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Salon Littéraire | Gundi Feyrer : 8 Künstlerfiguren en miniature - eine Ausstellung



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Salon Littéraire | Gundi Feyrer :

8 Künstlerfiguren en miniature - eine Ausstellung

( Keramik , bemalt )

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1 - MARKUS VALLAZZA ALS BEISPIELSWEISE DON QUIJOTE MIT GRAVIERNADEL; AUF DEM WELTEI BALANCIEREND
Höhe: 23 cm

Gestreift steht die Figur, halb und halb gehalten, eingesunken und selber haltend, in der sichtbaren Hälfte des torkelnden Welteis.figur_MARKUS_VALLAZZA_copyright_Gundi_Feyrer

Die Platte des Horizonts,
Abfluss der grünen Flüsse
und unerreichbar,
geht mitten durch
das Weltei hindurch
und lässt dessen andere Hälfte
im Dunkeln.

Die Figur ist jedoch
im Ei eingesunken
und wird so auch von
dunklem, unsichtbarem
Getorkel beeinflusst.

Und torkelt selbst, wird aber von ihren zu welteilichtem Gewicht gewordenen eigenen Füssen
sowie von Graviernadel, Pinsel und Bleistift am Nichtumfallen gehalten.

Ohne Welteilicht und Horizontgarten wäre alles zerschellt.

Die Markus-Vallazza-Figur ist der ständig wachsende Auswuchs des Welteis,
kalt auf und in Luft hinaufgewachsen, heiss und bunt in sie hinuntergewachsen,

figur_MARKUS_VALLAZZA_copyright_Gundi_Feyrerdabei immer grösser geworden
und von sich selbst,
dem weissalten Eisen
aus Welt und grünen Flüssen
(einzig Reales)
auf seinen Wegen gehalten,
die, zusammen
mit dem Gewicht seiner Füsse
nichts anderes
als das Weltei selber tun:
fliessen und torkeln.

Trapezkünstler, Seiltänzer und Geher, der mit dem Beil des Zeichnens Pfeile in die Luft schiesst.

ODER: die grünen Flüsse des Welteis küssen ihm die dauernd versinkenden Füsse.

VIER UND FÜNFRAD:

figur_MARKUS_VALLAZZA_copyright_Gundi_FeyrerWeich rollt alles weiter,
reich tollt die Weite weiter,
alles wird von der Drehung
unserer Wege gehalten,
aufgepickt,
mitgenommen
und entführt
und in
buchstäblicher Weite
hin- und hergerollt:

Als hätte niemand auf der Welt auch nur irgendeinen Halt
nirgendwo.

Markus Vallazza - Zeichner, Radierer, Maler.
Geboren in Bozen, lebt in Wien und Bozen.

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2 - KARIN HOCHSTATTER - IM SCHWEBEN IHRER ARBEIT ; MIT GEPARDENKOPF
Höhe: 22 cm

Jedes Nichts ist flach, weil wir weder Flächen noch das Nichts denken können.

figur_KARIN_HOCHSTATTER_copyright_Gundi_FeyrerJede Fläche dehnt sich im Raum
nach allen Seiten hin aus,
jeder Punkt besteht aus etwas.

Limitiert, begrenzt vom sich ausdehnenden Draht
unserer Gedanken,
versuchen wir ständig,
uns daran festzuhalten (Materie)
und zu trösten.

figur_KARIN_HOCHSTATTER_copyright_Gundi_FeyrerDarüber,
dass wir nichts tun als uns nach den Kreisen
in unserem Kopf zu drehen und zu tanzen.

Die Figur wird definiert vom ständigen Wunsch,
jegliches Volumen in undenkbare Flächen
(undenkbar flach) umzuwandeln;
gestützt von der Hand
ihrer zu Draht gewordenen
Ausmasse.

Die Platte, auf der alles ruht, ist selbst flackerndes Licht, das, an der Hand verbogener und barocker Treppengeländer einmal springt und uns ein anderes Mal weiterführt, indem sie uns an- oder absteigen lässt, ohne unsere Hand jedoch aus den Augen zu verlieren.

Alles dehnt sich immer aus und ein; Geländer, Treppen und Balkone prallen punktförmig und dauernd gegeneinander und besetzen uns mit Schnelligkeit.

figur_KARIN_HOCHSTATTER_copyright_Gundi_Feyrer

Ausgefällt
in Ton,
Höhe,
Bild und Thron,
sitzt die Figur,
frei vom Anspruch
auf voluminösen Halt
(+ ihn doch besitzend),
im Reich der Gedanken,
welches versucht,
das Unmöglich-Denkbare ins Aussen zu schleudern, um es greifbar zu machen.

Was aber
greifen
wir ?

Stromkreise werden geschlossen, Flüsse geöffnet und Funken sprühen -
nichts bleibt, ausser dem, was wir zu sehen imstande sind.

ODER: Sichtbarkeit im Hals der einzigen Hoffnung, die uns bleibt,
wenn uns die Welt im Fliegen voluminös durcheilt.

Karin Hochstatter - Bildhauerin, lebt und arbeitet in Köln.

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3 - RODRIGO LLOPIS - FILMER ALS INDIANER MIT BESONDERER LEITERKAPAZITÄT FÜR WASSER, LUFT UND SCHAUM
Höhe: 12 cm

Augenfahrzeug aus Gedanken verstrebt unendliches Bilderheer
mit Säulen leuchtender Geschwindigkeitssäbel.

figur_RODRIGO_LLOPIS_copyright_Gundi_Feyrer

Bilder
werden
eines
nach
dem
andern
abgestochen,
um sie
ins Konkrete
zu zwingen.

Altes Schwarz, neues Weiss, auch das heisst Grau.

