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“Der letzte Professor” : Karl Wagners Wiener Rede für Wendelin Schmidt-Dengler



||| GERETTETES GEDENKEN | DOKUMENTATION 1 : JULIA KOSPACH IN DER “FRANKFURTER RUNDSCHAU” | DOKUMENTATION 2 : KARL WAGNER - REDE AUF WENDELIN SCHMIDT-DENGLER , IN WIEN , AM 31. 10. 2008 | RELATED

GERETTETES GEDENKEN

czz-pikto-blind-fuer-todAm 7. September ist der Wiener Germanist , charismatische Lehrer und in jeder Hinsicht förderliche Fürsprecher gegenwärtiger Literatur , Wendelin Schmidt-Dengler , fürchterlich überraschend verstorben . Die volatilen Worte der öffentlichen Personen waren rasch verweht . Umso nachhaltiger ist inzwischen die für “Nachrufe und Erinnerungen” eingerichtete Webseite des Instituts für Germanistik angewachsen : Die Zusammenschau der verschiedensten Stimmen mag einen Eindruck von der ausserordentlichen Vielseitigkeit und Wirkkraft des unorthodoxen Gelehrten gewähren .

Auf 31. Oktober war die offizielle Akademische Gedenkfeier im Grossen Festsaal der Universität datiert . Dort , wo sonst die talargeschmückten Rituale von Promotionen unter lateinischen Formeln den Anverwandten Tränen der Rührung in die Augen treiben , fand man sich betreten zusammen . Und mochte seinen Ohren kaum trauen , als der Dekan im säuselnden Flughafen- Durchsage- Sound eine geistfreie Serie von Sätzen aneinander reihte . - Eine unfreiwillige Selbstparodie akdemischer Routine , welche den Ernst des Verlustes nur umso stärker bekräftigte .

Für einen kurzen Moment hatte sich - wie auch die “Frankfurter Rundschau” bemerkte - die Mechanik der Institution unverstellt gezeigt . Und genau in diese Fuge zwischen institutioneller “Lehre” und “Leere” fuhr Karl Wagners Rede wie ein scharfes Beil hinein . Scheute sich nicht , Namen und Nachrichten von Nöten zu nennen und nahm die Universität coram publico in die Pflicht , in und unter Schmidt-Denglers Namen mittels eines Stipendiums geistesgegenwärtige Forschung zu fördern .

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  1. Julia Kospachs Bericht in der “FR” vom 3. 11. 2008
  2. Karl Wagners Rede für Wendelin Schmidt-Dengler und wider den Ungeist der Institution ( mit Dank an den Autor für die vertrauensvolle Übermittlung der Textfassung ) .

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DOKUMENTATION 1 : JULIA KOSPACH IN DER “FRANKFURTER RUNDSCHAU”

czz-pikto-blind-fuer-todHerr mit Spielraum - Zur Gedenkfeier für den Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler an der Universität Wien ( Julia Kospach , FR , 3. 11. 2008 )

( … ) Schmidt-Dengler, der Anfang September überraschend mit 65 starb, las stets vor vollen Sälen. Acht Wochen ist es her seit seinem Tod. Jetzt sei klar, sagt sein Nachfolger als Vorstand des Wiener Instituts für Germanistik: “Die Löcher, die gerissen worden sind, lassen sich nicht so einfach schließen”. Seltsamerweise hatte man mit “stopfen” gerechnet. Vielleicht weil der Festsaal so vollgestopft ist. Schmidt-Dengler füllt noch einmal spielend einen großen Saal.

“Wendelin, dem unermüdlichen Dengler” steht auf einer, auf eine Leinwand projizierten Zeichnung des dichtenden Architekten Friedrich Achleitner, der hier für seinen toten Freund ein paar seiner sprachverspielten Kurz-Prosatexte vorliest. Er sorgt für den feinen Humor, für den sonst Schmidt-Dengler zuständig war. “Ich vermute, so schnell wie Wendelin redete, konnte er auch zuhören”, sagt Achleitner.

Seine Zeichnung zeigt, in wenigen Strichen, unverkennbar Schmidt-Denglers runde Brille und seine freundlichen Hamsterbacken. Der Gezeichnete hält einen kleinen Hammer in der Hand. Schmidt-Dengler dengelt. Schmidt-Dengler, dessen Name allein “der Reduktion schon einen gewissen Widerstand” entgegengesetzt habe. So sagt sein langjähriger Kollege, der Germanist Karl Wagner, in einer herrlichen Rede, die eine hinreißende Liebeserklärung an Schmidt-Dengler ist und eine schallende Ohrfeige für die Institution Universität, die ihren Weltklasse-Gelehrten mit Stolpersteinen versorgte, ihm seine Gewandtheit und Beliebtheit verübelte und neidvoll auf sein uneitles Tausendsassatum blickte.

Wagner spricht mit W.B.Yeats - “no marble, no conventional phrase” -, und er geißelt die Fertigrhetorik der Universität, die zu Beginn der Feier in der Ansprache des Dekans der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät einen lupenrein dahingeleierten Auftritt absolviert. “Dieser Verlust ist einfach unersetzlich”, singsangt der Dekan, als wär’s die hundertste Vorrede zu einer der steifen Promotionsfeiern, die sonst hier stattfinden. Und weil ihm auch wirklich gar nichts einfällt, sagt er dann noch “Wendelin Schmidt-Dengler fungierte als langjähriger Institutsvorstand, und als solcher ist er ja auch verstorben.” Augenverdrehen im Publikum.

Schmidt-Dengler war hunderterlei gleichzeitig: Als Ermöglicher, Unterstützer und Vermittler von Literatur und germanistischer Forschung stürmte er wie ein Irrwisch durch die literarische Landschaft, immer in Eile, immer höflich, “ein Herr”, wie Karl Wagner sagt, aber nicht um des Habitus des Herren willen, sondern wegen des sich dadurch eröffnenden Spielraums. Schwindeln könnte es einen angesichts des Arbeitspensums dieses Mannes, das hier noch einmal von Kollegen, Studenten, Freunden aufgezählt wird.

In der Pension, die er nicht mehr angetreten hat, wollte er sich endlich einmal ausführlich Dantes “Göttlicher Komödie” widmen, hatte er vor Kurzem in einem Interview gesagt. “Die studiert er jetzt womöglich vor Ort”, sagt eine Frau beim Rausgehen ohne jede Ironie zu einer anderen. Was hatte Schmidt-Denglers Freund Friedrich Achleitner gerade noch vorgelesen ? “Auch das Endgültige hat ein Hintertürl.”

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DOKUMENTATION 2 : KARL WAGNER - REDE AUF WENDELIN SCHMIDT-DENGLER , IN WIEN , AM 31. 10. 2008

czz-pikto-blind-fuer-todEs gibt keinen Trost. Ich werde daher, um mit dem russischen Dichter Joseph Brodsky zu sprechen, auch keine magere Rede “nach oben schicken / in Richtung der altherkömmlich stummen Gebiete”, wie es in seinem “Wiegenlied von Cape Cod ” heisst.

Unübertroffen bleibt also weiterhin das berühmte Epitaph, das sich William Butler Yeats für sein eigenes Grab im Friedhof von Drumcliff, am Fusse des wie ein gekentertes Boot daliegenden Bergrückens Ben Bulben gedichtet hat: “Cast a cold eye / On Life, on death, / Horseman pass by”, verbunden mit der Anweisung: “No marble, no conventional phrase.”

Ein anderer berühmter Lakonismus, der auch nicht in Erfüllung gegangen ist, stammt von William Faulkner, der dieses gewünscht hat: “It is my aim … that the sum and history of my life … shall be …: He made the books and he died.”. Im Blick auf Wendelin Schmidt-Dengler, dessen langer Name - selbst ohne Titelei - der Reduktion einen gewissen Widerstand entgegensetzt, könnte das Lakonische so lauten: “Er hat gesprochen und er ist tot.” Vielleicht darf ich hier noch Heimito von Doderers Satz über den Dichter anfügen, den Wendelin so gern zitiert hat wider den Künstlerkult: Dieser sei nämlich “ein Herr unbestimmbaren Alters, der einem dann und wann im Treppenhause begegnet”.

