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vienna demolition VII : a story in pictures - Exit ‘Alserheim’



||| ANALOGIE DES HUMANEN | STAND : ENDE JUNI | FALL : ENDE JULI | RELATED | KLANGAPPARAT

ANALOGIE DES HUMANEN

Ohne falsche Gefühlsseligkeit sei hier in|ad|ae|qu|at behauptet : Wer im Labyrinth eines Hauses nie einen Organismus hat gesehen , teilte nie das animistische Weltbild des frühen Menschen und des Kindes . Gaston Bachelard mit seiner “Poétique de l’Espace” , der Walter Benjamin der “Einbahnstrasse” - sie haben die Parallelen von Keller , Treppen , Gängen , und “hochherrschaftlich möblierten” Repräsentationsräumen mit dem hierarchischen bzw. subversiven Winkeln des ( Un- ) Bewussten erkannt und benannt .

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STAND : ENDE JUNI

Als wir Ende Juni das verwaiste Studentenwohnhaus ( im Volksmund ‘Alserheim‘ ) an der Alserstrasse in Wiens teurem achten Bezirk zuletzt streiften , stand noch die Karkasse zu betrachten . Die Bagger hatten sich bislang - und wie üblich - damit begnügt , dem Gebäude nur jene Wunden zuzufügen , welche einer künftigen Ausweidung dienlich schienen .

Abbruch_Alser_Strasse_33_Juni_2008_copyright_Christiane_Zintzen

Wie schon an einem halben Dutzend “Fuhrwerkerhäusern” beobachtet , erfolgt das brutale Entrée der Bagger zunächst durch das Auf- und Ausreissen der Tor- ( vulgo Mund- ) Öffnung , bevor man sich von hinten an das allmähliche Ausweiden der Innereien macht .

Abbruch_Alser_Strasse_33_Juni_2008_copyright_Christiane_Zintzen

Zuviel Aufsehen soll dieser Prozess ja nicht erregen : Schliesslich steht ja seinem Ende ja meist eine weitere weitere Enteignung des öffentlichen Raums zugunsten merkantiler oder privater Interessen . In diesem Fall : Die Transformation eines aus der öffentlichen Hand ( mit- ) finanzierten Studentenheim in ein Privatspital für ältere Menschen .

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FALL : ENDE JULI

Exakt einen Monat später ist das Werk vollbracht .

Abbruch_Alser_Strasse_33_Juli_2008_copyright_Christiane_Zintzen

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In pessimistischer Lesung ist nichts weiter als ein Materialhaufen zurückgeblieben , dessen Bestandteile - Steine , Holz , Metall - nun sogfältig zum entsorgen sortiert zu werden haben . Diese neue Notwendigkeit zur Mülltrennung hat auch das Ende der berühmten “Abriss- Birne” eingeleitet : Heute wird quasi zärtlich und buchstäblich in slow motion Stück für Stück de- konstruiert .

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ben zi bena , ( Knochen zu Knochen , )
bluot zi bluoda , ( Blut zu Blut , )
lid zi geliden , ( Glied zu Gliedern , )
sose gelimida sin ( so geleimt sie seien )

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In Umkehrung der “Merseburger Zaubersprüche” wollen hier keine zerbrochenen Knochen wieder aneinandergefügt , sondern das Rohmaterial für spätere Verwendung zu- und vorbereitet sein : “Recyklen” bzw. “Rezyklieren” nennt man dies auf Neudeutsch . Bei den begehrten Brickstones vom Ende des 19. Jahrhunderts geht man mittlerweile so weit , die unversehrten Exemplare mit “k. & k.”- Doppeladler- Stempel aus den ehemaligen Drasche- Ziegeleien am Wienerberg aufzusammeln und auf Paletten zu stapeln : Begehrtes Auf- Bau- Material für zahlungskräftig- stilbewusste Nostalgiker .

Abbruch_Alser_Strasse_33_Juli_2008_copyright_Christiane_Zintzen

Im Fall des in den siebziger Jahren neu aus- und umbauten ehemaligen Biedermeierhauses ( samt Wirtshaus “Zum Goldenen Hirschen“ ) scheint freilich wenig rettenswert . Schuld nur der minoren Baumaterialien der Epoche ?

