: “Jede Verknüpfung zweier Elemente gehört selbst zur Gruppe”. (Diese mathematische Eigenschaft wird auch Abgeschlossenheit genannt.) So wie das Schriftbild von UHU symmetrisch (und ein Palindrom) ist, ist auch zwei mal UHU symmetrisch, bei dreimal bildet H die Symmetrieachse etc. Wenn die einzelnen Symmetrien aus den gleichen Elementen bestehen, kann man sie einfach sukzessive aneinanderreihen, damit eine neue Symmetrie entsteht.

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Das ist nicht der Fall, wenn sie, wie bei Sei fies - Tu erfreut, aus verschiedenen Elementen, sprich Buchstaben bestehen. Zwar bildet das f jeweils die symmetrische Achse - ein poetischer Zusatzgewinn - doch müsste man die symmetrischen Flügel von der Achse trennen, und rechts und links von der ersten Symmetrie anordnen, damit wieder eine Symmetrie entstünde; der semantische Gehalt ginge auf diese Weise verloren.

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Jedoch ist so die Methode des palindromischen Komponierens beschrieben, von einem Kern ausgehend wird sowohl am Anfang wie am Ende angefügt, damit die symmetrische Struktur entsteht, also nicht lineares oder sequentielles Denken, das vom Anfang bis zum Ende abläuft, sondern paralleles Denken, das von einer Mitte ausgeht. Eines meiner Lieblingspalindrome aus Tobrevierschreiverbot ist Eine Gehung, dem ein fokussiertes Foto der Rücken Rudolf Augsteins und Martin Heideggers, die gemeinsam einen Feldweg entlanggehen, gegenübergestellt ist.

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EINE GEHUNG

“… Nun? Nisch, Rudi?”
“Durchaus!”
“Eidos …”
“Nee: die Grosslage …”
“Wesen…”
“Ego…”
“Geschick …”
(Echo)
“Leben! O genau! Ach …”
So-Gesetztes.”
“Wahrung.”
“Nun …”
“Hä? Weg als nie-so.”
“Geh …”
“Ei, Seins-Sorge ist Sinn …”
“Ad rem …”
“… mir immer dann …”
“Ist sie gross?”
“Nie. Sieh …”
“Ego?”
“Seins-Lage. Wähnung nur.”
“Ha! Wo …”
“Gesetztes Ego.”
“Schau an! Ego? (Nebel) O check ich’s?”
“Ego-Genese. Weg als Sorge.”
“Ideen & so?”
“Dies auch, Rudi. Durch-Sinnung. Nu?”
“He! Genie …”

Die letzte Zeile, die von hinten gelesen zum Titelanfang führt, kann als berechtigtes Selbstlob gelesen werden. Und Anfang und Ende sind hier nicht metaphysisch aufgeladen, im Gegenteil: Falkner zeigt, dass, einen Sprachduktus (z.B. einen Jargon, der mit dem Wesen seinen Staat zu machen sucht) auf das Wesentliche zu reduzieren, auch heissen kann, ihn zu entlarven, d.h. seine Substanzlosigkeit zum Vorschein zu bringen. Aber was heisst hier “auf das Wesentliche”? Es wird nach anderen Kriterien, nämlich im Hinblick auf das zu bildende Palindrom, reduziert, und damit wird gezeigt, dass methodische Reduktion im Wesentlichen genügt, um Substanzlosigkeit freizulegen, bzw. jene Keime, die auf einen faulen Kern schließen lassen.

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“Zufall - gabs das?” hub Paul zum Klugschwatz an, “Zufall, Ahnung und Wahrtraum, sagt Gustav Jung -” / : just da …

Fabula rasa eröffnet mit dem Lipogramm Au! Die methodische Schraube. Lipogramme definieren sich dadurch, dass sie den verwendeten Wortschatz gemäß einer bestimmen Lautauswahl beschränken. Bei Brigitta Falkner wird diese Methode natürlich im Lipogramm selbst reflektiert: “… als Karl akkurat zu Ruth trat, Ruths Hand nahm (”Darf man?”) - - schnurgrad zum Punkt kam und kundtat, was alsbald (nach Karls Handkuß) als ‘Abmachung’ und Lautaussparungsgrundsatz galt …” Dazu die Fußnote, in der dieser Grundsatz nicht gilt: “Dieser Text basiert auf Karls Lautaussparungsgrundsatz, demzufolge ausschließlich die Vokale ‘A’ und ‘U’ verwendet werden dürfen.” Damit ist schon ein Teil der Textstruktur angesprochen, deren Panels sich vom schwarzen Hintergrund abheben. Am oberen Rand des Panels zeigt sich bei Bedarf ein Textfeld mit Schatteneffekt, in dem der Lautaussparungsgrundsatz gilt und wo die Ent- und Verwicklungen der Dreiecksgeschichte zwischen Paul, Karl und Ruth kommentiert, unter Umständen beschleunigt werden.