So eine Verkürzung überhaupt zu denken, ist nur bei einem möglich, von dem man weiss, dass von ihm durch noch so radikale Reduktion etwas bleibt: etwas, das gerade durch die Reduktion ausgesprochen und verstärkt wird. Für uns Gewöhnliche ist eher das blow up des Nachrufs tauglich und beliebt, das aus der Mücke einen Elefanten macht. Deshalb sind die konkreten Ausprägungen dieses Genres fast immer unangenehm, geheuchelt und verlogen.

Und deshalb ist das Schweigen auch so berechtigt; allerdings nur dann, wenn es nicht insinuiert, damit die wahre Trauer zu sein. Berufungen auf Elfriede Jelinek sind jedenfalls unstatthaft; denn wenn ihr auch die Worte zu seinem Tod gefehlt haben, hat sie immerhin nicht vergessen anzufügen, dass ihm, Wendelin Schmidt-Dengler, in einer solchen Situation die Worte auf keinen Fall gefehlt hätten.

So ist es. Dass mit Trostlosigkeit nichts zu gewinnen sei, war ein Credo, das er mit Fontane gemeinsam hatte und das beide zu unglaublicher Produktivität befähigt hat. Was natürlich für keinen von beiden (und von uns) Ilse Aichingers radikalen Satz auszulöschen vermag: “Positiv denken ist das Gegenteil von Denken”.

Ich habe nicht im Geringsten die Absicht, hier und jetzt mit dem Gestus des Abschliessens zu sprechen - in mehrfachem Sinne wäre das zu früh und auch pietätlos. Trauer ist keine Sache von Schnelligkeit; das darf man gerade dann sagen, wenn einer gegangen ist, der es mit dem Davongehen viel zu eilig hatte. Ich wünsche also der Wiener Universität, womöglich zum Schrecken ihrer Funktionäre, dass ihr dieser begnadete Mann noch lange zu schaffen macht.

Zweifellos wird diese Institution noch einige Zeit brauchen, um zu begreifen, dass sie nicht einen “Formulierungskünstler” verloren hat, wie sie in einer ersten sprachlosen Reaktion und garantiert ohne jede Einfallskunst verlauten liess, sondern einen international geschätzten und gesuchten Gelehrten. Einen also, den sie in ihrer desperaten und selbstgefälligen wie auch inflationären Fertig-Rhetorik ständig als Leitbild verkündet hat, ohne zu merken, dass sie in Wendelin Schmidt-Dengler längst schon einen hatte, der dies wirklich war. Und vor allem auch ohne auf die Idee zu kommen, ihm dies als Anerkennung zuteil werden zu lassen, womöglich vor dem Tod.

Zu diesem Verkennen mochte beigetragen haben, dass man sich “Weltklasse” wohl etwas zu willfährig und weniger unbequem vorgestellt hat; oder vielleicht auch nur etwas eitler und gerade in diesem Narzissmus allzu berechenbar ?

Mit solchen Wahrnehmungsmustern konnte man “naturgemäss” nicht auf einen wie Schmidt-Dengler verfallen, der das Unvorhergesehene liebte und zu überraschen verstand. Die Kunst des Einfalls statt des Rituals der Routine war sein Elixier: das machte ihn so überzeugend als Lehrer, als Wissenschaftler und als Person.

“Naturgemäss” ergibt das auch Friktionen mit dem Institutionellen. Es ist aber angezeigt zu bemerken, dass Schmidt-Dengler gerade dadurch die Dauer und Haltbarkeit von Konventionen und Ritualen zu erhöhen wusste. Statt mit dem Bruch der Routine, frei nach Kafka, lediglich eine neue zu begründen, setzte er auf den Reiz der Reibung. Je weniger die Institution das kapiert hat, desto mehr reizte es Schmidt-Dengler, selbst zu einer Institution zu werden: Das ist die subtilste Rache an einer Institution. Und sie ist ihm gelungen. Seine vielen Jahre als Institutsvorstand sind ja nur als eine Vorkehrung gegen die Zumutungen der Umständlichkeit und der Bürokratie wirklich zu begreifen - und vor allem auch gegen die Demütigungen durch kollegiale Herrsch- und Eifersucht.

In diesem Sinne darf man sagen: Schmidt-Dengler fehlt, wie jede gute Institution fehlt - man bemerkt es erst, wenn sie nicht mehr da ist. Das Unkonventionelle innerhalb der Konvention - zum Beispiel die Höflichkeit und das Abstandhalten (nicht die “Krankheit der Distanz”, wie Thomas Bernhard einmal über sich selber gesagt haben soll) - ist gerade in einer Einrichtung wie der Universität nichts Einfaches. Keiner konnte es ihm auch darin gleichtun. Umso überraschender lesen sich die Nähe-Erlebnisse der Nachrufenden.

Obwohl Wendelin Schmidt-Dengler viele Bücher geschrieben und noch mehr angestiftet, befördert und bevorwortet hat, ist für ihn als Wissenschaftler und Schreiber - anders verhält es sich mit dem Leser - das Buch nicht das charakteristische Medium. Etwas viel Flüchtigeres nämlich, das gesprochene Wort, seine Stimme und seine sokratischen Fähigkeiten, machen sein Unvergängliches aus. Wenngleich auch geschrieben und ausformuliert, war die Vorlesung und die Rede (in allen universitären oder sonstwie öffentlichen Formen) sein eigentliches Terrain.

Dass er wie “gedruckt” reden konnte, ist in einem Land, wo die Kunst der öffentlichen Rede so danieder liegt, dass jeder halbwegs begabte Provinzdemagoge zum Popstar wird, lediglich eine Floskel, die vom Entscheidenden ablenkt: Sein Geschriebenes ist nämlich vor allem anderem geschriebene Mündlichkeit - somit eine gute Vorkehrung gegen das Gespreizte, das Unverständliche oder das akademische Imponiergehabe mit seiner Phrasenhaftigkeit und seinem Sprachbeton. Mit dem Flüchtigsten, seiner Stimme, wird er uns immer im Gedächtnis bleiben.

Dass die Universität, nicht nur die Wiener, so wenig darauf gibt, ist unverzeihlich: die Reaktionen auf Schmidt-Denglers Tod zeigen jedoch, dass das sokratische Erbe, der logos spermatikos, am unverwüstlichsten ist. Es kann nur nicht in pädagogisch-didaktischen care-Paketen verwaltet werden. Es ist eben so erstaunlich wie ermutigend, dass sich das Untrennbare von Wissenschaft, Lehre und Person - das Besondere also an Schmidt-Dengler - mit den Worten Leo Spitzers, eines anderen weltberühmten Philologen aus Wien, immer noch am präzisesten beschreiben lässt:

Und schliesslich ist, wie ich glaube, das wissenschaftliche Objekt doch letztlich nur jenes Medium, in dem die Geister der Lehrenden und Lernenden sich treffen - ein Mittel dazu, dass Menschen zueinanderkommen, weil sie direkt auf dieser Welt so selten zueinander können. Ziel der Wissenschaft ist doch letztlich nicht bloss die Sache, sondern “der Mensch”, der Mensch mit seiner Sache, der Sache, die er vertritt, der Sache, der er bedarf, um sich hienieden zu behaupten […] Ein grosser Romanist [sc. Spitzer war von diesem Fach] - das ist für mich nicht nur, wer ein Kompendium des Wissens zu bieten hat, sondern wer sein Gebiet seinem Publikum “vorzulegen”, “darzuleben” versteht”. ( Spitzer, Meisterwerke, 4 ).

Schmidt-Dengler hätte diesen etwas herrischen Gestus gemieden, gerade weil er ein Herr war, wie keine Berufenere als Daniela Strigl zu sagen wusste. In gewisser Weise war er wirklich der letzte Professor, dem man diese Rolle noch abgenommen hat; er hat sich zu dieser Rolle in ein Verhältnis gesetzt, das nicht nur ironisch war: Er wollte nämlich nicht den Habitus, sondern den Spiel-Raum dieser Rolle retten. Von der Art und Weise, wie er diesen Spiel-Raum nicht für sich, sondern für andere genützt hat, wird noch zu sprechen sein, nicht nur heute.

Ich möchte mit einem (womöglich gar nicht vollständigen) Momentbild - was weiss man schon, wenn man in Zürich ist ? - das nicht untypisch ist für Wendelin Schmidt-Denglers Arbeitsethos, seine Produktivität und seinen sokratischen Nimbus andeuten, wie einer gearbeitet haben muss, um jene Präsenz zu erzeugen, die viele bewundern - und einige verabscheuen, weil sie irrtümlich glauben, diese Präsenz sei ihm geschenkt worden.