Abbruch_Alser_Strasse_33_Juli_2008_copyright_Christiane_Zintzen

Neu und überraschend - wir wollen auch eine positive Perspektive nicht verhehlen - freilich der Durchblick und die frische Einsicht in Stadtzusammenhänge , welche der unansehnliche Klumpen bisher verstellt . -

Abbruch_Alser_Strasse_33_Juli_2008_copyright_Christiane_Zintzen

Aber keine Sorge : mit frischen Mischmaschinen und erigierten Kränen wird man solchen Ein- Sichten in die Verfasstheit des Stadtkörpers demnächst schwer materiell entgegentreten .

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RELATED

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KLANGAPPARAT

Abgesehen von unserer grundsätzlichen Neigung zu Tunes & Texturen , wie sie das trefflich benannte Netlabel insectorama regelmässig zu Ohren czz-hoerempfehlungbringt , haben wir uns heute - zugegeben - vom thematisch in|ae|qu|aten Titel der Release Numero 027 hinreissen lassen : Mit der “Transition“- EP legt der ( nicht weiter zu identifizierende ) Franzose mit Künstlernamen Alter nicht nur einen vollendeten Pleonasmus hin , sondern auch eine hinreichend mechanistische Auffassung eines technoiden Umgangs mit Sequenzern und Loops : Was nicht heissen soll , dass die melodischen Motive nicht auch swiftend melancholische Momente anspielten . CLICK TRACKS TO LISTEN : 01. transition | 02. lanscape | 03. after rain | 04. strass |||

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text verschlingen | Angelika Kaufmanns “VerBuchung” von Texten Friederike Mayröckers



||| I. RUF | II. RAHMEN | III. RAUM | IV. REFLEX | V. RÜCKGABE | VI. REGENBOGEN ||| KLANGAPPARAT | CLICK EMBEDDED PICTURES TO ENLARGE ( # 2 - # 7 )

Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 ( 01 )

Also immer für sich einen neuen Anfang machen,
Tatzen auf der Maschine ( Friederike Mayröcker )

angelika kaufmann U 01

I. RUF
Sie hat den besten , sie hat den schlechtesten Ruf : die Schrift .
Den Einen gibt sie als alphabetisiertes Sinn - Bild , als Chiffre für die “Lesbarkeit der Welt” ( Hans Blumenberg ) , ohne die sich Gesellschaft und Individuum nicht in im Chaos der Phänomene beheimaten könnten . Schrift setzen heisst : Spur legen , Sinn machen .

Schrift legt Fährten , gewinnt Gefährten .
Kommunikation , Überlieferung , Einbindung - all das ist Schrift .

Anderseits :
Es erscheint die Schrift meist an Stelle eines abwesenden Menschen . Dem Lesenden eines Buches bleibt die persönliche Friederike Mayröcker , ihre Stimme und deren charismatisches Wesen fern .

Das Pneuma der verlautenden Stimme atmet aus dem Notat und kehrt sich aushauchend - in produktiver Ausfällung wieder in ein Notat zurück .”das zu sehende - das zu hörende” wird wieder ein zu Schreibendes , ein zu Lesendes .

Es bleibt : die Schrift . Die Schrift , die wir lesen .
Die Schrift , die wir vor Augen haben, gedruckt , im Buch . Die Schrift aber auch , welche Angelika Kaufmann nach zeichnet .
Nach schreibt . Ab schreibt . Neu schreibt . Weiter und weiter schreibt , das Freud’sche “Fort” in ein “Da” verwandelnd . Die Schrift , welche Angelika Kaufmann aus der Vergangenheit schreibt , in die Gegenwart schreibt und in die Zukunft . Und schreibt und schreibt .

So gross schreibt und so haptisch gestaltet , dass sich der Betrachter darin verstricken möchte . Oder sich in die Schwingungen , Schlingungen der Ober- und Unterlängen ( wie in eine Schaukel ) setzen . Nehmen Sie Platz .

Keiner erwartet Sie . - Aber ja doch : Die Schrift nimmt sich Ihrer an .

Diese Schrift - Angelika Kaufmanns TagesMitSchrift seriell angezettelter “magischer blätter” - mag zwar den Sinn in eine Form ordnen , ordnet sich dabei allerdings keinesfalls unter .
Sie ist keine Gebrauchs- Schrift . Keine Brauch- Schrift , die von sich selbst absieht , um Anderes - “Inhalte” - zu transportieren . Angelika Kaufmanns VerBuchungen sind keine Transportmittel , Normgefässe , Container , Flachwaren oder Gebinde für Füllstoffe und Nettogewichtseinheiten .

