ERINNERUNGSSKIZZE ZU LIEBLINGSBÜCHERN : JELINEK - ABISH | LAEDERACH - RÜHM
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SWITCH : DIE KINDER DER TOTEN

Edgar Gstranz betrachtet Gudrun Bichler ratlos, beide sind von irgendwoher hier eingetroffen, doch sie können nicht sagen, von wo, oh, welche Zumutung, die Gedächtniskraft wirkt nicht mehr, mit deren Hilfe wir uns der alltäglichen Dinge vergewissern können und dabei vergessen, daß Bücher, wie im Gebälk aufgeschlagene Fledermauskörper, uns genausogut die Wirklichkeit bewahren helfen könnten. [01]
lieblingsbücher sind texte, die, nach gründlich saugender anfangslektüre, im lauf der jahre immer wieder im bewusstsein des lesers aufgeschlagen werden, sich immer wieder aufschlagen.
details ploppen auf, namenskonstrukte, halbsätze, metaphern und ihre verdrehungen, aufspaltungen, neukombinationen, ganze absätze, abschnitte und schliesslich gleichzeitig und dazwischen, darüber, darunter: die struktur-erinnerungen, wenn im sekundentraum der textkonstruktion die begeisterungs-und die erschreckens-momente wieder konstruiert werden, die im erfahren der spezifischen textorganisationen der einzelnen bücher sich eingeprägt haben.
dazwischen noch die erinnerungen an die beziehungsverwerfungen der handelnden personen, die emulsionsbewegungen der vom text aus- und aufgeworfenen charaktere, der aufgeblätterten (aufgeblattelten) denk- und empfindungsmuster.
der name GSTRANZ ist so eine schöne verdichtung, zumindest für leserinnen und leser, die in der zweiten hälfte des zwanzigsten jahrhunderts im nachkriegsösterreichischen gelebt haben. er ist zusammengesetzt aus schranz und gstrein, zwei erfolgreichen skisportlern weit auseinanderliegender generationen, die als exemplarische attraktoren für den image- und wirtschaftsbelebenden fremdenverkehr der zweiten republik unverzichtbar waren. in schranz konnte sich nach seinem ausschluss von den olympischen spielen 1972 auch noch die ganze wir-sind-auch-und-schon-wieder-opferwut einer mitläuferisch wie täterhaft veranlagten kriegs-überlebensgeneration kristallisieren, die sich kollektiv durch den briten (= angehöriger einer alliierten-nation) in ihrer wirtschaftswunder-ehre der verdrängungs-dichten nachkriegszeit beleidigt fühlte, - und auf dem heldenplatz wieder mal massenhaft sich zusammenrottete als wär keine zeit vergangen, als hätte die befreiung von den nazis 1945 nicht stattgefunden.
befreiung übrigens wurde von diesen leuten nur mit untertönen der verachtung ausgesprochen. diese zischenden, knarrenden, oft fast tollwütig säuselnden, schleimenden, den optimistischen lexemischen gehalt von befreiung widerlaufenden gebrauch zu katalogisieren, könnte einen unendlich deprimierenden beitrag zur deutschsprachigen soundgeschichte von artikulationsgewohnheiten des hassens und der schuldgefühle im augenblick ihrer doch opportunen verhaltung ergeben.
karin frenzel, der dritten hauptperson des halblebens, des toten überlebens im dazwischen von nicht-mehr-ganz und nicht-schon-wieder, begegnen wir bald bei einem ausflug nach mariazell, dem gnadenlos durchrestaurierten wallfahrtsort, der am rande von elfriede jelineks alpiner zombie- und ghule-welt als katholische instant-institution ruht, jederzeit in den über- und unterirdischen inhalten aufbrühbar durch geschichtsbewusste wahrnehmung.
was an verdrängungs-anbetung (verdrängung durch anbetung) alles sich in einem akt apperzeptiv-historischen gegenwart-erlebens auflösen lässt, findet sich sich in folgender passage.