Am Tag vor seinem plötzlichen Tod am 7. 9. 2008 erschien in der Wochenendausgabe des “Standard” Schmidt-Denglers Gegenrede zum üblich gewordenen Lamento über die nicht- oder nicht mehr lesenden Studenten; jeder von uns hat in diese schon einmal eingestimmt, auch er; und jeder von uns ist einmal, als Student, Adressat dieser Klage gewesen. Denn es wurde schon immer nicht mehr gelesen, jedenfalls in den Augen der Kulturkritiker.

Im September dieses Jahres erschien in der zweimonatlich erscheinenden Literaturzeitschrift “kolik” seine Laudatio auf Ann Cotten, aus Iowa stammend, in Wien aufgewachsen und jetzt in Berlin lebend. Sie hat hier in Wien Germanistik studiert und bei Schmidt-Dengler ihr Studium abgeschlossen. Die Laudatio von Wendelin Schmidt-Dengler auf das furiose Debüt dieser Autorin - “Fremdsprachensonette” in der edition suhrkamp - beweist, dass er nicht nur an der Universität Wien am Platz war, sondern auch auf den Plätzen draussen. Nur einen hat er da wie dort gemieden: den Gemeinplatz, etwas also, das in Österreich einen bedrohlichen Nebensinn entwickeln kann.

Und schliesslich erschien in jenen traurigen Septembertagen auch seine “Presse”- Rezension von Ruth Klügers Fortsetzung ihrer Autobiographie, die den Titel “unterwegs verloren” trägt. In diesen Erinnerungen kommen Wien, die Wiener Universität und insbesondere auch das Institut für Germanistik nicht so vor, wie es die erwähnte institutionelle Strahle-Rhetorik gern hätte. Nebenbei gesagt: Es stünde den Universitäten, nicht nur der Wiener, gut an, wenn sie mehr auf die Bilder achteten, die sich die Schriftsteller von ihr bzw. von ihnen machen. Vertriebene Nobelpreisträger aufzubieten, ist dagegen in jeder Hinsicht ein Gemein-Platz. Schmidt-Dengler hat in seiner Rezension von Klügers Buch etwas gemacht, das er wie kein anderer beherrschte: durch Höflichkeit und Takt etwas zu retten, was sonst verloren gegangen wäre. In diesem Fall: die Verbindung Ruth Klügers zu dieser Institution, die ihr so fremd geblieben ist und in der sie nicht das fand, was österreichische Politiker und Professoren, insbesondere ohne Augenschein, so schnell finden, ohne dann einen Finger zu rühren, um vergleichbare Möglichkeiten zu schaffen: die amerikanische Ivy League. Schmidt-Denglers grandezza in dieser Besprechung erwies Ruth Klüger nachträglich ihren Respekt:

Ich weiß, es war das Letzte, was er gemacht hat. Er war ungeheuer großzügig, wenn man bedenkt, dass ich in dem Buch ja über sein Institut ziemlich hergefallen bin. Ich war gerührt und beschämt.

Hinzufügen möchte ich noch, obwohl der betreffende Band noch nicht erschienen ist, Schmidt-Denglers Arbeit an der Edition von Thomas Bernhards Werken, zuletzt: an dessen Roman “Alte Meister“. Denn damit ist, in jeder Hinsicht, die Arbeit an einem philologischen Lebenswerk bezeichnet.

Allein die Vielgestaltigkeit dieser letzten Arbeiten beweist, dass hier einer am Werk war, der Verschiedenes zur gleichen Zeit tun konnte, während die meisten von uns nicht einmal mit dem einen zurande kommen. Neid ist in einem solchen Fall ein nahe liegendes Gefühl; und er bekam ihn auch zu spüren. Wenn man schon selber die eine Rolle falsch spielt: wie muss erst einer sein, der mehrere Rollen zur gleichen Zeit beherrscht. Es ist eine Tragödie, dass in dieser akademischen Welt verlernt wurde, theoretische Gegensätze nicht als persönliche auszutragen: Undenkbar wäre heute, jedenfalls hier, eine Widmung à la Spitzer, die dieser, übrigens an die erste habilitierte Romanistin, Elise Richter, geschrieben hat: “in verehrungsvoller Gegnerschaft”.

Eine Trauerrede ist aber, wie mir die Selbstzensur sagt, nicht der Ort für Gedanken darüber, wie eine Institution mit Menschen umgeht; gar nicht zu reden von der Art, wie die Menschen in der Institution Universität miteinander umgehen. Das traditionell idealistische Sprechen über die sänftigende Wirkung von Literatur hat es nicht leicht an einem Institut für Literatur in dieser oder jener Sprache.

Natürlich durfte und darf man an Schmidt-Denglers Art und Weise, Literaturwissenschaft zu betreiben, auch Kritik üben. Er war in der Selbstkritik, die unter den Vorzeichen der Weltklasserhetorik zu einem auszurottenden Stigma geworden ist, den Opponenten auch darin eine Nasenlänge voraus. Wie alle, die nur eines können, haben sie seinen Umgang mit den Medien verabscheut, in denen sie selber nur zu gern vorgekommen wären. Und natürlich war der Konflikt zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik auch für ihn ein Problem. Vielleicht kann man als grösstes Kompliment sagen: nie hat er den Elfenbeinturm an die Plätze verraten, während viele, ohne Kontakt mit den Plätzen, den Elfenbeinturm preisgegeben haben, dessen Lob dereinst kein Geringerer als der berühmte Kunsthistoriker Erwin Panofsky in der amerikanischen Emigration angestimmt hat.

Für diejenigen, die Doppelrollen nicht kennen, stellte sich, naturgemäss nicht im eigenen Fall, diese frei nach Robert Walser formulierte Frage: Ists nicht mehr Wissenschaft, was Du da treibst ? - Schmidt-Dengler hat für diese Doppelrolle anlässlich der Auszeichnung als “Wissenschaftler des Jahres 2007 die wunderbare Formulierung gefunden: “Ich sitze gern zwischen den Stühlen und springe schnell auf”. Man darf annehmen, dass dies keine nur bequeme Position war.

Ich will aber nicht nur diese hinfälligen Sätze sagen, die im Augenblick auch schon wieder verrauschen. Ich möchte die öffentlichen Institutionen dieses Landes und dieser Stadt - vor Zeugen - an- und aufrufen, Wendelin Schmidt-Dengler dauerhaft zu ehren. Und ihm so auch dafür zu danken, dass er diese Universität, diese Stadt und die Literatur dieses Landes in der Welt bekannt gemacht hat.

Die Universität und die Stadt Wien mögen also übereinkommen, ein Wendelin Schmidt-Dengler-Stipendium ins Leben zu rufen. Ein Wendelin Schmidt-Dengler-Stipendium für junge osteuropäische Doktoranden und Doktorandinnen, damit diese hier in Wien ihre Forschungen zur österreichischen Literatur und Kultur vorantreiben können.

Es schiene mir angebracht, wenn die Öffentlichkeit darüber wachte, dass dieser Vorschlag Wirklichkeit wird.

Es bleibt freilich dabei. Es gibt keinen Trost. “Gerettet sind wir / durch nichts / und nichts / bleibt für uns”. Wann, wenn nicht jetzt, wären von diesem Dichter, Ernst Meister, meine Lieblingsverse zu zitieren ?

UND BIS ZULETZT
zärtliche Wissenschaft.
Das Vergebliche, kann sein,
nicht umsonst. Das wirklich Nichtige aber
ist voll deutlich
immer da.

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Wendelin Schmidt-Dengler | Nachschrift



||| Die Dokumentation “Stimmen über Wendelin Schmidt- Dengler ( 1942 - 2008 )” wurde um die Erinnerungen , respektive : “Eine Klage” des nach Zürich expatriierten Kollegen Karl Wagner ergänzt sowie um die Nachrufe von Franz Schuh ( DIE ZEIT , print ) und Klaus Nüchtern ( Falter , print ) . |||

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Dokumentation : Stimmen über Wendelin Schmidt- Dengler ( 1942 - 2008 )



||| DOKUMENTATION | FRIEDERIKE MAYRÖCKER | JOSEF WINKLER | APA | MICHAEL ROHRWASSER | KONRAD PAUL LIESSMANN | ROLAND INNERHOFER | PAUL JANDL | ULRICH WEINZIERL | HERBERT OHRLINGER | PLATTFORM UNIVERSITAERE MITBESTIMMUNG | WERNER WINTERSTEINER | KARL WAGNER | FRANZ SCHUH | KLAUS NÜCHTERN | ALFRED KOLLERITSCH | LINKS | RELATED

DOKUMENTATION

czz-pikto-blind-fuer-todArtikellinks verschwinden , Berichte sinken ab ins kostenpflichtige Archiv : in|ad|ae|qu|at DOKUMENTIERT Reaktionen auf das plötzliche Ableben des leidenschaftlichen Germanisten , Universitätslehrers und Freundes Wendelin Schmidt-Dengler . Auf dass diese Erinnerungen an den neugierigen und förderlichen Teilnehmer am Literarischen Leben zugänglich bleiben . Die Copyrights der zitierten Stimmen und Medien bleiben dabei selbstverständlich bei deren Inhabern .

