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Franz Mon - Sichtbare Sprache



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BEVOR ES SCHWINDET

Franz Mon abstrakt

[ Franz Mon : abstrakt ]

Im Zeitalter von Photoshop , After Effects sowie des ubiquitären Layouts eines durchdesignierten Alltags scheint die “visuelle poesie” der fünfziger bis siebziger Jahre längst gegessen . Anders und nach einem Diktum Elfriede Gerstls formuliert : Seit den sechziger Jahren sahnt speziell die Reklame systematisch die Erkundungen und Experimente der Avantgarden ab .

Im Kontext des “Radical Advertising” - wie im NRW- Forum Kultur und Wirtschaft Düsseldorf bis 18. August zu sehen - sieht die klassische Avantgarde oft “alt” aus . - Um die Verfasstheit des jetzt scheinbar so Selbstverständlichen zu erkennen , ist ein ‘back to the roots’ unabdingbar .

Das hat weniger mit Kunst- Nostalgie oder einer Verklärung des “Avantgarde”- Begriffes zu tun als mit der Sicherung eines vorgängigen Quellcodes , dessen gefällige Interfaces unsere Zeitgenossenschaft illustrieren . Dies betrifft optische Gestaltungen ebenso wie akustische : Wer die frühen Artikulations- und Mundhöhlenerkundungen Franz Mons oder Henri Chopins einmal wahrgenommen hat , wird sich von neuerdings als “radikal” verbratenen Sound- , Kunst- und Musikdarbietungen weniger beeindrucken lassen . Beziehungsweise wird in den Stand gesetzt sein , diese historisch zu kontextualisieren und kulturgeschichtlich zu verorten .

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ZU SEHEN : IN ERLANGEN

Franz Mon Hommage A Karl Valentin

[ Franz Mon : Hommage à Karl Valentin ]

In Korrespondenz zum Erlanger Poetenfest wurde in der Städtischen Galerie die Ausstellung “Franz Mon – Sichtbare Sprache | Verbale , visuelle und akustische Texte” eingerichtet :

Franz Mon, 1926 in Frankfurt geboren und bis heute dort lebend, gehört zu den bedeutendsten Vertretern der Konkreten Poesie. Er schreibt verbale, visuelle und akustische Texte. Seine visuellen Arbeiten wurden seit 1963 in Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland, u.a. auch 1970 auf der Biennale in Venedig, gezeigt. Die retrospektive Schau zeigt Arbeiten aus allen Phasen und Bereichen seines Schaffens, darunter viele Arbeiten, die hier erstmals öffentlich zu sehen sind. Gezeigt werden u. a. die Mappenwerke ‘Makulatur’ und ‘Knöchel des Alphabets’, Arbeiten aus den Serien ‘Doppelporträts’, ‘zentrierte Collagen’ und ‘versalcollagen’, eine Auswahl aus den ‘Schreibmaschinentexten’, den ‘ideografischen Texten’ und den Schreibtexten ‘Papiergüsse’, Textfahnen und Textplakate, Diaprojektionen und akustische Installationen, ausserdem Bücher und Buchobjekte.

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ZU HÖREN : WÖRTER VOLLER WORTE

Franz Mon vetri

[ Franz Mon : vetri ]

Heute , 29. August , 19 Uhr , Markgrafentheater, Erlangen : Lesung Franz Mon und Gespräch mit Klaus Ramm

Für Franz Mon ist die Sprache ein offenes Gelände für künstlerische Grenzüberschreitungen in alle Richtungen: Sein Werk ist eines der konsequentesten, weiträumigsten und auf untergründige Weise bis heute einflussreichsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur. Mons Poetik nimmt die Sprache so ernst wie kaum eine andere: ‘Das Realitätsschlamassel ist auch ein Sprachschlamassel’. Im Widerspiel mit den von Franz Mon gelesenen Texten versucht der Literaturwissenschaftler und Verleger Klaus Ramm, der Poetologie von Franz Mon auf die Spur zu kommen.