Das Wetter ist prunkvoll. es wartet auf die Urlauber wie Kathedralen, in denen es ständig hell wird, weil Millionen von Händen daran gedreht haben. Und Engel treten uns auf die Finger, wenn wir zum Heiland raufkraxeln wollen. Nur die Synagoge steht einfach so bös da und sticht den Herrn mit einer Lanze in die Seite, da wird das Kapitel endlich wieder dunkel. Die Synagoge will nicht und nicht fürs Foto freundlich dreinschauen. Auf nach Niederösterreich, wo die röm. Kirche Siegerin ist und auf Jerusalem zugeht, denn von dort geht eine Gestalt aus dem zerstörten Tempel, die hat ja ein Obstmesser, nein, ein Opfermesser in der Hand! Damit will sie gewiß die Nagelbrett-Mutter-Kirche erstechen. Erstaunlich. Es ist ein rechtes Kreuz mit uns! Gott wartet schon auf unsere Anbetung, die wie der Hauch von Hakle-Feucht von unseren Zeige- und Mittelfingern zu Ihm aufsteigt. Und so viele Anhänger an den Koffern! Ja, jetzt gehts an den Wallfahrtsort, der für Seine Mutter gestiftet wurde, obwohl natürlich Er der alleinige Chef bleibt. Die Frauen heulen unten, unter dem Kreuz, keine spricht vernünftig mit IHM, der sich vor seinen Fans bis in die Küche geflüchtet hat, wo er sich in Brot und Wein versteckt, das haben wir schon gefressen (”Jetzt reichts!”). Jetzt haben wir die Hände in die Seiten des Lamms gelegt und sind immer noch ungläubig wie Thomas, was für Preise sie hier von uns verlangen. [02]
bei büchern wie DIE KINDER DER TOTEN und den folgenden kann es nicht um sogenannte stellen gehen, denn all diese werke lassen sich von vorn bis hinten zitieren und fast jeder absatz, jedes kapitel taugt als stelle. einmal aufgeschlagen und hineingelesen, schon bin ich wieder mitten im text, öffnen sich mir die (einfühlungs-)räume der bilder und strukturen, nimmt mich der jelineksche sprachgebrauch gefangen.
auf 667 seiten entwickelt sich in 36 grosskapiteln eine enzyklopädie der formen abgestorbenen lebens allgemein und des österreichischen zwanzigsten jahrhunderts im besonderen. tote touristen aller altersklassen, eingelagert im idyllo-typ einer PENSION ALPENROSE, interagieren auf das verwesendste mit- und ineinander.
der steirische semmering, das rosegger-land, tourismus und forstwirtschaft, wetter und unwetter bilden die hauptkulisse für das gewaltige reflexions-schauspiel über wieder aufbrechenden, wieder sich realisierenden, sich vergegenwärtigen wollenden vergangenheits-schleim.
ungeachtet ihrer organischen hinfälligkeit, vereinigen sich die bereits toten personen auf körperzerfallende weise, gehen sie ein in die grosse mure, die einen text lang das unterste zuoberst wälzt. in einem langen orgasmus der wiederausspeiung alles unverwesbaren schreiben sich die unverdrängbaren untaten in die postkartenkonstrukte ein.
die einzelnen kapitel bestehen aus längeren und kürzeren abschnitten, die fast immer jeder für sich schon eine kleine kostbarkeit an satirisch-sarkastischer metaphern-umwälzung sind. idiomatische wendungen unseres aufwachsens, faustregeln (heuristiken) der initiation in die (verdrängungs- und vergessenheits-) gesellschaft, regelbruchstücke der “richtigen” sicht- und denkweisen, fremdenverkehrsslogans und parteiparolen werden von elfriede jelinek mit unnachahmlichem drive zu hochpoetischen erzählungen komponiert.
all die horror-vorstellungen vom unerlösten leben nach dem tode, in permanentem zerfall, wie sie in okkulten schriften und den schauerstücken der schwarzen romantik auftauchen, akzentuiert durch einschübe naturwissenschaftlicher detailgenauigkeit, ergeben ein buch, in dem in jeder zeile einerseits der flow zu erfahren ist, dem sich die schreibende person überlässt, andererseits die unbedingte kontrolle über die komposition, die jede abschweifung, jedes parlando der motive souverän zurückführt ins grosse thema: dass keiner lebt, solange die scheusslichkeiten der vergangenheit unaufgearbeitet unter den mehr oder minder schmucken oberflächen der personen wie der gegenden lauern.
gedächtnis als biomasse, metaphorisiert als dauerndes werden des verfalls im verfallen des werdens, die den stillstand einer gesellschaft als sprache zur sichtbarkeit bringt, die mehrheitlich in den tabus der ahnenverehrung ihrer täter und mitläufer stecken geblieben ist. sie ist auch stecken geblieben im negieren der ungeheueren anzahl der opfer eines menschenvernichtungs-regimes, von denen nicht zu reden stets erste nicht-erinnerungs-pflicht war. so radikal verdichtet hat noch selten ein gesellschaftsroman strukturen und prozesse eines staatswesens, das nicht mit dem österreich der letzten jahrzehnte zu verwechseln nicht gelingen wird, sequenz für sequenz offenbart.