Besonders sei dabei auf die Sammlung von Nachrufen auf der Heimseite des Wiener Insituts für Germanistik hingewiesen . Die Heimito von Doderer-Gesellschaft hat eine digitale Kondolenzliste eingerichtet .

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FRIEDERIKE MAYRÖCKER : OHNE ZU AHNEN

WSD mayröcker nachruf ( click to XL )

Friederike Mayröcker , Der Standard , 10. 9. 2008

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JOSEF WINKLER : IM ZUG | NACH VARANASI

czz-pikto-blind-fuer-todVor 15 Jahren hat Wendelin Schmidt-Dengler mein Leben verändert. Nach einer gemeinsamen Veranstaltung fuhren wir mit dem Zug von Udine nach Wien. Ich erzählte ihm, dass ich in den nächsten Monaten vorhabe, das erste Mal nach Indien zu fliegen, wusste nicht, ob ich nach Bombay oder Kalkutta gehen sollte. Er empfahl mir Varanasi, die heilige Stadt der Hindus. Seither war ich neunmal in Indien, siebenmal in Varanasi.

Am 1. November hätte er die Laudatio für die Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt halten sollen. Es war der Wunsch der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, und es war mein Wunsch.

Josef Winkler , Der Standard , 10. 9. 2008

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APA : BESTÜRZUNG IN ÖSTERREICHISCHER PRESSE

czz-pikto-blind-fuer-todWien (APA) - Mit großer Bestürzung hat die österreichische Presse auf den überraschenden Tod Wendelin Schmidt-Denglers reagiert. Nachrufe würdigen seine Leidenschaft für die Literatur, seine Fähigkeit, sie weiterzugeben und seine Expertise, die über die Bücher bis zum Fußball hinausreichte. ( … )

Im Ö1-Morgenjournal kamen auch einige Autoren zu Wort.

Robert Menasse reagierte tief betroffen auf den Tod seines Doktorvaters:

Ich fühle mich buchstäblich verwaist, seitdem ich von seinem Tod erfahren habe. Ich habe von ihm ganz entscheidende Dinge im Hinblick auf Literatur und Leben gelernt, wobei ich vor allem von ihm gelernt habe, wie sehr die beiden Dinge zusammengehören. Es ist so seltsam, dass man als Mann des Wortes über einen Mann des Wortes plötzlich nur mehr stammeln kann.

Und Friederike Mayröcker:

Ein großer Freund, er ist gestorben vor einem Tag. Er, der große Meister der Literatur. Wir haben ihn alle geliebt - was für ein Schmerz !

Essayist Franz Schuh rühmte Schmidt-Denglers Verdienste um die Gegenwartsliteratur:

Schmidt-Dengler hat den Blick geöffnet. Sowohl inhaltlich als auch von seiner Person her steht er für eine Emanzipation, ohne die es wissenschaftlichen Fortschritt nicht gegeben hätte.

Ähnlich der Architekt und Schriftsteller Friedrich Achleitner im Morgenjournal:

Er hat damit unglaubliche Verdienste erworben, weil er die Germanistik eben nicht zu einer isolierten, abgehobenen Wissenschaft gemacht hat, sondern zu einem Impulsgeber der ganzen kulturellen Landschaft.

APA0163 2008-09-09/11:01

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MICHAEL ROHRWASSER : LUZIDE UND UNBESTECHLICH

czz-pikto-blind-fuer-tod“Wäre es nicht wunderbar, diesen Mann bei einer langen Bahnfahrt durch Österreich zum Reisebegleiter zu haben ?“ fragt Lothar Müller in seinem heutigen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung. So ist es, antworten wir, die wir solche Bahnfahrten mit ihm unternommen haben, und fügen wehmütig hinzu: Wir haben dieses Privileg für selbstverständlich genommen, und jetzt müssen wir ohne ihn weiterfahren. Wenn das geht. Wir können ihn nicht mehr um Rat fragen, keinen Hinweisen mehr folgen, kein Zitat nachhören, keine kritische Würdigung fremder und eigener Arbeiten einholen, obwohl wir immer noch seine Stimme im Ohr haben.

Meine österreichischen Freunde konnten viele Facetten und Nuancen seines Wirkens als Lehrer, Erzähler und Impulsgeber wahrnehmen, während für mich, der ich ihn erst 1991 kennengelernt habe, erst einmal ein Grundkurs in österreichischer Literatur angesetzt wurde, damals in Stanford. Ich traf ihn dort zuerst, wo sonst, in der Bibliothek, wo ich ihn, umgeben von Bücherstapeln, traf: Wendelin Schmidt-Dengler, den leidenschaftlichen Leser. Unser erster Dialog ging etwa so: Man kann nicht alle Bücher dieser Welt lesen – aber man kann es zumindest versuchen – immerhin, so schränkte er ein, gebe es auch einige, mit denen man sich nicht näher einlassen wolle.

Er war nicht nur damals und nicht nur zu mir großzügig – er war es gegenüber vielen, die weniger gelesen hatten und weniger schnell waren ( also: gegenüber allen ). Er hat sich unterschieden von seinen Kollegen, den Literaturhistorikern, von jenen nämlich, die als ihren heimlichen Schutzpatron Prokrustes verehren, die ihre Anschauungen durch ein Zuviel an Lektüre gefährdet glauben: ein Unpassendes wird abgeschnitten, ein Unzureichendes wird gedehnt ( “Lesen macht befangen“ heißt eine Devise, die auch in Kommissionen immer mehr Anhänger findet ). Seine Gegner haben es sich leicht gemacht, wenn sie ihn zum großen Unterhalter und Plauderer herabwürdigten ( Mann mit “Formulierungsgabe“ stand in einem der Nachrufe ), denn für den kleinen Appetit hat er nicht gelehrt, Literatur wurde bei ihm nicht verharmlost und verkleinert zum mundgerechten Happen, zum event, Literatur war nicht zuletzt Beunruhigung, Provokation, auch Tröstung, und hier ging er nicht selten Bündnisse mit seinen Autoren ein.

Was mir damals zuerst auffiel, neben seiner stupenden Belesenheit, seinem phänomenalen Gedächtnis, neben seiner Fähigkeit, zum Lesen anzustiften und eigene Urteile zu überprüfen, neben seinen innovativen Blicken auf Texte und Autoren, die immer genau, unerbittlich, ja streng waren, das war seine Fähigkeit, sich in die Autorinnen und Autoren zu verwandeln. Mit einer kleinen Drehung seiner Hand, aus dem Ellbogengelenk heraus, war er plötzlich Gerhard Rühm oder Ernst Jandl, was ich spätestens dann verstand, als ich die Originale sprechen hörte.

Lesen und Leben waren bei ihm nicht getrennt, weil er auch beim Lesen alle seine Sinne geöffnet hatte. Er kannte keine kanonischen Hierarchien und, wo er die Quellen kannte, respektierte er auch keine Lehrmeinungen, so wenig wie er jenseits der Bücher den akademischen Hierarchien Respekt zollte: Er erkannte die akademischen Nichtleser und die autoritätsbeflissenen Nichtsnutze, und er hielt sich, wenn es irgend ging, von ihnen fern. Er konnte jenen den Rücken zuwenden, die in Selbstverliebtheit von ihrer Liebe zur Literatur sprachen und dabei ihre Stimme vibrieren ließen. Gleichwohl hat er die Wiener Germanistik geprägt wie kein anderer, und das in einer seltsamen, unheimlichen Bündelung: als Lehrer, Betreuer und Förderer ( wer wollte sich da mit ihm messen ? ), und auch als wissenschaftlicher Autor, der für seine Autoren Revisionsverfahren anstrengte, sie nicht selten von falschen Etiketten befreite. Es war eine Sisyphus-Arbeit, denn in einigen Fällen überlebten auf dem Literaturmarkt nicht seine kritischen Editionen sondern die verharmlosenden Lesarten ( etwa bei Herzmanovsky-Orlando ).

