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Wendelin Schmidt-Dengler ( 1942 - 2008 )



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NUA KA SCHMOEZ NED

czz-pikto-blind-fuer-tod

nua ka schmoez ned how e xogt !
nua ka schmoez . .

Und , bitte , keine Anekdoten .

H. C. Artmanns Verse , legendär verfasst med ana schwoazzn dintn , möchte man all’ jenen Allzeit- Bereit- Nachrufern und Eil- Erinnerungs- Episodikern auf die Tastaturen legen und um die Tele- wie Mikrophone wickeln .

“Mir fehlen die Worte” , hat Elfriede Jelinek zurecht auf die Anfrage des Standard reagiert , während gestern erstickte Mails und AB- Nachrichten Jener hier eintrafen , welche - wie in|ad|ae|qu|at - WSD über Jahrzehnte als Lehrer , Projektleiter , stupenden Gelehrten kannten und als blitz- geistesgegenwärtigen wie getreulichen Menschen schätzten .

… aus Verzweiflung, wem ich in dieser Trauer ein Wort schreiben kann. Schmidt-Dengler ist gestorben. Vielleicht hast Du schon davon gelesen. ( M. H. )

Es ist unfassbar.

Wie kann ein so besonderer, so gütiger und großzügiger Mensch, dessen Witz sich immer gegen die Anmaßung, nie gegen die Schutzlosen richtete, dessen Vitalität jeden, der ihm nahe kam, durchströmte, verschwinden ? ( R. I. )

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LEERWORTE , POLITISCH

czz-pikto-blind-fuer-todBei der breiteren universitären Klientel war WSD als witziger Erzähler ebenso beliebt wie als Prüfer gefürchtet ob seiner auf Allgemeinbildung zielenden Fragen : “Aber sie können es doch” hatte Schmidt- Dengler noch am Samstag die Leselust der Studierenden verteidigt :

… die Rede von den Studierenden, die immer schlechter werden, ist schlicht obsolet, auch wenn man sich bei Prüfungen manchmal richtig grün und blau ärgern kann. Aber das ist ein Berufsrisiko.

Schlimmer dürften indes die Berufsrisiken der universitätspolitischen Frontstellung gegen den herrschenden Ungeist à la Bologna und angewandter Uni- Reform- Politik gewesen sein sowie das ungeheuerliche Arbeitspensum des Professors , Gründers und Leiters des Österreichischen Literaturarchivs und rastlosen Rezensenten . Dies spricht der nicht ganz unbillige Nachruf @ ORF On auch unverholen an .

Die Politik selbst produziert derweil die anlass- übl ich e Makkulatur ( Gusenbauer , Mailath-Pokorny , BM Schmied , Morak … ) .

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JOSEF WINKLER : NACH VARANASI

Vor 15 Jahren hat Wendelin Schmidt-Dengler mein Leben verändert. Nach einer gemeinsamen Veranstaltung fuhren wir mit dem Zug von Udine nach Wien. Ich erzählte ihm, dass ich in den nächsten Monaten vorhabe, das erste Mal nach Indien zu fliegen, wusste nicht, ob ich nach Bombay oder Kalkutta gehen sollte. Er empfahl mir Varanasi, die heilige Stadt der Hindus. Seither war ich neunmal in Indien, siebenmal in Varanasi.

Am 1. November hätte er die Laudatio für die Verleihung des Büchner-Preises in Darmstadt halten sollen. Es war der Wunsch der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, und es war mein Wunsch. ( Josef Winkler , Der Stanrdard , 10. 9. 2008 )

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TEXTE SPRECHEN : MARC AUREL ZU CARNUNTUM

Gewidmet eher dem Altphilologen denn dem Stoiker , den WSD nur selten gab .

Folgende zwei Wahrheiten muss man sich also merken:einmal, dass von Ewigkeit her alles gleich sei und sich im Kreise bewege und dass es keinen Unterschied mache, ob einer dieselben Dinge hundert oder zweihundert Jahre oder eine grenzenlose Zeit hindurch beobachte; zum andern, dass der Längstlebende und der sehr bald Dahinsterbende gleichviel verlieren; denn nur der gegenwärtige Augenblick ist es, dessen jeder verlustig gehen kann, da er diesen doch allein besitzt; was einer nicht besitzt, das kann er auch nicht verlieren. ( Marc Aurel , Selbstbetrachtungen | Wege zu sich selbst , 2 | 14 , Geschrieben zu Carnuntum )