selten habe ich in einem buch so viel trauer und mitgefühl gefunden, so viel schmerz in der unmittelbarkeit des erzählens von verfolgung und tod der menschen, die von ihren denunziationslüsternen, raubgierigen und mörderischen nachbarinnen und nachbarn mitten aus dem alltag einer als gefestigt scheinenden zivilisation in die mordmaschinen der kz getrieben wurden.
da keine zeit vergeht, weil in elfriede jelineks sprach-kontinuum immer simultan spezifische ursachen und wirkungen in einer präzis gestalteten gemenge-lage aufeinander einwirken, gibt es keine von den schrecken der missetaten unkontaminierte wahrnehmung.
mitten in der sommerfrische, in der idylle des ausflüglerdaseins, bricht aus den untiefen gegenden menschlicher existenz herein, was nicht mehr unterdrückt werden kann. ein beispiel, in kollektiver figuren-rede:
Brüder und Schwestern sind zu uns herabgestiegen und wie haben wir sie behandelt? Sie haben ihre Habe in Oberdöbling zurücklassen müssen, ihre Geschäftsrücklagen, ihren Familienrückhalt, und sind mit Zügen, in denen sie jeden menschlichen Zug schon verloren hatten, bevor sie überhaupt noch das Feuer durchschritten hatten und im Schornstein angekommen waren (ja, sie waren glatt ausradiert, bevor sie sich noch auf dem Spielplatz einschreiben konnten, wo Menschen und Schäferhunde auf dem Ab-Richtplatz mit ihnen gespielt haben, anstatt umgekehrt), nach Osten, ins Reich der aufgehenden Sonne (zum Glück nicht unser Reich der Mitte, in unsrer Mitte hätten wir, gleich neben unseren Mietwohnungen, sowas nicht haben wollen!) verschoben worden, damit sich jemand an ihren Seelen, Brillen, Pelzmänteln und Gebissen beleben konnte. Man labt sich und wird dann dafür 50 Jahre lang belabert ! [03]
der witz des zorns bewahrt vor dem unproduktiven versinken in resignation und stiller verwzeiflung. in der komplexen gleichzeitigkeit des furiosen erzähl-stimmen-werks macht wut (sich) die (zweite) luft, verbessert diese nachhaltig die luft der zweiten republik.
ereignet sich auch die von kunstwerken versprochene katharsis, die aus dem sich-erschüttern-lassen sich ergebende läuterung ?
die ist - wie in jeder gegenwart - auch in DIE KINDER DER TOTEN als mögliche zukunft (des lesers) enthalten.
weniger allerdings in den medien, den allgegenwärtigen, die alles senden, was ihren ausschnittscharakter vergessen macht.
Knisternd fahren Solettistangerln aus ihren Packungen und das Bild aus dem TV-Set, und Karin zuckt zusammen, hat sie Gehöraffektationen? Das Knistern des Zellophans, das Rutschen der Salzstangerln, das Ungestüm des Sprechers, der eine Kollegin mitgebracht hat, weil die Nachrichten für einen allein zu schrecklich sind (…) Die Mutter wirft Fragen gegen den Nachbartisch, die gleich vom Nachrichtensprecher beantwortet werden. (…) Der Fernseher öffnet mit einem verschwörerischen Zwinkern sein Zyklopenauge zu einer Live-Darbietung. Tote Afrikaner schmeißen die Haxen, tote Österreicher hauen sich über die Leidplanken. Ein Schwall von Licht springt hervor, ein Atem hebt an. Alle Köpfe heben sich zu diesem Gebirge an Informationen, die in den Brunnen eines jeden Zuschauers geworfen werden und mit einem Platsch, sie haben Verspätung, in diesem ankommen. Wo sind die Zahnstocher? Stiller ruhiger Brunnen, steile Festung, schlaf schlaf im Schnee, die Meute mit den Hunden ist schon im Kommen, es ist so oft versucht worden, ihnen Menschenfleisch abzugewöhnen, aber sie essen es halt gar zu gern. Sie sind ja durch den häufigen Genuß auf den Trichter gekommen, durch den immer wieder Nachschub fließt, immer neue Nahrung. Die Billigesser nehmen eine lange Wanderung auf sich, um ihre Genußscheine vorzeigen zu können, auf denen seufzend das Ableben einer ganzen Tier- und Pflanzenwelt bestätigt wird, so, jetzt können dafür sie einziehen, Mund auf, Augen zu. [04]