Schmidt-Denglers Stärke hat ihre Wurzeln gewiss auch außerhalb der akademischen Welt. Wir kennen alle die Sentenz, die in der hier zitierten Variante Jean Cocteau zugeschrieben wird: Wer nur etwas von Film versteht, versteht auch davon nichts. Hätte Schmidt-Dengler nur Augen für Bücher und für die Wiener Germanistik, hätte er auch hier keine starken Spuren hinterlassen können. Das heißt, dass wir auf den Bahnfahrten und Flügen und Autofahrten mit ihm nicht nur etwas über ( österreichische ) Literatur lernten – am Rande gesagt: seine Liebe zur österreichischen Literatur war nie, wie bei einigen anderen, verbunden mit der Missachtung anderer Literaturen, denn dazu war er ein zu leidenschaftlicher Liebhaber der Weltliteratur –, sondern die Gespräche zogen weite Kreise über Vereinsgeschichten, über europäische Geschichte, über den homo academicus, Erziehungsfragen und Bauernregeln. Die größten Literatursüchtigen, die unermüdlichsten Lesenden und Schreibenden sind gerade jene, die nicht in der Literatur als einer Scheinwelt verschwinden, die keine billigen Tröstungen suchen, nämlich ein Vergessen, sondern sich gerade hier ihre Genauigkeit für den Alltag gewinnen. Denn das machte das Eigene von Wendelin Schmidt-Dengler aus – und warum soll man nicht von Größe sprechen – dass seine gesellschaftspolitische Einmischung und sein universitätspolitischer Einspruch ebenso luzide und unbestechlich waren wie sein literarisches Urteil.

Wir haben den Größten verloren.

Michael Rohrwasser , Institut für Germanistik Wien , 10.September 2008

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KONRAD PAUL LIESSMANN : GLÜCKSFALL EINES GELEHRTEN

czz-pikto-blind-fuer-todWendelin Schmidt-Dengler war der Glücksfall eines Gelehrten: im klassischen Sinn humanistisch gebildet, fasziniert von Neuem, aufgeschlossen, engagiert. Humorvoll und hilfsbereit. Sein Fach “Literatur” war ihm nicht mehr Gegenstand, sondern Lebensinhalt, der weit mehr umfasste als das wissenschaftliche Interesse. Schmidt-Dengler war nicht nur ein begnadeter Lehrer und Vortragender, sondern auch ein Förderer der Literatur.

Wo immer er konnte, unterstützte er Institutionen, aber auch Menschen. Er prägte Generationen von jungen Wissenschaftern, Lehrern und Schriftstellern, er war nicht nur Kritiker, sondern vor allem auch Mentor, und er vertrat eine umfassende Idee von Bildung, die sich mit der wettbewerbsorientierten Manager-Universität unserer Tage schlecht vertrug. Nicht zuletzt aus Protest gegen diese Entwicklung hatte er sich nicht in den Senat wählen lassen, um - wenn auch vielleicht auf verlorenem Posten - für seine Vorstellung einer demokratisch organisierten Universität zu kämpfen.

Wendelin Schmidt-Denlger war voller Pläne gewesen. Mit ihm, dem ich seit mehr als 30 Jahren verbunden war, verliere ich nicht nur einen wunderbaren Kollegen, mit ihm verliert die Universität einen ihrer hervorragendsten Vertreter. Sein Tod kam einfach viel zu früh.

Konrad Paul Liessmann , Der Standard , 10. 9. 2008

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ROLAND INNERHOFER : VITALITÄT , ENERGIE UND GÜTE

czz-pikto-blind-fuer-todWie kann jemand, dessen Anwesenheit in jedem Augenblick so spürbar war und ist, plötzlich nicht mehr da sein ?

Wendelin Schmidt-Denglers Vorlesung “Österreichische Literatur nach 1945“ hat mich am Beginn meines Studiums begeistert. Seither war er für mich Lehrer und später auch Freund, beides im emphatischen Sinn. Seine Leidenschaft für die Literatur war ansteckend, seine Geistesgegenwart war bewundernswert und unnachahmlich. Unzählige Studierende hat er durch seine Vorlesungen und Seminare für die Germanistik eingenommen. Seine Stimme wirkte im engen Kreis wie in der Öffentlichkeit gleichermaßen markant. Blitzschnell stellte er überraschende und präzise Verbindungen her und konnte dabei mühelos auf ein stupendes Wissen von der Antike bis zur Avantgarde zurückgreifen.

Wendelin Schmidt-Dengler ist niemals den Versuchungen machtgestützter Eitelkeit erlegen. Er ist sich selbst, seinen Freunden und der Literatur treu geblieben. Er hat sich nicht nur um die toten, sondern auch um die lebenden Autoren nach Kräften gekümmert. Die Vitalität, Energie und Güte, die er ausstrahlte, waren und sind beglückend. Leben wie lesen – wie kein anderer hat Wendelin Schmidt-Dengler diese Utopie verkörpert. Jetzt ist er verschwunden. In seinen Schriften und in unseren Erinnerungen lebt er weiter.

Roland Innerhofer , Institut für Germanistik

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PAUL JANDL | NZZ : IN DIE WELT GEDACHT

czz-pikto-blind-fuer-todEine Phänomenologie gescheiterter Feste in der Literatur wollte er noch schreiben, nun hat er auch sein eigenes Fest nicht mehr erlebt. Der renommierte deutsche “Preis der Kritik“, der neben einer Ausgabe der Werke Heinrich Heines aus neunundneunzig Flaschen Wein besteht, hätte Wendelin Schmidt-Dengler bei der kommenden Frankfurter Buchmesse verliehen werden sollen. Für einen, dem die Askesen der Wissenschaft zu wichtig waren, um sich auch noch im Leben zu kasteien, wäre diese Gabe passend gewesen. Die beigefügte Lobesprosa war dem Bescheidenen wohl etwas unangenehmer: «Für eine Kultur der aufgeklärten Lektüre, gründlich, kritisch und meinungsstark», stehe der Wiener Germanist.

Wendelin Schmidt-Dengler, 1942 in Zagreb geboren und vergangenen Sonntag in Wien überraschend gestorben, war ein Wissenschafter, der die Philologie nicht zum Orchideenfach verkommen lassen wollte. Weil er ihre Nutzanwendungen als Universitätsprofessor, Chef des Österreichischen Literaturarchivs und nicht zuletzt als Kritiker mit ironischer Eleganz in sich bündelte, strahlte sein Wissen weit über die Grenzen der elitären Forschung aus. Unter den Germanisten war Wendelin Schmidt-Dengler ein Erzähler von Graden. Dass der lebensnahe Vortrag dem Pädagogen Schüler ohne Zahl einbrachte, war gewiss nicht zum Schaden der Zunft.

Als 26-Jähriger wird der gelernte Altphilologe, der mit einer Dissertation zu den “Confessiones” des Aurelius Augustinus promoviert hat, damit beauftragt, den Nachlass Heimito von Doderers zu bearbeiten. Die Bekanntschaft mit Werk und Autor wird zur prägenden Erfahrung. Mit Österreichs idiosynkratischen Dichtern, den Unzeitgemässen und den Querköpfen, befasst sich Schmidt-Dengler immer wieder. Seit den sechziger Jahren entstehen grundlegende Essays zu Thomas Bernhard, zu einem Autor, dessen Werkausgabe der Germanist bis zuletzt federführend betreute. Von Johann Nestroy über Fritz von Herzmanovsky-Orlando und Albert Drach reichte der Bogen von Wendelin Schmidt-Denglers Interessen bis zu Österreichs literarischer Avantgarde. Auf dem Podium der Universität und in den Foren der Kritik, etwa beim “Literarischen Quartett“, galt für Österreichs brillantesten Philologen das, was Karl Kraus über den von ihm verehrten Nestroy sagt: Er hat “aus dem Stand in die Welt gedacht”.

