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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER V , Niko Pirosmani



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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER V , Niko Pirosmani

 

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Rote_Beete_Pirosmani_copyright_Bernhard_Kathan

Tatarischer Obsthändler vor Regalen mit Früchten. Frau beim Melken. Zwei Georgier neben einem Marani, Wein trinkend. Familienkreis um eine gedeckte Tafel. Frau mit Bierglas. Kinderloser Millionär und arme Frau mit Kindern. Fürst mit einem Weinhorn. Aushängeschild: Ausschank und über die Straße. Aushängeschild: Bierstube Sakatala. Aushängeschild: Kaltes Bier. Aushängeschild: Tee - Bier. Stilleben mit Hühnchen, Spießen und Wein. Stilleben mit Fischen, Würsten, Spießen, einer Gans, einem Schwein und Früchten. Stilleben mit Melonen. Stilleben mit Fischen und Früchten. Weiße Kuh auf schwarzem Grund, Milch gebend. Schwarze Kuh auf weißem Grund, Milch gebend. Osterlamm mit Früchten. Lämmchen und Ostertisch mit fliegenden Engeln. Fiaker vor Gaststätte. Ein Räuber hat ein Pferd gestohlen. Frau mit Ostereiern. Weiblicher Markthygieneinspektor vor einem Stand mit Melonen und anderen Früchten, daneben ein Obsthändler. Koch, mit einem Fisch auf einer Kelle. Der Arbeiter Sosso, Pfeife rauchend. Sarkis füllt Wein in Krüge. Lastträger mit Weinschlauch. Lasträger mit Weinfass. Gelage. Tiflisser Händler bei einem Essen mit Grammophon. Vier zechende Städter. Familienpicknick. Gelage der fünf Fürsten. Gelage bei Gwimradse. Gelage mit dem Leierkastenmann Datiko Semel. Gelage in der Weinlaube. Im Walde zechende Städter. Gelage dreier Fürsten auf der Wiese. Fiaker und nächtliches Gelage. Gelage vor einem zweistöckigen Haus. Gelage zu Ostern. Eselsbrücke mit Tischgesellschaften. Gastmahl während der Weinlese. Kachetisches Epos, darunter drei Männer bei einem Gelage. Krzanissi, ein Gelage. Fest des hl. Georg in Bolnissi, Tischgesellschaften.

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Niko Pirosmani ( 1862 - 1918 ) : “Tatarischer Obsthändler vor Regalen mit Früchten” ( > Gallery @ Wkimedia Commons , @ Olga’s Gallery )

Der georgische Maler Niko Pirosmani - er schuf vor allem Wirtshausschilder - darbte sein ganzes Leben lang. Eines Tages fand man ihn in einem Kellerloch, nachdem er dort Tage ohne Nahrung gelegen hatte. Man brachte den Besinnungslosen in ein nahe gelegenes Krankenhaus, wo er am 7. April 1918 starb, ohne wieder zu Bewusstsein gekommen zu sein.

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Bernhard Kathan

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See also : Maud Ellmann : The Hunger Artists - Starving, Writing and Imprisonment ( czz )

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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER III , Paul Scheerbart



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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER III , Paul Scheebart

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Birne König Karl von Württemberg ad Scheebart