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HÖREN UND SEHEN VERGEHEN

Franz Mon Mortuarium

[ Franz Mon : Mortuarium ]

Leider schon nach Ende der zeitlich äusserst knapp gehaltenen Schau - 22. bis 28. August ( ! ) wird Sonntag , 31. 8. , um 19 Uhr im Theater in der Garage das HR- Hörspiel “ausgeartetes auspunkten” ( pdf HörDat , 2007 ) aufgeführt . Der einleitender ist freilich filmisch : “Schuhe besetzen ein Haus” ( SR , 1983 ) : Immerhin spricht Franz Mon selbst zur Einführung .

Eine scheinbar ganz einfache Spielanleitung bildet das Gerüst, auf dem die Stimmen der vier Sprecher dieses vom Hessischen Rundfunk 2007 urgesendeten Hörspiels (Eva Garg, Chris Pichler, Markus Meyer und Peter Lieck) alle schauspielerischen Freiheitsgrade haben. Ihre Stimmen „verdichten/verwandeln/verzaubern/vertuschen das Gesagte“. Franz Mon hat das 40-minütige Sprachspiel selbst realisiert. Zwei der vier Premieren-Schauspieler variieren das Hörspiel live unter der Anleitung von Franz Mon. Der Abend wird eingeleitet von dem 9-minütigen Film ‘Schuhe besetzen ein Haus’ von Franz Mon, Saarländischer Rundfunk, Redaktion Kunst und Wissenschaft Klaus Peter Dencker.

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FRANZ MON IM ORF- KUNSTRADIO

Franz Mon sternförmig

[ Franz Mon : sternförmig ]

Als wir im ORF- Kunstradio als erster europäischer Sender mit 5.1- surround- Produktionen ins Studio und auf Sendung gingen , schien es uns angemessen , Franz Mon als einen der Pioniere des stereophonen “Neuen Hörspiels” ( Ende der sechziger Jahre ) als einen der ersten Gäste zu laden . In Parallelaktion zu einem “Radiokunst”- Seminar am Germanistischen Institut der Universität Wien entstand die Produktion “Käm’ ein Vogel geflogen” , wo der damals Achtzigjährige sehr munter das von ihm eingelesene modulare Textmaterial per Joystick durch den Rundum- Raum jagte . Wir servieren die knapp sechzehnminütige Arbeit aus gegebenem Anlass ( und leider in reduzierter Klangqualität ) im heutigen KLANGAPPARAT .

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LINKS

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RELATED

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KLANGAPPARAT

Franz Mon über seine 5.1- Surround- Produktion “Käm’ ein Vogel geflogen” ( Ursendung : 17. 7. 2005 ) für die Reihe “Literatur als Radiokunst” im ORF- Kunstradio :

Ich mache seit über vierzig Jahren radiophone Stücke, die für mich czz-hoerempfehlunggenau so wichtig sind wie die geschriebenen, weil ich ganz früh entdeckt habe, dass meine Stimme mit zur Substanz meiner poetischen Arbeit gehört. Die eigentliche radiophone Arbeit konnte beginnen, als die Stereophonie erfunden wurde – das war in den späteren 60er Jahren. Seitdem habe ich rund 14 Hörspiele machen können, die auf der Basis der Stereophonie zu realisieren waren. Für mich war es ein enormes Erlebnis jetzt, die neue Technik – Dolby Digital Surround – kennen zu lernen und praktizieren zu dürfen. Wir begeben uns da in eine Dimension der Stimmerfahrung und Stimmproduktion, die auch von der Stereophonie nicht erreicht werden konnte, weil ich als Sprechender wie als Hörender in einem akustischen Zentrum bin, das homogen ist mit meiner Stimmleistung und Stimmfähigkeit. In diesem Sinne haben wir das Stück ‘KÄM’ EIN VOGEL GEFLOGEN’ konzipiert und realisiert: ein Stück, das mit den Beweglichkeiten, welche die neue Technik erlaubt, arbeitet und dadurch Stimmqualitäten und Worterfahrungen ermöglicht, die bisher nicht zugänglich waren.