Körper und Bögen aus gezacktem Sessel, Gefährt, das im Wasser des Sehens treibt.
Und darüber hinaus, über die Wellen eigener Sicht hinaus.

An den Horizont getriebener Verstand, zu Leinen verflochten, an die Wand geschleudert.
figur_RODRIGO_LLOPIS_copyright_Gundi_Feyrer

Sessel aus Auf -
alte Bilder zerreissen -
Sessel aus Ab -
Wind einflechten,
um die Maschen
des Segels
unseres Verstehens
mit frischer Luft
zu füllen.

Zusammengeflickte Bilder treiben lose herum und heben den Wunsch, das von uns
unabhängige Licht in Bilder zu sperren, in die Höhe, um ihn zu schütteln.

ODER: Ewigkeiten werden vom Segel der Gedankenaugen weitergetrieben
und legen Hand an den Strom immer wilderer Bilder, um sie am Ende in die Luft zu sprengen.

figur_RODRIGO_LLOPIS_copyright_Gundi_Feyrer

Unsere Füsse
stehen auf der Sonne,
wenn es Nacht ist,
unsere Sonnen
stehen auf dem Kopf,
wenn wir etwas sehen.

Gedanken grasen Augenfelder ab,
fressen mal hier, mal da,
um schlussendlich
alles wieder auszuspucken.

Während alle das Gewicht, das die Wasser gewöhnlicher Sicht zerdrückt, suchen:
wahrhaft Schuldiger
ist hier
das Auge,
selbst.

Rodrigo Llopis - Dokumentarfilmer und Drehbuchautor.
Geboren in Madrid, lebt derzeit in Córdoba.

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4 - BARBARA WIEN - ANZIEHUNGSKRAFT DES HIMMELS MIT EINEM BUCH BESCHWERT UND - GELÖST
Höhe: 22 cm

figur_BARBARA_WIEN_copyright_Gundi_FeyrerSchwere Kraft und krause Waben aus Erde,
leicht und flüssig fortbewegte Bahn
aus kreiselndem und flachem Himmelsgewölbe.

Die Erde ist Honig, ist zäh wabernder Magnet,
der ständig an uns klebt und uns an sich bindet,
während wir, wenn wir
in den Himmel sehen,
nur ins Freie fallen möchten.

figur_BARBARA_WIEN_copyright_Gundi_Feyrer

Oder: der Himmel zieht uns weniger kraftvoll als die Erde an.
Deshalb zieht er unsere Gedanken mehr an als unsere Körper,
die aber letztlich auch nicht viel mehr als klebriges Licht sind.

Die Figur B.W. steht auf dem Kopf, weil ihre Füsse im Himmelsgewölbe baumeln
und damit in der Materie Buch stehen, deren Inhalt sich mehr dem Licht
als der eigenen Materie widmet, sodass es kein Halten mehr gibt,
wenn das Innere der Sterne, zu Pirouetten verdreht, unsere Gedanken verschmilzt,
damit sie leuchtend im Himmel untergehn.

figur_BARBARA_WIEN_copyright_Gundi_FeyrerOder: immer geht es nur darum,
wie das Leben am besten
zu verschwenden sei:
unser Körper ist nichts
als sich um sich selbst
drehendes Honiglicht.

Die Figur B.W. steht kopf,
weil ihre Füsse geschützt
im flachen Dach
eines Buchhimmels baumeln,
dessen Inhalt in uns
den Wunsch
nach dem Freiem Fall
zum Leuchten bringt.

Insofern steht sie schon richtig.
Materie ist nichts
als zäh gedachter
und flüssiger Gedankenhonig.

HINWEIS: auch hier ist die Rolle des aufmerksamen Betrachters zu spielen.

ODER: Alles, was uns stützt, sind Namen.

Barbara Wien - Verlegerin und Galeristin. Barbara Wien Galerie, Berlin

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5 - ROSA POCK IM CAFÉ HUMMEL
Höhe: 18 cm

Als einzige Figur sitzt sie nicht auf einer Platte, Insel, einem Untersatz, der das Obere, die Figur als voluminöser Name, ästhetisch abgrenzen würde, sie durch einen imaginären Raum vor der Umgebung auf irgendeine Weise schützen würde.

figur_ROSA_POCK_copyright_Gundi_FeyrerStünde sie
in einem Museum/ Kunstraum,
würde sie zu einem Kunstobjekt
in einem Kontext,
dem sie
keinen Widerstand
leisten würde.

Stünde sie
in einer
Küche,
wäre sie
bald mit

Petersilie, Basilikum oder Lorbeer geschmückt.

Sie kann, da sie ästhetisch keiner besonderen ideologischen Zuordnung gehorcht,
nach überallhin transportiert werden, einfach in die Hand genommen und versetzt werden,
da sie sich zwar einen eigenen Raum um sich herum schafft,
jedoch keine unsichtbaren und dennoch denk- und fühlbaren - und somit festen - Wände.

Die Figur ist ein offenes Haus, ihr eigenes Denk- und Wahrnehmungszentrum:
Zentrum und Schale in Einem.

figur_ROSA_POCK_copyright_Gundi_FeyrerDie Haltung der Figur
ist die eines Herrschers,
der sein Gebiet aufbreitet,
es zur Verfügung stellt,
zur Umgebung hin öffnet.

Die Grenzen dieses Gebiets
sind nicht klar definiert
(das Fehlen des
Untersatzes, der Platte),
erlauben somit Überschreitungen,
hängen von der Umgebung ab
(die Figur ist kompakt,
bricht nicht leicht,
kann leicht transportiert werden):
sind fliessend.