Geschäftig packen gehorsame Diener Wein- und Esskörbe aus. Das verbessert die Stimmung. Alle trinken schmunzelnd mit der Zunge schnalzend das eiskalte duftende Getränk. Alsdann werden Datteln und Bananen, Feigen und Kirschen, Äpfel und Mandeln, Weintrauben, Pfirsiche, Nüsse, Oliven, Erdbeeren und kleine ovale Honigkuchen in fein getriebenen Metallschalen herumgereicht. Wird die Köchin nicht bald eine neue Torte backen? - mit Zucker, Zitronen und - und frischen Kräutern oder so was weich Zerfließendes? Wenn Du mir einen Apfel schälen wolltest, würd’ ich Dir dankbar sein. Wenn jetzt ein Dichter Obstverse vortrüge, würd’ ich mich sehr freuen. Die Kirschen sind gut. Ich liege auf einer Wolldecke auf dem Rücken und betaste mit den Fingern das Holz auf seiner rechten Seite. Ich blicke zu den verblassenden Sternen hinauf und träume von meiner Köchin. Das Boot schaukelt so wohlig, und die Augenlider fallen mir zu. Ich taste im Traum überall umher. Bald fasse ich nach Sternen, bald nach Kochtöpfen. Im Traum wird mir befohlen, aller Menschen Nase zu befühlen. Ich atme sehr schwer, denn die Aufgabe dünkt mich nicht leicht. “Ausreden hast Du immer - daran fehlt es Dir nicht!” Bei diesen Worten hebt die Köchin schon wieder geschäftig einen Kochtopf vom Feuer runter, stellt ihn auf die Platte und holt mit einem Blechlöffel vorsichtig das Fleisch aus dem Topfe heraus. Das Feuer schlägt lodernd in den rußigen Schornstein empor. Ich greife nach ihrer Hand, die noch immer den Blechlöffel hält, berühre sehr demütig mit den Lippen die braunen Finger, um dann der Köchin den Mund mit einem Kuss zu schließen. Das weiße Leinenhemd, das den Oberkörper faltig umschließt, sieht auch sackartig aus. Ganz kurz sind die Ärmel des Hemdes, das so bläulich-weiß aussieht wie Kuhmilch, die verwässert wurde. Die kräftigen braunen Arme wirtschaften eifrig am Herde, ihr schwarzer Zopf fliegt bei jeder Bewegung bald nach rechts - bald nach links, ihre großen schwarzen Augen glänzen unter buschigen Brauen. Sie zeigt ihre weißen Zähne, schüttelt sich das schwarze strähnige Haar aus der niedrigen Stirn: “Was ist Dir denn wieder in die Krone gefahren?” “Ich habe Hunger.” Rechts die weiße Küchenwand, an der eine lange Reihe starker Messer mit prächtigen Griffen glänzend aufblitzt. Hartgesottene Steppeneier mit gelber Sonnentunke. Der Holzteller, auf dem die Eier ruhen, ist ganz neu und von einem ganz alten Beduinen am Rande geschnitzt. Auf dunkelblauem Porzellan sauren Waldsalat. Dann Bratfisch: Ich fühle mich so sehr wohl. Ein großes Wohlbehagen empfand ich soeben. Ich empfinde das jetzt noch. Kennst Du das auch? Es ist mir in meinem ganzen Körper so unbeschreiblich wohlig. Es überkommt mich so plötzlich eine ganz selige Stimmung. Ich denke Nichts, ich fühle nur. Mein ganzer Körper fühlt. Ob eine so allgemeine körperliche Gesamtempfindung nur eine Magenstimmung ist? Ich habe noch garnicht Lust zum Essen. Ich fühle mich so sehr wohl. Jetzt merke ich etwas über dem Magen - unter der Brust … Die Köchin pökert währenddem mit der Feuerzange in den glühenden Holzkohlen herum, rückt den Dreifuß zurecht, setzt eine Bratpfanne hinauf und schmilzt Fett darin. Sie legt sodann einen großen Windfisch ins Fett und bratet den Fisch. Gib mir Brot und den