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Die typographischen Effekte von Groß- und Größtschreibung, Fett-, Kursiv- und Gesperrt-Setzung werden gezielt eingesetzt, Bilder kommen nur ganz sporadisch und als Abbildung gekennzeichnet vor. Neben grammatikalischen Schwergewichten wie Infinitiv fallen bei diesem Lipogramm so viele wichtige Bezeichnungen flach, daß, wie die Autorin selbst schreibt:

… der gewaltige Aufwand, mit dem hier Strategien zur Vermeidung von Regelverletzungen entwickelt werden, im grotesken Mißverhältnis zum oft läppischen Anlaß steht.

Einfache Beispiele für Transformationen: schnell wird zu flugs, Wein wird zu Purpursaft aus Burgund, Wasser zu Aqua pur, eins zu acht durch acht. Anders als der Anagrammtext ermöglicht die Textsorte Lipogramm- mit Fußnote! - das Zitat, und die Belesenheit Brigitta Falkners macht davon ausgiebig und in wirklich witzigen Assoziationen Gebrauch. Ich bringe nur eine Auswahl von Namen und Titel, die für Zitate und Anspielungen stehen: Krazy Kat, Mc Luhan, Lewis Caroll, Kafka, Lichtenberg, Abraham a Santa Clara, Aristophanes’ Die Frösche , Lenins “Was Tun?”, R. Queneaus Hundszahn, Schopenhauers Hund Buz, Swifts Gullivers Reisen, Grimms Wörterbuch, Havliks Lexikon der Onomatopöien, was den Film betrifft: Bressons “Balthazar au hasard” über einen geschundenen Esel, Lubitschs That Uncertain Feeling, Star Trek oder die Simpsons, aus Musik die Meistersinger von Nürnberg, aus der Werbung z.B.: “Durst macht Spaß”. Das Zitieren des Lipogramms selbst darf bei dem hohen Maß an Reflexivität nicht fehlen, und da die Panels durchnummeriert sind, können sie sich explizit aufeinander beziehen. Auch auf eigene frühere Methoden wird Bezug genommen, und da Verwicklung und Platztausch oft so schnell vor sich gehen, ist z.B. nicht gleich klar, wer da

… Hans Sachs aufschlug und - Zufall? Kabbala? - stracks das Anagramm aus Suada fand: “Du Aas …” -

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In Prinzip i wird die lipogrammatische Methode monovokalisch verschärft, dafür tritt zur Schrift wieder das Bild, in suggestiver Umrahmung eines fortlaufenden Filmbandes, wobei die meiste Schrift als Subtext unter den Bildfenstern steht, kommentierend “Birgit tritt ins Bild.” oder Dialoge wiedergebend:

“Spritzig ist wichtig!” spricht Sissi hitzig. Willi wird wild. Willi spricht im Infinitiv. “Infinitiv gilt nicht!” schimpft Sissi. Willis Blick wird grimmig. Stimmt: Prinzip i.

Nur drei mal wird die Bildfolge und auch das Prinzip durch Einschübe von der Breite einer Seite unterbrochen: durch eine Frage Philip K. Dicks: “Können wir das Universum als real betrachten, und wenn ja, inwiefern?”, durch eine eingeschobene Erklärung über Pidgin-English und eine Bezeichnung Prince Charles “fella belong Mrs. Quenn”, und durch einen Gedanken des Logikers Gottlob Frege:

Kein Ungedanke wird durch Verneinen zum Gedanken, so wie kein Gedanke durch Verneinen zum Ungedanken wird.

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Falkner beweist, daß Monovokalismus nicht daran hindert, aufgeblasene philosophische Diskurse durch den Kakao zu ziehen:

Grinzing. Sinn wird Irrsinn, nichtig wird / wichtig; Willi spricht, Sissi trinkt, schlicht / wird diffizil. Witz wird Irrwitz, himmlisch / wird irdisch, Sissi wird schwindlig … // “… in sich stimmig, hinsichtlich Nichts ist / Nicht-nichts wirklich, sprich: sichtlich / nicht wirklich wirklich, mithin sinnwidrig / richtig, irrsinnig diffizil im Hinblick…” // Willi spricht, Willi trinkt. Hirnrissig wird / richtig, schlimm wird schicklich, fiktiv /wird wirklich … // Ist Willis Irrsinn klinisch? sinnt Sissi. // Spinnt Willi schlicht?

Die Kategoriensprünge und grammatikalischen Nivellierungen wie in: “himmlisch wird irdisch - Sissi wird schwindlig”, die in den Texten Brigitta Falkners ständig stattfinden, sind mitverantwortlich für ihren Witz und Teil der Strategie, formale Eigenschaften und referentielle Bezüge so lange auf die Spitze zu treiben, bis sie ineinander überzugehen scheinen.