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SWITCH : ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA
ein besonderes vergnügen ist das hineinlesen - und baldige festlesen in ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA von walter abish. das original erschien 1974 in new york bei new directions, die übersetzung ins deutsche hat jürg laederach vorgenommen. sie ist kongenial, poetisch auf der höhe, manchmal eigenwillig, stets auf dem quivive und bringt die frische des romans wunderbar in die gegenwart. die zweisprachige ausgabe erlaubt ein ständiges springen zwischen dem deutschen und dem englischen text. mir geht es dabei so, dass ich dann jeweils in der einen sprache weiterlese, bis mich ein wort oder eine wendung geradezu auffordert, doch in der übersetzung oder im original nachzuschauen, wie es dort heisst, und ich dann in dieser sprache weiterlese, und so weiter, und so fort. [05]
das buch ist entschieden experimentell und wundervoll lesbar zugleich, es ist ein ausgewachsener liebes-, kriminal- und afrika-roman, ausgeführt als struktur-erzählung einer am alfabet orientierten versuchsanordnung. passenderweise unterscheidet sich das deutsche nicht vom englischen alfabet, so kommt die übersetzung | nachdichtung ohne strukturverrenkungen aus.
26 buchstaben hat das alfabet, 52 kapitel ALFABETISCHES AFRIKA (104 mitsamt dem original).
im ersten kapitel dürfen nur wörter verwendet werden, die mit dem buchstaben “a” beginnen, im zweiten schon wörter, die mit “a” und “b” anfangen, bis zum kapitel “z”, in dem alle anfangsbuchstaben zugelassen sind. dann geht es weiter, wieder mit “z”, dann “y” und bis zum kapitel “a”, das wiederum nur aus wörtern mit dem anfangsbuchstaben “a” besteht. die kapitel des zweiten teils korrespondieren auf vielfältige weise mit den vorgaben des ersten teils, nehmen allerdings andere blickwinkel ein.
wie es anfängt und gleich seine methode herzeigt, mitsamt der hauptsächlichen personal-konstellation und der exposition kommender ereignisse, hier als anfangszitat.
Am Anfang allen Anfangs Alex, Allen, an Alvas Arm. Ankunft Antibes, Aussichtsterrasse, alter Ankerplatz. Als Alvas Aussehen alle anzog, allerhand Anzügliches anregte, als Alex Abmahnungen ausstieß, als Allen ärgerlich atmete, artete alles auf Anhieb aus: Abermaliges abgedroschenstes afrikanisches Amüsement …. Achje. Auch argumentierten alle, alte angsterweckend angeschwollene afrikanische Armee avanciere, attackiere andauernd afrikanische Ameinsenhügel, Ameise auf Ameise abschlachtend. Als Alex anschließend alte Ansichten abermals ausformulierte, amtierte ausgerechnet Albert als Angeschuldigter: angeklagt außerordentlicher Akzeptanz aller Ameisen-Annexion, Ausführende: Antipoden. Anderes Apartment: Albert arbeitet ausbaufähige Antwort aus, argumentiert anti Armee. Antwort: Ameisen als ‘ants’, Ameisen als ‘ants’ ? [06]
dazu kommt noch autor a., der mit seinem roman, den er über oder für oder gegen alva schreiben will, schreiben wird, schreibt, nicht verloren geht. schliesslich gibt es den buchstaben “i” - und der ich-erzähler ist da, gleich stellt er sich mit einer hartnäckigen zurücknahme seiner existenz ein: “Ich bin hier als Abwesender genausogut anwesend.” (s. 37) immer wieder unterstellt der verfasser, dass sich a. und ich-erzähler ineinander spiegeln könnten.
die abenteuer alvas, einer sexuell hochaktiven frau, die offen ist für alle männer- und frauenwünsche, halten in ihrer erotischen fesselungskraft die romanhandlung zusammen, während afrika-materialien aller art ganz erstaunliche tatsachen und fabelhafte ereignisse berichten.
