Baudelaire: Rausch von Dauer

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Baudelaire: Rausch von Dauer

NZZ , 1. 7. 2011

czz – Indem sie eine Kultur des Rausches prägten, prägten die “poètes maudits” Mitte des 19. Jahrhunderts eine Diätetik der Seele, in welcher die Droge als Medizin gilt, den Schmerz der Moderne zu ertragen. Mit seinen sehr treffenden – nebenbei nicht mit pragmatischem Rat geizenden – Studien der Selbsterfahrung von Haschisch und Opium publizierte Charles Baudelaire 1860 unter dem visionären Titel “Die künstlichen Paradiese “.

Als Replik auf die Krankheit am Sein des modernen Grossstädters mag der (auch musikalische) Rausch das Mittel sein, die schiere Zeit zu ertragen. Das Prosagedicht “Enivrez-vous” gibt hier das Motto an. Just dies in “Le Spleen de Paris” erschienene und in seinem Aufforderungscharakter unübersetzbare Poem durchzieht als musikalisches Leitmotiv die liebevolle Inszenierung von Teilen des “Haschisch”-Textes, welche Kai Grehn für den Bremer Rundfunk eingerichtet hat.

In kluger Kürzung und charismatischer Lesung mutet das Resultat von Selbstexperimenten als ziemlich realistisch an, damit auch Texte wie Friedrich Glausers “Le Kif vorwegnehmend. Als kleine Sensation kann die musikalische Playlist gelten, die Grehn mit Kultmusikern wie Alva Noto, Anne Clark, Nouvelle Vague oder Tuxedomoon erarbeitet hat: Sie alle instrumentieren in ihrer Manier das “Enivrez-vous”, von welchem auch eine beeindruckende Lesung Jeanne Moreaus existiert. Dem flüchtigen radiophonen Gesamtkunstwerk möge das Hörbuch berauschende Dauer verleihen.

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