Salzbottel. Der Windfisch ist gebraten - ganz knusprig. Die große Köchin kostet ihn und sagt: “Hm!” Danach reicht sie mir Brot, Salz und Fisch und sagt: “Nun?” Ich streichle ihre Hand und will noch eine Zitrone. Der braun gebratene knusprige Windfisch liegt auf einem silberblanken Zinnteller. Mir ist, als wäre ich ein Riese und säße vor dem großen Meer - und mir kämen die einzelnen Fischteile wie wunderliche kleine Inseln vor. Verstehst Du nicht? Ich glaubte, kleine Inseln zu essen und das Meer brausen zu hören, in dem die Windfische herumspringen. Ich beiße in eine Olive hinein und umarme meine Köchin, küsse ihr die Stirn und die Augen, die Wangen und den Hals, die kleinen kalten Ohren und die heißen Lippen. Aus dem Garten weht ein starker Blumenduft in die Küche. Vom Feuer her riecht man jetzt das kochende Fleisch. Im rußigen Schornstein hängen geräucherte Lammrippen. Der rote Ziegelboden ist sauber gescheuert. Neben dem Herde steht noch der schmutzige Scheuereimer. Der Wein duftet nun noch schöner als das Fleisch im Kochtopf. Der Wein macht mich Dichter ganz tiefsinnig. Der Genuss lässt sich nicht wie ein Gummiband verlängern. Wir müssen immer wieder neue Reize suchen - sonst stumpfen wir ab. Selbst gebratenen Windfisch kann man nicht alle Tage essen. Ich blicke in eine tiefe Holzwanne, in der sich ein paar dicke Aale wild herumtummeln; sie winden sich durcheinander und hauen sich mit den Schwanzspitzen … Die Köchin rührt Teig, aus dem dunkle Kronenklöße gemacht werden. Ein paar dicke blutige Rindskeulen, die an kräftigen Eisenhaken vor der weißen Kalkwand hängen. Und nun noch die vielen Kiepen mit Pfirsichen, Birnen, Gurken, Waldbeeren und Kirschen. Am Fenster in einer Ecke liegen auch ein paar Dutzend Tauben - in einer Reihe - ihre toten Köpfchen hängen trübselig auf der Seite. Wie seltsam alle diese Küchengeräte auf mich einwirken. Ich erinnere mich heute fast an meine halbe Vergangenheit. Wenn ich aus einem alten, mir vertrauten Kochtopf esse - so empfinde ich die früher genossenen Speisen noch einmal auf der Zunge - nur so halb - aber sie würzen doch das neue Gericht. Mit solcher Wiederholung eines Genusses kann man wohl eine sehr verfeinerte verschärfte Empfindung erzielen. … Verschärfen lässt sich ein Genuss, aber nicht verlängern - das ist wichtig. … Zum Beispiel: eine Liebesstimmung soll man auch nicht länger machen wollen - als sie ist - sie ist auch kein Gummiband … Und dann darf man nie vergessen, dass man einen andauernden Glückszustand nicht in sich erzeugen kann. Und nun eine lange Küchenrechnung. Zuerst gibt’s Tigriskrebse in buttergelben Porzellanschüsseln. Wie die roten Schalen knacken und knistern! Und die Nachtigallen schlagen zuweilen ganz verständig dazwischen. Der zweite Gang ist saurer Aal in Panthertunke. Der Springbrunnen plätschert. Und die drei Mädchen überreichen jedem Gast einen Becher mit Wein. Und dann gibt’s indische Schnecken. Die Gesichter der Gäste glänzen. Man isst Antilopenschinken mit gefrorenem Wurzelsalat - und zwar nicht wenig. Kamelsgehirn gebacken. Nun kann ich mich nicht länger halten. Schildkröten gesotten. Gebratene Tauben. Wie die Knöchlein der Tauben knacken und knistern, wird mir so gereizt zu Mute. Süßigkeiten werden herumgereicht, Zuckergebäck, Kirschenpudding. Schlitzäugige