Franz Mon : “Käm’ ein Vogel geflogen” ( 15:44 , MP3 / WMP , Produktion ORF 2005 , Technik : Anna Kuncio )

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Ein Exil im Lexik der Poesie - Laudatio für Rosa Pock



EIN EXIL IM LEXIK DER POESIE

Für Rosa Pock
Literaturpreis des Landes Steiermark 2007 , 4. 6. 2008
Von Christiane Zintzen

Ein Freund ging nach Amerika
Und schrieb vor einigen Lenzen
Schick mir Rosen aus Steiermark
Ich hab eine Braut zu bekränzen -

icon ac voltage sourceMan mag die wohlbekannte Strophe des Peter Rosegger an diesem Ort , in dieser Zeit in vielerlei Hinsicht verwerfen : Was sie anspricht und was für die Dichterin Rosa aus Steiermark sehr wohl gilt , ist das Bild des Exils und der Fremde . Rosa Pock , die auszog , um auf den Wegen der Philosophie das Dichten zu lernen , hat sich mit Willen , Wort und Wirken einer Unheimatlichkeit verschrieben . Im Licht der Prismen ihrer Dichtung erscheint das Selbstverständliche fremd , das Vertraute befremdlich .

Zwischen Prosa und Poesie , zwischen Sprechen und Schweigen , zwischen Archaik und Avantgarde setzt sie ihre systematisch programmierten Sprechfiguren auf den Plan und sich selbst ziwschen die Stühle der Schulen und Stile .

Sicher sind wir Lesende nie , von WO aus die gebrochene Stimme zu uns dringt . Wir drehen uns um Kreise und suchen nach Orientierung : WER spricht hier und wer zieht hier eben die Fäden dieser redenden Marionetten ? - Wo ist sie , die rettende Regel ? -

Über 15 Jahre hinweg hat Rosa Pock mit einer Reihe von hoch konzentrierten poetischen Personifikation eine Fährte gelegt . Was wir hier tun können ist : Eine Witterung aufnehmen , eine Spur suchen , ein paar Beobachtungen beibringen . Oder , um ein von Rosa Pock selbst gern gewählte Bild zu borgen : Ein paar Glieder der Hundekette ineinander zu fügen . Bleiben dabei dicht am Hand- Werk , am Material . Denn wenn es ETWAS gibt , das Pocks Dichtung immer wieder neu zu bedenken gibt , dann ist dies der Appell , sich im Vorläufigen einzurichten , dabei aber den Blick wachzuhalten auf DAS , was da vor uns liegt .

So gibt sich mancher Text prima vista sperrig und karg . Sehen wir länger und geduldiger hin, tauchen - wie bei einem photographischen Entwicklungsvorgang - langsam Muster auf , erkennen wir Patterns, entstehen Parallelen. Und mittendrin immer wieder die Umrisse dessen , was fehlt .

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SELBST | LEXIKON

icon ac voltage sourceKeiner Norm konform oder einer stetigen Ästhetik, repräsentiert Rosa Pock geradezu den Albtraum des Lexikographen. Die Tracht eines sogenannten “Personalstils” , die Legende von frühem Leid und später Vollendung , die an der Werkliste her- buchstabierbare Statistik einer Entwicklung : Dieses Kostüm einer humanistischen Künstlervita will so gar nicht auf ein Werk passen , welches sich seine eigenen Mass- Stäbe setzt .

Wenn schon “Lexikon” - Dann : “die hundekette . mein eigenes revier” ( 2000 ) versammelt 79 Begriffe von A bis Z .

Wenn schon eine Geschichte der Empfindlichkeit - Dann : “Eine kleine Familie ” ( 2004 ) gibt eine satirische “Entwicklungsgeschichte” der eigenen ( so genannten 68er ) Generation .

Wenn schon Rollenbild der “Frau” als Kunst- Werktätiger - Dann : Hat Rosa Pock SELBST in den 31 Figuren des Kurzprosabuches “spielmodell m” ( 1996 ) einen ganzen Katalog von Rollen vorgeschrieben .

“Keinem” , sagt Ovid in den Metamorphosen , “bleibt seine Gestalt” . Rosa Pocks esprit poétique ist ein proteisches Wesen . Sich treu nur im stetigen Wandel , erschafft es sich seine Welt mit jedem Werkstück in neuem Format : Form als Funktion und Fassung der verschiedenen Versionen von Realität . Dabei situiert sich jedes dieser Spielmodelle in einem abgezirkelten Setting gewisser Prämissen und Regeln , welche als SETZUNGEN unwiderleglich sind .