Paul Jandl : In die Welt gedacht
Zum Tod des österreichischen Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler , NZZ , 10. 9. 08

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ULRICH WEINZIERL | DIE WELT : LA GAYA SCIENZA

czz-pikto-blind-fuer-tod( … ) Mit Buchstaben und Geist, mit Metaphern und Kontexten von Büchern hantierte er stets sachkundig und virtuos zugleich. Zudem war er in Österreich der erste, der Zeitgenössisches konsequent in seinen Vorlesungs- und Forschungsplan aufnahm.

Als Herausgeber der Werke Heimito von Doderers, Fritz von Herzmanovsky-Orlandos, Albert Drachs und Thomas Bernhards ging sein Wirkungsradius weit über akademische Kreise hinaus. Er liebte Nestroy und Ernst Jandl, war bei Canetti nicht minder zu Hause als bei Karl Kraus.

Ein Bewohner des Elfenbeinturms wollte dieser Gelehrte, der eine fröhliche Wissenschaft unterrichtete und praktizierte, nie sein. Kein Wunder, dass ihn eine Fachjury 2007 zum “Wissenschaftler des Jahres” wählte. Österreichs Schriftsteller schätzten ihn als kritischen Wegbegleiter und scharfsichtigen Rezensenten, seine Schüler als immer hilfsbereiten Mentor und Freund auch jenseits der Studienzeit. Wendelin Schmidt-Dengler ist am Sonntag im 67. Lebensjahr unerwartet an den Folgen einer Operation verstorben.

Ulrich Weinzierl : Der Wiener Germanist Schmidt-Dengler ist gestorben , DIE WELT , 9. 9. 2008

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HERBERT OHRLINGER | FAZ : LESEN - LEBEN

czz-pikto-blind-fuer-tod( … ) Doch Wendelin Schmidt-Dengler war viel mehr als ein besonders versierter Hochschullehrer, das Leben bedeutete für ihn Lesen - und Lesen war Leben. Er verkörperte Literatur und ihre Geschichte, indem er sie aus den Hörsälen hinaustrug und sich als Kritiker, Herausgeber, Vortragender, Diskutant für sie einsetzte. So verwundert es auch nicht, dass er Walter Benjamins Warnung vor dem fragwürdigen Ehrgeiz der Wissenschaft gegenüber der Tagesaktualität wiederholt entgegenhielt, ob es denn das Ziel der Literaturwissenschaft sein könne, es an Uninformiertheit mit dem “hauptstädtischen Mitteilungsblatt aufnehmen zu können”.

Dabei agierte er bei seinen Interventionen weniger als “Literaturpapst”, als der er in Österreich fälschlicherweise bezeichnet wurde, sondern eher als humorvoll- ironischer Vermittler, der bei aller Schärfe der auseinandersetzung die Interessen der Schriftsteller und die Ansprüche der Literatur nie vergaß. ( … )

Herbert Ohrlinger : Wiener Einmannbetrieb
Zum Tod des Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler , FAZ print , 10. 9. 2008

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PLATTFORM UNIVERSITAERE MITBESTIMMUNG ( PLUM ) : DEM DEMOKRATEN WIDER DEN ( UNIVERSITÄTS- ) POLITISCHEN ZEITGEIST

czz-pikto-blind-fuer-todLiebe Kolleginnen und Kollegen,

seit vergangenem Sonntag wissen wir: Wendelin Schmidt-Dengler wird uns seine feinsinnigen literaturwissenschaftlichen Analysen, seine entwaffnenden Beobachtungen im universitaeren und sonstigen Alltag sowie seine leidenschaftlichen Plaedoyers fuer eine Redemokratisierung der
oesterreichischen Universitaeten nicht mehr vortragen. Wir trauern um einen Kollegen, dem es beispielhaft gelungen ist, hoechste wissenschaftliche Qualitaet mit ihrer lustvoll gelungenen didaktischen Vermittlung, sowie einer kritischen und demokratischen Hochschulpraxis, zu verbinden.

Kollege Schmidt-Dengler, selbst ein Top-Wissenschaftler, wurde nicht muede, sich vom opportunistischen Elitismus von Vertretern des wissenschaftlichen Mittelmaszes zu distanzieren. Er hat den “autoritaeren Charakter“ des UG 2002, die oekonomistischen Engefuehrungen des Rektorats oder auch die Implementierung der Bologna-Studienarchitektur angeprangert.

Die internationale Wuerdigung seiner wissenschaftlichen, literaturdidaktischen und literaturkritischen Leistungen hat unmittelbar nach Bekanntwerden der schmerzenden Nachricht eingesetzt und kann dank der Bemuehungen von ORF und kulturpolitisch engagierten Printmedien ( vgl. “Der Standard“ 08-09-09:29 und 08-09-10:39 ) mitverfolgt werden.

Da uns mit Kollegen Schmidt-Dengler aber abgesehen von seiner wissenschaftlichen Vorbildwirkung auch zahlreiche hochschulpolitische Gemeinsamkeiten verbinden, moechten wir gerade diese in der folgenden Wuerdigung hervorheben, zumal sie in den offiziellen Darstellungen der Universitaet und der Oeffentlichkeit unterbelichtet geblieben sind.

Nicht erst seit seinem Inkrafttreten, sondern schon bei dessen Konzeption hat Kollege Schmidt-Dengler die autoritaeren und arbeitsbehindernden Zuege des UG 2002 in aller Schaerfe kritisiert. Sein Auftritt bei der diesbezueglichen parlamentarischen Enquete ist legendär ***. Er war es auch, der sich umgehend mit den gegen das UG 2002 protetsierenden Teilen der Kollegenschaft solidarisierte und als Vorstand des Instituts fuer Germanistik der PLUM bei ihrer Konstituierung als Vorstand des Instituts fuer Germanistik den benoetigten Hoersaal zur basisdemokratischen Organisation des Widerstands zur Verfuegung stellte.

An seinem Institut hat Schmidt-Dengler schlieszlich die Ausarbeitung und Umsetzung einer demokratischen Institutsordnung unterstuetzt, die zentrale Mitwirkungsrechte aller Lehrenden und Studierenden sicherte und zum Modell anderer Institutsordnungen vieler augeklaert gebliebener Institute geworden ist. In der Fakultaetskonferenz hat sich Kollege Schmidt-Dengler ebenso wie im Senat, in den er am 30. Maerz 2006 als Listenfuehrer einer eigenen Senatsliste mit einem beachtlichen Stimmenanteil von 25 % gewaehlt wurde, stets fuer die Anliegen einer geordneten Mitbestimmung und den Ausbau demokratischer Kontrollrechte auch an der Universitaet Wien verwendet und wiederholt seine wohlwollende Stimme erhoben, wenn sich Ansaetze fuer eine zumindest partielle Aufhebung der durch das UG 2002 vollzogenen “Entrechtung des Mittelbaus“ boten.

Es bleibt uns, ihm an dieser Stelle fuer seine beispielhafte Solidaritaet zu danken. Unter dieser Adresse haben wir ein Statement Schmidt-Denglers zur beabsichtigten Novelle des UG 2002 zugänglich gemacht. Es stammt aus der PLUM-Podiumsdiskussion vom 8. April 2008 ( “Reform des UG 2002: Retusche oder Korrektur ?“ ). Die einnehmende Verbindung von scharfsinniger Analyse und humorvoll vorbereiteter Pointe, die Schmidt-Denglers Beitraege oft strukturiert haben, zeichnet gerade auch dieses letzte uns verbliebene Dokument gemeinsamen hochschulpolitischen Auftretens aus.

Fuer die Plattform universitaere Mitbestimmung ( PLUM )
Karl Ille , Herbert Hrachovec , 11. 9. 2008

*** Nachfolgend : Die oben als “legendär” angesprochene Wortmeldung Schmidt-Denglers im Rahmen Enquete zur Weiterentwicklung des Universitätsgesetzes im Parlament | Uni-Enquete ( 3 ) : Das Leitungsdreieck und seine Akteure
( Quelle : Parlamentskorrespondenz/02/11.04.2008/Nr. 321 )

Schmidt-Dengler : Konsequente Entdemokratisierung durch das UG 2002

Univ.-Prof. Wendelin Schmidt-Dengler (Institut für Germanistik, Universität Wien) wies darauf hin, dass das UG 2002 es sich zur wesentlichen Aufgabe gemacht habe, einen Rückbau der Errungenschaften und Fortschritte des UOG 1975 zu erreichen. An diesem Gesetz war, betonte der Redner, nicht alles gut, aber das UG 2002 wurde ohne eine umfassend diskutierte Mängelfeststellung verabschiedet: “Der Kraftakt einer Regierung, die meinte, kräftig zu sein”.