so ziemlich alles, was sich von und über afrika sagen lässt, tritt auf. die phantasmen der white hunter und kolonialwarenhändler, die animistischen weltsichten der so unterschiedlichsten eingeborenen, ihre ritualversessenen magischen sichtweisen und denkmuster, schliesslich technokraten, ingenieure, überhaupt alle zubetonierer der afrikanischen landschaft nach der unabhängigkeitswelle der sechziger jahre. dazu die spinner, geschäftemacher, auftragskiller, söldner aus allen teilen der welt, die den auch sehr merkwürdigen und sehr machtbewussten einheimischen in vielfältigster weise nützlich sind.
queen quat, ein herrschender transvestit, der immer wieder das unbedingte bedürfnis nach absoluter macht artikuliert, möchte sein kleines land vollständig in der farbe orange lackieren lassen, schliesslich ist er oder sie doch nach einer phase der fabrikation von kosmetika gross in die lackproduktion eingestiegen. orange deshalb, weil in einer internationalen karte, auf der die einzelnen länder durch farben differenziert sind, sein land orange eingezeichnet ist.
denke ich heute an die attitüden eines idi amin oder des kaisers bokassa, dann staune ich eher, wie genau (und vorausschauend) walter abish gerade in den besonders abseitig erscheinenden anekdoten ist.
das anekdotische ist es auch, was neben den redegewohnheiten, afrika-klischees und afrikanischen euphemismen als sprachmaterial durch den dschungel des alfabets führt. so wie die geschichte vom autor im buch, der - in einer art wandersage - verbreiteten erzählungen vom “schrumpfen afrikas” nachforscht. ständig hat er den eindruck, dass sein verdacht der schrumpfenden landmasse bestätigt wird. sicher ist, dass auch sein afrika nicht existiert, dass alle vorstellungen, sei es der europäer, der amerikaner oder der eingeborenen über das alte afrika hinfällig geworden sind. alle bewegen sich auf und durch einen kontinent, dessen zutreffende beschreibungen erst gefunden werden müssen. noch sind diese zugänge verbaut von den traditionellen - und ganz verschiedenen - sprachgebräuchen der mächtigen und der ohnmächtigen. nur die alles vernichtenden driver-ants / chauffeur-ameisen fressen sich durch brücken, häuser und menschen, während postkolonialisten und technokratisch erfahrene neo-häuptlinge ihre klunker- und rohstoff-deals realisieren. die gewalt ist selbstverständlich, menschenleben zählen nichts und geschichte ist nur vorhanden, wenn sie zur gegenwart passt.
es durchzieht ein fassungsloses staunen über die tendenziell anomische gleichzeitigkeit der gegensätzlichsten wünsche und über das gänzliche fehlen humanistischer oder sonstwie menschenleben achtender handlungsmaximen das ganze buch. die zerfallenen alten ordnungsstrukturen, die, bei stets zunehmender bevölkerung (insofern “schrumpft” der kontinent real-metaphorisch) durch eigentlich nichts ersetzt werden, ausser mehr oder minder mörderischen parodien alten stammestreibens, bedingen wohl, um überhaupt darstellbar zu sein, eine konsequente strukturierung des textes.
während in manchen kapiteln viel von “codes” die rede ist, werden als buch die wirkweisen der codes, besonders die restringierten codes, wie sie als kategorisierung für untersuchungen wort- und syntax-armer umgangs- und unterschichtsprachen erfunden wurden, exemplifiziert.
was mit dichten wortfolgen und kurzen sätzen beginnt, erweitert sich und verflacht bis zum kapitel “z” zu einer durchaus mainstreamigen erzählweise erotischer und kriminalistischer vorgänge. dann, wenn das delta des erzählstroms in ein anderes delta mündet, von dem aus es wieder flussaufwärts geht, wird das zur verfügung stehende lexikon wieder in seinem angebot restringiert, es verdichtet sich der text erneut zu intensiv collagierten passagen, die auch konrad bayer hätten gefallen können. das angebot der sprache erschafft und formatiert, wie und was wahrgenommen wird.
hilft die gewählte schreibregel das überreichlich vorhandene material anfangs und gegen ende auszuwählen, so zeigt sich in den eher erzählerischen passagen der autor in stärkerem masse für seine schöpfung verantwortlich. was schliesslich dazu führt, dass all die heftigen kriminellen und erotischen begebenheiten, mal relativiert, mal überhaupt widerrufen (widerschrieben?) werden, bis letztlich, solange noch in halbwegs ganzen sätzen episiert werden kann, die ereignisse zwischen den handelnden personen als reines phantasiegespinst, als reine handlungsvorschläge des autors im setting des afrikanischen verschwinden.