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SPRECHEN | JETZT

icon ac voltage sourceUnwillkürlich fühlen wir uns an Mythen und Märchen erinnert, wo Götter und höhere Mächte ihren Günstlingen spezielle , allerdings immer nur begrenzte Kräfte schenken .

Beides - gedankliche splendid isolation sowie eine als Defizit dargestellte insulare Einkapselung - gilt für Rosa Pocks Sprechfiguren . Sie sind schiere Papierwesen , Zwitschermaschinen , auf ein definiertes Lied programmiert und damit in sich logisch geschlossen . Sich loszureissen und einfach fortzufliegen wird diesen “excellent birds” ( Laurie Anderson ) allerdings nicht gewährt . Ihr Ort bleibt das Werk , der Text , der Käfig des Systems , kurz : “mein eigenes revier” . Nur hier ist die Bühne , wo ihr Monolog hingehört , wo die Wellenlänge ihres Gesangs überhaupt gehört wird . Die syntaktisch zerrüttete , rhythmisch in antiker Prosodie getaktete Stimme in “Monolog braucht Bühne” bekundet diese Gleichzeitigkeit von Allmacht und Ohnmacht wie folgt :

Ich umschiffe / meinen Hafen / wie Odysseus den seinen / zu erzählen Geschichte von Irrfahrt mit Eleganz , / wobei begangene Fehleinschätzung von Gefahr ich vergesse / und Verblendung mich treibt / in immer tieferes Wundgebiet / bis Lustangst von Schrecken abgelöst. ( “/” von czz )

Es scheint, als dürften diese Figuren überhaupt nur qua Sprache existieren . Die “Infantin” etwa präsentiert sich von Anbeginn an als das Resultat eines Benannt- Werdens . WER diese Benennung einst vollzog , bleibt im Ungewissen :

1. Tag - Später Herbst; und ich werde von Kindesbeinen an Infantin genannt, weil ich nicht zur Sprache finden wollte. Diese Bezeichnung ist mir geblieben, obwohl ich das Stummsein verliess, sozusagen wie eine Definition aus einem alten Lexikon, die bleiben wird, auch wenn sich die Bedeutung des Begriffes längst geändert hat. ( “Ein Halbjahr aus dem Leben einer Infantin” )

Da sie jetzt aber spricht , EXISTIERT diese Figur , und ihr “Kopfkissenbuch” berichtet von einem ganzen Inventar von Verweigerungen gegenüber dem System , das isolierend sie umgibt . Wie der gefangene Affe in Kafkas “Bericht an eine Akademie” ist es nicht eine abstrakte “Freiheit” , die sie sucht , sondern schlicht einen “Ausweg” .

Wirklichkeit wird diesen Figuren nur in ihrer schieren Wörtlichkeit gewährt . So sehr diese “Infantin” , die “spielmodelle” , ja noch das Mathematik- Mädchen Gelatina aus der “Kleinen Familie” mitunter an archaisch verwunschene Wesen aus Märchen oder Mythos erinnern , so sehr fehlt ihnen der Richtungsvektor einer Teleologie . Rosa Pocks Sprechfiguren sind von Vergangenheit und Zukunft abgetrennt . Sie existieren nur im Augenblick . Dabei sind sie ganz an ihrem Platz und befinden sich gleichzeitig in einer Art von Exil : Verbannt , gebannt starren sie auf die Positiv- oder Negativ- Form eines Umspringbildes . Der Blick auf das Integrale bleibt ihnen verwehrt .

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ORGANISATION | SYSTEM

icon ac voltage sourceIm Paradigma der Moderne bieten sich Spiel- und Systemmodelle als Bezugsrahmen an. Codierungen , Wort- und Buchstabenspiele verweisen auf die konkrete und visuelle Poesie . So etwa sind die Texte sämtlich nach genau bestimmten Zahlenmustern organisiert . Allerdings sind die Ziffern grösstmöglich bedeutungsoffen : “Monolog braucht Bühne” ist aus 39 Einzeltexten komponiert : 3 mal die Primzahl 13 . Auch das “Halbjahr aus dem Leben einer Infantin” basiert mit seinen 181 Tagesnotizen auf einer Primzahl . Gleiches trifft zu für die 31 in “spielmodell m” vorgeführten
weiblichen Mannequins . Primzahlig letztlich : Die 79 lexikalischen Einträge in “die hundekette . mein eigenes revier ” …

