czz - Kein anderes Medium manifestiert den Wandel der Kafka- Rezeption so deutlich wie das akustische . Als sinnlichste und unmittelbarste unter den Interpretationen bleibt die Vorlesung nicht lediglich Angelegenheit von Fertigkeit und Auffassung des Sprechers , sondern transportiert jeweils auch die historische Stimmung der gerade geltenden Be- Deutung des Kafka’schen Werks .
Lag in den fünfziger bis achtziger Jahren der Fokus der Radio- und Schallplattenproduktionen auf den enigmatisch- existenzialistisch aufgefassten Kurztexten , so hat sich das Interesse in jüngerer Zeit den Romanen zugewandt . Dies dankt sich einerseits der Entwicklung von praktischen und potenten Datenträgern ( CD , MP3- CD ) , geht andererseits aber parallel einher zu dem geschärften Interesse für einen “alltäglicheren” Kafka und dessen kulturell- biographischen Horizont. Welten liegen zwischen Gustav Gründgens‘ knapp einstündiger Lesung von Schlüsselstellen aus dem “Prozess” ( 1961 , DG ) und den achteinhalb Stunden , in welchen Christian Brückners energische Komplettlesung der Figur des K. einen so überraschenden wie plausiblen Dreh ins Aufsässige und fatal Lässige gibt ( Zweitausendeins ) .
Ob als interessante Verfremdung gedacht oder als Reverenz an K.s erotisch zwielichtige “Helferinnen” : Katharina Thalbachs metallisch changierendes Timbre akzentuiert den Aspekt jener Anzüglichkeit , die den Diatriben des Gerichts zutiefst eingewirkt ist ( GoyaLit ) . Eine nicht minder erhellende Lesart bietet Peter Matics akkurat punktierte Version ( DG ) : Vermitteln Gründgens’ verschliffene Konsonanten den Eindruck des gehetzt Nervösen , lässt Matics stoische Musikalität ein wenig Altösterreich durchschimmern .
Die Produktion des rbb ist Teil der eminenten Romanedition , welche die Deutsche Grammophon den Repertoireaufnahmen ( Reihe “Wortwahl” ) zur Seite stellt : Insbesondere der Fragment gebliebene Amerika- Roman ( “Der Verschollene” ) ist in Peter Simonischeks Intonation frisch zu entdecken . Angehaucht von den leicht ländlichen Anklängen , die der Sprecher seiner Kärntner Herkunft dankt , belebt sich Kafkas lapidare Sprache durch eben jene Dialektik von Beengung und Befreiung , von welcher der Text ja auch explizit berichtet . “Das Schloss” schliesslich erscheint - getaucht in Ulrich Matthes‘ charakteristisch “hohlwangigen” Ton - als das, was es stets war : Banger Alptraum , verzweifelt fern und atembenehmend nah .
- Franz Kafka : Der Prozess - Lesung Christian Brückner , 1 MP3- CD ( 8,5 Stunden ) - SR | Zweitausendeins 2007 ( mp3 )
- Franz Kafka : Der Pozess - Lesung Katharina Thalbach , 7 CD ( 621 Min. ) - GoyaLit 2008
- Franz Kafka : Der Prozess ( Auszüge ) - Lesung Gustav Gründgens ( 1961 ) , 1 CD ( 66 Min. ) - DG | Wortwahl 2008 ( in gleicher Ausstattung : Ulrich Wildgruber liest “Das Urteil u. a. Erzählungen” , Helmut Lohner liest “Die Verwandlung” )
- Franz Kafka : Der Prozess - Lesung Peter Matic , 7 CD ( 495 Min. ) - rbb | DG 2008
- Franz Kafka : Der Verschollene - Lesung Peter Simonischek , 8 CD ( 612 Min. ) - rbb | DG 2008
- Franz Kafka : Das Schloss - Lesung Ulrich Matthes , 10 CD ( 800 Min. ) - rbb | DG 2008
- Klaus Wagenbach spricht : Kafkas Prag - 1 CD ( 53 Min. ) - Wagenbach | Der Audio Verlag 2008 ( ram )
|||















aktuellste kommentare