chinesische Mädchen bringen heißen Tee in blau bemalten Porzellanschalen herbei. Wie die Mädchen verstummen, wird in goldenen Gefäßen seltenes kostbares Zuckergebäck herumgereicht. Und darauf gibt’s Fleisch in würfelförmig geschnittenen Stücken - teils gebraten - teils gekocht - Hammel, Rind und Hühner … aber viele viele Pfunde. Man isst mit dem Dolch. Und man trinkt dazu den Wein in großen Zügen - ein Morgenfest soll immer in großen Zügen gefeiert werden. Ein paar tausend Sklaven bedienen. Die Zahl der Gerichte ist nicht zu zählen. Tausend und aber tausend bunte Papierampeln glühen und brennen zwischen den Blumen - durch das Grün der Bäume. Wie Diamanten glühen und brennen die Ampeln - wie Rubine, Saphire, Smaragde. Blumenmädchen - ganz mit bunten Blütenketten umhüllt - wandeln langsam hinter einander mit knisternden Pechfackeln in wohlberechneten Kurven über den Kies der Gartenwege. Und im Hintergrunde flackern riesige Flammen empor - rote und grüne - bengalische Flammen. Und neben den Springbrunnen puffen von Zeit zu Zeit mächtige Pulverhaufen in die Luft - die Pulverflammen schlagen blitzschnell - unheimlich - wie Geisterfäuste - in den dunklen Sternenhimmel hinein. Und morgens dann frische Fische aus dem Tigris. Und wenn ich betrunken und ohne Dolch nach Hause komm, wird die Köchin nicht müde, auf mich loszuhacken, mir einen Topf mit Milch an den Kopf zu werfen, dass mir die weiße Milch übers Gesicht rinnt. Als reichte das nicht, schreit sie wie verrückt und haut mir mit einem Schrubber auf den Kopf. Ich packe sie an die Gurgel. Aber ach! - in dieser wüsten Nacht bin ich schwächer als die Köchin. Sie verprügelt mich und wirft mich durchs Fenster in den Garten. Töpfe, Flaschen, Kruken, Holzstücke, Gläser, Eimer voll Wasser - und alte Fleischstücke - greulich! - alles Dieses fliegt mir an den Schädel. Derweil liegen Frauen in prächtigen bunten Seidengewändern auf den Teppichen und langweilen sich. Eine Perserin spielt eintönig auf einem langen Saiteninstrument, das mit blitzenden Diamanten verziert ist. Eine kleine Ägypterin schlägt dazu ein paar glockenförmige Zymbeln von Zeit zu Zeit leise an einander. Doch nach dem Bade werde ich von den Sklaven mit wohlriechenden Ölen gesalbt. Die Köchin zerschneidet vorne eine große Nusstorte und kümmert sich nicht um die Gesellschaft. Die Blumen duften paradiesisch und goldene Äpfel fallen mir auf die Nase. Der Himmel wird ganz dunkelblau. Ein paar Sterne fallen aus dem dunkelblauen Himmel - auch herunter in den Garten, in dem die Blumen leuchten und duften wie im Paradies. Ein Duft von gebratenen Hasen weht mir aus dem Fenster entgegen. Die Köchin bringt die Nusstorte und wird mit einem Höllenlärm empfangen. Es gibt Fleischpasteten und kalten Bratfisch, Pfirsiche, Oliven und Weintrauben, afrikanische Schotentorte und Marzipan. Ich liege unter Oleanderbäumen, starre in den Vollmond und träume von tiefer Einsamkeit, von einem Weibe, das nirgendwo lebt, das ich mir nur denke, von einer andern Welt, in der’s andre Frauen gibt als hier auf der Erde. Ich will einsam leben, ganz einsam, ganz allein, auf Alles verzichten und nur allein sein. Alle meine Freunde kränken mich nur. Ich bin es müde, mit ihnen zu spaßen. Ich will sie nicht mehr sehen.

