Dieter Wellershoff erzählt vom Krieg
czz – Wie kühl und konzis vom Kriege zu sprechen sei, stellt Dieter Wellershoff in freier Rede unter Beweis. Der heute 86-jährige Schriftsteller konfrontiert sich mit Einzelheiten des Kriegsgeschehens, wie sie der damals junge Mann während der letzten beiden Kriegsjahre erlebte.
Zunächst in Berlin stationiert, wurde der damals kaum 18 Jahre alte Soldat an die Ostfront verlegt, um dort den Stellungskrieg in all seiner Misere mitzuerleben. Die leibliche und seelische Verkommenheit in den dreckigen Gräben, oft nur wenige Meter vom «Iwan» entfernt, widerspricht aufs Grausamste jener Idealisierung des Krieges, wie sie der Knabe im Sinne männlicher Bewährung in den Versen Schillers und Hölderlins kennengelernt hatte. «Mein Horizont», sagt Wellershoff heute, «war auf das Nächste beschränkt.» In vielen detaillierten Episoden illustriert er, in welchem Masse der einfache Soldat auf den Körper und das pure Überleben zurückgeworfen war.
Die präzise Erinnerung und der betont nüchterne Blick schulden sich einer «Durcharbeitung» der Kriegserlebnisse, die Dieter Wellershoff in seinem Buch «Der Ernstfall» 1995 dokumentierte. Die wiederholte Selbstaufforderung «Schau dir das an, das ist der Krieg» belegt die vergebliche Suche nach einer übergeordneten Ratio. Der Verlust aller Werte und das Chaos, in welches das Kriegsende eine Gesellschaft von «zufällig» Überlebenden entliess, haben sich Wellershoff und seine Generation als «Stunde null» tief eingeprägt. Weitgehend chronologisch, mit einigen Vor- und erklärenden Rückgriffen, ist mit Dieter Wellershoff ein hoch agiler Berichterstatter am Wort, dessen unsentimentaler Erzählung man mit Faszination und Grauen lauscht.
- «Schau dir das an, das ist der Krieg.» Dieter Wellershoff erzählt sein Leben als Soldat, 3 CD (215 Min.), Supposé 2010
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