czz – «Was bleibt aber, das stiften die Dichter», heisst es bei Hölderlin. Was aber von der Unverwechselbarkeit ihres Zungenschlags, ihrer Intonation, Melodie, Stimmung und Stimme bleibt, horten – seit es Techniken der Klangaufzeichnung gibt – die Archive.
Als gespeicherte Flüchtigkeit bleibt die akustische Aufzeichnung der Autorenlesung ebenso ein Faszinosum, wie sie nicht selten Erhellendes zum Verständnis des Textes erschliesst: Poesie, im Atem ihrer Artikulation, lässt jene weit über den Schriftsatz hinausgehende Präsenz erahnen, die bei den Griechen «pneuma» – als Geist und Atem – hiess.
Mit dem Grossprojekt «Lyrikstimmen» zollt der Hörverlag der Einzigartigkeit des gesprochenen Wortes Reverenz und legt buchstäblich ein Jahrhundertwerk vor. Zwischen Hugo von Hofmannsthal (1907) und der Pop-Lyrik Bas Böttchers (2007) liegt ein Säkulum dichterischer Auf- und Umbrüche, Aus- und Aufrufe, brüsker Negationen und formaler Neuschöpfungen, welches vielfältiger nicht sein könnte: Von poetischen Beschwörungen des «Wesens» über Neusachliches, Politisches aller Couleur bis zu dadaistischer Destruktion und konkreter Neubestimmung reichen die Formen. Manche – wie die Lautdichtung eines Ernst Jandl, Franz Mon oder Oskar Pastior – sind besonders innig an die Artikulationskunst ihrer Autoren gebunden.
Womit die auditive Aufzeichnung als solche in den Fokus des Interesses rückt. Was in Archiven von Rundfunkanstalten, Verlagen und Mediendokumentationen lagert, hat – von der Wachsplatte bis zur digitalen Tonaufzeichnung – mehrere Medienwechsel erfahren, die dem Tondokument nicht selten unablösbar anhaften: Bei historischen Schellackplatten scheint das Rauschen der Zeit anzuklingen. Was freilich unvernehmbar bleibt, ist das wegen Materialalterung Unrettbare oder durch Löschaktionen Verlorene.
Fünf Jahre haben die Gestalter der Sammlung recherchiert, um Tondokumente von wesentlichen Autorinnen und Autoren aus weit verstreuten Quellen zusammenzutragen. Entstanden ist ein auditives Porträt von 122 lyrischen Individuen, deren Eigenarten, Stimmen und Stimmungen von faszinierender Vielgestaltigkeit sind. Den literarhistorischen Sinn stiften darüber hinaus kundige Begleittexte und eine sorgliche Dokumentation.
- Christine Collorio, Peter Hamm, Harald Hartung, Michael Krüger (Hg.): Lyrikstimmen. Die Bibliothek der Poeten. 9 CD (638 Min.), Der Hörverlag 2009
- “Lyrikstimmen” ist Hörbuch des Jahres 2009 – Der Preis wird am 10. März 2010 in Köln verliehen .
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