ein detail noch: immer wieder eingeschoben in die kapitel findet sich ein kleines, zufälliges wörterbuch aus afrikanischen sprachen | dialekten, das für die personen der handlung wenig funktion hat. die einzelnen wörter und ihre übersetzungen sind sowas wie stücke einer ausstellung, die anstelle von plastiken oder bildern den text bereichern, ausgefuchst gebrauchslos stehen sie als würdevolle sprachdenkmäler in beiden textversionen gleich fremd herum.
das alfabetische afrika eines autors, das walter abish ein buch lang entwirft, endet mit dem, was von texten überbleibt, wenn die handlungen abgelaufen sind, den namen der personen und der anrufung des alfabets. alles, was weiter sich ergeben kann, wird anders, aber mit diesem werkzeug, erschaffen werden.
im schlusskapitel verdichtet sich die alfabet-orientierte vorgangsweise des autors nochmals, wenn die substantive als kadenz ihrer diktionär-fiktionären ordnung im countdown runtergelistet werden.
another abbreviation (…) another attraction another author another autograph another automat another avalanche another avenue another aversion another aviary another avoidance another avocation another avid avowal another awareness another awakening another awesome age another axis another Alva another Alex another Allen another Alfred another Africa another alphabet. [07]
ein buch wie dieses, wünschte ich mir, könnte doch auch mal hunderttausendfach in der wiener stadt verteilt, verschenkt werden, falsch wäre so eine literatur-als-kunst-aktion nicht. walter abish, der jetzt in new york lebt, wurde 1931 in wien geboren, als kind kam er auf der flucht vor den nazis nach shanghai, nach einigen jahren und einem architekturstudium in israel unterrichtete er ab den frühen 50er jahren er in den usa an den universitäten columbia und yale.
einen stärkeren thematischen bezug zu elfriede jelineks DIE KINDER DER TOTEN hat allerdings sein roman HOW GERMAN IS IT - WIE DEUTSCH IST ES, der 1980 erschien. darin ist der erzähler eine sehr interessante mischung aus fremdenführer und detektiv, der fragend und baedeker-infos ausstreuend durch das deutschland zur zeit der RAF fährt. die nazi-vergangenheit scheint im alltag vollständig vergessen, stadt und land sind peinlich sauber, schmuck geradezu, nur die vereinzelten anschläge der terroristen stören das ordentliche erscheinungsbild. eine stimmung des penetrant unguten, des gfäudn, wie man in wien sagt, durchzieht das buch, das auch einen philosophen enthält, der sich intensiv mit der titelfrage beschäftigt: was ist das kontinuierlich deutsche an den deutschen. 1981 wurde das buch mit dem ersten PEN | FAULKNER-award ausgezeichnet.
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SWITCH : TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN
ein anderer autor, ein anderes alfabet, ein anderes wörterbuch, ein anderes konzept, eine andere konstruktion, ein anderes sprachkunstwerk.
“Wer A sagt, muss auch B sagen” lautet ein motto von TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN. schon die gattungsbezeichnung ist wörtlich zu nehmen, denn das buch ist in radikalster weise die utopie eines romans, ist als sprachkunstwerk - wie die meisten arbeiten von gerhard rühm - gleichzeitig auch exemplarisch für den expansiven umgang des autors mit genres, gattungen, arten. zum akt der schöpfung (bei TEXTALL dauerte er von 1988 - 1992) gehört immer auch die neuschaffung der gattung, der das werk angehören wird. nicht irgendwelche enge literaturwissenschaftlich gängige definitionen bestimmen, was ein roman ist, sondern jeder roman, und TEXTALL auf jeden fall, definiert durch seine existenz die aktuellen grenzen von gattung und genre. allein diesen anspruch in einem buch realisiert vorzufinden, macht es unausweichlich zu einem lieblingsbuch.
zur konstruktion: der text besteht aus dem gesamten wortangebot des deutschen teils eines japanischen wörterbuchs. gegliedert in 22 kapitel, sie entsprechen den 22 buchstaben, die in der umschrift der ideogramme das japanische vom lateinischen alfabet benutzt. jedes kapitel wird eingeleitet durch die textsorte zeitungsartikel, vom 1. bis zum 22. jänner 1992 gesammelt. der zunehmende zeitliche abstand der aktuellen meldungen gibt TEXTALL eine historische dimension. die aufgerufenen erinnerungen (oder bei jüngeren lesern: nicht-erinnerungen) lassen das narrativ entstehen: erzählungen aus einer mehr oder minder vergangenen, die gegenwart noch immer mehr oder weniger durchdringenden, kontaminierenden welt. bei einem bestimmten wort hört der artikel auf und die poetischen texte beginnen, er setzt als fusstext erst wieder ein, wenn in der dichtung ein schaltwort erscheint (gekennzeichnet mit einem sternchen). an dieser stelle muss sich der leser entscheiden, in welcher sprachwelt er weiterliest: im narrativ der zeitungsmeldung oder im assoziationsdichten textfluss des jeweiligen stichworts, in das die einzelnen kapitel gegliedert sind.