Angelika Kaufmanns AbSchriften sind Dichtung , ja :
Diese Schriften sind Dichtung AN SICH , nicht mehr und nicht weniger als Friederike Mayröckers poetisches Werk . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_01.jpgII. RAHMEN
Doch ich greife vor . - Oder bin ich zu weit zurück gegangen ? … zurück gegangen zur Kritik der Schriftlichkeit , wie sie seit Platons “Phaidros” variantenreich kursiert ? … wie sie mit jedem frisch auf der BildFläche auftauchenden Medium in neuer Version kursiert ?

Eine Kritik , die - pointiert formuliert - besagt , als dass mit der AufZeichnung ( dem RECORDING ) von Wissen , erst eigentlich das VERGESSEN beginnt ? - Die Auslagerung von lebendigem , erzählten Wissen auf die Festplatte des geschriebenen Textes birgt bereits das Moment eines Sterbens . Wer auf Überlieferung setzt , auf Schrift , RECORD und Verzeichnis , denkt bereits die eigene Abwesenheit .

Damit wird - cum grano salis - schon der Tod ins Werk gesetzt und die Hybris des In-der-Schrift- bzw. des Im-Werk-Überlebens . Man schreibt also am eigenen Epitaph .
Kassiber ins Abwesende , sei dieses räumlich , sei dieses zeitlich .

Es sei : Da jede Autorin und da jedem Autor allerdings “meine stattliche Haut, eidesstattliche Fliespapierhaut” ( 2 ) der pragmatischen Schrift bei der Sprach- Setzung näher ist als der eschatologische Rock , da der Markt das Medium “Buch” als Grundbedingung für das praktische Überleben in Verbreitung , Vertrieb und Verwertung erzwingt , will Literatur gedruckt sein .
So codiert sich in der Gutenberg- Galaxis nun einmal die poetische Flaschenpost : Zwischen Umschlag , Einband und Vorsatz , blättert sich die Werk- Welt her . Im Grunde eine Schachtel , welche man öffnet und wieder schliesst . Text und Schrift zwischen Deckeln .

Mit ihren Schrift- Bildern, Text- und Buch- Zerlegungen stellt sich Angelika Kaufmann solchen Verpackungsroutinen entgegen . Über Jahre vollzieht dies die Künstlerin in sorgfältig gesetzten Anordnungen . Anordnungen , welche sie sich selber auferlegt , seitdem sie von der Poesie Friederike Mayröckers - konkret von dem Gedicht “Im Elendsquartier” ( 1956 entstanden und abgedruckt im 1974 erschienenen Band “In langsamen Blitzen” ) - getroffen wurde .
Aus einer Affinität zu Mayröckers radikaler Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst , handwerklicher Arbeit und Leben hat die gelernte Gebrauchsgrafikerin Angelika Kaufmann eine Selbst- Beauftragung formuliert und - speziell während der letzten zwanzig Jahre - mit jeder neuen Werkgruppe , Schriftgruppe aufs Neue in Angriff genommen .

Etwa beim Prosa-Fliess-Text des “Herzzereissende[n] der Dinge“: Ein WeiterSchreiben über die Blattgrenze hinaus, Wort und Zeilenbrüche entgrenzend. Zäsur, Offenheit und Rhythmus der poetischen Vorlage sind solcherart allerdings keineswegs sistiert. Im Gegenteil ereignet sich das stille Drama von Spannung und Entspannung, Ausschreiben und Aussparen, Betonung und Atemholen im einzelnen Buchstaben…

… hätte ich ein unendliches Schreibpapier, so dasz ich nicht immer wieder
ein neues Blatt in die Maschine einspannen müszte und das vorhergehende
ablegen müszte, nämlich die äuszerste Fassung, nicht wahr, nämlich
meditative Versenkung welche vom Rasen der Zeit befreit … ( Friederike Mayröcker 3 ) |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_03.jpgIII. RAUM
Angelika Kaufmann nennt es “TEXTZERLEGUNG” .
Man könnte auch sagen :
Angelika Kaufmanns schriftkünstlerische “Faktur” ( Roland Barthes ) bestünde in der Schöpfung einer genuin neuen Fraktur . Indem sie die Buchstaben aus der Fasson üblicher Vollständigkeit herausbricht , schafft Kaufmann neue Räume . Irritierende Räume , wie uns die Anschauung zeigt .
Denn wir wollen - beanspruchen gar - jederzeit alles lesen zu können , was geschrieben steht . Angelika Kaufmanns “VerBuchungen” indes verwehren uns die lineare Lesbarkeit . Wir entziffern Buchstaben , bleiben dabei aber doch Analphabeten .