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TEXTE SPRECHEN : WSD ÜBER WOLF HAAS’ KOMM SÜSSER TOD

czz-pikto-blind-fuer-todAus Schmidt-Denglers Vorlesung zur Österreichischen Gegenwartsliteratur ab 1990 über Wolf Haas‘ drastischen Krimi in fahriger Sprache “Komm süsser Tod” :

Wenn du heute als Detektiv zuviel an den Tod denkst, kann es leicht passieren, daß der Tod zur Abwechslung auch einmal an dich denkt. Obwohl man ja sagt, daß der Tod eine kalte Hand hat. Und die Hand, die dem Brenner jetzt von hinten den Hals zugedrückt hat, ist eine warme Hand gewesen.

Das ist die Kunst des Übergangs: Von dem Bild der kalten Hand des Todes, also von der doch ziemlich verbrauchten Allegorie schlägt die Erzählung mit einem Schlage in Handlung um. Weiter:

Und die Hand, die ihm den Arm auf den Rücken gedreht hat, hat sich auch ganz normal angefühlt. Ich möchte nicht sagen menschlich, weil wenn dir jemand halb die Schulter auskegelt, sagt man nicht gern menschlich, Temperatur hin oder her.

Hier wird die Redewendung beim Wort genommen, sie wird gleichsam Fleisch: Die kalte Hand des Todes, die nun die warme Hand eines Menschen ist, der nicht menschlich ist. Das Spiel mit den verschiedenen Bedeutungen des Wortes menschlich gibt solchen Partien ihren Reiz. Zugleich aber wird so das Erzählen an sich umgangen; es wird nicht direkt erzählt, sondern alles in ein Indirektes ausgelagert, und dies macht, so möchte ich meinen, doch auch die Stärke dieses Textes aus.

Zugleich ist es ein Signal für die gewählte Umständlichkeit. Die Omnipräsenz des Todes wird an dieser Stelle ebenso schön erkennbar: Schon aus dem Titel klingt sie an, ein Zitat, das Brenner offenkundig nicht ganz richtig im Gedächtnis hat, denn der Text lautet ‘Komm, süßes Kreuz‘ und erweist sich als Aria in der Bachschen Matthäus-Passion. ( … ) Dieses Zitat ist der thematische Integrationspunkt des ganzen Textes, ein sehr ironisch gewählter Integrationspunkt, wenn man bedenkt, daß der süße Tod durch eine Zuckerwasserlösung herbeigeführt wird. Bimbo wird auf makabre Weise umgebracht. Da heißt es: “Der Groß ist tot !”

Das wird von Brenner umgedreht: “Der Tod ist groß.” - Und er weiß dazu auch das einschlägige Gedicht – von einem Trauerbillet. “Der Tod ist vielleicht groß”, beginnt das 13. Kapitel, und weiter heißt es: “Wien ist auch groß.”

Das ist ein – durch das vielleicht allerdings entscheidend variiertes – Rilke-Zitat, mit dem eine andere Ebene der Todesthematik eingeführt wird:

Wir sind des Todes, lachenden Mundes. Entscheidend ist allerdings, wie durch das tertium comparationis “groß” die Beziehung zwischen Wien und Tod blitzartig hergestellt wird: So wird Wien gleichsam zur Stadt des Todes oder der Toten, ein Topos, der sich immer wieder reaktivieren ließe. ( @ Elib.at [ pdf ]

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TEXTE SPRECHEN : WSD ÜBER HVD

czz-pikto-blind-fuer-todWendelin Schmidt- Dengler : Heimito von Doderer 1896 – 1966 @ HVDG ( pdf )

Doderers Aversion gegen die Autobiographie mag ihre Ursache auch darin haben, daß ihm vieles an seinem Leben nicht mehr geheuer war; aber ebenso wenig geheuer war ihm die Pose der großen Konfession, die das Ego des Autors an einer viel begangenen Stelle auszustellen bemüht ist:

Das Direkt-Autobiographische im Roman ist erbärmlich; es ist die Art und Weise, wie egozentrische Narren sich zu Künstlern aufblähen wollen.

