NZZ, 28. 2. 2007
czz – «Weil nicht alle Knabenmorgen – / Blütenträume reiften» schaffte (so Goethes «Prometheus») der Mensch Kultur in die Welt und insbesondere die Epen vom Verlust der ursprünglichen Unschuld. Die aus jugendlichen Lebenswelten, deren Clan-Sprachen und Sozio-Jargons geschöpfte Popliteratur ist keine neue Erfindung. Neu ist, wie rasch die Energie der gegen das Er-Wachsen Rebellierenden im Marktsegment teurer Hardcover-Ausgaben landet und wie rapide dort manch freche Fresse alt aussieht. Ein Mehr an konkreter Lebendigkeit bieten – wie bei Oliver Maria Schmitt (Jahrgang 1966), Jan Böttcher (1973) und Saša Stanišić (1978) – dahingegen die Audiofassungen von adrett jugendmöblierten Romanen: Mittels Klangzitat und sportlicher Diktion lässt sich ein momentan direkterer Draht zum Sound der jeweils markierten «Szene» legen. Höchst heftig schmettert etwa die Hörinszenierung von Oliver Maria Schmitts Post-Punk-Rhapsodie «Anarchoschnitzel schrieen sie» gegen die Trommelfelle: Eine Blütenlese des Abgeschmackten, führt die satirische Schilderung der Wiedervereinigung einer Krach-Combo teils in die Achtziger Jahres zurück, durchquert andernteils Merkel-Deutschland. Als stimmstarker und dialektdreister Interpret seines Textes macht der Autor dessen Zotiges erst erträglich, schockweise eingewebte Musikalien (Markus Wessel) ergänzen die Buchhaltung gegenkultureller Schlüsselreize. Aus den Anmutungen und Anmutigkeiten der in die Erzählung eingeblendeten Musik zehrt auch die akustische Adaptierung von Saša Stanišićs – im vorigen Jahr hochgelobtem – Début «Wie der Soldat das Grammofon repariert»: Seine unverbindlich kindliche Variation bewährter Balkanblues-Muster könnte leicht als Kriegs- und Migrations-Kitsch durchgehen, wären da nicht Merima Kljucos atmosphärische Akkorde und Maximilian von Pufendorfs klarer Knabenklang. Der Generationen-Roman des – als Texter und Sänger der Band «Herr Nilsson» geschätzten – Jan Bötticher hätte den kessen Slang und die Idee zum grösseren Rahmen, stürzt allerdings in Liebesdingen mitunter in die «Dr. Sommer»-Zone ab: Rafi Guessous’ charmantes Organ dankt sich die Rettung von «Geld oder Leben», eines bübischen Stücks zwischen NDP, RAF, ATTAC und Kreissparkasse.
Oliver Maria Schmitt: Anarchoschnitzel schrieen sie, Autorenlesung, 4 CDs (289 Min.), Argon 2006, Saša Stanišić: Wie der Soldat das Grammofon repariert, Hörspiel, 1 CD (78 Min.), BR / Random House Audio 2006, Jan Böttcher: Geld oder Leben, Lesung: Rafi Guessous, 4 CDs (564 Min.), GoyaLIT 2006