Angelika Kaufmanns Methode des Zeigens und zugleich Verbergens von Schrift- Sinn gewährt so mannigfaltige Perspektiven , dass es der linearen Rede schwer ankommt , eine einigermassen geordnete Führung durch diese Assoziations- Agglomerationen anzubieten . Womit wir bereits nahe am Wesen des eigentlichen Gegenstandes dieser Kunst und unserer Rede über sie angelangt sind : nämlich am wesentlichen ( Im- ) Puls der Poesie .

Man kann nämlich sagen : Es gibt kein effizienteres Aufzeichnungs- und Sinn- Speicher- System als die Poesie . In jeder Silbe , in jedem Laut , in jedem Wort und in jedem Vers - ja , sogar in den Zwischenräumen und Interdependenzen - ist so viel Sinn eingelagert , explodieren so viele Zeitzünder an Kontaktschlüssen und Bedeutungen , dass die sekundäre Rede stets der Hase bleibt , welcher dem poetischen Igel hinterher hetzt .

Unternehmen Sie doch einfach die Gegenprobe , indem Sie deskriptiv darstellen , was in einem Gedicht “geschieht” : WAS es sagt und was es NICHT sagt , WIE es gesetzt ist und WAS es freilässt , WORIN es Nähe sucht und wo es Differenzen stiftet … und voilà sind Sie mitten im Sisyphus-Schicksal von Philologie und Hermeneutik .
Hilflos hier , geniesserisch dort , können beide nie zu einem Ende gelangen . |||

angelika_kaufmann_copyright_chinesischer blindenschriftband_max_02.jpg

IV. REFLEX
Kunst ist Tautologie . Sie sagt sich selbst . A rose is a rose is a rose .
Sie sagt , DASS sie sich sagt . Sie sagt , WIE sie sich sagt .
Ceci n’est pas une pipe .

Angelika Kaufmann stellt dieser beseelenden , dieser skandalösen Tautologie ein Gleiches zur Seite . Die Poesie verbirgt , indem sie zeigt . Sie sagt Manches und schweigt eben so Vieles im Sagen mit . Als bildende , als Schriftkünstlerin muss Angelika Kaufmann “dieses Stillsticken”( 4 ) ZEIGEN . Aber wir sehen ja , was sie uns zeigt : “Es regnete, regnete viele Wörter auf es herunter” ( 5 ), heisst es in “Pegas” , dem Text- Bilder- Buch-Pferdchen von Friederike Mayröcker und Angelika Kaufmann . Schon auf den beiden Dimensionen der Fläche unterbricht Kaufmann die Linie oder lässt diese über die Blatt- Bogen- Ränder hinaus schwingen .

Sie macht uns damit SEHEN , wie viel wir NICHT sehen . Kaufmanns Fraktur akzentuiert beides : das Anwesende und das Fehlen . Rest-Rundungen, Synchronbögen , Diagonal-Marker . Fragmentarisch horizontale und vertikale ArchitekturFragmente von Schrift . In ihrer Präsenz lenken sie den Blick des Betrachters auf ungewohnte formal- rhythmische Muster .

Dort , “wo was fehlt” , dort also wo unsere früh anerzogene DechiffrierPflicht auf die leere Fläche trifft , schiesst die Phantasie ein und damit die ( persönliche ) Projektion .

Hier rhythmische Kontraktion , dort tabula rasa :

Von Angelika Kaufmanns Blättern murmelt nicht nur die sibyllinische Stimme der Poesie . Viel mehr noch : Blicken wir uns selbst in Gestalt unserer Projektionen entgegen . Nicht zufällig waren es Friederike Mayröckers “14 Spiegeltexte” ( 6 ) , mit deren AufZeichnung sich Angelika Kaufmann Mitte der 70er Jahre zuerst befasste .