Solche Organisationsprinzipien lassen sich ohne inhaltliche Deutelei anzeigen . Ebenso kann ohne Raunen einer tieferen Bedeutung festgestellt werden , dass Rosa Pock sehr bewusst mit dem Medium “Buch” umgeht : Text und Nicht- Text ( die seit Mallarmé unübersehbaren “blancs” ) greifen sichtlich ineinander . Im Unterschied zur herkömmlich gesetzten Lyrik mit ihrer vertikalen Orientierung sind Pocks Textblöcke horizontal orientiert : Den schwarzen Lettern des Fliesstextes folgt eine halbe ( “Monolog” ) bzw. eine Viertelseite ( “Infantin” ) “weisses Schweigen”.

Das reizvollste Spiel mit den Eigenschaften des physischen Datenträgers “Buch” findet sich im Lexikon “die hundekette . mein eigenes revier“. Jeder Eintrag beansprucht eine Seite . Mit Ausnahme des ersten Lemmas ( “ahorn” ) sowie des letzten ( “zweifel” ) kommen alle anderen Einträge auf Doppelseiten zu liegen . Bei näherem Blick erweist sich , dass sich diese parallel gesetzten Texte in vielfältiger Weise aufeinander beziehen . Das trifft formal höchst einleuchtend auf ein Buch zu , welches thematisch wie kein anderes im Werk Rosa Pocks vom “grossen Paar” handelt . Die Titel der Einträge lesen sich - Doppelseite für Doppelseite - wie duale Konstellationen , Frage und Antwort , Positiv- | Negativ- Verschränkungen :

“in agonie” | “arsenik” - “das begehren” | “das beileid” - “der charakter” | “ein credo”

So läuft also - buchstäblich quer zum “Haupttext” der lexikalisch geordneten poetischen “Definitionen” - ein Schriftband am oberen Seitenrand entlang: Hier hat sich offensichtlich die konkrete Gestalt des Texte an der Vorlage | Vorgabe des aufgeschlagenen Buches inspiriert .

Wenn Rosa Pock solche Organisationsprinzipien aufgreift , Anleihen beim Anagramm nimmt , serielle Verfahren wie Aufzählungen und Listen verwendet oder gar den Zufall per Computer- Übersetzung in ihre Texte einbezieht , dann zitiert die Dichterin Verfahren des Surrealismus , von Oulipo , der konkreten poesie , kurz : der literarischen Avantgarden .

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WORTE | WÖRTER

icon ac voltage sourceDamit wären wir beim Stichwort der “Methode” angelangt : Also die Art und Weise , WIE Wörter ausgesucht werden , wie Wörter gedreht und gewendet werden , die Komposition von Worten zu Sätzen und diese zum Werk . Dabei besteht die VERDICHTUNG der Form bei Rosa Pock paradoxerweise im augenscheinlichen VEREINFACHEN : Gesuchte , gewundene und poetisch parfümierte Wörter wird man in ihrem Werk nicht finden .

Man mag dabei an Ilse Aichingers Plädoyer für die “schlechten Wörter” denken , an deren “Nein” gegenüber Metaphysik und Ideologie .

Mit gleichem Recht liesse sich allerdings das Bild des Naturwissenschafters zitieren : Um ein VERFAHREN optimal durchzuführen und dessen Wirkung in möglichster Deutlichkeit studieren zu können , sind “reine” Grundstoffe nötig . Das scheinbar Einfache wäre demnach als REAGENS zu denken und damit unablöslich vom jeweiligen Prozess . Das augenscheinlich einfache Wort steht also nicht AN und FÜR sich . Ebenso wenig kann der basale Begriff als “Urwort , orphisch” verstanden werden oder gar : als “naturnahes” , “gefühlsechtes” Ausdrucksmittel einer ( eventuell sogar weiblichen ) “Authentizität” .