Er wendet sich auch mit Verve gegen Memoiren und Autobiographien, die für ihn ‘formlose Fadheit’ sind. Der Autor, gleichgültig, ob es der tugendhafte, mönchisch seiner Schreibarbeit ergebene Schriftsteller oder der selbstvergessene Anarchist ist, will unerkannt bleiben und sich selbst zum Verschwinden bringen. Auf die Frage, was denn der Schriftsteller sei, antwortet Doderer zum Abschluß von Grundlagen und Funktion des Romans:

Nichts ist er, garnichts, und man suche nichts hinter ihm. Er ist ein Herr unbestimmbaren Alters, der einem dann und wann im Treppenhause begegnet.

Und wie der Mensch ganz in den Dingen, denen er seine intensive Aufmerksamkeit widmet, aufgehen kann und dabei in bestem Sinn durchlässig wird, hat Doderer in einem seiner “Neunzehn Lebensläufe” auf den epigrammatischen Nenner gebracht:

Erst bricht man Fenster. Dann wird man selbst eines.

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HINWEIS ZUM HINHÖREN

  • Heute , Dienstag ist im Ö1- “Hörspielstudio” ( 21.00 H ) eine Wiederholung einer Ausgabe von “Literarische Aussenseiter” zu hören , in welcher Wendelin Schmidt-Dengler über Thomas Bernhard spricht .
  • Im Rahmen der Ö1-Reihe “Im Gespräch” wird am Donnerstag ( 21.00 H ) eine Sendung aus dem Jahr 2004 wiederholt : Michael Kerbler und WSD Elfriede Jelinek , die am Tag nach der Erstausstrahlung der Sendung den Literaturnobelpreis erhielt .

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TRAUERFEIER

Die Trauerfeier wird - gemäss einem Bericht der “Presse” - am Donnerstag , 18. September in Wien vollzogen . Der Verstorbene wird um 14:00 H in der Aufbahrungshalle 2 des Wiener Zentralfriedhofs eingesegnet . Anschliessend findet die Beerdigung statt .

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Salon Littéraire | Ann Cotten : sie fällt



Literatur @ in|ad|ae|qu|at : Der SALON LITTÉRAIRE als www- Galerie für Bild und Text

Salon Littéraire | Ann Cotten :

sie fällt

es ist dunkel. nichts ist. ein helles, scharfes geräusch. zweimal knapp hintereinander, dann noch einmal. es ist ein vogel. es ist morgen.

die schulter ist da. neben ihr, sie spürts. der rücken ist hinter ihr…oben. unter ihr - der polster. er wird gewälzt, ist klein. der vogel zirpt.

in der nacht. es war völlig dunkel. der vogel zirpte. wann zirpt er nicht? dazwischen.

es wird schwarz. ihr gefällts.

sie wacht auf. wer ist da? morgen. sie wacht auf. es ist halbwegs hell. morgen ist! jetzt sind ihre beine. sie hüpft auf und schleudert die decken weit von sich. sie gähnt laut und stürmt ins bad. sie wälzt sich vorsichtig auf die andere seite. wo ist der rücken? da.

wo ist das tschilpen? dort! dort! sie springt auf und reißt die tür auf. etwas klägliches läuft davon, so schnell seine beine es tragen, zwei stück. war sie das? ich bin zu spät. ich bin zu spät. es fängt an zu regnen. sie spannt den rücken aus, sie spürt den mittleren teil. der rechte arm ist eingeschafen. er befindet sich unter dem polster. das fleisch fühlt sich fremd an. war das gestern? es ist gräulich. sie kann nicht dem gesamten vormittag ins angesicht schauen.

sie kann sich nicht ins gesicht schauen. wie denn! es gibt bröseln in den augen. die haare fühlen sich nicht gut an. sie ist nicht da. was wars gewesen, fallen? sie macht die augen zu. es ist dunkel. sie ist da. der vogel tschilpt. sie ist nicht da. sie ringt mit einer schlange.

Copyright Anne COTTEN sie schlaeft 01

die schlange heißt schlaf. sie will sie mit gift beißen. die giftzähne streifen ihren arm. der arm liegt eingeschlafen unter dem polster. die schlange muss sie beißen. ihre linke hand kann den nacken der schlange nicht fassen. sie windet sich raus und die zunge der schlange züngelt um ihren nacken. sie hat den mund offen, sagt nichts. sie schreit nicht bei alpträumen. sie kennt sich aus. sie weiß, was schlaf ist. sie ist nicht da.

wer ist da? sie! morgen ist.

was tun? der vogel tschilpt zweimal pro sekunde. dann drei sekunden nicht, dann wieder. sie hat die ganze nacht verschlafen, dann dreimal das tschilpen gehört, dann nicht. die ganze nacht sein und nichts. jedes tschilpen könnte das erste sein. handelt es sich um solipsie oder überredungskunst? sonst könnte der andere vogel einmal einwilligen. bins ich? aufstehen? es regnet nicht mehr.

wer ist sie? da!

ich stehe. der vogel tschilpt zweimal pro sekunde. dann drei sekunden nicht, dann wieder. ich hab die ganze nacht verschlafen.