Essphantasien des darbenden Paul Scheerbart ( 1863 - 1915 ). So man es glauben will, starb er am 15. Oktober 1915 an Entkräftung, nachdem er aus Protest gegen den Krieg jede Nahrungsaufnahme verweigert hat. Sicher ist, dass Scheerbart oft nicht wusste, wovon er in den nächsten Tagen leben sollte.

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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER II , Daniil Charms



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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER II , Daniil Charms

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Bernhard Kathan_Obstsorten_02_ad Charms

1. Tue jeden Tag etwas Nützliches. / Man druckt mich nicht mehr. Man zahlt mir das Geld nicht aus und begründet das mit irgendwelchen zufälligen Verzögerungen. Ich fühle, es geht etwas Geheimes, Böses vor. Wir haben nichts zu essen. Wir hungern fürchterlich. Ich weiß, dass mein Ende gekommen ist. / 2. Stehe spätestens um 12 Uhr auf, außer in extremen Fällen. / Schwäche, Hunger und belegte Zunge, der ewige Drang zur Nahrungsausscheidung und die schmiegsamen Säfte zärtlicher Mädchen sind schreckliche Störungen. / 3. Wenn du aufgewacht bist, stehe sofort auf, ergib dich nicht in morgendliche Betrachtungen und auch nicht dem Wunsch zu rauchen. / Mich interessiert nur der “Quatsch”; nur das, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung. Heroismus, Pathos, Schicksal, Moral, hygienisch Reines, Sittlichkeit und Glücksspiel - sind mir verhasste Wörter und Gefühle. Dagegen begreife und achte ich zutiefst: Entzücken und Begeisterung, Inspiration und Verzweiflung, Leidenschaft und Beherrschung, Laster und Keuschheit, Kummer und Leid, Freude und Lachen. / 4. Treib jeden Morgen und jeden Abend Gymnastik und reibe dich danach trocken. / Ich will nicht länger leben. Ich brauche nichts mehr. Hoffnungen habe ich keine mehr. Ich brauche Gott um nichts zu bitten, was Er mir auch schickt, soll geschehen: ist es Tod, dann Tod, ist es Leben, dann Leben, - alles, was Gott mir schickt. In Deine Hände, Jesus Christus, lege ich meinen Geist. Behüte und bewahre mich und schenke mir das ewige Leben. Amen. / 5) Täglich mindestens 10 Gedichtzeilen schreiben. / So beginnt der Hunger: Morgens erwachst du frisch und munter, dann beginnt die Schwäche, dann beginnt die Langeweile; dann kommt der Verlust der raschen Verstandes Kraft, - dann kommt die Ruhe. Und dann beginnt das Entsetzen. / 6). Mindestens eine Seite Prosa im Heft schreiben. / Mein Gott, was für ein entsetzliches Leben, und ich in was für einem entsetzlichen Zustand. Ich kann nichts tun. Dauernd will ich schlafen, wie Oblomov. Keine Hoffnung. Heute haben wir das letzte Mal gegessen, Marina ist krank, sie hat beständig Temperatur von 37-37,5°. Ich habe keine Energie. / 7). Etwas über Religion oder Gott lesen, oder die Wege hinzugelangen, mindestens drei Seiten. Über das Gelesene nachdenken. / Verweigern Sie ihm bitte das Vergnügen auf der Bank zu sitzen, auf der Bank zu sitzen, auf der Bank zu sitzen … Verweigern Sie ihm bitte das Vergnügen auf der Bank zu sitzen und an Essen zu denken, auf der Bank zu sitzen und an Essen zu denken, vor allem an Fleisch, an Vodka, an Bier, an eine mollige Jüdin. / 8) Zeitungen lesen. / Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er durchsichtiger Freund. Da ist er der Tag des Leidens. Kein Essen, kein Essen, kein Essen. Ich will essen. Oh oh oh! Ich will essen. Ich will essen. Das ist mein Wort. Ich will meine Frau ernähren. Ich will meine Frau ernähren. Wir hungern sehr. Ach wieviele schöne Sachen gibt es! Ach wieviele schöne Sachen gibt es! / 9) Jeden Tag die Anzahl der umsonst verbrachten Stunden notieren. / Ich staune über die menschlichen Kräfte! Heute ist schon der 12. Januar 1938. Unsere Lage ist noch um vieles schlimmer, aber wir schleppen uns immer noch weiter. Mein Gott, schick uns nur bald den Tod. / 10) Wenn du allein bist, beschäftige dich mit einer klar umrissenen Arbeit. / Unsere Lage hat sich weiter verschlimmert. Ich weiß nicht, was wir heute essen werden. Und was wir weiter essen werden, weiß ich ganz und gar nicht. Wir hungern. / 11) Verringere die Zahl derer, die bei dir übernachten, und nächtige selbst vor allem zu Hause. / Die Tage meines Untergangs sind gekommen. Habe gestern Andreev gesprochen. Ein sehr schlechtes Gespräch. Keine Hoffnungen. Wir hungern, Marina wird immer schwächer, und mir tut außerdem wie wahnsinnig ein Zahn weh. Wir gehen zugrunde - Gott, hilf! /12) Nicht später als 2 Uhr nachts ins Bett gehen (Licht aus). / Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, lass mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.