überwiegend ist prosa die textgattung der wahl. oft über viele seiten faltet sich ein hervorragend surreales, assoziationsdichtes sprachgewebe auf, das einen beim lesen ständig aus der normalen sprachwelt herauskatapultiert in höchst anspruchsvolle textlichkeit. die im alltag verankernden bzw. den alltag ausmachenden orientierungen verlieren an verbindlichkeit. ich lese mich schwebend, texte und kontexte kippen ineinander, schaffen sich (und mich) neu.
stellvertretend und als einstiegsvorschlag der hinweis auf einige stichwörter: “begierden” (s. 32f), “beschreibung” (s. 36.f), “käfige”, “katalog”, katastrophen” und “kaufhaus” (s. 100 - 119). ein kleiner ausschnitt aus “kaufhaus” mag die fluide textgestaltung, die souveräne beherrschung des materials und der methode wie die poetische qualität einer gegenwarts-surrealen sprach-inventur zeigen.
(…) scheunen für zeppeline, (luftschiffe). koks für kläger. höhere und bessere appartementhäuser gegen atemnot (atmung durch atemzüge). kleine sinfonien, heimatlose trommelfelle und andere galanterie- und kurzwaren. detaillierte fohlen mit genauen kreiseln. sind sie verlegen und ratlos heute abend? dann guten abend beim zusammenspiel mit hochmütigen aufgeblasenen mitspielern! knüppel gegen büchsenfleisch. seetang und roher reis für ihre schläfe. drängen sie sich um die pauschale nach dem komma. hintertore gegen schwangerschaft. fledermäuse für ammen und kindermädchen ohne kompass. zirkel zum schliessen. wiegenlieder aus dem computer. weizen und mehl für dunkelblaue beamte mit geduld und energie. kondensatoren, die insekten mit einem eckstoss (eckball) zerschellen und pulverisieren, bevor sie selbst in stücke gehen. präservative zum kneten, vermischt mit vitamin b, diesmal ohne beziehung, von nun an vom müller. diesen monat unser anliegen: eine mischung mischlinge auf ihre bitte. eine basis aus beton für ihre gesinnung. (…) [08]
alles ist allen bekannt, aber dank gerhard rühms collagierender, montierender schöpfungs-intervention entsteht eine sprachwundervolle parallelwelt, die - so die von den vorworten insinuierte erklärung - synchron in - aber getrennt von - unserem bekannten universum existiert.
die mehrfachwelten-spekulationen von quantenphysikern leiten das TEXTALL ein, gemeinsam mit einem auszug aus bertrand russells “Das ABC der Relativitätstheorie” und bemerkungen zu zen, objet trouvé (die glücklich gefundenen objekte), surrealismus (christian kellerer: “Zur Psychologie der modernen Kunst“).
ein schaltwort, so die assoziation, könnte als brücke (oder als schleuder) von einer der mehrfachwelten zur anderen dienen - wobei allerdings, wenn ich es recht verstehe, man immer nur in einer welt existiert, egal in wie vielen welten man sonst noch so oder so ähnlich existieren mag. konkret ist man immer in der einen welt. vielleicht ist “unser” universum ja auch das einzige, in der mehrfachwelten-theorien artikuliert werden können.
das sprachmaterial mag noch so zufällig und vorgegeben sein, ist es nur reichhaltig genug, dann entstehen zwangsläufig texte, die von der unverwechselbaren hand- (bzw. maschin-)schrift des autors, von seiner einzigartigen konkretheit zeugen. seine denk- und schreibhaltungen, seine assoziations- und pointierungsgewohnheiten, der ganze fundus erarbeiteter formen, all die lieblingsthemen und blickwinkel (das weltall z.b. oder weltuntergänge), bereichert um die tätigkeiten und gegenstände hier des japanischen alltags eben, machen gerhard rühms TEXTALL aus. konkrete poesie, gedichte, traumlogische textaggregationen, lustvolle sprachspiele mit logik und widersinn, mit bild und rahmen, text und kontext, inter- und metatext finden sich immer wieder. besonders schön unter dem stichwort “illustrierte” (s. 79 - 94), wo sich der text in der art einer bildunterschrift unter leeren rechtecken entlangzieht und die zu einer illustrierten nun mal gehörenden illustrationen völlig der phantasie des lesers überlassen bleiben. eine brauchbare zen-illustrierte ist erfunden. immer wieder allerdings ertappe ich mich dabei, dass ich erinnerungen an fotomontagen und zeichnungen rühms, wie ich sie seit den 70er-jahren kenne und schätze, in die freien felder einfüge.