In ihrem jüngsten Buch “Eine kleine Familie” spielt Rosa Pock ein trügerisches Spiel mit den Fiktionen , Effekten und Lektüren des “Authentischen” . Im Genre des Tagebuchromans , im Jetzt- Stil der zeitnahen Mitschrift sowie in dem Themenkreis von turbulenter Adoleszenz , Familienkiste und junger Liebe verführt das mit flüssiger Prosa ( ! ) gefüllte Buch zu jener Lektüre einer psychologischen “Eigentlichkeit” , wie sie der Literaturbetrieb gerne praktiziert .

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EIGENSPRACHE | EIGENSINN

icon ac voltage sourceWas fehlt , ist vorderhand die Bereitschaft , Poesie und Dichtung dem Zweckdienlichen zuzurichten . Selbst als Organigramm von Erkenntnis verspricht sie keine Sicherheit . Es ist Rosa Pocks weitgehend undogmatischer und von der Ideologie des Progressiven befreiter Umgang mit den Figuren , Formen und Formeln der Moderne , der ihren Texten eine erstaunliche Deutungsoffenheit - Polyvalenz - verleiht .

Gerade mit “Eine Kleine Familie” hat die Autorin ein perfides Exempel dafür vorgelegt , dass sie den beliebten Erzählton aus dem Vollen der Episoden , Themen und Gegenstände quellen lassen kann . Aber Achtung : Durch die Stimme dieses Tagebuchmädchens , das da von Leben und Lieben schrulliger Anverwandter erzählt , dringt das ferne Gelächter aus Voltaires “Candide oder Der Oprimismus” über Gottfried Wilhelm Leibniz’ ursprünglich gottgläubiges Postulat , wir lebten in der besten aller möglichen Welten . Ein Credo , das seither von jeder Ideologie usurpiert worden ist .

Wer sich nicht dreinfügt , wird keine Heimat finden . Mit ihrer Skepsis gegenüber den akkordierten Rezepten zum Besserleben , Bessersprechen , Besserschreiben , bleiben Rosa Pocks Figuren freilich alleine . Entprechend oft werden Motive der Melancholie , des Exils und der Isoliertheit zitiert . Ein Beispiel aus “die hundekette . mein eigenes revier” :

… und vergeblich du sprichst / sodass du nichts ausrichtetst / mit der spache / WIE du sie sprichst / überhaupt / dein vergebliches bemühen / du kannst es vergessen. ( “vergeblich” )

Obwohl dieser sprachliche Eigensinn der Figuren ganz offensichtlich im Konflikt liegt mit den umgebenden Konventionen , ziehen sie das Drehmoment aus Wut und Trotz dem Einschwenken auf die allgemeine Linie vor . So formuliert das “Modell- Mädchen” der “kleinen Familie” ihren Widerstand gegen die beste aller möglichen Welten wie folgt :

… mein Motor bleibt die Unzufriedenheit mit allem und mit mir - wo käme ich hin, wenn ich nie mehr mein eigener Feind wäre .

Man merke , hier wird kalkuliert : Wie hohe Eigenkosten zeitigt der Eigensinn , damit die Eigensprache auf ihre Rechnung kommt ?

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ASKESE | ANARCHIE

icon ac voltage sourceFreilich führen die hoch artifiziellen Sprechfiguren viel Fehlendes in ihrer Rede . In allen Formen begegnen diese Textkörper der ewigen Spannung zwischen Begehren und Entfremdung mit dem Ruf nach Regel , Regime und Askese . Als wollten sie sich in der Re- Duktion ganz auf sich selbst zurückführen . Konzentrieren . Aber die Autorin verweigert ihren Figuren das Pathos der letzten Konsequenz . Bevor noch die eiligen Eins- zu Eins- Exegeten herbeieilen und den Topos der weiblichen Selbstverletzung besetzen , haben die Textwesen bereits die selbst aufgestellte Regel verletzt .

In diesem Wechsel zwischen Regel und Übertretung , System und Anarchie, in diesem unkalkulierbaren “Justament” mag man die poetische Signatur Rosa Pocks wahrnehmen . So divers sich die Systeme der einzelnen Texte gestalten , so bleibt ihnen das Wasserzeichen eines nonkonformen Trotzes stets eingewebt .

In diesem festen Fundament ankert nicht nur die immanente Skepsis gegenüber einer unmenschlichen Mechanik , sondern auch die Fähigkeit und der Wille zur Empathie .