Die Folge sei die konsequente Entdemokratisierung der Universität, die Abschaffung oder Zurückdrängung der Gremien, aus denen alle relevanten Entscheidungen ausgelagert wurden. Der Senat als einziges Organ, das die an der Universität Beschäftigten repräsentiert, sei weitgehend zur Passivität und zur Durchführung von Vorgängen ausersehen, die lediglich von administrativem Belang sind, so Schmidt-Dengler.

Dass der so genannte Mittelbau in diesem Gremium nur auf einer Schwundstufe begegne, sei ein “besonders skandalöser Aspekt”. Das UG 2002 weise in entscheidenden Fragen wie in der Funktion der Institute Lücken auf. “Institutsvorstände werden auf rätselhafte Weise bestellt oder auch nicht bestellt, es gibt sie oder es gibt sie nicht. Welche Kompetenzen sie haben, ist unklar. Unangenehme Entscheidungen werden ihnen überlassen oder werden ihnen in die Schuhe geschoben. Intransparenz bestimmt auch die jüngsten Entwicklungen, das Rektorat schottet sich ab, erteilt dauernd Arbeitsaufträge, die von den wichtigen Entscheidungen personaler und organisatorischer Natur ablenken oder es versucht, uns mit Kinkerlitzchen wie E-Learning zu beschäftigen”, kritisierte Schmidt-Dengler.

Seiner Ansicht nach müssen die vorliegenden Vorschläge zur Reform berücksichtigt werden. Die Kollegen an den Universitäten müssten sich wieder als “mitbestimmende und nicht bestimmte” MitarbeiterInnen fühlen.

Dem Hang zur Demotivierung müsse ein Ende bereitet werden, so der Redner.

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WERNER WINTERSTEINER : LIBERO IM LINKEN MITTELFELD

czz-pikto-blind-fuer-todDer “Wissenschaftler des Jahres“ 2007 war ein glänzender Kopf, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, den Wert eines anderen in den Schatten stellen zu wollen. Im Gegenteil, er hat aus eigenen Mitteln einen Preis für junge GermanistInnen ins Leben gerufen. Für uns junge StudentInnen in den 1970er Jahren war er der beste Lehrer von allen, der einzige, der uns ernst nahm und den auch wir protestierenden Jungspunde respektierten. Er setzte sich mit uns auseinander – aber er ließ uns auch seine Ironie spüren. Zum Beispiel, als er den Brief an eine Studentenzeitung mit den Worten begann: “Nachdem sie sich von dem schock erholt haben, dass auch ich der kleinschreibung mächtig bin, möchte ich festhalten …”

Sein Humor war eine weitere hervorstechende Eigenschaft, die ihn so beliebt machte, mit der er sich aber auch Gegner schuf – zumindest, bis er selbst zu einer Institution wurde. Und diese Institutionalisierung gelang ihm nicht nur aufgrund seiner Verdienste um die Hochkultur, sondern weil er es verstand, auch alltagskulturelle Phänomene, vor allem den so geliebten Fußball, enthusiastisch und kritisch zugleich zu kommentieren.
Ebenso liebenswürdig und humorvoll war er auch im beruflichen Umgang.

Als ich ihn bat, für das Themenheft “Fußball“ einer Zeitschrift einen Beitrag zu verfassen, antwortete er zunächst nicht, um sich dann, als ich ihn schon drängte, geschickt aus der Affäre zu ziehen: “Lieber Herr Kollege, pardon, ich habe nicht früher geantwortet, weil ich Ihnen im Herzen die Zusage schon gegeben habe. Sie haben mich ganz richtig aufgestellt, im linken Mittelfeld, von wo ich das ganze Geschehen überblicke.“

Als Libero im linken Mittelfeld, konziliant und kritisch zugleich, als jemand, der das ganze Geschehen überblickt, so möchte ich ihn auch in Erinnerung behalten. Und ihm, der uns “im Herzen seine Zusage gegeben“ hatte, dankbar sein für das, was er für uns, was er für die Literatur, was er für Österreich getan hat.

Werner Wintersteiner ( Klagenfurt ) , Institut für Germanistik

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KARL WAGNER : EINE KLAGE
manuskripte 181 , Graz , Oktober 2008 , 6 - 7

czz-pikto-blind-fuer-todKalt gelassen hat er keinen, weil er nicht kalt war und kein Zyniker. Wohl aber war er sarkastisch und mit einem Witz begabt, der normalerweise für ein ganzes Institut reicht – und oft auch hat reichen müssen. Weil viele – bis heute – glauben, Humorlosigkeit sei mit Ernsthaftigkeit gleichzusetzen (oder deren Voraussetzung), hat er es nicht leicht gehabt. Von den Demütigungen des Betriebs ist auch Wendelin Schmidt-Dengler nicht verschont geblieben. Aber gegen seine Intelligenz, Belesenheit und Hilfsbereitschaft war auf Dauer kein noch so giftiges Kraut gewachsen.

Seine Schnelligkeit, für den Witz unerlässlich, hat manche, die gewohnt sind, ihre Irrtümer mit großer Pedanterie auszuarbeiten, dazu verleitet, ihn für vorschnell zu halten. In Wahrheit beherrschte er lediglich etwas, das selten ist: schnell und gut zu denken. Sein Urteil war treffsicher und nie dogmatisch; keine Rede über ihn ist törichter als das Klischee vom (österreichischen) “Literaturpapst“. In einer Studentenzeitschrift wurde er einmal als das berühmte Interpretationsduo Schmidt & Dengler bezeichnet: Tatsächlich hat das etwas sehr Einleuchtendes für uns Langsame. Angesichts seiner immensen Produktivität hat es ja auch etwas Tröstendes zu denken, es seien zwei am Werk gewesen: zumindest zwei. Und das nicht nur beim Schreiben, sondern auch bei den vielen organisatorischen Aufgaben, die zu übernehmen er sich nie zu schade war. Kein anderer hätte die Aufgaben des Institutsvorstands mit der Leitung des Österreichischen Literaturarchivs vereinbaren können; freilich habe ich ihn mitunter auch sehr müde und verloren gesehen. ( … )

Weil ein Fach wie die Germanistik einst ein Versprechen war, war und ist sie ein Massenfach, das auch höchstbegabte AbsolventInnen hervorgebracht hat, ohne dass die Gesellschaft dies gewürdigt hätte durch Berufsaussichten, Förderung und Anerkennung. Wendelin Schmidt-Dengler hat mehr als jeder andere diese strukturellen Defizite als persönliche Aufgaben zurückgespielt bekommen. Sein Einsatz für promovierte GermanistInnen ohne Stelle ist nie gewürdigt worden. Sein Versuch, strukturelle Defizite durch persönlichen Einsatz zu kompensieren, war eben so heroisch wie bewunderungswürdig – und der Melancholie günstig. Es wäre ein besonderes Experiment, wenn alle die, die von ihm einmal ein Empfehlungsschreiben oder eine Unterstützung bekommen haben, jetzt auch nur eine Dankeszeile schrieben.

Er war zu gut, um auf die Idee zu verfallen, es gäbe nur (s)eine Eigenart und Methode, mit Literatur umzugehen: Er hat sich nie auf Kosten von germanistischen Versuchen profiliert, die, im Unterschied zu seinen, nicht mit öffentlichem Beifall rechnen durften. Es war auch diese Solidarität zum Fach Germanistik, die ihn zu einer so bemerkenswerten Figur in der österreichischen Nachkriegsgermanistik haben werden lassen. Wie viele haben in seinem Windschatten die Kontroversen des Faches nicht einmal gespürt.

Seine Spezialität, die österreichische Literatur, hat er auch deshalb so glaubwürdig vertreten können, weil er nicht nur mit dieser vertraut war. Er war gewiss der belesenste Mensch, dem ich begegnet bin. Was für ein Glück, gleich im ersten Semester darüber staunen zu dürfen – und ich bin aus dem Staunen nicht herausgekommen. Er hat sich, so scheint es mir immer noch, auch alles gemerkt hat, was er je gelesen hatte. Sein Gedächtnis war jedenfalls phänomenal. Was aber noch mehr zählt: Bildungsdünkel kannte er nicht. Er wusste um seinen Wert, aber Eitelkeit war ihm fremd.