Die souveräne Haltung
deutet auf Herrschercharakter,
während sie sich andererseits
wegen des Mangels an
abstraktem Geschmücktsein
und mitgeliefertem Kontext (Platte)
in jede Umgebung
real und problemlos einfügt,
da sie nur als Figur/Name sowie immens verkleinertes und schlechtes Abbild
(Schuld des Bildhauers) von Rosa Pock existiert:

nackt und ungeschützt, was ideologisch-ästhetische Beheimatungen betrifft.

Sie wird hier ohne einen Kontext aufstellenden Raum präsentiert, um zu behaupten, dass jeder Raum, in dem sie aufgestellt wird, von solcher Nacktheit und Ungeschütztheit angesteckt wird, damit auf Grund stösst, also da, wo aufgesetzte und nur halbgelebte Inszenierungen durch Präsenz und Direktheit blossgestellt werden, sich die Idee der Freiheit im Denken Platz schaffen kann.

Die sie begleitenden Teile, eine Sitzbank für zwei,
ein dem Originaltisch des Kaffeehauses Hummel

figur_ROSA_POCK_copyright_Gundi_Feyrer(schlecht) nachgebildeten Kaffehaustisches
samt Zuckerstreuer, Zigarettenschachtel und Papier
(einzig abstraktes Zubehör),
sind alle lose und voneinander unabhängig,
in alle Winde verstreut.

Sitzbank und Tisch, um die Füsse abzustellen,
können auch für sich stehen.
Die Figur selbst kann auch allein
und ganz woanders für sich sitzen.

In einem Haufen Bücher oder auf irgendeiner Treppe.
Etwas Anlehnung braucht sie jedoch.

ODER: Uns umgibt ein gewaltiges, strukturiertes Gefüge physikalischer Objekte und Effekte (Wirbel unsichtbarer, kreisförmiger Linien um den Magneten herum).

Rosa Pock - Schriftstellerin. Lebt und arbeitet in Wien.

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6 - INADAEQUAT AVATAR - czz
Höhe: 23 cm

Portrait eines Tuns, und der sich ständig verändernden und sich ausdehnenden Ergebnisse eines Tuns, in dessen Mitte sowie dahinter die dieses Tun Tuende steckt.

Sie steckt dort nicht wiedererkennbar erkennbar dahinter
als czz genauso wie oben auf der Kommandobrücke als Kapitän
und direkt am richtungsgebenden Vorne als Galionsfigur ihres
mit hilfe des Maschinenwerkmeisters KP gebauten Küstenfahrzeugs,
mit dem sie alle noch so fernen Buchstaben- und Bilderweltmeere befährt
und unermüdlich nach neuen und frischen Exemplaren Ausschau hält.

figur_INADAEQUAT_AVATAR_copyright_Gundi_Feyrer

Die Fischermütze
auf dem
gedanken-
blauen und
tinten-
dunklen
Kopf erklärt,
dass sie
ein Jäger ist,
der an der
Hand von
Stromkabeln,
Gedanken-
Licht- Ge-
Schwindig-
keit,
Bilder-
Schmuck-
Frequenz
sowie
Klangweisen
misst,
um zu
sehen,
ob sie
in das
von ihr
ver-
schlüsselte
und
glänzende
Netz ihrer
zielsicheren
Suche
passen.

Einmal dazu entschlossen, diese oder jene Art von Tintenfisch oder Meeresbucht anzuheuern und einzufangen, werden jene mit Begeisterung sofort in ihr Logbuch aufgenommen, danach von Mond, Sonne und Sternschnuppen abgelichtet, um schliesslich auf der von ihr genauso selbst erstellten Logarithmentafel, auf der alle Möglichkeiten der Potenzierung zahlreicher und faul herumtreibender Sinnraubfische chiffriert enthalten sind, eingraviert zu werden (gelegentlich auch in der Art der Holzfäller, mit der Axt ihrer Entscheidung dort einzurammen), und schliesslich registriert (manchmal werden sogar ganze Atolle als 1:1 Landkarten dort ausgelegt).

figur_INADAEQUAT_AVATAR_copyright_Gundi_FeyrerAnschliessend wirft sie jede Beute
sofort wieder zurück
in jedwedes Weltbuchstabenmeer,
damit sich jene
kurz gefangengenommenen
und gegen jede Erwartung
lebendig gebliebenen Exemplare
wieder ins Getümmel der anderen Weltbucht- und Buchstabenmeerbewohner werfen können,

figur_INADAEQUAT_AVATAR_copyright_Gundi_Feyrer

sich dort von ihrem Lichtschreck
erholen und erfrischen,
um dank dieser durch czz
getätigten und unendlich vielen Würfe
die nicht unbedingt konstante
Weltgedankenlichtgeschwindigkeit
wieder gemeinsam
auf frischen Buchstabenvordermann
zu bringen.

So befreit von jeder Beute
und gleichzeitig so
jede Beute von sich befreiend,
segelt czz stetig mit neuem Wind voran,
beflügelt und durchströmt
von Wind, Gewitter und
sämtlichen Weltgedankenstromkreisen,
welche das Segel ihres Tuns stetig vorantreiben,
auf der Suche nach immer neuen,
unentdeckten und sauerstoffreichen Zielen.

ODER: Licht ist ein Kollektiv, das weder Anfang noch Ende hat
und sogar dann zu sehen ist, wenn es dunkel ist.

czz - Editor in|ad|ae|qu|at

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7 - LIESL UJVARY - PERPETUUM MOBILE
Höhe: 20 cm

Die Figur sitzt auf einem Bürofahrradgestühl mit grün vergrössertem Reitsattel, der in roten Rücken verdrehenden und seidig schwankenden, haarigen Grasröhren (Lilien) endet, die eine pflanzliche Rückenlehne bilden (auch umgekehrt als Handwirk- oder Cowboystuhl verwendbar).

figur_LIESL_UJVARY_copyright_Gundi_Feyrer

Das Sitzrohr des Arbeitsrads
ist zum Bürostrumpfbein/ Fuss
geworden,
dessen Fusskreuz
auf 5 Nussbaumarmen steht,
von denen zwei
zum Schaffenstriebrahmen
hochgeklappt wurden,
um die Richtung der
Inspirationsschlenker
vor einem Ausscheren
zu bewahren.