So viel zu den Dimensionen Numero Eins und Zwei , den Flächen- Koordinaten .
Angelika Kaufmanns Ein-, Ab- , Unter- und Überschreibungen fädeln ihre subtilen Linien allerdings auch durch die Dimensionen Numero Drei und Vier . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_05.jpgV. RÜCKGABE
Mit ihren Installationen , ihren Papier- und Buchobjekten gibt Angelika Kaufmann dem Text zurück, was dieser ( wir erinnern uns an den Topos der Schriftlichkeitskritik ) ersetzt , entbehrt oder gar exorziert : den Körper . Von Handen der Künstlerin holt die Schrift - etwa der mit Kaufmanns Notaten überschriebene “CHINESISCHE BLINDENSCHRIFTBAND” ( 2000 ) das verlorene Moment des Leiblichen zurück .

In diesem entstehenden Buch habe ich einen Nicht-Stil angewendet also eine Art literarischer Selbstentblöszung, nicht wahr, also das Kritzeln/ Beschmutzen: das Kritzeln auf meinen nackten Oberschenkel oder ins Handinnere schreiben und ein schwarzes Kreuz zeichnen, das nicht mehr zu löschen ist … ( Friederike Mayröcker 7)

Die haptische Anmutung der Papier-Objekte , die Fingerspitzen- Lektüre der Braille- Schrift , diverse Viskositäten von Farben und Tinten , Porosität oder Versiegelung von Texturen . Die mit viel Wissen , List und Lust am Material vollzogenen Schreibmanöver verwandeln Schrift und Text in ein Gegenständliches . Als Objekte , die uns im Raum begegnen , lassen sie sich umgehen , lassen sie sich mit ihnen umgehen , von hinten und vorne , von oben und unten anblicken .

Ja , sie sind da , präsent , still virulent . Sie ragen , stülpen , blättern sich , falten und entfalten sich im realen Raum .

… In meinem Schosz die Notizblätter zwitschern, während des Schreibens … und die Notizblättchen in meinem Schosz zwitschern, während des Schreibens … in meinem Schosz, während ich sitze vor der Maschine, in meinem Schosz die vielen Zettel … ( Friederike Mayröcker 8 )

Das Gegenständliche und Konkrete von Angelika Kaufmanns haptischen Schreib- Kunst- Stücken verweist wiederum auf die eigenwillig körperliche Qualität des poetischen Projektes Friederike Mayröckers . Schriften , Papiere , Zettel und Briefe spielen eine eminente Rolle in Mayröckers Texten . Nicht selten geht die Rede vom Palimpsest der Papiere , Notizen und Zitate , so dass das Murmeln der Namen , Exzerpte und Zettel teils aus der Lebenswelt der Dichterin berichten , teils eine unabtrennbare Komponente dieser Dichtung selber sind .

… denn mein Tisch die ganze Tischfläche : ein gehäuftes Wirrwarr von Schriften, Zettelchen, Büchern und schmutzigen Tellern und Tassen …( Friederike Mayröcker 9 )

Damit wird Gegenständlichkeit von Schrift und Text in Mayröckers Texten in Lust und als Last zu einem Leitmotiv . Die poetische Sprache , das Wortwerk kommt buchstäblich nicht umhin , die Physis des Textuellen - darüber hinaus aber auch diejenige des Leibes und der profanen Dinge - zu besprechen . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_04.jpgVI. REIHENFOLGE
Tertium datur . Friederike Mayröckers Verzettelungen , ihre getreuliche Mitschrift der an- und aufgelesenen Zitat- Objekte, Angelika Kaufmanns dreidimensionale Schrift- , Buch- und Papierobjekte : Beide untersuchen in immer neuen Aufgabestellungen und Serien- Regeln “ein Gleiches” , indem sie den Urtext , abschreibend , als ein Anderes realisieren . Ab- Schrift wird Um- Schrift und bildet dabei “ein GleichesANDERS ab.

