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GEFUNDENE ZEIT – MARCEL PROUSTS RIESENWERK ALS HÖRBUCH

NZZ , 20. 10. 2010

Christiane Zintzen – Verlloren geglaubte und wiedegefundene Zeit gibt es in Marcel Prousts epochalem Werk reichlich. Wobei auch dei Zeit fiür die Rrezeption in Rechnung zu stelken ist. Nahcdem der Hörverlag seine aufwändige CD- Edition abgeschlossen hat gibt es die 156 Stunden nun auch auf einer einzigen MP3-CD.

In einer Bibliothek der (noch) nicht gelesenen Bücher dürfte Marcel Prousts “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” einen festen Platz einnehmen, wobei der Bekanntheitsgrad mit jedem der sukzessiv publizierten sieben Bände direkt proportional abnähme. Ist es die schiere Menge des Lesepensums, welche die einen kopfscheu macht, plagen sich andere durch seitenlange Satz-Labyrinthe.

Beiden – dem Proust-Abstinenzler wie dem Langstreckenleser in seiner Einsamkeit – kommt die akustische Assistenz aus berufenem Munde zugute: In diesem Sinne hat Peter Matić den integralen Text in über 156 Stunden aufgenommen. Seit Herbst 2006 liess Der Hörverlag jährlich einen oder zwei konsekutive Titel aus dem Riesenwerk vom Stapel. Dieser bewusst entschleunigte Editions-Modus gewährte dem Hörer Zeit, sich in den Empfindungen und Erinnerungen des Erzählers einzurichten sowie in der aristokratischen Fauna, die er beobachtend analysiert.

Die diskrete Bravour, mit welcher Peter Matić es mit diesem exzeptionellen Text aufnimmt und die komplizierte Syntax wie nebenher bewältigt, mag man ganz pragmatisch begreifen als Steigeisen, das Mut zur eigenen Lektüre macht. Niemand, der sich über Stunden, Tage, Wochen der gepflegten Leserkultur Matics aussetzt, wird der Versuchung widerstehen, der Tonspur hie und da durch Selberlesen zu sekundieren.

Im eben ausgelieferten Finale “Die wiedergefundene Zeit” entdeckt man mit Staunen ein Sittenbild der Pariser Aristokratie um 1914, wie es ein Karl Kraus nicht schärfer hätte formulieren können. Das patriotische Spektakel, ja die “Kriegsmode”, welche die Salons im Hinterland durchdringt, besiegelt für Proust den endgültigen Untergang einer kultivierten Kaste. Womit sich auch für den Autor die weitreichende Erinnerungsarbeit sinnstiftend legitimiert.

Überhaupt brilliert “Die wiedergefundene Zeit” mit zahlreichen Bonmots und erstaunlicher Selbstironie, die man seitens des im Wettlauf gegen den Tod anschreibenden Dichters kaum erwartet hätte. Nun, da die Audio-CD-Ausgabe abgeschlossen ist, geht Der Hörverlag einen Schritt weiter und bietet die Gesamtaufnahme als MP3-CD-Paket mit Bonusmaterialien im Booklet an.

Jetzt liegt es an uns, mit den in eine Lesung von 156 Stunden eingeflossenen 4.195 Seiten klug umzugehen: Womit sich die Suche nach der zu findenden (Hör-)Zeit folgerichtig vom Werk auf den Rezipienten verschiebt. Indes verfliegen im Zuge dieser unübertrefflichen Edition derart die Stunden, dass akute Suchtgefahr nicht auszuschliessen ist.

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