Die Mandelbaumzweigarme
haben weder Lasträder
noch Schuhrollen,
da das Weiterkommen
allein vom Rad übernommen
werden muss -

die verbleibenden 3 nicht existierenden Rutsch- oder Scharr-Bodenrollen würden nur die Fahrtrichtung durcheinander bringen und so jedes eifrige Rennen unmöglich machen.

Die Figur wird mittels eines Kabels an der Mitte des Schöpf-(ungs)rads an- und ausgesteckt. Der Strom wird von der Drehung des Rads erzeugt und über ein drahtiges Kabel weitergeleitet.

figur_LIESL_UJVARY_copyright_Gundi_Feyrer

Grün verbrämt
läuft es neben
der Körperröhre
vorbei und
färbt sich
nach einigen
Irrwegen
mal so , mal anders
(die aleatorisch
auftretenden Farbreste /
Kabelzungen
und
Arbeits-
Störungen
werden

durch unkontrollierbare und noch unbekannte Spannungen erzeugt und sind zähneknirschend zu tolerieren), da sich die äusseren Kreise sowie die im Kopfinnern der Figur, chaotische Schleifen ziehend, exstatisch zu Brotkantensprüngen, Pedalkurven und animalischen Schiesspulvergeschwindigkeiten steigern, sodass singende Blätter insektenförmige Liederkränze bevölkern und japanische Stierkampfarenas russische Sprachkühe reparieren, etc.

Kurzzeitig ermattet, verdichten sie sich in der rechten Hand zu einer weiss-rotglühenden Kamera, die die sie selbst bildenden Kabel und Blumen blasenden Musikstücke abfotografiert, um sofort und wie magisch von der linken Hand angezogen, ein weisses, bipolares Kometenfeld zu durchlaufen (zwei Hände - zwei entgegengesetzte Pole), mutig die linke Hand zu durchrasen, um in einer lärmenden Seemannsgarnrolle (Zufallsknäuel, Sonnenspule, Windböenstrauss) schnellhellgelb zu enden.

figur_LIESL_UJVARY_copyright_Gundi_Feyrer

Dies alles raubt der
schaffenden Figur L.U.
zwar den Atem,
ist aber nicht das Ende.

Im Gegenteil.

In diesem
knallenden
Knäuelende
steckt
- wie in
der Drehung
des Büro-
Fahr-
Stuhl-
Rads -
ein jeder
immerneue
Anfang.

Der
schwirrende
Eindruck,
den die
wurm-
linien-
förmige
Bemalung
der Platte
auf das Auge
macht, ruft
schreiend die Idee der Bewegung im Betrachter auf.

Acrylenergie wird in brausendes & schwirrendes Federgewicht umgewandelt.

Die Sturmquelle, fälschlich still ruhender Plattenbemalung zugeordnet, speist sich aus unendlich grosser Täuschungsenergie und wird vom Betrachter unbedacht auf das Kabelknäuel übertragen, womit automatisch die Stromübertragung hergestellt ist, d.h., real Sturmstrom weitergeleitet wird.

Die wahre Bewegung steckt im augenfällig stillstehenden Rad (es kann sich tatsächlich bewegen), die unwahre in der Platte, aber, da der Betrachter, optisch getäuscht und geohrfeigt, sie allzu freudig in fliessenden Augenhonig sowie denkende Eulen verwandelt, muss sie hier als realer und wahrer Springfluss angenommen werden.

Sobald also die Kabelrolle die Platte auch nur berührt, wird der unwahr-wahre Plattenstrom in die Kabelrolle geleitet: der Kreis schliesst sich.

AXIOM (klassisch): Die Wege des Schöpfers - hier Liesl Ujvary - versetzen zwar das Rad in Bewegung, bringen es in Schwung und werden vom selbsterzeugten Strom selbst wieder in Schwung gebracht, wären aber ohne den Betrachter, der den Stromkreis dank seiner Lust an der Illusion schliesst, bald am Ende.

So jedoch läuft die Maschine endlos, lustvoll, eifrig und ewiglich auf Hochtouren weiter.

Liesl Ujvary - geboren 1939 in Bratislava, Slovakei,
lebt als Schriftstellerin in Wien. Texte, Bilder, Musik.

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8 - GUNDI FEYRER - SELBSTPORTRAIT MIT ACHTBEINIGEM TISCH
Höhe: 13 cm

Hier singen Stuhl, Figur und Tisch gemeinsam und ineinander verschmolzen,
wie holziges Pech in schwefligem Chor:

figur_GUNDI_FEYRER_SELBSTPORTRAIT_copyright_Gundi_Feyrer Jeder Part ist durch irrsinnige Instabilität charakterisiert, sodass der an sich achtbeinige Tisch real nur auf zweien fusst, während die restliche Tischbeine in der Luft hängen und, da nur Menschen auf zwei Beinen längere Zeit stehen können, gibt es auch hier keine Ausnahme.

Das rettende und tragende dritte Element ist das einsame Stuhlbein (die zwei verbleibenden und der Figur einverleibten Beine schweben ebenfalls), sogesehen zum dritten Tischbein geworden, während der Rumpf der Figur als Brücke zwischen Stuhl und Tisch fungiert, um als schweres Gas das Gesamtgewackel gerade noch am Stehen zu halten; bzw. in fussfester Schwebe zu verbeinen.