Friederike Mayröcker selbst schreibt in ihrem Hörspiel “Gertrude Stein hat die Luft gemalt” ( 10 ) der Sprach- Fallen- Stellerin Gertrude Stein den Satz zu , man müsse AB- SCHREIBEN , um zu verstehen . Ähnlich hatte es Walter Benjamin formuliert , als er - für sein “Passagen-Werk” exzerpierend - in der Bibliothèque Nationale sass : Während bei der ( stillen ) Lektüre uns der Text äusserlich bleibt , dringt dieser bei der händischen Abschrift gleichsam physisch in uns ein . Wir be- greifen .
Begreifen den Text in der Dialektik zwischen der Hybris solcher Aneignung und der Demut des Kopisten .

Womit wir in der vierten Dimension angelangt sind :
Ab-schreiben kostet ZEIT . Silbe für Silbe , Wort für Wort lesen , memorieren , kopieren , kontrollieren … der Druck auf die START- Taste des Kopiergeräts scheint da doch wesentlich effizienter . Die Photokopie als Ersatzhandlung für unterlassene Lektüren ist ein beliebter Topos im Akademikerwitz . Zugleich erzählt diese Praxis aber auch vom Unterschied zwischen HABEN und SEIN . HABEN wir den Text physisch gespeichert , dünken wir uns in seinem BESITZ .

Angelika Kaufmann dahingegen zeigt mit ihren Schriften , dass ein solcher BESITZ nicht zu HABEN ist . Nie zu erlangen sein wird . Durch ihr Hand-Werk hindurch und mittels der tagtäglichen , peniblen Abschrift weiss die Urheberin der Umschrift , dass sie zu keinem Ende kommen kann und wird . Ihre Pinsel- Abstrich- und -Abtupf- Tagebücher manifestieren die ZEIT als Element : Zeit als materialgewordene Erstreckung, Laufmeter der Tagtäglichkeit . Mittels der Reihung verstreichender JETZT- Momente gewähren Angelika Kaufmanns Kladden , Konvolute und Palimpseste erhellenden Einblick auf Gestalt und Gestaltung von ZEIT . |||

angelika_kaufmann_copyright_textzerlegung_MAX_02.jpg VII. REGENBOGEN
Damit teilen sie weiteres Charakteristikum des tagtäglichen WortFortWerkens von Friederike Mayröcker . Es wird ver- zeichnet , dass ver- zeichnet wird . Schreiben über das Schreiben , das sich beim Schreiben zusieht .

Demgemäss sind Angelika Kaufmanns VerSchreibungen, AbSchriften , UmSchriften , NachSchriften , ÜberSchreibungen und UnterSchreibungen sowohl Illuminationen als auch Verschlüsselungen der Poesie .

Vom “öffnen und schliessen des mundes” ( Ernst Jandl ) zum Augenschein der ersichtlich hermetischen Schrift : Längst läuft ein “Blütenverkehr” - so Friederike Mayröcker in einem Angelika Kaufmann zugeeigneten Widmungsgedicht ( 11 ) - zwischen den einander zugeneigten Werken hin und her . Die einst separaten Positionen von Vorgängigkeit und Nachzeichnung , Ein- und Abschrift fliessen als Kontinuum wechselseitigen Wirkens ineinander .

Stilleben auf dem Schreibplatz: Schnabelkanne und Haube verschüttetes
Badewasser, mit Regenbogen, auf dem Parkett ( Friederike Mayröcker 12) |||

angelika kaufmann U 04

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czz in : Angelika Kaufmann - Arbeiten auf und mit Papier 2000 - 2006 | Works on and with Paper 2000 - 2006 - wien , edition splitter 2007 , S. 38 - 71 | OUT NOW !

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( 01 ) Zur Ausstellung “Arbeiten von Angelika Kaufmann” [ zu Friederike Mayröckers Mein Arbeitstirol ] , Literaturhaus Wien
( 02 ) Friederike Mayröcker : Das Herzzerreiszende der Dinge - Suhrkamp 1985
( 03 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 04 ) op. cit.
( 05 ) Friederike Mayröcker, Angelika Kaufmann : Pegas , das Pferd - Neugebauer Press 1980
( 06 ) Friederike Mayröcker : Fantom Fan - Rowohlt 1971
( 07 ) Friederike Mayröcker : Und ich schüttelte einen Liebling - Suhrkamp 2005
( 08 ) op. cit.
( 09 ) op. cit.
( 10 ) Friederike Mayröcker : Gertrude Stein hat die Luft gemalt - Hörspiel , Regie : Klaus Schöning , DLF / ORF 2005
( 11 ) Friederike Mayröcker : für Angelika Kaufmann | sobald die Schneefeger [ 1. 1. 1997 ] - in: F. M. : Gesammelte Gedichte 1939 - 2003 , hg. von Marcel Beyer - Suhrkamp 2004
( 12 ) Friederike Mayröcker : ich habe angeboren das Blut | für Angelika Kaufmann [ 4. 3. 1997 ] - in : op. cit.