DER VOGEL
Es ist wie mit dem Ofen abdrehen. Oder du: ich habe dich ja beim Zähneputzen gesehen. Du gehst herum, du putzt dir gerne die Zähne, und das hat damit zu tun, wie es funktioniert. Es putzt dir die Zähne. Du bist nie ganz durch, du musst dich ständig wieder einer anderen Stelle zuwenden, die du ungeputzt glaubst, obwohl du sie in der letzten halben Minute schon oft geputzt hast. Es macht das von alleine. Du musst nur die Hand an der Zahnbürste lassen und kannst in die Gegend kucken. So machen wir das auch. Jedes Tschilpen ist das erste überhaupt. Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob wir schon vorher getschilpt haben. Jedenfalls nicht, ob wir so gut getschilpt haben wie möglich. Sobald vergangen, hat das Tschilpen einen anderen Status, einen ungreifbaren, ja seine Existenz ist im höchsten Grade fragwürdig.

sie geht durch wiesen, sie muss es, sie nässen sie. es ist tau oder regen. hat es in der nacht geregnet, ist es regen, nein? dann tau. sie hat keinen blassen schimmer. sie geht zügig und was sie stört ist der gedanke, dass sich grashalme zwischen die teile der sohlen ihrer schuhe keilen, die ohnehin auseinanderfallen. sie lässt die füße in einem winkel von jeweils 45° auf das gras und auf den boden treffen und hofft, damit der keilung zu entgehen. sie weiß nicht, ob sie ist, sie schläft vielleicht. es gibt eine trübung ihres gesichtsfelds, links. die farben sind anders. sie geht, sie läuft, sie geht, sie dreht um, sie denkt: genug, ich drehe um. nach drei viertel des wegs brennt sie eine brennessel am schenkel, durch die hose durch. da!

so ähnlich wie die grashalme ist der gesang der vögel. gesang ist ein euphemismus. es sind schmucklose geräusche von einer wohlgerundetheit und schlanker funktionalität, wie sie auch von grashalmen aufgewiesen werden. auch hier treten manche heller ins bewusstsein, von einer gegebenen perspektive aus, andere verschwinden im schatten dahinter, alle sind grün. nur die funktionalität des gesangs lässt sich nicht so einfach durchschauen wie die der halme. bieten sie dem hören eine möglichst große fläche? ähnlich wie die eigene haut aufgrund der fältchen, der unsichtbaren oder weniger sichtbaren teile also, eine weit größere fläche besitzt als angenommen? so werden in der stadt werbeflächen verkauft, dazwischen schießen die keiler hervor, wer gewinnt? wer mehr schwung hat. man kann, wie jeder weiß, mit einem zwischen zwei daumen gespannten grashalm die radikalsten geräusche erzeugen.

Copyright Anne COTTEN sie schlaeft 02

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Ann Cotten

geboren 1982 in Ames , Iowa, seit 1987 in Wien , seit 2006 in
Berlin als Schriftstellerin und Übersetzerin . Studium der Germanistik , Produktion von Prosa und Lyrik .

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Bibliographie

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Radio- & Audiophonie

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Texte im Netz

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Referenzen

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Ann Cotten . Keine Faden Würmer in der Buchstabensuppe



für Ann Cotten

Laudatio zur Verleihung des Reinhard Priessnitz- Preises 2007 , Literaturhaus Wien , 29. 10. 2007

“Laudatio auf N” oder : Keine Faden Würmer in der Buchstabensuppe

I .

“Wie ist es aber, frag ich dich, ein Mädchen zu sein” - Und Mädchen auf dem sich drehenden Platten-, pardon, Präsentierteller der Gerühmten ? -
Unter der Zirkuskuppel der Rühmenden und der Berühmten dreht die Kunstreiterin ihre Runden . Kafka , na klar . Wer dächte da nicht . Aber ja , wir denken an Kafka, der sich und die Seinen “KA” (”K” ) nannte . Aber ja , wir denken an die Schriftstellerin Ann Cotten , die zu verzichten pflegt auf zwei Drittel ihres Eigennamens : Stimmlich “EN” , stimmlos “N” - Neutrum.