widmungen dürfen in einem vollständigen roman nicht fehlen, auf sie weist der autor mit vollendeter eleganz hin:
dieses buch ist den lesern der dichter gewidmet, denen die kapitel 10, 15, 16, 17 gewidmet sind.
mit einem zitat aus dem 15. kapitel (benjamin péret gewidmet) möchte ich mit meinem parallel-lese-switch durch lieblingsbücher für dieses mal aufhören. es ist ein mit mehrfachbedeutungen spielendes listen-gedicht, dessen paar-vorschläge man ernsthaft bedenken sollte.
paare
der spielautomat, die spielhalle.
der backofen, die bäckerei.
der bäcker, die eisdiele.
der eisbrecher, die pastete.
der slip, die unterhose.
der schlüpfer, die strumpfhose.
der pianist, die pediküre.
der schlafanzug, die ananas.
der sexfilm, die pinzette.
der strafstoss, die kneifzange.
der locher, die dauerwelle.
der deckoffizier, die party.
der zahlmeister, die petersilie.
der partner, die funkstreife.
der streifenwagen, die halbtagsarbeit.*
der kitt, die reifenpanne.
der prospekt, die technische dichtung.
der betrug, die parkuhr.
der grosse hunger, die pfefferminze.
der paprika, die papierserviette.
der anstreicher, die farbe.
plumps! klatsch ! [09]
und hinter den urknall | urhauch des a-sagens gibt es kein zurück.
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SWITCH - NACHBEMERKUNG
noch einige vorschläge für die parallellektüre, das offen loopende herumswitchen in einem text-universum, das sich irreversibel ausdehnt.
friederike mayröcker: REISE DURCH DIE NACHT < > thomas ballhausen: GERÖLL | brigitta falkner: AU - DIE METHODISCHE SCHRAUBE < > gertrude stein: TENDER BUTTONS | werner kofler: IN MEINEM GEFÄNGNIS BIN ICH SELBST DER DIREKTOR < > thomas pynchon: VINELAND / liesl ujvary: ALPHAVERSIONEN < > anna blaman: EINSAMES ABENTEUER | elfriede gerstl: MEIN PAPIERENER GARTEN < > henri michaux: MEINE BESITZTÜMER.
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QUELLTEXTE
walter abish: ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA: übersetzung: jürg laederach (urs engeler editor 2002)
elfriede jelinek: DIE KINDER DER TOTEN (rowohlt taschenbuch 2004)
gerhard rühm: TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN (rowohlt verlag 1993)
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ENDNOTEN
[01] - elfriede jelinek: DIE KINDER DER TOTEN (rowohlt taschenbuch 2004), s. 446
[02] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 365
[03] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 246
[04] - elfriede jelinek: a.a.o., s. 217/218
[05] - vor- und zurückblätternd geniesse ich eine kleine sprach-spiel-anekdote, die jürg laederach beim übersetzen erfindet, sie hat mit dem englischen “prick” zu tun. abish verwendet die bezeichnung ganz selbstverständlich, laederach im deutschen text packt sein synonym-wörterbuch aus und kommt mit einer ganzen latte von euphemismen für den alltäglichen “schwanz” an, die von “schwengel” bis “balthasar” reichen.
[06] - walter abish: ALFABETICAL AFRICA | ALFABETISCHES AFRIKA - übersetzung: jürg laederach. (urs engeler editor 2002), s. 7
[07] - walter abish | jürg laederach: a.a.o., s. 370
[08] - gerhard rühm: TEXTALL - EIN UTOPISCHER ROMAN (rowohlt verlag 1993), s. 112
[09] - gerhard rühm: a.a.o., s. 145f
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herbert j. wimmer | 05.01.2008 | Erstdruck : Kolik 39
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Das Zitat entstammt einer NZZ- Rezension von