Daniil Charms (1905 - 1942) : Tue jeden Tag etwas Nützliches.
Daniil Charms, Autor zumeist grotesker und absurder Kurzgeschichten, Theaterstücke und Gedichte . Er starb am 2.2.1942 während der Leningrader Blockade in der Gefängnispsychiatrie an Unterernährung.

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Salon Littéraire | Bernhard Kathan : HUNGERKÜNSTLER I , Nikolaj Gogol



 

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Salon Littéraire | Bernhard Kathan :

HUNGERKÜNSTLER I , Nikolaj Gogol

VORBEMERKUNG. Nikolaj Gogol starb 1852 zu Beginn der Fastenzeit an den Folgen seines Hungerns, César Vallejo am Karfreitag des Jahres 1938 an Unterernährung. An selbst auferlegtem oder aufgezwungenem Hungern starben Simone Weil, Paul Scheerbart, Daniil Charms und andere. Es gibt keinen Grund, das Leben von Menschen, die sich zu Tode gehungert haben, zu verklären. Aber angesichts des heutigen Kunst- und Kulturbetriebes, in dem sich Kunst und Werbung wechselseitig durchdringen, sich oft genug das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden lässt, lohnt sich die Beschäftigung mit Künstlern und Schriftstellern, die verhungert, wenn man so will, gescheitert sind, die sich alles andere als marktkonform verhielten, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder daran zugrunde zu gehen. Mir scheint dies Grund genug, mich mit solchen Schriftstellern und Künstlern zu befassen. Es wird sich eine seltsame Gesellschaft bilden. Überraschend: Nicht die humorloseste. ( Bernhard Kathan ) |||

