Eichmann revisited

Eichmann revisited

NZZ , 1. 4. 2011

czz – Vor 50 Jahren – am 11. April 1961 – begann der aufsehenerregende Prozess gegen Adolf Eichmann, dessen detaillierte logistische Planung die Judentransporte in die Konzentrationslager ermöglicht hatte. Das in Jerusalem angestrengte Verfahren klagte Eichmann u. a. des «Verbrechens gegen das jüdische Volk» und der «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» an, mithin der Beteiligung an der Ermordung von rund sechs Millionen Juden.

Zu den juristischen und ethischen Fragen eines solchen nie zuvor gekannten Prozesses äussern sich der bedeutende Denker Karl Jaspers und die ebenso kluge wie umstrittene Philosophin Hannah Arendt im Gespräch mit namhaften Publizisten. Knapp nach Beginn des Prozesses äussert sich Jaspers gegenüber dem Publizisten François Bondy, dahingegen findet das Interview von Joachim Fest mit Hannah Arendt im Jahr 1964 (also nach dem Prozess) statt.

Während Jaspers den Anklagepunkt des «Verbrechens gegen die Menschlichkeit» zum «Verbrechen gegen die Menschheit» erweitert, bezweifelt er die Zuständigkeit einer Einzelnation – hier habe «die Menschheit» zu richten. Im Kontrast zu der verhaltenen Diktion des Freundes tritt Hannah Arendt in hochenergetischem Duktus auf. Sie nutzt die Gelegenheit, um einige Streitpunkte anhand ihres – erst 1964 in deutscher Übersetzung vorliegenden – Buches «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen» zu verdeutlichen:

Die Banalität dieses Verbrechens meint nicht Alltäglichkeit in dem Sinn, dass in jedem ein Eichmann sässe, sie bezeichnet vielmehr eine spezielle Dummheit [. . .], die vom Schicksal der anderen unberührt bleibt.

Zum echten Hördokument wird dieser dichte Dialog durch die vitale Lebendigkeit, mit welcher Arendt ihre Argumente bekräftigt. Mit Aplomb schlägt sie auf den Tisch, lässt die Kaffeetassen tanzen, Zigaretten werden angezündet. In dieser Intensität ist dergleichen selten zu hören.

  • Hannah Arendt | Karl Jaspers: Eichmann – von der Banalität des Bösen, Originalaufnahmen. 1 CD (75 Min.), SWR| Quartino 2010

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