Ja , das wäre man gern . Als Eines , Das schreibt . Sache An Sich , Schreiben Für Sich . Und kein Publizieren an die Einpeitscher der Meinungen . Und keine Adresse an die Zirkusdirektoren in den Jurien . Also bleiben auch wir (nachdenkend , vorsprechend ) über den “Fall EN” ( maskulin ) , “die Ann” ( feminin ) und das “N” ( neutrum ) … Also bleiben auch wir mit Franz Kafka “AUF DER GALERIE” :

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd und von einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde , auf dem Pferde schwirrend , Küsse werfend , in der Taille sich wiegend ( … ) :
Vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab , stürzte in die Manege , riefe das : HALT ! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters . ( Franz Kafka , AUF DER GALERIE )

II .

Zwar war es kein circensisches Rund unter dem Gummi der Plane - aber ein Treibhaus unter Luft- und Klangabschluss war es doch , wo wir im Mai dieses Jahres eine Folge der Reihe LITERATUR ALS RADIOKUNST produzierten .- Stellen Sie sich anstelle von Kafkas “lange(r) Treppe durch alle Ränge” das reelle “Steppen durch lange Gänge” im Wiener Funkhaus vor . Drei Tage , je acht Stunden : Und man stürzt ins Studio , und man ruft das “HALT !” durch das Mikrophon und es hallt wieder . Nun die eigene - nämlich Anns , ENs , Ns - Stimme .

Ann Cotten hat in ihrer - by the way nur aussenhin - schaudernden Art ein entschlossenes Hörstück durch die Klippen der Wenns und der Abers und der Womöglichs manövriert . “PARKBANK” hat sie den 16- Minüter betitelt und in eine akustisch beseelte Welt gestellt .

So , wie es Ann Cottens Poetik nun einmal gefällt . - WELCHER Poetik ? - Nun , das müssen Sie , werte Zirkusbesucher , schon selber an unseren Vorgängen und -Trägen HIER erspähen !

Ganz also , wie es ihr gefiel , der EN , N , der AutoriN , hat sie wieder einmal eine ihrer fiktiven Frauenspersonen vom Stapel laufen und in einen Park fallen lassen , wo nicht nur “das Psychische” sich übel überbrütet , sondern auch so manch anderes Getier seine Wesen treibt . Tonmeister Martin Leitner reichte die helfende Hand , das Wirbelnde und Wirbellose sirrend und flirrend zu instrumentieren , das iterierende Ich- Splitting in Klänge zu setzen und in Wellen zu legen .

Womit wir ja schon mitten drin sind , in den krabbelnden , haarigen und die Unmündigkeit kundig zelebrierenden Textkörperchen der Lady EN .

“Wie ist es aber” , fragte ich sie , “eine Dichterin zu sein ?” , als wir vor Wochen ( zwar auf keiner Parkbank , so doch auf gemeinsamer Trainingsbank ) sassen . “Was ist Deine Schreibhand” , fragte ich sie , “doch für ein winderluches Tier ?” - Lachte und gab keine Antwort , die hochgelobte Dichterin . Blätterte lieber in einem FREMDWÖRTER- BUCH : SO NETT bereit gelegt auf dem Verhandlungstisch , zwischen uns und dem Expliziten .

Karl Ernst Georges’ “AUSFÜHRLICHES LATEINISCH- DEUTSCHES HANDWÖRTERBUCH , aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel” , Reprint der Ausgabe 1913 , Achte Auflage .

Zwei Bände , zwei Sprechende und 6.000 Seiten . Klar , dass man da auf “LOB” ( das , N , Neutrum ) und “LAUS” , “LAUDIS” ( femininen Wortgeschlechts ) kam und es kein Halten mehr gab des linguistischen Züngelns , Zirpens , Zischelns im Rascheln fremdwörtlicher Blätter .

So geriet die “LAUDATIO” als Wort wie als DING AN SICH in den “WIE SPRICHT MAN ?”- Blick . Wie es sein sollte , wissen die grossen Rhetoren : Die “LAUS ELOQUENTIAE” sei nach Cicero “modica” und nach Quintilian “solida” . Hüten müsse man sich vor der “laus insanis et infructuosa” ( Cicero ) sowie den “laudibus indignus” ( Cicero & Horaz ) . - Was also bleibt uns für diese Zirkus- Situation der “laudes summae” ( Qunintilian ) bzw. der “laudes maximae” ( Cicero ) übrig ?

