Reise durch die Nacht – Célines Extrembuch als Klangkunstwerk
NZZ , Bücherherbst , 13. 10. 2008
Von Christiane Zintzen
Ferdinand Louis Célines «Reise bis ans Ende der Nacht» galt seit je als grimme Farce auf den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs. Seit der Roman allerdings in Hinrich Schmidt-Henkels integraler deutscher Übertragung vorliegt ( 2003 ), ist die Universalität des narrativen Wechselbalgs zu ermessen. Das in allen Registern radikale Sprach-Aggregat ätzt sich durch drei Kontinente, durch sämtliche sozialen Stände und psychophysischen Zustände, so dass der Eindruck entsteht, man habe eine Bibliothek und nicht etwa «nur» einen Roman gelesen.
Wie sehr der expressionistische Gestus des Ich-Erzählers Bardamu einer akustischen Realisierung entgegendrängt, hat der Bayerische Rundfunk erkannt und in ein Klangkunstwerk umgesetzt, das mit seiner konsequenten Komposition aus Stimmen, Sounds und musikalischen Motiven weit über die Grenzen eines herkömmlichen Hörspiels geht.
Mit sicherer Hand hat Michael Farin die Textur des Riesenromans so verdichtet, dass szenische Feinarbeit überhaupt erst möglich war. Ulrich Lampens klarem Regiekonzept gelingt das Kunststück, den Erzählbogen schlüssig aus dem Schlamm der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges über den korrupten Sumpf des Hinterlandes in die schwärenden Gärungen des kolonialen Afrika zu führen und von dort in den Grossstadtdschungel New Yorks und die donnernden Ford- Werke Detroits. Dem als Armenarzt in die Pariser Slums zurückgekehrten Bardamu bleibt kein Einblick in den verroht-verrottenden Körper des Kleinbürgertums erspart.
Jedem Schauplatz ein perkussives Leitmotiv ( Schaufeln von Gräben und Gräbern, Detroits Stahlhämmer ) zuordnend, verzichtet die zwischen alarmierenden Streicher-Accelerandi, dem ewigen Dreh der Musette und abstrakt-experimentellen Klängen changierende Musik auf melodische Illustration, bettet dahingegen die zersprengten Erlebnisse in das zeitliche Kontinuum der Lebensreise ein. Clou der sprachlichen Inszenierung bleibt freilich die Idee, Bardamus zwischen Erleben und Reflexion wechselnde Erzählung auf zwei Stimmen zu verteilen: Mit der Wahl der Sprecher Felix von Manteuffel ( Jahrgang 1945 ) und Florian Manteuffel ( 1973 ), dessen Sohn, folgt dem jugendlich-hysterischen Jetzt stets das tiefere Timbre des titelgebenden «Endes». Pragmatisch garantiert die ständige Stabübergabe zwischen den Stimmen, dass die Erzählung in Takt und Klang jenen scharfen Trab vorlegt, der Célines Extremwerk auszeichnet.
- Ferdinand Louis Céline : Reise bis ans Ende der Nacht , Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel – Hörspiel | Regie Ulrich Lampen , Musik zeitblom , 5 CD ( 268 Min. ) – BR | Der Hörverlag 2008 ( Audio MP3 )
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