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KLANGAPPARAT

Dass Tom Larson mit seinen pulsierenden Patterns und fächelnden Flächen hat @ in|ad|ae|qu|at einiger Wertschätzung geniesst , dürfte sich über Jahr und Tag in der wiederkehrenden Erhebung seiner Mixes zum KLANGAPPARAT DES TAGES erwiesen haben . Zwar steht unmittelbar eine neue czz hörempfehlungRelease bevor , doch gehen wir noch einen Schritt hinter die jüngste ( Visions from above @ sonicwalker ) zurück und landen @ Loopazilla , dem ebenfalls hier schon charmant aktenkundig gewordenen Netlabel . Tom Larson ist - - - minimal auch ohne schal - - in poetischer Hochform und könnte in seiner luftig anmutenden , doch diskret strengen Manier eventuell in die Richtung der Papierarbeiten Angelika Kaufmanns weisen . CLICK HERE TO LISTEN |||

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dia LOG + LEKT isch



Der Briefwechsel , welchen Theodor W. Adorno und Walter Benjamin ab 1934 unterhielten , ist als Zeugnis so bedeutend wie vieldeutig . Ko- Respondenz im Wortsinn , beantworten hier einander zwei ( mit ihren 1925 bzw. 1928 gescheiterten Habilitationen ) akademische Aussenseiter auf der Suche nach Fundament und Signatur der Moderne .

Die Parallelen von “zwei Intellektuellen, die am selben Knochen nagen” ( Adorno ) brechen sich an den lebensweltlichen Differenzen : hier Benjamin , mittellos , im Pariser Exil , geistig beheimatet und aufgehend im Jahrhundert- Projekt der “Passagen” ; dort Adorno , elf Jahre jünger , finanziell und institutionell eingebunden , sich in ehrgeizigem Willen zu Werk und Wirkung verzehrend .

Diese mehrfache Verschränkung der Interessen lädt den Wortwechsel mit einer komplexen Dynamik auf , welche weit über das rein Private und Philosophische hinaus weist . Aus dieser inneren Elektrizität schlägt eine mutige akustische Annäherung nun Funken und Feuer : Die sorgfältig gewählten Zeugnisse akzentuieren die Meilensteine einer Beziehung des Werbens und Begehrens , Gewährens und Zurückweichens .

Mit Hanns Zischler , der die Adorno- Parts männlich drängend gibt und Martin Wuttkes weich leisem , manchmal fast weiblichen Benjamin wurden zwei fähige Sprecher gefunden , die halsbrecherische Syntax beider Schreiber zu meistern . Harald Krewers resolute Regie bewahrt den Wortwechsel glücklich vor den Untiefen persönlicher Einfühlung , gleichzeitig aber auch vor abstraktem Abheben . Durch den Kunstgriff , mit dem Herausgebers der Briefe , Henri Lonitz , einen sehr lebendigen und kundigen Kommentator zwischen die Papiersätze zu platzieren , erhält das Geschriebene und Gesagte Erdung und Lebenswelt . Selten treffen handwerkliches und konzeptuelles Können so glücklich zusammen wie in dieser Produktion - einem bemerkenswerten Plädoyer für die Möglichkeit eines richtigen Denkens im falschen .

Theodor W. Adorno | Walter Benjamin : Briefwechsel, gelesen von Martin Wuttke u. Hanns Zischler, kommentiert von Henri Lonitz, 3 CDs ( 180 Min.), speak low 2007 ||| Picto “Suchen” : Kati Söderberg @ papunet.net |||

Rhythmisch geklügelt im chiaroscuro zwischen ambient und minimal ::: czz hörempfehlung

23 metronome und -pole minuten von Kroatiens Gestaden . Kalope aka Jan Nemecek lässt in schönster Wiederholungtat auch die neue EP Flatfield beim Belgrader netlabel norbu erscheinen - nicht eben zum Schaden seiner Gastgeber - 01.flatfield (11:52) , 02.lintilla (10:53) . Wie man sieht , wie man hört : es lohnt sich . Aberdassagensiejaimmer .