Wunderlicherweise verwandelt sich hier der Mangel an Stabilität und Stimmfestigkeit in sein Gegenteil: durch das ununterbrochene Kontinuum an zitterndem Ungleichgewicht hat sich dessen konstante Obertonfrequenz dermassen in die Luft gebissen, dass diese ewig gleiche (Biss- )Spur auf diese Weise zu einer festen Linie, ja, gar zu einem Schiffstau koloratiert wurde, an dem schliesslich das dreiteilige, lose Konstrukt unsichtbar befestigt ist - um damit den dauernden Lebens- und Liebesbeben die Stirn besser bieten zu können (siehe auch: Komplott aus Stuhl, Figur, Tisch).

AXIOM (modern): Mangel ist gleich Fülle.

figur_GUNDI_FEYRER_SELBSTPORTRAIT_copyright_Gundi_FeyrerTönendes
und
stimmliches
Un-
Gleich-
Gewicht,
bei dem
die Mühsal
des
unentwegten
Aus-
Gleichens
(Gleich-
Gewichts-
Produktion)
zur
konstanten
Zitterachse
geworden ist,
an der
die ohnmächtigen Teile der künstlerischen Produktion lose, asymmetrisch und unvorstellbar aufgehängt sind.

figur_GUNDI_FEYRER_SELBSTPORTRAIT_copyright_Gundi_Feyrer

Die ganze Einheit ist
mit der einhergehenden
Funktion eines
Universaltisch- und
Stuhlbebendämpfers
identisch geworden
und gibt nun
lebenslänglich Kunde
über die
jeweils auftretenden
Kometenbomber
über die im Tisch eingelegte Hieroglyphenplatte ab.

ZUSATZ: Die im Gegensatz dazu unvorstellbare Stabilität von Weinflasche plus Glas auf dem geneigten Tisch lacht noch jedem Newtonschen Gravitationsgesetz ins Gesicht.

Gundi Feyrer - Schriftstellerin, Zeichnerin, etc. Lebt derzeit in Córdoba.

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Gundi Feyrer

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text verschlingen | Angelika Kaufmanns “VerBuchung” von Texten Friederike Mayröckers



||| I. RUF | II. RAHMEN | III. RAUM | IV. REFLEX | V. RÜCKGABE | VI. REGENBOGEN ||| KLANGAPPARAT | CLICK EMBEDDED PICTURES TO ENLARGE ( # 2 - # 7 )

Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 ( 01 )

Also immer für sich einen neuen Anfang machen,
Tatzen auf der Maschine ( Friederike Mayröcker )

angelika kaufmann U 01

I. RUF
Sie hat den besten , sie hat den schlechtesten Ruf : die Schrift .
Den Einen gibt sie als alphabetisiertes Sinn - Bild , als Chiffre für die “Lesbarkeit der Welt” ( Hans Blumenberg ) , ohne die sich Gesellschaft und Individuum nicht in im Chaos der Phänomene beheimaten könnten . Schrift setzen heisst : Spur legen , Sinn machen .

Schrift legt Fährten , gewinnt Gefährten .
Kommunikation , Überlieferung , Einbindung - all das ist Schrift .

Anderseits :
Es erscheint die Schrift meist an Stelle eines abwesenden Menschen . Dem Lesenden eines Buches bleibt die persönliche Friederike Mayröcker , ihre Stimme und deren charismatisches Wesen fern .

Das Pneuma der verlautenden Stimme atmet aus dem Notat und kehrt sich aushauchend - in produktiver Ausfällung wieder in ein Notat zurück .”das zu sehende - das zu hörende” wird wieder ein zu Schreibendes , ein zu Lesendes .

Es bleibt : die Schrift . Die Schrift , die wir lesen .
Die Schrift , die wir vor Augen haben, gedruckt , im Buch . Die Schrift aber auch , welche Angelika Kaufmann nach zeichnet .
Nach schreibt . Ab schreibt . Neu schreibt . Weiter und weiter schreibt , das Freud’sche “Fort” in ein “Da” verwandelnd . Die Schrift , welche Angelika Kaufmann aus der Vergangenheit schreibt , in die Gegenwart schreibt und in die Zukunft . Und schreibt und schreibt .

So gross schreibt und so haptisch gestaltet , dass sich der Betrachter darin verstricken möchte . Oder sich in die Schwingungen , Schlingungen der Ober- und Unterlängen ( wie in eine Schaukel ) setzen . Nehmen Sie Platz .

Keiner erwartet Sie . - Aber ja doch : Die Schrift nimmt sich Ihrer an .

Diese Schrift - Angelika Kaufmanns TagesMitSchrift seriell angezettelter “magischer blätter” - mag zwar den Sinn in eine Form ordnen , ordnet sich dabei allerdings keinesfalls unter .
Sie ist keine Gebrauchs- Schrift . Keine Brauch- Schrift , die von sich selbst absieht , um Anderes - “Inhalte” - zu transportieren . Angelika Kaufmanns VerBuchungen sind keine Transportmittel , Normgefässe , Container , Flachwaren oder Gebinde für Füllstoffe und Nettogewichtseinheiten .

Angelika Kaufmanns AbSchriften sind Dichtung , ja :
Diese Schriften sind Dichtung AN SICH , nicht mehr und nicht weniger als Friederike Mayröckers poetisches Werk . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_01.jpgII. RAHMEN
Doch ich greife vor . - Oder bin ich zu weit zurück gegangen ? … zurück gegangen zur Kritik der Schriftlichkeit , wie sie seit Platons “Phaidros” variantenreich kursiert ? … wie sie mit jedem frisch auf der BildFläche auftauchenden Medium in neuer Version kursiert ?

