Die zwei Leben der Nelly Sachs

Die zwei Leben der Nelly Sachs

| echt welt texte |

NZZ , 7. 1. 2011

czz – Es ist, als wäre ein Leben in zwei Teile zerrissen, als Nelly Sachs im letzten Moment – den Stellungsbefehl eines Arbeitslagers schon in der Tasche – per Flugzeug nach Stockholm entkam.

Die Nachrichten über nationalsozialistische Greueltaten liessen die Autorin ihr bisher in Berlin entstandenes neoromantisches Werk ausnahmslos verwerfen. Es ist, wie Vera Teichmanns feinfühliges Radio-Feature anhand von Gedichten offenbart, als hätte Nelly Sachs angesichts der Shoah sich einer alten Haut entledigt, um erneuert als radikalere Autorin aufzutreten.

Ein Stuhl und ein kleiner runder Tisch unter der klobigen Schreibmaschine in der Küche waren ihr Arbeitsplatz. Keinen Schreibtisch zu besitzen, entsprach ihrem Lebensgefühl der Ortlosigkeit. Anfang der fünfziger Jahre fanden die neuen, von der Shoah geprägten Gedichtbände «In den Wohnungen des Todes» (1947) und «Sternverdunkelung» (1949) in Deutschland langsam Anerkennung. Als erster deutscher Dichterin (zusammen mit Shmuel Yosef Agnon) wurde Nelly Sachs der Literaturnobelpreis zuerkannt.

Aus Zeugnissen von Zeitgenossen, dem kundigen Kommentar des Herausgebers der Werkausgabe und nicht zuletzt aus Mitschnitten von Lesungen setzt sich das Phantombild einer fragilen Dichterin zusammen. Es ist in der Tat höchste Zeit, Nelly Sachs’ brüchiger Stimme erneut Gehör zu schenken. (Das Zürcher Museum Strauhof zeigt bis zum 27. Februar eine Ausstellung zu Nelly Sachs.)

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