Er hat wie kein anderer dafür gesorgt, dass die Wiener Germanistik zu einem Ort für ausländische, insbesondere für osteuropäische Studierende geworden ist. Er war, wie alle wissen, ein hinreißender Lehrer; dabei hat er mich seinerzeit oft ratlos aus seinen Lehrveranstaltungen entlassen – wie froh aber war ich, dass er mich nicht mit didaktischem Billigtrost abgespeist hatte.

Schmidt-Dengler, der strikt Antisystematische, hat für die Erforschung der österreichischen Literatur Meilensteine gesetzt. Gegen die beliebte Rede von seiner Medienpräsenz und seiner Fußballbegeisterung (ja, ich war auch mit ihm im Hanappi-Stadion) sei daran erinnert: Er war ein Pionier für die Erforschung der österreichischen Literatur der 20er und 30er Jahre (und damit auch der fatalen Geschichte der Germanistik, die viele ihrer größten ideologischen Irrtümer mit ihrem Gegenstand teilte). Er war ein Pionier auch darin, die Gegenwartsliteratur zu einem Gegenstand der Wissenschaft und des universitären Unterrichts zu machen, als man in Wien und Zürich darüber noch die bildungsbürgerlichen Nasen rümpfte.

Mein erstes Proseminar bei ihm – er war noch Assistent – handelte von Thomas Bernhard, wohlgemerkt im Jahre 1971. Ihm ist auch er bis zuletzt treu geblieben: Mit Begeisterung zeigte er noch im Sommer dieses Jahres, beim Fest für Christoph Ransmayr, die Druckfahnen von Bernhards “Alte Meister“ für die bei Suhrkamp erscheinende Werk-Ausgabe. Andere Editionsprojekte wären anzufügen: Herzmanovsky-Orlando, Albert Drach oder Heimito von Doderer. Nicht alle waren gleichermaßen erfolgreich: es ist schade, dass die von ihm initiierte “Österreichische Bibliothek“ der Verlagspolitik zum Opfer fiel. Und er hat, nicht minder bedeutsam, die seit Karl Kraus bestehende Kluft zwischen der Germanistik und den Autoren der Gegenwart überbrücken können. Die Zeugnisse der Anteilnahme von den größten österreichischen Autoren und Autorinnen sind ein eindrucksvoller Beweis.

Zuletzt – und das ist in diesem Betrieb auch nicht so oft der Fall: er war mir ein Lehrer, ein Förderer und ein Freund: Was für ein Verlust, was für ein Schmerz.

Karl Wagner ( Zürich ) , Institut für Germanistik

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FRANZ SCHUH ( DIE ZEIT ) : DER ANDERE

czz-pikto-blind-fuer-todEs ist die Literatur, die das Bild eines Landes bestimmt, gerade indem sie allen fertigen Bildern widerspricht. ” Wendelin Schmidt-Dengler hat diesen Satz von Peter Handke in einem Vortrag zitiert, dessen Titel als Frage das Lebenswerk des am 7. September im Alter von 66 Jahren verstorbenen Germanisten charakterisiert: Wozu und zu welchem Ende studieren wir österreichische Literatur ?

Schmidt-Dengler war der Anwalt dieser sanften Gewalt, und er war nicht zuletzt ein mäctiger Mann: Vorstand des Institut für Germanistik, Leiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek. Ich habe Schmidt-Dengler vor Jahrzehnten kennengelernt ( … ) . Damals ging das Gerücht um, es gäbe am Institut für Germanistik einen , der wäre anders. Wie sollte das möglich sein ? Mit dem Anderen fand eine von Studenten organisierte Diskussion statt, an der auch der Dichter Reinhard Priessnitz teilnahm. Priessnitz war in ästhetischen Fragen der am meisten avancierte Denker. Der Andere war Schmidt-Dengler, damals Assistent, also am Anfang angekommen. Ich durfte mitdiskutieren und quengelte gleich am Assistenten herum. Ich empfand vor dem universitären Establishment ja keinen Respekt. Hatte ich nicht in einer der Vorlesungen, in der Paula Grogger nicht zu kurz kam, gelehrt bekommen, Kafka würde ‘weltweit überschätzt” ? Bei der Diskussion mit dem Anderen ging es hoch her und am ende war klar, dieser Mann ist anders.

Wendelin Schmidt-Dengler hat durch all die Jahre die Wiener Germanistik verändert, vor allem, indem er sie der Gegenwartsliteratur öffnete. Er verkörperte einen Paradigmenwechsel, und er hat auch schon früh als Kritiker gearbeitet. Sowohl als Kritiker als auch als Gelehrter vertrat er eine philologische Rationalität: Er hat, siehe das Zitat von Handke, der Gesellschaft klar gemacht, wie politisch der Gebrauch von Wörtern ist.

Franz Schuh : Zum Tod von Wendelin Schmidt-Dengler
DIE ZEIT ( print ) 38 | 11. 9. 2008

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KLAUS NÜCHTERN ( FALTER ) : PÄDAGOGISCHER EROS

( … ) So sehr er vor dem Rundfunkmikrophon oder fallweise der Fernsehkamera mit seiner unübertroffenen Mischung aus sachlicher Seriosität und schelmischer Schlagfertigkeit zu überzeugen wusste, seine eigentliche Arena war der Hörsaal. Wo andere auf Pflichtvorlesungen und -bewusstsein angewiesen waren, um eine schüttere Studentenschaft um sich zu versammeln, da füllte Schmidt-Dengler das Audi Max spielend bis zum letzten Sitzplatz. Bei ihm wollte man nicht einfach nur einen Schein erwerben, ihm wollte man zuhören: Der pädagogische Eros, der in dieser muffigen, tageslichtlosen Atmosphäre Woche für Woche mit zähem Phlegma und hohlem Pathos zunichte gemacht wurde ( …. ) - in den mit polemischen Extempores gewürzten Vorlesungen des brillanten Rhetorikers und studierten Altphilologen ( …. ) durfte er endlich einmal sein lockiges Haupt erheben. ( …. )

In drei Jahrzehnten hat allein seine Hauptvorlesung über eine halbe Million Hörer angezogen.

Klaus Nüchtern : Eros im Audi Max - Am vergangenen Sonntag verstarb völlig überraschend
Österreichs denkbar unpäpstlicher Literaturpapst , Falter 37 | , 10. 9. 2008

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ALFRED KOLLERITSCH : [ MARGINALIE ]
manuskripte 181 , Graz , Oktober 2008 , 4

Wendelin Schmidt- Dengler ist tot. Zahlreiche Nachrufre errichteten für ihn ein riesiges Wortdenkmal. Er jedoch ragt weit darüber hinaus. Seine Begeisterung für die Literatur, die andere in ihrem Amt gar nicht aufbringen können oder die mit ihrem Amt sehr oft der Literatur bloss schaden, wurzelt in seiner tiefen Naivität ( fast könnte man sie schillerisch umschreiben ), in einer ihm mitgegebenen Kraft und dürfte ich noch “begnadet” sagen, wäre mir das nur Recht.

Aus dieser Quelle schöpfe er die Kraft und de Lust ganz der Literatur zu gehören, ihr mit Überzeugung und Ehrlichkeit zu dienen und viele an die Literatur heranzuführen. Diese Liebe war verbunden mit einer ausserordentlichen Strenge, die gnadenlos jede Schwärmerei ausschloss, jeden Kompromiss und vor allem die Verhunzung der Literatur durch Ideologien. In hohem Masse förderte er das Gegenwärtige und prüfte es mit den Kriterien der Erfahrung. Noch nicht ganz Schätzbares leistete er für den Aufbau des Literaturarchivs der österreichischen Nationalbibliothek. Er schenkte dem Archiv das Gedächtnis für das Jetzt und die Zulunft der Schrift.

So sehr er zum Literaturbetrieb gehörte entkam er ihm und seinen Tücken. er war über ihn - den Literaturbetrieb - allgegenwärtig hinweg und reinigte und entgiftete die dort vorherrschenden Gepflogenheiten. Die ihm schaden wollten, die ihn nicht mochten, scheiterten an seinem Wissen, an seinem Fleiss und seiner Menschlichkeit.

Was wird jetzt gescheehen ? Wie werden seine Pläne auseinanderplatzen, was wird verschwinden, was sich verändern ? Keiner von seiner Sorte wird mehr kommen. Wer wird die schreibenden Talente erkennen, wer sie auf seine Art begleiten ? ( … )

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