NZZ, Phono, 6. 7. 2005
czz - «Ich sitze vor dem Radio, spiele mit Bauklötzen und höre die Vermisstensuchmeldungen des Roten Kreuzes.» - Karl-Markus Gauss ist einer jener 15 Autoren, die der ORF gebeten hat, «Radio» zu reflektieren. Die eigenmündigen Tonprotokolle der Dichter erzählen Beziehungsgeschichten. Friederike Mayröckers Zeugnis von der Einsamkeit vor dem Studio- Mikrophon zeugt ebenso von Intimität wie Marlene Streeruwitz’ Lob der parallel lauschenden Monaden. Kaum jemand unter den zwischen 1921 (Ilse Aichinger) und 1967 (Franzobel) Geborenen bleibt eine Funk-Urszene schuldig: Die frühe Desillusion, statt den «Däumlingen in der Kiste» (Milo Dor) nur schnöde Röhren vorzufinden, wird rasch vom Rausch des «Stimmenhörens» (Peter Henisch) überlagert. Per Radio strahlt Welt ins Eigenheim, das Wunschkonzert programmiert Lebensrituale. Als konspirative Kiste stärkt es Widerstand: Was den Älteren das Abhören von Feindsendern war, gilt Jüngeren als subversiver Draht zur Szene oder wird – wie bei Michael Köhlmeier – zur Zündschnur eigenen Erzählens. Für den Schriftsteller birgt das Radio doppelten «Nährwert»: Einerseits Quelle von «Wunder und Wissen» (Gauss), ist der Rundfunk anderseits vitaler Verwertungsagent. Man muss kein halbes Jahrhundert Radioarbeit hinter sich haben wie Milo Dor, um mit diesem – gegen den Trend zum Wegdudeln des literarischen Worts – auf eine «Renaissance des Hörspiels» (vielleicht via Hörbuch?) zu hoffen. «Hören Sie zu!», funkt Elfriede Jelinek, denn: «Hören ist Denken».
Dichter hören. 80 Jahre Radio (O-Ton-Lesungen). 1 CD (72 Min.). ORF 2004















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