III.

Richtig : Die Laus . Ganz recht , denn mittlerweile sind zwischen den fadengehefteten Blättern des Lexikons jene Fadenwürmer hervorgekrochen , welche Ann Cottens Denk- und Metaphernleben als “Wappentiere” ( Selbstaussage ) begleiten : Wer, der EN nennt und kennt , würde da nicht sofort an des Genetikers Lieblingstier , den CAENORHABDITIS ELEGANS denken ? - Es braucht kein PETRI DISH und keine Weisskittel, um diese Fadenwurmart als Modellorganismus zu nehmen : Notizbuch und Kitzelstift , Kritzelstift tun es - wie Sie anwandend projiziert sehen . Sie tun es auch: Für den poetischen ( wenn nicht sogar zum poetologischen ) Hausgebrauch .

“Was soll jetzt DAS schon wieder” , fragen Sie , werte Zirkus- Besucher und wollen Sie jetzt sicher NICHT wissen , dass es der “adulte Wurm” auf “einen Millimeter” bringt . Länge . “Das langt !” , sagen Sie , noch bevor Sie erfahren , dass der CAENORHABDITIS ELEGANS ein sogenannter “Konsekutivzwitter” ist : Der “Hermaphrodit bildet zuerst Spermien , dann Oozyten” und pflanzt sich “durch Selbstbefruchtung fort”.

Ganz so selbstbefruchtend , wie Lady EN , Neutrum N , laut Wappen-Blason dies gerne hätte , ergibt sich freilich KEINE Poesie . Bei allem Autopoietischen , welches EN - scheinbar nebenher und leger - in ihre ( n ) Verse stellt , gehen ihre Suchbewegungen doch stets auf Tuchfühlung mit DEM , was sie anregt . Situationen , Konventionen und mitunter ein schlichtes NEIN sind die Wirtstiere , aus denen Ann Cottens parasitär pataphysisch geneigter poetischer Eros sich speist .
Ja , er ist ganz schön verfressen , dieser Parasit und bleibt - wiewohl kein Kostverächter - trotzdem wählerisch : Beste Lese an Fremden Federn , Aufschwingen an ihnen und vorturnen den ikarischen Fall . Falls es ihr so gefällt . Der EN , dem N , der Dichterin , der Essayistin . Immer heute , immer neu , mit jedem Text ein proklamiertes Scheitern an den sogenannt Grossen Dingen : Verstehen , Welt , Leben , Beziehung .

Ja , grinst Ihr nur , Ihr Entitäten : Entgegen dem , was sie als rhetorische Geste vor sich her trägt , sitzt sie - nämlich EN - Euch längst im Fell , saugt Euch aus , und spricht obenhin doch immer wieder nur vom ICH als einem Zerknautschten .

IV.

Hautsack und Wirbel dieser Lyrik sind nur geliehen , Versmasse , Prosodie , Motive : Bezüglich sind die Lyrik , hochgradig anzüglich natürlich die Prosa , in ihrer proklamierten Beziehungslosigkeit , scharf im Auftrumpfen mit dem Stumpfen , Kalauer als Wille hinter der Vorstellung .

Morphings und Anverwandlungen finden statt und ENs Gestaltungen gestalten sich immer so artgerecht , dass Kafkas - also K’sche - Käfer rechtzeitig rücklings zu liegen kommen . Gäbe es eine Poesie des Wirbellosen , Quastenflossers , Polymorphen - sie läge hier im Werk vor . Unzertrennlich indes amalgamiert mit dem Wirtstier und der endemischen Bewegung des “Gegen” . WIDER : -Spenst , -Spruch , und -Rede geben regelmässig den Imperativ zu frischer und eminent beweglicher Selbstvermehrung .

… und WENN dieses Spiel unter dem nichtaussetztenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die graue Zukunft sich fortsetzte , begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind …

DANN - erst -eilen wir in der Rolle von K’s jungem

Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab , stürzte ( n ) in die Manege , riefe ( n ) das : HALT ! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters ( Franz Kafka , AUF DER GALERIE ) -

[ icon : copyright Ann Cotten ]

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