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liebes kindlein, ach ich bitt



ansatz zu aufsatz , dann absatz , absetzen :::

was lässt sich davon in gesetztes “Feulletonisch” über-setzen ,was lässt sich dem , was sprachlos macht , entgegensetzen ???

>>> für Peter Weiss ‘ atemberaubend kaum prosaische rhythmen- , bild- und gewaltkompositionDie Ästhetik des Widerstandes” liegen die sätze nicht einfach so da . oder dort . zum entgegen-nehmen, -stellen, -legen . Karl Bruckmaiers BR-hör- “spiel” -inszenierung ins nun frisch durchgetrackt als CD-bündel zu haben – und die konsequenz aus des regisseurs abarbeitungen an Elfriede Jelineks textflächen (etwaBambiland” /Babel” ) ist radikale sprechoper > mehr Monte- denn -Verdi .

You get addicted – to the Book as well as to the Sound . bleibst aber – im unterschied zum beredten steinrelief in der legendären Beschreibung des Pergamon-Altars – sozusagen “stoa-staad” (= “bouche bée” )

[[[ siehe - - - und das motiv wird auch quer durch den text produktiv - - - das (( sehr unscharfe )) bild : : : " the empty space of Heracles" /"vermuteter platz des Herakles " ]]]

beiseite über “Leib / Bau / Schmerz” zu schreiben, über versehrbarkeit und über das schändliche Buch Hiob . . . ruft flugs einen alten vers herbei, der auf sonderbare weise in jenes Berlin führt, in welchem Weiss’ epos anhebt, 1937, aber eben: einem Andern ist dieses verslein aus seiner “Berliner Kindheit um Neunzehnhundert” erinnerlich - - - das verslein aus “Des Knaben Wunderhorn” handelt von letzter hoffnung mitten im kontinuierlichen sog des zerbrechens . . .

Liebes Kindlein, ach ich bitt, / Bet’ für’s bucklicht Männlein mit!” [Volltext unten] - - - und dann den Walter Benjamin finden, und dann sein Bucklicht’ Männlein” wiederfinden, welches ihn – und nur ihn, lebenslang – anblickt, also jeder sein eigenes «Bucklicht’ Männlein» hätte - - -

QUOTE ::: Meine Mutter verriet mir’s, ohne es zu wissen. Ungeschickt läßt grüßen, sagte sie mir immer, wenn ich etwas zerbrochen hatte oder hingefallen war. Und nun verstehe ich, wovon sie sprach. Sie sprach vom bucklichten Männlein, welches mich angesehen hatte. Wen dieses Männlein ansieht, gibt nicht acht. Nicht auf sich selbst und auf das Männlein auch nicht.” UNQUOTE.

suchen_papunet_kati-soderberg.jpg [ picto © again : : : Kati Söderberg c/o papunet ]

- - - der text schliesst und wird – sub specie mortis – gespenstisch prophetisch : : :

QUOTE ::: Es sah mich im Versteck und vor dem Zwinger des Fischotters, am Wintermorgen und vor dem Telephon im Hinterflur, am Brauhausberge mit den Faltern und auf meiner Eisbahn bei der Blechmusik, vorm Nähkasten und über meinem Schubfach, im Blumeshof und wenn ich krank zu Bett lag, in Glienicke und auf der Bahnstation. Jetzt hat es seine Arbeit hinter sich. Doch seine Stimme, welche an das Summen des Gasstrumpfs anklingt, wispert über die Jahrhundertschwelle mir die Worte nach: Liebes Kindlein, ach, ich bitt, / Bet fürs bucklicht’ Männlein mit. “ UNQUOTE .

co-inzidenzien – nicht zuletzt dank der glücklich im netz bewahrten seite des Berliner Benjamin-festivals – dreimal recht den namen der liebevollen seite erraten ::: Bucklicht’ Männlein” - - -

Das bucklige Männlein

Will ich in mein Gärtlein gehn,
Will mein Zwiebeln gießen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu nießen.

Will ich in mein Küchel gehn,
Will mein Süpplein kochen;
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mein Töpflein brochen.

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