Eine Kritik , die - pointiert formuliert - besagt , als dass mit der AufZeichnung ( dem RECORDING ) von Wissen , erst eigentlich das VERGESSEN beginnt ? - Die Auslagerung von lebendigem , erzählten Wissen auf die Festplatte des geschriebenen Textes birgt bereits das Moment eines Sterbens . Wer auf Überlieferung setzt , auf Schrift , RECORD und Verzeichnis , denkt bereits die eigene Abwesenheit .

Damit wird - cum grano salis - schon der Tod ins Werk gesetzt und die Hybris des In-der-Schrift- bzw. des Im-Werk-Überlebens . Man schreibt also am eigenen Epitaph .
Kassiber ins Abwesende , sei dieses räumlich , sei dieses zeitlich .

Es sei : Da jede Autorin und da jedem Autor allerdings “meine stattliche Haut, eidesstattliche Fliespapierhaut” ( 2 ) der pragmatischen Schrift bei der Sprach- Setzung näher ist als der eschatologische Rock , da der Markt das Medium “Buch” als Grundbedingung für das praktische Überleben in Verbreitung , Vertrieb und Verwertung erzwingt , will Literatur gedruckt sein .
So codiert sich in der Gutenberg- Galaxis nun einmal die poetische Flaschenpost : Zwischen Umschlag , Einband und Vorsatz , blättert sich die Werk- Welt her . Im Grunde eine Schachtel , welche man öffnet und wieder schliesst . Text und Schrift zwischen Deckeln .

Mit ihren Schrift- Bildern, Text- und Buch- Zerlegungen stellt sich Angelika Kaufmann solchen Verpackungsroutinen entgegen . Über Jahre vollzieht dies die Künstlerin in sorgfältig gesetzten Anordnungen . Anordnungen , welche sie sich selber auferlegt , seitdem sie von der Poesie Friederike Mayröckers - konkret von dem Gedicht “Im Elendsquartier” ( 1956 entstanden und abgedruckt im 1974 erschienenen Band “In langsamen Blitzen” ) - getroffen wurde .
Aus einer Affinität zu Mayröckers radikaler Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst , handwerklicher Arbeit und Leben hat die gelernte Gebrauchsgrafikerin Angelika Kaufmann eine Selbst- Beauftragung formuliert und - speziell während der letzten zwanzig Jahre - mit jeder neuen Werkgruppe , Schriftgruppe aufs Neue in Angriff genommen .

Etwa beim Prosa-Fliess-Text des “Herzzereissende[n] der Dinge“: Ein WeiterSchreiben über die Blattgrenze hinaus, Wort und Zeilenbrüche entgrenzend. Zäsur, Offenheit und Rhythmus der poetischen Vorlage sind solcherart allerdings keineswegs sistiert. Im Gegenteil ereignet sich das stille Drama von Spannung und Entspannung, Ausschreiben und Aussparen, Betonung und Atemholen im einzelnen Buchstaben…

… hätte ich ein unendliches Schreibpapier, so dasz ich nicht immer wieder
ein neues Blatt in die Maschine einspannen müszte und das vorhergehende
ablegen müszte, nämlich die äuszerste Fassung, nicht wahr, nämlich
meditative Versenkung welche vom Rasen der Zeit befreit … ( Friederike Mayröcker 3 ) |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_03.jpgIII. RAUM
Angelika Kaufmann nennt es “TEXTZERLEGUNG” .
Man könnte auch sagen :
Angelika Kaufmanns schriftkünstlerische “Faktur” ( Roland Barthes ) bestünde in der Schöpfung einer genuin neuen Fraktur . Indem sie die Buchstaben aus der Fasson üblicher Vollständigkeit herausbricht , schafft Kaufmann neue Räume . Irritierende Räume , wie uns die Anschauung zeigt .
Denn wir wollen - beanspruchen gar - jederzeit alles lesen zu können , was geschrieben steht . Angelika Kaufmanns “VerBuchungen” indes verwehren uns die lineare Lesbarkeit . Wir entziffern Buchstaben , bleiben dabei aber doch Analphabeten .

Angelika Kaufmanns Methode des Zeigens und zugleich Verbergens von Schrift- Sinn gewährt so mannigfaltige Perspektiven , dass es der linearen Rede schwer ankommt , eine einigermassen geordnete Führung durch diese Assoziations- Agglomerationen anzubieten . Womit wir bereits nahe am Wesen des eigentlichen Gegenstandes dieser Kunst und unserer Rede über sie angelangt sind : nämlich am wesentlichen ( Im- ) Puls der Poesie .

Man kann nämlich sagen : Es gibt kein effizienteres Aufzeichnungs- und Sinn- Speicher- System als die Poesie . In jeder Silbe , in jedem Laut , in jedem Wort und in jedem Vers - ja , sogar in den Zwischenräumen und Interdependenzen - ist so viel Sinn eingelagert , explodieren so viele Zeitzünder an Kontaktschlüssen und Bedeutungen , dass die sekundäre Rede stets der Hase bleibt , welcher dem poetischen Igel hinterher hetzt .

Unternehmen Sie doch einfach die Gegenprobe , indem Sie deskriptiv darstellen , was in einem Gedicht “geschieht” : WAS es sagt und was es NICHT sagt , WIE es gesetzt ist und WAS es freilässt , WORIN es Nähe sucht und wo es Differenzen stiftet … und voilà sind Sie mitten im Sisyphus-Schicksal von Philologie und Hermeneutik .
Hilflos hier , geniesserisch dort , können beide nie zu einem Ende gelangen . |||

angelika_kaufmann_copyright_chinesischer blindenschriftband_max_02.jpg

IV. REFLEX
Kunst ist Tautologie . Sie sagt sich selbst . A rose is a rose is a rose .
Sie sagt , DASS sie sich sagt . Sie sagt , WIE sie sich sagt .
Ceci n’est pas une pipe .