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Der Titel des zuletzt erschienenen, vierzigseitigen Anagramms Brigitta Falkners Bunte Tuben hat sich von den 21 (bzw. mit aufgelösten Umlauten 23) Zeichen der Anfangszeile losgemacht und führt die Methode exemplarisch vor. Dass sich der Tuben-Code nicht auf bunte Deco beschränken wird, lässt schon die Beiläufigkeit und das offene Ende der Anfangszeile vermuten: “Zwo Stündchen brüten: die”, die schwerlich am historischen Anfang des anagrammierenden Prozesses gestanden haben wird. Nichts entkommt dem satirischen Biss, den Brigitta Falkner in dieser philosophischen Erzählung mit kriminalistischer Allegorisierung entwickelt, Denken wie Dichten wenden “uns den Uni-Wertesten zu”. Die Heuristik dieses intelligenten Permutierens ist schwer zu fassen. Aber diese muss es geben, denn mit 23! (Faktoriell, also 23mal22mal21mal … mal2) als Anzahl der Möglichkeiten lässt sich mit Selektion allein nichts mehr erzählen. Auch über diesbezügliche mögliche Antworten macht sich die Autorin lustig, schon gar wenn sie inspirativ ins Religiös-Metaphysische abheben:

O ZEICHEN & WUNDER! Betstunde / beendet! - (”Doch zuerst nun …” wie / ein Buch - zwo Stunden - redete / er! (wuszten ein Buch-Ende: TOD!)): / “- Codes werden zu Buntheiten, / bunt zu deren Wesenheit & Code!”

Studenten, Dozenten, Dichter, Editoren, Burschen, Brünette und die Neue , die das universitäre System irritiert:

scheu bittend der Neuen zwo / Wörtchen zusende, die bunt / wuchernde Tubenzone: id est / Witzebene (unterdes du noch / ‘Werde-Uni-Dozentchen’ übst) / nun suchend betrete, die zwo / Tuben sehe, Witz-Decoder nun / bedienend - [...]

Im Vergleich zu früheren Anagrammen haben sich vor allem die Eigennamen verabschiedet, die Ironie ist begrifflicher, der Witz noch trockener geworden.

Liebe zum konkreten Wissen, also philosophische Tiefe im wahrsten Sinne des Wortes, ist allen Arbeiten Brigitta Falkners eingeschrieben. Ihr spezielles Wissen um die Funktion des Formalen und daß nicht die Beschränkungen der Methode, sondern entweder Methodenlosigkeit oder Beschränkung auf die Methode Beliebigkeit erzeugt, macht die Genauigkeit, mit der ihre Bezugsysteme und Geschichten konstruiert sind, mit der von Kalkülen vergleichbar. In diesem Sinn bekommen Stellen, die man in der dramatischen Entwicklung des Textes als gnadenloses Abkanzeln eigener Figuren liest, allgemeingültigen literaturkritischen Charakter; nocheinmal aus dem Lipogramm Au!:

… fad und abundant fand Urs Babs’ Lautsalat, bar Anfang und Schluß; das Drama summa summarum zu lang: am Blatt zu unscharf und blaß, nur Anflug, Hauch, Schraffur -, als Schwank zu schmuck und glatt, als Stand-Up-Drama zu schlapp und flau (als Traktat zu prall und bunt); als ‘Hausfrau-zuckt-aus-und-murkst-Mann-ab’-Saga zu schwatzhaft und kraus (und als Rundfunkdrama zu gaga), zu abstrus und halbgar war Babs’ Suada…

Kalkülen, denen, wie wir seit Scheitern des Hilbert-Programmes wissen, ja auch im Formalisierbaren Grenzen gesetzt sind, fehlt als reinen Konstrukten der Witz der Anwendung. Dieser ist den Arbeiten Falkners inhärent, im Wissen um die Geschichte und Transformierbarkeit des verwendeten Materials und im Gegeneinander Ausspielen der verwendeten Medien und angenommenen Bedeutungen. Zu den wahren Prinzipien des Gestaltens zählt neben der Ökonomie, nicht mehr zu benützen als für die gewählten Zwecke notwendig ist, eben zu wissen, wie die Zwecke so in Schach gehalten werden können, dass sich zeigt, wie Codierungen funktionieren. Diese Prinzipien setzen sich bei Brigitta Falkner nicht nur mithilfe ihrer elementaren Methoden bis ins kleinste Detail durch, von der Interpunktion bis zum unscheinbarsten, locker gesetzten Strich; diese zum Gelingen führenden Prinzipien ziehen sich auch durch alle von Falkner eingesetzten Verwendungsarten von Sprache, ganz im Sinne von Wittgensteins Es gibt keine Metasprache, Fußnoten miteingeschlossen (1).

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(1) Siehe die dem Anagramm entsprechende Fußnote in Bunte Tuben, 2004, S.81: ” … Er schwebt: ‘Die Oden …‘ Unten zu / den Netz-Buchsen deute, worin / Dioden wesen. Buch zu. Netter / Wunsch. Deute: Interzone …” (ebd.)”

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Benedikt Ledebur

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Brigitta Falkner

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