Obstsorten 01

NIKOLAJ GOGOL. Eine Kohlsuppe mit Pastete aus Blätterteig, die man in Gasthöfen für die Durchreisenden wochenlang aufzuheben pflegt, Hirn mit jungen Erbsen, Würstchen mit Kraut, eine gebratene Poularde, eine Salzgurke und der obligate Blätterteigkuchen, aufgewärmt und kalt, eine Portion kalten Kalbsbraten, eine Flasche Kwas, eine einfache Kohlsuppe, die von Herzen kommt, eine Pastete aus Eierteig gebacken, Pilze, Pastetchen, Pfannkuchen und Fladen mit allerlei Zutaten, mit Zwiebeln, mit Mohn, mit Quark, mit Stinten und weiß Gott mit was sonst noch allem, eine Pastete aus Eierteig, Austern, Seespinnen und andere Meerwunder, ein Spanferkel, eine Scheibe Stör oder irgendeine Bratwurst mit Zwiebel, eine kochend heiße Sterlettsuppe mit Aalen und Fischmilch, Pasteten mit Schwanzstücken vom Wels, ein Spanferkel mit Meerrettich und saurer Sahne, ein Huhn, einen Kalbsbraten, Hammelleber, gedörrten Stör als Vorspeise, Ebereschenschnaps, so mild wie Rahm, aber nach gemeinstem Fusel schmeckend, Tee neben einer Flasche Rum, Brotkrumen, kleine Vorspeisen, je ein Glas Schnaps, zum Schnaps einige gesalzene und andere appetitanregende Gottesgaben, eine Kohlsuppe, ein Riesenstück von der bekannten “Njanja”, eine Kohlsuppe, die mit Buchweizengrütze, Hirn und Füßchen gefülltem Hammelmagen gereicht wird, Schweinekoteletts und gekochte Fische, einen Kater, das Fell abgezogen und als Hasen aufgetragen, was in den Mülleimer gehört, landet in der Suppe, Hammel, eine Hammellende mit Brei, kein Frikassee, wie es in den Herrschaftsküchen aus dem Hammelfleisch gemacht wird, das vier Tage auf dem Markt herumgelegen hat, Schweinebraten, Hammelbraten, den ganzen Hammel, Gänsebraten, eine ganze Gans, Käseküchlein, jedes größer als der Teller, ein Truthahn von der Größe eines Kalbes, mit allerlei guten Dingen gefüllt, mit Reis, Eiern, Leber und Gott weiß was sonst, Tellerchen mit Eingemachtem, Birkhühner oder Wildenten zu Mittag, zuweilen auch nur Sperlingseier, aus denen sich eine Eierspeise machen lässt, verschimmelter Zwieback vom Stollen, den Alexandra Stepanowna mitgebracht hat (den Schimmel mit einem Messer abkratzen), Weißlachs, Störe, Salm, Preßkaviar, Malossolkaviar, Heringe, geräucherte Fische, Käse aller Sorten, geräucherte Zungen und Störrücken, eine Pastete mit den Knorpeln und dem Kopf eines neun Pud schweren Störes, eine andere Pastete mit Schwämmen, ferner Butterbrezeln, Pastetchen und Quarkkuchen, ein etwas abseits liegender Stör, ein dunkler, olivgelber Schnaps, von der Farbe, wie sie nur bei gewissen sibirischen Halbedelsteinen vorkommt, winzige gedörrte Fischchen, den ganzen Rückenteil eines am Spieß gebratenen Kalbes mit den Nieren, eine Pastete mit vier Ecken, in der einen Ecke Backen eines Störs und Hausensehnen, in der anderen Buchweizengrütze mit Schwämmen, Zwiebeln, süßer Fischmilch, Hirn und ähnlichen Sachen, die eine Seite schön braun, die andere Seite heller, durchgebacken, ganz durchgeschmort, dass sie nicht auseinanderfällt, sondern im Mund wie Schnee zergeht, ohne dass man es merkt, als Beilage zum Stör Sternchen aus roten Rüben, Stinte, Pfefferschwämme, dann noch junge Rüben, Möhren, Bohnen und noch so was, überhaupt recht viel Garnierung, im Schweinsmagen ein Stück Eis, damit er ordentlich aufquillt, eine Suppe aus frischem Grünzeug und den ersten Kräutern des Frühjahrs bereitet …

In den Toten Seelen wird viel gegessen. Doch dann ein Brief, in dem Gogol schreibt, lieber hungers sterben, als ein unüberlegtes, unüberarbeitetes Werk publizieren. Und dann zu Beginn der Fastenzeit ein letzter Brief an die Mutter mit der dringenden Bitte, sie möge doch alles tun, um ihre kostbare Gesundheit zu bewahren, sich einer Kräuterkur unterziehen, “natürlich unter Maßhalten in der Ernährung und Beachtung einer Diät.” Kurz darauf, am 21. Februar 1852, starb Gogol an den Folgen seines Hungerns.

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Bernhard Kathan

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