Angelika Kaufmann stellt dieser beseelenden , dieser skandalösen Tautologie ein Gleiches zur Seite . Die Poesie verbirgt , indem sie zeigt . Sie sagt Manches und schweigt eben so Vieles im Sagen mit . Als bildende , als Schriftkünstlerin muss Angelika Kaufmann “dieses Stillsticken”( 4 ) ZEIGEN . Aber wir sehen ja , was sie uns zeigt : “Es regnete, regnete viele Wörter auf es herunter” ( 5 ), heisst es in “Pegas” , dem Text- Bilder- Buch-Pferdchen von Friederike Mayröcker und Angelika Kaufmann . Schon auf den beiden Dimensionen der Fläche unterbricht Kaufmann die Linie oder lässt diese über die Blatt- Bogen- Ränder hinaus schwingen .

Sie macht uns damit SEHEN , wie viel wir NICHT sehen . Kaufmanns Fraktur akzentuiert beides : das Anwesende und das Fehlen . Rest-Rundungen, Synchronbögen , Diagonal-Marker . Fragmentarisch horizontale und vertikale ArchitekturFragmente von Schrift . In ihrer Präsenz lenken sie den Blick des Betrachters auf ungewohnte formal- rhythmische Muster .

Dort , “wo was fehlt” , dort also wo unsere früh anerzogene DechiffrierPflicht auf die leere Fläche trifft , schiesst die Phantasie ein und damit die ( persönliche ) Projektion .

Hier rhythmische Kontraktion , dort tabula rasa :

Von Angelika Kaufmanns Blättern murmelt nicht nur die sibyllinische Stimme der Poesie . Viel mehr noch : Blicken wir uns selbst in Gestalt unserer Projektionen entgegen . Nicht zufällig waren es Friederike Mayröckers “14 Spiegeltexte” ( 6 ) , mit deren AufZeichnung sich Angelika Kaufmann Mitte der 70er Jahre zuerst befasste .

So viel zu den Dimensionen Numero Eins und Zwei , den Flächen- Koordinaten .
Angelika Kaufmanns Ein-, Ab- , Unter- und Überschreibungen fädeln ihre subtilen Linien allerdings auch durch die Dimensionen Numero Drei und Vier . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_05.jpgV. RÜCKGABE
Mit ihren Installationen , ihren Papier- und Buchobjekten gibt Angelika Kaufmann dem Text zurück, was dieser ( wir erinnern uns an den Topos der Schriftlichkeitskritik ) ersetzt , entbehrt oder gar exorziert : den Körper . Von Handen der Künstlerin holt die Schrift - etwa der mit Kaufmanns Notaten überschriebene “CHINESISCHE BLINDENSCHRIFTBAND” ( 2000 ) das verlorene Moment des Leiblichen zurück .

In diesem entstehenden Buch habe ich einen Nicht-Stil angewendet also eine Art literarischer Selbstentblöszung, nicht wahr, also das Kritzeln/ Beschmutzen: das Kritzeln auf meinen nackten Oberschenkel oder ins Handinnere schreiben und ein schwarzes Kreuz zeichnen, das nicht mehr zu löschen ist … ( Friederike Mayröcker 7)

Die haptische Anmutung der Papier-Objekte , die Fingerspitzen- Lektüre der Braille- Schrift , diverse Viskositäten von Farben und Tinten , Porosität oder Versiegelung von Texturen . Die mit viel Wissen , List und Lust am Material vollzogenen Schreibmanöver verwandeln Schrift und Text in ein Gegenständliches . Als Objekte , die uns im Raum begegnen , lassen sie sich umgehen , lassen sie sich mit ihnen umgehen , von hinten und vorne , von oben und unten anblicken .

Ja , sie sind da , präsent , still virulent . Sie ragen , stülpen , blättern sich , falten und entfalten sich im realen Raum .

… In meinem Schosz die Notizblätter zwitschern, während des Schreibens … und die Notizblättchen in meinem Schosz zwitschern, während des Schreibens … in meinem Schosz, während ich sitze vor der Maschine, in meinem Schosz die vielen Zettel … ( Friederike Mayröcker 8 )

Das Gegenständliche und Konkrete von Angelika Kaufmanns haptischen Schreib- Kunst- Stücken verweist wiederum auf die eigenwillig körperliche Qualität des poetischen Projektes Friederike Mayröckers . Schriften , Papiere , Zettel und Briefe spielen eine eminente Rolle in Mayröckers Texten . Nicht selten geht die Rede vom Palimpsest der Papiere , Notizen und Zitate , so dass das Murmeln der Namen , Exzerpte und Zettel teils aus der Lebenswelt der Dichterin berichten , teils eine unabtrennbare Komponente dieser Dichtung selber sind .

… denn mein Tisch die ganze Tischfläche : ein gehäuftes Wirrwarr von Schriften, Zettelchen, Büchern und schmutzigen Tellern und Tassen …( Friederike Mayröcker 9 )

Damit wird Gegenständlichkeit von Schrift und Text in Mayröckers Texten in Lust und als Last zu einem Leitmotiv . Die poetische Sprache , das Wortwerk kommt buchstäblich nicht umhin , die Physis des Textuellen - darüber hinaus aber auch diejenige des Leibes und der profanen Dinge - zu besprechen . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_04.jpgVI. REIHENFOLGE
Tertium datur . Friederike Mayröckers Verzettelungen , ihre getreuliche Mitschrift der an- und aufgelesenen Zitat- Objekte, Angelika Kaufmanns dreidimensionale Schrift- , Buch- und Papierobjekte : Beide untersuchen in immer neuen Aufgabestellungen und Serien- Regeln “ein Gleiches” , indem sie den Urtext , abschreibend , als ein Anderes realisieren . Ab- Schrift wird Um- Schrift und bildet dabei “ein GleichesANDERS ab.