Die Welt , das Reale , ist kein Objekt . Sie ist ein Prozess . ( John Cage )

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Werner Herbst | 1943 - 2008



 

WERNER HERBST

Keiner der Long- oder gar der Shortlisten . Keiner , den Wikipedia nennt und kennt . Sondern Einer , der für ( nicht nur eigene ) “sehtexte” das Wagnis eines eigenen Verlags unternahm .

WERNER HERBST und seine herbstpresse : seit 1970 unübersehbare Unikate mit konkretem Eigentext . Unik und kosequent der politische und poetische Wille zum Dialog : Mit bildenden Künstlern . Theater . Hörspiel . Musik ( feat. Andreas Leikauf et. al .) .

Und natürlich mit dem Kollegen und Freund im Verlegen und in der Performance . Legendär die “Literarischen Duett- Duelle” mit Gerhard Jaschke ( Freibord ) : “schöne stunden” , “vom häkchen zum haken” , “es ist, um den verstand zu verlieren” , “über den betrieb” , “albert ehrenstein - eine collage” , “unser nestroy” .

Werner Herbst ist , wie Gerhad Jaschke mitteilt , am Montag verstorben . Gerade 65 Jahre alt .

Zuletzt waren Ausgewählte Texte in der feinen Reihe “Podium Portait” erschienen . Sehenswert zeigt sich die “herbstpresse” online .

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Die Meldung : Der Standard , 20. 2. 2008 ( 2B updated )

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Gerhard Ruiss : Werner Herbst ist tot ( IG Autorinnen Autoren @ Literaturhaus Wien , 19. 3. 2008 )

Das große, weite Herz unseres Freundes und Kollegen, des Autors, Buchliebhabers, Pädagogen und Verlegers Werner Herbst hat aufgehört zu schlagen. In großer Trauer nehmen wir von ihm Abschied. Sein feines Sensorium für das Besondere, ob in der Auswahl der Bücher und Autoren, die er in seiner herbstpresse und auf seinen Einblattdrucken veröffentlichte, für Papiersorten, Schrifttypen oder Druckverfahren, mit denen er seine Publikationen ausstattete, oder in der Themenwahl und Ausführung seiner eigenen Texte, machten ihn schon früh zu einer Einzelerscheinung im literarischen Leben Österreichs. Er agierte mitten im Zentrum und an der Peripherie zugleich. Sein Wohnsitz war Wien, sein Lebensort Meidling. Mit welcher Liebe zum Detail er seiner Arbeit nachging, davon konnten sich seit vielen Jahren die Besucher der Frankfurter Buchmesse anhand seiner eigenen Veröffentlichungen und der seiner Kollegen in seinem Verlag überzeugen. Werner Herbst hat das Medium Buch & Buchdruck von allem Anfang an nicht genügt.

Er hat genauso Schachteln wie Geschirrtücher und vor allem auch das Bild als literarische Transportmöglichkeiten genützt. Legendär wurden und waren seine Wohlklanglieder beziehungsweise seine Gruppenarbeiten unter den Gruppennamen “Wohlklang”, “Neuer Wohlklang” oder “Die Herren”. Mit den “Herren” ( Herbst, Jaschke, Ruiss, Vyoral ) führten ihn Tourneen bis nach Deutschland und in die Schweiz. In der Schweiz, wo er regelmäßig jugendlichen und erwachsenen Analphabeten Literaturunterricht gab, arbeitete er auch als Pädagoge. Dorthin haben ihn auch erst jüngst seine beiden Lieblingsbeschäftigungen geführt, Bücher auszustellen und mit Texten zu arbeiten. ( more … )

Zusatz czz : Unter den Autoren der “herbstpresse” finden sich Klassiker der avancierten Literatur wie heimrad bäcker , Gerald Bisinger , Gerhard Kofler , Friederike Mayröcker , Walter Pilar oder Gerhard Rühm . Aber auch die Jüngeren sind mit Petra Ganglbauer , Ilse Kilic , Fritz Pober , Ronald Pohl , Nikolaus Scheibner , Lisa Spalt , Christian Steinbacher und Fritz Widhalm pfleglich vertreten .
herbstpress

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