Friederike Mayröcker selbst schreibt in ihrem Hörspiel “Gertrude Stein hat die Luft gemalt” ( 10 ) der Sprach- Fallen- Stellerin Gertrude Stein den Satz zu , man müsse AB- SCHREIBEN , um zu verstehen . Ähnlich hatte es Walter Benjamin formuliert , als er - für sein “Passagen-Werk” exzerpierend - in der Bibliothèque Nationale sass : Während bei der ( stillen ) Lektüre uns der Text äusserlich bleibt , dringt dieser bei der händischen Abschrift gleichsam physisch in uns ein . Wir be- greifen .
Begreifen den Text in der Dialektik zwischen der Hybris solcher Aneignung und der Demut des Kopisten .

Womit wir in der vierten Dimension angelangt sind :
Ab-schreiben kostet ZEIT . Silbe für Silbe , Wort für Wort lesen , memorieren , kopieren , kontrollieren … der Druck auf die START- Taste des Kopiergeräts scheint da doch wesentlich effizienter . Die Photokopie als Ersatzhandlung für unterlassene Lektüren ist ein beliebter Topos im Akademikerwitz . Zugleich erzählt diese Praxis aber auch vom Unterschied zwischen HABEN und SEIN . HABEN wir den Text physisch gespeichert , dünken wir uns in seinem BESITZ .

Angelika Kaufmann dahingegen zeigt mit ihren Schriften , dass ein solcher BESITZ nicht zu HABEN ist . Nie zu erlangen sein wird . Durch ihr Hand-Werk hindurch und mittels der tagtäglichen , peniblen Abschrift weiss die Urheberin der Umschrift , dass sie zu keinem Ende kommen kann und wird . Ihre Pinsel- Abstrich- und -Abtupf- Tagebücher manifestieren die ZEIT als Element : Zeit als materialgewordene Erstreckung, Laufmeter der Tagtäglichkeit . Mittels der Reihung verstreichender JETZT- Momente gewähren Angelika Kaufmanns Kladden , Konvolute und Palimpseste erhellenden Einblick auf Gestalt und Gestaltung von ZEIT . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_02.jpg VII. REGENBOGEN
Damit teilen sie weiteres Charakteristikum des tagtäglichen WortFortWerkens von Friederike Mayröcker . Es wird ver- zeichnet , dass ver- zeichnet wird . Schreiben über das Schreiben , das sich beim Schreiben zusieht .

Demgemäss sind Angelika Kaufmanns VerSchreibungen, AbSchriften , UmSchriften , NachSchriften , ÜberSchreibungen und UnterSchreibungen sowohl Illuminationen als auch Verschlüsselungen der Poesie .

Vom “öffnen und schliessen des mundes” ( Ernst Jandl ) zum Augenschein der ersichtlich hermetischen Schrift : Längst läuft ein “Blütenverkehr” - so Friederike Mayröcker in einem Angelika Kaufmann zugeeigneten Widmungsgedicht ( 11 ) - zwischen den einander zugeneigten Werken hin und her . Die einst separaten Positionen von Vorgängigkeit und Nachzeichnung , Ein- und Abschrift fliessen als Kontinuum wechselseitigen Wirkens ineinander .

Stilleben auf dem Schreibplatz: Schnabelkanne und Haube verschüttetes
Badewasser, mit Regenbogen, auf dem Parkett ( Friederike Mayröcker 12) |||

angelika kaufmann U 04

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czz in : Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 - wien , edition splitter 2007 , S. 38 - 71 | OUT NOW !

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( 01 ) Zur Ausstellung “Arbeiten von Angelika Kaufmann” [ zu Friederike Mayröckers Mein Arbeitstirol ] , Literaturhaus Wien
( 02 ) Friederike Mayröcker : Das Herzzerreiszende der Dinge - Suhrkamp 1985
( 03 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 04 ) op. cit.
( 05 ) Friederike Mayröcker, Angelika Kaufmann : Pegas , das Pferd - Neugebauer Press 1980
( 06 ) Friederike Mayröcker : Fantom Fan - Rowohlt 1971
( 07 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 08 ) op. cit.
( 09 ) op. cit.
( 10 ) Friederike Mayröcker : Gertrude Stein hat die Luft gemalt - Hörspiel , Regie : Klaus Schöning , DLF / ORF 2005
( 11 ) Friederike Mayröcker : für Angelika Kaufmann | sobald die Schneefeger [ 1. 1. 1997 ] - in: F. M. : Gesammelte Gedichte 1939 - 2003 , hg. von Marcel Beyer - Suhrkamp 2004
( 12 ) Friederike Mayröcker : ich habe angeboren das Blut | für Angelika Kaufmann [ 4. 3. 1997 ] - in : op. cit.

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KLANGAPPARAT

Dass Tom Larson mit seinen pulsierenden Patterns und fächelnden Flächen hat @ in|ad|ae|qu|at einiger Wertschätzung geniesst , dürfte sich über Jahr und Tag in der wiederkehrenden Erhebung seiner Mixes zum KLANGAPPARAT DES TAGES erwiesen haben . Zwar steht unmittelbar eine neue czz hörempfehlungRelease bevor , doch gehen wir noch einen Schritt hinter die jüngste ( Visions from above @ sonicwalker ) zurück und landen @ Loopazilla , dem ebenfalls hier schon charmant aktenkundig gewordenen Netlabel . Tom Larson ist - - - minimal auch ohne schal - - in poetischer Hochform und könnte in seiner luftig anmutenden , doch diskret strengen Manier eventuell in die Richtung der Papierarbeiten Angelika Kaufmanns weisen . CLICK HERE TO LISTEN |||